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Heinrich Spiero: Raabe - Kapitel 16
Quellenangabe
typebiography
booktitleRaabe
authorHeinrich Spiero
year1925
firstpub1924
publisherA. Ziemsen Verlag
addressWittenberg
titleRaabe
pages329
created20180707
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14. Kapitel

Problemdichtung

Der Kranz von sieben Geschichten, den Raabe in den sieben Jahren von 1881 bis 1888 wand, fügt sich wiederum wie von selbst zueinander. Keine von ihnen erreicht den Umfang der großen Romane, insbesondere der Alten Nester, jede geht doch nach Form und Gehalt über den Kreis der Novelle hinaus und gibt ein Weltbild, jede zeigt ihren Dichter vornehmlich von einer ganz bestimmten Seite seines Wesens, und in jeder schafft er ein Original, das nicht immer das letzte Wort hat, aber für den Charakter der Erzählung besonders bezeichnend ist.

Nur noch einmal in diesen letzten Jahren des bismärckischen Reichs, im Odfeld, führt er in ferne Vergangenheit zurück und erzählt aus dem Siebenjährigen Kriege. Wundervoll wird das Ganze durch einen Zug von Raben eingestimmt, der sich am wolkenschweren trüben Abend auf das dem Kinde Raabe schon so wohlvertraute Odfeld niederläßt – Vortakt zu all der Drangsal und blutigen Not, die sich alsbald um die Klosterschule von Amelungsborn zusammenballt. Nicht aber die unruhige Jugend der Lehranstalt, aus der einer zum Tode im Kampf eilt, steht im Vordergrunde des Buchs, sondern ein altes festes Herz in unscheinbarer Gestalt, ein wirklicher Humorist mit weltüberwindender Seele, der die andern und sich über Druck und Drang des Tages hinaushebt. Nie ist der Magister Noah Buchius, an den sich schließlich auch seine Verächter 216 klammern, größer als in dem Augenblick, wo er seinem braunschweigischen Herzog an der Spitze des Kriegsheers begegnet und ihm, der von jedem eine Bitte erwartet, nichts sagt als dieses: »Der liebe Gott segne Sie auf Ihren schweren, blutigen Wegen, gnädigster, lieber Herr Herzog Ferdinand, und reiten Sie nur ruhig weiter! Wir werden ja auch schon sehen, wie wir mit Gottes Hilfe durchkommen. Wir werden durchkommen, gut oder schlecht, Durchlaucht; aber der alte Magister Buchius von Amelungsborn, der Sie mit seinen Unbequemlichkeiten auf Ihrem schweren Wege unnötig aufhielte und molestierte, der würde sich darüber die bittersten Vorwürfe und Reprochen machen.« Und nur er findet letztlich wie für die arme verscheuchte Menschheit, so für seinen Stubengenossen, den lahmen Raben, das lösende Wort: »Ich weiß nicht, von wannen du gekommen bist, ich weiß nicht, wohin du gehst; aber gehe denn – in Gottes Namen – auch nach dem Odfelde. Im Namen Gottes, des Herrn Himmels und der Erden, fliege zu, fliege hin und richte ferner aus, wozu du mit uns andern in die Angst der Welt hineingerufen worden bist.« Dennoch wächst auch über Buchius die Landschaft, das Odfeld selbst, farbegebend und stimmungschaffend, hinaus, mit voller Absicht als »Held« aufgefaßt und festgehalten. Was in der Sperlingsgasse begonnen hatte, in der Innersten und im Dräumling mit Glück fortgeführt war: das landschaftlich-geschichtliche Milieu als wirkende Macht – hier im Odfeld war es vollendet.

Zu einer zweiten Jugenderinnerung von stark nachwirkender Kraft lenkt Im alten Eisen zurück. Wie im Odfeld an das Omen des Raben und des Rabenschwarms, so knüpft sich hier an das Symbol eines Degens der ganze Ablauf der Geschichte. Dieser Degen hat bei Idstedt und Bau in den vergeblichen Befreiungskämpfen um 217 Schleswig-Holstein mitgefochten, die des Primaners Raabe Herz mit zuckendem Anteil erfüllten. Geheimnisvoll führt auf den wirren Pfaden der Großstadt, deren berliner Gassenvolk hier mit echtem Dialekt gegeben ist, die Jugend alte, reife, scheinbar mit ihren Lebensaufgaben längst fertige Menschen wieder zusammen. In Raabes ganzem Werk gibt es wenige so aufwühlende Bilder wie das des tapfern Knaben, der mit dem Degen des Großvaters in der von den Nachbarn ob der Ansteckungsgefahr gemiedenen kahlen Wohnung, mitten in dem ungeheuren Berlin, neben dem kleinen Schwesterchen der toten Mutter die Leichenwache hält; und selten hat Raabe unter den Alten drei Menschen mit solcher bis in jeden Zug abschattierter Feinheit gegeneinander gestellt wie die Lumpenhändlerin und frühere Theaterdirektorin Wendeline Cruse, den einstigen allerweltsgereisten Schmied, Schauspieler und Freiheitskämpfer Peter Uhusen und den Ästhetiker Hofrat Albin Brokenkorb, den dekadenten lübischen Senatorssohn, der nicht nur dem Namenklang nach aus der Familie Buddenbrook stammen könnte.

Man möchte versucht sein, die drei unmittelbar nacheinander geschriebenen und erschienenen Erzählungen Prinzessin Fisch, Villa Schönow und Pfisters Mühle noch zu den Büchern vom neuen Reich zu rechnen; denn in ihnen ist ein Bezug auf Art und Unart der Zeit unverkennbar. Überall treten Menschen auf, von denen der Raabische Aphorismus gilt: »Für wie viele Leute ist die Schlacht bei Königgrätz nur geschlagen worden, um das Zehn-Pfennig-Porto für Briefe einzuführen!« und auch das andere Wort klingt wohl durch: »Der Horizont des Geschlechtes, das nach 1870 gekommen ist, ist nicht weiter geworden.« Aber alle drei Bücher sind doch nicht dahin ausgerichtet und gelten im Grunde überzeitlichen Problemen von zum Teil höchst verfeinerter, ja knifflicher 218 Ausgestaltung. In der Prinzessin Fisch ist nicht die in ein thüringer Nest hineinschlagende Gründerzeit das kennzeichnende Motiv, sondern die Verstrickung eines von alten Eltern spät geborenen und früh in dieser Welt zurückgelassenen jungen Menschen. Eine doppelte Verstrickung: in den mit allen echten Werten spielenden, am Truggold hangenden Materialismus des plötzlich aus Amerika heimgekehrten älteren Bruders und in die Prinzessin Fisch, das fremdartige, viel ältere Weib, das sich ein biederer Schwabe aus Mexiko mitgebracht hat. Diese innerlich kalte, kreolisch träge Frau könnte dem Jüngling ohne ihr Zutun die innere und äußere Existenz kosten. Aber ihm hilft das weise Original, der Bruseberger, der Buchbinder, der mit seiner Meisterin und einem warmherzigen Lehrer über dieser Jugend wacht, ähnlich den drei Alten aus dem Walde. Wohl verschließt dem jungen Theodor die Flucht des Bruders mit der Prinzessin Fisch auf lange die Heimat; aber wir fühlen, dies alles wird den zu früh aus sinnlicher und geistiger »Tumbheit« Geschreckten nur fester und freier machen; einst wird er, anders denn der Bruder, als ein gereifter, männlicher, bewußter Mann in die Heimat und zu der dort für ihn wachsenden, auf ihn wartenden Liebe seiner Knabenjahre zurückkehren.

Wenn in der Prinzessin Fisch alles, auch der Bruseberger, in verhaltsamen Tönen mit sparsamer Drastik lebt, so ist die Villa Schönow mit einer der lautesten und redseligsten Gestalten Raabes, dem Hofschieferdeckermeister und Landwehrsergeanten Wilhelm Schönow, ausgestattet. Seine Ergänzung bildet die nicht minder berlinische Professorstochter Julia Kiebitz, eine nicht schön anzusehende alte Jungfer, die aber, wie ihr Hauswirt Wilhelm Schönow, das Herz, und, echt berlinisch, den Mund auf dem rechten Flecke hat. Den beiden fällt das zu, was so oft bei Raabe 219 ältere und alte Menschen tun müssen: sie nehmen das Schicksal von zwei jungen auf sich und tragen es in die Zukunft hinein, immer noch helläugig, ohne Pessimismus, obwohl Schönow in seiner Ehe nicht glücklich und Julia Kiebitz ehelos ist. Beide, der Handwerksmeister und das Fräulein, werden uns ganz allmählich entwickelt – sie erscheinen zuerst seltsam, ja, der Mann geradezu unangenehm, aufdringlich, überlaut, unzart, bis wir langsam in den Kern der Natur eingeführt werden und unter der Rauhborstigkeit und zum Teil absichtlichen Gewöhnlichkeit das Mannestum und die innere Schwerkraft Schönows erkennen. Er hat jenen höchsten Ernst humoristischer Gestalten, wie sie Raabe überhaupt liebt: sie geben sich nie feierlich, wirken aber eben deshalb so eindringlich, wenn es »ums Ganze geht«. Sie dürfen dann verlangen, auch von dem versessenen Kleinstädter, was sie von sich selbst fordern: daß man, »in einem speziellen jejebenen Fall einmal jroß und nicht bloß an seine anjeborene Privatranküne oder, wie jesagt, sein innigstes Portemonnä denkt«.

So sagt Schönow, und er vollbringt sein Meisterstück, als er in echter Kameradschaft einem armen Feldzugsfreunde in den Tod hineinhilft. Der liegt, zehn Jahre nach dem Kriege, an einer im Gefecht erhaltenen Wunde darnieder; er phantasiert im Fieber, er sieht sich wieder in der Schlacht, die andern vorne am Feinde. »Kamerad Schönow, die verfluchte Brücke und der Verhau!« Da ruft Schönow, während der Sterbende seinen Arm gepackt hat: »Hurra, heran det brandenburgische Siebente Nummer sechzig! det janze Spiel – Musike, Musike! Trommeln und Pfeifen – uf mit de Bajonette! da sind wir schon, Kamerad; – det janze Vaterland hinter uns! Nur bloß een bißken an die Rippen kitzeln, und alles läuft, Kamerad Unteroffizier Amelung! Für Eltern, nachjelassene Ehefrauen, Kinder, Brüder, Schwestern und 220 sonstige Blutsverwandtschaft sorjen unbedingt die juten Bekannten und det sonstije Vaterland! Hurra – Hurra – lassen Sie meinen Arm los, Hamelmann! Halt feste, Kamerad Amelung! . . . Da sind wir drüben! Hurra!« Der Mann tut sich in seiner äußeren Kaltschnäuzigkeit auf so menschliches Tun nichts zugute, wir fühlen das Quellen solcher Lebensbezwingung aus eigenen, überwundenen Schmerzen.

Der Humor, der zum Siege trug, ist Schönows Eigentum, er eignet in minder lauter, nicht minder herzensfester Art seiner Freundin Julia Kiebitz. Die ist wirklich nicht hübsch, gelblich, alt, hager und mager; aber auch sie weiß der fordernden Stunde die rechte Antwort; wie sie einst, selbst noch ein heranwachsendes Mädchen, den jungen Schönow unterrichtet und erzogen hat, freiwillig und ohne Auftrag, so nimmt sie nun, in ihres Lebens Spätzeit, noch einmal ein verlassenes Kind mütterlich an ihr Herz. Darum darf es dann von der, die vielen nur drollig erscheinen wird, heißen: »In diesem Augenblick gab es in der großen Stadt, alle hunderttausend Kinder eingerechnet, nichts für das Märchen, die Welt jenseits der Alltagserscheinung mehr Stimmungsfähiges, als wie das alte, wundervolle, von der Mama in der Wiege verlassene, vom Papa zu einer kompletten Närrin prädestinierte und vom gütigen Schicksal zu Schönows bester Freundin, Gönnerin und Schutzbefohlenen gemachte Mädchen.«

In Pfisters Mühle erzählt wieder einmal nicht der Dichter selbst, sondern einer, der das Vergangene erlebt hat und dem sich das Gegenwärtige, die Auswirkung des Gewesenen zwischen die Blätter schiebt. Die Mühle klappert nicht mehr, sie dient nur noch. eben vor dem Abbruch, dem Sohne des Müllers und Schreiber des Buchs, dem nach Berlin verschlagenen Gymnasiallehrer und seiner jungen Frau als Ferienaufenthalt. Die ganze 221 Süße und Wehmut des Einst ruft er sich im Nachsinnen und Nachzeichnen noch einmal zurück. Unter den Menschen, die für Ebert Pfister wieder leibhaft unter den Bäumen des Mühlgartens wandeln, ist auch der Dichter Felix Lippoldes; an ihm erst vollendet Raabe die einst in den Kindern von Finkenrode tastend ergriffene Gestalt des am Leben scheiternden Halbkünstlers – immer wieder läßt Raabe ein einmal angerührtes Problem nicht ruhen, bis er es ganz zwingt. Auf Detmold, Leipzig, Braunschweig, das heißt auf Grabbe, Ernst Ortlepp, Ludwig Wolfram und Griepenkerl weist er diesmal ausdrücklich hin, indem er seinen Lippoldes dem »ruhelosen, unglückseligen Zwischenreichsvolk« zugesellt. Immer noch blitzt es, zwischen langen Strecken trostloser, nur wie von faulem Holze leuchtender Dämmerung, mit echtem Strahl aus dieser zerfallenden Natur; und Raabe wiederholt im Hinblick auf das selbstgeschaffene Bild zustimmend das Wort der Annette Droste, diese verlorengehenden Tragöden seien dann und wann viel mehr wert als – viele andere.

Auch Ewald Sixtus aus den Alten Nestern findet in Pfisters Mühle sein Gegenbild. Der humoristische, schlagfertige Doktor, der des armen Künstlers Tochter heimführt, geht mit beiden Füßen in das technische Leben der Neuzeit, dessen Gerüche und Abflüsse das Mühlwasser trüb und stinkend gemacht haben; aber der geschäftskundige Chemiker nimmt seinen Homer und die Mühlenaxt des Vaters Pfister mit, und der Alte meint dazu: »Dann wird es wohl der liebe Gott für die nächsten Jahre und Zeiten so für das Beste halten.« Für die nächsten Zeiten! Die im Gange der wirtschaftlichen Entwicklung liegende Entfaltung der Technik wird nicht grämlich von dem bekämpft, der gesagt hat: »Das Deutsche Reich ist mit der ersten Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth gegründet worden.« Aber der technische Fortschritt der Zivilisation ist 222 kein Ziel an sich, ist ganz gewiß kein in die Ewigkeit weisendes Ziel, er ist vergängliches irdisches Hilfsmittel, dem man nicht ungestraft ganz verfällt. Aus so weitem Sehwinkel werden die Achtlosigkeit und Roheit, mit der vielerorts über unersetzbares Erbgut hinweggeschritten wird, als Ergebnisse der geistigen Mechanisierung immer wieder in ihrer ganzen Hohlheit und Gefährlichkeit gekennzeichnet.

Das leichteste und heiterste unter den sieben Büchern ist die Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Neujahrsgeschichte Der Lar. Alle Originale, die als Haupt- oder Nebengestalten die andern Werke dieser Raabischen Schaffensepoche bevölkern, übertrifft in der Rundheit der Darstellung und in der Eigenart des Wesens der Tierarzt Schnarrwergk dieser Erzählung. Der Name schon ist mit verblüffender Wortmalerei gewählt. Rostig, verspakt, mißtönig, mit nur halb deutbaren Knurrlauten redend, tritt er vor uns hin, und Zug für Zug, Stück für Stück fällt das alles ab, und es ersteht wiederum einer, der die Jugend das Leben lehrt; der seltsame, schuhuartige, gefürchtete Borstenmensch entpuppt sich als ein der Tiefe nicht entbehrender, einsamer alter Mann von echtem Gehalt, von liebenswerter Lebensweisheit. Und diese Entschleierung geht ganz wie von selbst vor sich, ohne Gewaltsamkeit, ohne Übersteigerung. Der Pithekus aber, der ausgestopfte Menschenaffe, guckt sinnbildlich zu; dessen Glasaugen hat Schnarrwergk den Augen seines eignen geliebten Lebensführers nachgebildet, und so steht da »die Kreatur, die ihren Schmerz aussteht und stirbt und es nicht mit Worten sagen kann, wie ihr dabei zumute ist«, mit Menschenaugen innerhalb menschlichen Geschehens, nicht »ein Gelächter und eine schmerzliche Scham«, sondern eine Mahnung an die Vergänglichkeit irdischer Dinge und an Schmerzen, die deshalb nicht weniger wehe tun, weil sie nicht bekannt werden können. 223

Das Motiv einer in eben erwachende Sinne lodernd hineinfallenden Liebesentzündung hatte den Hebelansatz der Prinzessin Fisch gebildet, die Rettung junger, am Rande des Abgrunds stehender Menschen aus innerer und äußerer Not durchklang Villa Schönow und Im Alten Eisen. Das Erwachen einer menschenwarmen Natur aus scheinbarer Verkalkung hatte dem Laren die Farbe gegeben, die Bewährung gerade eines Belächelten und Übersehenen durch Liebe und humoristisches Weltgefühl das Odfeld als Oberstimme durchtönt; in Pfisters Mühle waren zwei Ideengänge ineinander verschlungen: das Versinken eines Künstlers, der nur den Fluch der Kunst besitzt, die Sänftigung dieses Sturzes durch die Frauenhand einer liebenden Tochter und der Zusammenprall des alten und des neuen Zeitalters an einer besonders zu solcher Begegnung geschickten Stelle. Im Alten Eisen aber schwang vernehmlich das Problem aller Probleme mit: »Des Menschen Sohn, der da durch die Blätter (der Evangelien) geht, nimmt einen mit sich auf seinem Wege, man mag wollen oder nicht«; und dann sagt der Schmied und Feuerwerker, der Schauspieler und Soldat, der vom Leben abgerissene, hin und her gespülte und schließlich doch behauste Peter Uhusen: »Mir tritt der Mann aus dem sonnigen Nazara am deutlichsten in die Erscheinung, wenn hierzulande die Tage kurz und die Nächte lang sind, die Dachrinnen gießen oder der Schnee fällt.« In den Unruhigen Gästen wird nun dies höchste Problem zum Richtung gebenden Leitseil. Zwei Sphären religiösen Erlebens stellt Raabe in den Geschwistern Hahnemeyer nebeneinander: Prudens, den asketischen Gebirgspfarrer, dem von Christi Lehre wohl die Buße, aber noch nicht die Gnade, wohl die Sünde, aber noch nicht die Erlösung aufgegangen ist, und Phöbe, die Schulschwester des Idiotenheims Schmerzhausen, die mit Recht den Namen der Botin Pauli aus dem Römerbrief 224 trägt, die zarteste und dabei festeste, rundeste und feinste, zugleich auch die bedeutendste unter allen Mädchengestalten, die Wilhelm Raabe je geschaffen hat. Mit leichtem Tritt, als ob sich die Gräser vor ihr neigten, geht sie durchs Gebirge, geht sie in das gemiedene Typhushaus. Auch der Bruder ist furchtlos, er setzt ohne Angst und Ekel die Schnapsflasche an den Mund, aus der eben am Strohlager seines toten Weibes im verpesteten Hause der verrufene Räkel getrunken hat – eine Szene von hoher Genialität. Aber sein innerlich in Selbstqual unfrei gebliebenes Wesen flößt wohl Respekt ein, es zwingt nicht. Erst dann gibt der Wilde sein Weib zum Begraben an geweihter Stätte her, als Phöbes der Gnade gewisse Jugend den Grabplatz neben der Frau für sich gewählt hat. Der aus dem Säkulum, der Welt als ein unruhiger Gast zu dem Studienfreund Prudens heraufgekommene, leicht einhergeschrittene Freund, der sein empfindende, geistvolle Universitätslehrer, wird von dieser aus schlichtestem Gewande strahlenden Glorie erfaßt, und auch er sichert sich das letzte Bett neben der Toten. Aber wo Phöbe auf Heilandsspuren traumsicher wandelt, wird der Gast, der doch halb nur gespielt, den des Jenseits gewissen Ernst nicht durcherlebt hat, versehrt, ihn ergreift das Nervenfieber, und lange noch wird er doppelte Spuren mit sich tragen: sein Körper die Nachwehen der schweren Krankheit, seine Seele den Anhauch einer überirdischen Gnade, die voll zu erfassen ihm nicht gegeben, von der auch nur gerührt zu werden schon Gottesgeschenk war.

In einer der stilistisch vollendetsten Krähenfelder Geschichten, Zum wilden Mann, hatte Raabe, wider seine Art, die Handlung nicht zum inneren Abschluß geführt. Der Apotheker, dem der einstige Freund und Geldgeber nach einem Menschenalter, wider jedes Recht, das Vermögen aus der Tasche zieht und der das, seiner Anlage 225 gemäß, widerstandslos duldet, bleibt verarmt zurück. Ganz einläßlich war das mit allem Drum und Dran der Gebirgsapotheke und mit dramatisch geschürzter Spannung erzählt worden; aber die innere Lösung war für den Leser wie für Kristeller und seine tief gedrückte, ja erboste Schwester ausgeblieben. Phöbe bringt auch diese Deutung, ohne ein Wort, nur durch ihr von innen erhelltes Wesen. Jetzt erst, da die Schwester des Apothekers mit ihr am Krankenbette des Professors sitzt, lernt sie, die Alte, das Leben von ihr, der Jungen. »Du hast mich«, sagt sie ihr, »in die Schule genommen. Du brauchtest nur eine Viertelstunde bei mir zu sitzen auf der Bank unterm Fenster im Abendlichte, daß ich mich an die Stirn klopfen konnte und sagen: Es war doch so einfach, Dorette! . . .

Mein liebes Herzenskind, durch dich weiß ich nun, die Welt hat einen Kern, sie hat einen süßen Kern, nur aber die Zunge, oder was sonst zu der gehört, hat nichts damit zu tun, darauf schmeckt man ihn nicht.«

Phöbe Hahnemeyer aber ist zuletzt, über all die unruhigen Gäste des Erdenlebens hinaus, im Geiste bei ihren Kindern in Schmerzhausen, »und eben lächelt sie und spricht leise: Daß mir keines den Reigen stört; sonst muß ich böse werden!«

Die überwindende Reinheit rechten Christentums verleiht den Sieg und schreitet sicher durch das Leben. »Das gibt man sich nicht, das wird einem gegeben«, sagt dazu der wunderliche Kommunist Spörenwagen, der zwischen beiden Welten, der des Säkulums und der des Römerbriefs, mitten inne steht.

Dreißig Jahre waren verflossen, seit Raabe in der Chronik das Kind der Tänzerin auf den Weihnachtsmarkt geführt hatte, zwanzig seit im Hungerpastor Hans Unwirrsch mit den Fischern von Grunzenow unter das Licht von Bethlehem getreten war, sechzehn seit in Des Reiches Krone die weltüberwindende Liebe das echte Kleinod, 226 den wahren Stein, nach dem die Weisen suchen, gewann. Jetzt, da er den Sechzigern entgegenschritt, hatte Wilhelm Raabe aus dem immer neuen Leben mit dem Manne von Nazara, in einem Werk, wo alles, Mensch und Natur, mit dem feinsten und zartesten Kontur gezeichnet war, auch auf diesem Pfade die letzte Höhe erreicht. Wohl fand er oben das Kreuz, aber nicht wie der dezidierte Nichtchrist Theodor Storm als ein Bild der Unversöhnlichkeit, sondern als das Sinnbild jener Gotteskraft, die der Entsender der biblischen Phöbe preist und aufrichtet gegen die Weisheit der Weisen und der Verständigen Verstand. 227

 


 

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