Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Heinrich Spiero: Raabe - Kapitel 14
Quellenangabe
typebiography
booktitleRaabe
authorHeinrich Spiero
year1925
firstpub1924
publisherA. Ziemsen Verlag
addressWittenberg
titleRaabe
pages329
created20180707
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

12. Kapitel

Die Bücher vom neuen Reich

Wilhelm Raabe hatte niemals Zeitromane geschrieben. Alle seine Bücher waren vielmehr Lebensromane, insbesondere Dichtungen vom deutschen Leben, und stiegen, wie wir sahen, allmählich zum Weltanschauungsroman empor. Er verarbeitete schon von der Chronik an auch die Zeitströmungen, aber er gab sich ihnen nicht hin und fand seine Aufgabe nicht darin, sie oder das von ihnen gerade an die Oberfläche getragene Leben der Gegenwart, »des Zeitengeists gewaltig freches Toben«, zu schildern oder in vorgeblich geschichtlichen Romanen Menschen der Vergangenheit aufzupfropfen. Auch das erklärt seinen Mißerfolg während der Zeit der großen Erfolge Spielhagens oder Hamerlings. Und auch dazu konnte er nach seiner Natur und seiner Auffassung von dichterischer Sendung nicht schreiten, der Zeit, die ihn befremdete oder empörte, in satirischem Hohlspiegel ihr Bildnis vorzuhalten. Er hatte in den Dichtungen seiner ersten fünfzehn Jahre seine Stellung zu den entscheidenden Schicksalsfragen der Menschheit und der Nation nie verschwiegen; aber die Antwort kam von Anbeginn aus einer Höhe, von der herab sie Geltung über den Tag und den Anlaß hinaus behalten wollte und behielt. In dem gleichen Betracht sind auch die in den siebziger Jahren geschriebenen Werke nicht außerhalb, aber oberhalb der Zeit geschaffen. Aus dem Mißverständnis dieses Standpunktes erwuchs die 187 schiefe Beurteilung Raabes durch manche spätere Literarhistoriker, wie Richard M. Meyer, der Raabe wohl als Weltanschauungsdichter begriff, aber sein wirkliches Verhalten zu dem neuen Stufenjahr des deutschen Lebens völlig verkannte; er hielt innerste Enttäuschung auf ganz anderer Ebene für politisches Grämeln.

Gerade in ihrer Ausrichtung auf das neue deutsche Wesen schließen sich Raabes größere Werke der ersten siebziger Jahre wie zu symphonischem Aufbau zusammen. Der noch während des Krieges geschriebene Dräumling bildet das Allegro, der zwei Jahre jüngere Meister Autor das schwermütige Andante, der wiederum zwei Jahre spätere Horacker das Scherzo und der nochmals zwei Jahre nachher beendete Deutsche Adel das abschließende Presto.

Der Dräumling bringt die Erinnerung an das von Raabe mit übervollem Herzensanteil gefeierte Schillerfest von 1859 wieder empor. Gern hatte er damals Auerbachs Benennung Friedrich der Große von Schwaben für Schiller angenommen, »diesen großen Friedrich von Schwaben, dessen Krone nicht weniger funkelt, als die goldenen Reife aller jener andern großen schwäbischen Friedriche, welche einst auf dem deutschen Kaiserthron saßen«. Solche Wertung unterstrich er in diesem Werk. In hymnischer Steigerung huldigt der Rektor Gustav Fischarth dem Dichter, wie Raabe ihm einst mit echtem Pathos zugejubelt hatte. Aber nicht darum zuerst war es ihm hier zu tun. Raabe verlegt das Schillerfest nach Paddenau am Dräumlingssumpf. Fischarth, seit kurzem glücklicher Vater von Drillingen, stellt zu Schillers Ehren den ganzen Ort auf den Kopf. Manches ist komisch-kleinstädtisch, und als der Zug in den Grünen Esel sich ordnet, möchte der Verfasser selbst wohl lieber, zur Feier des Tages, Schillers Werke lesen; wenn auf dem Marktplatz der Aufbau von gehobelten und marmorartig gestrichenen Tannenbrettern 188 die Büste des hohen Sängers trägt, so schaut auch da, wie überall, kurz gesagt, das Philisterium heraus. Aber da ist zu wiederholen, was Raabe einst in Abu Telfan vom deutschen Philister gesprochen hat und – wieder einmal fühlt er sich mit einem guten Teil seines Wesens ganz zugehörig: »Das ist eben das Schöne. Der graue Himmel hat die blauen Blüten des deutschen Geistes nie gehindert, sich zu entfalten. Wir haben zu allen Zeiten unter unsern Tannen und Eichbäumen die Fähigkeit festgehalten, die Palme, die Olive, den Lorbeer und die Myrte zu würdigen. Und es zeige uns jemand einen Italiener, Franzosen oder Hispanier, der jemals ein wirkliches Verständnis für die Eiche und den Tannenbaum gezeigt hätte! Seien wir darum ganz unbefangen so stolz wie ein ganzer Sack voll Spanier!«

Das wird dem Kaufmann Georg Daniel Knackstert aus Hamburg vorgehalten, da er dem Jubiläum, das seine Vaterstadt »verrückt« gemacht hat, entflohen ist und nun ganz Paddenau ebenso verrückt findet. Ein Fest wird gefeiert, meint Fischarth, wie keine andere Nation der Erde es in gleicher Weise zu feiern imstande wäre; und was der Dräumling eigentlich bedeutet, das sagt der Rektor dem grämlich-steifleinenen Großhändler gleich darauf noch klarer: »Ein ganzes Volk stürzt sich heute in die lichte Wolke der Schönheit, ein ganzes, großes, edles Volk besinnt sich heute auf das, was es ist! es sieht mit glanzvollem Auge sich um in dem Erdensaal, und da es seinen Stuhl im Rate von andern besetzt findet, da es seinen Platz am Tische vergeblich sucht, da hebt es langsam die Hand und legt sie auf die Stirn – es besinnt sich, und dann lächelt es. – Ein Erstaunen, welches zum Schrecken wird, geht durch den Saal: Mein lieber Herr Knackstert, wer sind Sie, daß Sie es wagen, Ihre kleine Beschränktheit über dieses erhabene Sichbesinnen Ihres Volkes zu 189 stellen? Die Nationen am Tische der Menschheit rücken verlegen flüsternd zusammen – es wird Platz, und wir werden Platz nehmen, auch ohne Sie zu fragen, mein verehrter Herr! Ich sage Ihnen, wir werden uns setzen, und wir haben einen gewaltigen Hunger nach dem Fasten von so manchem Jahrhundert. Ich versichere Sie, wir werden das Versäumte nachholen, auch Ihnen zum Trotz, mein Herr!«

Fischarth schwimmt mitten in diesem Treiben und gerät dabei in Gefahr, im Überschwang des städtischen Festredners und des unermüdlich produktiven Festdichters doch einmal den tieferen Sinn des Gedenktags aus den Augen zu verlieren. Darum wird ihm zunächst die fischblütige Nüchternheit dieses Großkrämers entgegengesetzt, an ihr entzündet sich sein doch tief heraufkommender Idealismus aufs neue. Daneben steht seine Frau, gleichfalls keine Paddenauerin, sondern eine kluge, helle, warme Berlinerin, die ihn ruhig gehn läßt und ihn im rechten Augenblick schon wieder in das Eigene stellt. Schließlich aber verhilft ihm der hereingeschneite Freund aus Düsseldorf, der Sumpfmaler Häseler, mitten in wieder überschäumender Erregung des Festtages hinterrücks zu einer gesegneten Stunde der Einkehr bei sich selbst und allem deutschen Segen dieser Feier. Offenbar im Bilde des gleichblütigen Freundes Hackländer geschaffen, bringt dieser Sohn eines germanischen Vaters und einer jüdischen Mutter dem Ganzen jenen Zuschuß von Champagner, den Bismarck von solchen Mischehen erwartete, und er, der die von Knackstert beabsichtigte Störung des Festes, nur den Eingeweihten verständlich, mit überlegenem Humor vor den verblüfften Paddenauern öffentlich aufdeckt, darf an Stelle des Nüchterlings die schöne, innerlich adlige Wulfhilde heimführen.

Daß dieses Fest so von ganz verschiedenen Blickpunkten 190 her gesehen wird – Wulfhildens Vater, ein grämlicher alter Prinzenerzieher, schaut zur Vervollständigung mürrisch von der Warte einer hochnäsigen Pseudobildung auf alles herab – das gibt der Zug für Zug humorgesättigten Erzählung die Fülle seiner Abwandlungen. Aber der tiefste Sinn des Buches ist doch der: dieser Rektor Fischarth, dessen breites Lachen man nur einmal zu hören braucht, um dem Manne Freund zu werden, ist in all seiner weitschichtigen Dichterei, in all seiner kleinstädtischen Festfreude, in der Liebe und dem Ernst, die dahinterstehn, bestes deutsches Gewächs. So sah ein gut Teil der Männer aus, die in den Jahren der Enge vor und nach 1848 den deutschen Gedanken durchhielten, und so die Frauen, und von ihnen, dem pathetischen Fischarth, dem unpathetischen Häseler und der schönen Wulfhilde konnte dann der Dichter, als er nach einundzwanzig Jahren die zweite Auflage brachte, sagen, daß ohne diese Festgenossen Schillers von 1859 die Einigung des zerteilten deutschen Volkes sicherlich nicht so rasch zustande gekommen wäre.

Schwermütig, ahnungsreich, in langsamem Takt gehen nach dem sprühenden Tempo des Dräumlings Meister Autor oder die Geschichten vom versunkenen Garten an uns vorüber. Sie werden einem am Rande stehenden Teilnehmer der Geschicke in die Feder gelegt. Der Meister Autor Kunemund ist die Mittelgestalt. Er hütet mit einem Freunde und Kameraden aus dem Freiheitskriege die Jugend von dessen früh mutterlos gewordener Tochter, wie einst Wachholder die von Marie Ralff; nur verläuft diese Kindheit nicht in der Großstadt, sondern in einem Dorfe des Elmgebirges. Ein Bruder Kunemunds kommt reich aus Amerika zurück und hinterläßt bei seinem Tode dem jungen Mädchen das Stadthaus mit dem Garten und seinem Mohren; Gertrud bezieht mit den beiden Alten den Besitz. Aber Haus und Garten verschwinden, 191 weil eine neue Straße hmübergeführt wird, und Gertrud heiratet aus dem Hause einer reichen Aristokratin heraus nicht den Matrosen, den Jugendgespielen, sondern einen Mann aus der Welt. Der Meister Autor aber sitzt wieder hinter seiner Schnitzbank im Walde, nahe bei Kneitlingen, dem Geburtsort Till Eulenspiegels.

Eine Stimmung ausgesprochener Resignation liegt über dem ganzen seltsamen Werk, liegt über dem der neuen Zeit zum Opfer fallenden Garten und über dem Cyriakushof, auf dem der arme, später durch einen Eisenbahnunfall getötete Matrose bei seiner alten Muhme die schiffsfreie Zeit verbringt. Nicht nach denen, die eigentlich darin handeln, ist das Buch benannt, sondern nach dem, der mit seiner Lebensweisheit dahintersteht, der den Ruf des Unglücks wie durch elektrischen Schlag über die Ferne weg vernimmt und das Versinken der Gärten mitansehn muß – der Meister Autor Kunemund. Er kann, das weiß er, die neue Zeit nicht aufhalten: »Was mich angeht, so verdenke ich es niemand, wenn er seinen Garten bestellt, wie es ihm am nützlichsten scheint. Außerdem aber meine ich, daß, da über eines jeglichen Felder, Ansichten, Taten und Werke die Fußsohlen, Pferdehufe und Wagenräder der Nachkommenschaft doch endlich einmal weggehen, es gar keine Kunst ist, das Leben leicht und vergnügt und die Erde wie sie ist zu nehmen.« Er hält, ein geringerer Heinrich Ulex, denen, die mit der Welt mitlaufen müssen oder zu müssen glauben, in seiner Einsamkeit eine Stätte jenes Bleibenden offen, das von allem Wandel unabhängig ist.

Wie hoch die Welt sich bäumet
Wie laut auf breiter Spur
      Das Leben schäumet,
      Uns alle träumet
      Der Weltgeist nur – 192

so mag er etwa mit Friedrich Theodor Vischer sprechen; und dem Erzähler, dem Baron von Schmidt aus der neuen, alles rascher umtreibenden Zeit geht es seltsam mit dem Meister Autor: oft erscheinen ihm seine Natur und sein Tun als etwas ganz Gewöhnliches und Einfältiges, aber schließlich behält das Behagen die Oberhand, die Gedanken schweifen mit Wohlgefühl in des Alten Einsamkeit hinüber, wo die versunkenen Gärten weiterleben; und die Kinder der Welt sprechen: »Dem Manne geht es immer gut! Dem Manne kann es nie schlecht gehn!«

Nun folgt mit allen Registern spielenden Übermuts Horacker. Horacker, der ausgerissene Fürsorgezögling, der selbst angsthafte Waldgebirgsschreck der ganzen Gegend, und die um seinetwillen entlaufene Magd treten trotz der ergreifenden Schilderung der jungen Menschenkinder hinter die übrigen Erlebnisse dieses sommerlichen Feriennachmittags zurück. Da ist der Wald mit seinem Rauschen, seinen geheimnisvollen Tiefen und den Sonnenkringeln auf dem Blätterboden; da ist die Kleinstadt mit ihrer Gesellschaft und ihrem Gymnasium und das Dorf mit Pastor, Schulze und einer gegen den geistlichen Hirten um altes Herkommen aufsässigen Bauernschar; und da steht, menschlich warm, gesellschaftlich unbefangen, tief innerlich gutherzig und im rechten Augenblick bäuerlicher Unverschämtheit gegenüber mit dem Humor und dem Mund auf dem rechten Fleck der letzte Konrektor Eckerbusch, als ob er sofort am Kleidersellertische Platz nehmen wollte, geschaffen noch in später Erinnerung an Raabes verehrten holzmindener Rektor Billerbeck. Und neben ihm die Prozeleusmatika, seine oft über den Gatten verzweifelte, in Wirklichkeit mit ihm herzeinige, jederzeit zum rechten Zugriff und Worte bereite Frau, die Freundin der minder humorbegabten, aber ebenso herzhaft zufassenden Pastorin von Gansewinckel, und um sie herum eine ganze 193 niederländische Fülle kleiner Charakterköpfe bis zu den alten Dorfweibern hinab. Im Jahre 1867 spielt die Geschichte. Schon tönt in der Gestalt des jungen Oberlehrers Neubauer die neue Parole der Schneidigkeit hinein:

Stramm, stramm, stramm;
Alles über einen Kamm –

und sie wird von allen diesen alten Burschen, Pfarrer und Konrektor und Staatsanwalt, wie vom Dichter selbst, abgetan. Wie die sich zu guter Stunde in der Gartenlaube wieder zusammenfinden, das ist ein Stück bestes Deutschland gleich dem Rektor Fischarth zu Paddenau. Aus der breiten Zustandsschilderung klingt ein Behagen, das sich nicht am Oberflächlichen genug tut, sondern mit einer tiefen Menschenliebe Hand in Hand geht. Bis zu den letzten Wirkungen hat Raabe hier den humoristischen Stoff ausgenutzt, bei den parodistischen Kunststücken von Konrektor und Zeichenlehrer sogar in den Erinnerungsschatz von Pendennis mit seinen englischen Klubscherzen gegriffen, wie die Versicherung »Bismillah« in Abu Telfan noch Thackeraysche Überlieferung war. Warnend klingt es aus diesem Bilde deutschen Lebens heraus, daß der helle Schlag von 1870 nicht in das Leere, das Klanglose hinein erschollen sei, sondern in den Ausschwung alter feierlicher Glocken. »Wie viele sind ihrer, die auf den Nachklang und Widerhall horchen unter dem scharfen Schlag der vorhandenen Stunde?«

Und hell klingt es 1870 in dem symphonischen Schlußsatz mit der weit hinausweisenden Aufschrift: Deutscher Adel. Der, um den die Frauen daheim sorgen, steht im Felde, und er und seine Mutter, die prachtvolle, humorbegabte Frau Professor Schenck, »zwei von den guten Naturen der armen Erde«, finden sich nach seiner Verwundung im Süden Deutschlands wieder zusammen. Sie gehen durch großes und kleines Wirrsal frei durch und mit 194 ihnen Natalie, die Tochter des verkommenen Erfinders, des jungen Ulrich Braut, allesamt deutscher Adel, wie ihn Raabe versteht, ohne Hochmut, mit der Fähigkeit, dem Schicksal ins Gesicht zu sehn, den Tod nicht zu ernst zu nehmen und doch mit Respekt zu behandeln.

Die Geschichte verläuft nicht in der räumlichen Geschlossenheit des Horackers und nicht in ihrer völligen zeitlichen und stimmungsmäßigen Einheit. Sie bringt auch viel Nebenwerk, selbst die humoristisch gefärbte Klage über den Tod von Alexander Dumas und Charles Dickens, deren gleichzeitigen Fortgang mit dem Anbruch neuer Zeit Raabe so symbolisch empfand wie Ferdinand Kürnberger. Aber gerade indem Raabe uns quer durch ganz Deutschland reisen läßt, berlinisches und schwäbisches Wesen beleuchtet und den Entscheidungskrieg als Hintergrund mit hineinzieht, schließt der Deutsche Adel Wesen und Bedeutung dieser Bücher vom neuen Reiche ab. Auch diese Dichtung sagt es klar: nicht Triumphgeschrei, Erfolgsucht, Mammonsdienst und Veräußerlichung werden das neue Deutschland weiter tragen, sondern die unvergänglichen Güter aus innerlich reicher Zeit. Aus Butzemanns Keller, wo handfestes patriotisches Berlinertum den Ton angibt und sich gegenseitig Bismarck und Moltke, Simson und Lasker tauft, tönt der Abgesang, wenn Butzemann, der Wirt mit der harten breiten Tatze, nach des haltlosen Erfinders Hingang sagt: »Schuld haben die beiden nicht; weder der Mensch noch sein Schicksal; – sie passen nur immer ganz genau aufeinander.« Und die Frau Professorin kann nichts darauf erwidern als das eine: »Wir sind eine wunderliche Gesellschaft auf dieser Erde!«

Wie wunderlich diese Gesellschaft sein kann, stellt Raabe in der internationalen Liebesgeschichte Christoph Pechlin dar. Sie, Mitte 1871 begonnen, war sein Abschiedsgruß 195 an das schöne und geliebte Schwabenland. Alles lebt hier noch einmal auf: Stuttgart in der Sommerhitze des Talkessels, die blaue Kette der Schwäbischen Alb, der öde Kannstatter Kursaal, die lieblichen Täler des Neckars und seiner Nebenflüsse, die jauchzende Lust der Weinkelter und das Geraufe der Bauern, und das »Jockele, Sperr!« der tübinger Studenten macht den Schluß. Aber freilich: wieviel listige Spitzen und vertrackte Humore hat er hineingegeben! Selbst eine versteckte Bosheit gegen Vischers Kritik der norddeutschen Sprechweise fehlt nicht. Pechlin, der breite Schwabe, ehemalige Theologe und Stiftler, ist natürlich auch aktives Mitglied des schwäbischen Dichterwaldes und führt immer eins der auf eigene Kosten gedruckten Exemplare seiner Lyrik im Rockschoß. Es sieht so aus, als habe ihn Raabe im Angesicht des trefflichen, aber nie voll gewürdigten Ludwig Seeger geschaffen, der Stiftler, demokratischer Zeitungsschreiber, Lyriker und Aristophanesübersetzer, wie Pechlin, war. Was in der grotesken Handlung vorgeht – im einzelnen bis zur Karikatur übertrieben und unwahrscheinlich genug – spielt neben der mit vollstem Behagen herausdestillierten Saftfülle der Hauptfigur gar keine Rolle. Viel wichtiger ist das Drum und Dran, etwa in dem Dorf Hohenstaufen oder auf der Burg; da steht Raabe, wie wir fühlen, als Landsmann und Partisan Heinrichs des Löwen im Grunde ohne Neigung für die Hohenstaufen, wie schon der Schüler Karl den Großen als Sachsenschlächter haßte. In den Kneipen – und es wird in diesem Buch sehr oft gekneipt – und im Bahnzug, im Weinberg und in der Hauptstadt ist Raabe gleichermaßen zu Hause und wirkt unwiderstehlich, wenn er an einem der Höhepunkte des Buches Pechlin als letztes, verfeinertes Glied einer seit Jahrhunderten in Schwaben blühenden Familie tun läßt, was noch nie einer seiner Vorfahren getan: er küßt einer Dame die 196 Hand. Es ist wie eine Parodie auf das Goethische Wort von der Reihe der Väter:

Denn es erzeugt nicht gleich
Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer;
Erst eine Reihe Böser oder Guter
Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude
Der Welt hervor.

So völlig einer unbesorgten Laune Kind wie dies Buch ist die kleine, erst jetzt, 1873, im Rahmen der Sammlung Deutscher Mondschein erscheinende berliner Skizze: Theklas Erbschaft. Sie stammt noch aus dem Jahre 1865 und bedeutet ebenso wie die Titelnovelle des Bandes wenig. Um so stärker in der Herausarbeitung komischer Motive dem Pechlin verwandt ist die Geschichte Wunnigel vom Jahre 1876. Die Mittelgestalt dieses Werks, ein ausgesprochener Nordostdeutscher, der Regierungsrat Wunnigel aus Königsberg, erleidet das Geschick, dem Pechlin eben noch entgeht, von einer koketten Ausländerin geheiratet zu werden. Die Entdeckung des lange gehüteten Geheimnisses stürzte mit voller Wucht auf ihn herab. Wie diese namenlose Überraschung in dem Leben des alten Egoisten vorbereitet wird, wie sie auf Tochter und Schwiegersohn und auf den Leser selbst herniederdonnert, ist ein Stück meisterlicher, Zug für Zug zielsicher vorbereiteter erzählerischer Wirkung. Und mit seiner Abschattung ist neben das eine, liebelose und unliebenswürdige Original das andere, liebenswürdige, der Rottmeister Brüggemann gestellt und bei ihm, dem vergnüglichen Weltweisen, stirbt Wunnigel denn auch.

Daß Raabe auch einmal seine Leser übermütig an der Nase führen kann, zeigt das Schlußbild der Krähenfelder Geschichten, die er, den liebwerten Bauern vom Krähenfelde zu Ehren, 1879 zusammenband, Vom alten Proteus. Vergeblich arbeiten Symbolsuche und der Glaube, daß 197 immer etwas hinter den Dingen stecken müsse, an dieser tollen Posse herum. Wir sollen uns genügen lassen, eine Mischung von Laune, Satire und Ironie lachend und kopfschüttelnd zu genießen und die tiefere Bedeutung in einem herausleuchtenden, echten Raabewort finden: »Unsere tägliche Selbsttäuschung gib uns heute!«

Zwei Krähenfelder Geschichten aber krönen diese sechsgliedrige Sammlung.

Eulenpfingsten, ein rasch ablaufendes Vorsommerabendstück, erfüllt im engsten Rahmen wieder einmal das alte Gesetz des entwicklungsgeschichtlichen Parallelismus. Unter Ärger und Verdruß über ein Nichts, über den hochseligen Fürsten eines längst von der Karte gestrichenen deutschen Duodezstaates, finden sich drei einstige Lebensgenossen wieder zusammen, von Amerika und der Schweiz bei dem dritten in Frankfurt zueinandergeweht. Zank und Mißverständnis greifen auf ein junges Paar über, aber im allgemeinen Wiedersehen versöhnen auch die sich unterm Hallen der Pfingstglocken. Hier ist alles, auch die Erinnerung an die Zeiten politischer Verfolgung, rein humoristisch ausgestaltet. Durch die Verlegung der einstigen Geschehnisse aus den großen und harten preußischen Verhältnissen in die halb lächerlichen eines ohnmächtigen Kleinstaats schafft sich Raabe die Möglichkeit, sie mit leichterer Hand darzustellen und zu überwinden. Er läßt zwei seiner Gestalten vom Nachmittage bis in die Dunkelheit durch und um Frankfurt laufen und bringt es ganz wie nebenbei fertig, nicht nur die Stadt lebendig zu machen, sondern auch ihre großen Mitbürger. Der Preußische Gesandte in der Eschenheimer Gasse, Otto von Bismarck, lugt ebenso durch die Blätter wie der Struwwelpeter-Hoffmann; Arthur Schopenhauer tritt, in Gang, Haltung und Sprache deutlich gezeichnet, auf. Vor allem aber wandern wir auf Goethes jugendlichen Pfaden; Dichtung 198 und Wahrheit und Wanderers Sturmlied sind dem einen der durch Liebe und Ärger beschwingten Wanderer tröstlich gegenwärtig, und gerade aus dieser Erinnerung ringt sich sein Wort empor: »Es ist doch der höchste Genuß auf Erden, deutsch zu verstehen.«

Das gleiche Thema von den drei Jugendgenossen führt Raabe in der psychologisch tiefsten Krähenfelder Geschichte Frau Salome noch einmal durch. Freilich sehen wir hier nur zwei von ihnen, den Justizrat Scholten und den Bildhauer Querian; der dritte, der Theologe Schwanewede, tritt nicht auf, er ist sogar, ohne daß die andern es wissen, schon tot; aber dennoch leuchtet sein Bild ganz deutlich durch, das Bild des Mystikers, des Verehrers von Jakob Böhme, gegenüber dem des Voltairelesers und Menschenkenners Scholten. Zwischen die Männer tritt Frau Salome, die Baronin Veitor, mit der nun Raabe den Kreis seiner jüdischen Menschenbilder beschließt. Scholten hat in ihr etwas vom Ichor, vom Blute der Götter gewittert, hat selbst mit dem Gedanken gespielt, aus ihr und Schwanewede ein Paar zu machen. Jetzt fällt ihr das Schicksal der Tochter des irrsinnigen Bildhauers auf die Arme. So unsicher, so verwirrt, so an ein unerfüllbares Ideal hingegeben Querian durch die Welt schreitet, bis er in den Flammen seiner von ihm angezündeten Werkstatt umkommt, so sicher finden Scholten und Salome ihren Weg. Sie sind beide, nach Heines von ihr angeführtem Wort, aus Affrontenburg und wissen Bescheid um die Menschheit um sie her, sie sind gewiesen worden und können wieder weisen. Durch den Tropfen Ichor, der sie einander verwandt macht, verbindet auch sie jener, bei Raabe immer wieder bedeutungsvoll hervortretende, freimaurisch zu nennende Zug. Aber nicht zu dem Paten Scholten, sondern zu Frau Salome flüchtet Querians Tochter, die halb wild aufgewachsene Eilike, 199 und wir fühlen, daß sie bei ihr in guten Händen sein wird. Scholten bleibt doch immer wieder, trotz hilfreicher Menschlichkeit, in der Skepsis stecken und entbehrt darum Schwanewede; ihm fehlt das Verständnis für das Große, Suchende, in die Ewigkeit Langende in Querian und für das davon Ererbte in Eilike – Salome hat das alles. Sie ist gleich Rahel Varnhagen »mit feinerer Witterung begabt als die grobe Menge« – und selbst als der Voltairefreund Scholten. Der lacht, trotz der heischenden Warnung, über Querians Titanen mit dem toten Kinde, Salome überhaucht der Schauer der Größe. Sie wird, eine jüdische Frauengestalt, verwandt Henriette Herz, der Freundin Schleiermachers, verwandt wohl auch einer lebensvollen Frau in Raabes Freundeskreise, die tieferen Kräfte in Eilike wachsen lassen – Raabe deutet das am Anfang mit einem Goethischen Gleichnis von der Schlange an: Salome, selbst noch keine Künstlerin, kann nicht aus dem Futteral herauskommen, Eilike wird das, wenn sie denn die Gaben der Kunst wirklich hat, unter ihrer Hand gelingen.

Von den vier zwischen 1869 und 1874 entstandenen geschichtlichen Erzählungen führen zwei noch einmal in das siebzehnte, das wildeste und trübste deutsche Jahrhundert zurück, beide nicht in den Dreißigjährigen Krieg, sondern in den Ausklang der säkularen Kämpfe. Höxter und Corvey (zum Krähenfeldkreis gehörig) beginnt mit einem bedeutungsvollen Auftakt: die Fähre über Raabes heimatlichen Strom befördert ein seltsames Kleeblatt vom Burgfelde zur Stadt, einen Benediktinermönch aus altem Rittergeschlecht, ein greises Judenweib und den Pfarrherrn der Lutherischen Kiliankirche zu Höxter. Die drei Alten fahren friedlich zusammen über, aber in den Köpfen der andern gärt es noch, und das ganze Elend der verwahrlosten Zeit flammt wieder auf. Lutherische und Papisten stürmen gegen einander, bis sie, von der 200 Raublust des Fährmanns gestachelt, gemeinsam gegen die Juden ziehn. Der katholische Geistliche und der Neffe des evangelischen wehren ihnen. Wie ein Symbol der Nichtigkeit aller irdischen Kämpfe wirkt der Tod der von keinem Druck dieses schweren Lebens überwundenen, innerlich aufrechten alten Jüdin, und es scheint so, als ob nun doch auf ewig friedlosem Boden einmal alle eine Zeitlang ihr Päckchen in Frieden nebeneinander tragen werden.

Nach dem etwas zerflatternden Vielerlei dieser Geschichte, bei der der letzte Ausblick nicht mit voller Freiheit herauskommt, ist die zweite, in die gleiche Zeit versetzte, Der Marsch nach Hause, um so stärker zusammengehalten. Wohl steht auch hier furchtbares Geschehen im Mittelpunkt: der Rückzug des schwedischen Heeres nach der Schlacht bei Fehrbellin mit allem Graus eines solchen Vorgangs; aber er ist nur der Nachklang einer nun zum Versinken bestimmten Zeit. Der alte Schwede, der ihn mit ansieht, hat den Marsch nach Hause angetreten, weil den einst buchstäblich von den Weibern Gefangengenommenen und am blauen Bodensee zum Kinderwärter und Hirten Degradierten noch einmal wie mit Hifthornklang ein verwehter Ruf aus dem Säkulum des großen Krieges getroffen hat. Dem ist er nachgezogen, und gerade der volle Eindruck der immer wiederkehrenden Raserei Bellonas führt den Graukopf an Herd und Wiege bei der rundlichen schwäbischen Wirtin zurück. In einem Zuge und mit vergoldendem Humor ist dies vorgetragen, ebenso wie in einem Zuge, aber mit einer Mischung von bäuerlich-behaglichem Wesen und allen Schauern wilder Zeit Die Innerste erzählt wird. Das Rauschen des Gebirgsflusses um das Mühlrad, sein schier menschliches oder tierhaftes Schreien in der Eiszeit geben dieser Geschichte aus dem Siebenjährigen Kriege nachhallende Wucht.

Aber auch in diesen historischen Erzählungen nimmt 201 Raabe noch einmal das Thema vom Deutschen Reiche auf. Dem Umfang nach ist die Novelle Des Reiches Krone (mit dem Marsch nach Hause dem Deutschen Mondschein eingefügt) die kleinste unter ihren gleichzeitigen Geschwistern; in ihrem Vollgehalt, in ihrer Bedeutung für Raabes innerstes Wesen und nach der Schwere ihres Kerns ist sie die Krone aller seiner geschichtlichen Erzählungen geworden, ein in den Frühsommerwochen von 1870, noch eben vor Ausbruch des Krieges geschöpftes Patengeschenk an das neue Reich. Um zwei Kronen geht es: um das alte Kleinod des Heiligen Deutschen Reiches, das im fünfzehnten Jahrhundert aus Böhmen und Ungarn wieder nach Nürnberg zurückgebracht wird, und um die Krone des ewigen Reichs. Die erste wird im tapfern Kampfe wiedergewonnen und vom Karlstein heimgeführt; die andere, höhere wird von zweien errungen: der Sondersieche, der furchtlose Ritter, der aussätzig aus dem Kriege wiederkehrt, erhält sie von der Reinheit eines weiblichen Herzens: die Braut, Nürnbergs schönstes Mädchen, neigt sich ihm ohne Scheu, fällt ihm vor allem Volke an die versehrte Brust, und so, in Weltüberwindung, erwirbt sie mit ihm die wahre Krone und wird nach des Geliebten Tode der Sondersiechen Mutter. Der dritte Gefährte aber aus der entschwundenen, blühenden, verheißungsvollen Jugend erzählt all das, was er miterlebt hat, er trägt es aus nachzitterndem Herzen als ein alter Mann vor, der das Leben nicht schmäht, in dem er dies hat anschauen und mit durchhalten dürfen.

Wenn irgend etwas, so ist Des Reiches Krone bezeichnend dafür, wieviel und wie wenig für Raabe eine geschichtliche Quelle bedeutet. Die Einzelheiten für das Nürnberg des fünfzehnten Jahrhunderts stammen nach Fehses Nachweis aus einem Werke des Johannes ab Indagine; für die Schilderung der Burg Karlstein diente, wie Brandes dargetan hat, eine Arbeit von Hartmanns 202 Schwager Siegfried Kapper in der Freya als Grundlage. Beide Quellen hat Raabe sorgsam gelesen und sachlich genutzt; aber beide blieben ihm nur Anschauungsmaterial. Einmal mußte er alles in den mit vollem künstlerischen Bedacht gewählten Stil des Erzählers, des greisen Überlebenden umgießen, der im Jahre 1453 von den lange Abgeschiedenen berichtet; dann aber kam es ihm ja auf etwas ganz anderes an. Es galt Raabe über den geschichtlichen Gehalt hinaus in ein Nationales und ein Jenseitiges hinüberzudeuten, wovon seine Quellen nichts wußten. Die Gestalten, die Träger seiner Handlung, waren freie Erfindungen seiner Phantasie. Die ganze Süße eines Jugendfrühlings, die volle Tragik eines ganz anders vollendeten Schicksals, die heilige Weltüberwindung eines Frauenherzens, die Schwermut des einsamen alten Erzählers – das alles war sein und nur sein Werk. Und aus seinem Innersten floß der Ausblick auf das Schicksal seines Volkes: »Des deutschen Reiches Krone liegt noch in Nürnberg, – wer wird sie wieder zu Ehren bringen in der Welt?« und floß das Bild einer Frau, die den Namen einer Siechenmutter mitten im Elend wie einen Kranz aufgehoben und wie eine Krone bis an ihren Tod getragen hat.

Raabes Stil, in den Drei Federn zuerst streng zusammengeschlossen, war in diesen seinen Meisterjahren immer wieder einmal läßlicher geworden und ist nie zu der Goldklarheit Gottfried Kellers, zu dem schlackenlosen Aufbau Adalbert Stifters oder Paul Heyses gediehen. Selten fügte er Satz und Absatz mit bis ins letzte bewußtem Innenton zusammen, während er im Gesamtbau seiner Werke das schon in den Leuten aus dem Walde gefundene und befolgte Gesetz des großen inneren Rhythmus, der wohl abgewogenen Verteilung der Höhepunkte, des Aufklangs der Leitmotive am schicksalweisenden Ort nie wieder 203 verließ. In Des Reiches Krone war auch sein Stil im Bau von Satz und Gegensatz, von Rede und Gegenrede wie im Feuer geschmiedet. Nichts von der nun schon in Roman und »Sang« beliebt gewordenen altertümelnden Schnörkelei, aber die Sprache einer vergangenen Zeit in einem ganz durchbluteten Ton von persönlichem Gehalt. So und nur so, das fühlen wir deutlich, konnte und mußte diese Geschichte vorgetragen werden. Raabe mochte selbst fühlen, daß dieses an menschlichem Gehalt und dichterischer Vollkraft gleich reiche Werk nicht mehr zu übertreffen war – er hat seit 1874 die Feder zur Novelle nicht wieder angesetzt. 204

 


 

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.