Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Denis Diderot >

Rameaus Neffe

Denis Diderot: Rameaus Neffe - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/diderot/ram-goet/ram-goet.xml
typefiction
authorDenis Diderot
titleRameaus Neffe
publisherInsel Verlag
illustratorAntoine Watteau
editor
year
firstpub
translatorJohann Wolfgang von Goethe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100304
projectid80918bf2
Schließen

Navigation:

Nachträgliches zu ›Rameaus Neffe‹ [...]

Nachdem die französische Übersetzung des Diderotischen Dialogs erschienen war, fing man an zu zweifeln, ob dieser Neffe Rameaus jemals existiert habe. Glücklicherweise fand man in Merciers ›Tableau de Paris‹ eine Stelle, welche sein Dasein außer Zweifel stellt und sowohl vom Oheim als vom Neffen charakteristische Züge mitteilt. Auch diese fügen wir übersetzt hier bei, es ist Mercier, der spricht:

»Ich habe in meiner Jugend den Musikus Rameau gekannt; es war ein großer Mann, trocken und mager, eingeschrumpften Unterleibs, der, gebückt wie er war, im Palais Royal spazierenging, die Hände auf dem Rücken verschränkt, um sich ins Gleichgewicht zu setzen.

Er hatte eine lange Nase, ein spitzes Kinn, Flöten statt der Beine, eine rauhe Stimme; schien von verdrießlicher Laune und, nach Art der Poeten, salbaderte er über seine Kunst.

Damals hieß es: alle musikalische Harmonie sei in seinem Kopfe. Ich ging in die Oper, und Rameaus Opern, einige Symphonien abgerechnet, machten mir gewaltige Langeweile, und da alle Welt sagte, in der Musik könne man nicht weiter, glaubt ich dieser Kunst abgestorben zu sein und betrübte mich innerlich. Da kamen aber Gluck, Piccini, Sacchini und erweckten, im innern Grunde meiner Seele, die verdumpften oder nicht angeregten Fähigkeiten. Ich begriff nichts von Rameaus großem Ruf, und es wollte mir nachher scheinen, als hätte ich damals nicht so großes Unrecht gehabt.

Ich kannte seinen Neffen, halb geistlich, halb weltlich, er lebte in den Kaffees und führte alle Wunder der Tapferkeit, alle Wirkungen des Genies, alle Opfer des Heldentums, genug alles was nur Großes in der Welt geschehen mochte, auf ein kräftiges Kauen zurück. Ihn zu hören, hatte jenes alles keinen andern Zweck, keinen andern Erfolg als etwas unter die Zähne zu bringen.

Er predigte diese Lehre mit ausdrucksvoller Gebärde und einer sehr malerischen Bewegung seiner Kinnladen. Sprach man von einem schönen Gedicht, einer großen Handlung, einem neuen Gesetz, so erwiderte er: ›Vom Marschall von Frankreich an bis zum Seifensieder, von Voltaire bis zu Chabanon, das alles rührt sich nur, um etwas in den Mund zu stecken und die Gesetze der Mastikation zu erfüllen.‹

Eines Tags sagt' er mir gesprächsweise: ›Mein Onkel, der Musikus, ist ein großer Mann, aber mein Vater, erst Soldat, dann Violinist, dann Kaufmann, dieser war noch größer; Ihr sollt selbst urteilen, er wußte etwas zwischen die Zähne zu bringen. In meines Vaters Hause lebte ich sehr unbesorgt, denn ich war niemals neugierig genug, um der Zukunft aufzupassen. Zweiundzwanzig Jahre hatt ich hinter mir, als der Vater zu mir ins Zimmer trat und sagte: Wie lange willst du so fortleben, nichtswürdiger Taugenichts? Seit zwei Jahren erwart ich dich tätig zu sehen; weißt du, daß ich, zwanzig Jahre alt, schon gehangen war und eine Versorgung hatte? – Nach meiner muntern Natur antwortete ich meinem Vater: Gehangen ist man wohl versorgt, aber wie hing man Euch auf und seid doch noch mein Vater?

Höre, sagt' er, ich war Soldat und marodierte, der Großprofos erwischte mich, ließ mich an einen Baum befestigen, ein kleiner Regen hinderte den Strick zu gleiten, wie sich's gehört oder vielmehr wie sich's nicht gehört, der Steffchen hatte mir mein Hemd gelassen, weil es zerrissen war, Husaren ritten vorbei und nahmen mir das Hemd auch nicht, weil es nichts taugte; aber mit einem Säbelhieb zerschnitten sie meinen Strick, ich fiel auf die Erde, sie war feucht, und die Feuchtigkeit rief meine Geister zurück. Da lief ich im Hemd ins nächste Dorf, trat ins Wirtshaus und sagte zur Frau: Erschreckt nicht, mich im Hemde zu sehen, mein Gepäck ist hinter mir; davon hernach! – Jetzt aber verlang ich nur Feder, Tinte, vier Blätter Papier, Brot für einen Sou und einen Schoppen Wein. – Wahrscheinlich hatte mein zerlöchertes Hemd die Wirtin zum Mitleiden bewogen, ich schrieb auf die vier Blätter: ›Heute großes Schauspiel, durch den berühmten Italiener aufgeführt, zu sechs Sous die ersten Plätze, die zweiten zu drei, jedermann wird eingelassen, wenn er bezahlt.‹ Ich verschanzte mich hinter einen Teppich, borgte eine Violine, schnitt mein Hemd in Stücke, machte fünf Puppen daraus und bemalte sie mit Tinte und ein wenig von meinem Blut. Da bin ich nun, meine Puppen wechselweise reden zu lassen; dazu sang ich und strich die Geige hinter dem Teppich.

Zum Präludium hatte ich aus meinem Instrument gar wunderliche Töne gezogen. Die Zuschauer drängten sich herbei, der Saal war voll, der Geruch aus der nahen Küche gab mir neue Kräfte; der Hunger, der ehemals Horazen begeisterte, begeisterte deinen Vater; eine ganze Woche lang gab ich täglich zwei Vorstellungen, jedesmal auf dem Zettel »ohne Unterbrechung«; da ging ich aus der Schenke mit einem Reisesack, drei Hemden, Schuhen, Strümpfen und Geld genug, um die Grenze zu erreichen. Eine kleine Rauhigkeit des Halses, durch die Hängerei verursacht, war völlig verschwunden, so daß man in der Fremde meine wohlklingende Stimme bewunderte. Du siehst, daß ich mich im zwanzigsten Jahre schon hervorgetan und eine Versorgung erlangt hatte; du bist zweiundzwanzig, hast ein neues Hemd auf dem Leibe, das sind zwölf Franken, pack dich aus dem Hause!

So verabschiedete mich mein Vater, und gesteht! von da auszugehen, war es etwas weiter, als daß man hätte zu ›Dardanus‹ oder ›Kastor und Pollux‹ gelangen sollen. Seit der Zeit seh ich alle Menschen ihre Hemden nach eignem Sinn und Fähigkeit zuschneiden, öffentlich Marionetten spielen und das alles nur, um den Mund zu füllen. Nach meiner Überzeugung ist die Mastikation der wahre Endzweck aller der seltensten Dinge dieser Welt.‹

Eben dieser Neffe Rameaus hatte an seinem Hochzeitstage alle Leiermädchen, jede zu einem Taler, gemietet; in deren Mitte trat er auf, seine Braut unterm Arm: ›Ihr seid die Tugend selbst‹, sprach er, ›aber ich wollte sie durch die Schatten, die Euch umgeben, noch mehr heraussetzen.‹«

Diese Unterredung Merciers mit dem Neffen Rameaus hat vollkommen den Charakter des Gespräches, welches Diderot mit diesem Original durchführte; die beiden Maler haben sich nicht verabredet und eine solche Ähnlichkeit zeugt unwidersprechlich, daß hier nicht von einer erfundenen Persönlichkeit die Rede sei, sondern von einem sehr wirklichen Wesen, von welchem beide das Porträt nach der Natur genommen haben.

[...]

 << Kapitel 3 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.