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Heinrich Spiero: Raabe - Kapitel 18
Quellenangabe
typebiography
booktitleRaabe
authorHeinrich Spiero
year1925
firstpub1924
publisherA. Ziemsen Verlag
addressWittenberg
titleRaabe
pages329
created20180707
sendergerd.bouillon@t-online.de
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16. Kapitel

Spätruhm und Abschied

Ein volles Menschenalter war seit der Aufrichtung des neuen Deutschen Reiches vergangen, und ebenso lange saß Wilhelm Raabe in Braunschweig. Rings um ihn war ein junges Geschlecht herangewachsen, und plötzlich erschien vieles gerade im deutschen Schrifttum verblichen und verschossen, auf den Schüdderump geraten, was noch eben weithin geglänzt hatte. Schon der Beginn der achtziger Jahre hatte die Vorboten eines literarischen Umschwungs gebracht, um die Wende der neunziger vollzog sich die Umwälzung unserer Literatur, eine völlige Abkehr von allem, was die siebziger Jahre an die Oberfläche gelassen hatten. Von den jungen Stürmern und Drängern, die auf der Bühne alsbald mit dem Naturalismus den Sieg errangen, ward mit der Scheinlyrik und der süßlichen Scheinepik, dem archäologischen und dem Gartenlaubenroman, dem französierenden Salondrama und dem epigonischen Jambenstück auch manches noch Lebendige und Große zu den Akten geworfen. Wie aber hätte je ein junges Geschlecht gerecht sein können! Hat doch einst Lessing in schnödester Weise Gottscheds Verdienste um die deutsche Bühne für ein Nichts geachtet und Goethe, der Student, wiederum Lessings Anblick mit Absicht gemieden. Ohne Übertreibung setzt sich Neues nicht durch, und die »treuen Hände der Zeit« sorgen schon dafür, daß alles wieder ins Rechte kommt. Genug, die Gottschall 251 und Baumbach, Paul Lindau und Julius Wolff, Georg Ebers und Ernst Eckstein, Heinrich Kruse, Bodenstedt, Lubliner und wie die Lieblinge des Publikums alle hießen, verschwanden. Aber auch die echten Talente und wirklichen Künstler, die neben jenen Kleinen große Erfolge gehabt hatten, mußten denen, die lange im Schatten fochten, den Platz im Lichte räumen – mancher war darunter, der die Urständ nicht mehr erlebte. Joseph Viktor Scheffel trat hinter Willibald Alexis, Berthold Auerbach hinter Gottfried Keller, Friedrich Spielhagen hinter Theodor Fontane, Felix Dahn hinter Konrad Ferdinand Meyer, Emanuel Geibel hinter Eduard Mörike und Theodor Storm im allgemeinen Bewußtsein der Gebildeten zurück; und selbst Gustav Freytag, der große Schriftsteller mit der leisen Furcht vor den dämonischen Mächten des Lebens, mußte Wilhelm Raabe weichen, dem Dichter, der dieses Zagen nicht kannte und im Hinabstieg zum Schauer der letzten Tiefe das Erz für die Krone des Lebens gewann. Wohl stand er selbst der Kunst des Naturalismus und Impressionismus – außer der Detlevs von Liliencron – fremd und kühl gegenüber, soweit er sie überhaupt genoß; ihm fehlte, wie Gottfried Keller, zumal in den neuen Nordländern die Charis, die Sonnenwärme. Darum bleibt es doch wahr, daß erst der Durchgang durch die herbe naturalistische Dichtung uns wieder zu ihm geführt hat. Man kann sagen: wie das deutsche Volk durch Björnson und Ibsen aufs neue zu Hebbel und Ludwig kam, während gleichzeitig das Drama Gerhart Hauptmanns emporstieg, so fand es über Jacobsen, Zola, Dostojewski und Tolstoi weg zu Keller, zu Alexis, ja zu Gotthelf zurück und fand zu Wilhelm Raabe.

So wurden denn nicht zufällig, sondern im Gegenteil durchaus dem logischen Ablauf der Geschichte gemäß, Raabes Ruhm und Raabes Wesenheit jetzt aus demselben 252 Lager verkündigt, aus dem die junge deutsche Dichtung emporstieg. Von zwei Seiten her setzte diese sogenannte Raabe-Renaissance ein. Sie kam zunächst aus dem Kreise Adolf Sterns. Der hatte noch in jugendlich empfänglichen Jahren mit Friedrich Hebbel und Otto Ludwig verkehren dürfen und durch allen Wandel der Zeit sein ästhetisches und historisches Bekenntnis zu diesen beiden und den realistischen Dichtern der fünfziger und sechziger Jahre überhaupt festgehalten. In seinem großen, zuerst 1894 veröffentlichten Essay über Raabe lehnte er die Bezeichnung des Dichters als eines liebenswürdigen Manieristen schroff ab; ebensowenig wollte Stern von einer Beschränkung Raabes auf eine provinziell begrenzte erzählerische Haltung etwas wissen. Er erwies demgegenüber einläßlich die Fülle und Tiefe von Raabes Lebenswerk und des Dichters eigene Maßstäbe für das deutsche Leben und wandte schließlich mit großer Feinfühligkeit Goethes »goldenes« Wort von 1827 über Lorenz Sterne auf ihn an: »Er fällt mir ein, wenn von Irrtümern und Wahrheiten die Rede ist, die unter den Menschen hin und wider schwanken. Ein drittes Wort kann man im zarteren Sinne hinzufügen, nämlich Eigenheiten. Denn es gibt gewisse Phänomene der Menschheit, die man mit dieser Benennung am besten ausdrückt; sie sind irrtümlich nach außen, wahrhaft nach innen und recht betrachtet psychologisch höchst wichtig. Sie sind das, was das Individuum konstituiert; das Allgemeine wird dadurch spezifiziert. und in dem Allerwunderlichsten blickt immer noch etwas Verstand, Vernunft und Wohlwollen hindurch, das uns anzieht und fesselt.«

Jüngere Literaturhistoriker, die von Adolf Stern gelernt hatten, vor allem Adolf Bartels und Hermann Anders Krüger gingen denselben Weg; Bartels, der erste Darsteller des Silbernen Zeitalters unserer Dichtung, fand 253 für die Großen, nun erst voll Erkannten, das vortrefflich umreißende Schlagwort Progonen; er unterstrich das Gemeindeutsche, ja Urdeutsche in Raabe und hob den Weltanschauungsdichter in ihm kräftig hervor. Gleichzeitig kamen nun aber auch aus der eigentlichen Schar der Jüngstdeutschen Schlag auf Schlag Zeugnis und Zeichen für das endliche Durchdringen des Dichters, dessen Hauptwerke Jahrzehnte hindurch wie Blei in den Fächern der leipziger Buchhandlungskommissionäre gelegen hatten. Zwei unter den führenden Kritikern des berliner Vereins »Durch«, also der eigentlichen Schildhalter des Naturalismus, Eugen Wolff und Leo Berg, fanden wie von selbst den Weg zu Raabe. Wolff tat das kund, indem er vornehmlich das Ringen nach einer Weltanschauung und das Verhältnis dieser Weltanschauung zu einem vom Zeitlichen gereinigten Christentum darstellte, Berg, indem er über alle Raabischen Menschen hinaus den Dichter selbst als den köstlichsten Helden seiner sämtlichen Werke charakterisierte; glücklich hob er hervor, daß jemandem, der den ganzen Inhalt eines Raabe-Romans vergessen hätte, doch immer wieder die geistige und seelische Physiognomie des Buches gegenwärtig bleiben würde. »Er hat einen hineingestoßen in Gottes Wunderwagen . . . und das ist schließlich das Wesentliche für alle Kunst und alle Poesie.«

Auch die beiden darauf losstürmenden Fechter der »Kritischen Waffengänge«, die Brüder Heinrich und Julius Hart, senkten vor Raabe den Degen. Kaum einen Dichter in der deutschen Literatur von heute gäbe es, der uns so deutlich und augenfällig die vollkommene Einheit von Mensch und Kunstwerk verkündige und nahebringe wie Raabe, – so meinte Julius, und der ältere Bruder pries nicht nur die Beseligung durch Raabes echte und reine Menschlichkeit; er unterstrich auch Raabes Gabe, bei genauer Schilderung der Wirklichkeit durch 254 Herausholen der verborgenen Kräfte Sein statt Schein, Wunderbares statt des Alltäglichen zu geben. Carl Busse sprach begeistert von den Adlerschwingen des raabischen Humors, von der Läuterungskraft seiner Romane.

In seinem einflußreichen Führer zur guten Literatur »Über Lesen und Bildung« wies der grazer Literarhistoriker Anton Emanuel Schönbach, der sich schon früh mit dem Humor Raabes auseinandergesetzt hatte, mit immer steigendem Nachdruck auf Raabe hin, und Ferdinand Avenarius ließ es sich selbstverständlich angelegen sein, wie jeder echten und vollgehaltigen Kunst, so auch der dieses Großen in seinem »Kunstwart« die Wege zu ebnen. Schon meldete in Studien des Philosophen Moritz Lazarus über Gutmanns Reisen neben der Literaturgeschichte eine zweite Wissenschaft ihre Ansprüche auf Raabe an. War er einst mit Jugendwerken auch ins Ausland gedrungen, so ward nun die Beschäftigung mit seiner von den Fremden als repräsentativ deutsch empfundenen Dichtung draußen und besonders in Frankreich immer stärker. Und endlich brach Gotthold Klee auch in den literarhistorischen Unterrichtsbüchern für die höheren Schulen Raabe die Bahn.

Raabe selbst war über diesen Wandel der Dinge nicht überrascht. Wohl pflegte er zu sagen: »Nur für die Schriften meiner ersten Schaffensperiode habe ich Leser gefunden, für den Rest nur Liebhaber«; aber er fügte stolz hinzu: »Aber mit denen, wie ich meine, freilich das allervornehmste Publikum, was das deutsche Volk gegenwärtig aufzuweisen hat.« Hätte er die Briefe von Dora Schlatter an Hermann Oeser noch lesen können, so würde er dort, recht zum Beweise seines Wortes, den Satz gefunden haben: »Wir lesen einen Raabe, dessen psychologischer Scharfblick alles übertrifft, was ich je las.« Und Raabe sagte wohl mit großartiger Unbefangenheit: »Das Geschlecht, das nicht gewollt hat, ist dahingegangen, jetzt sind 255 die daran, die müssen.« Nur eben: Er erlebte in reichen Spätherbsttagen, was früher Dahingegangenen lange nach dem Tode erblüht. Nicht der wachsende Ruhm, sondern das überall keimende liebende Verständnis für seine Schriften ging ihm zu Herzen. Ob die Leser, die ihn als Freund empfanden, in den Wonneburgen der Walchen oder in einer westfälischen Bergmannshütte saßen, ob es schwer gelehrte Universitätsprofessoren oder einfache Landpfarrer, katholische Kapläne oder jüdische Schullehrer waren – seinem Menschen- und Dichtertum galt es gleich. Heute holte ihn die Großherzogin Elisabeth von Oldenburg zur Spazierfahrt durch Braunschweigs alte Gassen ab, morgen kam Hans Hoffmann ins stille Zimmer zu vertrauter Zwiesprach heraufgestiegen, übermorgen brachte die Post auf schlechtem Papier den unbeholfenen Gruß eines Arbeiters – Raabe fühlte menschliche Nähe und echte Wirkung. Jetzt zum erstenmal wagte sich jemand an Raabes ganzes Werk und versuchte es in breitem Aufriß zu würdigen. Der stargarder Oberlehrer Paul Gerber, seines Zeichens Mathematiker und Physiker, schloß ein jahrzehntelanges inneres Leben in Raabe durch ein umfangreiches Buch über den Dichter ab. Mit voller Absicht schrieb er von dem Standpunkt eines Darstellers, der aus dem großen, raabefremden Publikum erst Leser für den Dichter gewinnen will. Ohne in die letzten Tiefen einzudringen, aber mit hingebender Liebe und einer, sich bei der Breite der Zergliederungen freilich manchmal verflüchtigenden Wärme geht Gerber Raabes Dichtung bis zu den Akten des Vogelsangs durch, und ihm gebührt unter allen Umständen das Verdienst des Ersten, der nach dem Maße seiner Kraft mit Liebe und Verständnis Bresche in ein bis dahin nur schüchtern am Rande betretenes Forschungsgebiet bricht. Sehr bezeichnenderweise fand Gerbers Buch im Jahre 1897 nach manchem Fehlschlag 256 seinen Verleger in demselben Wilhelm Friedrich, der die Gesellschaft, Michael Georg Conrads Zeitschrift für modernes Leben, und die Dichtungen Detlevs von Liliencron herausgab.

Der braunschweiger Raabekreis empfand die Freude über die Wandlung wohl stärker als der große Freund – überraschen konnte sie diese ihres Raabe gewissen Männer so wenig wie Frau Bertha und die Töchter. Die Kleiderseller und der artverwandte Künstlerkreis des Feuchten Pinsels, in dem die Architekten Gustav Bohnsack und Johannes Leitzen den Raabe genehmen Ton angaben, hatten hohe Zeit. Aus ihrer Mitte kam nun auch die zweite große ästhetische Würdigung Raabes, und kein anderer als Wilhelm Brandes konnte sie (im Jahre 1901) als Frucht langer liebevoller Studien ans Licht heben. Sieben Kapitel zum Verständnisse und zur Würdigung des Dichters brachte er bei; er hatte sie zuerst den engeren Landsleuten im Braunschweiger Magazin vorgelegt, nun gingen sie, erweitert, berichtigt, vervollständigt, in die Ferne. Er erzählte in knappsten Zügen Raabes Leben und gab in geschickter Gruppierung eine Übersicht über seine Werke, dann aber behandelte er, tief eindringend und sorgfältig wägend, Raabes humoristische Naturanlage und ihre im dichterischen Aufstieg immer freiere Entfaltung. Er gab einen raschen Überblick über Raabes Gestaltenwelt, den Ausdruck seiner gewaltigen Phantasie, stellte die besonderen Gemütskräfte des Dichters klar heraus und krönte die ästhetische Überschau mit einer feinen Auslegung von Raabes humoristischem Stil. Auch die Leidensgeschichte von Raabes Werken verschwieg er nicht und begrüßte den endlich erfolgten Umschwung als verheißungsvolles Vorzeichen der Zukunft. Der schaffensspröde Mann hatte damit nicht nur über Raabe manches bis dahin nicht gesagte Wort gesprochen, er hatte unserer 257 Literaturgeschichte ein kleines Meisterwerk eingefügt. Mit vollem Rechte hat Raabe selbst über Brandes' Schrift gesagt: »Daß sie von mir handelt kommt dabei für mich gar nicht in Betracht, dazu steckt zuviel in dieser trefflichen Monographie, was weit über die Persönlichkeit hinausgeht, die in ihr behandelt wird.« Daneben tat die deutlich zu Unterrichtszwecken verfaßte, ausführliche Schrift des petershagener Seminardirektors August Otto ihre Wirkung.

Raabes sechzigster Geburtstag war außerhalb der Familie und der Kleiderseller nur vom Feuchten Pinsel durch einen heitern Besuch bei dem Dichter in Maske und Gewand seiner Hauptgestalten begangen worden. Wie von selbst kam es, daß der siebzigste mit ganz anderem Nachdruck und Nachhall gefeiert werden sollte. Es bedurfte keiner großen Werbung, weit über Braunschweig hinausleuchtend das Licht auf den Scheffel zu stellen. Der Freundeskreis, Louis Engelbrecht an der Spitze, war in der Vorbereitung unermüdlich, und als am 8. September 1901, einem Sonntage noch dazu, die Sonne strahlend über den einst von Raabe verherrlichten Altstadt-Markt aufging, sah sie Fremde und Einheimische in ununterbrochenem Strom die Treppe zu dem geschichtsgeweihten gotischen Saale des Rathauses emporsteigen. Raabes Empfindung in dieser Stunde war nicht die des Triumphes, nicht einmal die reiner Zufriedenheit. »Eigentlich ist es doch ein capitis diminutio«, sagte er noch im Vorzimmer halblaut zu Brandes; dann aber richtete er sich auf, und während sich alles erhob und der Chorführer Heinrich Schrader den Taktstock zu dem von ihm vertonten Hungerpastorlied ansetzte, betrat der Dichter mit den nächsten Freunden den gedrängt vollen Saal, gleich an der Tür von des nun auch schon schneeweißen Oberamtsrichters Heinrich Raabe brüderlicher Liebe mit Kuß und Umarmung empfangen. Er nahm seinen Platz zwischen dem 258 Kultusminister Trieps und dem göttinger Prorektor. Dann brachte Engelbrecht mit vor tiefer Bewegung schwankender Stimme den ersten Gruß, und nach ihm betrat Adolf Stern aus Dresden die Rednerkanzel. Nicht feierlich, ganz unpathetisch, mit der Erinnerung an den rotweinlüsternen Bürgermeister Seneka alias Dorsten zu Wanza an der Wipper begann er und führte immer weiter aufwärts zu dem Dichter, der, keiner Mode Freund, zwischen zu eng begrenzter Heimatkunst und falsch verstandenem Kosmopolitismus den geraden deutschen Weg aufwärts gegangen sei. Der Minister überreichte im Auftrage des Regenten, manchem braven Beamten zu kopfschüttelndem Erstaunen, das Kommandeurkreuz des Hausordens, die Hauptstadt Braunschweig wie die Geburtsstadt Eschershausen ihre Ehrenbürgerbriefe. Heller Jubel erscholl, als Gustav Roethe namens der philosophischen Fakultät der Georgia Augusta Wilhelm Raabe zum Ehrendoktor promovierte. Die Urkunde rühmt den Dichter, die ahnungsreiche Tiefe seines Denkens und Empfindens, seine Verbindung mit dem Mutterboden, seine Kraft vom Engen ins Weite aufzusteigen, Licht in das geheime und verborgene Dunkel menschlicher Dinge zu bringen. Und gleich danach verkündete Engelbrecht, daß Tübingen, gleichfalls unter dem Rektorat eines Germanisten, Hermann Fischers, Johann Georgs Sohn, Raabe die gleiche Auszeichnung erwiesen hatte. Da tauchten in der süddeutschen Laudatio noch einmal die acht Jahre am Neckar auf, da ward dem großen Dichter, dem Edelmenschen, dem treuen Vaterlandsfreunde, dem Kenner der Menschennatur und der Weltgeschichte, dem wahrhaftigen Humoristen gehuldigt, der siebzig Jahre in hoher Selbstbescheidung und Gelassenheit des Gemüts vollendet habe.

»Gruß dir auf deinen Wegen« hallte der Raabische Schlußgesang aus, und den Dichter, der nun vor dem 259 Laubengange des Rathauses mit den Seinen den Wagen bestieg, umrauschte der Jubel der Menge. Die jahrelang benutzte Wohnung am Windmühlenberg mit dem Blick auf die Oker hatte er vor kurzem verlassen und fuhr nun hinaus nach der Leonhardtstraße 29a, unmittelbar am Leonhardtsplatz. Dorthin ward ihm unter Blumen und Hunderten von Glückwünschen die von Verehrern angesammelte Ehrengabe gebracht, und am Nachmittage beim Festmahl im Wilhelmsgarten, wo Hans Hoffmann den Dichter, Wilhelm Brandes die Gefährtin seiner Meisterjahre pries, überreichten Julius Lohmeyer und der frankfurter Stadt-Bibliothekar Emil Sarnow die Grußspende der Männer von der Feder und dem Zeichenstift, Blatt an Blatt voller Danksagung, Hingebung. Da schrieb der stuttgarter Freund Schönhardt:

Ach, es ist ein Geisterwehn,
Kommen heut die Alten nicht,
Die den Werdenden gesehn?
Kaum noch Einer wohnt im Licht.

Aber er fügte aufrichtend hinzu

Und die alte Liebe webt
Leis um dich ihr Geisterband.

Adolf Wilbrandt pries das Sonntagskind, dem seines Volkes Seele auf Wiesen, Heiden, alten Nestern begegnet sei, Paul Heyse und Wilhelm Jensen sandten von München aus warme Liebesworte, und Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf spitzte seine Huldigung in die, lange ästhetische Erwägungen kurz abschließenden Worte zu:

Und dem Künstler, dessen Dichterauge
So das Leben schaut, der das Geschaute
Scharf, wie mit dem Dürerstifte zeichnet,
Sei gehuldigt; denn er schafft hellenisch,
Weil er deutsch, nicht klassizistisch schafft.

Der Dichter sagte hier so wenig wie im Rathaussaal ein Wort rednerischen Dankes; nur mit Blick und 260 Händedruck grüßte er Geber und Gaben. Aber alsbald fischte er lächelnd aus der Riesenmappe die unbeholfene Kinderzeichnung einer Tochter des Delbrückschen Hauses: die Kröppelgasse aus dem Hungerpastor, mit unbefangen gereimten Versen überschrieben. Erst am andern Tage auf dem Grünen Jäger ward Raabe beredt. Da feierten die Kleiderseller und mit ihnen Hoffmann und Lohmeyer, Stern und Gerber, Heinrich Hart und Friedrich Düsel, der als Adolf Glasers Nachfolger bei der Hauptfeier die längst wieder aufgelebte Treue von Westermanns Monatsheften hervorgehoben hatte. Raabe sprach: er zog den Sedezzettel von 1881 hervor und wiederholte, was er damals gelesen hatte. Er durfte es wiederholen und durfte das stolze »Wir bleiben« mit vollem Nachdruck in diese späte Erntestunde hinausrufen. Die Festigung des deutschen Volksbewußtseins, die der von Hänselmann verfaßte braunschweiger Ehrenbürgerbrief als eine Frucht seiner Dichtungen hervorhob, sie hatte sich an diesem Feiertage rühmlich erwiesen. Alle Stände, alle literarischen Gruppen, alle deutschen Landschaften und viele Deutsche in der Zerstreuung, Menschen und Zeitungen aller Parteien, von den Hochkonservativen bis zu den Sozialdemokraten, alle religiösen Bekenntnisse, alle Bildungsstufen hatten sich einträchtig zu Wilhelm Raabe bekannt. Der Glanz dieser Stunden lag verklärend noch auf dem Alltag der friedlichen Mußezeit, die das Geschick ihm bescherte.

Aufnahme 1910
von Prof. Fr. Limmer

Schriftsteller a. D., das stand zwar nicht auf der Besuchskarte Wilhelm Raabes, aber er fühlte sich als solcher, seitdem er die Feder von Hastenbeck niedergelegt hatte. Die Zeit, die sonst dem Schreiben gegolten hatte, war nun frei, und vielen wird es heute scheinen, als ob der Raabe seiner letzten Lebensjahre bestimmt gewesen sei, als bleibendes Bild des Menschen von der Nachwelt festgehalten zu werden; wie es Theodor Fontane mit 261 sprechender Kürze von seinem Vater gesagt hat: »So, wie er zuletzt war, so war er eigentlich.«

Nach langjähriger Gewohnheit stand Raabe spät auf und trat alsbald im Schlafrock ans Fenster. Der Blick von diesem Auslug (ihn bezeichnet jetzt eine Erztafel von Heinrich Siedentop) ging auf kein gegenüberliegendes Haus, sondern über den großen Sankt-Leonhardtsplatz hinweg. Ganz am Rande traf er auf im Sommer dichtbelaubte Bäume und Büsche. Da liegt der Magni-Kirchhof mit Lessings Sterblichem, da sind die Schillschen Soldaten begraben, die der französische Eroberer vor hundert Jahren niederschießen ließ. Inmitten aber, zwischen dem Auge des großen Dichters und Erinnerungen schwerer Vergangenheit tummelte sich die braunschweiger Jugend in ausgelassenem Spiel, dazwischen oft genug Raabes eigne Enkel, die Kinder der seit 1901 mit dem Oberlehrer Behrens vermählten Tochter Klara. Sie hatten auch ihr Recht in des Großvaters Arbeitsraum, auf dem zersessenen Sofa hinter dem runden Tisch, an dem er alle seine Werke geschrieben hatte, vor dem schmalen Bücherregal und neben den Körben mit neu zuströmender Literatur, von der nur weniges zu bleibendem Eigentum aufs Brett kam. Weit war der Weg für die Behrensschen Sprößlinge nicht, denn sie wohnten im gleichen Hause über den Großeltern, und das Trappeln ihrer Füße war noch durch die Decke zu hören, wenn das Geplapper der Stimmen die Zimmer unten verlassen hatte. Nun las Raabe wieder fleißig wie einst, nicht mehr zur Vorbereitung, nur zur Wiederholung und zum Abschluß. Die alten Dichter, die alten Philosophen, die alten Historiker und auch die alten Lieblingserzähler wie Dumas wurden hervorgeholt, und dazwischen kamen von allen Enden des Landes und der Erde Brief auf Brief, Gruß auf Gruß, auch wohl manchmal zudringliche Anliegen. Überwiegend war in dieser Alterskorrespondenz 262 doch Liebes, Gütiges, Freudiges, und den Boten folgten am Nachmittage die Menschen selbst. Da kam wieder und wieder, zuerst von Wernigerode, später von Weimar her, Hans Hoffmann, der helläugige, liebenswürdige, muntere Erzähler, der sein feines Verständnis für den großen Freund in diesen Jahren auch in einer knappen, aber bedeutungsschweren Monographie erwies; da kam der einsame, grüblerische Rudolf Huch aus Harzburg, von Berlin der feine, weiche, ein wenig scheue Wilhelm Speck, der Dichter des Meisterromans Zwei Seelen, von Hamburg Heinrich Spiero. Wie ein Jüngling, voll herzlicher Ehrerbietung und durch jedes gute Wort innerlich beglückt, erschien der Professor an der leipziger Thomasschule Robert Lange; er hatte längst Raabe sein Herz zu eigen gegeben, als junger Doktor immer wieder in den Blättern für literarische Unterhaltung auf die Spätwerke hingewiesen und verstand es, seinen Primanern in der Klasse und in seinem schönen Hause Raabe nahe zu bringen. Der hamburger Oberlehrer Karl Lorenz holte sich auch aus der Leonhardtgasse Anschauung und Aufrichtung für seinen Unterricht in der Realschule und dem Mädchengymnasium. Hermann Anders Krüger las nicht nur das Raabekolleg an der Technischen Hochschule Hannovers, er, selbst ein Erzähler im erfolgreichen Aufstieg, ging Raabes literarischen Anfängen fleißig nach und barg in mancher guten Stunde am runden Tisch vieles biographisch Wichtige.

Denn eine Selbstbiographie zu schreiben, wie es ihm so mancher nahelegte, entschloß sich Raabe nicht; »es steht ja alles in meinen Büchern«, sagte er wohl abwehrend, und wenn er einmal ein paar Worte zur eigenen Lebensgeschichte herausließ, so waren sie zwar von schlagender Knappheit und bildhafter Prägnanz, aber sie boten mehr Anreiz zu neuer Frage, als zu wirklicher Befriedigung redlicher Wißbegier. Wer freilich gut zuhören und richtig 263 fragen konnte, lockte manches heraus, niemand taktvoller und doch geschickter als in jahrelangem Umgang der Kleiderseller Fritz Hartmann, der Redakteur.

Am 4. März 1904 hatten die Freunde den siebzigsten Geburtstag Ludwig Hänselmanns noch froh begangen, achtzehn Tage später fanden die Beamten des Archivs den Fleißigen, die Feder in der Hand, über seiner Arbeit für immer entschlafen. Auch Steinway und Römer, Abeken und Stegmann waren dahin, aber Nachwuchs kam heran, zumal aus dem Kreise von Brandes' Berufsgenossen, so der Sprachforscher Franz Hahne, der Dramatiker Ludwig Löser, der Komponist Constantin Bauer. Von außerhalb nach Braunschweig berufen, erschien bei den Kleidersellern der Pastor August Stock, eine kernige Persönlichkeit voll tief erfaßten Christentums, aufgeschlossen für alles geistige Leben und dabei voll organisatorischer Anlagen. Noch immer war das Weghaus das regelmäßige monatliche Wanderziel, nur selten einmal dazwischen der Grüne Jäger. Allgemach aber bildete sich auch in Braunschweig selbst eine Ecke, die bald auch außerhalb der Stadt als Raabenecke bekannt ward, und wenn die Abendschatten sich senkten, verließ Raabe das Haus und ging, aufrechten Schrittes bis zuletzt, den nicht kurzen Weg durch die neue und dann durch die alte Stadt bis in die Herbstsche Weinstube, dicht am Bahnhof. Da nahm er auf der ihm vorbehaltenen Bank Platz und sah, von Blicken in diese oder jene Zeitung unterbrochen, in das zu Zeiten sehr lebhafte Treiben um ihn herum. Der Tisch stand so, daß er, den Rücken gegen die Wand, alles an sich vorbeipassieren lassen konnte. Und niemals blieb er allein. Der Sitz neben ihm war gewöhnlich einem alten originellen Herrn, dem früheren Weinhändler Otto Tellgmann vorbehalten, einem Manne von gesundem Mutterwitz und einfachen Lebensanschauungen, mit dem Raabe im Verhältnis 264 wetterfester Kameradschaftlichkeit stand. Dazu kam der und jener aus dem Sellerkreise und nun, von Jahr zu Jahr wachsend, die Fülle der Gäste. Auch auf dem Weghaus hatten sie nicht ganz gefehlt. Hänselmann hatte befreundete Geschichtsschreiber, Steinway Musiker, wie den genialen Alfred Reisenauer, mitgebracht, und einmal war sogar der alte Hermann Allmers von seinem Marschenhofe zu Rechtenfleth herabgestiegen. Später hatte Hermann Anders Krüger hier zuerst sein Kronprinzendrama vorgelesen, der hallische Schulmann Max Adler, ein feiner Ergründer raabischen Wesens, war eingekehrt. Jetzt aber ward jeder Freund und Gast, den Raabe daheim bei Kaffee und Zigarre empfing, mit zu Herbst genommen; so der moskauer Krankenhausdirektor Nikolaus William, der sein Festhalten am Deutschtum, wie das beste seiner inneren Entwicklung Raabe vor allem zu danken hatte, der tübinger Bibliothekar Karl Geiger, ein unermüdlicher Werber für Raabe im Süden und ein Vermittler zwischen ihm und der nun auch lichter gewordenen Reihe der schwäbischen Freunde. August Stock aber sorgte für immer neue Gäste am Herbstschen Tisch; zu wohltätigem Zweck veranstaltete er Vorlesungen und köderte die Dichter und Schriftsteller nicht vergebens mit Wilhelm Raabe. So hat denn Detlev von Liliencron einen Abend auf der Bank neben dem gesessen, dem er zum siebzigsten Geburtstage schrieb: »Ich habe ihn lieb«; die beiden im Kerne schlichten Männer und großen Dichter hatten, ohne viel Worte, Freude aneinander. So kamen Gustav Falke, Klara Viebig, Börries von Münchhausen, Ernst Zahn, Gabriele Reuter, Carl Spitteler, Gustav Frenssen, Carl Busse, Paul Keller, Otto Ernst und viele andere. Mit der Zeit entstand eine Art Sagenkreis um Raabe und die Herbstsche Ecke. Aber diese vieles übertreibende Legendenbildung konnte an der bleibenden Gestalt der Dinge nichts ändern. Hier saß ein greiser Dichter, 265 immer noch aufrecht, helläugig, manchmal lange schweigsam, aber das treffende Wort im Köcher, einer, dem man immer noch nichts vormachen konnte, grundgütig gegen seine Freunde, die ihn alle weit über sich wußten, jedem Weihrauch abhold, wohl bewußt, was er war, aber niemals gesonnen, der Jugend ein »Komm, ältle du mit mir« zuzurufen.

Aus dem Freundeskreise heraus wurden das fünfzigjährige Jubiläum der Sperlingsgasse und Raabes fünfundsiebzigster Geburtstag heiter und herzlich gefeiert, der zweite Tag auch draußen, zumal in Berlin und Hamburg lebhaft begangen. Weimar sandte die Ehrenmitgliedschaft der Schillerstiftung, Hamburg die der Kunstgesellschaft. Der braunschweiger Regent Prinz Albrecht von Preußen hatte vor und nach dem siebzigsten Geburtstage von seinem großen Mitbürger keine Notiz genommen; um so mehr beeiferte sich sein Nachfolger, der Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, der Bruder jener Großherzogin von Oldenburg, Raabe vor dem Lande auszuzeichnen. Die hingebende Arbeit langer Jahre hatte der aus Braunschweig stammende berliner Bildhauer Ernst Müller an die Darstellung Raabes gewandt, aber für die schöne, sprechende, lebensgroße Büste des Jahres 1904 keinen Käufer gefunden; auch in die berliner Nationalgalerie war Raabe der Eintritt, sei es im Gemälde, sei es im Standbild, verweigert worden. Herzog Johann Albrecht aber erstand insgeheim die Büste (deren Bronzeabguß jetzt auch die Magdeburger Sammlung ziert) und lud den Dichter eines Tages zu einer Besichtigung ins Museum. Er führte ihn, den er schon vordem zur Theestunde ins Schloß entboten hatte, die Treppe hinauf und machte mit dem Überraschten unmittelbar vor dem Kunstwerk halt. Er verlieh ihm auch als Erstem das neu gestiftete Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft. Raabe dachte 266 von Fürstengunst nicht hoch, aber die menschliche Wärme und die zarte, sinnige Art dieser Auszeichnungen taten ihm wohl. Eine Herzensfreude war ihm die Errichtung eines Raabeturmes – wiederum mit einem Flachbild von Ernst Müller – auf dem Großen Sohl im braunschweiger Lande. Der nienburger Gymnasialdirektor Hans Freytag hatte seine junge Schar zu diesem Liebeswerke angeeifert, und bewegt sagte Rabe, als man ihm die Kunde und das Bild brachte: »Wenn meine Mutter in Eschershausen mit mir auf dem Arm am Fenster stand, muß sie gerade auf diese Höhe gesehen haben.«

Aber die alte Jugendheimat hat er in all diesen Spätjahren nicht allein, nicht mit Kindern und Enkeln mehr aufgesucht. Er reiste ungern und im Grunde nur noch, um die Tochter Elisabeth mit Mann und Söhnen in Wilhelmshaven, in Minden, in Rendsburg zu besuchen; auch wohl einmal nach Borkum oder ins Ostseebad Niendorf, wo er dann die Wasserfallschen und Behrensschen Kinder um seinen Strandkorb spielen ließ. Dem Großen Klub blieb er treu, dem Theater- und dem Konzertsaal fern. Nie betrat er, außer bei Hochzeiten in der Familie, die Kirche, und selbst nahe geistliche Freunde wie Stock und der Kleiderseller Albert Warnecke haben ihn nie unter ihrer Kanzel gesehen. Man kann von ihm sagen, und er hätte es widerspruchslos gelten lassen: Er führte das Leben eines deutschen Philisters; aber man muß dann gleich hinzusetzen: Er gehörte zu dem Philistergeschlecht, von dem er in Abu Telfan so unvergeßlich gehandelt hat und das mit seinen Wurzeln in die Tiefe der deutschen Erde hinabreicht. Er ließ aber, die anders, weltläufiger, stilvoller lebten, gelten, und schaute über den Leonhardtsplatz und über das allerlei Volk, das, wissend oder nicht, an seinem Tisch bei Herbst vorüberglitt, mit dem sichern Gefühl des Mannes, der bleibt, des Künstlers, der sein Werk vollendet hat. Was 267 weibliche Fürsorge seinem Leben zu geben und zuzusetzen hatte, dafür sorgte die liebe, stille Frau, die all ihr festes Hoffen auf das Durchdringen des Geliebten nun gekrönt sah, und die Tochter Margarethe, die zweite Künstlerin des Hauses, und ihm war wohl bereitet und Segen strömte von seiner Gestalt.

Im August 1909 saß Wilhelm Raabe zum letztenmal, wie er pflegte, am obern Ende des runden Tisches auf dem Weghause zwischen Wilhelm Brandes und Konrad Koch. Bald danach fuhr er nach Rendsburg und dort glitt er beim Gang durch ein dunkles Zimmer aus und brach das rechte Schlüsselbein. Die Verletzung heilte bald, aber sie beschäftigte Raabe bei seiner starken Nervenempfindlichkeit innerlich lebhaft. Über das asthmatische Leiden, das ihn lange quälte, war er mit Energie hinweggekommen, aber schon ehedem hatte jede Erkrankung leichterer Art – von schweren ist er verschont geblieben – ihn innerlich abgelenkt und seelisch mitgenommen. So war ihm dieser, an sich harmlose Fall wie ein Stempel unter die Bescheinigung des Greisenalters, und er sah, wenn er, den Arm in der Binde, am Tische saß, nicht mehr so nachdenklich mit verkniffenem Behagen in die Welt, wie ihn fast zwanzig Jahre vordem Hanns Fechner in zwei ausgezeichneten Bildern festgehalten hat. So spürte er auch die Wirkungen und Belästigungen eines Blasenleidens stärker als früher. Als ihm ein anderer Maler, Wilhelm Immenkamp, das Lichtbild eines im eben verflossenen Winter zu Raabes großer Zufriedenheit für das Vaterländische Museum gemalten Portraits sandte, schrieb er ihm zurück: »Da sehen Sie mich noch in meiner vollen Kraft, und jetzt bin ich körperlich fertig.« Wie einen Vorboten eigenen Endes empfand er im Januar 1910 den Tod seiner geliebten, tief verständnisvollen einzigen Schwester Emilie. Es kostete Mühe und Überredung, ihn im Frühjahr wieder 268 zu den gewohnten Ausgängen zu bringen. Er blieb fast immer zu Hause, vergrub sich eine Weile ganz in Schillers Werke, las überhaupt seine ältesten Bücher und daneben wieder die neuesten Zeitschriften. Die Freunde aus Braunschweig und Wolfenbüttel suchten ihn durch häufige Besuche über die Schwere der Tage hinwegzubringen, und die auswärtigen wurden im gemessenen Abstande mit dazu aufgeboten. Sie kamen und kamen gern von allen Enden, unter ihnen einer, mit dem er in früheren Jahren in fruchtbarem kritischem Austausch gestanden hatte, Edmund Straeter aus Magdeburg, aber sie fanden Raabe je später, je mehr von dem nun schärfer auftretenden Leiden gequält, müde auf das Sofa gestreckt. Gerade am 18. Oktober, als der Draht dem einstigen immaturen Studenten seine Ernennung zum medizinischen Ehrendoktor der jubilierenden Universität Berlin meldete, hatte er einen schweren Anfall quälender Schmerzen. Dennoch konnte in besserer Stunde ein gutes Wort, eine frohe Nachricht ihn wieder hochreißen, zu alter Lebendigkeit spornen. Ein Bild von Hugo Lederers hamburger Bismarck, den zu sehen er einst die Reise nach Schleswig-Holstein unterbrochen hatte, rief ihn zu lebhafter Bewunderung auf. Als ein auswärtiger Freund ihm berichtete, das von dem gleichen Meister geschaffene hamburger Heine-Denkmal sei vom Senat genehmigt, schlug er, in seiner gewohnten Art weit ausholend, auf den Tisch und rief: »Das ist aber eine Freude.« Die Stirn war nun hoch geworden, spärlich legte sich das schneeweiße Haar um Hinterhaupt und Schläfe, dünn war der Bart, bleich die Gesichtsfarbe, aber die merkwürdigen Augen konnten immer noch Feuer sprühen. Gegen Mitte November stand er nicht mehr vom Bette auf, seine Umgebung hatte den Eindruck: er fühlt das herannahende Ende und verfolgt das eigene Verlöschen. Er hatte noch am dreizehnten ein 269 Wort des Dankes für seine Frau, ein warmes Wort der Liebe für den, der ihm mit den Jahren der nächste Freund geworden war, Wilhelm Brandes. Als in der Nacht zum vierzehnten seine Tochter Elisabeth bei ihm wachte, sagte er plötzlich laut: »Ist er denn noch nicht tot?« und in dieser schier übermenschlichen Selbstbeobachtung wollte er nicht gestört sein und wehrte Nahrungsmittel und Handreichungen mit Bestimmtheit ab. Am 15. November 1910, an dem Tage, da er sechsundfünfzig Jahre früher die Chronik der Sperlingsgasse zu schreiben begann, ist er gegen Abend sanft für immer entschlummert.

Der Eindruck dieses Todes war überall tief und schwer, auch bei denen, die seinem Werke innerlich ferner standen. Hermann Oeser hat einmal davon gesprochen, daß jedes Volk in zwei Ausgaben vorhanden sei, auch das deutsche – jetzt empfand man, daß von der einen ein bestes Stück uns leiblich entrissen war. Es war für das ganze deutsche Volk gesprochen, als Wilhelm Brandes dem Geschiedenen in der Kapelle des braunschweiger Zentral-Friedhofes nachrief: »Dein Lebenswerk, du Deutschlands Gewissen, wird auch ferner durch unser zwanzigstes Jahrhundert gehen als eine jener unerschöpflichen Kräfte, die Gott seinen Völkern schickt zu einem Segen für Zeit und Ewigkeit.« 270

 


 

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