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Heinrich Spiero: Raabe - Kapitel 15
Quellenangabe
typebiography
booktitleRaabe
authorHeinrich Spiero
year1925
firstpub1924
publisherA. Ziemsen Verlag
addressWittenberg
titleRaabe
pages329
created20180707
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13. Kapitel

Lebensdarstellung von hoher Warte

Der entwicklungsgeschichtliche Parallelismus, die Darstellung nebeneinander begonnener, auseinander geführter, schließlich wieder zueinander geleiteter Lebensläufe war in der Chronik zuerst an den Tag getreten; sie ist uns als Gesetz für den Innenbau und die aus diesem quellende äußere Architektur von Raabes epischem Schaffen immer wieder begegnet, deutlich beherrschend in den Waldleuten und im Hungerpastor, vom eigentlichen Thema überdeckt im Meister Autor, mit ihm unlösbar verbunden in Eulenpfingsten und Frau Salome. Nahe den fünfziger Jahren begann Raabe, nun mit weiterem Aufriß als je seit dem Schüdderump, noch einmal das immer wieder lockende Problem zu gestalten, und im Jahre 1880 erschienen die Alten Nester. Das Werk führt den Untertitel Zwei Bücher Lebensgeschichten, es wird von dem einen der fünf zusammen aufgewachsenen Jugendgenossen erzählt, dem, der am wenigsten ein Mann des derben Zugriffs und seiner ganzen Anlage nach am meisten ein Mann der Feder ist. Die fünf Menschen sind an der Weser, in Raabes Heimat groß geworden, nicht zufällig gerade da, wo auch die Heimat Münchhausens liegt. Hier bekennt Raabe nämlich mit Nachdruck den Dank, den er und dies ganze Erzählergeschlecht Karl Immermann schuldeten; es schlägt in Raabes Stellung zur Zeit und auch zur Literatur der siebziger Jahre mitten hinein, wenn es da heißt: »Fräulein 205 Emmerentia von Schnuck-Puckelig ist eine Wahrheit geblieben; aber die Tochter vom Oberhofe ist zu einem schönen Phantasiebilde geworden: der treue Eckart – diesmal Karl Leberecht Immermann genannt – hat wieder einmal vergeblich am Wege gestanden und warnend die Hand erhoben.« Was in Immermanns noch heute unausgeschöpftem und damals kaum erkanntem großen Münchhausenroman Darstellung niedergehender Oberschichten war, fand in den Zeitverhältnissen nach der Reichsgründung seine Parallele; aber das im Oberhof so lebendig gemalte Gegenbild deutschen Lebens aus dem Mittelpunkt heraus hatte im Lärm der neuen Tage keine Statt. Um diesen Wesenskern aber, aus dem menschliches Schicksal sprießt, ist es Raabe in seinen zwei Büchern Lebensgeschichten zu tun. Wir haben hier gleich im Anfang des Romans den bei ihm so seltenen Fall einer Gestaltung nach lebendem Modell, und nichts bezeichnender, als daß Raabe in der Mutter des Erzählers, die auch die andern mit erzieht, die eigene, vor wenigen Jahren dahingegangene Mutter mit allen Zügen ihrer echten Weiblichkeit und Mütterlichkeit, ihrer Fähigkeit, auch das Schwere, das Auseinanderstrebende zum Kranze zu einen, nachbildet.

Mit vollem Gelingen wird Individuelles zum Typischen gestaltet. Da ist der Vetter Just Everstein aus der bürgerlichen oder vielmehr bäuerlichen Nebenlinie des adligen Hauses. Dem gelten äußerer Glanz, Adel, gesellschaftlicher Schliff nichts, aber ein mißlenkter Bildungsdrang und jugendliche Phantastik haben ihn von der Scholle gehoben; und jetzt entfaltet sich in herzhafter Arbeit und zähem Durchsetzen die andere, die Oberhofnatur seines Wesens. Mittellos in die Fremde gezogen, denkt er gar nicht daran, sich und sein Deutschtum aufzugeben. In der nordamerikanischen Siedlung Neu-Minden kommen die 206 Leute auf eine halbe Tagereise weit zum Buchstabierspiel bei ihm zusammen; er hält das Deutschtum drüben durch und wird der Bringer der Bildung, er macht nicht nur den Boden, sondern auch die Köpfe urbar, »in dem Lande, wo jedes Kind, sowie es das Licht der Welt erblickt hat, sofort sich auf das Praktische legt und mit seinen Eltern über seine ersten natürlichen Geschäfte zu handeln anfängt«. Just Everstein erarbeitet sich jenseits des großen Wassers wieder den alten, deutschen, angestammten Steinhof und wird auf ihm Meister. Mit ihm aber kommt sein Gegenstück. Dem humoristisch Derben verbindet sich der Stürmer, der heiße Kopf, eine immer wiederkehrende deutsche Gestalt, Ewald Sixtus, der nun schon einen ganz modernen Beruf, den des Ingenieurs, hat. In ihm zeichnet Raabe einen Mann, dazu angetan, die Welt auch im größeren Maßstabe als Just Everstein zu erobern, den Bürger eines weiteren Deutschlands; aber auch er ist nicht wurzellos, ist mit tausend Banden an die Heimat gekettet. Aus den Quadern des alten Feudalsitzes wird eine Brücke, auch hier soll es keine »verfallenen Schlösser und keine Basalte« mehr geben; aber die aus der Fremde Heimgezogenen werden mit den Frauen, denen schon die Knabenherzen gehörten, auf dem Boden alter Nester neues deutsches Leben zimmern, ohne schwächliche Resignation, ohne Einräumung an modischem Tand, ohne den scheinwichtigen Krimskrams einer nationlosen Zivilisation.

Mit dem Hauche vollen Lebens und einer für immer festgehaltenen Jugenderinnerung kommt das Weserland hier zum Ausdruck; was in der Chronik nur eben angedeutet war, Kinder- und Jugendleben in Haus und Hof, an Fluß und Fähre, hinter Hecken und Obstbäumen, auf Erntewagen und Gebirgspfaden, das alles findet in den Alten Nestern seine bis ins kleinste durchgeführte Darstellung. 207

Im Hintergrunde steht Berlin, die große, menschenvolle Stadt, in der sich doch Jugendgenossen wieder zusammenfinden und von der die Pfade schließlich zu den alten Nestern zurück und zum Aufbau der neuen nach vorwärts gehn. Über den fünf Jugendgenossen wacht – auch da tritt das zuerst in der Chronik waltende epische Parallelgesetz wieder in Kraft – eine Dreiheit harmonischer, reifer Menschen: die Mutter des Erzählers, der Vater Förster, die alte Jule Grote, eine der nach außen spröden, nach innen lichten Alt-Mädchengestalten Raabes, die uns schon bedeutender in Juliane Poppen bei den Leuten aus dem Walde, absonderlicher in der Base Schlotterbeck des Hungerpastors begegnet sind. Im Horn von Wanza, das gleich nach den Alten Nestern begonnen und beendet ward, steht eine Frauengestalt im Mittelpunkte, die sich die Harmonie in einem schweren Leben, an der Seite eines viel älteren, wüsten Mannes erst erringen muß. Nun aber ist sie, die Rittmeisterin Sophie Grünhage, ein firner Mensch geworden. Sie hat ihr Herz in beide Hände genommen und sich nicht nur zur Herrin ihres Hauses, sondern auch zu einer Art Beherrscherin des Gemeinwesens gemacht. Vom kleinsten Zuge her wird uns diese humoristische Prachtgestalt der Frau zu Wanza an der Wipper entfaltet. Nichts an ihr ist bewußt originalische Gebärde und alles doch originelle Aussprache eines ganzen Menschen. Über dem scharfen Blick für die Wirklichkeit hat sie so wenig die Liebe zur Menschheit verloren, wie jeder echte Humorist. Und darum lernen die Jungen wiederum von ihr das Leben; lehrend steht ein anderes Original neben ihr, der Nachtwächter Marten, ein Verwandter des Polizeischreibers Fritz Fiebiger. Und zu den beiden gehört lebensnah die blinde Thekla Overhaus, in der Raabe die blinde Eugenie aus dem Frühling auf einer höheren Stufe gereifter, jedes eignen 208 Begehrens lediger Weisheit noch einmal wiederbringt und vollendet.

In dem großen Aufstieg seit der Chronik hatte Raabes Humor von Jahr zu Jahr Erweiterung und Vertiefung erfahren. Jean Paul spricht einmal, in der Vorschule der Ästhetik, von dem Kindskopf, der in jedes Menschen Haupt wie in einem Hutfutteral aufbewahrt sei und der sich zuweilen nackt ins Freie erhebe und im Alter oft allein auf dem Menschen mit dem Haarsilber stehe. Er hat damit dichterisch die ewige Jugendlichkeit des Humoristen ausgedrückt, der wir bei Raabe gelegentlich auch noch in späten Werken begegnen. In den frühen handelt es sich bei ihm noch vielfach um Komik, Groteske, unbesorgte Laune. Noch steht diese unverschmolzen neben dem Kern der Handlung, aber er erreicht mit ihr schon beträchtliche Wirkungen, wenn auch nicht immer gerade in Hervorhebung des eigentlichen Sinnes der Dinge. In dies drollige Register gehört etwa jene Ansprache, die der ausgewiesene Zeitungsschreiber Dr. Wimmer in der Chronik dem Polizeibeamten Stulpnase hält – auch die beiden Namen schlagen ins Gebiet grob unterstreichender Zeichnung –: »Ich habe in Jena studiert, Herr Polizeikommissarius. Das ist eine allgemeine historische Tatsache, aber es knüpft sich Bemerkenswertes daran. Damals gab es dort einen raffiniert groben Philister, Deppe genannt, der alle Augenblicke eine sehr drastische Redensart herausdonnerte, übrigens aber der Gott aller der wilden Völkerschaften: Vandalen, Hunnen, Alanen, Viso-, Möso- und Ostrogoten usw. usw. war. Verehrtester Herr Kommissarius, der deutsche Student, viel zu zartfühlend, viel zu sehr von Albertis Komplimentierbuch angekränkelt, konnte unmöglich diese Redensart adoptieren. Ebensowenig aber konnte er auch den Effekt derselben auf Pedelle, Manichäer und dergleichen Gesindel entbehren. Was tat 209 er? – Er deckte Rosen auf den Molch und sagte: Deppe! – Deppe überall! Deppe konnte jeder Rector magnificus, Deppe jeder Professor, Deppe jede Professorentochter sagen. Also, Herr Polizeikommissarius, Deppe! – 'n Morgen, meine Herren! Ich muß packen!«

Wachholders Art der Lebensüberwindung ist nicht humoristisch: wohl hat er Sinn für Scherz und Laune, aber seine Empfindung für das Übel der Welt ist nicht tief genug; die eigenen herben Erlebnisse werden ihm noch nicht in dem Maße allgemeine Erfahrungen, wie es Friedrich Theodor Vischer vorschwebt, wenn er sagt: »In diese unmittelbare Lust muß die herbere Erfahrung der allgemeinen sittlichen Unreinheit und des allgemeinen Übels, der sich auch das lustige Subjekt nicht entziehen kann, als Quelle inneren Kampfes einbrechen.« Dem, der dies erfuhr, geht die Naivität der Laune verloren oder sie wird von dem erlebten tieferen Widerspruch getrübt. Der Betroffene fühlt die in der Idee liegende Möglichkeit der Befreiung, aber er kann sich aus dem Widerspruch noch nicht ganz lösen, es bleibt etwas wie Ärger oder, höher gesprochen, eine ungelöste Dissonanz zurück. Das wäre der Fall des Polizeischreibers Fritz Fiebiger, dem sich der Widerspruch der Welt aufs tiefste aufdrängt: »Mein Junge; vor allen Dingen laß dich niemals verblüffen. – Jeder macht Wind auf eigene Art, je größer der Blasebalg, desto stärker der Wind, desto ohrenbetäubender das Schnarren und Schnauben. Halte den Hut fest, es wird mehr als einer seine Kraft dransetzen, ihn dir vom Kopfe zu pusten. Wenn der Deckel aber einmal in der Luft fliegt, so mache dich nicht zum Gespött der Gassen und renne toll und blind hinter ihm her; sondern gehe ihm fein langsam nach und lache selbst; oft wird ein anderer ihn auffangen und ihn dir entgegentragen; du kommst dann mit einem Dank davon. – Es bläst, greift 210 und streicht jeder sein Lieblingsstück auf seinem Lieblingsinstrument; im Grunde ist's ein heilloses Konzert; aber die Gewohnheit bewirkt, daß wir es recht gut ertragen, ja es öfters für die echte wirkliche Sphärenmusik halten. Blase dein Stückchen, mein Sohn; aber wolle deinen Takt nicht der ganzen übrigen Menschheit aufdrängen. Ich habe mehr als einmal mit Heiterkeit gesehen, wie bei solcher Gelegenheit die Instrumente zu Waffen in den Händen der Virtuosen und Dilettanten wurden und wie eine blutige Schlacht entstand. Bedenke, Robert Wolf, daß du doch nur eine ganz kleine klägliche Pfeife bläsest, und daß solch ein dicker Brummbaß zu einer gewaltigen Keule wird, wenn der erboste Spieler ihn umkehrt und ihn auf den Köpfen der Orchestergenossen tanzen läßt. – Ich habe manches Haus gesehen, über dessen Tür stand: salve hospes, aber auf gut deutsch hieß das nur: der Eintritt ist verboten, wer hereinkommt, wird hinausgeworfen. Merke dir das, Robert Wolf, und bitte dir, ehe du dem ›salve‹ traust, von dem Türhüter eine Übersetzung des ›hospes‹ aus. – Zum Schluß knöpfe deine Ohren so weit als möglich auf und vernimm, daß der Mensch viel schneller und früher alt wird, als er gewöhnlich für möglich halten will. Eines schönen Morgens wirst du erwachen und das klägliche Faktum dir nicht mehr verleugnen können. Sorge, daß du dich dann mit gutem Gewissen in den Großvaterstuhl setzen kannst. Ich habe gesprochen.«

Dieser Satiriker von Haus aus, Fritz Fiebiger, gelangt schließlich doch zur Überwindung; dazu aber verhilft ihm erst die ganz in der Kraft der Idee wurzelnde abgeklärte Weisheit des Sternsehers Heinrich Ulex. Die menschenkundige, oft ironisch geäußerte, in bittern Lebenserfahrungen eingeerntete humoristische Lebensauffassung der Dritten im Bunde, des Freifräuleins Juliane von Poppen, 211 würde ohne Ulex genau so wenig zum freien Humor aufsteigen wie Fritz Fiebigers Weltansicht. Noch einmal rufen wir Friedrich Theodor Vischers tief schürfende Begriffsbestimmung auf: »Eine sittliche Welt versinken sehen, wie der männliche Geist des Aristophanes, Undank, Ungerechtigkeit, Schwäche der Gesetze, Bestechung, Ränke walten sehen mit dem Feuerauge Shakespeares und doch auch den Humor über diese Weltübel erweitern, dies ist das Höchste, das Schwerste.« Die Innigkeit der inneren Liebeswelt erweitert sich zur Gewalt des von dem allgemeinen Pathos für diese objektive Welt erfüllten Geistes. Das ist der Fall des raabischen Humors in seiner höchsten Ausbildung. In Abu Telfan hat er vor dem Auge seiner Kerngestalten Leonhard, Claudine, Täubrich eine sittliche Welt versinken, Undank, Ungerechtigkeit, Schwäche der Gesetze, Bestechung, Ränke walten lassen. Die feurige Kritik eines enttäuschten Herzens, die in Tränen tränenlos gewordene Weisheit eines schwer geprüften Alters, die halb närrische, zwischen Licht und Dunkelheit schwankende Vergeßlichkeit eines kleinen Phantasten hatten in jenen drei Handlungsträgern über die Übel der Welt hinweggefunden und sahen sich auf einer zumindest bei dem ersten, Leonhard, durch humoristische Lebensanschauung gewonnenen Höhe.

Diese Anschauung, zu der der Vetter Wassertreter sein Wort mitspricht, ward freilich noch im Feuer einer tief glühenden Ironie mitgehärtet. Wohl war diese Ironie, mochte sie den deutschen Scheinsouverän oder den deutschen Philister treffen, das Kind eines heißen Herzens, das sich mit zugehörig fühlte – sie blieb doch Ironie und holte ihre künstlerischen Wirkungen aus der Satire. Nur bei Frau Claudine, der jeder Ironie baren, gelingt die Erweiterung der Seele über die Weltübel schon ganz, ihr ist der Widerspruch kein Widerspruch mehr; aber freilich entzieht sie sich dem tätigen 212 Leben und hält denen, die es äußerlich überwältigt, eine Ruhstatt offen. Die aristotelische megalopsychia, die auf Selbsterkenntnis gegründete Selbstbehauptung, ist ihr geglückt – Raabe aber will diese höchste Stufe in rein humoristischer Ausgestaltung auch noch in die Mitte des tätigen Lebens stellen. Das tut er im Vetter Just der Alten Nester. War Raabe vielfach als ein Lobredner der Vergangenheit erschienen, eine bei Humoristen sehr häufige Ausdrucksform der Weltkritik, so verband er nun Vergangenheit und Gegenwart; seine letzten humoristischen Lebensbezwinger wie Just und in gewissem Abstand Ewald Sixtus lassen das Alte stürzen und vergehen, indem sie seinen besten und einzig wirklichen Gehalt innerlich in das Neue hinüberretten.

Genau von diesem Ansatzpunkt her und unter dem Symbol des nicht mehr zeitgemäßen Nachtwächterhorns von Wanza ist Sophie Grünhage als humoristische Menschengestalt auf einer neuen Gipfelhöhe geschaffen. Der Welt gegenüber frei, durchaus im Messer- und Gabelgeklirr des Lebens daheim, geht sie durch dies Leben mit einem von Raabe so oft wiederholten Worte frei durch. Von dem Augenblick der spitzig-überlegenen Begrüßung des zugereisten Neffen bis zu der sich ganz wie von selbst einstellenden Entschleierung ihres durch Selbstzucht wirksamen und menschlich warmen Charakters offenbaren sich an ihr alle Spielarten des Humors, von der Drastik bis zu jenem von Harald Höffding als großer Humor bezeichneten Ernst des selbstsicher gewordenen Gemüts. Und auch um sie herum errichtet Raabe ein Gebäude, das alle Stufen des Humors umfaßt: vom derben Spaß und studentischen Bierulk bis zur eben noch schwebenden, den Grat zwischen Weinen und Lachen haltenden humoristischen Aussprache. Die häßliche und grausige Vergangenheit – und nichts ist bei Raabe grausiger, als was der Mensch dem Menschen tut – wird nicht übertüncht und nicht romantisiert; aber 213 von der Warte eines tapfer emporgelebten Daseins und eines unter Schmerzen gewonnenen Humors geschaut, müssen schließlich alle Dinge denen, die sie noch einmal erleben, zum Besten dienen.

Auf dieser Höhe der Lebensgestaltung darf nun der Dichter unangefochten weilen, auf ihr schreitet er zu dem nächsten Werk, Fabian und Sebastian, vor.

Die beiden Brüder, nach denen dies Buch heißt, sind in sichtlichem Hinblick auf die beiden Brüder Carker in Dickens Dombey und Sohn geschaffen, aber bei weitem vertieft und nicht auf so einfache Formeln des Gegensatzes gebracht. Fabian ist nicht nur der lächerliche, vergeßliche, meist in einer andern Welt lebende, unpraktische Künstler, der nicht zum ganzen Kunstwerk gedieh; sondern, wie er mit sicherm Herzen der Tochter des in der Ferne gestorbenen Bruders eine neue Heimat gibt, bewährt er sich schließlich auch an der Spitze des ihm zugefallenen Geschäfts. Sebastian ist nicht der harte Schurke, nicht der gewöhnliche draufgängerische Lebemann mit dem Wahlspruche: nach mir die Sündflut; er ist vielmehr nach den Worten einer feinen Kennerin »wie ein zugedeckter, verschütteter Brunnen. Das Wasser kann nicht überfließen, weil es überall vom Ichzweck gehemmt wird. Er liebt und verführt die schöne Marianne Erdener, wirft sie weg und läßt sie ihr Kind töten, aber er fühlt sich nicht frei von Schuld. Der allgemeine schlechte Kerl würde darüber hinwegkommen. Sebastian möchte es auch gern, aber er kann nicht. Sein Egoismus ist nicht stark genug, die in seiner Seele lebende, schmerzhaft durchdringende Gotteskraft zu ertöten. Trotz Diners und Gesellschaften, der Lust gut zu essen und sich zu amüsieren, kurz all den Freuden, die neben der Arbeit seinen Tag ausfüllen, steht die sittliche Forderung vor ihm: Du bist einst Rechenschaft schuldig. Darum hat ihn sein Weg wieder und wieder in 214 dunkler Nacht vor das Zuchthaus geführt, in dem Marianne ihre Sünde büßt, darum kann er den Anblick des alten Schäfers von Schielau, ihres Vaters, nicht ertragen, und darum gehen seiner tödlichen Erkrankung schwere Wochen bitterster Selbstqual voraus. In luziferischer Sehnsucht ruft er in seinen Sterbestunden nach seinem Kinde, das ihm die Gewißheit der göttlichen Vergebung bringen soll. In Gestalt seiner Nichte erscheint es ihm. Er hat sich Konstanze im Leben immer fern gehalten, er haßt in ihr den toten Bruder und fürchtet in ihr die Ruhestörerin. Jetzt bringt sie ihm, von ihm unablässig gerufen, das letzte Erdenglück, einen leichten Tod. Weil er sich in seiner Art strebend, mit sich kämpfend, bemüht hat, darf sie ihn erlösen. Da er fast schon allem Irdischen entrückt ist, fällt seine Ichsucht von ihm ab, und er wird, ganz wie sein Bruder Fabian sein Leben lang, von der Freude des Schenkens erst im Tode erfüllt. Ein Schächer am Kreuz, der Vergebung finden wird.« Konstanze aber, die Vertreterin der zwischen beiden Brüdern wachsenden Jugend, tritt, zweimal geheimnisvoll gerufen, zur rechten Stunde »für das Leben« ein und macht einem Sterbenden das Scheiden leicht, einem Verzweifelnden das Dasein wieder ertragbar. Auch sie geht von der Genialität des Herzens getrieben, frei durch. 215

 


 

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