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Rahel und Alexander von der Marwitz in ihren Briefen

Rahel Varnhagen von Ense: Rahel und Alexander von der Marwitz in ihren Briefen - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorRahel Varnhagen von Ense
titleRahel und Alexander von der Marwitz in ihren Briefen
publisherLeopold Klotz Verlag
editorHeinrich Meisner
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Vorwort.

Rahel, die viel gesuchte und verehrte, die viel geliebte beneidete Frau, die Freundin zahlreicher Männer, in dem Berliner Kreise der Romantiker sich hervortaten, besaß einen Vertrauten, der, trotzdem er mitten in dem gesellschaftlichen Leben stand, dennoch eine abgesonderte und eigenartige Stellung unter seinen und ihren Bekannten eingenommen hat. Das war Alexander von der Marwitz. Praktisch und energisch, mildtätig und leidenschaftlich, durch Gestalt und Formen beliebt, zur Freundschaft geeignet durch die weiche Hingabe seiner seelischen Kräfte, in Friedens- und Kriegszeit durch Umsicht und Tatkraft bewährt und doch wieder umhergerissen in den Wirrnissen seiner Zeit, in der er einen festen Halt nicht gewinnen konnte, durch Schicksal und Erlebnis mißtrauisch auf sein eigenes Können, in tiefer Selbsterkenntnis und scharfer Beobachtungsgabe anderer sich verlierend, ohne daß er die Form fand in Gedicht oder Prosa die schlummernden Gedanken zum Leben zu rufen, und doch wiederum von Mut und Freude beseelt, die höchste Pflicht des Erdensohnes in der Persönlichkeit zu sehn, – so ging er hin durch die Jahre seines kurzen Lebens und fand im Heldentod ein jähes Ende, zu früh, um die gärenden Kräfte in sich gestalten zu können.

Seine Briefe sind das einzige Denkmal, das seinen Namen in den Wogen der Zeit bewahrt hat; sie offenbaren den Mann besser, als es Gebilde der Phantasie hätten tun können, und geben ein charakteristisches Bild aus der Blütezeit der Romantik.

Alexander von der Marwitz erblickte am 5. Oktober 1787 zu Friedersdorf bei Küstrin, dem Stammsitze seiner Familie, das Licht der Welt. Mit sechs Jahren verlor er bereits seinen Vater und wurde dem Hofprediger Arens in Küstrin zu seiner Ausbildung anvertraut. Sein um zehn Jahre älterer Bruder, Friedrich A. Ludwig, der spätere energische Gegner von Hardenberg, trat frühzeitig in den Militärdienst, dem er, wechselnd durch die Schicksale der Zeit und die schwierige Verwaltung des väterlichen Gutes, erhalten blieb, bis er als Generalleutnant in den Friedensjahren nach den Freiheitskriegen seinen Abschied nahm. Die beiden Brüder sind sich in ihrer Jugend nicht näher getreten; sie waren auch in ihrem Charakter und ihrem Verhalten nach Außen grundverschieden. Die Eindrücke, die der jugendliche Alexander in dem Pastorenhause empfing, bildeten die Grundlage zu seiner späteren Entwicklung, denn sein Lehrmeister war ebenso belesen wie gefühlstief. Was der Schüler bei ihm gelernt, nahm er mit Freude und Liebe auf und konnte in Berlin im Gymnasium des Grauen Klosters, das unter der trefflichen Leitung Friedrich Gedickes stand, darauf weiterbauen. Besonders historische und sprachliche Studien zogen ihn an; in die ersteren vertiefte er sich derart, daß er, der junge Mann, das Bestreben in sich fühlte, den damals sehr berühmten Verfasser der Schweizergeschichte Johannes von Müller, welcher als Historiograph des hohenzollerschen Hauses in der Hauptstadt lebte, persönlich zwecks Belehrung aufzusuchen. Freilich war die Enttäuschung groß, denn er fand nicht die Idealgestalt eines deutschen Gelehrten, sondern ein kleines, häßliches Kerlchen, mit kurzen Beinen und dickem Leib und Kopf, dem das Wohlbehagen an guter Speise und gutem Trank die Äußerungen seiner Geistesgröße nicht aufkommen ließ. Aber Müller selbst hatte in dem jungen Manne die seltenen Geistesgaben, und die Begeisterung für Studien des klassischen Altertums wohl erkannt; denn, nachdem Marwitz 1804 ein Jahr lang die ihm durchaus nicht zusagende Universität in Frankfurt a.O. besucht hatte, ging er, durch den großen, neue Bahnen eröffnenden Philologen Friedrich August Wolf angelockt, nach Halle, und Johannes von Müller gab ihm an diesen einen ehrenvollen Geleitsbrief mit. Das rege geistige Leben in Halle schlug den Lernbegierigen bald ganz in seine Fesseln; da konnte er neben seinen philologischen Studien seinen geistigen Horizont durch das tiefere Eindringen in die Philosophie erweitern, wozu das Freundespaar Schleiermacher und Steffens durch ihre Vorlesungen ihm die helfende Hand reichten. Damals schon stand Marwitz in geistiger Beziehung weit über dem Durchschnitt seiner Kommilitonen und hätte es zu einem aussichtsreichen Abschluß seiner Studien gebracht, wenn ihn nicht die Kriegsjahre in eine andere Bahn geworfen hätten.

Kurz vor der Schlacht bei Jena verließ er Halle, um die Verwaltung des landwirtschaftlichen Besitzes seines Bruders, der als Adjutant des Prinzen Hohenlohe im Felde stand, zu übernehmen. In dem stillen Friedersdorf fand er sich aber bald zurecht und konnte Ordnung halten, trotzdem das Gut wiederholt von den Franzosen heimgesucht und geplündert wurde. Als aber dazu noch Verdächtigungen und Anzeigen seiner Nachbarn kamen, ließ er sich zu Äußerungen verleiten, die den Anlaß gaben, daß er von französischen Gendarmen des Nachts aus seinem Schlafzimmer geholt und gefesselt nach Küstrin transportiert wurde. So schlimm, wie die Sache anfangs ausschaute, wurde sie nicht, denn durch Verwendungen von Freunden erhielt er bald wieder seine Freiheit und konnte sogar, um Bericht zu erstatten, zu seinem Bruder reisen, zuerst nach Strelitz, dann in die Gegend von Kolberg, wo dieser mit seinem Freikorps stand. Geldmangel war die Ursache des Kommens gewesen, denn wenn auch der damals neunzehnjährige Alexander mit aller Energie und Umsicht, von treuen Beamten unterstützt, alles Mögliche tat, so konnte er doch nicht die Mittel aufbringen, um die abgebrannten Wirtschaftsgebäude und verwahrlosten Äcker wieder brauchbar zu machen. Da war es ein Glück, daß sein Bruder, der Besitzer des Gutes, im November 1807 wieder in Friedersdorf eintraf und selbst die Verwaltung übernahm.

Nun konnte Alexander frei seinen Gefühlen und Wünschen wieder eigene Ziele stecken. Die lockten ihn nach Memel, wo sich damals der preußische Hof befand und ein Kreis von begeisterten Patrioten sich bildete. Empfehlungsbriefe von Stein und Niebuhr führten ihn dort ein, jedoch sind seine Berührungen mit den Männern des Tugendbundes nicht so nachhaltend gewesen, als daß er ein ergiebiges Feld seiner Tätigkeit erhoffen konnte. Er verließ Memel und ging durch Pommern, wo der Sammelplatz der kriegerischen Vorbereitungen für einen neuen Krieg mit Frankreich war, nach Berlin zurück. Vielleicht kam er damals schon in Berührung mit Schill, der ein Freikorps zusammengebracht hatte, um die belagerte Festung Kolberg zu entsetzen; später im April 1809 schloß er sich dessen verunglückten Zuge mit einer Reihe seiner Freunde an, ging aber bald wieder nach Berlin zurück, da er das Aussichtslose dieses Unternehmens erkannt hatte.

Berlin hatte wieder den alten Zauber auf Marwitz ausgeübt; er suchte seinen früheren geistigen Umgang auf, vertiefte sich in die Studien des klassischen Altertums, hielt sich aber stets dabei vor Augen, daß in der Zeit der Not es wesentlich sei, in Politik und Staatswissenschaften Bescheid zu wissen. Mit welchem Erfolge er dies getan, geht daraus hervor, daß Niebuhr ihn bereits 1809 zu einem Staatsratsposten vorschlug. Es ist bezeichnend, daß Marwitz diesen nicht annahm, weil er sich dadurch gebunden glaubte und erst noch vieles lernen wollte. Das suchte er in seiner sich immer mehr ausbreitenden Gesellschaft, deren Mittelpunkt und Liebling er war. Sein Äußeres trug viel dazu bei; er war groß und schlank, mit seinen Gesichtszügen und schönen dunklen Augen, dazu von einer formgewandten Liebenswürdigkeit im Verkehr, die mit einer Entschiedenheit in seinem Vorhaben und einem unbeugsamen Willen sich vereinigte. Aber gerade diese Eigenschaften des Körpers und Geistes brachten es mit sich, daß er frühzeitig zu einer Art Selbstüberhebung kam, die ihn sogar bis zu einem Lebensüberdruß führten. Wäre der Wille, statt sich in einzelnen Phasen zu verlieren, auf ein bestimmtes Ziel gerichtet gewesen, hätte er den Weg verfolgt, den ihm Geburt, Bildung und Gelegenheit bot, so wäre er vielleicht ein Staatsmann geworden von der Art eines Humboldt oder Niebuhr. So aber verlor er sich in dem Bestreben, immer mehr werden zu wollen, und blieb nach der Art der echten Romantiker ein zwischen klassischer Bildung, feurigem Patriotismus und suchender Menschenliebe hin und her geworfener Mann.

Die Liebe zu einem Menschen suchte Marwitz, aber nicht die zu einer spielenden und hübschen Jungfrau, sondern zu einer Frau, die, im Leben stehend, fähig wäre, die sinnlichen Begierden in strenge Zucht zu nehmen, das Verlangen sittlich zu veredeln, sein ohne Scheu und Verbindlichkeit geöffnetes Innere zu verstehen. In den Berliner Kreisen, die um die Schöngeisterei sich scharten, glaubte er solche Seele in der Person der Rahel Levin zu finden. Es war im Mai 1809, als er ihre Bekanntschaft machte und sofort von schrankenlosem Enthusiasmus für sie erglühte. »Sie mag wohl jetzt das größte Weib auf Erden sein«, schreibt er an einen Freund. Und wirklich, Rahel stand damals auf dem Höhepunkt ihres Glanzes und ihrer Beliebtheit, trotzdem sie mit ihren achtunddreißig Jahren den Reiz der Jugend bereits eingebüßt hatte. Aber die leichte, graziöse, kleine Gestalt mit den auffallend zarten Händen und Füßen hatte sich gut erhalten; ihr von reichem schwarzen Haar umrahmtes Gesicht mit einem leichten Zug des Leidens trug den Stempel geistiger Regsamkeit. Die Hauptanziehung aber für alle, die sich ihr näherten, war der Umgangston, die leichte mit Witz und Naivität verbundene Unterhaltung und die warme Teilnahme an den Geschicken anderer; das begeisterte, das bezauberte, denn diese Art des Sichhingebens einer Frau in die natürlichen Formen des Gefühls war damals in der Zeit der steifen Etikette innerhalb der Gesellschaft nicht leicht wieder zu finden. Die schnell wieder gelöste Verlobung mit dem Grafen von Finckenstein, dem Sohne des preußischen Ministers, im Jahre 1797, die darauf erfolgte Reise mit der Gräfin Schlabrendorf nach Paris, sowie die neue Verlobung mit Raphael d'Urquijo 1802 hatten ihrem Gemüt und ihrem Verstande einen weiteren Horizont gegeben, so daß sie freier ihre Lebensschicksale gestalten und Freundin und geliebte Frau werden konnte, wohin immer die Möglichkeit einer seelischen Hilfe sich richten mochte. Sie war damals, 1809, als Marwitz an sie, wie sie selbst mitteilt, einen großartigen, edlen, himmlisch ausgedrückten Brief geschrieben und sie ihm versichert hatte, sie liebe ihn, bereits mit August von Varnhagen so gut wie verlobt und hielt ihm die Treue während fünf schwerer Jahre, aber ihr Freundeskreis blieb nach wie vor in aufrichtiger Verehrung und Liebe ihr zugetan.

Kurz war nur die Zeit, in der Marwitz und die Rahel in engerer freundschaftlicher Verbindung sich ausgleichen konnten; in dem Hause der Frau von Fouqué verkehrten beide und in dem Kolleg von Fichte trafen sie sich, um nach Schluß derselben auf der gemeinsamen Rückkehr über das Gehörte ihre Meinungen auszutauschen. Der Geist, der in Fichtes Reden wehte, war wohl auch der innere Anlaß, daß Marwitzens Groll gegen den Bedrücker Deutschlands wieder aufflammte. Ein Bruder hatte bereits in österreichischem Militärdienst gekämpft und sein Leben in der Schlacht verloren; nun ersetzte ihn Alexander, dem es noch vergönnt war, bei Wagram und Znaim seine Tapferkeit zu beweisen, bis ihn der geschlossene Friede zur Untätigkeit zwang. Eine Begebenheit, die sich nach dem Friedensschluß ereignete, warf einen Schatten auf das in edlem Patriotismus aufstammende Gemüt Marwitzens. In Olmütz erstach er, zornig erregt, seinen ihm brutal entgegentretenden Wirt, und wenn auch dieses vom Augenblick geborene Vergehen für ihn nur eine kurze Haft zur Folge hatte, so lastete doch die Schuld schwer auf ihm und bestimmte die Wendung zur Melancholie, zu Selbstvorwürfen und zu den krankhaften körperlichen Zuständen, die er nie wieder los werden konnte.

In der Untätigkeit, die sein Regiment in Ungarn, wohin es mit den Klenauischen Chevauxlegers marschiert war, fand, trat der Gedanke, seinen Abschied zu nehmen, immer mehr hervor; seine idealen Anschauungen fanden in der fremden Wirklichkeit und der Einsamkeit in seinem Regimentskreis neue Nahrung, und ein zufälliges Zusammentreffen führte ihm die Bilder des Berliner Lebens wieder lebhaft vor die Augen. August Varnhagen von Ense lag mit seinem Regiment in der Nähe, und ihn suchte Marwitz auf, weil er wußte, daß er mit ihm Erinnerungen austauschen konnte, die in beider Herzen in dem einen Namen Rahel gipfelten. Auf einsamen Spaziergängen durch Wiesen und Felder schwelgten die beiden nicht bloß in der Auffrischung der durchlebten Zeit, sondern auch in der gleichen Vorliebe für die Antike und ihre Literatur, besonders für Homer; die Sehnsucht nach Berlin wuchs immer mehr und wurde durch des Freundes Worte bestärkt. Im Herbst 1810 ward der Entschluß ausgeführt; Marwitz ging in die Hauptstadt zurück in der Absicht, sich gänzlich wissenschaftlichen Studien zu widmen; jedoch trieb ihn sein Verlangen nach einem festen Stützpunkt im öffentlichen Leben dazu, daß er bei der Regierung sich einarbeitete, um die Prüfung als Referendar abzulegen. Das Richterkollegium, vor dem er dies tat, verfiel durch sonderbare Fragestellungen seinem Spotte, so daß er sich wieder abkehrte und neue, innige Beziehungen mit Rahel, auf Spaziergängen im Tiergarten oder durch einen regen Briefverkehr, suchte. Sie brachte ihn ganz in ihren Ideenkreis, sprach von Menschen, die zusammen eine Welt bilden könnten, aber lieber in der Religion als in ihren bewährten Freunden eine Gemeinschaft suchten. Die letzte Konsequenz davon, so gesteht sie in einem Briefe, nämlich das Zusammenleben nicht bloß im Geiste, habe sie Marwitzen noch nie gesagt, weil »es zu persönlich sein würde«, aber es könne einmal hervorbrechen, wenn sie getrennt würden. Und das geschah; Marwitz mußte wieder nach Friedersdorf, um das Gut seines Bruders zu verwalten, und schrieb von da fast täglich an Rahel, die – auffallend genug – nicht immer auf seine Briefe einging, sondern oft an ihnen vorbei schrieb. Aber dadurch gerade faltet sie ihr reiches inneres Leben auseinander, wie sie es selten in ihren vielen anderen Briefen getan hat. Sie mußte jemanden haben, dem sie die Bekenntnisse ihrer Irrungen aus vergangener Zeit, ihre melancholischen Träumereien, ihr hingebendes Herz, ihre Klagen über ungerechte Behandlung und Verkennung mitteilen konnte, einen Mann, der nur das verlangte, was sie ihm gab, und doch ihr so nahe stand, daß sie ihm nichts zu verbergen brauchte, der selbst sich unbekümmert und willenlos seinen Gedanken und seinem Verlangen hingab. So kam es, daß beide, die sich gegenseitig vergötterten, frei über ihre Liebesbeziehungen zu anderen reden durften. Es unterscheiden sich in Inhalt und Form wohl oft die Briefe beider, aber in ihnen allen weht der wunderbare Duft der Romantik und gestaltet das Bild der beiden nicht nur voller und tiefer, sondern gibt auch über sie hinweg eine Ausschau in die Welt der Gedanken und Gefühle, die damals edle und schöne Geister erfüllten.

Alexander ladet breit aus, ganz in dem Sinne des Schöngeisterbundes, vertraut ihr alle kleinen Geheimnisse, selbst die Geldsorgen seines Bruders, die Fürsorge für ein leichtsinniges Mädchen, die Liebesgeschichten eines seiner Freunde, und erhebt sich in den Naturschilderungen und den Berichten über Begegnungen zu einer kritischen Schärfe, die durch die Natürlichkeit und Gewandtheit des Stils in bestem Sinne zugunsten des Lesenden beeinflußt wird. Rahel, durch ihre vielseitigen Briefverpflichtungen gezwungen, läßt die Feder, wie es ihr in den Sinn kommt, über das Papier gleiten; die Ansätze zu Gedanken deuten immer auf die geistreiche Frau, aber die Form, der Stil ist manchmal doch zu wenig gepflegt. Vielleicht kommt hinzu, daß Rahel sich beengt fühlte durch Verbindlichkeiten anderen Freunden gegenüber, die ihr mit Eifersüchteleien kamen wegen der vermeintlichen Bevorzugung von Marwitz. Besonders Friedrich von Gentz, der gewandte, viel verlangende Weltmann, war ein nicht zu verachtender Nebenbuhler, während Varnhagen, der Verlobte der Rahel, gutmütig den Irrgängen und Wunderlichkeiten zuschaute. Er war seit Anfang März 1811 in Wien, ging dann nach Prag und Berlin, von wo er seine Braut nach Teplitz begleitete. In Dresden sahen sich auf der Rückreise Marwitz und Rahel wieder und verlebten im September dort ein paar hübsche Tage in Natur- und Kunstgenüssen. In einer Eigenschaft gleicht sich das Freundespaar, in ihren Briefen sowohl, wie wahrscheinlich auch in ihrem persönlichen Verkehr, indem sie damals noch die politischen Ereignisse fast gänzlich zur Seite ließen, bis in der Zeit der ersten Erfolge in dem Befreiungskampf Preußens 1813 ihre Begeisterung und ihr Eifer für die patriotische Sache sich offenbarte.

Marwitz hatte aber seine Verbindungen mit der Patriotenpartei von Königsberg her nicht aufgegeben, die von einem allgemeinen Aufstande gegen Napoleon allein das Heil suchten. So unausführbar die Pläne damals erschienen, so gewannen sie Boden, als die ersten Nachrichten von dem verunglückten Zuge nach Rußland bis nach Preußen kamen. Das Stürmen und Drängen zu einem entscheidenden Schlage fand kein Gehör bei Hardenberg und dem preußischen Hofe; da entschloß sich Alexander, der vorher wieder einmal eine Zeitlang das Gut Friedersdorf verwaltet hatte, gegen Ende 1812 zu General York nach Ostpreußen zu reisen, wo er bald eine ersprießliche Tätigkeit entfalten konnte; denn er wirkte mit, daß sich die Provinz für York und Rußland erklärte, und half tatkräftig bei der Errichtung der Landwehr. In den ersten Tagen des Februar 1813 kam er nach Friedersdorf zurück, blieb aber nicht lange, denn es riß ihn fort, an der Erhebung der Preußen tätigen Anteil zu nehmen. Mit seinem Bruder Friedrich reiste er über Frankfurt nach Landsberg und Soldin, wo er Tettenborn fand, den kühnen Reitergeneral, der mit seinem russischen Korps in der Richtung Berlin vorstieß. Jedoch war Marwitzens Bleiben dort nicht von langer Dauer; der unstete, von eigenen Ideen erfüllte junge Offizier konnte mit dem schroffen Wesen des Älteren nicht fertig werden, und so verließ er ihn, um sich nach Breslau zu begeben, wo das Hauptquartier des Widerstandes war und die Freunde Marwitzens sich gesammelt hatten. Aber auch hier hielt er nicht lange aus, da er mit seinen vorwärtsdrängenden Ansprüchen hingehalten wurde, und er ging im Frühjahr 1813 zu Dörnberg, der unter Wittgenstein im russischen Heere diente. Der Weg führte ihn über Berlin, wo er Rahel wiedersah und mit ihr eine kurze, glückliche Zeit durchlebte. Er kam noch gerade zurecht, um unter Dörnberg das siegreiche Gefecht bei Lüneburg mitzumachen, das mit der Vernichtung eines französischen Korps endete. Aber die danach einsetzende Ruhepause trieb den Rastlosen weiter. Er begab sich zu dem russischen Reiterführer Tschernischew, dessen Ruhm damals gerade durch einen kühnen Zug gegen den französischen General Angereau in Berlin in aller Munde war. Bei Halberstadt und bei dem Vordringen gegen Leipzig konnte Marwitz seine Tapferkeit erneut beweisen; auch während des Waffenstillstandes hatten politische Missionen, die ihm übertragen wurden, Erfolg. In der Zeit vom 21. bis 24. August stand er mit Tschernischews Korps bei Bosdorf in der Gegend von Wittenberg, als sich ihm Gelegenheit bot, mit seinen Kosaken polnische Infanterie zu attackieren. Dabei wurde ihm sein Pferd erschossen, er kam, von seinen Leuten verlassen, unter die Feinde, erhielt noch sieben oder acht Wunden und wurde schließlich als Gefangener nach Wittenberg abgeführt. Die Polen hatten ihn gut behandelt, aber die Franzosen, die ihn erst nach Leipzig und dann weiter westwärts schafften, vergingen sich in schändlicher Weise an dem Verwundeten. Trotzdem gelang es ihm, in einer stürmischen Nacht bei Buttelstedt zu entkommen und sich durch Thüringen, Bayern und Sachsen unter Entbehrungen und Entkräftigung bis nach Prag durchzuschlagen.

Dort fand er in dem Hause einer Frau von Raimann Unterkommen und Pflege, dort fand er auch seine Freundin Rahel wieder, die während der Kriegswirren mit vielen andern eine Zuflucht in der böhmischen Hauptstadt gesucht hatte. Die beiden Frauen nahmen sich in rührender Weise des Verwundeten an, während seine eigene unverheiratete Schwester, die auch in Prag weilte, sich gar nicht um ihn kümmerte. Karoline von Humboldt, die Frau Wilhelms, versorgt ihn mit Binden für seine steife Hand, Rahel bereitet eigens Kräuterbäder und Aufgüsse, und Marwitz sitzt still am Fenster und liest Plato oder besorgt für einen andern Verwundeten, den Rahel noch pflegt, Arzt und Medikamente. So bleibt er bis Anfang Dezember 1813 in treuer Hut; seine Hand bessert sich, so daß er wieder schreiben, aber wohl nicht mehr mit dem Säbel hauen kann, und seine Seele mildert sich, wie Rahel schreibt, immer mehr, so daß sie ihn anschaut wie ein ihr von Gott gesandtes Wunder.

Daß trotzdem Rahel die Abreise des Wiederhergestellten wünscht, wie sie ausdrücklich in einem andern Briefe schreibt, ist wieder eins der ausgeprägten Zeichen ihres Seelenbundes. Für ein längeres Zusammenleben mit dem Freunde war Rahel nicht geeignet; ihre Gedanken schweiften weit über das Bewußtsein einer Liebe zu einem Einzelnen hinaus, und Marwitz selbst, der unstete, durch die ausgestandenen Gefahren und Leiden aufgeregte, war nicht der angenehmste Gesellschafter. Nachlässigkeit, Vergeßlichkeit und Ungeschicklichkeiten, so schreibt Rahel, führten Verärgerungen herbei, und der Mangel des Anerkennens ihrer Zärtlichkeit, »des Witzes der Liebe«, wuchs immer mehr. Schließlich gab aber zu der Trennung beider Eifersucht den Ausschlag. Rahel wohl durfte für sich einen weiten Kreis ihrer Verehrer in Anspruch nehmen, mit denen sie ein wechselndes Spiel trieb, Marwitz aber, der jene auch zur Vertrauten seiner Liebesaffären gemacht hatte, gewann nicht dadurch, daß er nun in persönlichem Verkehr mit der Freundin offen über ein weibliches Wesen, welches ihm gefiel, sprach und sein Betragen gegen ein Weib, das er zu lieben meinte, zur Schau trug. Mit diesen Worten berichtet Rahel an Karoline von Humboldt ihre Herzenssachen. Wer diese beiden Frauen gewesen sind, liegt nicht klar zutage. Wohl aber ist es wahrscheinlich, daß die eine Henriette Schleiermacher gewesen ist. Zu ihr führen noch Fäden hinüber bis in die Zeit von 1813. Erst aus den Briefen des großen Theologen an seine Frau erhalten diese Beziehungen zum ersten Male eine eigenartige Beleuchtung. Die Spuren der Bekanntschaft beider reichen bis in das Jahr 1809 zurück, also in die Zeit, als Marwitz in Berlin war, ehe er nach Österreich ging. Daß beide Männer sich in dem Kreise der Patrioten kennen gelernt haben, ist anzunehmen, daß Henriette, die im Mai desselben Jahres als junge Frau Schleiermachern nach Berlin gefolgt war, durch ihre Lieblichkeit und Natürlichkeit auf den leicht entzündbaren Marwitz einen tiefen Eindruck gemacht haben konnte, ist ebenso wahrscheinlich. Aus der Vertrautheit wurde eine still flackernde Liebe, entzündet durch den Mann, genährt durch die Frau. Schleiermacher hat davon gewußt; ein Zufall brachte eine Zeichnung der Wohnung Marwitzens in Potsdam von der Hand seiner Frau, das Fragment einer Elegie des Solon, das Marwitz übersetzt hatte, und einzelne kleine Zettel der Rahel, die die Vermittlerin zwischen beiden Liebenden gewesen sein muß, vor seine Augen. Offen schreibt er darüber seiner Frau, warnt sie, die damals 1813 der Kriegsgefahr wegen in Schlesien war, vor einem Wiedersehen mit Marwitz, hat auch mit letzterem eine scharfe Aussprache, läßt aber sonst, still beobachtend, die beiden ihren Weg gehen in der Hoffnung, daß der Irrgang der Herzen ein gutes Ende finden würde. Und darin hat er sich nicht getäuscht; die Gattenliebe siegte und hat keinen Makel zurückgelassen. Die Kunst, die Leidenschaft zu einer Freundschaft hinüberzuleiten, hat Schleiermacher ausgezeichnet verstanden; so konnte er denn nunmehr der entfernten Frau unbefangen Nachricht von den Schicksalen des in den Kriegsläuften weit Umhergetriebenen geben. Die Trennung löste das Verlangen in eine stille Sehnsucht auf. Rahel aber ward nicht mehr die Vertraute der Herzensangelegenheiten des Mannes, dem sie einst geschrieben, daß sie vor Sehnsucht vergehe und ihre Neigung immer tiefer ergründen und anbeten wolle.

So war die Stimmung der beiden, der Rahel und Alexanders, als sie im Dezember 1813 in Prag zusammen waren, eine andere, ruhigere geworden, so daß die Abreise des Freundes eine Erlösung war. Es stürmte wieder in dem Genesenen; das Gefühl, den großen Siegen des Jahres 1813 fern bleiben zu müssen, hatte unerträgliche Fesseln um ihn geschlagen. Jetzt sprengte er sie; er ging zur Armee und ward Adjutant des Generals Pirch. Die Briefe werden seltener; nur einmal, so berichtet Rahel der Freundin unter dem 10. Februar, hätte Marwitz an sie von Schwalbach aus geschrieben. Am folgenden Tage, den 11. Februar, traf ihn in dem Gefecht von Montmirail, dem ersten, dem er wieder beiwohnte, eine feindliche Kugel in die Schläfe, so daß er sofort tot war. Erst am 18. April erhält Rahel in Prag die Nachricht durch den Brief der Frau Schleiermacher; sie läuft zu ihrer Freundin Auguste Brede, bei der sie wohnte, und diese, als sie den Brief gelesen, teilt ihr die Nachricht mit mit den Worten »Es ist nur Marwitz«.

Es war nur Marwitz. Im ersten Gefühl wohl hat Rahel an einen andern gedacht, der ihr entrissen sein könnte. Aber vergessen war der Getreue nicht; in ihren Briefen gedenkt sie seiner, besonders wenn sie das Freie sieht, das er so sehr liebte, und das Geständnis gibt für sie ein ehrendes Zeugnis der Tiefe ihres Fühlens wieder: »Marwitz war der letzte, den ich über mich stellte; mit Tränen hat er's gebüßt, und steinern fand mich dieser Engel, der aber nicht mehr war als ich.«

Zur Einleitung. Die Briefe der Rahel und Alexanders von der Marwitz sind hier zum ersten Male nach den Originalen herausgegeben. Sie befinden sich in der Staatsbibliothek zu Berlin; eine ältere Abschrift mit einzelnen Varianten der Briefe M.s besitzt die Literaturarchiv-Gesellschaft. Die Veröffentlichung einiger Briefe, mit großen Auslassungen, Änderungen und Lesefehlern hat Varnhagen in »Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. (Als Handschrift)«, Berlin 1833, neue Ausgabe, ebendort 1834, Duncker und Humblot, und in der »Galerie von Bildnissen aus Rahels Umgang und Briefwechsel« 1838, besorgt. Ein Brief ist im »Euphorion«, Bd. 14, S. 309, veröffentlicht: ein anderer, sowie das Fragment einer Niederschrift von Marwitz befinden sich in den »Briefen von der Universität, aus dem Nachlaß Varnhagens« 1874. Sie enthalten auch den Briefwechsel Marwitzens mit Adolf Müller, dem Sohne des mit Steffens und Schleiermacher befreundeten Bremer Musikdirektors Wilhelm Christian Müller. –

Quellen für die Lebensgeschichte Alexanders sind: Aus dem Nachlasse Friedrich August Ludwigs von der Marwitz auf Friedersdorf, Kgl. Preuß. General-Lieutenants a. D. 1852; neu herausgegeben mit Anmerkungen von Friedrich Meusel unter dem Titel »Friedrich August Ludwig von der Marwitz. Ein märkischer Edelmann im Zeitalter der Befreiungskriege«. I. Lebensbeschreibung. 1908, wo auch andere Literaturnachweise, besonders der bei Th. Fontane, Wänderungen durch die Mark Brandenburg II., achte Auflage, S. 229 ff., gegeben sind. Eine Ergänzung bildet der Briefwechsel zwischen Varnhagen und Rahel. 2. Bd. 1874, in welchem Nachrichten über Marwitz eingestreut sind.

Die Orthographie ist nach der neuen Schreibweise geändert, wodurch zahlreiche falsche Schreibweisen, besonders der Rahel, getilgt sind. Auch wurden in den Briefen der letzteren einzelne Zusammenziehungen der kurzen, unvermittelten Sätze, vorgenommen und die Interpunktion, besonders durch Hinweglassung der vielen Ausrufzeichen innerhalb der Sätze vereinfacht. – Unter den vielen neuen Persönlichkeiten, die in den Briefen vorkommen, sind einige nicht näher zu bestimmen und in den Anmerkungen deshalb nicht aufgenommen, andere nur vermutungsweise festzustellen, wobei die Schreibweise der Rahel, nach dem Gehör oder französiert und die absichtliche Änderung der Anfangsbuchstaben in den von Varnhagen mitgeteilten Briefen noch hindernd dazutritt.

Die Endnoten sind als Fußnoten bzw. Endnoten zum jeweiligen Brief gestellt worden. Projekt Gutenberg-DE, Re.

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