Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludovico Ariosto >

Rasender Roland, Band 1

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 1 - Kapitel 14
Quellenangabe
typeepos
booktitleRasender Roland, Band 1
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 1
pages456
created20150520
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zwölfter Gesang.

Roland wird in das verwünschte Schloß des Atlas gelockt (1–16). Ebenso Roger (17–22). Angelica's Ankunft in diesem Schlosse, aus welchem sie Roland, Sacripant und Ferragu entführt (23–38). Kampf zwischen Roland und Ferragu um Almonte's Helm (38–55). Angelica, von Ferragu vergeblich verfolgt, findet einen verwundeten Jüngling in ihrem Wege (56–65). Roland vernichtet zwei Heerhaufen der Saracenen (66–85) und gelangt, Angelica ferner suchend, in eine Felsenhöhle, wo er eine gefangene Königstochter trifft (86–94).

Enceladus, einer der von Zeus besiegten Giganten, der lebendig unter dem Aetna liegt. Die Strophe bezieht sich auf den Raub der Proserpina, welcher vom Pluto ausgeführt ward, als Ceres von Sicilien nach dem Idagebirge, die Cybele zu besuchen, gefahren war.  Als Ceres von idäischen Gestaden
Zurückkam in das abgelegne Thal,
Wo, mit des Aetna Bergeslast beladen,
Enceladus zerschmettert liegt vom Strahl,
Wo sie ihr Kind fern von betretnen Pfaden
Gelassen hatt', und fand, daß man es stahl,
Zerschlug sie Wang' und Brust, zerriß die lichten
Goldhaar' und rauft' aus dem Gebirg zwei Fichten
Und steckte sie am Feu'r Vulcans in Brand,
Um ew'ge Fackeln sich daraus zu machen,
Und diese tragend, ein' in jeder Hand,
Auf ihrem Wagen mit den beiden Drachen,
Durchsuchte sie Wald, Feld, Gebirge, Strand
Und Flüss' und Thäler, Wasserfäll' und Lachen
Und Erd' und Meer, und als sie so die Runde
Der Welt gemacht, fuhr sie zum Höllenschlunde. 339
Wenn Roland so an Macht wie an Begehr
Der großen Göttin von Eleusis gliche,
Durchsuchte nach Angelica auch er
Gebirg und Thal und Wald und Küstenstriche
Und Feld und Fluß und Sumpf und Erd' und Meer,
Den Himmel und die Nacht, die fürchterliche;
So aber, ohne Drachenzwiegespann,
Zieht er umher und sucht so gut er kann.
Nachdem er suchend schon durch Frankreich wallte,
Wollt' er nach Deutschland und Italien gehn,
Castilien dann, das neue wie das alte,
Und Libyen jenseits des Meeres sehn.
Indeß er dies erwog, da, horch, erschallte
In seiner Näh' ein Ton wie Hilfeflehn.
Er ritt hinzu, und ein'ge Schritte weiter
Sah er auf hohem Streitroß einen Reiter,
Der mit dem Arme vor sich auf dem Pferde
Ein gar betrübtes Fräulein fest umwand.
Sie weint' und rang mit kläglicher Geberde,
Und nach dem tapfren Fürsten von Anglant
Rief sie, ob er sie nicht erretten werde.
Der sah das schöne Mädchen an und fand,
Sie gleiche jener, die er spät und frühe
In Frankreich hat gesucht mit Angst und Mühe. 340
Ich sage nicht, es war Angelica,
Ich sage nur, sie hat ihr gleich gesehen.
Als er die angebetete nun sah
Dahingeschleppt und sah sie Hilfe flehen, –
Entflammt von Zorn und Wut gebot er da
Mit fürchterlichem Ton dem Mann zu stehen.
Zu stehn gebot er ihm mit Drohn und Schrein
Und ritt verhängten Zügels hinterdrein.
Der Dieb antwortet nicht noch macht er Halt;
Er läßt den Arm nicht von dem reichen Fange
Und fliegt mit solcher Schnelle durch den Wald,
Kein Sturmwind hielte Schritt mit solchem Gange.
Der eine flieht, der andre folgt; es hallt
Der tiefe Forst vom jammervollen Klange.
Auf eine Wiese führt der Weg hinaus,
Und auf der Wiese steht ein prächtig Haus.
Kunstvoll erbaut aus buntem Marmelstein,
Stand ein Palast dort, stolz gen Himmel ragend.
Der Reiter ritt ins goldne Thor hinein,
Den rechten Arm um die geraubte schlagend.
Bald traf auch Güldenzaum am Schloßthor ein,
Den zornigen, ergrimmten Roland tragend.
Als Roland drinnen war und um sich sah,
War weder Reitersmann noch Mädchen da. 341
Er springt vom Pferd', und wie ein Wetterstrahl
Fährt er ins Innre, wo die Zimmer liegen.
Bald rennt er hier, bald rennt er dort, – kein Saal,
Kein Raum, den seine Blicke nicht durchfliegen.
Er hat das Erdgeschoß zum dritten Mal
Umsonst durchsucht, dreimal die Trepp' erstiegen;
Gleichviel ob er hinabsteigt, ob hinauf,
Verloren ist die Zeit, umsonst der Lauf.
10  Von Seid' und Gold sieht er die Betten prangen,
Doch Wand und Mauer sieht er nirgendwo;
Die sind von reichen Teppichen verhangen,
Und auch die Flur verbirgt sich ebenso.
Treppauf treppab rennt er in Sorg' und Bangen,
Doch nimmer werden seine Augen froh,
Angelica und jenen Dieb zu schauen,
Der ihm entführt die reizendste der Frauen.
11  Und wie er hin und herlief ohne Ruh,
Ohn' eine Spur der beiden zu entdecken,
Stieß er auf Brandimart und Ferragu,
Gradasso, Sacripant und andre Recken;
Die rannten wie er selber ab und zu
Und suchten auch wie er in allen Ecken,
Und alle fluchten auf den unsichtbaren
Tückischen Herrn des Schlosses, wo sie waren. 342
12  Sie alle suchten ihn, ein jeder zieh
Des Diebstahls ihn; der war voll Gift und Galle,
Weil ihm sein Schatz geraubt war, jener schrie,
Entwandt sei ihm sein bestes Pferd im Stalle,
Und andre andres. Und so blieben sie,
Den Weg nicht kennend aus der Mausefalle,
Und mancher war, auf solche Art genärrt,
Seit Wochen, Monden schon hier eingesperrt.
13  Nachdem der Graf in atemloser Eile
Viermal und sechsmal durch das Schloß gerannt,
Sprach er bei sich: indeß ich hier verweile,
Ist Müh und Zeit vielleicht umsonst verwandt.
Vielleicht hat jener Dieb sie mittlerweile
Auf andrem Weg entführt, weit über Land.
So redend trat er auf die grüne Matte,
Auf der man den Palast errichtet hatte.
14  Und unten angelangt am Fuß der Stufen,
Umgeht er den Palast, das Haupt gebückt
Und spähend, ob sich eine Spur von Hufen
Im Erdreich zeige, frisch hineingedrückt.
Da hört er sich aus einem Fenster rufen.
Er schaut empor: den Ton, der ihn entzückt,
Glaubt er zu hören, das Gesicht zu sehen,
Das ihn verhext vom Kopf bis zu den Zehen. 343
15  Er hört Angelica aus voller Kehle
Um Hilfe rufen: »Herr, zu mir, zu mir!
Die Rettung meiner Mädchenehr' empfehle
Ich mehr als meine Seel' und Leben dir.
Wär's möglich, daß der Räuber sie mir stehle
Und mein geliebter Roland wäre hier?
O daß du mit dem Schwert mich niederstießest,
Eh du in solcher Schmach mich stecken ließest!«
16  Die Worte treiben ihn in den Palast.
Nochmals und nochmals rennt er durch die Zimmer
Mit vieler Müh und Unruh, doch die Last
Wird jetzt ihm leichter durch den Hoffnungsschimmer,
Oft bleibt er stehn und horcht, trotz aller Hast;
Die Stimm' Angelica's hört er noch immer,
Doch wenn er dort ist, tönt sie anderswo
Und fleht um Hilf', und er entdeckt nicht wo.
17  Doch jetzt zu Rogern: wir verließen ihn
Auf dunklem Waldespfad im hurt'gen Rennen;
Wir sahn den Riesen mit dem Fräulein fliehn
Und langten an, wo Wies' und Wald sich trennen.
Er kam dort an, wo schon der Paladin
Eintrat vor ihm; den Ort sollt' ich doch kennen.
Der große Riese läuft in den Palast,
Und Roger folgt und macht nicht lange Rast. 344
18  Sobald er drin im Thor ist, bleibt er stehn
Und schaut den großen Hof, die Säulengänge.
Kein Riese läßt sich, auch kein Fräulein, sehn,
So scharf er ausspäht in die Breit' und Länge.
Nun fängt er an treppauf treppab zu gehn,
Doch nie erreicht er, was er gern erränge,
Und unbegreiflich ist ihm, wie im Nu
Der Räuber sich verbarg und sie dazu.
19  Viermal und fünfmal, jene zu entdecken,
Rennt er durch Kammer, Saal und Galerie,
Fängt dann von neuem an, in allen Ecken,
Selbst unterhalb der Treppe, sucht er sie.
Nun fällt ihm ein, ob sie im Walde stecken?
So läuft er hin; doch eine Stimme, wie
Sie Roland rief, ertönt auch seinem Ohre
Und führt auch ihn zurück zum Schlossesthore.
20  Dieselbe Stimm' und nämliche Person,
Die Roland als Angelica erkannte,
Schien ihm die Tochter Haimons, die ihn schon
Beim ersten Anblick aus ihm selbst verbannte.
Vernahm Gradasso dieser Stimme Ton,
Und wer noch sonst durch die Gemächer rannte,
So hörte jeder das und nahm es wahr,
Was ihm in aller Welt das liebste war. 345
21  Dies war ein seltnes Zauberstück des alten
Beschwörers Atlas, um durch Trug und Schein
Solange seinen Roger festzuhalten
In dieser Arbeit, dieser süßen Pein,
Solang' die feindlichen Gestirne walten,
Gestirne, die ihn frühem Tode weihn.
Nachdem sein stählern Schloß sich schwach erwiesen
Und auch Alcina's Trug, versucht' er diesen.
22  Nicht Roger bloß, von Heiden auch und Christen
Die tapfersten, die man in Frankreich fand,
Sucht er durch diesen Trug zu überlisten,
Damit nicht Roger stirbt durch ihre Hand.
Damit sie aber Speise nicht vermißten,
Dieweil er sie in seine Kreise bannt,
War er bedacht das Schloß so auszustatten,
Daß Frau'n und Ritter nicht zu klagen hatten.
23  Doch jetzt gedenken wir Angelica's.
Sie hatte mit dem wunderbaren Ringe,
Der andre blind zu machen Kraft besaß
Und Schutz ihr bot vor jeder Zauberschlinge,
Die Bergesgrott' erreicht, woselbst sie aß
Und Kleidung, Pferd und andre nöt'ge Dinge
Gefunden hatt' und sich entschloß sogleich
Nach Indien zu entfliehn ins alte Reich. 346
24  Sie wünschte Roland oder Sacripant
Sich zum Geleit; nicht weil sie für die beiden
Mehr Lieb' als für die andern Herrn empfand,
(Sie blieb so taub wie je für ihre Leiden,)
Doch waren auf dem Weg ins Morgenland
Viel Städt' und Burgen schwerlich zu vermeiden;
Da that ein Führer not, ein guter Ritter,
Und treuer als die beiden war kein dritter.
25  Lang' suchte sie nach beiden hin und her,
Bevor sie irgendwelche Spur entdeckte,
In Städten und in Dörfern, an dem Meer,
Im Wald' und wo sich sonst ein Weg erstreckte.
So kam sie an den Ort von ungefähr,
Wo Roger, wo auch der Circassier steckte,
Gradasso, Roger, Ferragu mit vielen,
Die Atlas festhielt mit den Gaukelspielen.
26  Da tritt sie ein, durch ihren Ring geborgen,
Und schaut sich um, vom Zaubrer ungesehn.
Sie sieht, wie beide Herrn in tiefen Sorgen,
Um sie zu suchen, auf und niedergehn,
Sie sieht den Atlas ihre Züge borgen
Und diesen bald, bald jenen hintergehn.
Wen sie nun wählen solle von den beiden,
Erwägt sie lang' und kann sich nicht entscheiden. 347
27  Wer besser wäre, sieht sie nicht recht ein,
Ob Roland, ob der König von Circassen.
Aus Not und aus Gefahr sie zu befrein,
Dazu wird freilich Roland besser passen;
Doch ist er Führer, wird er Herscher sein
Und wird hernach nur schwer sich ducken lassen,
Wenn seiner satt sie ihn aus ihrer Nähe
Fortschicken möcht' und gern ihn kleiner sähe.
28  Den andern schickt sie fort zu jeder Stunde,
Hätte sie ihn auch himmelhoch gestellt.
So wählt sie sein Geleit aus diesem Grunde
Und will ihm traulich schön thun und gesellt
Sich zu ihm, nimmt den Ring aus ihrem Munde,
So daß von seinem Blick der Schleier fällt.
Sie will nur ihm sich zeigen, Ferragu
Und Roland aber finden sich herzu.
29  Graf Roland kam mit Ferragu herbei,
Denn einer wie der andre sucht' und rannte
Treppauf treppab durch Säl' und Zimmerreih
Nach ihr, die jeder seine Göttin nannte.
Jetzt rannten sie zum Fräulein alle drei,
Sobald ihr Aug', entzaubert, sie erkannte;
Der Ring, den sie an ihre Hand gethan,
Macht' einen Querstrich durch des Zaubrers Plan. 348
30  In Helm und Harnisch kamen, wie zum Streit,
Zwei dieser Krieger, die ich hier besinge;
Sie hatten nie entwaffnet all die Zeit,
Seitdem sie Atlas fing in seiner Schlinge.
Das war für sie als trügen sie ein Kleid,
So oft gebrauchten sie dergleichen Dinge.
Auch Ferragu trug Stahl an Brust und Beinen,
Doch hatt' er keinen Helm und wollte keinen,
31  Der Bruder des Trojan ist Almonte, dessen Helm Roland erbeutet hatte.  Als jenen, den Roland der Paladin
Dem Bruder des Trojan im Kampfe raubte.
Er schwor's, als Argalia ihm erschien
Und ihm den Helm zu finden nicht erlaubte.
Hier traf er Roland nun, sah täglich ihn,
Doch nie vergriff er sich an Rolands Haupte;
Denn keiner konnte je die andre Schar
Erkennen, während er im Schlosse war.
32  Der Ort ist so behext, daß sie sich sehn,
Doch nicht erkennen, und sie müssen immer
Im Harnisch, mit dem Schwert umgürtet gehn,
Und selbst der Schild trennt sich vom Arme nimmer.
Die Pferde mittlerweil, gesattelt, stehn
Mit ausgehängtem Zaum in einem Zimmer,
Das neben dem Portal am Hofe vorn
Stets wohl versehen war mit Stroh und Korn. 349
33  Nun Atlas sie nicht halten konnte, schwangen
Die Krieger sich aufs Pferd, und ganz erpicht
Verfolgten sie die rosenroten Wangen,
Das goldne Haar, die Augen schwarz und licht
Des Mädchens, das in voller Flucht zum langen
Galopp die Stute trieb; sie wollte nicht,
Daß drei Verliebt' auf einmal mit ihr kämen;
Sie wird vielleicht sie nach einander nehmen.
34  Als sie die Ritter weit genug vom Schlosse
Hinweggeführt und sah, daß Atlas nun
Sie schwerlich noch mit seiner Zauberposse
Betrügen könn' und ihnen Schaden thun,
Da mußt' ihr Ring, ihr Helfer und Genosse,
Verschlossen hinter Rosenlippen ruhn,
Und plötzlich war sie wie verweht vom Winde
Und ließ die Ritter stehn, wie dumme Blinde.
35  Denn ob sie schon anfänglich wünscht' und wollte,
Daß Roland oder König Sacripant
Sie in das Reich zurückbegleiten sollte
Zum Galafron im fernsten Morgenland,
Jetzt war sie plötzlich ihnen gram und schmollte
Und hatt' im Augenblick den Sinn gewandt;
Sie wollte, ohne mehr sich zu verpflichten,
Mit ihrem Ring auf beide Herrn verzichten. 350
36  Die drei gefoppten ziehn mit langer Nase
Bald hierhin und bald dorthin durch den Wald,
Dem Hunde gleich, wann Fuchs ihm oder Hase
Verloren geht, der schon ihm sicher galt
Und plötzlich sich wegduckt im dichten Grase,
Im Graben oder einem schmalen Spalt.
Angelica mit schadenfrohem Lachen
Schaut ungesehn, wie es die Ritter machen.
37  Nur eine Straße führt durchs Waldgehege.
Die Ritter denken, daß die Dame vorn
Vor ihnen reiten muß auf diesem Wege,
Denn keiner sonst führt durch Gebüsch und Dorn.
Roland ist schnell und Ferragu nicht träge,
Nicht weniger braucht Sacripant den Sporn.
Angelica, den Zügel mittlerweile
Anhaltend, folgt den drei'n mit mindrer Eile.
38  Als sie anlangten, wo der Weg nicht weiter
Zu führen schien und sich verlor im Tann
Und nun im Grase jeder der drei Reiter
Nach einer Spur sich umzuschaun begann,
Rief Ferragu, dem in der Welt kein zweiter
Den Preis des Stolzes streitig machen kann,
Er rief mit einem Blick voll bösen Grolles
Den beiden andern zu: »He, wohin soll es? 351
39  »Wenn ihr nicht wollt, daß ich euch niederschlage,
Macht fort und sucht euch anderes Revier.
Da wo ich lieb' und meine Dame jage,
Da duld' ich nicht Gesellschaft neben mir.«
Drauf sprach der Graf zu Sacripant: »Ich frage,
Was könnt' er mehr noch sagen, wären wir
Die feigsten, ruppigsten Gevatterinnen,
Die von der Kunkel ihre Wolle spinnen?«
40  Sodann zum Ferragu: »Du grober Wicht,
Ich sehe leider dich des Helms entbehren!
Sonst würd' ich, wie man schweigt und wie man spricht,
Hier ohne weitern Aufschub dich belehren.«
Darauf der Spanier: »Drückt's mich selber nicht,
So brauchst auch du daran dich nicht zu kehren.
Ich, gegen zwei, verfecht' es und behaupt' es,
Was ich gesagt hab', unbehelmten Hauptes.«
41  »Thu' mir die Lieb' ihm deinen Helm zu leihen,«
Sprach zum Circassierkönig jetzt der Graf,
»Bis wir von seiner Narrheit ihn befreien,
Dergleichen ich bei keinem andern traf.«
Der König drauf: »Wer wäre von uns dreien
Der größte Narr? ist, was du forderst, brav,
So leih ihm deinen doch: als Narrenzücht'ger
Bin ich so gut wie du, vielleicht noch tücht'ger.« 352
42  Hier fiel ihm Ferragu ins Wort: »Ihr Thoren,
Wünscht' ich mit einem Helm mich zu versehn,
Ihr hättet wahrlich eure schon verloren,
Und wider euren Willen wär's geschehn.
Erfahrt denn: weil ich einen Eid geschworen,
Ging ich und werd' ich Helmes ledig gehn,
Bis ich mir jenen seinen, welchen heute
Roland auf seinem Kopfe trägt, erbeute.«
43  »Ei,« lachte Roland, »denkst du so verwegen,
Mit bloßem Kopf dem Roland anzuthun,
Was einst bei Aspramonte Rolands Degen
Dem Sohn des Agolant anthat? Je nun,
Ich glaubte, sähest du ihn hier zugegen,
Du würdest zittern, Freund, in deinen Schuhn.
Den Helm zu fordern würdest du vergessen
Und gäbest deine Rüstung ihm statt dessen.«
44  Der prahlerische Spanier rief: »Der Franke
War schon unzähl'ge Mal' in meiner Macht;
Nicht bloß den Helm, leicht hätt' ich alles blanke,
Was er am Leibe trug, an mich gebracht.
Und wenn ich es nicht that, – nun ein Gedanke
Kömmt oft, an den man Anfangs nicht gedacht;
Ich war nicht aufgelegt. Jetzt aber bin ich's,
Und dieses Spiel, ich hoffe, leicht gewinn' ich's.« 353
45  Jetzt ließ den Grafen die Geduld im Stiche.
»Aufschneider! (rief er) schnöder Fabulant!
Um welche Zeit, in welchem Himmelsstriche
Bezwangst du mich, die Waffen in der Hand?
Der Graf, von dem du prahlst, daß er dir wiche,
Ich bin's; du ahntest nicht, wer vor dir stand.
Komm her und nimm den Helm dir oder leide,
Daß ich des andern Rüstzeugs dich entkleide.
46  Der Sohn des Agolant ist wiederum Almonte.  »Und jedes Vortheils will ich mich begeben.«
So macht' er seinen Helm vom Kopfe los
Und hängt' ihn an ein Dorngebüsch daneben,
Und fast zugleich war Durindane bloß.
Der Spanier fing deshalb nicht an zu beben;
Er zog das Schwert, und um vor Hieb und Stoß
Sein nacktes Haupt zu schützen, hielt er Degen
Und Schild dem Gegner kunstgerecht entgegen.
47  Nun ließen sie die Rosse wunderbar
Im Kreis sich tummeln, hin und wider springen,
Und zielten dahin, wo die Fuge war
Und dünnres Eisen, mit den Eisenklingen.
Auf Erden gab's kein andres solches Paar,
Das so die Wage hielt in allen Dingen,
So gleich an Stärke, gleich an Tapferkeit,
Und beide waren hiebfest und gefeit. 354
48  Denn Ferragu, wie ihr euch wohl entsinnt,
War ganz gefeit, nur da nicht, vorn am Leibe,
Wo seine erste Nahrung jedes Kind
Empfängt, eh es geboren wird vom Weibe,
Und bis des Grabes finstre Scholle blind
Sein Antlitz machte, trug er eine Scheibe
Von sieben Platten, eine feingestählte,
Stets an der Stelle, wo der Zauber fehlte.
49  Desgleichen war auch Roland von Anglante
Bis auf den einen Punkt gefeit und fest,
Auf dessen Schutz er allen Fleiß verwandte,
Die Sohlen unterm Fuß. Der ganze Rest
Glich bei den beiden hartem Diamante,
(Wenn das Gerücht sich nichts aufbinden läßt,)
Und mehr zum Schmuck als aus Bedürfniß trugen
Sie Rüstung, wann sie sich mit Gegnern schlugen.
50  Grausamer wird der Kampf und wild und bitter,
Entsetzlich anzuschaun und grauenhaft.
Bald haut, bald wieder stößt der Mohrenritter,
Und jeder Streich kömmt mit der vollen Kraft.
Wo Roland trifft, da fliegt der Stahl in Splitter,
Das Panzerhemd zerbricht und birst und klafft.
Angelica allein, als ungesehne
Zuschauerin, sieht die gewalt'ge Scene. 355
51  Denn Sacripant, der die verschwundne nah
Im Walde glaubt' und so in heißem Streite
Roland und Ferragu verbissen sah,
War weiter fortgeritten nach der Seite,
Nach welcher, wie er dacht', Angelica,
Seitdem sie seinem Blick entschwunden, reite,
So daß als einz'ge Zeugin unsichtbar
Die Tochter Galafrons zugegen war.
52  Sie schaut ein Weilchen zu, wie Christ und Heide
Grausam und furchtbar sich zu Leibe gehn,
Und da es ihr vorkömmt, als ob für beide
Die Sachen gleich und gleich gefährlich stehn,
Will lüstern sie nach neuer Augenweide
Den Helm wegnehmen, um einmal zu sehn,
Was wohl die Krieger, wann sie's merken, treiben,
Und nicht um im Besitz des Helms zu bleiben.
53  Der Graf soll ihn hernach zurückerhalten;
Sie will nur ihren Spaß für kurze Zeit.
Sie nimmt den Helm in ihres Rockes Falten,
Betrachtet sich ein Weilchen noch den Streit
Und reitet, ohne Reden erst zu halten,
Von dannen, und sie ist schon ziemlich weit,
Eh einer von den Kämpfern Unrat wittert;
So hitzig ist der Streit und so erbittert. 356
54  Doch Ferragu, der nach dem Baum geschielt,
Reißt sich von Roland los und ruft voll Schrecken;
»Der andre Ritter, der sich zu uns hielt,
Hat uns behandelt wie einfält'ge Gecken.
Wenn er den schönen Helm inzwischen stiehlt,
Wo bleibt der Preis, des Siegers Haupt zu decken?«
Auch Roland fährt zurück, blickt nach dem Dorn
Und sieht den Helm nicht mehr und flammt vor Zorn
55  Und stimmt der Meinung seines Gegners zu,
Der Ritter wolle mit dem Helm entweichen,
Der sie begleitet hat. Er schwenkt im Nu
Und drückt die Sporen in des Rosses Weichen.
Wie er den Kampf aufgiebt, folgt Ferragu
Ihm nach, und als sie dann die Stell' erreichen,
Wo des Circassers und des Fräuleins Spur
Noch frisch sich ausprägt in der Rasenflur,
56  Folgt Roland linker Hand in hast'ger Eile
Der Straß' ins Thal, der Spur des Sacripant.
Der Spanier wählt den Berg hinan die steile,
Wo er die Spur Angelica's erkannt.
Angelica gelangte mittlerweile
An eine schatt'ge Quell' im schönen Land,
Die jedem scheint zu kühler Rast zu winken
Und keinen ziehen läßt ohn' erst zu trinken. 357
57  Hier macht das Fräulein Halt an klarer Welle;
Hier, denkt sie, hole sie kein Ritter ein,
Und weil der Zauberring sie sicher stelle,
So brauche sie in keiner Angst zu sein.
Kaum steht sie an dem grünen Saum der Quelle,
Steckt sie den Helm an einen Ast im Hain
Und sucht in dem Gehölz die kühlste Stätte
Für ihren Gaul, wo er zu fressen hätte.
58  Der Spanier aber, welcher Schritt für Schritt
Der Spur gefolgt war, kam ihr ins Gehege.
Kaum sah sie ihn, wie er zur Quelle ritt,
Verschwand sie ihm und gab der Stute Schläge.
In ihrer Hast nahm sie den Helm nicht mit,
Der war ins Gras gefallen weit vom Wege.
Sobald der Mohr die Schöne wahrgenommen,
War er voll Freuden auf sie zugekommen.
59  Macon und Trivigant, Götter der Saracenen, nach dem irrigen Glauben der mittelalterlichen Schriftsteller.  Sie aber, wie ich schon gesagt, verschwand,
Wie Traumgebilde mit dem Schlaf vergehen.
Wohl irrt er suchend durch das wald'ge Land,
Die armen Augen können sie nicht sehen.
Da lästert er Macon und Trivigant
Und alle Herrn und Meister der Moschee'en
Und wendet sich zurück zum Quellensaum,
Und siehe, Rolands Helm liegt an dem Baum. 358
60  Sobald er ihn erblickt, erkennt er ihn;
Denn eine Schrift am Rande thut zu wissen,
Wo diesen Helm Roland der Paladin
Und wann und wie und wem er ihn entrissen.
Er eilt ihn über Kopf und Hals zu ziehn;
Denn trotz des Schmerzes mag er ihn nicht missen,
Trotz seines Schmerzes wegen der entflohnen,
Die ihm verschwand wie nächt'ge Visionen,
61  Als er den guten Helm nun festgeschnallt,
Fand er, daß es zum vollen Glücksbesitze
Nur noch Angelica zu finden galt,
Die stets nur flüchtig ihm erschien wie Blitze.
So sucht' er denn nach ihr durch Busch und Wald,
Doch als er fertig war mit seinem Witze
Und jede Hoffnung ihn im Stiche ließ,
Kehrt' er zurück ins Lager vor Paris.
62  Und wollte nun der heiße Schmerz ihn plagen,
Daß er die angebetete verlor,
So war es Kühlung ihm den Helm zu tragen,
Den Roland sonst besaß, wie er es schwor.
Als Roland hörte, wie die Sachen lagen,
Ward lange Zeit von ihm gesucht der Mohr;
Doch löst' er nimmer ihm den Helm vom Haupte,
Bis vor zwei Brücken er sein Leben raubte. 359
63  Angelica, allein und unsichtbar,
Zog ihres Wegs; doch war ihr recht beklommen.
Sie schmerzt der Helm, den sie in der Gefahr
Im Stich gelassen. »Weil ich unternommen,
(Sprach sie bei sich) was meines Amts nicht war,
Ist nun der Graf um seinen Helm gekommen.
Vortrefflich lohn' ich ihm gleich im Beginn
Für alles das, was ich ihm schuldig bin.
64  »In guter Absicht, wie der Himmel weiß,
(Obwohl nun schlimme Folgen draus entspringen,)
Nahm ich den Helm: den Kampf, so wild und heiß,
Wollt' ich auf diese Art zum Stillstand bringen
Und nicht dem garst'gen Spanier diesen Preis,
Nach dem er so begierig war, erringen.«
So ritt sie fort und warf sich's klagend vor,
Daß Roland seinen Helm durch sie verlor.
65  Mismutig, zürnend wählte sie sodann
Ostwärts die besten Straßen, die sich boten.
Meist reiste sie verborgen, dann und wann
Auch öffentlich, wo keine Feinde drohten.
Nach langer Fahrt kam sie in einen Tann,
Und sieh, am Boden, zwischen zwei schon todten
Gefährten lag ein Knabe, bleich genug,
Der eine tiefe Wund' im Busen trug. 360
66  Jetzt aber lass' ich sie vorerst in Ruh,
Denn vielerlei hab' ich noch vorzubringen,
Und auch von Sacripant und Ferragu
Werd' ich für eine Weile nicht mehr singen;
Denn Roland von Anglante ruft mir zu,
Daß ich erzählen soll von andren Dingen,
Wie großes Leid und Drangsal er bestand
In jener Sehnsucht, die ihr Ziel nicht fand.
67  Kaum war er in die nächste Stadt gekommen,
Hatt' er, um unerkannt des Wegs zu ziehn,
Sich einen neuen Eisenhut genommen,
Ohn' erst zu prüfen, ob er haltbar schien.
Ihm konnt' er nicht viel schaden, nicht viel frommen,
Wie er auch war; denn Zauber schirmten ihn.
Also verkappt nun sucht' er allerwegen
Bei Tag und Nacht, bei Sonnenschein und Regen.
68  Die Stunde war's, wo feucht von Thaues Glanz
Apolls Gespann emporsteigt aus den Wogen;
Aurora streute Blumen, Kranz um Kranz,
Purpurn und golden aus am Himmelsbogen;
Die Sterne hatten, müde schon vom Tanz,
Zum Heimgehn ihre Schleier angezogen,
Als Roland auf dem Wege nach Paris
Ein Zeugniß hoher Kraft ausgehen ließ. 361
69  Norizien und Tremisen sind mehr oder minder fabelhafte Königreiche in Afrika.  Er traf auf zwei Geschwader; Manilarte
Führt' ihrer eins, der greise Saracen,
Noriziens König, jetzt mit grauem Barte
Im Rat, wie einst im Feld, hochangesehn.
Der andre Haufe folgte der Standarte
Des Königs aus dem Lande Tremisen,
Den sie daheim den besten Ritter nannten;
Er hieß Alzird bei denen, die ihn kannten.
70  Die hatten mit dem andern Mohrenheer
Den Winter über vor Paris gelegen,
In Dörfern und in Schlössern rings umher,
Die einen näher, andre mehr entlegen.
Denn Agramant, erkennend daß nur schwer
Paris zu stürmen sei mit Lanz' und Degen,
Entschloß sich zur Belagerung zuletzt,
Nachdem er ihm vergeblich zugesetzt.
71  Und Mannschaft war dazu genug vorhanden;
Nicht nur die eignen Völker hatt' er hier
Und jene, die sich bei Marsil befanden,
Geschart um Spaniens königlich Panier;
In Frankreich auch warb er noch Söldnerbanden.
Denn von Paris bis Arles' Stromrevier
Beherscht' er alles Land und auch im Westen
Schon die Gascogne, bis auf wen'ge Vesten. 362
72  Jetzt, wo die flücht'gen Bäche wieder rannen
Und kaltes Eis zu lauer Flut zerschmolz,
Wo frisch zu grünen Wies' und Feld begannen
Und zart sich zu belauben Busch und Holz,
Berief der König alle seine Mannen,
Die ihm gefolgt mit siegsgewissem Stolz,
Heerschau zu halten über Volk und Waffen,
Und wo es fehlte, wollt' er Wandel schaffen.
73  Jetzt kamen beide Könige daher,
Alzird und Manilart, der Heerschau wegen,
Um zeitig dort zu sein, wo jedes Heer,
Gut oder schlecht, hat Rechnung abzulegen.
Roland inzwischen kam von ungefähr
Den beiden, wie ich schon gesagt, entgegen,
Nach jener suchend, wie er immer that,
Die ihn in Amors Joch gefesselt hat.
74  Als nun Alzird den Paladin gewahrt,
Dem keiner gleicht im Kreis der Paladine,
So stolzen Hauptes, in so mächt'ger Fahrt,
Daß neben ihm der Kriegsgott zweiter schiene,
Stutzt er erstaunt ob der gewalt'gen Art,
Des grimmen Blicks, der unheildroh'nden Miene,
Und denkt, der ist ein Held von hohem Rang,
Und hätt' ihn gern erprobt im Waffengang. 363
75  Jung war Alzird und seine Keckheit groß,
Und seine Stärke war berühmt im Heere.
Er sprengt heran und läßt die Zügel los, –
Wohl ihm, wenn er zurückgeblieben wäre!
Denn Roland wirft ihn beim Zusammenstoß
Zu Boden und durchbohrt ihn mit dem Speere.
Das Roß entflieht, als liehe Furcht ihm Flügel,
Und keiner sitzt darauf und lenkt die Zügel.
76  Ein Schrei erhebt sich, schauerlich und brausend,
Daß rings die Lüfte beben und die Au'n,
Als sie den Jüngling stürzen sehn und grausend
Den Blutstrom aus so breiter Wunde schau'n.
Wutschnaubend kömmt der Haufe, kommen tausend
Und stechen auf den Grafen los und hau'n,
Und dichter regnen noch, wie Sturmgewitter,
Beschwingte Bolzen auf die Zier der Ritter.
77  Wie borst'ge Herden in wahnsinn'ger Flucht
Lärmend über Gefild' und Halde fliegen,
Sei's weil ein Wolf aufspringend aus der Schlucht,
Sei's weil ein Bär, der vom Gebirg gestiegen,
Ein Schweinchen hat gepackt von jüngster Zucht,
Und grunzend, kreischend hört man es erliegen, –
So stürmen die Barbaren jetzt heran
Auf Roland ein und brüllen: drauf und dran! 364
78  Lanzen und Pfeil' und Schwerter, ihrer tausend,
Fing schon sein Harnisch auf, sein Schild noch mehr;
Bald traf im Rücken eine Keul' ihn sausend,
Bald stürmten sie von vorn und bald verquer.
Er aber, nie im Herzen Furcht behausend,
Schätzt all die Waffen, all den Troß so sehr,
Wie Nachts im Stalle, wann die Hirten schlafen,
Der Wolf sich fürchtet vor zu vielen Schafen.
79  Nackt in der Faust blitzt der berühmte Degen,
Vor dem so viele Heiden schon erblaßt.
Wer also von der Zahl, die ihm erlegen,
Buch führen wollte, hätte seine Last.
Rot schwimmt von Blut die Heerstraß' allerwegen,
Die kaum die Menge der erschlagnen faßt;
Denn weder Tartschen noch Sturmhauben nützen,
Vor Durindanens Mordbegier zu schützen,
80  Noch Kleider voll Baumwolle, noch die Falten
Des Tuchs, das hundertfach den Kopf umwand.
Nicht Wehgeschrei nur fliegt, es fliegt gespalten
Auch Arm und Bein und Schädel übers Land.
In vielen, immer gräßlichen Gestalten
Durcheilt der Tod die Flur, von Gier entbrannt:
Mehr schafft in Rolands Faust, denkt er verwundert,
Die Durindan' als meiner Sicheln hundert. 365
81  Denn Schlag auf Schlag sieht man die Hiebe zucken,
Und alles flieht vor Rolands Angesicht.
Erst kamen sie, im Wahn ihn zu verschlucken,
Weil er allein war, schnell, auf Kampf erpicht;
Jetzt wartet keiner, um sich wegzuducken,
Auf seinen Freund, Gesellschaft sucht man nicht;
Man läuft zu Fuß, man spornt sein Pferd aufs Blut,
Und keiner fragt, ist auch die Straße gut?
82  Die Tugend mit dem Spiegel schritt heran,
Der uns die Seele zeigt mit jeder Falte;
Nur einer sah hinein, ein alter Mann,
Dem kühl das Blut, doch heiß das Herz noch wallte.
Tod schien ihm besser, als wenn schimpflich man
Durch feige Flucht am Leben sich erhalte.
Das war Noriziens König, und deswegen
Jagt' er dem Paladin die Lanz' entgegen
83  Und brach sie an dem Schilde, vorn am Bug,
Des mächt'gen Grafen, der danach nichts fragte.
Das nackte Schwert hatt' er bereit und schlug
Nach Manilart, als er vorüber jagte.
Zum Glücke drehte sich in seinem Flug
Der mörderische Stahl, der Hieb versagte,
(Man schlägt nicht immer richtig nach der Schnur,)
Doch warf er ihn vom Sattel auf die Flur. 366
84  Bewußtlos fällt der Greis, die Augen schließend,
Und Roland sprengt, ohn' umzuschaun, vorbei,
Die andern köpfend, spaltend, hauend, spießend,
Ein jeder denkt, daß er der nächste sei.
Wie durch die Luft nach allen Seiten schießend
Die Staare fliehn vor dem verwegnen Weih,
So aus einander stiebt die scheue Herde
Und stürzt und rennt und duckt sich an die Erde.
85  Nicht eher feierte der blut'ge Degen,
Als leer war von lebendigen das Land.
Der Graf steht zweifelnd vor verschiednen Wegen,
Und doch ist ihm die Gegend wohlbekannt.
Mag er sich rechts, mag er sich links bewegen,
Die Seele bleibt vom Weg doch abgewandt;
Stets bangt ihm, daß er suche, wo die theure
Nicht sei, und er in falscher Richtung steure.
86  Glanz, der »die Flügel schlägt,« ist eine ariostische Wendung, die auch den Italienern ungewöhnlich klingt. Das Flattern und Fliegen des Lichtscheins wird als Wirkung eines Flügelschlags gedacht.  So zieht er hin und her durch Feld und Wald
Und läßt nicht ab zu forschen und zu fragen,
Und wie er sich verlor, verliert er bald
Den Weg, und eine Bergwand sieht er ragen
Und sieht bei Nacht aus einem Felsenspalt
Von fernher einen Glanz die Flügel schlagen.
Neugierig nähert Roland sich dem Berge,
Ob dort vielleicht Angelica sich berge. 367
87  Wie im Gehölz, wo die Wachholdern stehn,
Und in den Stoppeln außer dem Gehege,
Wenn wir den armen Hasen jagen gehn
Durch tiefe Furchen und durch böse Wege,
Wie dann wir jeden Busch und Strauch besehn,
Weil's möglich wär', daß er darunter läge,
So schmerzlich sucht nach seinem Schatz und reitet
Der Graf dahin, wohin die Hoffnung leitet.
88  Dem Schimmer folgend spornt der Graf sein Roß
Dorthin, wo in die Waldung sich die Helle
Aus engem Luftloch jenes Bergs ergoß.
Und in dem Berg lag eine Grottenzelle,
Den ersten Zugang aber vorn verschloß
Weidicht und Dorn wie Mauerwerk und Wälle,
Zum sicheren Versteck für die dadrinnen
Vor Leuten, die auf Raub und Unheil sinnen.
89  Bei Tag entdeckte keiner dieses Nest,
Nachts aber schien der Lichtstrahl in die Runde.
Wohl ahnt der Graf, was hier sich finden läßt,
Gleichwohl begehrt er zuverläss'ge Kunde.
Er bindet Güldenzaum im Walde fest
Und naht sich leise dem versteckten Schlunde,
Und durch die dichten Zweig' in jene Thüre
Tritt er, und ruft nicht erst, daß man ihn führe. 368
90  Gar viele Stufen senkt die Gruft sich ein,
Darin sie die lebendigen begraben.
Geräumig ist die Höhlung im Gestein,
Das scharfe Meißel ausgerundet haben.
Auch fehlt nicht ganz und gar der Tagesschein,
Dem zwar die Stufen wenig Zutritt gaben,
Jedoch ein Fenster, das zur rechten Hand
In einem Loch ist, läßt ihn durch die Wand.
91  Hier, mitten in der Höhl' am Feuer saß
Ein Mädchen, reizend wie nur irgend eine.
Kaum funfzehnjährig war sie, das ermaß
Der Graf sofort beim ersten Augenscheine.
Sie war so schön, daß man den Ort vergaß;
Zum Paradies schuf sie die rauhen Steine,
Obwohl die Thränen ihre Augen füllten,
Die Zeichen, die ein traurig Herz enthüllten.
92  Ein altes Weib saß bei ihr, und sie stritten,
Wie es gebräuchlich unter Weibern ist.
Kaum aber kam der Graf herabgeschritten,
So endigten alsbald Gespräch und Zwist.
Roland begrüßte sie mit seinen Sitten,
Wie es den Frau'n zukömmt zu jeder Frist,
Und sie erhoben auch sich augenblicklich
Und grüßten wieder freundlich ihn und schicklich. 369
93  Wahr ist's, daß ihre Farb' etwas erblaßte,
Als unversehens diese Stimm' erscholl
Und nun der ganz in Eisen eingefaßte
Kriegsmann erschien, im Antlitz Zorn und Groll.
Der Ritter fragte, welcher gottverhaßte
So roh, so herzlos sei, so stumpf und toll,
Daß er in dieser Höhl' und Felsenspalte
Solch liebliches Gesicht begraben halte.
94  Die Jungfrau schien antworten ihm zu wollen,
Jedoch von Schluchzen ward sie übermannt;
Von den Korallen und den wundervollen
Perlen ward süßes Stammeln nur entsandt.
Die Thränen, zwischen Ros' und Lilie, rollen
Dahin, wo ihrer manche gern verschwand.
Gefall' euch, Herr, das nächste Mal zu hören,
Was weiter folgt; denn Zeit ist's aufzuhören. 370

 


 

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.