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Heinrich Spiero: Raabe - Kapitel 13
Quellenangabe
typebiography
booktitleRaabe
authorHeinrich Spiero
year1925
firstpub1924
publisherA. Ziemsen Verlag
addressWittenberg
titleRaabe
pages329
created20180707
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11. Kapitel

Die Heimkehr nach Braunschweig

Die Reise in die Heimat war nicht leicht, weil zur Westgrenze rollende Truppenzüge zu manchem Umweg nötigten, und ohne Gepäck und Möbel traf das Ehepaar Raabe mit den Kindern erst am 21. Juli in der Landeshauptstadt ein. Diese, nicht Wolfenbüttel, war zum endgültigen Wohnort erkoren worden. Was in Süddeutschland zu lernen war, glaubte Raabe gelernt zu haben, und er fühlte, daß diese Zeit für ihn zu Ende ging, »nach den Worten im Buche Hiob: Vorüber geht es, ehe man es gewahr wird, und es verwandelt sich, ehe man es merkt«. Verwandelt war auch er, da er zurückkam. Aus dem bartlosen jungen Manne mit den charakteristisch vorstehenden Backenknochen unter dem vollen, gescheitelten Haar war ein etwas mehr in die Breite gegangener Herr geworden, der den Oberkörper ein wenig vorgeneigt trug. Das Gesicht mit dem dünnen braunen Schnurr- und Kinnbart wirkte schmaler, der Mund schien vieles zu verschweigen und dabei leicht zum Lächeln bereit zu sein, die Augen blickten verschleierter als früher, mit einem merkwürdigen Ausdruck, scheinbar teilnahmlos und doch immer zum Aufnehmen, zum Zupacken bereit, das rechte mit zunehmender Kurzsichtigkeit schärfer zugedrückt als das linke. Noch jedem Maler, der sich an Raabes Bildnis versuchte, haben diese Augen zu schaffen gemacht.

Braunschweig war Raabe lang und gut vertraut. Wie 161 in lebendigem Anschauen hatte er den schönsten Platz der schönen Stadt, den Altstadtmarkt, in der Freya, der Zeitschrift seines Freundes Moritz Hartmann, von Stuttgart aus geschildert, »das hochedle Kleeblatt« der Martinskirche, des Brunnens und des Rathauses, und hatte mit der reich strömenden Erinnerung an die Geschichte dieses Forums die alte Pracht und Bürgerherrlichkeit, wie die aus diesen Denkmalen sprechende bürgerliche Freiheit, selbst ein stolzer Bürger, gepriesen. Noch lagen gedehnte Gärten hinter und zwischen den prächtigen Wohnhäusern der Renaissance nahe bei dem herrlichen Dom und dem Löwendenkmal des großen Heinrich, schmale Gassen mit malerischen Durchblicken und grüne Anlagen voll hoher Bäume luden zum Einherwandeln, und rüstigen Beinen war der Wohnort der Mutter, Wolfenbüttel, rasch erreichbar. Hatte der Sohn von Stuttgart her manche Sorgen brieflich an ihr Herz getragen, so konnte er jetzt, am gewohnten Tischplatz, Freude und Leid berichten; er ließ die Enkelinnen, Margarethe, Lisbeth und die am 14. August 1872 geborene Klara um ihre Knie spielen und half ihr, Lebensspätgold genießen, bis das Jahr 1874 die schon lange Kränkelnde abrief und der wolfenbüttler Kirchhof ihr Sterbliches aufnahm.

Verklungen ach! – Der erste Widerklang!

schrieb er, von ihrem Sterbelager heimgekehrt, ins Tagebuch.

Der einstige wolfenbüttler Verkehrskreis des Raabischen Hauses hatte sich, wie das so geht, in diesen acht Jahren stark gelichtet, durch Tod, Wegzug und anderes gewandelt. Christian Jeep war noch da und blieb dem Neffen als Freund und Beirat bis ins Jahr 1890 erhalten. Aber von den gleichaltrigen Genossen fand Raabe nur einen wieder, Theodor Steinweg. Dessen Vater war einst aus dem Harzstädtchen Seesen nach Neuyork ausgewandert, hatte 162 dort eine rasch berühmt gewordene Klavierfabrik gegründet und das kleinere braunschweiger Unternehmen dem jungen Theodor überlassen. Dieser hatte mit Wilhelm Raabe zusammen das Schillerfest von 1859 veranstaltet, er war der Festredner neben dem Festdichter gewesen. Inzwischen hatte ihn der Tod zweier Brüder zum Vater nach Amerika gerufen, und als er nun zurückkam, führte er zwar den halbenglischen Namen Steinway, aber er war ein rechter Deutscher, ein guter Geselle und ein phantastischer Geschichtenerzähler geblieben; so schlang sich um beide bald wieder das alte Band.

Der Große Klub in der Breiten Straße führte nicht, wie einst der minder vornehme Namenlose Klub von Wolfenbüttel, zu neuen Freundschaften, denn Raabe erwarb die Mitgliedschaft im Grunde nur, um tagtäglich gegen Abend neue Zeitungen und Zeitschriften zu lesen. Wie Adolf Menzel in Berlin und Henrik Ibsen in München kam er in Braunschweig in den verdienten Ruf eines gewaltigen Durchmusterers der Journale und brachte es im rechten Wählen dessen, was er brauchen konnte, zu großer Vollkommenheit. Getreue Nachbarn und desgleichen fanden sich im engsten Kreise bei der zuerst gewählten Wohnung an der Salzdahlumer Straße gegenüber einer großen Gärtnerei, auf die Raabes Arbeitszimmer schaute. Von Garten zu Garten, über Hecken und Zäune verkehrten die Anwohner miteinander, trafen sich abends im alten Wirtshause Bellevue und bildeten den Ring der Bauern von Krähenfelde. Unter diesen gewann Wilhelm Raabe einen ihm nach Neigungen und Anlagen besonders genehmen Genossen, Ludwig Hänselmann; der war ein braunschweiger Kind, drei Jahre jünger als Raabe, ursprünglich Theologe, dann Historiker und Lieblingsschüler Droysens, ein ausgezeichneter Kenner und Darsteller der heimischen Geschichte, und, wie seine 163 Novellen »Unterm Löwenstein« erwiesen, auch ein guter Novellist. Der Chronikenstil, in dem er gern schrieb, stand ihm natürlich zu Gesicht, und der an Wissen unendlich reiche Forscher war dem firmen Historikus Wilhelm Raabe bald ebenso vertraut wie der anspruchslose reine, humorvolle, dem Dichter in treuer Freundschaft ergebene Mensch. Und noch eins verband den Dichter mit dem Direktor des Städtischen Archivs: die Neigung zum Studium der deutschen Mystik; sie galt bei Hänselmann besonders Joseph Görres.

Der eine mußte viel ersetzen, denn das quellende Leben schwäbischer Geselligkeit im Hause und mehr noch draußen war nicht braunschweigische Art, und vollends an einen Verkehr mit Dichtern und anderm schreibenden Volk zu gegenseitigem Austausch war in Braunschweig nicht zu denken, dessen einziger namhafter Schriftsteller, Raabes leipziger Bekannter Friedrich Gerstäcker, schon im Jahre 1872 ganz plötzlich vom Tode dahingerafft ward. Und so wurde es gerade jetzt, da mit vierzig Jahren »der Berg erstiegen« war, allgemach einsam um den Dichter der Trilogie, und mehr noch aus inneren als aus äußeren Gründen. Hochgemuten Sinnes, voll frohen Stolzes auf das endlich Errungene, auf die Einheit und Unabhängigkeit des Vaterlandes, durften insbesondere die Kämpfer des Nationalvereins sich um den alten Kaiser und Bismarck scharen, und hell klang aus dem Spiegelsaal zu Versailles das Gelöbnis über die Welt, daß der Erringer der Krone »auf dem Walserfelde« ein Mehrer des Reiches sein wolle an den Gütern und Gaben des Friedens, auf dem Gebiet der nationalen Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung. Wir wissen: niemals reifen im Leben und in der Geschichte alle Blütenträume; – trotzdem war für viele von den Besten der grelle Umschwung überraschend, den das deutsche Leben nach den glücklichen Kriegen nahm. Der 164 Kapitalismus trat überall in ein neues, sieghaftes, die Völker ankränkelndes Stufenjahr. Durch die für damalige Verhältnisse riesige Kriegsentschädigung waren die Staatsbedürfnisse soweit gedeckt, daß das rasch wachsende Privatkapital ungehemmt, nicht abgezogen von Anleihen, sich auf den Industriemarkt werfen konnte, und es begann in einem immer stärker durcheinanderlaufenden Volksleben, bei wachsendem großstädtischem Verkehr, beginnender Landflucht und niedergehender Landwirtschaft die Gründerzeit mit ihren raschen Zusammenbrüchen, ihren aufgelobten, schwindelhaften Unternehmungen und mit der Leerheit und Oberflächlichkeit auch ihrer künstlerischen Bedürfnisse. Das Werk Friedrich Hebbels und Otto Ludwigs erschien bald wie völlig versunken, Dichter wie Gottfried Keller und Theodor Storm traten in den Hintergrund, die Bühnen beherrschte ein durchaus epigonisches Jambendrama oder die Übersetzung französischer Theaterstücke, denen man rasch in Deutschland Ähnliches, Schlechteres, die deutsche Gesellschaft nie und nirgends wirklich Spiegelndes an die Seite zu setzen wußte. Eine spielerisch-unwahre, im Kern feuilletonistische, national verbrämte Sangepik ohne wirkliche Haltung schlich sich ein. Auf dem Gebiet des Romans ergoß sich in die Blätter und die Zeit alsbald eine breite Unterhaltungsliteratur, in der das Weibliche frauenzimmerlich und das Geschichtliche bildungsarchäologisch ward; mit der kernhaften Tüchtigkeit des realistischen Unterhaltungsromans hatte dies neue Schrifttum nichts gemein. Und auch die beiden berühmtesten Romandichter der siebziger Jahre, Friedrich Spielhagen und Felix Dahn, erreichten künstlerisch und in ihrer vaterländischen Bedeutung nicht die Höhe der Alexis und Freytag, der Keller und Raabe. Beide erschienen vor allem noch ganz von dem Jungdeutschtum beeinflußt, das die Realisten inzwischen längst überwunden hatten: 165 es steckte sowohl in den Zeitromanen Spielhagens wie in Dahns geschichtlichen Romanen. Jener war demokratisch, betont bürgerlich, ganz der Gegenwart zugewandt, dieser großliberal, germanisch-national, in die Vergangenheit der deutschen Stämme vertieft – aber beide kamen im Grunde von Gutzkow her, bauten ihre weitgespannten Erzählungen mit Feuer, aber nicht immer mit Anschaulichkeit und stets mit einem großen Aufgebot von verwirrenden Kreuzungen, von Verschwörungen und immer neu erregenden Zutaten auf und weckten so die Erinnerung an die Sensationsromane Eugen Sues. Die Menschen des realistischen Romans sprachen sich aus, ihre Schöpfer strebten zu einer schlichten Sachlichkeit – die Menschen des Zeitromans und des Dahnschen geschichtlichen Romans wie der Epen von Robert Hamerling waren immer in Ekstase; die Menschen des realistischen Romans waren Fleisch von unserm Fleisch und Blut von unserm Blut und wirkten so; die Menschen der neuen Kunst waren oft von einem geheimnisvollen Hauch umwittert, der aber nicht aus der Tiefe ihres Wesens, sondern aus der Berechnung einer übersteigerten Einbildungskraft kam. Und dabei waren ihre Schöpfer doch ernsthafte, nach Ernsthaftem ringende, groß empfindende Schriftsteller mit starkem dichterischen Einschlag, während der feuilletonistische Troß um sie her nur so behende als möglich in der Woge des modischen Lebens mitschwamm.

Mit zweifelsschweren Blicken sah Wilhelm Raabe in dies Wesen hinein, das auch sein Werk, und gleich zuerst den Schüdderump, auf lange hinaus verschüttete; man hätte sich's doch in der neuen Zeit anders gedacht, schrieb er dem alten Freunde Notter. Er hatte nun die Meisterschaft erreicht und schuf, in seinem innern Wesen durch all das Andringende nicht berührt, weiter, seiner selbst sicher, seines Volkes trotz allem gewiß, als einer, der, wie 166 es so oft bei ihm heißt, Bescheid weiß und schließlich doch frei durchgeht. »Die Wunden der Helden waren noch nicht verharscht, die Tränen der Kinder, der Mütter, der Gattinnen, der Bräute und Schwestern noch nicht getrocknet, die Gräber der Gefallenen noch nicht übergrünt: aber in Deutschland ging's schon – so früh nach dem furchtbaren Kriege und schweren Siege – recht wunderlich her. Wie während oder nach einer großen Feuersbrunst in der Gasse ein Sirupsfaß platzt und der Pöbel und die Buben anfangen zu lecken, so war im deutschen Volke der Geldsack aufgegangen, und die Taler rollten auch in den Gassen, und nur zu viele Hände griffen auch dort danach. Es hatte fast den Anschein, als sollte dies der größte Gewinn sein, den das geeinigte Vaterland aus seinem großen Erfolge in der Weltgeschichte hervorholen könnte!«

So hat Raabe selbst nach zwanzig Jahren über die Zeit geurteilt, der er nun als erstes Werk im Deutschen Reich den um die Wende von 1870/71 geschriebenen, zwei Tage nach dem Frankfurter Frieden beendeten Dräumling mit der tönenden, warnenden Erinnerung an das Schillerfest von 1859 schenkte. Man muß tief hinabgraben, die Urgründe zu finden, aus denen seine Stellung zum Wesen des neuen deutschen Lebensabschnitts wuchs.

»Seine Gestalt ragt in der Tat unheimlich in dem Zeitalter von 1870 bis 1914 auf. Für Augenblicke fällt das Spießbürgerliche plötzlich von ihm ab, dann wird der Schlafrock zum König-Lear-Gewand, die langen weichen Hände an den langen Armen ballen sich zu knöchernen Fäusten, aus den Augen glüht ein unterirdisches Feuer, und ein bitterstes Wort bricht mit jähem Stoß zwischen den Zähnen hervor. Er ist nur selten so gesehen worden, aber es war in ihm.«

Auch wenn man von dieser, wohlgemerkt, erst nach dem zweiten Versailles geschriebenen, Schilderung Wilhelm 167 Stapels abzieht, was poetische Lizenz oder eindringliche Zuspitzung ist, bleibt genug Wahres an dem Bilde Wilhelm Raabes nach dem ersten Versailles. Ja, er tritt nun in die Reihe der großen Unzeitgemäßen ein, die, unbekannt und verkannt, von den Erfolgmenschen der allein seligmachenden Schneidigkeit, der Erwerbsgier und der sogenannten Realien in Leben, Lehre und Politik überschrien wurden. So verschieden sie unter sich waren, so einig erscheinen sie heute, da das Gewimmel um sie dahingesunken und ihre Gestalt entschleiert ist, in dem Kampfe gegen ihre deutsche Zeit. Da ist Eugen Dühring, der Forderer der mathematischen Schönheit, der Kämpfer für neue, wahrhaft realistische Ideale, ein scheinbarer Materialist, voll warmer Liebe zur Wirklichkeit, voll tiefsten Strebens nach der unbedingten Wahrhaftigkeit aus Verpflichtung gegen sich und gegen die Menschen überhaupt. Da ist Paul de Lagarde, der das Reich, wie es nun geworden war, als ungesättigt empfindet, der das neue deutsche Wesen zu Innerlichkeit und Religion zurück, der die Kirche von der Dogmatik zur Frömmigkeit führen will, der als Rufer in der Wüste – das waren sie alle – keine geldzählende, sondern eine reinen Willens zur Vollkommenheit strebende deutsche Menschheit heischt. Da ist Constantin Frantz, der Deutschland den von dem alten Kaisertum erstrebten, aber allgemach preisgegebenen Beruf eines christlichen Reichs der Mitte, Europa die Idee eines christlichen Völkerbundes wiedergeben will. Da ist schließlich Karl Christian Planck, der große schwäbische Denker seiner Zeit, der in dem Gewordenen nur ein nationales Zerrbild sieht, der die unmittelbare Macht des deutschen Naturells wieder aufruft, der statt des gesteigerten Kriegszustandes Deutschland organisch aus dem innern Mittelpunkt menschlicher Bestimmung zum Führer auch der kleineren Nationalitäten im verwobenen Kranze führen will; und hinter ihnen 168 reckt sich schon, von Dühring beeinflußt, jünger als sie alle, der Hammer des letzten dieser Unzeitgemäßen, Friedrich Nietzsches, des Antiphilisters und Bannerträgers geistiger Ansprüche statt materieller nationaler Erfolge, empor. Nicht mit ihnen allen hätte sich Wilhelm Raabe verstanden. Von Dühring trennte ihn dessen Gegnerschaft gegen Griechentum, Judentum und Christentum, und Christian Planck, der ihm in Ulm so nahe saß, wäre bei einem Gespräch etwa ums Jahr 1866 trotz aller gemeinsamen Abneigung gegen das Aufprotzen des rein Verständig-Praktischen gewiß sein Widerpart gewesen, weil er die Aufgabe Preußens und die Politik Bismarcks vorher und nachher ganz anders sah als Raabe. Aber was hätte es für ein Bild gegeben, Raabe mit Lagarde in dem nahen Göttingen beieinander zu sehn! Sie hätten nicht über Luther zu reden brauchen, den Lagarde nahezu verabscheute und der für Raabe mit im Zentrum seines geschichtlichen Denkens stand. Sie hätten sich auch über Bismarck nicht verständigt, dessen Bild von nun an als Cimelium über Raabes Arbeitstisch hing und dem Lagarde doch nur mit Respekt und immer mit schärfster, liebender Kritik gegenüberstand. Aber in ihrem Eigensten, in der Förderung wirklicher, das heißt innerlich erarbeiteter Werte, in dem Kampfe gegen die Verflachung unserer humanistischen Bildung, in dem heißen Wunsche, daß Deutschland, nach Lagardes unvergeßlicher Prägung, wieder von sich voll werde wie ein Ei – da hätten der Epiker des Hungers nach dem Lichte, der grimme Erforscher des Tumurkielandes und der Verfasser der Deutschen Schriften einander gefunden. Und klingt es nicht ganz lagardisch, wenn Raabe in einem Brief nach Stuttgart das deutsche Volk das Volk der Surrogate nennt?

Sie alle sind Schicksalsgenossen gewesen und geblieben. Heute steht ihr Werk wie neu aus der Tiefe gegraben 169 unverhüllt da. Dührings idealer Realismus ist in Oswald Spenglers Geschichts-Morphologie spürbar, wenn er, schließlich auch er, statt des Christus den Cäsar wählt. Constantin Frantzens christliche Völkerbündung hat auf Friedrich Wilhelm Försters im großen Sinn katholische, jetzt freilich oft uns schmerzliche Wege gehende politische Ethik stark gewirkt. Paul de Lagarde ist allenthalben zu spüren, sein aus tiefer Verwurzelung stammendes volksorganisches Denken hat unter anderm auf Walther Rathenaus idealistische Formung von Staat und Gesellschaft, seine Darstellung und Überwindung der Mechanisierung eingewirkt, und Christian Plancks deutsches Menschenbild, in einem der Stammlande deutschen idealistischen Denkens gewachsen, kehrt in des Schwaben Leopold Ziegler großer Darstellung des deutschen Menschen verjüngt wieder. Alles das zu derselben Zeit, da Raabe, sein Volk neu gewinnend, unter uns umgeht.

Damals aber lebte er, wie hinter einem von den Händen unberufener Regisseure gezogenen Vorhang. Die alte Freundschaft mit dem Westermannschen Verlage ging trotz Adolf Glaser, der zu jener Zeit bald in Berlin, bald in Italien lebte, in die Brüche. Seit dem ganz erfolglos vorübergegangenen Schüdderump fand auf Jahre hinaus kein größeres Werk mehr bei Westermann seine Statt; selbst kleine Erzählungen sind zwischen 1870 und 1874 nicht von den Monatsheften gebracht worden und erst im Jahre 1880 wieder eine umfängliche Dichtung, die Alten Nester. Raabe mußte immer neue Verleger suchen. Die vier Erzählungen Deutscher Mondschein kamen bei Hallberger, Christoph Pechlin und Meister Autor bei Ernst Julius Günther in Leipzig heraus, Pfisters Mühle bei Friedrich Wilhelm Grunow, das Odfeld bei B. Elischer in Leipzig, bis dann endlich ein festes Verhältnis zu Otto Janke in Berlin entstand. Der hatte einst für das 170 stattliche Entgelt von siebenhundertundfünfzig Talern den Hungerpastor erworben. Und es ist den Inhabern der Handlung, Otto und Gustav Janke, hoch anzurechnen, daß sie seit 1872 allmählich die Mehrzahl Raabischer Werke in ihren Buchverlag, zum Teil auch in ihre Deutsche Romanzeitung zogen – lange ohne klingenden Erfolg. Die Chronik kam endlich 1877, nach dreifachem Wechsel, im Gefolge des Horackers an die G. Grotesche Verlagsbuchhandlung in ihrer Entstehungsstadt.

Immer wieder fühlte der erfolglose Schriftsteller die Hand des Schicksals an der Gurgel. Wohl gediehen die Töchter, unter ihnen das Nesthäkchen, die am 19. Februar 1876 zur Welt gekommene Gertrud, unter der Hand der Mutter, aber schwer genug war es bei dem bescheidenen Honorar eines nicht für den Tag schreibenden Dichters, auch nur das Lebensnotdürftigste regelmäßig herbeizuschaffen. Da erst bewährte sich die Lebensgefährtin in ihrer ganzen stillen Größe. Das durchschnittliche Jahreseinkommen ging über zweitausendfünfhundert Mark niemals hinaus, und Frau Raabe wußte damit nicht nur hauszuhalten, sondern gelegentlich selbst eine Ferienreise in den Harz, einmal gar nach Oberbayern zu bestreiten. Raabe selbst gönnte sich einmal die Fahrt nach Schleswig zu Jensen und machte in Husum Station, leider ohne Storm anzutreffen. Die Zinsen ihres eigenen bescheidenen Vermögens legte Frau Raabe, als einst die Sorge einer schweren Krankheit über das Haus gekommen war, für spätere Notfälle zurück. Und manchesmal erreichten die Honorare noch lange nicht den Durchschnittssatz, und Ehrengaben der Schillerstiftung, deren Verwaltungsrat sich der Bedeutung Raabes immer bewußt war, schützten vor äußerster Not. Frau Bertha aber hielt sich aufrecht, ihr Stolz war, daß ihr Mann der unabhängige, freie Schriftsteller bleiben solle; sie wußte, nur so 171 konnte er schaffen, und verzichtete auf manches Behagen anderer Hausfrauen, immer in dem vollen Gefühl von der Größe seines Werks. Eines Sonntags kam die Familie an einem schönen Gartenhause vorbei, und unwillkürlich sagte die Frau: »Das muß doch schön sein, solch Besitztum zu haben.« Raabe warf ein: »Das könntet ihr auch haben, wenn ich wollte, ich will aber nicht.« Und sofort erklärte sie: »Du hast ganz Recht.« Den Töchtern aber durfte die Jugendlust nicht verkümmert, die Möglichkeit zu wissenschaftlicher Ausbildung nicht genommen werden, und als die zeichnerische Anlage des Vaters bei Margarethe zu nachhaltiger Begabung durchschlug, wurden die Mittel zu ihrer Weiterbildung in München aufgebracht, in der Stadt, aus der ihrem Vater mit dem Maximiliansorden für Kunst und Wissenschaft die einzige äußere Anerkennung seiner fünfundvierzig Schriftstellerjahre zukam. Es war der Orden, den auch Hebbel und Keller, Heyse und Freytag trugen. Raabe hat die Tochter an der Isar besucht und dabei endlich Heyse kennen gelernt; nach Stuttgart aber wagte er sich nicht wieder. Als er auf dem wiederholten Wege zu Jensen 1880, diesmal nach Freiburg, in Bruchsal den stuttgarter Zug stehen sah, regte sich wohl eine heimwehhafte Sehnsucht; aber eine »kuriose Angst« vor der seit seinem Fortgang so veränderten Welt überwog.

Trotz dem Glück im Hause wäre wohl das Gefühl der Vereinsamung, ja der Vergessenheit, das in späten Jahren noch oft aus bitterer Erinnerung emporstieg (»hundsföttisch hat mich das deutsche Volk behandelt«), in Raabe übermächtig geworden ohne den Kreis der Kleiderseller. Ludwig Hänselmann war es, der Raabe in diese Runde führte, und sie beide wurden dann so etwas wie die heimlichen Kaiser dieser allgemach schon von der Legende umsponnenen Vereinigung. Ihr Zusammenschluß reicht noch in Raabes wolfenbüttler Zeit zurück; zu Anfang der sechziger 172 Jahre gründete Doktor Karl Schiller, dessen Anregung vornehmlich Braunschweig Rietschels schönes Lessing-Denkmal verdankt, ein loses Kränzchen zur Sammlung heimatlicher Altertümer und Erinnerungen aller Art und nannte die bald erfolgreich spürende und arbeitende Gesellschaft mit gutem Humor Kleiderseller, das heißt Althändler (das niederdeutsche Seller ist dem englischen to sell verwandt). Aus der rasch wachsenden Schar spalteten sich allgemach Gruppen mit besonderen Neigungen ab, und so blieb schließlich zwar der Name, aber nicht mehr der Zweck. Die Kleiderseller waren eine kleine Männerrunde zu geistigem Austausch geworden, die sich im Wirtshaus zum Gieseler traf, und hier stieß Wilhelm Raabe zu ihr, bald als geistiger Vormann empfunden. Führte er auch nicht, wie einst der Leiter des Berliner Tunnels Fontanischen Angedenkens ein Eulenszepter und die Titulatur »Das angebetete Haupt« – etwas vom Eulenspiegel, der ja in Braunschweig manchen heute durch Tafel und Brunnen verewigten Streich verübt hat, saß den Kleidersellern im Nacken, und ihr eigentliches Haupt war der jeder, auch scherzhaften Anbetung tief abgeneigte Raabe wirklich.

Unter seinen Altersgenossen im Sellerkreise stand neben Steinweg-Steinway Bernhard Abeken, oder, wie er sich als Dichter nannte, Ernst Andold obenan. Auch von ihm ist wie von Hänselmann nur wenig lebendig geblieben; aber eine seiner Novellen, »Eine Nacht«, hat doch Paul Heyse, und gewiß nicht nur aus der persönlichen Freundschaft zwischen beiden heraus, in den mit so scharfem Urteil zusammengestellten Deutschen Novellenschatz aufgenommen. Freilich war Abeken nicht nur Schriftsteller, sondern von Haus aus Jurist, jahrelang politischer Redakteur, nationalliberaler Reichstags- und braunschweigischer Landtagsabgeordneter, im Grunde aber eine jener 173 Naturen, denen alle Tätigkeit zunächst Stoff und Form für die eigene Weiterbildung gibt. So fand der Vielbeschäftigte immer Zeit, sich in den großen Literaturen der alten und modernen Völker heimisch zu machen und war bei den Kleidersellern und draußen ein geistvoller und witziger Redner und Unterhalter. Und wie paßte erst der Kapitän Römer in den Kreis, eine echte Gerstäckergestalt, Tabakpflanzer in Niederländisch-Indien, chinesischer Zollbeamter im Opiumkrieg, dann wieder im Dienste eines arabischen Fürsten Geleitsmann für nach Mekka pilgernde Moslemzüge und auf englischen Schiffen Jäger hinter Sklavenhändlern zwischen den Küsten Afrikas und Amerikas. Neben ihm plauderten aus dem Engeren Heinrich Stegmann, Ingenieur und braunschweigischer Historiker, und der münsterische Architekt Rincklake.

Dazumal wirkte am Braunschweiger Hoftheater der frühere bayrische Offizier und nunmehrige Regisseur und künstlerische Leiter Karl Schultes. Raabe war in der Salzdahlumer Straße sein Haus- und Verkehrsgenoß, Sedan wurde 1870 durch gemeinsames Feuerwerk begangen, und oft hat Raabe mit dem zehn Jahre älteren, vielbefahrenen Bühnenkenner und fruchtbaren Bühnenschriftsteller in Haus und Garten beieinander gesessen. Er nahm ihn auch zu den Kleidersellern, noch häufiger aber und mit besserem Erfolge zu den Bauern von Krähenfelde mit. Da saßen denn der Sperlingsbuer und der bayrische Hieselbuer neben dem Bäukerbuer Hänselmann und andern um den runden Tisch, aber die geistige Atmosphäre der Kleiderseller war doch höher und Raabe gemäßer. Komplimente drechselte man in diesem Kreise nicht, sondern sagte sich ungescheut die Wahrheit, auch wenn sie einmal unbequem war. Gerade weil man in den philiströsen Formen eines Stammtischs zusammenkam, war man allem, was der Philister schätzt, allen 174 Maßstäben, mit denen er mißt, grundinnerlich abhold. Hier konnte man mitten im Messer- und Gabelgeklirr des Lebens, unter echten Herren und Freunden einen befreienden Atemzug tun, und welch ein befreiendes Lachen der Ehrenmänner grüßte den, der doch einmal dem modernen »Betrieb« willentlich oder halb gezogen anheimgefallen war. Alle diese Männer wollten im kleinen und großen frei durchgehn, und wo ihnen das die Not des Lebens im Alltag versagte, wenigstens hier in unverstellter Menschlichkeit einen Hauch der Freiheit genießen, einer Menschlichkeit, die nun freilich mit allen Humoren gesegnet war. »Ein Mann wetzet den andern«, stand unsichtbar über ihren Köpfen, und während der Geheime Rat Götz, Dr. Theophile Stein oder der junge Baron Poppen wohl schaudernd entflohen wären, hätten der Obrist von Bullau, der Polizeischreiber Fiebiger und Doktor August Sonntag sich wohl ganz am Platze gefunden. Aber auch der alte Bismarck und der alte Menzel hätten sich rasch in dem Ihrigen gefühlt. Was dies Wesen dem in Stuttgart durch Ansprache, wie der Süddeutsche es nennt, so verwöhnt gewesenen Raabe, dem Schriftsteller, der lange Jahre wie ins Leere schrieb, bedeutete, erkennt man voll aus dem »Gedenkzettel in Sedez«. den er am 13. September 1881 bei der – einzigen – Feier seines fünfzigsten Geburtstags am Sellertisch verlas:

»Liebe Herren und Freunde! Sie haben mir eine große Ehre angetan und eine große Freude gemacht. Ich nehme beides an, aber für uns alle heute abend . . .

Eines weiß ich, daß ich immerdar seit mehr denn zehn Jahren mit jedem Körper- und Seelenteil zu dem eisernen Bestande dieses unseres wunderbaren Kleidersellertisches gehört habe und unbewegt über gute und böse Perioden, über Ebbe und Flut mit der unerschütterlichen Gewißheit: Wir bleiben! hingesehen habe. 175

Ob wir heute zu zwanzig oder dreißig zu Tische sitzen oder morgen zu drei – es ist gleichgültig: Wir sind da. Wir haben in Uns alles, was es möglich macht, dann und wann (in unserm besondern Falle wenigstens alle Woche einmal!) einen gesunden Atemzug zu tun. Und rundum sind Nägel genug an der Wand vorhanden, um jedwede Kappe dran aufzuhängen.

Es hat wohl schon mancher die seinige genommen mit dem besten Willen wegzugehen und wegzubleiben; aber möglich gemacht hat er's nicht. Er ist wiedergekommen, und wir haben nicht einmal danach hingesehen, wenn er seine Kappe von neuem aufhing.

So muß es sein unter auserwählten Männern und wahren Menschen!

Meine lieben Herren und Freunde; wir können uns nicht anders wollen, als wir sind; und entbehren können wir einander gar nicht. So wollen wir bleiben, wie wir sein müssen: bescheiden und frech, still und großschnauzig, kurz, so bunt wie möglich.

Unter uns hat keiner vor dem andern etwas voraus. Was gelten uns Jahre? Kennen wir nicht! wir sind alle Eines Alters! – Schöne, höfliche, löbliche Eigenschaften? Wir wissen alle, wo uns der alte Adam zu enge ist und stellenweise aus den Nähten geht! – Was gehen uns Amt und Würden an? Wir sind alle des nämlichen Ranges und wissen uns allesamt mit demselben buntscheckigen Fell überzogen! – Geld tut es gar nicht unter uns! – Wir sind die Leute, die frei durchgehen durch die Philisterwelt, und holen wir einmal einen von uns besonders heraus (wie heute abend), um unser Mütchen an ihm zu kühlen und das an ihm zu feiern, was man draußen im Philisterium ein Jubiläum nennt, so geschieht das auch immer sub specie aeternitatis, nämlich der Äternität der treuen, unverwüstlichen Genossenschaft der 176 Kleiderseller zu Braunschweig. Wir begehen nur Gesamtfeste, und der einzelne Trödelhändler hat sich einfach ruhig gefallen zu lassen, was man zufällig mit ihm vornimmt!

In diesem Sinne einzig und allein lasse auch ich mir ruhig gefallen, was man heute abend mit mir anfängt; denn in diesem Sinne wird die Kleidersellerei blühen und immerdar gedeihen. Unter allen Umständen und irdischen Zufälligkeiten: wie heute, wo der Kreis voll geschlossen ist, so wenn morgen einer allein am Tische sitzt, auf den Zweiten wartet und von dem endlich auch noch hereinsickernden Dritten das melancholische Wort hört: ›Also das sind nun die Trümmer von dieser schönen Welt!‹ –

Liebe Freunde, an dem Abend, in der Mitternacht, wann Einer von uns wirklich allein sitzenbleibt, sich als Einzelner fühlend, und ihm der Trunk im Glase absteht – dann sieht es schlimm aus in dieser alten Stadt Braunschweig. Es steht schlecht um die Kneipe darin!

Und hätte sie, die Stadt, ihre jetzige Bevölkerung verdoppelt und verzehnfacht, sie wäre doch ein ödes Nest. Ohim und Zihim möchten sie vollauf bevölkern und in ihr tanzen; aber sie wäre kein Aufenthalt mehr für einen anständigen, wirklichen Menschen. Es wäre ein Trödel wohl geblieben, aber die, welche immer mit dem Trödel Bescheid wußten, wären nicht mehr vorhanden. Abgestanden wäre alles mit dem letzten Rest in dem letzten Glase des letzten Kleidersellers.

So, liebe Freunde, in dem Sinne, daß unter uns allewege jeder das Ganze darstellt und die Gesamtheit den Einzelnen, lebe der Kleiderseller in saecula saeculorum – hoch!«

In dieser Zeit aber erfuhr der Kreis zugleich mit der Verlegung seiner Zusammenkünfte eine heilsame 177 Verjüngung, und für manchen Abgeschiedenen und Verzogenen kam vollauf Ersatz. Im Winter 1881 hängte der siebenundzwanzigjährige, aus Braunlage im Oberharz stammende Lehrer am Gymnasium Martino-Katharineum Wilhelm Brandes zum erstenmal zaghaft genug seine Kappe neben die der bemoosten Häupter am Tische. Er war schon damals nicht nur ein grundgelehrter Geschichtskenner und glänzender klassischer Philolog, sondern vor allem ein ästhetisch geschulter und feinfühlig nachspürender, unablässig an sich arbeitender Kenner des deutschen Schrifttums. Von einer Lehrkanzel an der Technischen Hochschule und durch stilistisch wohl gefeilte, tief eindringende Aufsätze und Kritiken betätigte er dies Verständnis. Er war auch ein Dichter von Rang, der wuchtige, echt vom Schein der Geschichte durchleuchtete Balladen schuf. Dem Dichter Raabe gehörte sein Herz und durch ihn das vieler Hörer und Schüler schon lange – nun durfte er auch dem Menschen nahetreten und, an ihm wachsend, zu einem Mitgefühl und Mitgenuß seiner Kunst vordringen, wie sie wenigen neben ihm beschieden gewesen sind. Hatte noch Bernhard Abeken Raabes Fünfzigsten durch ein launiges Lied verherrlicht, so ward jetzt Wilhelm Brandes, der Barde Brandanus, der eigentliche Liedersänger des Kreises. Wie hat es Raabe amüsiert, und wie mußte er doch die verhüllt mitschwingende Wesenserkenntnis heraushören, wenn Brandes des Dichters angestammte Sofaecke bei den Kleidersellern besang:

Stets thront er hier, bald graue Sphynx,
Auf Rätseleiern brütend,
Bald als Prophete rechts und links
Mit Paradoxen wütend;

Mal weckt ein schnöder Oberton
Empörung und Entzücken,
Mal rinnt ein andrer herzentflohn
Uns rieselnd übern Rücken. 178

Solche Verse ertönten nun schon im neuen Heim des Kreises, im Grünen Jäger, ein Stündchen östlich der Stadt zwischen Kloster Riddagshausen und der Buchhorst. Neben den Donnerstagnachmittagen, an denen man hier tagte, traten die Sonnabende in der Stadt in den Hintergrund, und Hin- und Rückweg unter schattigem Laubdach und sengender Sonne, bei stäubendem Regen und klingendem Frost boten ihren eignen Genuß. Auch Raabe, von Stuttgart her die gemeinsamen Gänge durch die Natur gewohnt, ward ein andrer, ward lebhafter und gesprächiger draußen im Grünen, ob die Unterhaltung nun über alte und neue Geschichte, ob sie um die großen Gegenstände nationaler Politik und geistiger Freiheit ging. Nach Brandes trat der junge Rechtsanwalt Louis Engelbrecht in den Kreis, auch er von früh an Raabe ganz zu eigen, selbst ein hochstrebender Dramatiker von ergreifendem Idealismus, ob auch ohne fest zimmernde Hand, und ein Lyriker von vaterländisch-pathetischem Ton. Wie zart diese oft derben Männer problematische Naturen zu behandeln wußten, davon ist die Mitgliedschaft Ulrich Kirchenpauers ein schönes Beispiel. Ein Sohn des berühmten hamburger Staatsmanns, war er, halbwegs durch den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, den späteren Kaiser Friedrich, veranlaßt, vom Kaufmann Offizier geworden, und nun drückte den vielseitig, aber leider auf keinem Felde durchschlagend begabten Bezirksadjutanten der bunte Rock wund. Die Kleiderseller haben diese ungewöhnliche Erscheinung in ihrer Mischung von Romantik und moderner Nervosität gern und mit Liebe unter sich gesehen und den Grundvornehmen bald als einen ihrer Besten erkannt.

Hier, auf dem Grünen Jäger, ward auch vorgelesen. Raabe freilich ließ sich nicht hören, und niemand wagte das zu verlangen, aber Hänselmann und Stegmann, Brandes und Engelbrecht unterwarfen neue Schöpfungen 179 der schärfsten freundschaftlichen Kritik; Karl Mollenhauer, ein etwas jüngerer Amtsgenosse von Brandes, der Biograph Justus Mösers, trug seine novellistischen Skizzen vor, und niemand hielt mit seinem Urteil hinter dem Berge, wenn nicht Schweigen oder eine merkwürdige Querfrage auch einmal als Urteil genügen mochten. Das entscheidende Wort aber lag wie selbstverständlich bei dem, der es in seiner knappen Art, wie nebenbei, immer den eigentlichen Punkt berührend, abgab, bei Wilhelm Raabe.

Und immer wieder, wenn das Leben oder der Beruf den einen oder den andern entführte, wie Kirchenpauer in seine hamburger Heimat, Mollenhauer nach Blankenburg, kam nun neuer Zuwachs. Der junge, auch theologisch fein gebildete Philologe, Hochschuldozent und Mädchenlehrer Hans Martin Schultz, sein Kollege Konrad Koch, der junge Jurist Hans Reidemeister, der Philologe Ernst Bergmann, sie alle erschienen zuallererst um Raabes willen.

Dessen von ihm selbst oft über Gebühr gering geschätztes Zeichentalent war schon den Krähenfeldern zugute gekommen; er hatte ihr Wappen entworfen: ein Zaunpfahl im Schilde, von Adam und Eva in paradiesischer Tracht gehalten. Nun kam die alte Gabe auch bei den Kleidersellern, ihnen und Raabe zur Lust, neu zu Ehren. Da hat er in Groß-Folio den Auszug der Freunde zum Grünen Jäger dargestellt, auf dem Damme zwischen Klosterteich und Wabebach; voran, hinter einem laternetragenden, aufrecht schreitenden Kater, der kleine Hänselmann und der lange Raabe, das Plaid über der Schulter;

Den einen zieht die Lebenslust
Zur Welt an sämtlichen Organen,
Der andre schnüffelt zielbewußt
Nach den Gefilden hoher Ahnen,

Hinter ihnen Brandes mit Rincklake, dann im Stechschritt 180 Leutnant Kirchenpauer und danach die beiden Rechtsanwälte Abeken und Engelbrecht; hoch in der Luft fährt in einer Arche Theodor Steinway, der gütige Spender eines Omnibus für die Rückfahrt bei allzu später Stunde in allzu schlechtem Wetter, wovon übrigens Raabe nie Gebrauch gemacht hat. Und nun wimmelt es in der glänzend durchgeführten Zeichnung von allerlei Symbolen: Germania sieht durch die Lesebrille erstaunt auf den Zug, und aus weißer Geisterhand grüßt von dem Waldrande her das echte Licht der Herzenswärme über alle Kobolde hin. Vergeblich hat in einem, dem reizvollen Blatte kongenialen Gedicht der Barde Brandanus die ganze Fülle der Anspielungen auszuschöpfen versucht und sich schließlich rhythmisch getröstet:

»Holla«, brummt mancher werte Gast,
»Wohin verirrt sich der Phantast!
Der Anfang ging wie Baumöl ein,
Doch auf das feuchtfidele Frühstück
Setzt er ein Abendmahl der Mystik –
Der Barde scheint konfus zu sein!«
Gemach, ihr Herrn, mit eurer Huld –
Dann trägt der Meister selbst die Schuld!
Ich, Verseschmied und Liedersinger,
Bin nur ein armer Thyrsosschwinger:
Er aber, seines Gottes voll,
Ein wahrer Bacche jeder Zoll.
Was er gewollt, ich kann's nur ahnen,
Mir deucht, ich blieb in seinen Bahnen,
Und ging ich fehl – er selber nur
Mag weisen auf die rechte Spur.
Ich gab, so gut ich's geben kann –
Ihr lieben Brüder, nehmt es an!

Raabe hatte das Haus in der Salzdahlumer Straße nach mehr als zehn Jahren verlassen und war nicht weit davon in die Wolfenbüttler Straße, dicht an einem großen Konzertgarten, gezogen. Die abendliche Musik, die 181 vormittäglichen Proben während der Operettenspielzeit und das Rollen der Kegelkugeln auf der Bahn störten ihn nicht und konnten ihm den Genuß der schattigen Bäume, den Blick ins Grüne vom Schreibtisch her nicht verleiden. Aber immer wiederkehrende Krankheit im Familienkreise ließ ihn in dieser Wohnung zu keinem rechten Behagen kommen, und so kehrte er nach kurzer Zeit in die Salzdahlumer Straße zurück und zog in das Eckhaus an der Leisewitzgasse, der ersten Wohnung gerade gegenüber. Hier folgten gesunde und glückliche Jahre bis zum Johannistage von 1892. Gertrud, die jüngste geliebte Tochter, ward, eben sechzehnjährig, am Morgen des 24. Juni von einer rasch verlaufenden Krankheit entführt. In diesen schmerzdurchwühlten Wochen floß Raabe nach langen Jahren wieder ein Vers, der letzte des Lebens, in die Feder, ein Gedicht, randvoll von Abschiedsstimmung, durchzittert vom Krampf, mit dem sich das Herz des Vaters von der irdischen Erscheinung der Tochter löst, und doch in seiner Knappheit wiederum so ganz raabisch, daß das Letzte sich erst im lange schwingenden Nachgefühl offenbart:

Die Tür war zu,
Verschlossen war die Tür.
Jenseits ihr Spielplatz. Jenseits alle hellen Wege
Für ihre kleinen Füße.
Jenseits der Garten und der Frühling; –
Diesseits der Tür die Dämmrung und das Fieber,
Die Dämmerung, die zur Nacht wird, und der Weg,
Der langsam, langsam abwärts führt –
Wohin? Wohin?!
Und an die Tür kam's dreimal,
Dreimal drückte ein kleiner Mund sich an das harte Holz,
Dreimal erklang's – hell,
Helle und noch heller;
Adieu!
Adieu! . . .
Adieu! . . . . .
So trennten sich die Wege. 182

Der Städtische Friedhof in Braunschweig ward der Abgeschiedenen letzter Erdenplatz, und an dessen Bäumen vorüber führte der Weg zum Grünen Jäger. Ihn wie alle die Jahre zu wandern, aus dem häuslichen, lange ungestillten Kummer heraus, an dem frischen Grabe vorbei – das vermochte Raabe nicht über sich, und so blieb er dem Kreise fern und kam nach langen Monaten erst wieder zu den Vereinigungen in der Stadt. Den Kleidersellern aber ward die Lücke bald unerträglich, und da Wilhelm Brandes im nächsten Jahre Direktor des einst von Raabe besuchten wolfenbüttler Gymnasiums wurde, so einigte man sich schließlich auf eine neue Stätte, das Große Weghaus, genau in der Mitte zwischen den beiden Nachbarstädten. Wo einst Gotthold Ephraim Lessing sich von seiner wolfenbüttler Bibliothek her mit den braunschweiger Freunden zusammengefunden hatte, im selben Raume saßen nun, und wieder um Raabe, die Kleiderseller beisammen, freilich ohne Herbergsvater und Förster vom Grünen Jäger.

Ein seltsames Bild, das uns der Wilhelm Raabe dieser seiner Meisterzeit vom vierzigsten zum siebzigsten Jahre bietet. Sein Werk vollendet sich mehr und mehr und er überwächst an mächtigen Gliedern, da Hebbel zu früh dahingegangen und nun auch Gottfried Keller in andere Gefilde abberufen ist, alle, die neben ihm schaffen; aber, wie Friedrich Hebbels Werk, wie das Otto Ludwigs verschüttet liegt, so schwindet auch ihm der Widerhall. Gleich dem kaum fünfzigjährigen Goethe mochte der ebenso alte Raabe von den Seelen sagen, die die folgenden Gesänge nicht mehr hören:

Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

Wer, der auf dem Großen Klub neben ihm saß, wußte, 183 welchen Ranges der in den verschossenen, langen, schwarzen Rock gekleidete Nachbar war? Dem Kultusminister des kleinen Landes mußte dessen größter Sohn erst an seinem siebzigsten Geburtstage ausdrücklich vorgestellt werden, und als im Jahre 1882 in Braunschweig Schriftstellertag war, konnte ein heimisches Mitglied des Festausschusses sein Erstaunen nicht verbergen: »Nun seh einer unsern Raabe an! Verkehrt da zwischen den großen Leuten, ganz als wenn . . .«, und diese großen Männer waren Albert Träger, Paul Lindau, Friedrich Friedrich und Oskar Blumenthal!

Die bis 1866 gehende Literaturgeschichte Julian Schmidts nannte Raabe so wenig, wie ihn Friedrich Kreyßig in seinen 1870 erschienenen Vorlesungen über den neueren deutschen Roman erwähnte. Selbst Joseph Hillebrands Deutsche Nationalliteratur wußte noch 1875 von dem Schöpfer des Schüdderumps nichts, noch 1880 unterschlug ihn das weitverbreitete Sammelwerk von Friedrich Sehrwald und Julius Riffert. Und das war am Ende noch besser als die gleich verständnislose Mischung von Lob und Tadel in Rudolf Gottschalls vielgelesenem Buch, Max Kochs blasse Charakteristik oder die oberflächliche Titelaufzählung in den sogenannten Literaturgeschichten, die pädagogischer und ästhetischer Unverstand in unseren höheren Lehranstalten benutzte. Heinrich Kurz fühlte wohl Raabes Bedeutung, wußte aber nichts Rechtes mit dem schwer Einzuordnenden anzufangen.

Nachdrücklich und warm traten freilich die Bayreuther Blätter durch ihren Leiter Hans Paul von Wolzogen für Raabe ein, und Richard Wagner, Schopenhauers Jünger, las in Wahnfried aus dem Schüdderump vor. Leider konnte Raabe die Neigung nicht erwidern; Wagners Werk und Persönlichkeit blieben ihm, wie so vielen Künstlern seiner Generation, fremdartig. 184

Raabe hat das Los dieser Jahrzehnte nicht so leicht getragen, wie es damals und heute manchem scheinen möchte. Nicht daß er an seinem Werk und an seiner Berufung auch nur einen Augenblick gezweifelt hätte! Nicht daß ins Werk selbst etwas von manchmal aufsteigender Verbitterung hineingequollen wäre! Aber als er nach dreißig – dreißig – Jahren die Vorrede zur zweiten Auflage der Drei Federn niederschrieb, da wies er nicht nur, Fremden unverständlich, auf das unheimlich Tragische der das Buch ahnungsvoll schließenden Jahreszahl 1892 hin – 1892 war ja das Todesjahr seines Kindes geworden; er fügte auch hinzu: »Findet dies Buch jetzt noch Leser, so werden die sich ausmalen können, mit welchen süßsauren Gefühlen der Verfasser es in die Welt von heute hinausschickt.« Und als er kurz vordem, nach einem vollen Vierteljahrhundert, eine zweite Auflage des Schüdderumps wagen durfte, konnte er sich nicht enthalten, sie also einzuleiten:

»Im Jahre 1869 wurde dieses Buch zum ersten Mal gelesen und von den meisten der Leser bei Seite geschoben.

Jetzt nach fünfundzwanzig Jahren gewährt es mir eine Genugtuung, es Mitlebenden noch einmal – zwar durchgesehen, aber nicht verschönert – anbieten zu dürfen.

In dem Zeitraum ist wieder manches, was gut, edel und lieb war, und manches, was sich für bedeutend, epochemachend, unverwüstlich hielt oder dafür gehalten wurde, auf den Schüdderump geraten; er aber rollt weiter durch die Welt.

Es läßt sich daran nichts ändern, Herrschaften. Diese Räder lassen sich nicht aufhalten.«

Er wußte, was er war und blieb, der er war. Aber ohne die feste äußere und innere Stütze an Frau Bertha wäre ein Knick vielleicht nicht zu vermeiden gewesen. Dazu kam die Freude an den ihm gebliebenen Töchtern. 185 Elisabeth brachte ihm im Jahre 1895 einen Sohn ins Haus, sie vermählte sich am 12. Januar mit dem Marinestabsarzt Paul Wasserfall, der auch dem Schwiegervater ein ehrfürchtig aufblickender und ehrlich teilnehmender jüngerer Freund wurde. Enkel wuchsen heran und lenkten Gedanken in die Zukunft, und der enge Kreis der braunschweiger Freunde und Jensens und Schönhardts Grüße aus dem Süden lehrten denn doch den Dichter, wie stark und mit wie wachsender Kraft sein Werk noch immer auf die Besten wirkte. Er durfte doch wohl hoffen, daß der Tag dem Edlen endlich komme. 186

 


 

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