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Stephan Milow: Rache - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorStephan Milow
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Fünfter Band
titleRache
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeFünfter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
projectid13aa15d5
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In der Steiermark, wo sich die Mur nach einem scharfen Buge gegen Osten Ungarn nähert, lebte am Rande eines kleinen Landstädtchens in einer hübschen Villa der Graf Viktor Neukirchen mit seiner Frau. Jung – er hatte kaum die Dreißig überschritten – und von höchst gewinnender Erscheinung, war er dabei heiter und lebenslustig, ein leichtes Blut, wie es sein noch im besten Mannesalter verstorbener Vater gewesen. Da Neukirchen auch die Mutter früh verloren hatte, blieb seine Erziehung ziemlich unüberwacht. Man gab den Knaben zuerst in ein Institut, wo er nicht viel lernte; später brachte er es glücklich zum Reserveoffizier, und damit schloß er sein Wirken im Staate ab. Außer seinem kleinen Landsitze war ihm von den Eltern kein Erbe zugefallen; in der Familie bestand aber eine Stiftung, aus welcher die männlichen Glieder eine Lebensrente bezogen, und diese Rente hatte im Laufe der Jahre durch den Tod der meisten Anwärter eine beträchtliche Höhe erreicht. Neukirchen konnte also ganz seiner Neigung, das heißt dem Nichtstun, dem Vergnügen, leben. Vor zwei Jahren hatte er sich vermählt. Seine Frau, sie hieß Zoë, war das einzige Kind eines hohen Militärs, der aber bei seinem Tode kein Vermögen hinterließ. Neukirchen hatte die um fünf Jahre jüngere Zoë einmal in einer Gesellschaft gesehen und war von ihr so bezaubert, daß er, da seine Gefühle Erwiderung fanden, sogleich um sie warb. Bald nach der Hochzeit waren sie zu dauerndem Aufenthalt hier eingezogen. Es ließ sich ja in diesem freundlichen Erdenwinkel gut sein. Die in der Umgebung verstreuten Schlösser boten angenehme Nachbarschaften. Da wurden Besuche ausgetauscht, gemeinsame Ausflüge unternommen u. dgl. Nie fehlte es an irgend einer heiteren Veranstaltung. Zoë wünschte sich das eigentlich gar nicht, ihr Wesen neigte mehr zum Ernste und zur Stille; aber ihr blieben ja trotz des lebhaften Verkehrs mit den Bekannten noch immer genug Stunden völliger Abgeschiedenheit, und sie konnte, wenn sie unter Menschen war, auch bei jedem Scherze recht herzlich mittun. Schon aus Liebe zu dem Mann, mit dem sie ihr Los verknüpft, hätte sie sich freudig seiner Weise angeschmiegt.

Ja, die einzig schöne Frau mit den edelsten Herzenseigenschaften liebte ihren Gatten unendlich, so daß ihn die ganze Männerwelt um ihren Besitz beneidete, und doch war er ihr untreu, untreu, nachdem er die heiß Ersehnte kaum errungen hatte. Das flüsterten gar manche einander heimlich in das Ohr, nur sie merkte es nicht, zum mindesten verriet sie nie etwas davon. Dazu wäre sie vielleicht auch zu stolz gewesen. Und wenn er flattersinnig war, wenn er liebte, wo er nicht sollte, so blieb er dabei gegen seine Frau doch immer gleich zärtlich und aufmerksam. Er schien das Eheband durchaus nicht als Fessel zu empfinden. Darum mochte sie auch seine Untreue für unmöglich halten.

Das Landhaus Neukirchens, ein Hochparterre, zu dem mehrere Stufen hinanführten, stand in einem von einem hohen eisernen Gitter eingefaßten kleinen Ziergarten mit der Hauptfront ziemlich nahe an der außerhalb des Gitters vorbeiführenden Landstraße. Es gab da nicht viele Wohnräume; gleichwohl besaßen die Ehegatten getrennte Schlafgemächer, zwischen welchen sich eine Art Sprech- und Lesezimmer befand. Neukirchen hatte das so eingerichtet, um, wie er sagte, Zoë nicht zu stören, wenn er manchmal von einem Besuche, den er allein gemacht, spät in der Nacht heimkehrte. Knapp an das Herrenhaus schloß sich ein längliches niederes Gebäude, das den Stall und mehrere Gelasse für einen Teil der Dienerschaft enthielt. Das Ganze machte einen bescheidenen, aber sehr anheimelnden Eindruck, und wenn Neukirchen zunächst sein Stall, in welchem vier schöne Pferde standen, alles galt, so guckte Zoë in freudiger Geschäftigkeit überall hin, wo das kleine Anwesen ein wachsames Auge erheischte. Besonders den Garten nahm sie in ihre Obhut Da war ja immer etwas zu tun, und wie gern weilte sie in der schönen Jahreszeit auf ihrem Lieblingsplätzchen unter der großen Linde, die, nur wenige Schritte vom Hause entfernt, die schattigen Äste ausbreitete!

Heute – es war an einem sonnigen Septembernachmittag – saß sie wieder da. Sie hatte eben einen Brief, den sie an die Mutter geschrieben, zusammengefaltet und blickte sinnend durch die Lücken des Laubwerks in den leuchtenden Himmel. Ihre Gedanken hingen noch an der fernen Teuren, der sie von ihrem Leben erzählt, und sie sagte sich, daß sie gegen sie eigentlich nicht ganz aufrichtig gewesen. Freilich, ihr Heim erfüllte sie mit großer Freude, gleichwohl – genoß sie an der Seite ihres Gatten wirklich das völlig ungetrübte häusliche Glück, das sie ihrer Mutter geschildert? Regte sich in ihr nicht manchmal etwas Geheimnisvolles, das ihr leise die Brust beklemmte? Aber wie hätte sie von dem, was sie sich selbst noch nicht klar machen konnte, zu einem andern sprechen sollen? Und ihre Mutter, alt und leidend, bedurfte der größten Schonung. Ob ihr Zoë auch sonst nie etwas verbarg, alles Schmerzliche mußte ihr fern gehalten werden.

Jetzt schlich sich der Bediente Joseph, ein noch junger Mensch, mit einer gewissen Beklommenheit zu ihrem Tisch heran, wie einer, der etwas auf dem Herzen hat, das er sich nicht zu sagen getraut.

»Nun, was gibt's denn?« rief ihm Zoë ermunternd entgegen.

»Ach« – und er machte eine lange Pause – »heiraten möcht' ich!«

»So?«

»Antworten gräfliche Gnaden darauf nichts Schlimmeres? Da krieg' ich Courage. Der Herr Graf hat mich gar nicht weiterreden lassen und gesagt: rsaquo;Nein, Joseph, verheiratete Dienstleute mag ich nicht!rlsaquo; Darum wollt ich recht schön bitten, daß Sie für mich ein gutes Wort einlegen.«

Joseph, ein durchaus braver, treuer Diener, hatte nur den einen Fehler einer allzu großen Leidenschaft für das weibliche Geschlecht. In Liebesangelegenheiten ließ er sich leicht arge Ausschreitungen zu schulden kommen, und es gab deshalb mit ihm schon wiederholt Anstände.

»Haben Sie auch alles wohl überdacht?« entgegnete Zoë. »Passen Sie zum Ehemann?«

»O gewiß! gewiß! Meine Lina lieb' ich über alles, und keine andere mehr soll für mich auf der Welt sein.«

Zoë lächelte. »Ihre Lina?«

»Ja. Sie kennen sie auch: die Tochter des Gärtners vom Baron Rittberg.«

Das war ein Nachbar der Neukirchens, den sie manchmal besuchten, etwa eine Stunde Weges vom Städtchen entfernt.

»Die? Nun, hübsch ist sie.«

»Nicht wahr?« rief er leuchtend. »O wenn wir uns heiraten könnten! Lina möchte ja gern jeden Dienst im Hause leisten.«

Zoë überlegte. Eigentlich hätte Joseph eine Heirat vielleicht wohl getan und den Verdrießlichkeiten, welche er zuweilen seinem Herrn bereitete, ein Ende gemacht. Für seine Frau ließ sich wohl auch irgend eine Verwendung finden. »Ich bin nicht dagegen; ob ich aber den Grafen dazu bestimmen kann –«

»Juchhe!« Und er drehte sich um die Ferse. »Ich wußte es ja, Sie sind so gut, Sie helfen überall, und Sie werden's auch hier können. Jetzt ist mir nicht mehr bang.« Er näherte sich ihr, griff nach ihrer Hand und küßte sie ungestüm.

»Schon gut!« wehrte sie ab. »Ehestiften bleibt immer eine gewagte Sache. Ich hoffe, es schlägt zum Heil aus, wenn ich's überhaupt durchsetze.«

Joseph rannte überglücklich davon.

Als später Neukirchen zu Zoë kam, brachte sie die Angelegenheit zur Sprache. Er war hartnäckig dagegen. Endlich fragte er: »Wen will er denn zum Weibe nehmen?«

»Die Gärtnerstochter von Rittbergs.«

»Die Blonde? Ich glaube, ich habe sie gesehen.«

»Ja, blond ist sie und ein auffallend schönes Geschöpf.«

»Bist du wirklich so sehr dafür?« murmelte er und schien sich in Gedanken zu verlieren. »Nun, in Gottes Namen. Ich habe ja den Burschen recht gern. Schließlich wagen wir auch nicht mehr dabei, als daß wir ihm etwa eines Tages mitsamt seinem Weibe den Abschied geben müssen.«

»Ich danke dir, Viktor. Der Mann wird jubeln. Möchte er gut gewählt haben!«

Sie wandelten nun beide im Garten umher. Viktor hatte den Arm um Zoës Leib geschlungen. Sie blickte ihn mit ihren dunklen, von langen Wimpern stark beschatteten Augen bei aller innigen Wärme wundersam ernst an, indem sie sagte: »Wer selbst glücklich ist, macht gern andere glücklich. Aber findest du bei mir auch dein volles Glück?«

»Welche Frage! Das mußt du doch fühlen.«

»Ja, wenn ich meine Zuversicht nur aus meiner Liebe zu dir schöpfen dürfte, dann brauchte ich mich freilich weiter nicht zu sorgen.«

»Sorgen! Wie kommt dir dieses Wort in den Mund? Was hast du nur?«

»Nichts! Torheit! Verzeihe mir!« Und ihr Blick erhellte sich, während sie leise lächelte.

Er drückte sie nur fest an sich.

Wenn man dieses Paar so beisammen sah, erschien es wahrhaftig undenkbar, daß zwei je schöner zueinander passen könnten. Er groß und kräftig gebaut, elastisch in jeder Bewegung, blondhaarig und das wohlgebildete Gesicht strahlend von Heiterkeit; sie auch mehr groß und schlank, das reiche Haar rabenschwarz und der Ausdruck der edlen Züge ganz einzig durch eine unsagbare Mischung von überlegenem Ernst und hingebender Milde.

»Aber wir müssen ja heute zu Rittbergs,« sagte er jetzt. »Sie erwarten uns. Da mag Joseph seine Erkorene gleich als Braut begrüßen.«

Als sie sich dem Hause näherten, trat der Bediente gerade aus der Tür. »Franz soll einspannen. Nach Freihof! Du fährst auch mit,« rief ihm Neukirchen zu.

Das sagte Joseph, daß er seine Sache gewonnen hatte, und mit einem Freudensprünge verschwand er gegen den Stall, während die Ehegatten in das Haus gingen.


Auf dem Freihofe gab es heute eine kleine Abendunterhaltung.

Baron Rittberg, ein Fünfziger, war Major außer Dienst und Dilettant in der Landwirtschaft. Der ansehnlich reiche, aber höchst einfache Mann, dessen Ehehälfte ihm an Bedeutungslosigkeit so ziemlich gleichkam, und dem der Himmel keine Kinder geschenkt hatte, hielt gern offenes Haus. Er fahndete ordentlich nach seinen Nachbarn, die ihn nicht sehr eifrig zu besuchen pflegten. Jetzt aber befand sich eine besondere Anziehung bei ihm, Frau von Turnau, eine ihm verwandte junge Witwe. Ohne gerade schön zu sein, offenbarte sie in Blick und Miene ein sprühendes Leben und wußte durch ihren Geist und Übermut die ganze Umgebung in Aufruhr zu versetzen. Sie weilte nun schon seit Monaten auf dem Freihof als Gast.

Außer Neukirchens hatte sich noch ein Nachbar, ein Gutsbesitzer mit Frau und zwei Töchtern, allesamt recht schlichte Menschen, bei Rittbergs eingefunden.

Zuerst machte man einen Rundgang durch den schönen Park; denn der Baron liebte es, jedem immer wieder die Prachtexemplare der von ihm gepflanzten seltenen Bäume und Sträucher zu zeigen. Dabei kam die Gesellschaft auch am Gärtnerhause vorüber, vor dessen Tür Joseph und Lina plaudernd saßen. Schon früher war von der Verlobung der zwei gesprochen worden. Da rief Rittberg, auf den mit seiner Braut aufspringenden Joseph deutend: »Entführt uns der unsere Lina! Aber einen guten Geschmack hat er.« Und in der Tat fiel allen wieder die bestrickende Erscheinung des Mädchens auf.

»Sie waren ja gegen diese Verbindung?« wandte sich Frau von Turnau im Weiterschreiten zu Neukirchen.

»Allerdings; aber ich fügte mich zuletzt,« erwiderte er nicht ganz unbefangen.

»Kam Ihr Widerstand etwa daher, daß Sie wie ich meinen, wenn man auch keine zu garstigen Leute im Hause haben mag, so kann es wieder mit zu schönen ganz ungeahnte Verwicklungen geben?« Und sie blickte ihn bei diesen Worten so schlau an, daß sie ihn vollends in Verlegenheit setzte.

Aber er sammelte sich rasch und gab ihr scherzend recht. »Freilich. Und gar mit zu schönen Frauen! Da muß man immer auf das größte Unheil gefaßt sein.«

Die junge Witwe war heute in ganz ausbündiger Laune und übersprudelte ohne Unterlaß. Ob wohl die Gegenwart Neukirchens so auf sie wirkte? Wenigstens hatten die Besucher des Freihofes längst die Bemerkung gemacht, sie sei, wenn auch immer voller Heiterkeit, doch geradezu ausgelassen, so oft er erscheine.

Mit der hereinbrechenden Dämmerung begab man sich in das Schloß, um etwas Musik zu treiben. Als die Gesellschaft in das Tor trat, drehte sich die voranschreitende Zoë zufällig um. Da zuckte sie zusammen, denn sie gewahrte, wie ihr Mann, der ganz hinten mit Frau von Turnau ging, seine Hand in die ihre legte, während sie einander anlächelten. Es war nur ein Augenblick, aber Zoë hatte ihn erhascht; freilich sah sie dabei das Schlimmste nicht, nämlich, daß Neukirchen in die dargebotene Hand ein Brieflein gleiten ließ.

Oben angekommen, setzte sich Frau von Turnau ans Klavier und spielte mit großer Geläufigkeit einen Walzer von Chopin. Dann sprang sie auf, griff nach einem Häuflein Noten, die auf einer Etagere lagen, und sagte, darin blätternd, zu Jos: »Nun, Gräfin, welches Lied?«

Zoë hatte eine schöne Sopranstimme und sang ganz trefflich, wobei Frau von Turnau, seitdem sie hier zu Gast war, die Begleitung zu übernehmen pflegte.

»Heute singe ich nicht; ich bin nicht disponiert,« entgegnete Zoë, ernst vor sich hinblickend.

Da entfuhr allen ein Ah! des Bedauerns.

»Aber Zoë, warum denn nicht? Bitte um mein Lieblingslied: Er, der Herrlichste von allen!« rief Neukirchen.

Sie warf ihm einen raschen blitzenden Blick zu. Ja, dieses Lied sang sie stets mit besonderer Wärme, als dächte sie dabei an ihn. Aber heute fehlte ihr gerade dazu völlig die Stimmung. »Unmöglich!« beharrte sie in festem Tone.

»Wenn ich singen könnte, ließe ich mich nicht so bitten,« bemerkte Frau von Turnau mit einem Lächeln.

Statt aller Antwort blickte Zoë nun auch sie durchdringend an.

Es entstand eine Pause. Da die Verhandlungen diesen Lauf genommen, wagte der Hausherr gar nicht mehr einzugreifen, und man gab das Musizieren auf.

Während des Abendmahls lagerte sich über alle eine gewisse Schwüle; es wollte trotz der Bemühungen der lebhaften jungen Witwe kein rechtes Gespräch in Fluß kommen. Der so auffallende stumme Ernst Zoës hielt alle im Bann, und jeder fragte sich, was ihr wohl geschehen sein möge.

Endlich brach man auf.

Zoë blieb auf der Heimfahrt völlig schweigsam, während ihr Mann, wie immer, über dies und das seine Bemerkungen machte und auch Frau von Turnau einige, allerdings nicht zu arge Hiebe versetzte.

Ist er so falsch? klang es in ihr. Es war gut, daß die beiden Nacht umgab; denn sonst hätte er sehen müssen, wie sich bei diesem Gedanken ihr Gesicht verfinsterte.

Als sie zu Hause angelangt waren, bat sie ihn vor dem Scheiden noch in das Gemach, das zwischen ihren Schlafzimmern lag.

»Viktor,« begann sie, und ihre Brust wogte. Was sie bis zu diesem Augenblicke mühsam in sich Verhalten hatte, drängte jetzt mit Allgewalt hervor. »Du wirst mir das Zeugnis geben: ich war gegen dich nie kleinlich. Deine Art, zu sein, habe ich nie bemäkelt, wenngleich sie mir vielleicht manchmal hätte auffallen können. Auch darüber stellte ich dich nicht zur Rede, daß du in diesem Sommer so oft ohne mich den Freihof besuchtest; aber – wie konntest du heute der Turnau verstohlen die Hand drücken?«

Ihr Gatte bebte zusammen. Er hatte keine Ahnung, daß Zoë seine Bewegung wahrgenommen. Aber sie schien ja doch nicht alles gesehen zu haben. »Es war ein augenblicklicher Übermut, hervorgerufen durch das überquellende Wesen dieser Frau,« gab er zurück.

»Ist das möglich? Ein harmloser Übermut, wie er der Jugend hingehen mag, die zum ersten Male die Flügel regt? Woher ein solches Gefühl? Du bist doch mein Gatte.« Ihre zürnende Erregung schwoll immer stärker an und sie setzte mit gehobener Stimme hinzu: »Gerade weil die Turnau eine offenkundige Kokette ist – ja, das ist sie! – hätte dir so etwas nimmermehr beifallen sollen. Oder – du bist schuldig!« Dabei sah sie ihn scharf mit einem drohenden Blick an.

»Aber Zoë! Welcher Verdacht!« murmelte er verwirrt.

Die Brust voll bitteren Wehs, rang sie mit ihren Zweifeln. Endlich fügte sie, düster vor sich hinstarrend: »Ob ich es auch wie etwas Undenkbares von mir abweisen mochte, ich finde keine andere Lösung.«

»Und doch tust du mir unrecht,« beteuerte er, etwas mutiger geworden. »Meine ausgelassene Laune begreife ich jetzt selbst nicht; aber sei gewiß, daß dahinter nichts weiter zu suchen ist.«

Sie schien noch mit sich zu kämpfen. Da, schüttelte sie sich plötzlich und reichte ihm die Hand. »Du sagst es; ich will, ich muß dir glauben, denn sonst –!« Ihr Atem ging schwer. »Weißt du, wie ich dich liebe? Und du mich betrügen? Nein! nein! Es kann nicht sein. – Reden wir nicht mehr davon!« Und wieder richtete sie einen Blick auf ihn, in dem ein ganz unbeschreiblicher Ausdruck lag. Er war flammender Groll und weiche Liebe, das Strafgericht und die Lossprechung zugleich. Ob wohl dieser Blick ihrem Gatten so tief in die Seele drang, wie er sollte?

Neukirchen umarmte seine Frau und trennte sich von ihr mit entlastetem Herzen.

Als nach wenigen Wochen Frau von Turnau den Freihof verließ, um nach Hause zurückzukehren, war vollends jeder Schatten, der das gute Einvernehmen der Ehegatten hätte stören können, ganz verschwunden.

Am Beginn des nächsten Karnevals wurde die Vermählung Josephs mit Lina gefeiert. Rittbergs und Neukirchens hatten in sehr freigebiger Weise für die Ausstattung des Paares gesorgt. Josephs Frau trat bei seiner Herrschaft als Küchenmädchen in den Dienst, mit der Aussicht, einmal zur Köchin emporzurücken, und die Neuvermählten bezogen eine Stube im Wirtschaftsgebäude. Außerdem behielt Joseph sein Zimmer neben dem Grafen.

Das gab nun für die beiden ein seliges Leben. Besonders er ging immer mit leuchtenden Augen umher, sie dagegen war schon durch ihre Erscheinung ein herzerfreuender Schmuck des kleinen Hauswesens. So unsäuberlich oft ihr Amt war, sie selbst sah immer blank und zierlich aus. Dieser Vorzug hatte freilich auch seine Kehrseite: zu gefallen, machte ihr jedenfalls mehr Sorge als ihr Dienst, und es war nicht bloßes Übelwollen der Köchin, die zunächst über sie herrschte, wenn sie sie oft anknurrte und zu sagen liebte: »Das leichte, putzsüchtige Ding wird nie etwas Rechtes lernen!« Vorderhand besiegte Lina spielend ihre Gegnerin: sie brauchte nur mit ihrem bildhübschen, lieblichen Gesichte die Menschen anzulächeln.

Die Herrschaft hatte während der Flitterwochen des jungen Paares einen längeren Ausflug nach Italien unternommen, von dem Zoë ganz glückstrahlend zurückkehrte. Wie schön war diese Reise! Wie voll der rührendsten Sorge für seine Frau offenbarte sich Neukirchen die ganze Zeit über! – Als sie wieder die gewohnten lieben Räume betraten, herrschte noch ein strenger Winter, obwohl fast schon der Februar zu Ende ging. Rings lag tiefer Schnee, und die Tage waren bitter kalt. Das schränkte den Verkehr mit den Nachbarn ein. Zoë freuten Schlittenpartien nicht. Kurze Ausfahrten machte er allein; im übrigen schien jetzt auch ihm nichts lieber, als zu Hause zu bleiben. Sie schlossen sich traulich in die warme Stube, lasen einander vor oder redigierten zusammen ihre Reisenotizen.

Und doch – wieder betrog Neukirchen seine ahnungslose Frau, die ihn erst jetzt so ganz als den Ihren wähnte. Während er ihr als der liebenswerteste Gatte erschien, umgarnte er eine andere, auf die er schon lang sein Auge geworfen: Lina, das Weib Josephs. Da hatte ein so vornehmer Herr leichtes Spiel. Der war mit ein paar Schmeicheleien bald der Kopf verrückt. Das übrige taten Geschenke. Schmückte sie sich doch so gern, und Grundsätze besaß sie nicht. Doch spann er seine Fäden zu ihr so heimlich, daß niemand im Hause davon etwas merkte, da auch sie sich schlau zu verstellen wußte.

Zoë litt an Migräne. Das war das einzige, was, wenn man so sagen darf, ihre Vollkommenheit beeinträchtigte. Zum Glücke stellte sich das Übel selten ein; wenn es sie aber packte, nahm es ganz von ihr Besitz. Sie blieb dann gewöhnlich ein paar Tage lang für die Welt verloren. Ein solcher böser Anfall hatte sich heute wieder einmal gemeldet. Zoë lag mit heftigen Kopfschmerzen zu Bette, unfähig irgend etwas zu tun, der größten Ruhe bedürftig. Ihr Mann sah nur ab und zu nach, wie es ihr gehe, und verließ sie gleich wieder nach kurzen Minuten.

Es war nachmittags im April. Ringsum gab es längst keinen Schnee mehr, ein warmer, belebender Hauch wehte über die Erde, und an Bäumen und Sträuchern fing es schon zu sprossen an. Joseph hatte soeben die kleine Waffensammlung seines Herrn gereinigt und wieder an die Nägel über dem grünen Tuche gehängt, das in der Mitte der einen Wand ausgespannt war. Sie bestand aus mehreren Jagdgewehren, alten Pistolen und Säbeln. Der Revolver kam auf das Nachtkästchen. Nun legte ihm Neukirchen ein Bücherpaket in die Hände, mit dem Auftrage, es nach Freihof zu tragen. »Der Tag ist schön,« setzte er hinzu, »da magst du gern hinüberschlendern und zugleich deinen Schwiegervater besuchen.«

Der Bediente machte sich ohne Säumen auf; er brauchte ja für seinen Gang mehr als drei Stunden. Aber da fügte sich's, daß ihm, nachdem er kaum eine gute Strecke Weges gegangen, der Wagen Rittbergs vorfuhr. So konnte er gleich das Paket abgeben und empfing vom Baron die schönsten Grüße für seine Herrschaft.

Als er, wieder zu Hause angelangt, zu Neukirchen hinein wollte, fand er die Tür von innen verschlossen. Was war das? Das geschah sonst nie.

»Wer ist's?« scholl es aus dem Zimmer.

»Ich. Herr Graf!«

»Schon zurück?«

»Ja. Ich habe den Wagen des Herrn Barons getroffen.«

»Schon gut. Besorge, was du noch in der Stadt zu tun hast. Ich brauche dich nicht. Du kannst gehen.«

Aber Joseph ging nicht. Ein plötzlicher Verdacht stieg in ihm auf. Hatte er denn nicht die letzte Zeit den Grafen und sein Weib auffallend oft in der Dämmerung aneinander vorbeihuschen gesehen? Einen Augenblick wollte er hinunter, um in der Küche nach ihr zu forschen; doch inzwischen konnte sie ihm ja entkommen, wenn sie etwa da drinnen war. So wartete er, ohne sich zu rühren, mit bebendem Herzen im Vorzimmer. Er mußte volle, zweifellose Gewißheit haben.

Endlich drehte sich der Schlüssel im Schlosse, und die Tür ging auf. Lina, glutrot und ganz verwirrt, trat heraus. Da warf er sich auf sie und schleuderte sie weiter gegen den Ausgang zur Treppe: »Hinaus, du nichtsnutziges Mensch!«

Angstzitternd entfloh sie.

Jetzt stürmte er hinein zu Neukirchen. »Haben Sie mir darum das Heiraten erlaubt? Ich hab' geglaubt, ich hab' mein Weib für mich. O! o! Das zu erleben!« Und er zerraufte sich die Haare. Dann schrie er, Plötzlich ganz außer sich: »Du Teufel, du!« während er mit geballter Faust auf seinen Herrn eindrang.

Dieser zog sich gegen das Fenster zurück und schob einen Lehnsessel zwischen sich und Joseph. Unwillkürlich suchte er zugleich mit seinem Auge die Waffen an der Wand, die aber zu weit von ihm entfernt waren. »Bist du toll?« rief er dem Rasenden zu.

»Toll? Weil mir so etwas nicht recht ist? Da hört doch der gehorsame Diener auf. Warte nur! Du Weiberjäger, sollst mich noch kennen lernen. Ich will dir die Lust vertreiben, dich in ein fremdes Nest zu legen.«

So schuldig sich Neukirchen fühlte, nun erfaßte ihn doch der Zorn des Herrn. »Fort mit dir! Geh!« gebot er, nach der Tür weisend, Joseph in strengem Tone. »Wenn du wieder bei Sinnen bist, reden wir mehr zusammen.«

Der Bediente starrte mit wildem Blicke zu Boden. Sein Atem flog. Es entstand eine Pause. Endlich rief er: »Das gibt ein Unglück!« und stürzte zur Tür hinaus.

Neukirchen blieb mit den peinlichsten Empfindungen zurück. Verdammter Zufall! Hatte etwa jemand etwas von dem skandalösen Auftritt vernommen? war sein erster Gedanke. Nicht so sehr das Geschehene wie die möglichen Folgen beunruhigten ihn. Tief verdrossen sann er lange nach. Endlich schnellte er empor. Er wollte zu seiner Frau hinüber, um vor allem zu ergründen, ob der Lärm bis zu ihr gedrungen, und recht beklommen machte er sich auf den Weg.

»Nun, Zoë, wie geht's?« fragte er, als er bei ihr eingetreten war.

Sie warf einen kurzen Blick auf ihn, dem sein Auge auswich. »Du weißt es ja, diese Migräne lähmt immer mein ganzes Wesen.«

In ihrem Gesichte lag ein tiefer Schmerzenszug; aber das war jedesmal so, wenn das böse Übel über sie kam. Sie hatte offenbar nichts gehört. Da wurde ihm schnell freier zumute, und er sagte: »Du mußt eben deine Zeit dulden. Dann ist's zum Glück wieder gut, und kein Mensch merkt dir eine Spur des Überstandenen an.«

»Ja; ich hoffe, es wird auch diesmal so sein.«

»Möchte dir die Nacht nicht zu schwer werden!« Er küßte sie und ging.

Neukirchen blieb heute fortwährend auf seinem Zimmer und nahm auch nichts mehr zu sich. Zuerst kramte er unter seinen Papieren, dann versuchte er, Zeitungen zu lesen. Aber seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Hatte ihm auch der Besuch bei seiner Frau Beruhigung gebracht, so war doch noch nicht alle Gefahr beschworen. Joseph ließ im Punkte der Liebe mit sich nicht spaßen, das wußte Neukirchen. Durfte er hoffen, daß er ihn begütigen werde? Und am Ende hatte er schon unter den Leuten Lärm geschlagen! – Dem genußsüchtigen Verführer ward es wieder recht schwül. Er ging raschen Schrittes auf und ab. Endlich läutete er. Joseph erschien, das Gesicht ganz verstört; aber er sprach kein Wort.

»Ich will schlafen gehen,« sagte Neukirchen.

Joseph bereitete alles schweigend. Er schien sich nun doch etwas besänftigt zu haben. Daß er überhaupt noch seinen Dienst verrichtete, war ja schon ein gutes Zeichen.

Als er mit seiner Arbeit zu Ende gekommen war, bemerkte sein Herr: »Ich hoffe, auch du wirst schlafen.«

»Schlafen? Ich? Verhöhnen Sie mich?«

»Nimm's nicht zu schwer. Ich will für euch beide gut sorgen.«

Joseph lachte nur bitter auf.

»Schweige vor allem!« fuhr Neukirchen fort. »Dir frommt's ebensowenig wie mir, wenn die Geschichte von Mund zu Mund läuft.«

In der Tat hatte auch Joseph bis jetzt geschwiegen. Wohl war er, nachdem er Neukirchen verlassen, in seiner Wut Lina nachgerannt, konnte sie jedoch nirgends finden. Sie mochte sich aus Furcht versteckt haben. Dann verfiel er in eine dumpfe Trostlosigkeit und schloß sich in sein Zimmer ein. Er wollte von niemand weder etwas sehen noch hören.

»Lassen Sie mich!« wies er seinen Herrn ab. »Was weiter geschieht, erfahren Sie morgen. Und beisammen bleiben wir gewiß nicht.« Damit ging er hinaus.

Soviel Trotz noch in diesen Worten lag, sie waren dabei doch mit einer gewissen Fassung gesprochen, die sich Neukirchen günstig deutete. Da siegte sein leichtblütiges Naturell. Gewaltsam schüttelte er alle Sorgen von sich. Kommt Zeit, kommt Rat! dachte er. Bis morgen konnte Joseph noch mehr beigeben. – Und wenn es Neukirchen wirklich glücken sollte, alles auszugleichen, was dann? Wird er in Zukunft andere Wege wandeln? Welche Frage! Du lieber Himmel, er nahm sich überhaupt nie etwas vor, nicht das Böse, aber auch nicht das Gute. Sein Gott war der Augenblick.

Er lud jetzt den Revolver, den Joseph geputzt hatte, mit sechs Patronen und legte ihn wieder auf seinen gewöhnlichen Platz. Einen Moment überlegte er. Wenn etwa Joseph doch Schlimmes im Schilde führte? Soll er sich heute gegen seine Gewohnheit über Nacht einsperren? Aber – welch ein Gedanke! Wie konnte ihm noch so etwas beifallen? Und durfte er vor seinem Diener furchtsam erscheinen? Nein, das um keinen Preis! Wie es immer war, so sollte es auch heute bleiben.

Er entkleidete sich, schlüpfte ins Bett und löschte das Licht aus.

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