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Heinrich Spiero: Raabe - Kapitel 3
Quellenangabe
typebiography
booktitleRaabe
authorHeinrich Spiero
year1925
firstpub1924
publisherA. Ziemsen Verlag
addressWittenberg
titleRaabe
pages329
created20180707
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1. Kapitel

Werdejahre

An einem Sommertage Mitte der achtziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts stand der geprüfte Kandidat der Gottesgelahrtheit August Heinrich Raabe im Schloß zu Braunschweig vor seinem Herzog Karl Wilhelm Ferdinand und beschwerte sich, daß er bei der Anstellung als Pfarrer übergangen worden sei. Der Herzog, dem der junge, auf der Lateinschule zu Holzminden und der Universität Helmstedt gebildete Theologe wohl gefiel, meinte, es sei doch gleich, ob er dem Vaterlande im schwarzen oder blauen Rocke diene, und gab ihm eine Stelle bei der Post. So kam der als Sohn eines Schulmeisters in Engelage am Harz am 29. Dezember 1759 geborene August Heinrich Raabe zunächst als Postamtsverwalter nach Holzminden, dann nach Braunschweig und schließlich 1807 als Postmeister und Steuereinnehmer nach Holzminden zurück. Auch unter königlich westfälischer Herrschaft, deren mannigfache unleugbare Vorzüge gegenüber mancher Verrottung des alten Systems sein Enkel mit vorurteilslosem Blick anerkannte, blieb Raabe als Postdirektor im Amte. Die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft zu Helmstedt dankte der vielseitige, hochgebildete Mann weder seiner amtlichen Tätigkeit noch seiner Schrift über Postgeheimnisse oder »Was man beachten muß, beim Reisen und Versenden mit den Posten Verlust und Verdruß zu meiden«; er 5 war vielmehr seither als eifriger Mitstreiter der Aufklärung ins literarische Leben eingetreten. Er setzte sich für das Studium der alten Sprachen ein, schrieb geschichtliche und statistische Bücher über Deutschland, Holland und Italien und sandte ihnen einen Leitfaden zur Weltgeschichte nach. Kindern diente er durch ein Bändchen Briefe, Erwachsenen durch grammatikalische Aufsätze, ein Handbuch allgemeiner Kenntnisse und einen Briefsteller. In braunschweigischen und berlinischen Zeitschriften veröffentlichte er zahlreiche humanistische und volkswirtschaftliche Arbeiten, und als der Nachfolger Friedrichs des Einzigen die Freiheit der Lehre durch das Religionsedikt beschränkte, trat der braunschweigische Beamte und Schriftsteller mit in den Kampf für die Unabhängigkeit des Gewissens. Der »guten Sache der Religion« hat er ein besonderes Buch gewidmet.

Seine Frau Charlotte war aus gelehrter Familie, eine Urenkelin des ersten deutschen Grammatikers Justus Georg Schottelius. Aus dieser Ehe entsproß am 14. Mai 1800 Gustav Karl Maximilian Raabe, des Dichters Vater. Auch er besuchte die Lateinschule zu Holzminden, deren Pflanzstätte die einstige Klosterschule von Amelungsborn war, studierte auf dem berühmten Kollegium Carolinum zu Braunschweig Deutschkunde bei Johann Joachim Eschenburg und dann in Göttingen die Rechte. Er war ein ungewöhnlich begabter, zumal auf Geschichte und Erdkunde gestellter Mensch. Auf seinen Ferienreisen trieb es ihn bis an die Ostsee und den Oberrhein, immer war er auf der Suche nach geschichtlichen Erinnerungen oder volkswirtschaftlicher Belehrung an Seehäfen und Bergwerken, den geschickten Zeichenstift in der Hand. Er ward ein sicherstelliger Mann, ein tüchtiger Jurist von gewandter Ausdrucksart, stets der Meinung, der Mensch könne, was er wolle. Es zeichnet die ganze Persönlichkeit, daß der 6 Richter Raabe zu sagen pflegte: »Die Türken schreiben unter ihre Erkenntnisse nicht: von Rechts wegen, sondern Gott weiß es besser.« Sein Sohn hat von ihm gemeint, der Vater wäre bei längerem Leben vielleicht einmal Minister geworden.

Nach beendetem Studium erhielt Gustav Raabe im Jahre 1827 den Posten eines Gerichtsaktuars beim Herzoglichen Kreisamt in Eschershausen an der Lenne. Zwei Jahre danach vermählte er sich mit der am 10. Mai 1807 geborenen Auguste Johanna Friederike Jeep, der Tochter des Holzmindener Stadtkämmerers, auch sie aus einer niedersächsischen, in Kirche und Schuldienst wohl bewährten, durch tiefe evangelische Frömmigkeit und weite wissenschaftliche Bildung ausgezeichneten Familie. Und diesem Paar wurde am 8. September 1831, abends um 6 Uhr als zweites Kind nach einer früh verstorbenen Tochter ein Sohn Wilhelm Karl geboren. Bei der Taufe am 26. September waren ein väterlicher Ohm, der braunschweiger Postschreiber Karl Raabe, ein mütterlicher, der Subkonrektor Justus Jeep aus Holzminden und Fräulein Minna Leiste aus Wolfenbüttel Paten.

Wilhelm Raabes Geburtshaus war ein Neubau mit hoher Vortreppe und einem den Berg hinansteigenden Garten. Seine Eltern verließen es schon nach wenigen Wochen, da der Vater als Assessor nach Holzminden versetzt wurde; so hat Raabe seinen Geburtsort, das kleinste Städtchen des Herzogtums, ein malerisch am Ithgebirge gelegenes Nest, erst später bei Besuchen in befreundeten Familien kennengelernt. Holzminden ward ihm die erste Kindheitsheimat. Gelegen an der hier bereits schiffbaren Weser, immerhin schon von mehr als dreitausend Einwohnern belebt, das schöne Waldgebirge des Sollings zur Seite, bot die Stadt den erwachenden Sinnen Eindrücke genug. Der seit sechs Jahren verwitwete Großvater, der 7 alte Postrat, wohnte im stattlichen Dienstgebäude am Markt, einem mit Urväterhausrat vollgestopften Anwesen. Da war der Degen eines Vetters, der für die Freiheit Amerikas gefochten hatte, alte Schnitzschränke und zahllose Bücher. Das Elternhaus im Goldenen Winkel war von Garten und Hof, Scheune und Ställen umgeben und bot wunderbare Tummelplätze für Wilhelm und seine beiden jüngeren Geschwister, die 1833 geborene Emilie und den wiederum zwei Jahre jüngeren Heinrich.

Der Vater verbrachte die amtsfreien Stunden in geistig angeregter Geselligkeit und in seiner wohlgewählten Bibliothek. Neben seinem Lieblingsschriftsteller Tacitus standen da die deutschen, englischen und spanischen Klassiker, unsere Volksbücher und Volksmärchen, Reisebeschreibungen und geschichtliche Werke, dazwischen auch Seltenheiten wie Jakob Böhmes Aurora und Rollenhagens Froschmeuseler. Die Entzifferung aber der geheimnisvollen Lettern lehrte die Mutter. Sie war nach des Sohnes Wort eines der lichtgeborenen Joviskinder, schon äußerlich eine harmonisch wirkende, helle. schlanke Erscheinung, innerlich voll Verständnis für fremde Eigenart, eine jener seltenen Frauen, denen »alles zum Kranze« wird. Mutig in schwerer Schickung, mildernd, wo der strengere Vater zu straff war, hielt sie mit Umsicht Haus und vertiefte zugleich ihre geistige Bildung. An Campes Robinson lehrte sie den noch nicht fünfjährigen Sohn lesen. »Was ich nachher auf Volks- und Bürgerschule, Gymnasium und Universität an Wissen zuerworben habe, heftete sich alles an den lieben feinen Finger, der mir um das Jahr 1836 herum den Punkt auf dem i wies.«

Vom Nähtisch der Mutter, wo Stricknadeln und Knäuel über Robinsons und Freitags Abenteuer glitten, gelangte Wilhelm Raabe 1836 in die holzmindener Bürgerschule. Der Betrieb der sehr vollen Anstalt war vielleicht für die 8 Künste der Fibel und des Rechenbuches nicht sehr förderlich, aber die Kinder wurden freundlich behandelt und in ihrer Freiheit wenig gehemmt. Die Persönlichkeit des altmodischen, humorvollen, manchmal auch unfreiwillig komischen Rektors Billerbeck, die dem Knaben ja auch nach dem Austritt aus der Bürgerschule noch straßauf, straßab begegnete, hat sich ihm besonders unverlöschlich eingeprägt, wie die des Schulrats Koken, der in der Lateinschule das Zepter schwang. Der neunjährige Knabe übersiedelte unter seine Obhut und saß nun auf den Bänken, die schon Vater und Großvater gedrückt hatten. Nach einem Jahr erreichte er die Quarta und damit nach dem lateinischen auch den griechischen Unterricht. Er war kein Vorzugsschüler, aber ein leidlicher Mitgänger, der seine Phantasie gern den Gestalten der Geschichte nachlaufen ließ; früh traten sie dem empfänglichen Geist auf jugendfrohen Streifereien an der Weser und über den Fluß hinweg, in der alten Stadt Höxter, in der schönen Abtei von Corvey, in der hochgewölbten Halle von Amelungsborn wie leibhaft entgegen; als bleibenden Eindruck des Schulunterrichts bei Koken aber hat er als alternder Mann charakteristischerweise hervorgehoben, die Schüler seien zur Wahrhaftigkeit angehalten worden.

Der Quartaner ward jedoch der Kinderheimat jäh entrissen. Die Beförderung des Vaters zum Justizamtmann beim Amtsgericht Stadtoldendorf bedeutete gleichzeitig für die Familie manche Entbehrung. Die erhebliche Aufbesserung in Rang und Gehalt entschädigte nicht für den Verlust des großen und heitern Verwandtenkreises in Holzminden, der auch nach des Großvaters eben erfolgtem Tode herzlich zusammenhielt. Zudem war Stadtoldendorf viel kleiner, weit abgelegen und, was für Wilhelm von nachhaltiger Bedeutung war, ohne höhere Lehranstalt. Er mußte in die dürftige Stadtschule eintreten, darin der 9 Rektor Pape sich mit dem Kantor und dem Opfermann in den Unterricht der gesamten städtischen Jugend teilte. Gewiß wird die strenge Beobachtung des äußeren Menschen, deren höchste Spitze die den Schülern zeitlebens unvergeßliche Krätzeparade bildete, notwendig gewesen sein; aber der eigentliche Unterricht, vornehmlich an Gesangbuch und Bibel getrieben, förderte den Knaben wenig, und die lateinischen Privatstunden bei dem selbst nur dürftig in der Klassik beschlagenen Rektor brachten nicht viel dazu. Und diese pädagogischen Mißgeschicke, zu denen noch ein widerwillig genossener Klavierunterricht kam, fielen gerade in die Zeit erster selbständiger Geistesentwicklung, in der der Knabe sich überhaupt gern auf eigene Wege schlug und sich in ihm ohnehin eine Unlust am regelmäßigen Unterricht regte. Wenigstens konnte sich das unverkennbare Zeichentalent jetzt nach Lust entfalten. Bald stilisierte der Sohn die üblichen Geburtstagsbogen für die Eltern humoristisch, indem er den Engeln Tabakspfeifen und Regenschirme verlieh, bald schuf er Landschaften mit romantischer Staffage von Schäfern oder Lanzknechten. Väterliches Beispiel, eigene Lust am Bildern und die innere Nötigung zum Festhalten gesehener und ersonnener, auch schon erlesener Vorgänge wirkten miteinander.

Stadtoldendorf liegt in liebliche Höhenzüge eingebettet. Über dem Städtchen ragen die Trümmer der uralten Homburg, und weiter nördlich erstreckt sich das Odfeld bis nach Amelungsborn hinüber. Schweiften die Schulkameraden ins Wesertal, so durften sie nun schon nördlich bis nach Bodenwerder, der Heimat Münchhausens, oder südlich bis nach Boffzen und Fürstenberg, dem Sitz der berühmten Porzellanfabrik, wandern, das alles Eindrücke, die für immer hafteten.

Im Anfang des Jahres 1845 kam Gustav Raabe an 10 einem Wintertage mit heftigen Unterleibsschmerzen nach Hause, kein Arzt konnte helfen, und schon am 31. Januar starb er unter furchtbaren Qualen, wahrscheinlich an einer Blinddarmentzündung, deren Behandlung damals noch unbekannt war. Der Tod des ungewöhnlich gescheiten und beliebten Mannes rief tiefe Teilnahme hervor, und zumal die im stillen geübte große Wohltätigkeit und die nach außen völlig zurückhaltende Frömmigkeit des Verstorbenen traten nun im Rückblick auch Fernerstehenden ergreifend vor die Seele. Alle Aussichten des Lebens schienen für die Witwe und die Kinder aufs furchtbarste verändert. Man hatte bisher in einem vorbildlich glücklichen, herzeinigen Familienkreise gelebt, der Vater hatte mit seiner weltoffenen Bildung, seiner ohne Eifern christlich milden Denkart, mit dem besonnenen Streben des aufsteigenden Juristen und Staatsbeamten das Haus emporgeführt, seine Kinder auf wohlbehüteten Wegen erzogen – jetzt stand die ganze Sorge der vereinsamten Frau zu. An Stelle der bisherigen behaglichen, ja wohlhäbigen Verhältnisse sah sich Auguste Raabe auf eine Pension von wenig mehr als hundert Talern, etwa einem Siebentel des Gehaltes, gesetzt; dazu kamen knappe Zinsen des auf holzmindener Grundbesitz festgelegten Vermögens. In Stadtoldendorf hielt sie nichts, sie brauchte eine größere Stadt mit besseren Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder und verwandtschaftlichem Anhang; beides bot ihr Wolfenbüttel, und dorthin übersiedelte die Familie noch zu Ostern des Jahres 1845.

Wilhelm Raabe war fast vierzehn Jahre alt, als er nun in die Quarta zurückkehrte, die er drei Jahre früher als Zehnjähriger in Holzminden verlassen hatte. Dies Schicksal wäre für jeden bitter genug gewesen, für ihn, der sich schon unbewußt selbständiger eine Welt baute, war es doppelt hart. Selbst wenn nicht 11 Kinderkrankheiten im Hause den Unterricht ohnehin unregelmäßig gemacht hätten, wäre das Fortkommen des in vielem eigenwilligen und nicht leicht zu ergründenden Knaben sehr erschwert gewesen. Die beiden Brüder der Mutter, deren wolfenbütteler Stellung einer der Beweggründe des Umzugs gewesen war, standen ihr und dem Sohne in allen diesen Nöten getreulich zur Seite. Christian Jeep, der Gatte von Raabes Patin Minna Leiste, Klassenlehrer der Sekunda, ein vielseitig gebildeter, gütiger Mann von künstlerischem Empfinden, fand trotz dem eigenen großen Haushalt immer Zeit für den Neffen und versuchte manche Ecken abzuschleifen. Der andere, bedeutendere und tatkräftigere Oheim, der Gymnasialdirektor Justus Jeep, in der ganzen Stadt verehrt und respektiert, von den Kindern mit einer gewissen Scheu betrachtet, griff ein, wenn dem überalterten Schüler von nicht gewöhnlicher Art Ungerechtigkeiten begegneten. Denn einfach war dieser Zögling nicht zu behandeln. Es mag dahingestellt sein, wie weit die von einem späteren Freunde bezeugten somnambulen Anlagen in ihm vorhanden waren; reizbar ist er jedenfalls in den nun einsetzenden Jünglingsjahren in hohem Grade gewesen, und gegen alles, was auch in damaliger Schulzeit schon dem späteren Grundsatz »Stramm, stramm. alles über einen Kamm« ähnlich sein mochte, wehrten sich Anlage und Temperament in ihm aufs äußerste. So entstand ein seltsamer Widerspruch: Raabe, der Sohn des Tacitusschwärmers, über dessen ersten Lernjahren der Geist der humanistischen Klosterschule gewesen war, gewann dem lateinischen und griechischen Klassenbetriebe keine Freude mehr ab; nur im Deutschen wurden seine Leistungen mit wachsender Reife immer einprägsamer. Die Aufsätze des zu Michaelis 1847 in die Obertertia aufgerückten Gymnasiasten zeugen von einer flugbereiten Phantasie und einer sich langsam 12 bildenden Stilkraft. Da erzählt er im Märchen von den Schwalben und den Sperlingen die jedem Kinde vertraute Geschichte von dem Spatz, der das verlassene Schwalbennest besetzt und von den im Frühjahr zurückgekehrten Urbewohnern, denen er den Zutritt weigert, erstickt wird. Aber er schreibt in knappen Absätzen, malt am Bilde des Schneemanns, wie an dem des hinterm Ofen von Fritz und Napoleon berichtenden Großvaters mit eindringlichen Strichen Kälte und Behagen des Winters, fliegt in einem einzigen Satze mit den Schwalben bis zum Senegal, zu Aloen und Lianen; er zeichnet den Storch, bei dem das zurückgekehrte Schwalbenpaar sich Rats erholt, so deutlich. daß man abfühlt, er hätte gern den gravitätisch auf einem Beine stehenden mit rascher Feder daneben abkonterfeit. Alles, bis zu den Kindern, die den toten Sperling begraben, ist einheitlich gefugt und aus humoristischer Anlage geschaut. Es muß doch ein sehr verständiger Lehrer gewesen sein, der diesen Aufsatz »mit dem allergrößten Fleiße gearbeitet« fand und aus ihm die Berechtigung zu den schönsten Hoffnungen für den Verfasser herauslas. Ein andermal, wenn Raabe einen Überfall in der Wüste schildert, kann er vollends der Phantasie, hier wohl auf den Spuren Ferdinand Freiligraths, die Zügel schießen lassen; aber er ahmte doch nicht nur nach. Von den fünfzehn diktierten Worten, die nach damaligem Brauche zu einer frei erfundenen Erzählung verflochten werden sollten, bringt er die seinem Vorhaben unnützen in einen einzigen Satz, um dann frei los zu galoppieren. Soll er die Einnahme Roms durch Karl von Bourbon im Jahre 1527 schildern, so führt er mitten in die Kämpfe hinein und läßt die von früh geliebten Lanzknechte schießen und plündern. Und vollends ist er in seinem Eigensten, wenn er an der Landstraße vom Brunnen aus die Welt an sich vorbeiziehn sieht: 13 Kirchgänger und Handwerksburschen, eine Landpartie, nach deren Verschwinden er plötzlich die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und die Gewalt des Todes doppelt stark empfindet, bis dann als letztes Bild von der Straße Freischärler vorübermarschieren, gegen die Dänen zu kämpfen – das Jahr 1848 war herangekommen – und die Schilderung nun doch in einen hoffnungsfrohen Klang nationaler Gewißheit austönt.

Je weniger erfreulich ihm das Fortschreiten im regelmäßigen Gange der Schule war, um so mehr sah er ein, was gerade die Stadt Wolfenbüttel selbst, ihre Lage und ihre Geschichte ihm boten. Von dem Giebelhause in der Okerstraße 17 mit seiner zweistufigen Steintreppe ging es immer wieder auf den Wall, am Türkenteich vorbei nach der Weißen Schanze, zur Ruine der Asseburg, zum Scheibenschießen mit dem Pusterohr, oder auf der Landstraße am Weghaus Lessingschen Angedenkens vorüber zur Landeshauptstadt Braunschweig. Und bald erlebte Raabe selbst Geschichte. Wie er die Freiwilligen nach Schleswig-Holstein ziehn sah, so drang die Welle der Revolution nach Braunschweig hinüber, und den Sekundanern, soweit sie kräftig genug waren, stellten ihre Lehrer den Eintritt in die Bürgergarde frei. Er selbst war aber zu seinem Leidwesen zu zart und mußte, wie nicht fern davon der gleichaltrige Klosterschüler Julius Rodenberg in Rinteln, sich mit der leidenschaftlichen Teilnahme an der Bewegung des Städtchens zu einer Zeit genügen lassen, da der frühe Student Paul Heyse schon mit Flinte und Schleppsäbel, verseschmiedend, im nächtlichen Königsschlosse an der Spree Wache stand. Aber auch diese, empfängliche Menschen stark vorwärtstreibende, politische Erfahrung machte den normalen Schulgang immer unleidlicher. Mancher seiner Lehrer, neben Christian Jeep vor allem August Scholz, traute ihm schon 14 damals eine literarische Zukunft zu, und schriftstellerische Hoffnungen haben sicherlich den für seine Klasse zu alten und für seine Jahre reifen Sekundaner von 1849 bewegt; zunächst aber kam es darauf an, zu Brote zu gelangen. So ward denn der schwere Entschluß, doppelt schwer für den Sprößling gelehrter Geschlechter, gefaßt, der Schule vorzeitig Valet zu sagen. Die tapfere Mutter, auf der soviel Sorgen lasteten, bewährte sich auch an dieser Wegscheide als die große Frau, als die der Sohn sie spät noch bezeichnete. Nach reiflicher Beratung mit dem Paten Justus Jeep entschied man sich bei der großen Lesefreude und Bücherlust des jungen Mannes für den buchhändlerischen Beruf, und Wilhelm Raabe verließ im Jahre 1849 Wolfenbüttel, um auf den Rat einer befreundeten hannöverschen Verlegerfamilie in Magdeburg den Buchhandel zu erlernen.

Gleich nach Ostern traf er in der Hauptstadt der Provinz Sachsen ein und bezog die Stube im zweiten Stock des Hauses zum Goldenen Weinfaß, die ihm als Lehrling der im Erdgeschoß des Gebäudes belegenen Creutzschen Buchhandlung zustand. Der Inhaber des Geschäfts, Karl Gottfried Kretschmann, behandelte den Achtzehnjährigen ganz als zur Familie gehörig. So nahm Raabe auch an dem reichen musikalischen Leben des Hauses teil, fand jedoch hier so wenig wie daheim den Weg zur Musik; sie offenbarte sich ihm nach eignem Geständnis erst viel später durch Beethovens Fidelio.

Weit wichtiger war die unermeßbare Gelegenheit zum Lesen. Raabe hatte ja die schöne Bücherei von Vater und Großvater früh nach seines Herzens Gefallen nutzen können; dazu war reichliches Schmökern in den Bänden einer wolfenbüttler Leihbibliothek gekommen; die Mutter war für ihre kargen Mußestunden abonniert, und der Sohn las ungehindert mit. Den ersten Teil des Faust 15 konnte der Sekundaner Zeile für Zeile auswendig, oder, wie die französische Sprache hübscher sagt, par coeur. Im übrigen war ihm aber damals Goethe noch unbekannt, Schiller wohlvertraut. An Jean Paul, von dem der Vater nur Doktor Katzenbergers Badreise besaß, hat er sich vergeblich die Zähne ausgebrochen, aber schon der Dreizehnjährige las mit fiebernden Wangen die Geheimnisse von Paris und den Ewigen Juden von Eugen Sue und Alexander Dumas' Grafen von Monte Christo. Dies Werk und die Drei Musketiere desselben französischen Erzählers machten einen unverlöschlichen Eindruck auf ihn und wurden immer wieder vorgenommen. »Und wenn sich alle Schulmeister der Welt auf den Kopf stellen, oder vielmehr fest hinsetzen aufs Katheder. sie erobern die Welt zwischen dem sechzehnten und zwanzigsten Lebensjahre doch nicht durch moralisch, ästhetisch und politisch gereinigte Anthologien« – so hat er nach fünfzig Jahren im Hinblick auf seine fessellose Jugendleselust geschrieben.

In Magdeburg geriet er dann über Honoré de Balzac und blieb ihm jahrelang, von der Wucht der Darstellung gefangen, treu. Den gallischen Tragikern vermochte er niemals bis zum Schlusse eines ihrer Dramen zu folgen. Um so williger gab er sich den großen englischen Erzählern des neunzehnten Jahrhunderts hin; zunächst Walter Scott, in den er sich romantisch einspann, dann aber William Makepeace Thackeray. Der Realismus dieses Meisters der Gesellschaftsschilderung, sein manchmal scherzend spielender, manchmal wieder ätzender Humor ließen den jungen Leser nicht wieder los. Es war ihm keine Mühe, sich durch die vielen Bände des Pendennis durchzuwühlen, der ihm unter allen Werken Thackerays das liebste ward; es war das einzige Buch, das er sich in Magdeburg kaufte, und er lernte Englisch, um es auch in der Ursprache zu genießen. Auch Dickens, den in Deutschland bei weitem beliebteren, 16 scheint er schon damals gelesen zu haben; zum mindesten die Weihnachtsgeschichten, wahrscheinlich aber auch Martin Chuzzelwit und Nicolas Nickelby hat er wohl den Regalen der Creutzschen Handlung entnommen. Er machte sich nun diese Engländer und ihren älteren Landsmann Oliver Goldsmith in der Ursprache zu eigen, auch Milton und Washington Irving haben ihn beschäftigt. So sauer ihm auf der Schule bei der Unregelmäßigkeit seines Aufstiegs das Lateinische oft geworden war, er nahm doch den Seneca gewissenhaft im Grundtext vor und las sich in Spinozas lateinische Weltanschauungswerke hinein.

Sein tägliches Brot aber in Magdeburg war ja die deutsche Literatur, deren Vertrieb freilich unter der Herrschaft der wieder eingerückten Reaktion mit Vorsicht gehandhabt werden mußte. Die Zensur, und als ihr Organ die Polizei, waren häufige Gäste vor dem Ladentisch, auf dem dann massenhaft unbeträchtliche Harmlosigkeiten wie Redwitzens Amaranth lagen, um gefährliche Konterbande zu decken. Zu dieser gehörte etwa Heinrich Heines Romanzero; nach ihm griffen hundert Hände, darunter auch die Wilhelm Raabes, noch ehe die Behörde ihr Verbot ausgesprochen hatte. Wie auf den Schüler, so auf den Buchhändler wirkte Heine neben Freiligrath unter allen zeitgenössischen Lyrikern am stärksten, und Raabe ist dieser Doppelliebe zeitlebens treu geblieben. Von E. T. A. Hoffmann hatte er schon im Elternhause manches gelesen, indessen mehr an den geschichtlichen und anekdotischen Erzählungen als an den eigentlichen Gespensterstücken Gefallen gefunden.

Die Jahre dieser magdeburger Lehrzeit bringen ja noch den vollen Ausklang der politischen Lyrik, aber der Umschwung zu einer neuen realistischen, von Zeitstimmungen freien Kunst kündigt sich schon an. So sendet der junge Buchhändler der Mutter und den Geschwistern als 17 Geschenk Berthold Auerbachs Schwarzwälder Dorfgeschichten. An Alexis ist er erst später herangekommen, aber sehr charakteristischerweise bildete er sich, genau wie Gottfried Keller, an den philosophischen Werken Ludwig Feuerbachs. Wir können den Einfluß Feuerbachs auf Raabe nicht alsbald so deutlich verfolgen wie den auf Keller – Raabe war auch zum vollen Erfassen der Lehre zu jung. Aber die Dogmenfeindschaft Feuerbachs, sein Preis des Lebens und der Persönlichkeit, seine Auffassung des Todes als höchstes Recht des Lebenden, als des Lebens vollendenden Moment bewegten ihn tief und auf lange.

Er las solche Schriften nicht allein, sondern in einem Kränzchen junger Berufsgenossen, und dem gemeinsamen geistigen Genusse folgten auf Raabes Zimmer lange, lebhafte philosophische Erörterungen. Zur Schwichtigung leidenschaftlicher innerer Kämpfe mag dann besonders ein Gang in die Märchenwelt Hans Christian Andersens gedient haben; seine liebenswürdige Phantastik und manchmal echt kindliche Vortragsweise zogen Raabe nachhaltig an. Ein glücklicher Zufall ließ den Lehrling in den Hinterräumen der Handlung noch längst aus dem Sortiment gezogene Bücherbestände bis in den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts zurück in losen Bogen vorfinden, und er konnte da vieles längst Verschollene und selten Gewordene, für ihn sehr Wichtige noch aufnehmen und genießen, bevor es zum Einstampfen wanderte.

Die Stadt Magdeburg, Stätte und Denkmal schwerer, wüster deutscher Geschicke, bot dem des Schweifens Gewohnten auch außerhalb des Hauses genug, und er hat ihren Dom und ihre Giebelhäuser, den schönen Breiteweg und enge alte Gassen ausgiebig genossen, sich an der Elbe wie einst an der Weser heimisch gemacht, die eintönige Böhrde durchzogen, auch mit den politischen 18 Gefangenen, die sich in Begleitung von Unteroffizieren stundenweise frei bewegen durften, verkehrt und ist der Geschichte der oft von Krieg und Brand heimgesuchten Festung in lateinischen und deutschen Chroniken eifrig nachgegangen. Sein Prinzipal starb im Jahre 1850, aber er blieb mit dessen Sohn und Nachfolger Reinhold Kretschmann in gutem Vernehmen. Über Arbeitslast hatte er nicht zu klagen, wenn auch seine sommerliche Beschäftigung nicht gerade, wie er später einmal meinte, nur im Fliegenfangen bestanden haben dürfte. Tief erschüttert hat den Reizbaren der nächtliche Tod eines der Söhne des Hauses beim Entladen eines Gewehrs. Raabe mußte, aus dem Schlafe geweckt, den eben Verstorbenen mit aufs letzte Lager tragen. Verstört ging er aus dem aufgeschreckten Hause und verbrachte die letzten Nachtstunden zwischen Schlummer und Wachen bei einem Bekannten. Als er am andern Abend den Weg zu seiner Stube suchte, stieß ihn im Dunkel des Stiegenhauses unmittelbar vor der Tür des Sterbezimmers etwas wie eine riesige Faust jäh vor die Brust; noch unter dem Eindruck des schweren Erlebnisses flog er an allen Gliedern, bis die auf seinen Hilfeschrei herbeigeeilten Hausgenossen eine große Ratte als Ursache des Schreckens feststellten. Aber der Achtzehnjährige hat an den Folgen dieser Entsetzensstunde einen Monat lang zu tragen gehabt und den so verstärkten Schauer dieser Tage unverwischbar im Gedächtnis behalten.

Der inneren Bildung Raabes kamen die Buchhändlerjahre sehr zustatten; dennoch fühlte er sich bald selbst nicht mehr auf dem rechten Wege, und zumal in lebhafteren Geschäftszeiten, wenn er mit dem befreundeten Gehilfen Albert Rüdiger zusammen alle die mechanische Kleinarbeit des Sortimenters über Ballen und Rechnungen zu leisten hatte, regte sich in ihm der Überdruß. 19 Kretschmann sah wohl darüber hinweg, daß der Brennölverbrauch des allzu reifen Lehrlings über Büchern und Papier das gewöhnliche Maß überstieg, aber auch er wird in Raabe keine künftige Zierde des Buchgeschäfts erkannt haben. Der Drang zur Freiheit, zur Darstellung seines Selbst, wie man's gemäß der Lektüre des innerlich Emporstrebenden spinozistisch ausdrücken kann, hatte ihm das Joch der Schule in Wolfenbüttel unsanft gemacht; er trieb ihn nun nach beendeter vierjähriger Lehrzeit zwar nicht auf die Schulbank, aber doch zu neuer systematischer Vorbereitung in die Schul- und Mutterstadt zurück.

Mit fast zweiundzwanzig Jahren erschien Wilhelm Raabe zu Ostern des Jahres 1853 wieder in Wolfenbüttel, bewußt nur zu vorübergehendem Aufenthalt. Das Abgangszeugnis des Gymnasiums hatte ihm vor vier Jahren neben lobenswertem Betragen zwar im deutschen Stil und im freien Handzeichnen einen für seine Bildungsstufe nicht häufigen Grad der Vollkommenheit zugesprochen, von allem übrigen aber charakteristischerweise geschwiegen. Damit allein mochte er nun den Pforten der Universität nicht nahen und suchte auf eigene Hand sein vielfach stückweises Wissen zu vervollkommnen. Die Mutter blickte mit tiefem Kummer auf sein Beginnen. Die Tochter ging ihr bereits im Hause zur Hand, der zweite Sohn rüstete nach normalem Schulgange zum rechtswissenschaftlichen Studium – nun kam der Älteste nach voller Lehrzeit nicht als verdienender Buchhandlungsgehilfe heim, sondern des einst ergriffenen Berufs im tiefsten unfroh und unverkennbar in seelischer Krisis, neue Wege einzuschlagen bereit. Aber ihr unverbrüchliches Vertrauen in Artung und Begabung ihres Wilhelm blieb Auguste Raabe unerschüttert. Sie empfand den leidenschaftlichen Ernst des in sich gekehrten und über seine Jahre reifen Sohnes; und ihre Zuversicht half ihm 20 über manche unerfreuliche, in der Kleinstadt unvermeidliche Berührung mit längst auf der Hochschule oder gar schon im staatlichen Vorbereitungsdienste stehenden Altersgenossen und einstigen Mitschülern hinweg. Gerade dieses äußerlich schiefe Verhältnis zur Umwelt mag das noch ungewisse Gefühl einer schriftstellerischen Berufung, einer Tat von seinen Gedanken in ihm bestärkt haben, und wie mit zusammengebissenen Zähnen ging er nun noch einmal die antiken Geschichtsschreiber und Philosophen und die Denker neuerer Zeiten durch, Grundlagen erarbeitend, die seine Bildung für immer untermauerten.

Und des gewiesenen Weges sicher, zog er nach einem Jahre nicht nach Göttingen, das seit Helmstedts Auflösung auch Braunschweigs Landesuniversität war, sondern nach Berlin, in die preußische Hauptstadt, in die Großstadt, wo er sich verlieren, wo er sich gewinnen konnte.

Von der Ecke der Stechbahn hinter dem berliner Schloß bis zur Gertraudtenstraße hinüber zieht sich die Friedrichsgracht den Spreearm entlang. Das Straßenbild entspricht genau dem holländischen Namen: in der Mitte der hier träge strömende Fluß, eingefaßt von schmalen Fahrstraßen, und diese entlang die leicht geschwungenen Zeilen der Häuser; keins damals höher als zwei Stock, unter ihnen das schöne, von Karl Wilhelm Wach ausgemalte Gebäude des Oberlandeskulturamts neben der Münze, auf der anderen Seite die Rückfront der Probstei von St. Petri und das Schindlersche Waisenhaus. Die Glocken des alten Doms, von St. Nikolai, der eben neu erbauten Petrikirche und der »Singeuhr« von der Parochialkirche tönten herüber; in stillen Abendstunden konnte man das Wasser um die Spreemühlen rauschen hören. Ging man spreeabwärts, so kam man bald, an der ragenden Schloßkuppel vorbei, zu der weihevollen Säulenhalle des Alten Museums; schritt man stromauf, so eröffnete sich der Blick 21 auf die Spreeinsel, auf den gedehnteren Flußspiegel vor Neukölln am Wasser. Rechts und links aber ging und geht es, wie in Unterschlupfe, in schmale, krumme Gassen und Höfe hinein. Ziemlich genau in der Mitte der Friedrichsgracht überquert die von einem ganzen berliner Sagenkreis umwobene Jungfernbrücke die Spree, eine an eisernen Ketten hangende, schwankende, abends von matten Laternen beleuchtete Zugbrücke. Wo sie gen Osten mündet, steht ihr gegenüber der Französische Hof, ein schräg gestelltes, weitläufiges Gebäude mit breiter Einfahrt und tiefer innerer Ausbuchtung zum Einstand für Wagen und Pferde; und dicht daneben biegt die schmale Spreegasse zur Brüderstraße hinüber, einer Stätte bürgerlichen Patriziats, die in einem ihrer schönsten Häuser damals die Nicolaische Buchhandlung und damit das Gedächtnis Lessings barg. In dieser Spreegasse, in dem Hause Nr. 11, dem dritten vom Wasser, im ersten Stockwerk bei dem Schneider Wuttke, der zugleich Königlicher Tafeldecker war, bezog Raabe im April 1854 ein Vorderzimmer. Der Reisesack enthielt neben dem Nötigsten an Kleidung und Wäsche und zahlreichen Büchern ein eben begonnenes Tagebuch, das ohne gedankliche Anknüpfungen lediglich äußere Vorgänge des Lebens, Briefe, Lektüre, Besuche, Wetternotizen, auch wohl geschichtliche Erinnerungen aufzunehmen hatte. Auf der Friedrich-Wilhelms-Universität ward Raabe als Hörer bei der philosophischen Fakultät eingeschrieben und warf sich mit dem Eifer des endlich losgelassenen Schwimmers auf das Studium. Aber auch hier blieb er nicht im regelmäßigen Ablauf befangen, war er doch auch für ein erstes Semester reichlich alt. Die Literaturgeschichte bei Friedrich Heinrich von der Hagen und Rudolf Köpke, dem Biographen Tiecks und Herausgeber Kleists, fesselte ihn wenig; auch die Kunstgeschichte bei Ernst Guhl und Heinrich Hotho hat ihm 22 nicht viel eingetragen. Dagegen hielt ihn der große Erforscher des Nilreichs Karl Richard Lepsius, der damals das Museum ägyptischer Altertümer einrichtete, fest, und nicht minder gern saß er zu Füßen des mehr als siebzigjährigen Geographen Carl Ritter. In der Philosophie aber ließ er den Hugenottenenkel Karl Ludwig Michelet auf sich wirken, der die Hegelsche Überlieferung aus lebendigem Anschluß an seinen toten Meister mit eindringlichem Kritizismus vertrat. Diese drei hörte er mit großer Regelmäßigkeit, sonst aber ließ er sich von dem Leben Berlins treiben und genoß den Gegensatz zwischen der Spreegasse und den gedehnten Vierteln der Hauptstadt. Verkehr unter Studenten suchte er nicht, einer Verbindung trat er nicht bei. Auch dem reichen literarischen Leben der Stadt blieb er fern; er erstrebte nicht den Zugang zum Sonntagsverein, dem Tunnel über die Spree, wo Christian Friedrich Scherenberg im Ruhmesglanze saß und Theodor Fontane mit dem Archibald Douglas erste Triumphe feierte. Daß er fast zwei Jahre ein Stadtgenosse Gottfried Kellers war, dessen Erstlinge ihm bei Kretschmann durch die Hände gelaufen sein müssen und der gleich ihm in Berlin seinen archimedischen Punkt suchte, ist Raabe sicherlich gar nicht bekanntgeworden. Und Paul Heyse hatte sein junger Ruhm schon nach München entführt. Raabe lebte aber nicht ohne jeden Verkehr. In der Leihbibliothek, die er selbstverständlich alsbald aufsuchte, lernte er den jungen Buchhändler Stülpnagel kennen und gewann in ihm einen vielfach anregenden Freund. Er besuchte häufig das Theater, besonders die damals noch blühenden wohlfeilen Volksbühnen; er versetzte sogar seinen Schiller, um Tanzstunde zu nehmen. Er durchwanderte die Stadt und paßte auf das Leben der Großen und Kleinen, seines schneidernden Wirtes so gut wie des Kesselschmieds Marquart in einem Keller seiner Gasse. 23 Dieser blieb er auch nachbarlich treu, als er im nächsten Jahr, wiederum zu einem Schneider, in eine Dachstube der Oberwallstraße, zwischen dem Palais des Kronprinzen und der Königlichen Bank zog.

Die Möglichkeit, sich im Getriebe der großen Stadt zu verlieren, die vielfältigsten Verhältnisse zu beobachten, die politischen Ereignisse und Persönlichkeiten, gerade unter dem schwülen Druck der Reaktionszeit, zu verfolgen, verschiedene Zeitungen zu lesen, auf menschliche und nationale Schicksale zu merken, bot dem späten Studenten Berlin wie kein anderer deutscher Ort. Er hat sie redlich genützt. Am 15. November 1854 – »der November, den die meisten Menschen hassen und fürchten, ist mir und meinen Arbeiten der willkommenste Monat«, schrieb er neun Jahre später einem Freunde – stand er, wie er gern tat, an die Scheibe gelehnt und sah aus dem Fenster seiner Stube. Dann wandte er sich ab und schrieb auf das abgerissene gelbe Papier aus einer leergerauchten Zigarrenkiste die ersten Zeilen eines Werks, das er dann den Winter und das Frühjahr über unter der Hand hielt. Viele Seiten wurden beim Rauch der geliebten Pfeife oder Zigarre am Arbeitstische daheim, manche, um Heizung zu sparen, im Kolleg verfaßt. Mit fester Hand fügte Raabe den Titel hinzu:

Die Chronik der Sperlingsgasse. 24

 


 

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