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Heinrich Spiero: Raabe - Kapitel 7
Quellenangabe
typebiography
booktitleRaabe
authorHeinrich Spiero
year1925
firstpub1924
publisherA. Ziemsen Verlag
addressWittenberg
titleRaabe
pages329
created20180707
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5. Kapitel

Im Schein der Geschichte

Zwischen die Werke von einheitlichem Aufriß schob Raabe zwei Bände kleinerer Erzählungen. Die ältesten reichen noch bis in den Winter der Chronik zurück, die andern schlossen sich in den Jahren von 1857 bis 1860 zusammen. Er vereinte sie zu zwei Büchern Halb Mär, halb mehr und Verworrenes Leben, von denen das zweite unmittelbar vor der Abreise nach Stuttgart hervortrat. Überblickt man die beiden Sammlungen, so findet man neben drei wenig sagenden Gedichten zehn Erzählungen und innerhalb dieser Reihe einen unverkennbaren Aufstieg. Dieser Aufstieg aber wird immer deutlicher, je weiter Raabe von der Gegenwart zurücktritt.

Der Weg zum Lachen, die Bekehrung eines grämlich und stockig gewordenen alten Gelehrten zu neuer Lebensfreude durch neue Berührung mit der Jugend, durch lebendige Erinnerung an eigene schöne Vergangenheit ist ein in usum delphini für den Bazar, in dem es erschien, geschriebenes Feuilleton. Auch die nur skizzierten Nebengestalten der Chronik sind lebendiger als selbst die nach Möglichkeit durchgeführte Mittelfigur des Professors Jodokus Homilius in dieser Geschichte. In der Ich-Erzählung Einer aus der Menge macht sich der Verfasser wieder zum alten Manne, dem ein Gedicht hold eingegangen ist und der nun den Poeten sucht. Er findet ihn hoffnungslos krank und kann mit des Dichters junger Braut zusammen 69 etwas Licht in des Armen letzte Tage bringen. Daneben steht, zwar vor den Kindern von Finkenrode geschrieben, aber schon ganz in ihrem Stil, die übermütige Skizze von den Weihnachtsgeistern; nicht umsonst wird hier zum erstenmal E. T. A. Hoffmann aufgerufen, denn mit einer Hoffmannschen Szene beginnt sie. Der Erzähler ersteht von einem heiseren Auktionator eine Puppe, versenkt sie in seine Tasche und geht, ein gewaltiger Esel in seinen Augen, am Weihnachtsnachmittage mit dem Erstandenen durch die schneebedeckten Straßen. Es ist Hinkelmann, einer der Redakteure des Chamäleons, und sein Kollege Weitenweber, der ihn durch eine vernichtende Kritik der dichtenden Hausfrau aus einem ästhetischen Tee vertrieben hat, begeht mit ihm auf seiner Bude bei sachverständig gebrautem Punsch das Weihnachtsfest. Allmählich tritt die Puppe in den Mittelpunkt der Unterhaltung. Weitenweber gibt sich als Kenner der Mystik Jakob Böhmes, und aus der geheimnisvoll gewordenen Stimmung und dem reichlichen Punschgenuß erwächst eine kleines Märchen. Die Puppe erzählt, nun zur Weihnachtselfe geworden, im Andersenschen Stil von ihrer Vergangenheit, und auf ihre Anregung hin trägt allerlei Weihnachtsgerät von dem durch der Puppe Zauberstab plötzlich im Zimmer erstandenen Christbaum auch seine Geschichte vor. Zuletzt finden sich die beiden Hörer, Hinkelmann und Weitenweber, allein im Dunkeln bei der ausgebrannten Lampe und der leeren Terrine im öden Junggesellenzimmer. Der Weitenweber dieser übermütigen Skizze ist eine volle Vorstudie zu dem witzigen, niemals sentimentalen, aber im Grunde tief einsamen, boshaften und wahrhaften Vollbilde, in dem er sich dann in den Kindern von Finkenrode zeigt.

Nach der straffen und doch so scheinbar unbesorgten Komposition der Weihnachtsgeister erscheint die 70 grundromantische Phantasie in fünf Bruchstücken Wer kann es wenden? um so mühsamer. Es ist eine Geschichte aus der perdutta gente, aus der Welt der Theaterschmiere. Der Vater, ein vertrunkener Schauspieler, hat sich und seine Familie um alles, Mittel, Ehre, ja nackte Grundlage des Lebens gebracht und stürzt sich in jäher Ernüchterung nach krankhaftem Paroxysmus durch das Fenster in die Spree. Die Tochter aber entläuft der treuen Pflege des ganz in seiner Liebe für sie aufgehenden Geigers mit einem jungen, nur eben angedeuteten Elegant, und da die Kanaille sie verlassen hat und sie zu dem Musikanten zurückkommt, kann sie nicht mehr leben; sie geht in den Tod. Den eigentlichen Herzenston in dieser düstern und an vielen Stellen übersteigerten Geschichte trifft nur das von der zerbrochenen jungen Schönen gesungene Lied von der verschneiten Nacht, sonst empfindet man überall, wie Raabe sich Zwang angetan, nicht aus dem Vollen geformt hat.

Viel freier schreitet er aus, indem er sich nun den Erinnerungen der Vorfahren zuwendet und von dem Wiedersehensfest alter Kommilitonen der von Jerome aufgehobenen Universität Helmstedt Bericht gibt, von jenem Feste, an dem gewißlich auch der Großvater als einstiger der Gottesgelahrtheit beflissener Student der Julia Karolina teilgenommen hatte. Auch hier ist alles nur skizzenhaft angedeutet, die Charaktere werden nur sozusagen sachlich festgelegt, die Liebe des jungen, am Schlusse glücklich vereinten Paares lediglich in ihrer letzten Wirkung hervorgehoben. Wieder wie in Raabes größeren Werken werden Fäden, die Schuld der Vergangenheit zerriß und die Zeit doch wieder anspann, neu zusammengeknüpft. Wärme und Leben in diesem Werk fließen aber nicht aus den einzelnen Geschicken, sondern aus dem helmstedter Feste selbst. Mit bewußter Kunst führt Raabe langsam hinein, von dem 71 einsamen Pfarrdorf des einen Teilnehmers und dem hamburger Landungsplatz des anderen zuvörderst nach Königslutter, dann auf den Corneliusberg, erst von dort aus in die alte Stadt. So steigert er die Stimmung; Vorfreude und Vorgefühl des einzelnen, Wiederfinden zu zweien, Zusammenströmen vor den Toren, gesammelter Widerhall der ganzen, neu zusammengetretenen akademischen Bürgerschaft. Mitten zwischen dieses bunte, in allerlei Farben durchgeführte Bild von auflebender Jugendlust und für kurze Zeit abgeworfener Alterslast fügt er die Schlichtung alten lebenswierigen Zwistes. Zwei einstige Hochschulfreunde, von denen der eine dem andern um eines Mädchens willen den Bruder erstach und dann in Amerika verscholl, reichen sich im Lebensabendrot die Hand, und der Sohn des Amerikaners führt die Tochter des Versöhnten heim, die er, ohne Kenntnis dieses Zusammenhangs, liebgewonnen hat. Stimmung und wieder Stimmung fließt aus der zart hingemalten Erzählung; dabei fällt auf Raabes Ethik ein sehr bezeichnendes Licht: die beiden Studenten haben sich am Unglückstage streng nach den Regeln des Ehrenkodex geschlagen; der eine ist gefallen; aber der Pastor Cellarius nennt den Sieger im Duell immer wieder den Mörder seines Bruders, und so empfindet sich auch jener selbst. Wohl wölbt sich über der Untat schließlich der Bogen der Versöhnung, aber an ihrer Schwere darf nichts abgestrichen werden. Gesellschaftlicher Komment, mit dem sich ein Stand die Sünde leicht macht, gilt nicht vor dem höheren Gesetz.

In des Vaters Büchern hatte Raabe einst den Froschmeuseler gelesen. Kein Wunder, daß der Sohn dieses Vaters in Magdeburg den Spuren des Dichters dieser Neubelebung ältesten Stoffes, des gelehrten Rektors Georg Rollenhagen, nachging, nicht nur in lebendiger Anschauung seiner Schule und der alten, damals noch wenig 72 veränderten magdeburgischen Welt, sondern auch im Studium zeitgenössischer Schriften. Wir danken Wilhelm Fehse die Entdeckung des Heftes, aus dem die Anregung zum Studenten von Wittenberg wuchs, der, schon in Berlin geschrieben, ursprünglich als Erzählung des Lehrers Roder in die Chronik aufgenommen werden sollte, dann aber auf des Verlegers Rat fortblieb. Einer langatmigen Leichenrede des Magisters Aaron Burckhart auf Rollenhagen entlieh Raabe den Rahmen zu seiner Erzählung, ja, er nahm sogar einen Satz fast wörtlich hinüber. Er läßt Rollenhagen, der eben sein großes Werk geendet hat, mit seinen beiden erstgebornen Söhnen und jenem Magister Burckhart auf einem botanischen Schulausflug von einem früh verstorbenen Schulfreunde erzählen. Dieser Junge, schwer zu bändigen, voller Leidenschaft, dabei hochbegabt, wird durch die unerwiderte Liebe zu einer schönen Venezianerin bis zur Umnachtung geführt. Sein Oheim, ein magdeburger Rottmeister, glaubt an Hexerei und läßt das Haus der Schönen stürmen. Das reißt den Neffen aus der Verstörung, er will dem Haufen wehren und fällt im Kampf. Das unschuldige Mädchen wird getötet, Rollenhagen selbst verwundet. Durch die Beschwörung des längst Vergangenen wehmütig gestimmt, kommt der Rektor heim. Hier kündet ihm ein Brief, er sei Großvater geworden, und im Wechsel zwischen Trauer und Glück entschließt er sich nun, seinen Froschmeuseler zum Druck zu geben.

Sehr charakteristischerweise hat Raabe auch diese, seine erste geschichtliche Novelle als Rahmenerzählung gestaltet und die Erlebnisse der Jungen, wie in der Chronik, durch einen in der zweiten Linie stehenden Lebensgenossen erzählen lassen. Er tritt dabei im einzelnen unsicher. Noch häufiger als in der Alten Universität erscheint zum Zweck der Sprachfärbung die Inversion; die Gestalt 73 der Italienerin, von der doch eine große Wirkung ausströmen soll, ist zu wenig durchgebildet, aber der Gesamteindruck, wie er insbesondere von der Rahmengeschichte ausgeht, ist stark und trotz der Unfertigkeit im einzelnen die Versetzung des Lesers in die Zeit viel sicherer gelungen als etwa in der Gegenwartsnovelle Wer kann es wenden? In dem Schwesterstück zum Studenten von Wittenberg, dem Lorenz Scheibenhart, geht Raabe in der Färbung weiter, hier erzählt er im Chronikstil. Der invalide Rittmeister Lorenz Scheibenhart spricht von junger Liebe und wüster Soldatenzeit. Er nimmt sich bei der Belagerung Wolfenbüttels im Dreißigjährigen Kriege der wiedergefundenen Geliebten an, wie der Musiker in Wer kann es wenden? der seinen. Und sie entgleitet ihm, verführt und verlassen, ebenso. Hier erzählt nun wiederum ein alter Mann, aber doch wesentlich von sich selbst als dem Mittelpunkt der Dinge. Es geschieht mit Glück, und die weichere Altersstimmung vermag doch noch einmal die ganze Härte, ja das Grauen der wilden Vergangenheit zu beschwören. Auch das Kulturhistorische ist schon sicher gesehen und wiedergegeben, und die durchquellende Sentimentalität jenes weichlichen, in der Führung verwandten Großstadtstücks völlig abgetan.

So schrieb sich Raabe an der Geschichte langsam empor – eine knappe, äußerst plastische Skizze über Kleist von Nollendorf wirkt wie eine Vorstudie für dichterisches Werk – und gewann sich gerade auf diesem Wege den Stil der Novelle. Auch darin ist er ein echter Genosse des nun emporsteigenden realistischen Geschlechts, dem auch die politischen Historiker Deutschlands entwuchsen – neben Storm stand Mommsen, neben Freytag Treitschke. Denn darin waren diese Erzähler den Romantikern ganz verwandt, daß sie geschichtliche Stoffe suchten und sich der Vergangenheit verbunden fühlten. Was ihnen 74 fehlte oder allgemach abgelegt wurde, war die bei einzelnen Hauptvertretern der Romantik hervortretende Absicht, die Geschichte, besonders des deutschen Mittelalters zu idealisieren oder gar mit Märchenzauber zu verbrämen. Gewiß waren auf solchen Wegen Früchte zu pflücken, wie sie Achim von Arnim in dem unvergänglichen Torso der Kronenwächter errungen hat; diese Dichter des Silbernen Zeitalters aber merkten auf anderes; ihnen stand von allen romantischen Erzählern Heinrich von Kleist durch die knappe Herausarbeitung seiner Charaktere am nächsten, und sie suchten überdies den sittenhistorischen Auswirkungen der Vergangenheit nachzugehn. Auch da war Willibald Alexis ganz bewußt von romantischen Anfängen zu anschaulichen, manchmal nüchternen, aber im ganzen doch meisterlich lebenstreuen, vom echten Hauch der dargestellten Zeiten erfüllten Bildern vor- und vorangeschritten; ein Einfluß seiner Art auf Raabe ist nicht spürbar, Alexis ist weit knochiger, wenn man will: preußischer. Deutlich aber ist bei Raabe das Vorbild der prächtigen nürnberger Künstlergeschichten August Hagens. Gerade um die Zeit von Raabes Anfängen erschienen neben den ersten kulturgeschichtlichen Novellen des geistesverwandten politischen Historikers Wilhelm Heinrich Riehl der Sonnenwirt von Hermann Kurz und Scheffels Ekkehard; bald begannen auch Freytags Bilder aus der deutschen Vergangenheit und Fontanes Wanderungen durch die Mark sich zusammenzufügen.

Diese Pfade von der Romantik mit all ihren schweifenden Ausbiegungen und überladenem Schmuck bis zur realistischen, zeitechten, kulturgeschichtlich vertieften Darstellung ist Raabe für sich noch einmal gegangen wie die Zeit um ihn. In dem enggespannten Rahmen der Novelle fand er nun den künstlerisch notwendigen Zusammenhalt, als er die Geschichte Ein Geheimnis niederschrieb. Auf 75 knapp dreißig Seiten gibt Raabe da mit kräftiger Spannung Auf- und Abstieg eines Goldmachers aus dem Frankreich Ludwigs XIV. und der Marquise von Maintenon und weiß uns den Abenteurer, sein Weib, den Vater und das mithandelnde Paris des Hofes und der Gasse Zug für Zug lebendig zu machen; selbst der König und seine Geliebte werden nicht als Lichter aufgesetzt, arabeskenhaft verbraucht, sondern, wo sie auftreten, lebendig eingeführt. Und bei aller Blutwärme jedes einzelnen und des ganzen kleinen Bildes bleibt jener in der Überschrift bewußt angekündigte geheimnisvolle Schauer nicht nur gewahrt, er verstärkt sich gegen den Schluß, und wir haben in geschichtlicher Wirklichkeit jenes seltene und unerhörte Begebnis, das die Novelle verlangt. Wohl hat auch hier E. T. A. Hoffmann Pate gestanden, der Dichter des Fräuleins von Scudery, aber das durch ihn Angeregte und bei ihm Erlernte ist Raabe zu ganz selbständiger Dichtung gediehen.

Nur freilich fand sich in dieser Knappheit keine Gelegenheit, einen Charakter weiter zu entwickeln. In der größeren Novelle Der Junker von Denow gelang auch das. In dem Lebensbuch des Schulmeisterleins Michel Haas war noch ohne Führung zu Höhepunkten mit Absicht etwas wie ein Auszug aus dem Kleinleben in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts gegeben – im Junker gipfelt sich die Erzählung wieder ganz zur Novelle. Wir geraten gleich mitten in die Belagerung der rheinischen Stadt Rees im Jahre 1599 hinein, zuerst unter die Spanischen hinter den Mauern, dann unter die Reichsvölker davor, und unter diesen ficht nun der Junker Christoph von Denow. Aus der Schlacht, aus der Niederlage, aus dem Flusse wird er gerettet, hinein in den Rückzug meuternder Braunschweiger ins Reich. Er ist nur durch die mutige Liebestat von Anneke Mey, der Marketenderin, 76 dem Wassertode entronnen – in Wolfenbüttel nach der Predigt fällt er, der nicht meutern wollte und nicht gemeutert hat, dem Todesurteil anheim. Er bittet nicht um Gnade, er will sterben, aber die Treue des redlichen Knechtes, der den Elternlosen erzogen hat, erspart ihm durch einen Schuß den Henkertod, und tot stürzt auf ihn Anneke Mey in dem Augenblicke, da der Gnadenbefehl des Herzogs kommt.

Immer wieder flicht Raabe in die Abfolge von sich rasch steigernden Kämpfen, von Not und Tod verzögernde Momente, wie die Verlesung des Urteilsspruchs im Gefängnis, wie in der Mitte des Ganzen auf dem schweren Marsche nach Braunschweig den Rückblick auf die Jugend, und über die Gestalt Christophs hinweg erhebt sich in ihrer süßen Mädchenhaftigkeit und grenzenlosen Hingebung Anneke Mey, die erste ganz durchgeführte, jeder Konvention entkleidete junge Gestalt einer liebenden Frau in seiner Dichtung. Seine Quelle, der in der wolfenbüttler Bibliothek bewahrte Bericht über die Meuterei Teutscher Knechte und ihren Prozeß von 1599, hatte ihm wohl das geschichtliche Gerippe gegeben, ihr dankte er auch schon die Tatsache, daß Denow vor der Untreue gewarnt habe; wie Raabe aber nun unter strenger Festhaltung des geschichtlichen Rahmens und dichterischer Verstärkung der geschichtlichen Stimmung den Meuterer wider Willen zwischen den treuen Diener und die in den Tod folgende Geliebte hineinstellt, das war sein eigentliches Dichterwerk. Hatte Raabe im Studenten von Wittenberg nur präludiert, im Geheimnis bereits mit voller Beherrschung seines Instruments con sordino gespielt, so ließ er hier, im Junker von Denow, die volle Klangfülle ertönen und mochte sich nun auch dem großen geschichtlichen Roman zuwenden.

Aber wie in seinen ersten drei Geschichten aus dem 77 Leben der Gegenwart ging es ihm bei den drei rasch nacheinander geschaffenen historischen Romanen: er schritt nicht regelmäßig fort, sondern nach dem gelungenen Einsatz des Junkers von Denow tastete er sich immer wieder in scheinbar schon überwundene Stilkämpfe zurück. Die drei Werke Der heilige Born, Nach dem großen Kriege und Unseres Herrgotts Kanzlei, binnen genau zwei Jahren, von 1859 bis 1861, vollendet, trugen verschiedene Züge, und das reifste steht in der Mitte.

Der heilige Born ist eine bunte, bilderreiche, vielfach verschnörkelte Zeichnung. Raabes Handschrift ist hier einmal ganz romantisch, ja wenn man den in seinen Jugendtagen breit übertretenden Fluß schwächerer Darstellung so nennen will, deutsch-romantisch; die Fülle verwirrender, flackernder Bilder, die Breite der Darstellung, die Zerrung einzelner Gestalten in eine nicht voll glaubhaft gemachte Dämonie mahnen an den einst viel gelesenen, hochbegabten Karl Spindler. Das Werk handelt von der Entstehung des Bades Pyrmont im Jahre 1556, da zuerst allerlei bresthaftes Volk mit seinen Leiden an den heiligen Quell wallfahrte und zugleich der stillen Grafschaft sein unflätiges Wesen aufdrang. Drei seltsame Gestalten, der Zauberer Simon Magus, der bologner Arzt Simone Spada und die schöne Fausta, das Kind einer deutsch-italienischen Ehe, werden in diesen Wirbel hineingezogen und bringen allerhand düstere Geschicke über das deutsche Weserland. Das Künstlerkind Röschen Wolke in Wer kann es wenden? und stärker und einläßlicher die beiden Künstlerinnen des Frühlings, Mutter und Tochter, waren Frauengestalten, die an Sünde und Schuld nicht vorbeiglitten – hier gibt Raabe das gleiche in gewaltsamer Übersteigerung. Die Vollendung gerade eines solchen Bildes, dies an der Grenze taumelnde Weibtum muß ihn durch alle Jugendjahre hindurch stark beschäftigt haben; auch 78 späterhin ist es ihm manchmal in den Weg getreten, aber nie wieder sprengt es den Rahmen so stark wie hier. Gerade den Teilen des Romans, darin die schöne Fausta an den Hof des letzten Grafen von Spiegelberg zu Pyrmont kommt, fehlt jene uns Sicherheit verleihende erzählerische Ruhe, die Raabe sonst schon erobert hatte. Sie entgleitet ihm, wenn er dem Arzte des Frühlings hier ein gleichfalls zwischen Italien und Deutschland gestelltes, breiteres, zauberhaftes Gegenbild gibt; und er findet sie erst bei Monika Fichtner und Klaus Eckenbrecher wieder, der holzmindener Pfarrerstochter und ihrem Liebsten. Auch in der kulturgeschichtlichen Auffassung stehn Bild und Gegenbild des evangelischen Städtchens Holzminden diesseits und des katholischen Dorfes Stahle jenseits der Weser auf einer ganz andern Höhe als die übrigen um den heiligen Born verwebten Vorgänge des Romans.

Das zuletzt erscheinende dieser drei geschichtlichen Werke, Unseres Herrgotts Kanzlei geht zwar nicht in der Entstehung, aber in der Empfängnis am weitesten zurück; Raabe hat die Keime dazu von Magdeburg her in sich getragen, er meinte selbst, die Gestalten hätten schon um Ostern 1849 im Güldenen Weinfaß Figur und Farbe gewonnen. Über die Quellen des Romans sind wir, wiederum durch Wilhelm Fehses Forscherfleiß, eingehend unterrichtet. Es waren ein tagebuchartiger Bericht des Bürgers Sebastian Besselmeyer vom Jahre 1551, eine im städtischen Auftrage geschriebene archivalische Chronik des Stadtschreibers Heinrich Merckel aus dem Jahre 1587 und die Bücher zweier Brüder und Pfarrer Pomarius, Johannes und Elias; das eine eine Gesamtgeschichte Magdeburgs, das andere eine ausführliche Darstellung gerade der im Mittelpunkt von Raabes Werk stehenden Ereignisse. Zugleich hat der Dichter noch das große Quellenwerk von 79 Friedrich Hortleder über den Schmalkaldischen Krieg benutzt, einen Wälzer von über viertausend Seiten, dem er auch die bei ihm hier und da durchklingenden geschichtlichen Volkslieder entnahm. Er hat die Gleichzeitigen unter diesen Geschichtsschreibern zum Teil den handelnden Personen seines Romans gesellt, so Besselmeier, so den Vater und Mitarbeiter der beiden Pomarius und im Hintergrunde auch den Sekretär Merckel. An einigen Stellen hat er die Vorlagen mit wörtlichem Anklang benutzt, nicht nur den Gesamtzug der Geschehnisse, sondern sogar einzelne seiner Helden in freier Umgestaltung übernommen oder ihnen Züge anderer in den Chroniken benannter Personen geliehen.

Unseres Herrgotts Kanzlei übertrifft an Umfang alle Frühwerke ihres Dichters bei weitem, man fühlt die Schulung an den breit erzählenden Chronisten des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts. Trotz so eifervollen Bemühens um Kolorit und Bevölkerung seiner Welt hat Raabe doch die liebenswürdigen Spuren einer sich nach Herzenslust in den Weiten der Geschichte ergehenden Jugend wahren können. Schon die langen, knittelversmäßigen Überschriften der einzelnen Kapitel deuten das an. Wir hören die Geschichte des verlorenen Sohnes, der in die Heimatstadt zurückkommt, vom Vater nicht aufgenommen wird und sich erst als Offizier für Unseres Herrgotts Kanzlei, für Magdeburg bei dem Kampfe mit Moritz von Sachsen im Jahre 1550 bewähren muß, um die Arme des Vaters offen und die Hand der Geliebten in der seinen zu finden. Aus den keimhaften Anfängen im Studenten von Wittenberg sprießt hier ein Schößling nach dem andern; Umwelt und Menschennatur, dort nur angedeutet, angesetzt, werden hier ausgemalt, entwickelt. Raabe gibt ein überaus breites Kulturbild, dem es nicht an Farben und Gestalten fehlt; aber (wie im Heiligen Born) gelingen die derben, wie der 80 verlotterte Landsknechtshauptmann Hans Springer, besser als die geheimnisvoll Verirrten, wie der verbrecherische Leutnant und sein Gegner, der geheimnisvolle Kanonier, in deren Feindschaft sich wieder einmal alte. scheinbar versunkene Geschicke spät erfüllen. Brand, Mord und Totschlag, Aufruhr und Zungenpredigen gehen lebhaft genug um- und durcheinander. Die feinen Übergangszüge fehlen fast überall, und es fehlt auch der Humor, der die modernen Werke bereits zu durchtränken begann. In Einem aber irrt Raabe hier nie vom Wege: er weiß die Spannung mit sicherer Hand von Anfang bis zu Ende festzuhalten und läßt uns nicht wieder los. Er bleibt wohl in der Einzelcharakteristik hinter dem Gewollten zurück und belichtet seine Gestalten nicht gleichmäßig genug – aber der Schein der Geschichte fällt voll auf das Ganze, und so ist schließlich doch ein stolzes Stück jugendlicher Dichterarbeit von immer noch wirkendem Reiz, zumal für die Jugend, entstanden. An einer Stelle schlägt das keusche, kräftige und wie selbstverständliche nationale Gefühl Raabes schon mit der ganzen reifen Aussprache späterer Zeit empor:

»Dreißig Jahre waren vergangen, seit vor dem Portal vor der Schloßkirche zu Wittenberg aus dem Haufen, welcher die fünfundneunzig Sätze umlagerte, jener alte Mönch trat, auf das angeheftete Blatt wies und rief: »Der wird es tun!« Martin Luther hatte es getan. Wieder einmal war eine Epoche der Weltgeschichte in die Spitze des Individuums ausgelaufen, wieder einmal war in einem Menschen der Kampf und die Arbeit von Jahrhunderten zusammengefaßt worden, in einem Brennpunkt, welcher die Welt entzünden sollte.

Im Jahre 1547 stand die Welt in Flammen, das deutsche Volk war, wie gewöhnlich, von der Vorsehung erkoren, für das Heil der Menschheit ans Kreuz geschlagen zu werden. Leiblich und geistig gerüstet, stand es da, den 81 Religionskrieg zu beginnen. In den Häusern, in den Gassen, in den Kirchen, in den Klöstern, auf den Burgen und Schlössern, in den niedrigsten Hütten, auf den Feldern, in den Wäldern, überall, überall wurde die große Frage besprochen und bestritten. Überall riefen sich die Geister an und forderten das Wachtwort: Hie Luther – hie Papst!

Im Munde der Jungen wie der Alten, der Männer wie der Weiber ging das Wort um. In alle Verhältnisse der Nation schoß es lösend und bindend seine Strahlen; kein Herz war so eng, so verschlossen, daß es nicht zuckte, daß es nicht lauter schlug unter dem Sturmgeläut der gewaltigen Zeit.« –

Zwischen dem Heiligen Born, in dem die Romantik vielfach wild wuchert und Unseres Herrgotts Kanzlei, wo sie streckenweise durch körnig-realistische Schilderung verdrängt wird, steht das Buch Nach dem großen Kriege. Hier schließt Raabe mit der Romantik ab, indem er sie selbst zum Gegenstand der Darstellung wählt. Es galt ihm, jene Sehnsucht nach Freiheit und Einheit des Vaterlandes, die in der Chronik bedeutend vorklingt, aus einer früheren Zeit heraus noch einmal zu gestalten. Was Johannes Wachholder und der Meister Werner und Strobel und Roder und sie alle in den fünfziger Jahren, in der Reaktionszeit unter Friedrich Wilhelm IV. zu Berlin empfanden, das soll in Nach dem großen Kriege an jenem Geschlechte, das die Freiheitskriege selbst durchgefochten hat, wieder lebig gemacht werden; aus verwandten Empfindungen sollte ein Bild der Restaurationszeit emportauchen, und seine Träger mußten jene Romantiker sein, deren Gesinnung und Lied 1813 Gesinnung und Lied der Krieger gegen Napoleon geworden waren. Ein ehemaliger, ganz jugendlicher Mitkämpfer, der Gymnasiallehrer Fritz Wolkenjäger – in der Namenwahl bleibt Raabe genau wie Freytag immer gern am rein Äußerlichen haften – schreibt sich in zwölf Briefen 82 nach dem großen Kriege sein Gefühl vom Herzen. Deutlich sehen wir den weicher veranlagten Jüngling, der an dem härter gestählten Freund und Schwertgenossen schreibt, und wir vermeinen auch diesen zu schauen. Der schwärmerische Wolkenjäger gewinnt in dem lyrischen Ton, dem manchmal poetischen, manchmal etwas sentimentalen Schwung seiner Briefe – die Mischung dieser Elemente hat Raabe nun schon mit großer, bewußter Kunst geübt – etwas von seinem berühmten Mitstreiter Theodor Körner. Der Adressat blickt durch die Form, in der sich der Schreiber bisweilen besonders eindringlich an ihn wendet, und durch die aus dem Inhalt und dem heischenden Ton seiner Briefe zu Wolkenjäger strömenden Gedanken kaum minder deutlich hindurch; er ist eine jener Arndtnaturen, die sich nicht biegen lassen. Wieder, wie schon mehrmals, werden verirrte Geschicke der Vergangenheit in der Gegenwart geklärt: das von Fritz geliebte Mädchen findet den sterbenden Vater, den einstigen verirrten Kämpfer gegen das eigne Vaterland, und sie findet in der Vollendung dieses Geschickes die lange getrübte Geisteshelle wieder.

Das Schönste an dem Buche ist doch die ganz einheitliche, urtümliche und zugleich geschichtlich-bewußte nationale Stimmung. Wie mit allen Säften steigt das innere Leben jenes Geschlechts der Väter vor uns empor, die wahrlich das Recht verdient hätten, im freien Vaterlande zu leben, und alsbald wieder bedrückt wurden. Wir meinen Briefe zu lesen, wie sie einst der junge Marwitz an die Rahel, wie sie mancher todesmutige, durch die Romantik zum Nationalbewußtsein erzogene Kämpfer und Sänger jener reichen Jahrzehnte schrieb. Wir sehen das alles ins volle Leben hineingestellt wieder, auch, wie in der Chronik, in das von Raabe geliebte Leben des Handwerks, und spüren auf der andern Seite den gelehrten Anflug, der diesen 83 Romantikern wirklich eigen war und auch dem allen wissenschaftlichen Prüfungen ausgewichenen Raabe wohl anstand. Stärker noch als die Kinder von Finkenrode durchtönt Lyrik dies Buch. Sie beschwingt Fritz Wolkenjägers Sprache und steigert sich einmal zu fortreißendem Versklang, als die Studenten das Lied der Zukunft »Ans Werk, ans Werk« singen. Zuversicht auf künftige Geschicke durchtönt wie dies Gedicht das ganze Buch.

»Die Saugschwämme, die Herrenpilze, die Speitäublinge, die Judasohren, die Bovisten«, all das Gezücht, das »armselige Schwammgeschlecht am Fuße des Baumes Gottes« soll die Freiheitsstreiter nicht kümmern: die deutsche Eiche »wird noch durch die Jahrtausende in Herrlichkeit und Pracht grünen und blühen und alle Völker unter ihrem Schatten versammeln«. Trotz den Teplitzer Beratungen! Gewiß »das ganze neunzehnte Jahrhundert wird wohl noch über die Wehen, welche das deutsche Volk ins Licht der Welt gebären sollen, hingehen«: aber Fritz Wolkenjäger mahnt an die deutschen Weihestätten, an den Kyffhäuser, an die Wartburg, wo Luther Wehr und Waffen schmiedete, an Lessing und Schiller, und über die »krummen Wege« des Herrn von Metternich schaut er weit in die Zukunft, mitten im »Schakalgeheul« der Demagogenverfolgung: »– einst, einst – die Schlacht auf dem Walserfelde, wo der eine und ungeteilte Heerschild am blühenden Birnbaum hängt und ein Purpurmantel feil ist um einen Zwillich und ein gutes Schwert.«

»Mit dem Schicksal der Nationen legen wir in Demut unser eigenes Schicksal in die Hand der Gottheit«, heißt es hier, aber das Geschick des einzelnen ist nicht nur Füllsel und Beiwerk, sondern wir scheiden von dem Buche mit der Empfindung, daß der Mensch unverrückbar mit seinem Volk verknüpft ist, daß nur die herzeinige und treue Arbeit aller, eines jeden an seinem Ort durchhelfen kann zum 84 großen Werk: »Ein jeder tue auf seiner Stelle das Rechte und verlache – mag es auch im Kerker, in der Verbannung oder auf dem Hochgericht sein –, verlache den Rat der Bösen. Was hält stand gegen das Gelächter der Ehrenmänner!« »Securus adversus homines, securus adversus Deum« – der Grabspruch aus der Germania klingt auch aus diesem feinen Werk beherrschend hervor.

Je näher sich Raabe in liebevoller Ergründung der Vergangenheit an seine Zeit herangeschrieben hatte, um so freier war er geworden. Adolf Stern hat das Wesen und die Berechtigung des geschichtlichen Romans einmal unwiderleglich umrissen:

»Der historische Roman soll und darf nichts anderes sein als ein Lebensbild, zu welchem sich der Dichter durch die Fülle der Empfindung und Anschauung gedrängt fühlt, er muß eine Handlung oder einen Konflikt, er muß Menschen darstellen, an die sich sowohl der Poet mit seiner eigenen Seele, als der Leser mit seiner Teilnahme hinzugeben vermag, er muß mit einem Worte so viel rein Dichterisches (Menschliches) aufweisen, daß alles andere nur das Verhältnis des Brennstoffs zum Feuer hat. Die Flamme verzehrt die Scheite, und um die Flamme und die von ihr ausstrahlende Wärme handelt es sich! Wer vor einem schlecht lodernden, qualmenden Feuer die Seltsamkeit und Mannigfaltigkeit des Materials rühmt, gilt für einen Narren, und wer eine schlechte Dichtung mit etwaigen politischen, ethnographischen und sonstigen Vorzügen rechtfertigt, der hat eben keine Empfindung für die Poesie und ihr eigenstes Wesen. Der historische Roman muß ebenso wie jede andere Schöpfung aus dem innersten Drange des Dichters, aus der Mitempfindung für die dargestellte Handlung, für die geschilderten Menschen hervorgehen. Wem es darum zu tun ist, an einem beliebigen Faden unbeseelte Sittenschilderungen oder politische Maximen aufzureihen, der 85 charakterisiere schlicht Land und Leute oder schreibe Leitartikel, zum historischen Roman ist er so wenig berufen wie zu jeder anderen dichterischen Schöpfung. Eine solche aber ist der historische Roman und soll es bleiben oder werden.«

Diese Ausführungen werden an dem großen Beispiel von Willibald Alexis belegt. Sie finden auf des reifenden Wilhelm Raabe geschichtliche Erzählungen volle Anwendung. Im Heiligen Born war das Verhältnis von Brennstoff und Feuer nicht das gemäße geworden, hier lag das Geschichtliche, noch dazu übersteigert, vielfach unverzehrt neben dem eigentlich dichterischen Lebensbild. In der Kanzlei war eine höhere Stufe erstiegen, der innerste Drang des Dichters schon spürbar, aber seine Sprachkunst und Seelendeutung nicht verfeinert genug. Erst in Nach dem großen Kriege ging alles ineinander. Man fühlte: hier war die volle Unmittelbarkeit menschlichen Lebens mit der Geschichte und in der Geschichte seiner Zeit unlöslich eins geworden. Und so bestätigt dies Werk das zweite Gesetz geschichtlicher Dichtung, von dem Raabes frühere und weit mehr die späteren Zeitgenossen zu ihrem Unheil abwichen, während Alexis es rasch erkannt und danach gehandelt hatte: der geschichtliche Roman erreicht immer da die volle Höhe der Gestaltung, wo innerster Herzton der geschilderten geschichtlichen Geschicke mit dem innersten Herzklang des Dichters und der von ihm mit vollem menschlichen Anteil durchlebten Gegenwart zusammenklingt. 86

 


 

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