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Rasender Roland, Band 1

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 1 - Kapitel 11
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typeepos
booktitleRasender Roland, Band 1
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 1
pages456
created20150520
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunter Gesang.

Roland sucht Angelica und beschließt nach Ebuda zu fahren (1–17). Er hört die Geschichte der Olympia von Holland (18–56) und befreit ihren Verlobten Herzog Biren von Seeland aus der Gewalt des Friesenkönigs Cimosco, welcher eine Feuerwaffe besitzt (57–87). Roland versenkt die Feuerwaffe im Meer und segelt nach Ebuda (88–94).

Wohin kann Amor nicht die Herzen bringen,
Der unbarmherz'ge, tückische Tyrann,
Wenn er in Rolands Brust mit seinen Schlingen
Die Treu und Ritterpflicht ersticken kann?
Er, so gewissenhaft in allen Dingen,
Der Hort der Christenheit, der weise Mann,
Er hat, von eitler Liebe ganz besessen,
Den Ohm, sich selbst und vollends Gott vergessen.
Ich kann's ihm nicht verargen; ich bin froh,
Find' ich für meine Schwachheit solch ein Muster;
Denn träg zum Guten bin ich ebenso,
Zum Bösen desto muntrer und robuster.
Er also, ganz in Schwarz gekleidet, floh,
Und nichts von Sorg' um die verlassnen wußt' er
Und ritt hinüber, wo Hispaniens Scharen
Und Afrika's im Feld gelagert waren. 240
Gelagert, aber wie! die meisten blieben
Da, wo sie vor dem Regen sich gedeckt,
Zu zehnen, zwanzigen, zu vier und sieben,
In Dörfern, Büschen hier und dort versteckt.
Und alles schläft von Mühsal aufgerieben,
Theils auf die Hand gestützt, theils langgestreckt.
Sie schlafen, und er könnte viel' erlegen,
Doch zückt' er nicht ein einzig Mal den Degen.
Denn Roland hätt' in seiner tapfren Weise
Schlafendes Volk zu tödten stets verschmäht.
Er wandelt suchend auf und ab im Kreise,
Ob er die Spur des Fräuleins nicht erspäht,
Und trifft er einen wach, so seufzt er leise,
Beschreibt sie, Kleidung, Aussehn und Gerät,
Und bittet, daß man ihn zu Dank verbinde
Und sage, wo er die vermißte finde.
Kaum war die Morgensonne durchgedrungen,
Durchwandert' er das Lager weit und breit.
Und sicher war er vor Belästigungen,
Unkenntlich durch sein morgenländisch Kleid.
Auch daß er nebst französisch andre Zungen
Zu reden wußte, war ihm jetzt nicht leid;
Denn afrikanisch sprach er trotz den Mohren,
Als wär' er selbst in Tripolis geboren. 241
Drei Tage lang verweilte Roland dort,
Um sie zu suchen, nicht zu andern Zwecken.
Durch Städte dann und Dörfer zog er fort,
Nicht bloß soweit sich Frankreichs Gau' erstrecken,
Auch in Auvergne sah er jeden Ort,
In der Gascogne jeden kleinen Flecken;
Von den Picarden ging's nach Aquitanien,
Von der Bretagne bis ins Land Hispanien.
November war es, um die Jahreszeit,
Wo ihrer laub'gen Tracht beraubt sich sehen
Die armen Bäum' und fröstelnd sich ihr Kleid
Ausziehen müssen, bis sie nackend stehen,
Und Vogelschwärme flüchten langgereiht;
Da fing er an der Liebsten nachzugehen,
Und durch den ganzen Winter ruht' er nie,
Und auch im neuen Frühling sucht' er sie.
So eines Tages, wandernd durch die Welt,
Kam er zu einem Flusse, der geschieden
Bretagner Volk von den Normannen hält
Und nach dem nahen Meer hinwallt in Frieden;
Doch heut, von Regenguß und Schnee geschwellt,
Sah man mit weißem Schaum ihn brausend sieden,
Und das Gewässer hatte von den Jochen
Die Brück' entführt, die Straßen unterbrochen. 242
Graf Roland also kam an diese Stelle
Und sucht' ob irgendwo ein Weg sich fand,
(Da er nicht Schwalbe war noch auch Forelle,)
Der ihn hinüberführ' an jenen Strand.
Da siehe kam ein Nachen durch die Welle,
An dessen Steuer eine Jungfrau stand;
Die winkt', als ob sie mit ihm reden wollte,
Doch sah man, daß der Kahn nicht landen sollte.
10  Vielleicht besorgt vor unwillkommner Fracht,
Ließ sie den Kahn das Ufer nicht berühren.
Als Roland sein Anliegen vorgebracht,
Sie mög' ihn mit dem Kahn hinüberführen,
Sprach sie: »Für keinen ist mein Boot gemacht,
Der mir nicht erst gelobt mit heil'gen Schwüren,
Den Kampf zu kämpfen, den ich fordern werde,
Den besten und gerechtesten der Erde.
11  »Begehrt ihr also hilfreich mich zu sehn
Und wollt durch mich an jenen Strand gelangen,
So sagt mir zu, ihr wollt nach Irland gehn,
Bevor der nächste Monat ist vergangen,
Dem König von Hibernien beizustehn,
Deß Flotte schon zu rüsten angefangen,
Ebuda zu zerstören mit Gewalt,
Die schlimmste Insel, die das Meer umwallt. 243
12  »Wißt, hinter Irland liegt ein Eiland zwischen
Viel andern Inseln, das Ebuda heißt,
Das durch Gesetze seine räuberischen
Bewohner auf Piratenfahrt verweist,
Und jedes Weib, das sie erbeuten, tischen
Sie einem Unthier auf, das es verspeist;
Denn täglich kömmt das Thier, und täglich bringen
Sie ihm ein schönes Weib, es zu verschlingen.
13  »Kaufleut' und Kaper streifen weit und breit
Und schaffen Vorrat, und die schönsten grade.
Nun rechnet: eine täglich all die Zeit,
Wie viele starben schon an dem Gestade!
Wenn ihr nicht ganz der Lieb' abtrünnig seid,
Wenn Mitleid wohnt in euch und milde Gnade,
Dann freut euch unter die erwählt zu sein,
Die sich so segensvollem Werke weihn.«
14  Noch ehe sie zu Ende sprach, verlangte
Roland dabei zu sein in erster Reih';
Wenn ihm zur Kund' unwürdiges gelangte,
Konnt' er's nicht hören und ward heiß dabei.
Auch dacht' er an Angelica und bangte,
Daß sie in jenes Garn geraten sei;
Hatt' er sie doch gesucht in allen Ecken
Ohn' eine Spur von ihr je zu entdecken. 244
15  So sinnverwirrend war ihm dies Vermuten,
Daß alle Plän' er aufgab und sofort
Beschloß nach besten Kräften sich zu sputen,
Um hinzukommen an den Schreckensort.
Die zweite Sonne sank nicht in die Fluten,
Da hatt' er schon ein Fahrzeug, ging an Bord
Unweit Sanct Malo, ließ die Anker lichten
Und nach Sanct Michels Berg das Steuer richten.
16  Brieux und Landrilier ließ er zur Linken
Und streifte der Bretagner hohen Strand.
Dann sah er bald die weiße Küste blinken,
Von der man England Albion hat genannt,
Der Wind, der Süd war, fing jetzt an zu sinken,
Und plötzlich zwischen Nord und West entstand
Ein solcher Sturm, daß sie genötigt waren
Mit nackten Raen vor dem Wind zu fahren.
17  So weit sie in vier Tagen vorgedrungen,
So weit warf sie ein einz'ger Tag zurück.
Am Strande wär' ihr Schiff wie Glas zersprungen,
Drum suchten sie in hoher See ihr Glück.
Vier Tage blies der Wind aus vollen Lungen,
Am fünften pfiff er ein gelindres Stück
Und trieb in die Gewässer die Galere,
Wo sich Antwerpens Strom ausdehnt zum Meere. 245
18  Als die Verschlagnen in der Mündung waren
Und das zerzauste Schiff das Land gewann,
Da kam aus einer Ortschaft angefahren
Vom rechten Ufer her ein alter Mann,
Ein hochbetagter, nach den weißen Haaren
Zu schließen, und verbindlich frug er an
Mit Grüßen, die er an den Grafen wandte,
(Weil er in ihm das Haupt der Schar erkannte,)
19  Und lud ihn Namens seiner Herrin ein,
Daß ihn sie heimzusuchen nicht verdrieße;
Er werd' ein Fräulein finden, schön und fein,
Das ganz von Huld und Anmut überfließe,
Und das auch gern, sollt' es ihm lieber sein,
Zu ihm an Bord zu kommen sich entschließe;
Und sicher thu' er ihr den Dienst so gern
Wie vor ihm schon so viele edle Herrn.
20  Kein Ritter, der zu Wasser oder Land
Eintreffe, weigre sich hier zu verweilen,
Um über jenes Fräuleins Trauerstand
Zu reden und Ratschläg' ihr zu ertheilen.
Dies hörend war der Graf flugs bei der Hand,
Ans Ufer ohne Zeitverlust zu eilen,
Und gütig wie er war und ritterlich,
Vertraut' er dem bejahrten Führer sich. 246
21  Nach einem Schloß folgt' ihm der Paladin,
Und als er dort treppaufwärts war gegangen,
Empfing ein Fräulein, tief in Trauer, ihn.
Von Trauer zeugten die benetzten Wangen
Und Kammern, Hallen, Säl' und Gallerien;
Denn alles war mit schwarzem Tuch verhangen.
Sie neigte sich und lud ihn zücht'ger Weise
Zum Sitzen ein und sprach betrübt und leise:
22  »Vernehmt daß ich des Grafen Tochter war
In Holland, der mich so ins Herz geschlossen,
(Obwohl die Mutter Söhn' ihm auch gebar,
Denn noch zwei Brüder hatt' ich als Genossen,)
Daß er auf meine Wünsche immerdar
Mit einem Ja antwortet' unverdrossen,
Und froh genoß ich meinen Mädchenstand,
Bis einst ein Herzog kam in unser Land.
23  »Herzog von Seeland war er und verlangte
Nach Spanien in den Mohrenkrieg zu ziehn.
Schönheit und Jugendglanz, darin er prangte,
Und Liebe, die so mich bezwang wie ihn,
Bewirkten bald, daß er mein Herz erlangte,
Zumal, nach dem was äußerlich erschien,
Ich glaubt' und glaub', (und glaub', ich glaube richtig,)
Er liebte mich und liebt mich noch aufrichtig. 247
24  »Viel Tage zwang ihn böser Wind zur Ruh,
Ein böser Wind für andre, mir gedeihlich,
Für andre vierzig Tage, mir ein Nu,
So schwangen sie zur Flucht die Flügel eilig.
Wir sprachen uns – wir hatten Zeit dazu –
Und schworen uns einander hoch und heilig,
Den Ehebund beim nächsten Wiedersehn
Mit feierlichem Festbrauch einzugehn.
25  »Kaum segelte Biren hinaus ins Weite,
(Denn so wird mein geliebter Freund genannt,)
Als Frieslands König, dessen Reich die Breite
Nur eines Flusses trennt von unserm Land,
Um mich für seinen Sohn und Erben freite,
Den einz'gen, den er hatt', – er hieß Arbant, –
Und Männer, die bei ihm am meisten galten,
Absandt', um mich beim Vater anzuhalten.
26  »Ich aber, weil ich nie die Treu' und Pflicht
Verleugnen kann, die ich Biren verpfändet,
(Und könnt' ich es, die Lieb' erlaubt mir nicht
Zu wollen, daß ich könnte, was mich schändet,)
Ich, das Geschäft zu stören, das schon dicht
Am Ziele war und nahezu beendet,
Ich sprach zum Vater, eh ich Frieslands Erben
Heiraten würde, woll' ich lieber sterben. 248
27  »Mein guter Vater, der nur Freud' empfand,
Wenn ich mich freut', und nie mich quälen wollte,
Wies auch sofort dies Bündniß von der Hand,
Damit ich nur nicht länger weinen sollte.
Der stolze Friesenkönig aber fand
Beleidigt sich und zürnt' ihm nun und grollte
Und fiel ins Land und führte blut'gen Strauß,
Bis in der Gruft verschwand mein ganzes Haus.
28  »Er ist so stark, daß ihn in Zaum zu halten
In unsren Tagen niemand sich vermißt;
Nichts hilft es Kraft und Klugheit zu entfalten;
So groß im bösen Thun ist seine List.
Und eine Waffe führt er, die den Alten
Fremd war und (außer ihm) den Neuern ist,
Ein eisern Rohr, zwei Ellen, wenn ihr's meßt,
In das er Staub und eine Kugel preßt.
29  »Mit Feuer, hinten wo das Rohr sich schließt,
Berührt er eine kaum sichtbare Ritze,
Ganz ähnlich wie der Arzt die Ader spießt,
Um Blut zu lassen, mit der Messerspitze;
Worauf mit Knall hervor die Kugel schießt,
Daß man wohl sagen mag, es donnr' und blitze,
Und wie der Wetterstrahl zerschlägt, zerschellt,
Verbrennt, durchbohrt sie alles in der Welt. 249
30  »So schlug er zweimal die auf unsrer Seite,
Und meine Brüder traf sein tückisch Erz;
Dem ersten jagt' er schon im ersten Streite
Die Kugel durch den Panzer und das Herz;
Im zweiten Kampfe hatte sich der zweite
Zur Flucht gewendet, aber hinterwärts
Aus weiter Ferne traf ihn noch das Rohr,
Und aus der Brust drang vorn der Ball hervor.
31  »Mein Vater, der in einer Burg sich wehrte,
Dem letzten Zufluchtsort in unsrer Not,
Indeß der Feind ringsum das Land verherte,
Fand auf dieselbe Art durch ihn den Tod;
Denn als er von der Runde wiederkehrte,
Für alles sorgend, was der Fall gebot,
Traf mitten vor die Stirn ihn der verruchte,
Der aus der Ferne her sein Opfer suchte.
32  »Vater und Brüder waren mir entrissen,
Und Hollands Erbe fiel in meine Hand.
Der Friesenkönig, eifrig und beflissen,
Da festen Fuß zu fassen, wo er stand,
Ließ mich und meine Unterthanen wissen,
Er werd' in Ruhe lassen Leut' und Land,
Wofern ich wolle, was ich erst nicht wollte,
Daß sein Arbant mein Gatte werden sollte. 250
33  »Ich aber, – nicht so sehr aus Haß und Wut,
Die ich im Herzen wider jenen hegte,
Der meiner Brüder, meines Vaters Blut
Vergoß und unser Land in Asche legte,
Als weil ich den zu kränken nicht den Mut
Besaß, dem ich so oft zu schwören pflegte,
Mit keinem andern zum Altar zu gehn,
Bis ich aus Spanien ihn zurück gesehn, –
34  »Ich gab zur Antwort: Schmerz, den ich empfinde,
Verhundertfältigt, ich ertrag' ihn schon;
Verbrennt mich, streut die Asch' in alle Winde,
Ich will es lieber noch als euren Sohn. –
Da bat mein Volk, daß ich mich überwinde;
Sie baten mich und fingen an zu drohn,
Daß man die Burg und mich ausliefern werde,
Bevor mein Trotz das ganze Land gefährde.
35  »Als sie durch ihre Bitten nichts erzielten
Und sahn daß ich der Drohung widerstand,
Vertrugen sie sich mit dem Feind und spielten
Die Burg und mich den Friesen in die Hand.
Die nun, die weitrer Kränkung sich enthielten,
Versprachen mir das Leben und mein Land,
Wofern ich nur den harten Sinn erweiche
Und am Altar die Hand Arbanten reiche. 251
36  »In solcher drohenden Bedrängniß kannt' ich
Kein Mittel mich zu retten als den Tod;
Doch ohne Rache sterben – das empfand ich
Viel bittrer als die erst bestandne Not.
Viel sann ich, doch zu meinem Zorne fand ich,
Daß nur Verstellung noch mir Hilfe bot:
Ich that als ob ich wünsch' und darauf brenne,
Daß er vergeb' und Tochter jetzt mich nenne.
37  »Von vielen, die im Dienst gewesen waren
An unsrem Hof, wähl' ich zwei Brüder aus,
Von großer Klugheit, tapfer und erfahren,
Vor allem aber ächt und treu durchaus,
Weil sie mit uns seit ihren Kinderjahren
Aufwuchsen, als gehörten sie ins Haus,
Und mir so gut, daß sie gering es schätzen,
Ihr Leben für mein Heil aufs Spiel zu setzen.
38  »Mit diesen pfleg' ich Rat; sie sind bereit
Mir beizustehn; der eine geht nach Flandern
Und rüstet dort ein Schiff; zu gleicher Zeit
Halt' ich in Holland noch zurück den andern.
Da, während schon die Boten weit und breit
Zur Hochzeit ladend auf den Straßen wandern,
Wird ruchbar, daß Biren an Spaniens Küste
Zur Fahrt nach Holland die Galeren rüste. 252
39  »Ich hatt' ihm nach dem ersten Treffen zwar,
In dem mein ältrer Bruder war geblieben,
Von unsrer großen Drangsal und Gefahr
Durch einen raschen Boten schon geschrieben;
Doch eh er mit der Rüstung fertig war,
Hatt' uns der Feind zu Paaren schon getrieben;
Biren daher, um uns zu helfen, fuhr
In See, bevor er alles dies erfuhr.
40  »Der König läßt, als er die Kund' empfangen,
Den Sohn allein das Hochzeitsfest begehn;
Er selbst, mit seiner Flott' in See gegangen,
Trifft, schlägt, verbrennt, zerschmettert den Biren
Und nimmt, Gott sei's geklagt, ihn selbst gefangen.
Wir aber hören nicht, daß dies geschehn;
Arbant wird mir vermählt und hofft, er finde
Bei mir sein Lager, wann die Sonne schwinde.
41  »Ich hatte hinterm Vorhang an der Wand
Den treuen Freund versteckt, der sich nicht rührte,
Bis mein Gemal erschien, und eh Arbant
Sich legen konnt' und eh er Unrat spürte,
Die Axt erhob und mit so starker Hand
Den Hieb nach seinem Hinterkopfe führte,
Daß er die Sprach' ihm raubt' und auch die Seele,
Ich sprang hinzu und schnitt ihm durch die Kehle. 253
42  »So wie der Stier fällt an der Metzgerbank,
Fiel der unsel'ge Jüngling. So bewiesen
Wir dem Cimosco unsren blut'gen Dank;
Cimosco nennt man den verruchten Friesen,
Durch den mein ganzes Haus in Trümmer sank,
Der mich zur Schwiegertochter wollt' erkiesen,
Damit er Holland desto fester kette,
Und der vielleicht auch mich getödtet hätte.
43  »Eh man uns störe, nahmen wir in Eil,
Was hohen Wert hat bei geringer Schwere;
Dann ließ mein Freund an einem hänfnen Seil
Mich aus dem Fenster rasch hinab zum Meere,
Allwo der andre Bruder mittlerweil
Schon harrte mit der flandrischen Galere.
Die Ruder tauchten ein, die Segel wallten,
Und so entkamen wir durch Gottes Walten.
44  »Ich weiß nicht ob der Friesenkönig mehr
Vor Schmerz erstarrt', ob mehr von Zorn entbrannte,
Als Tags darauf bei seiner Wiederkehr
Er den Verlust, der ihn betraf, erkannte.
Stolz auf den Sieg kam er mit seinem Heer
Und mit dem Herzog, den er übermannte,
Und meint', er finde hochzeitlichen Schmaus,
Und fand nun schwarz und grabesstill das Haus. 254
45  »Schmerz um den Sohn, Haß wider mich verlassen
Ihn keinen Augenblick bei Tag und Nacht.
Weil aber Rache Luft giebt, wenn wir hassen,
Und Trauer Todte nicht lebendig macht,
Gebeut er seiner Trauer sich zu fassen
Und, statt auf Seufzer und Geschrei bedacht,
Zu grübeln mit dem Hasse, wie der Flücht'gen
Man habhaft werden kann und wie sie zücht'gen.
46  »Die Freunde, die an meinem Hause hingen,
Und jeden Freund der Brüder, die zur Hand
Mir bei dem Werke meiner Rettung gingen,
Verfolgt er mit Gefängniß, Mord und Brand.
Und auch Biren wollt' er ums Leben bringen,
Weil, mich zu kränken, schlimmres kaum sich fand,
Doch fiel ihm ein, wenn er ihn leben lasse,
Hab' er ein Netz, womit er leicht mich fasse.
47  »Er setzt ihm nämlich eine schnöde, harte
Bedingung: daß nach eines Jahres Frist
Schimpflicher Tod im Kerker ihn erwarte,
Wofern er durch Gewalt nicht oder List,
Durch Freunde, Vettern, kurz durch jede Karte,
Die auszuspielen ihnen möglich ist,
Zur Haft mich bringe, so daß ihn zu retten
Sie keinen Weg als mein Verderben hätten. 255
48  »Ich that, was möglich war, ohn' in den Rachen
Des Wolfs zu fallen, um ihn zu befrein;
Sechs Schlösser ließ ich hier zu Gelde machen,
Und ob der Kaufpreis groß war oder klein,
Ich händigt' alles, um des Herzogs Wachen
Mir zu erkaufen, klugen Leuten ein,
Zum Theil auch, um dem Wütrich zum Verderben
Engländer oder deutsches Volk zu werben.
49  »Sei's daß den Mittlern dies unmöglich war,
Sei's daß sie ihre Pflicht verabsäumt haben,
Sie brachten Worte mir statt Hilfe dar
Und spotten mein, nun sie das Gold gegraben.
Jetzt neigt sich schon zu Ende jenes Jahr,
Nach dessen Ablauf nicht Gewalt noch Gaben
Zur rechten Zeit mehr kommen, um den Theuern
Zu retten und dem schnöden Mord zu steuern.
50  »Das Blut des Vaters und der Brüder Blut,
Es floß um ihn; um ihn bin ich vertrieben;
Um ihn verschwand mein bischen Hab' und Gut,
Der letzte Unterhalt, der mir geblieben,
Ihn zu beschirmen vor des Friesen Wut.
Jetzt kann ich nichts mehr thun für meinen Lieben,
Als hingehn und in die Gewalt des Bösen
Mich selbst ausliefern und Biren erlösen. 256
51  »Wenn als mir nichts andres bleibt zu thun,
Wenn sonst ich keinen Weg der Rettung sehe,
Als dies mein Leben ihm zu opfern, – nun,
Dies Opfer meines Lebens, es geschehe.
Nur eine Sorge läßt mich noch nicht ruhn,
Daß ich den Pact zu fassen nicht verstehe,
So bündig nicht, daß, wenn mich der Tyrann
In Händen hat, er ihn nicht brechen kann.
52  »Ich fürchte, hat er erst mich in der Falle
Und alles blut'ge Leid mir zugefügt,
Daß er Biren nicht freiläßt aus der Kralle
Und mich um des Erlösten Dank betrügt.
Meineidig ist er, und voll Gift und Galle,
So daß mein Tod allein ihm nicht genügt,
Und was er mir anthat, wird er dem armen
Biren nicht minder anthun, ohn' Erbarmen.
53  »Der Grund, weshalb ich euch zu wissen that,
Was ich erlitt, und allen davon sage,
Den Herrn und Rittern, wer dem Schlosse naht,
Ist einzig dieser; wenn ich viele frage,
Lehrt einer mich vielleicht und giebt mir Rat,
Wie ich verhindre, wenn den Gang ich wage,
Daß er Biren nicht doch zurückbehält
Und meinem Tode seinen Tod gesellt. 257
54  »Schon manchen Krieger bat ich mitzugehn,
Wann ich mich in die Hand des Friesen gebe,
Jedoch mit seinem Wort mir einzustehn,
Daß bei dem Tausch kein Anstand sich erhebe
Und, so wie ich mich hingeb', auch Biren
In Freiheit komm' und ich es noch erlebe
Und fröhlich sterbe; denn ich sterbe gern,
Bringt nur mein Tod das Leben meinem Herrn.
55  »Doch find' ich keinen, der mir dies verspricht,
Daß er mir Recht und Sicherheit verschaffe,
Damit der Feind, vor dessen Angesicht
Ich treten will, nicht erst hinweg mich raffe
Und dann den Herzog wider Treu' und Pflicht
Behalt' in Haft. So fürchtet man die Waffe;
Die Waffe fürchtet man, der nichts entgeht,
Der nicht der dickste Panzer widersteht.
56  »Wenn eure Kraft zu kühnem Unternehmen
Der mächt'gen Herculesgestalt entspricht,
Daß ihr mich geben könnt und wiedernehmen,
Wenn der, dem ihr mich gebt, den Handel bricht,
Dann bitt' ich euch, ihr wollet euch bequemen
Mit mir zu ihm zu gehn. Ich sorge nicht,
Wenn ihr mich nur geleitet, daß die Horde,
Die mich ermorden wird, Biren ermorde.« 258
57  So sprach die Dam' in ihrem Herzeleid
Mit manchen Thränen, manchem tiefen Schaudern.
Graf Roland aber, der zu keiner Zeit
Gewohnt war, wenn es Hilfe galt, zu zaudern,
Ergoß sich nicht in Reden lang und breit,
(Denn seine Art war niemals viel zu plaudern,)
Jedoch versprach er ihr bei seiner Ehre
Noch mehr zu thun, als sie von ihm begehre.
58  So meint er's nicht, daß sie des Gatten wegen
Dem Friesen opfern soll ihr junges Blut;
Er will sie beide retten, wenn sein Degen
Ihn nicht verläßt und sein gewohnter Mut.
Noch heute will er fort, dem Feind entgegen;
Die Luft ist heiter, und der Wind ist gut;
Auch hat er Eile, denn er trägt Verlangen,
Nach jenem Schreckenseiland zu gelangen.
59  Der gute Schiffer fuhr sie hin und her,
Als sie sich durch die tiefen Sümpfe wanden.
Die Inseln Seelands tauchten aus dem Meer,
Die einen tauchten auf, die andern schwanden.
Drei Tage fährt der Graf, dann landet er;
Sie, die gekränkte Jungfrau, darf nicht landen;
Denn Roland will, sie soll des Frevlers Tod
Erfahren, eh sie aussteigt aus dem Boot. 259
60  Am Ufer nimmt er Rüstung, Lanz' und Schwert
Und steigt auf einen Streithengst, einen grauen,
Dänisch Geblüt, in Flandern aufgenährt,
Nicht eben flink, doch mächtig anzuschauen.
In der Bretagne blieb sein eignes Pferd,
Als er beschloß dem Meer sich zu vertrauen,
Sein Güldenzaum, so schön und stark und klug,
Der alle Pferde, außer Bajard, schlug.
61  Er kömmt nach Dortrecht und er findet Brücke
Und Thor von einer starken Schar bewacht;
Denn Herrschaft gleicht sich stets in diesem Stücke,
Sie ist, zumal die neue, voll Verdacht.
Auch hatte man gehört, aus Seeland rücke
Mit Schiffen und mit großer Heeresmacht
Heran und sei von Dortrecht nicht mehr fern
Ein Vetter des gefangnen jungen Herrn.
62  Der Graf läßt nun dem Friesenkönig sagen,
Ein fremder Ritter steh' am Thor, bereit
Auf Lanz' und Degen sich mit ihm zu schlagen,
Jedoch mit diesem Pact auf Ehr' und Eid:
Er werde sie, die den Arbant erschlagen,
Ausliefern, wenn er unterlieg' im Streit;
Sie sei nicht fern von hier in sichren Händen,
Und jeden Augenblick könn' er sie senden. 260
63  Der König aber solle sich verpflichten,
Wenn er im Kampfe der Besiegte sei,
Auf den gefangnen Herzog zu verzichten,
So daß er gehen möge frank und frei.
Der Bote läuft, dem König zu berichten;
Doch dieser, der in seiner Barbarei
Der Ritterbräuche ganz unkundig ist,
Sinnt nur auf Trug, Verrat und Hinterlist.
64  Er denkt, wenn er nur erst den Ritter habe,
Hab' er auch sie, die ihm den Sieg vergällt,
Wofern man wirklich sie zur Übergabe
Mitbrachte, wie der Diener ihm bestellt.
So schickt er dreißig Mann im raschen Trabe
Durch eins der andern Thor' ins freie Feld
Und heißt sie einen Weg im Bogen nehmen,
Bis sie dem Ritter in den Rücken kämen.
65  Volana ist eine der Mündungen des Po.  Der falsche hält ihn hin durch glatte Worte,
Bis er erkennt, die Reiter sind zur Hand;
Dann kömmt er selbst und reitet durch die Pforte
Mit dreißig andern in das offne Land.
So wie das Wild und dessen Zufluchtsorte
Der kluge Jäger rings mit Garn umspannt,
Wie bei Volana um die Fisch' und Wogen
Der Fischer lange Netze zieht im Bogen, 261
66  So hat der König hier, damit die Beute
Ihm nicht entschlüpft, schlau alles vorbedacht;
Denn lebend will er ihn, nicht anders, heute
Und denkt, die Sache sei gar leicht gemacht.
Den ird'schen Blitz, der schon so viele Leute
Getödtet, hatt' er gar nicht mitgebracht;
Der schien in diesem Fall ihm nicht vonnöten,
Wo es zu fangen galt und nicht zu tödten.
67  So wie die ersten Vögel in der Falle
Der Vogler schont, auf größren Raub erpicht,
Und sich von ihrem Lockeruf und Schalle
Noch mehr Gefangne für sein Netz verspricht,
So rechnete der Fries' in diesem Falle.
Doch Roland rechnet sich zu denen nicht,
Die auf den ersten Zug sich fangen lassen;
Er sprengt den Kreis, womit sie ihn umfassen.
68  Recht mitten in des Königs Reiterei
Jagt er den Speer und spießt von jenen Recken
Den ersten auf, den zweiten Mann dabei,
Den dritten, vierten jetzt, als wären's Wecken.
Sechs Männer steckt er so in einer Reih
An einen Schaft, und mehr daran zu stecken
Fehlt nur der Platz; so stößt er mit der Spitze
Nur noch den siebten todt von seinem Sitze. 262
69  So sehen wir an Gräben und Kanälen
Den Schützen, der die armen Frösche spießt
Und einen nach dem andern ohne Fehlen
Bald durch den Bauch, bald durch den Rücken schießt,
Und erst wenn sie ihr halbes Dutzend zählen,
Vom Pfeil sie abzustreifen sich entschließt.
Bei Seite warf der Graf die schwere Lanze
Und schritt nun mit dem Schwert zum Waffentanze.
70  Die Lanze brach, nun wird das Schwert gebraucht,
Das nie versäumt, was er ihm aufgegeben.
Bei jedem Hieb und jedem Stoß verhaucht
Ein Reiter oder Mann zu Fuß das Leben.
Wohin es trifft, da wird in Rot getaucht
Was grün war oder blau und gelb noch eben.
Cimosco flucht, daß er sein Rohr und Feuer
Nicht bei sich führt; nie war es ihm so theuer.
71  Man soll das Rohr ihm holen, ruft er laut
Mit droh'ndem Ton; doch soll es ihm nicht frommen;
Denn wer die Stadt erreicht mit heiler Haut,
Der wagt nicht wieder vor das Thor zu kommen.
Als nun der Friesenkönig um sich schaut
Und alles flieht, da wird auch ihm beklommen.
Er eilt zum Thor, die Brück' emporzuziehn,
Doch allzu rasch folgt ihm der Paladin. 263
72  Der König wendet um, und Roland kann
Das Thor gewinnen, ohne drum zu raufen.
Der König flieht, den andern weit voran,
Dank seinem Roß, das schneller ist im Laufen.
Der Graf sieht das geringe Volk nicht an,
Er will den Frevler tödten, nicht den Haufen;
Wenn nur sein Gaul sich hurtiger erwiese:
Der scheint wie lahm, geflügelt scheint der Friese.
73  Von Gass' in Gasse flieht der Fürst und macht
Sich unsichtbar; doch kehrt er bald mit neuer
Und bessrer Wehr zurück; denn rasch gebracht
Ward ihm das hohle Eisen und das Feuer.
In einen Winkel duckt er nun sich sacht
Und lauert, wie der Jäger, der mit treuer
Und tapfrer Meut' und mit gesenktem Spieße
Harrt, daß der Eber aus dem Dickicht schieße,
74  Der Felsen stürzt und Aeste bricht entzwei,
Und da, wohin sein stolzes Haupt sich richtet,
Denkt man, von seinem Lärm und Toben sei
Der Berg geborsten und der Wald vernichtet.
Cimosco steht und zielt, damit nicht frei
Der Graf vorbeikömmt, eh er Zoll entrichtet.
Jetzt kömmt er, und der Schütze nähert bloß
Dem Rohr das Feuer, und der Schuß geht los. 264
75  Von hinten blitzt es auf, wie wenn's gewittert,
Vorn in die Lüfte kracht der Donnerknall;
Die Mauern beben, und die Erde zittert,
Der Himmel dröhnt furchtbaren Widerhall.
Der glühn'de Pfeil, vor welchem stets zersplittert,
Was in den Weg ihm tritt, und kömmt zu Fall,
Sauset und zischt, doch wider Wunsch und Hoffen
Des Meuchelmörders hatt' er nicht getroffen.
76  War's Übereilung oder die Begier
Den Feind zu tödten, was ihn fehlen machte,
War es sein Herz, das wie die Espe schier
Zittert' und auch die Hand zum Zittern brachte,
Oder die Gnade Gottes, welcher hier
Des vielgetreuen Kämpfers Haupt bewachte,
Der Schuß fuhr in des Pferdes Bauch, das nieder
Zu Boden fiel, und nie erstand es wieder.
77  Zur Erde stürzt das Roß und stürzt der Reiter,
Doch jenes drückt sie, dieser streift sie bloß;
Denn leicht und sicher springt empor der Streiter,
Als wüchsen Kraft und Atem durch den Stoß;
Wie einst in Libyen immer kampfbereiter
Antäus aufstand von der Erde Schooß,
So von der Erd' erhob sich Roland wieder,
Und schier verdoppelt schien die Kraft der Glieder. 265
78  Wer je das Feu'r vom Himmel fallen sah,
Das krachend niederfährt aus Jovis Händen,
Und dort einschlagen, wo Salpeter nah
Bei Kohl' und Schwefel liegt in festen Wänden, –
Kaum hat's getroffen, kaum noch ist es da,
Und Erd' und Himmel stehn in Flammenbränden;
Die Mauern bersten, der Granit zerschellt,
Und Felsen fliegen bis zum Sternenzelt, –
79  Der denke sich, daß so, als er die Erde
Im Fall berührt, auffuhr der Paladin,
Mit so furchtbarer gräßlicher Geberde,
Daß Mars im Himmel bebte, säh' er ihn;
Darob entsetzt der Friese seinem Pferde
Die Sporen gab und schwenkte, um zu fliehn;
Doch Roland folgt' ihm nach mit solcher Eile,
Als lauf' er um die Wette mit dem Pfeile.
80  Und was ihm erst zu Pferde nicht gelungen,
Gelingt, nun er auf eignen Füßen steht:
Er läuft so schnell, – was helfen Schilderungen?
Ihr glaubt es nicht, solang' ihr es nicht seht.
Er holt ihn ein; der Degen, hochgeschwungen,
Trifft auf den Helm, und durch das Eisen geht
Der scharfe Hieb und spaltet Kopf und Kinn,
Und zuckend auf die Erde stürzt er hin. 266
81  Da, horch, erhebt sich in der Stadt umher
Ein neuer Lärm und Schall geschwungner Klingen.
Der Vetter des Biren kam mit dem Heer,
Um Hilfe dem gefangnen Freund zu bringen,
Und weil der Thorweg offen stand und leer,
Hatt' er beschlossen in die Stadt zu dringen,
Die so vor Roland bebt und sich entsetzt,
Daß keiner sich dem Einmarsch widersetzt.
82  Die Bürger flüchten, eh sie nur gesehn,
Wer jene sind, geschweige daß sie frügen.
Dann, als sie merken, daß es des Biren
Seeländer sind, wenn Sprach' und Kleid nicht trügen,
Wollen sie Frieden, alles zugestehn,
Der Hauptmann soll nur über sie verfügen:
Gegen die Friesen, die ihm seinen Herrn
Gefangen halten, helfen sie ihm gern.
83  Der Friesenkönig und sein ganzer Troß
War diesem Volke stets verhaßt geblieben,
Theils weil er ihren alten Herrn erschoß,
Theils weil die Sieger Raub und Frevel trieben.
Roland, als Freund der beiden Theile, schloß
Den Frieden ab, der Bund ward unterschrieben,
Und nun vereint erschlug man oder band,
So viel der Friesen sich am Orte fand. 267
84  Zu Boden rissen sie die Kerkerpforten,
Und nach den Schlüsseln ward nicht erst gelangt.
Kaum hat Biren dann mit beredten Worten
Dem Grafen für den großen Dienst gedankt,
So geht es mit Geschwadern und Cohorten
Zum Schiffe, wo Olympia harrt und bangt.
Olympia war der Name, den sie führte,
Der nach dem Recht dies Inselreich gebürte.
85  So große Ding' erwartete sie nie,
Als sie den Grafen zum Geleitsmann wählte;
Ihr war's genug, durch eigne Trauer die
Zu endigen, die ihren Gatten quälte.
Das ganze Volk begrüßt' und ehrte sie;
Die Zeit gebräche, wenn ich euch erzählte,
Wie nun Biren sie herzt' und jene ihn
Und beide dankten vor dem Paladin.
86  Sie auf den Sitz des Vaters zu erheben
Und ihr zu huldigen beschloß das Land,
Und dem Biren, an den fürs ganze Leben
Die Liebe sie mit harter Kette band,
Gab sie die Herrschaft und sich selbst daneben.
Biren, schon neuen Sorgen zugewandt,
Setzt' über alle Festungen und Güter
Der Insel seinen Vetter ein als Hüter. 268
87  Er wollte – dieses war sein Plan – zurück
Nach Seeland gehn mit dem getreuen Weibe
Und, wie er sagt', in Friesland dann sein Glück
Versuchen und dort sehen, wie er's treibe;
Für den Erfolg bürg' ihm ein Beutestück,
Das ihm als Unterpfand in Händen bleibe,
Des Königs Tochter, die ihm in der Schar
Der Kriegsgefangnen zugefallen war.
88  Daß Roland den Ritterbüchern zufolge »römischer Senator« war, ist schon angemerkt worden.  Er habe, sagt' er, sie zum Ehgemal
Bestimmt für seiner jüngren Brüder einen.
Der römische Senator nun empfahl
Sich, als Biren in See ging mit den seinen,
Und von den Schätzen, die in großer Zahl
Erbeutet waren, wollte Roland keinen
Als jenes Wurfgeschoß, das mehrgedachte,
Das wie der Blitzstrahl flammte, schlug und krachte.
89  Dies nahm er, nicht zu eigenem Gewinn,
Damit er Nutzen aus der Waffe zöge;
Denn stets als feig erschien es seinem Sinn,
Wenn man mit Uebermacht des Kampfes pflöge.
Wegwerfen wollt' er es, und zwar dahin,
Wo nie es irgend wen verletzen möge.
Und Pulver auch und Kugeln und was mehr
Dazu gehörte, nahm er mit aufs Meer. 269
90  Und so, als er auf hohem Meere sich
Befand und außerhalb der seichten Gründe
Und sah, daß den entfernten Küstenstrich
Kein Zeichen, weder rechts noch links, verkünde,
Nahm er das Rohr und sprach: »Damit auf dich
Nie wieder eines Ritters Mut sich gründe,
Und nicht der schlechte sich vermißt mit dir
Es gleich zu thun dem guten, bleibe hier!
91  »O greulich und fluchwürdig Meisterstück,
Geschmiedet in des Orcus Dunkelheiten
Hat dich Beelzebub, um allem Glück
Der Welt durch dich Verderben zu bereiten.
Zur Hölle, die dich sandte, kehr' zurück!«
So redend ließ er's in die Tiefe gleiten.
Der Wind indeß, der in die Segel saust,
Trägt ihn zur Insel, wo die Orca haust.
92  So große Sehnsucht fühlt der gute Held,
Zu wissen, ob er sie dort werde finden,
Die mehr ihm wert ist als die ganze Welt,
Von der getrennt die Stunden freudlos schwinden,
Daß er sich nicht zuvor in Irland stellt,
Aus Furcht, zu neuem Dienste sich zu binden
Und dann hernach zu sagen, o ich Thor,
Daß unterwegs ich meine Zeit verlor! 270
93  In England nicht noch Irland lief er ein,
Und auch in Schottland sucht' er keinen Hafen.
So lassen wir ihn ziehn. Ihn führe fein
Der nackte Schütze, dessen Pfeil' ihn trafen!
Ich muß nach Holland jetzt und lad' euch ein
Mit mir zu gehn statt mit dem tapfren Grafen;
Euch würd' es schlecht gefallen, wie auch mir,
Wenn dort die Hochzeit wär' und ferne wir.
94  Das Hochzeitsfest war schön und wundervoll,
Jedoch so schön und wundervoll mit nichten,
Wie das in Seeland (sagt man) werden soll.
Auf dies indessen mögt ihr nur verzichten;
Denn neues Unheil braut des Schicksals Groll,
Das Fest zu stören, wie ihr die Geschichten
Im folgenden Gesang vernehmen sollt,
Wenn folgenden Gesang ihr hören wollt. 271

 


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