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Heinrich Spiero: Raabe - Kapitel 19
Quellenangabe
typebiography
booktitleRaabe
authorHeinrich Spiero
year1925
firstpub1924
publisherA. Ziemsen Verlag
addressWittenberg
titleRaabe
pages329
created20180707
sendergerd.bouillon@t-online.de
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17. Kapitel

Das letzte Buch

An Raabes siebzigstem Geburtstag war von einem Werk Altershausen die Rede, und sein Erscheinen ward alsbald angekündigt; aber dann wurde es wieder still, das Buch war wie verschollen, und viele zweifelten an seinem Vorhandensein. Nun, da Raabe dahingegangen war, fand es sich vor. Am 2. Februar 1899, ein halbes Jahr nach der Beendigung von Hastenbeck, hatte er mit der Komposition begonnen und sie bis in den Sommer 1901 fortgeführt, dann aber, trotz manchem Zudrängen von Freunden und Verlegern, die Feder nicht mehr aufgenommen. Er blieb dabei, Schriftsteller a. D. zu sein; »einen Faden, den man im Jahre 1901 hat fallen lassen, im Jahre 1908 wieder aufzunehmen, bietet unüberwindliche Schwierigkeiten. Altershausen muß Fragment bleiben und als solches wird es freilich einmal seinen Wert haben.« Im Jahre 1911 bescherte uns Paul Wasserfalls Sorgfalt das Buch. Sein Keim steckt bereits in der ergreifenden Skizze Auf dem Altenteil von 1878, wie der Keim zum Laren in der übermütigen Bilderfolge Der gute Tag. Altershausen beginnt mit dem siebzigsten Geburtstag des berühmten Mannes der Residenzstadt, des weithin bekannten Arztes, Geheimrats, Professors Doktor Friedrich Feyerabend. Während der Festrede des Kultusministers befällt den Jubilar ein Gesicht aus der Vergangenheit: er sieht sich vor dem alten Rektor auf der 271 Schulbank und daneben Ludchen Bock, den vor sechzig Jahren in Altershausen zurückgelassenen Jugendfreund, der ihn gerade als »unrein« anzeigt. Diese Erscheinung läßt ihn nicht los, und plötzlich reist er in die Heimat. Da findet Feyerabend den einstigen Spielkameraden als den gehänselten Stadtsimpel; Ludchen ist mit weißen Haaren ein Kind auf der Verstandesstufe geblieben, auf der er einst einen schweren, sein Gehirn erschütternden Fall getan hat. Alle Herbheit und alle Süße eines Wiedersehens mit dem, was man zwei Menschenalter nicht erblickt hat, kostet der siebzigjährige Feyerabend nun aus. Es gibt eine Minute, da er wieder ein Kind neben dem Kinde, ja ein Idiot neben dem Idioten wird, und es könnte eine fürchterliche Ironie in diesem Wiedersehen des Weltberühmten mit dem Verblödeten liegen, wenn Wilhelm Raabe nicht, dem eigenen Gesetz getreu, früh von den Bahnen Heines und der Jungdeutschen abgebogen wäre. Hier laufen die Dinge ganz anders. Nicht ins alte romantische Land hat die Heimfahrt geführt, sondern nach Altershausen selbst, in die Vergangenheit, die mit dem Rathaus und Mordmanns Planke und allen alten Gerüchen noch so da ist, wie Altershausens Urbild Stadtoldendorf. Und wieder wie in den Alten Nestern weist der Weg zurück zu dem treuen Eckart Immermann, als Feyerabend im Halbschlummer am Fenster mit dem Blick aufs Elternhaus sein Traumerlebnis hat. Er marschiert als Nußknacker, also in einer tragenden Gestalt des Münchhausen, in die elterliche Weihnachtsstube hinein und findet sich plötzlich nicht mehr schön und neu, sondern arg verschlissen, als den Nußknacker vom letzten Jahre neben dem Nachfolger unter dem Kinderspielzeug. Dem aber steckt er selbst die Nuß in den hölzernen Mund und vernimmt den Jubelruf aller Puppen und Insassen der Arche Noah: »es wird weiter geknackt«. Der alte Arzt, der das Leben 272 bis in die Wonneburgen der Walchen und die Hütten der Ärmsten kennt, empfindet es ganz goethisch als ebenso merkwürdig wie beruhigend, daß der Menschheit Kern bleibt; er fühlt seinen Glauben an die Dauer im Wechsel bestätigt, nachdem ihm in Altershausen noch einmal durch die Seele gegangen ist, was die Menschheit Weltgeschichte nennt und was er von den Göttinger Sieben an, Raabes erstem fortwirkenden politischen Eindruck, mit ihr erlebt hat. Das schönste aber beschert Feyerabend der Maienborn vor der Stadt. Da findet er Minchen Ahrens wieder, eine Jugendgespielin, die den blöden Ludwig Bock bei sich aufgenommen hat und ihn mit rührender Hingebung behütet und verpflegt. »Kein Mensch weiß zu jeder Stunde, was er mit dem Erdengrundschlamm an versunkenen Kleinodien aus dem Brunnen heraufholen kann.« Die beiden winden ihr ganzes Leben noch einmal empor, und in dem alten Garten des alten Mädchens spielt der weltberühmte Forscher mit dem idiotischen Schulkameraden Mühle – wie einst. Weib und Kind hat er vor einem Menschenalter verloren und, wie die junge Frau, aus heißem Herzen geschluchzt: »So schönes Wetter, und mein Kind nicht mehr dabei«; jetzt darf er murmeln: »So schönes Wetter, und ich noch dabei.« Er sagt es und fühlt darüber hinaus wohl, was die Welt im Innersten zusammenhält, da er vor Minchen Ahrens' greisem Heldentum steht und alles, was er gelehrt hat, durch diese schlichte, tiefe Liebesfähigkeit überboten findet: »Aber wer konnte je in einem Lehr- und Hörsaal den Leuten auseinandersetzen, wie Mutter Natur bei der Arbeit ihr Kind weinen hört und singend die Wiege mit dem Fuße tritt?«

Zwei von Raabes Altersgenossen hatten das gleiche Thema des »Revenant« episch behandelt: Wilhelm Jensen in der Novelle »Späte Heimkehr« stimmungsvoll, aber doch herkömmlich, Rudolf Lindau in der Erzählung »Ein 273 ganzes Leben« tief einführend, Schulzeit und einsame Ruhmeshöhe verbindend, voll an das letzte Gefühl rührender Resignation. Raabe, Lindaus Beginnen im Ursprung ganz nah, erweiterte im Fortgang das Bild durch Hineinstellung der beiden Gegenspieler und gab trotz dem fragmentarischen Abbruch dem Werk abschließende innere Rundung.

Ebenso wie zwischen der Chronik und den Akten des Vogelsangs, ja vielleicht noch deutlicher laufen Fäden zwischen Altershausen und dem Erstlingswerk hin und her. Hier wie dort wird die eigentliche Würze der Erzählung aus Jugenderinnerungen gewonnen, und auch in Altershausen führen die Lebensläufe mehrerer einst gemeinsam jung gewesener Heimatgenossen wieder zusammen. Hier wie dort spricht kein kränkelnder Lebensverzicht, sondern eine herzensfeste Resignation, die ihr Bescheiden aus dem Sieg der Liebe über die dunklen Mächte des Lebens schöpft: »Wenn ich wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis . . . und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts!«, das Apostelwort ist ein Stück Grundtext für beide. Aber mehr als fünfzig Jahre lagen dazwischen, Raabes ganzes Leben; seine ganze Schöpferzeit. Die Menschen der Chronik lebten mit Napoleon III., in Altershausen wird dem Bismarck von Friedrichsruh das Recht zugesprochen, nach den größten Siegesschlachten im Menschenleben die Waffe zu behalten, mit der man einem Eselstritt zuvorkommt. Was dort, trotz der Altersmaske, bunt, abwechslungsreich, auf verschiedenen Ton gestimmt und in der Herausarbeitung flächenhaft war, ist hier, wo Raabe mit verhaltener Stimme spricht, einheitlich, knapp, ganz auf dies eine, große, wunderbare Abschiedserlebnis eines trotz allem reichen Lebens eingestimmt, das sich in einem äußerlich armen und trotz allem innerlich reichen Leben spiegelt. 274

Neben dieser letzten großen Gabe fand sich in Raabes Nachlaß nichts Unfertiges, halb Abgeschlossenes, Begonnenes. Er hatte reinen Tisch gemacht. Dennoch kamen noch zwei Werke der Jugend neu ans Licht. Paul Wasserfall gab den Frühling in der einst von Raabe verworfenen, aber nicht verbesserten Urfassung wieder heraus, und ein zweiter Blick in Raabes erste Schaffenszeit wurde durch eine Sammlung seiner Gedichte eröffnet. Emil Sarnow hatte die in den Erzählungen verstreuten Verse gesammelt, das Heft dem Dichter zum siebzigsten Geburtstage vorgelegt und die Erlaubnis zur Herausgabe erbeten. Raabe aber lehnte ab. Er hatte eine eigene Zusammenstellung vor, ist aber nicht dazu gekommen, seine Absicht durchzuführen. So fiel Wilhelm Brandes, der als der berufenste mit den nächsten Erben die literarische Nachlaßverwaltung antrat, die Aufgabe zu, die Gedichte gesammelt herauszugeben. Neben dem in die Romane und Novellen Eingesprengten konnte er aus Zeitschriften und Anthologien einiges hinzufügen und fand sogar noch ein paar handschriftliche Verse, darunter jenes erschütternde Gedicht nach dem Tode der jüngsten Tochter. Vieles andere hatte Raabe vernichtet und vergessen.

Nun trat auch die Raabeforschung in ein neues Stufenjahr. Manchmal zu weit ausgreifend und dem Dichter Quellen, Motive und Vorbilder unterschiebend, die ihm ganz fern lagen, hat sie doch für die ästhetische Durchdringung seines Lebenswerkes viel getan und für dessen literaturgeschichtliche Einstellung Bleibendes geleistet. Hermann Anders Krüger konnte bei seiner Darstellung des jungen Raabe noch vieles aus persönlichen Mitteilungen des alten nutzen, förderte die Stilerforschung der Jugendschriften und bot zum erstenmal eine Übersicht über die verstreute und verzettelte Raabeliteratur bis zum Tode des Dichters. Aus den germanistischen Seminaren 275 einzelner Universitäten gingen seit Marie Speyers liebevoller Arbeit über Holunderblüte immer öfter Abhandlungen über Raabes Werk und Wesen hervor, von denen manches weit über die Höhenlage eines ersten wissenschaftlichen Probestückes hinausragte. Die nahe Beziehung, in die Raabe durch sein universelles Wissen und die Art seiner Dichtung zur deutschen Universität, die er nie absolviert hatte, getreten war, hat Richard Weißenfels bei der weithin hallenden Feier des neunzigsten Geburtstages an der geweihten Stätte im Altstadtratssaal zu Braunschweig lebendig umrissen.

Ganz wie von selbst fand sich die Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes zusammen. Nach einem noch bei des Dichters Lebzeiten gefaßten und ihm vorgetragenen Plane, trat sie bald nach seinem Tode ins Leben. Keine gelehrte Gesellschaft – das hatte er selbst verbeten – sondern eine Vereinigung der Menschen, die zu Raabe ein besonderes Verhältnis besitzen und sich dadurch untereinander verbunden fühlen. Schon in dem Worte Freunde, das in diesem Zusammenhange bei keinem derartigen Verein richtunggebend wiederkehrt, liegt die besondere Artung dieses Kreises, dessen Kern und Keim bezeichnenderweise die Freunde vom Kleiderseller waren und sind; Louis Engelbrecht hat die Gesellschaft bis 1912 geleitet, und seitdem ist Wilhelm Brandes ihr Vorsitzender. Indem sie aber, über Deutschland, Österreich und weit in das Ausland verbreitet, Raabes Werk und Wesen neue Freunde zu schaffen suchte, wurde sie durch ihre Zeitschrift auch die unentbehrliche Sammelstelle der Forschung. Hier erschienen Briefe Raabes und Erinnerungen an ihn, hier konnte Brandes einzelne Entwürfe der Werke veröffentlichen, und hier sichtete Jahr um Jahr Hans Martin Schultz mit kritischem Blick die immer reicher zuströmende Menge von Büchern und Aufsätzen über den Meister. 276 Und wenn aus dem Kreise der Freunde seither mancher, wie Raabes Witwe, wie noch in voller Frauenkraft seine zweite Tochter Elisabeth, wie Konrad Koch, Robert Lange, Karl Geiger, August Stock und die feine braunschweiger Dichterin Anna Klie von dieser Erde geschieden sind, so rankt sich nun schon ein jüngeres Geschlecht, begierig von ihm, der frei durchging, das Leben zu lernen, an die älteren.

In Hermann Klemm fand sich denn endlich auch der wagemutige Verleger, der die dringend notwendige Gesamt-Ausgabe von Raabes Werken schuf. Unter Oberleitung von Wilhelm Brandes hat der ganze Freundeskreis der Familie und dem Verleger bei seiner Schöpfung beigestanden, deren innerer und äußerer Erfolg gleich groß war. Die Vollendung fiel schon mitten in den Weltkrieg, und gerade in diesen Jahren wuchs Raabes Werk zu einer viel weiteren und vertieften Wirkung. Die Feldausgabe der Trilogie und viele andere Bände zogen an die entferntesten Fronten, seine Bücher gingen in den Lazaretten von Hand zu Hand, und deutlich wird spürbar, wie sich sein Eigenstes, was ihm allein gehört, überall in ganze Scharen verbreitet. 277

 


 

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