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Heinrich Spiero: Raabe - Kapitel 23
Quellenangabe
typebiography
booktitleRaabe
authorHeinrich Spiero
year1925
firstpub1924
publisherA. Ziemsen Verlag
addressWittenberg
titleRaabe
pages329
created20180707
sendergerd.bouillon@t-online.de
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21. Kapitel

Der Genius und die Zeit

Der Prozeß mit seinem Volk, den wir Raabe führen und gewinnen sahen, ist Schicksalslast und Gnade des Genius – dem bloßen Talent bleibt er erspart. Zu diesem Geschick gehört, daß der große Künstler von jeder Generation als ein neuer aufgefaßt wird; bis dahin verhüllte Seiten seines Wesens treten hervor, und, ein Zeichen seiner Berufung, er erscheint in jedem nationalen Stufenjahr mit so gewandelter wie erhöhter Wirkung. Plötzlich stehen bisher unbeachtete Werke im Vordergrund des Bewußtseins, lange verschattete Züge in dem scheinbar vertrauten Antlitz leuchten bedeutend hervor. Wir erlebten und erleben solches an Goethe, Schiller, Kleist, Hebbel, an Rembrandt, Grünewald, wir erfahren es an Raabe.

Jene Generation, der er vor allem der Idylliker war, ist längst dahin. Vorbei auch ist die Zeit, da er nur der humoristische Lebensdarsteller in einem immerhin engen Betracht, nicht im Sinne jenes von Höffding und Brandes herausgearbeiteten großen Humors scheinen mochte. Für jenes älteste Geschlecht lag auf lange hinaus der Akzent seiner Wertschätzung auf der Chronik, das nächste stellte den Hungerpastor, den Horacker, die Leute aus dem Walde obenan. Dann, nach der Neuentdeckung des silbernen Zeitalters unserer Literatur in seiner ganzen Kraft und Fülle, entfaltete sich der poetische Realist, die geschichtlichen Novellen und Romane, die Alten Nester, Stopfkuchen 301 traten in den Vordergrund. Heute, im Kampfe mit der dritten Sintflut, bleibt uns Raabes Realismus unverlierbar, aber mit erschütternder Gewalt tritt der Deuter seelischer Kämpfe, der Entwirrer des Lebens in dem ungeheuren Widerspruch der Welt, der tief einsame, bis zu apokalyptischen Bildern weltweiter Schau entrückte Dichter uns zuerst vor Augen. Des Reiches Krone, Abu Telfan, Der Schüdderump, Unruhige Gäste, Die Akten des Vogelsangs, Altershausen – das sind heute, im Lichte dieses deutschen Tages und dieses Weltgeschicks die Werke unserer tiefsten Ehrfurcht, unserer wärmsten Liebe, sie sind uns in ihrer künstlerischen Schlackenlosigkeit, wie in ihrer heischenden sittlichen Forderung, in ihrem unentrinnbaren Ernst und ihrer ins Jenseits deutenden Gebärde nur höchsten Meisterwerken unseres ganzen nationalen Schrifttums vergleichbar. Sie sind Bücher aus der Geschichte des menschlichen Herzens und Offenbarungen deutscher Menschenart, deutscher geistiger Haltung im besonderen. Der sichere Realismus des äußeren Lebens ist zum untrüglichen Weiser des seelischen erhöht, und mit vollem Bewußtsein hat Raabe sich einen Beschreiber des »innersten deutschen Wesens« genannt. Lebhaft fühlen wir da wiederum sein inneres Begegnen mit Goethe.

Konrad Koch hat trotzdem gemeint, Raabe sei in einen innerlichen Gegensatz zu Goethe geraten und stehe Schiller näher. Hier zeigt sich, daß dieser liebevolle und Raabe selbst vertraute Beurteiler noch jener dritten Instanz im Streit Raabes mit seinem Volke zugehörte. Er ist bei seiner Feststellung durch ein dreifaches Mißverständnis geleitet worden: er übersah das »erdigere« Deutschtum und die nationale Mittelstellung Goethes, er verkannte Schillers bei allem Sinn für volklichen Stolz festgehaltenes Weltbürgertum, und er nahm nicht den genügenden Abstand von Raabe, um auch dessen weltbürgerliche 302 Stellung zu erfassen. Raabe in diesem Betracht zu verstehen, müssen wir den Begriff des Weltbürgertums in seiner Reinheit herstellen, ihm das abstreifen, womit heute banale Mitläufer oder verständnislose Gegner ihn verdunkelt haben. Weltbürgertum ist, Goethisch gesprochen, die Fähigkeit, das, was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, in sich selbst noch einmal zu empfinden, es ist, mit Schiller ausgedrückt, die Gabe, der Menschheit große Gegenstände als die eigenen zu betrachten, oder, wie es Mörike wiederum von Schiller aussagt, die Kraft, das eigne Weh in den ewigen Weltgeschicken zu vergessen. Solche Gesinnung hat nirgends vollere Frucht getragen als in Deutschland, ihr ist Kants geniale politische Konzeption Zum ewigen Frieden entsprossen, und diese adlige Gemütskraft entspricht genau einer höchsten Forderung des Christentums.

In dieser geistigen Luft lebt auch Wilhelm Raabe. Immanuel Kant empfand den Befreiungskampf Washingtons gegen die englische Krone als ein höchstes eigenes Erlebnis mit; Wilhelm Raabe nennt im Alten Eisen den nordamerikanischen Bürgerkrieg für die Befreiung der Negersklaven unter der Präsidentschaft des »klugen, tapfern, weisen Mr. Abraham Lincoln« einen der edelsten Kriege der Welt; man fühlt die innere Beteiligung. Gotthold Ephraim Lessing hatte für die Gleichstellung der Juden gekämpft, nicht um der Juden, sondern um der Freiheit und Menschlichkeit willen; Raabe nennt im Hungerpastor, dem Werk, wo Moses Freudenstein seine verhängnisvolle Rolle spielt, den Judenleibzoll unter ausdrücklichem Hinweis auf Lessings Freund Moses Mendelssohn eine Niederträchtigkeit und einen Skandal. Goethe hatte seinen großartigen Ausblick auf eine Weltliteratur beschlossen:

Laßt alle Völker unter gleichem Himmel
Sich gleicher Gabe wohlgemut erfreun! – 303

Wilhelm Raabe schrieb in seinem Todesjahr an die Revue de Paris: »Die Lettern haben das Göttliche, daß sie uns erlauben, über die Grenzen hinweg in dem gleichen Glauben an die Menschheit zu verkehren.«

Es gehört zur Sendung des deutschen Geistes, die uns nach so vielem tragischen Mißlingen die Götter endlich, endlich gesegnen mögen, diese Gesinnung trotz allem und allem durch die Zeiten zu tragen, und in ihr bindet sich der deutsche Geist aufs neue an das Evangelium. Dem Pseudoweltbürgertum »Ubi bene, ibi patria« sagt Raabe in Gutmanns Reisen seinen Abscheu ins Gesicht – das große humane Gefühl unserer klassischen Epoche von Kant bis zu Schiller war ganz das seine. Nur: er war nicht umsonst durch das neunzehnte Jahrhundert gegangen, und schärfer als jene hatte er deutsche Geschichte und deutsche Zwietracht, deutsche Not und deutsche Schmach, deutsche Ausländerei, die sich an das Fremde hing, weil es fremd war, und das Heimische verachtete, weil es nicht weit her war, empfunden. Auch seine Perspektive war, noch in den Akten des Vogelsangs, wie die Goethes, Amerika, aber er sah dort nicht nur, wie der Dichter von 1749, das Land einer großen Entwicklung, sondern auch die Gefahr für das alte Europa, die wir dann am eignen Leibe so furchtbar erlebt haben. Die von ihm geschmiedeten und weitergegebenen Waffen sollen nicht einem großkapitalistischen oder pseudosozialistischen Internationalismus zu Füßen gelegt werden; aber sie gehören auch nicht in die Hände eines schrankenlosen Nationalismus, der aus dem deutschen Menschen einen anders gefärbten Monsieur Chauvin machen will und so kostbare deutsche Seelenkräfte gefährdet. Die Waffen Raabes streiten vielmehr mit uns gegen die Ketten von Versailles, gegen die Beschmutzung des großen Erbes der Vergangenheit, gegen jeden deutschen Partikularismus, für die 304 Einheit und die Freiheit Deutschlands in dem Sinne jenes freiheitlichen Geschlechts, mit dem er groß wurde und dem jeder heiße Kampf für deutsches Recht und deutsche Größe zugleich ein Kampf für die Menschheit im Sinne Schillers war. Sie alle, und Raabe mit ihnen, empfanden:

Schmach dem deutschen Sohne
Der die angeborne Krone
Seines Menschenadels schmäht,
Kniet vor einem fremden Götzen,
Der des Briten toten Schätzen
Huldigt und des Franken Glanz;

aber sie betonten als Söhne der Freiheit die deutsche Aufgabe, »während des Zeitkampfes an dem ewigen Bau der Menschenbildung zu arbeiten«, sie glaubten, Deutsche und Weltbürger, daran, daß der Tag des Deutschen die Ernte der ganzen Zeit sein wird.

Ein solcher Erbe Goethes und Schillers ist der Sohn des realistischen Zeitalters gewesen und geblieben. Das politisch und geschichtlich entscheidende Jahr für Kleist und Arnim war das von Jena, für Immermann und Alexis blieb es 1813, für Wildenbruch und Liliencron 1870, für Hauptmann und Dehmel 1880, die Zeit von Bismarcks sozialer Botschaft und dem Beginn des Sozialistengesetzes – für Raabe war das Anbruchs- und Aufwachjahr 1848. In dessen Geist hat er Schiller gefeiert und im National-Verein gesessen, aus diesem noch ganz von den Idealen der Klassiker gespeisten Gefühl von Deutschlands Größe und Freiheit hat er die Reaktion vor 1866 und das nationale Wesen nach 1870 beurteilt. Wie seine Gesinnungsgenossen von Frankfurt, Gotha und Koburg, wie Bennigsen, Simson, Schulze-Delitzsch, wie sein Freund Schrader und der diesem befreundete, Raabe fast auf den Tag gleichaltrige, zu unserm Unheil so früh und so furchtbar abberufene Kaiser Friedrich, hat Raabe im 305 Grunde immer das schwarzrotgoldene Bändchen aus der Paulskirche auf dem Rock getragen. Er schalt so wenig wie seine Freunde aus der Erbkaiserpartei die Schöpfung Bismarcks, aber auch ihm fehlte, wie Freytag, die Ergänzungsfarbe; die Verfassung stammte, wie Bismarck immer wieder hervorhob, zum guten Teil aus dem frankfurter Parlament, aber der große und weite Geist dieser warmen deutschen Achtundvierziger verflüchtigte sich zu Raabes Kummer in dem neuen Reich, in dem selbst Bismarcks Biograph eine Dämpfung des Geistes feststellte und das Friedrich Lienhard seelenlos nannte. Aus dieser Stellung Raabes fließt heute die sich unablässig steigernde Wirkung seiner deutschen Menschlichkeit. Der Idealismus, den er aus politisch beengter, gedrückter, zersplissener Zeit mitgebracht, mitgebracht als ein Nachfahr des Geschlechts von Kant bis zu Stein, sollte nach seinem Sinne mit dem neuen Reiche in den größeren, reicheren Verhältnissen seines Alters weiter wachsen. Nun, da der Reichtum geschwunden, die Freiheit verloren, die Einheit, wie in den Zeiten des schlimmsten Fürsten- und Städtehaders, bedroht ist, tönt die warme, menschliche Stimme des weltweiten, erzdeutschen Meisters doppelt beweglich, tränenlockend, schicksalmahnend in unsere Welt. Nie seit hundert Jahren ward es uns Deutschen schwerer gemacht, frei durchzugehn. Bei ihm können wir es immer wieder lernen, bei ihm immer wieder auf dem Wege zu den letzten Tiefen menschlicher Erkenntnis die blitzende Rüstung gewinnen, in der uns niemand etwas anhaben kann. Unter dem düstern Himmel eines erst unsern Nachkommen deutbaren Geschicks holen wir aus seiner Dichtung jenen Mut, den »oft ein leiser Hauch von Menschenatem oder Westwind, ein Ton aus der Ferne oder ein Geräusch aus der Nähe, ein Lichtstrahl aus einem Kinderauge oder das trübe ziehende Regengewölk mitbringt«, – und diese Gabe verbürgt noch dem 306 Deutschen fernster Zeiten in Raabes Werk Freiheit, Kraft, Erhebung, »ein Rauschen jungen Frühlingsgrüns, ein blaugoldnes Leuchten und Funkeln auf allen Seiten und klare See und freie Fahrt bis in alle Ferne«. Auch über der dritten Sündflut, in der wir nun kämpfen, ist der Geist Gottes; ihn zu finden müssen wir auf die Innenstimmen lauschen, müssen wir versuchen, mit den Augen Wilhelm Raabes immer wieder von den Gassen, auf deren Leben zu achten seine Menschenliebe uns lehrt, zu den Sternen emporzuschauen. Sie leuchten in seinem Werk, und dies Werk spannt sich, wie von der geheimnisvollen Hand des Demiurgos gewölbt, über Deutschland und der Welt. 307

 


 

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