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Friedrich Spielhagen: Quisisana - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleQuisisana
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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I.

Warum wecken Sie mich, Konski?

Sie lagen wieder einmal auf der linken Seite, erwiderte der Diener, indem er seinen Herrn, den er um Brust und Schulter gefaßt hielt, vollends von dem Sofa in die Höhe richtete; und Champagner haben Sie bei Tisch auch getrunken – über eine Flasche, sagt der Johann; das ist nun der reine –

Konski brach kurz ab und wandte sich zu den Koffern, deren einer bereits aufgeschlossen war; er begann den Inhalt in die Kommode zu packen und sagte dabei, scheinbar mehr mit sich selbst, als zu seinem Herrn sprechend:

Ich tue nur, was mir der Herr Sanitätsrat befohlen, noch gestern abend in Berlin, als ich ihm hinunterleuchtete. Konski, hat er gesagt, wenn Ihr Herr auf der linken Seite liegt und so zu stöhnen beginnt, wecken Sie ihn bei Tag oder Nacht – auf meine Verantwortung. Und, Konski, Champagner ist nicht – für mindestens sechs Wochen, und am liebsten gar nicht mehr; und wenn ihr erst in Italien seid, den Wein immer nur mit Wasser, Konski, und –

Und nun tun Sie mir den Gefallen und schweigen Sie.

Bertram war von dem Sofa, auf dem er, die Stirn in die Hand gedrückt, sitzengeblieben war, rasch aufgestanden und trat jetzt, nachdem er ein paarmal, unmutige Blicke auf Konski werfend, in dem Gemach hin und wider geschritten, an eines der Fenster. Die Sonne mußte im Untergehen sein; nur noch die bewaldeten Berge drüben waren hell beleuchtet, während der Terrassengarten, der in das Tal hinabstieg, und das Tal selbst mit dem Dorfe bereits in tiefem Schatten lagen. Das landschaftliche Bild, dessen Anmut er doch sonst so zu schätzen wußte, übte nicht den mindesten Zauber auf seinen dumpfen Sinn. Konski hatte recht: der Champagner, den er gegen das ausdrückliche Verbot des Arztes heute zum erstenmal nach der Krankheit getrunken, war ihm nicht gut bekommen; aber er hatte getrunken, um sich die Kehle, die ihm von dem vielen Sprechen trocken geworden, anzufeuchten; und hatte so viel gesprochen, weil die häufigen Pausen, die in der Unterhaltung eintraten, ihn nervös machten. Es war positiv langweilig gewesen; die schöne Freundin und der gute Freund hatten sich in den letzten drei Jahren sehr zu ihrem Nachteil verändert. Oder war er's, der sich verändert hatte? fing er wirklich an, alt zu werden? Man darf mit fünfzig Jahren nicht schwer erkranken, wenn es nicht auf einmal bergab gehen soll.

Das war nun das zweite energische Memento mori – nach einer Zwischenzeit von zwanzig Jahren! Und das erste – das hatte er ihr verdankt – ihr, die ihm Treue geschworen unter tausend Küssen – da – drüben am Bergeshang, wo die Rieseneiche ihre Krone hoch heraushob aus dem bronzenen Blätterdach der Buchen. Warum, zum Kuckuck, gab man ihm denn immer diese Zimmer? Er wollte sich noch heute abend andere von Hildegard ausbitten, gleich – ehe der Dummkopf, der Konski noch alles auspackt.

Lassen Sie das! rief er, sich umwendend; ich will nicht in diesen Zimmern bleiben – ich will überhaupt nicht bleiben; wir reisen vielleicht morgen schon wieder ab.

Konski, der bereits in der Tiefe des zweiten Koffers kramte, glaubte nicht recht gehört zu haben. Er hob den Kopf und blickte den Herrn verwundert an.

Morgen, Herr Doktor? ich denke, acht Tage mindestens.

Tun Sie, was ich Ihnen sage!

Konski legte das Paket Hemden, das er in der Hand hielt, wieder in den Koffer zurück und erhob sich langsam von den Knien. Der Herr war offenbar in einer greulichen Laune; aber das hält bei ihm niemals lange an, dachte Konski, und dann der Champagner –

Es wird mit der Einquartierung nicht so schlimm, sagte er; Sie können sich darauf verlassen, Herr Doktor; ich weiß alles ganz genau von Mamsell Christinen. Dann ein Oberst, ein Major, zwei Hauptleute und ein Dutzend! Leutnants höchstens, und vielleicht noch ein Oberstabsarzt und so was; von unseren Prinzen und von denen hier nun schon gar keiner. Na, und die paar Menschen verkrümeln sich ja in dem großen Hause wie eine Handvoll Korinthen in einer Stolle, und besonders, wenn Sie in diesen Zimmern bleiben, wo wir noch immer gewohnt haben! und kein Mensch nicht hinkommt; und im Garten werden sie ja wohl nicht manövrieren –

Ich weiß gar nichts was Sie mit Ihrem Manöver wollen! rief Bertram.

Er hatte sich wieder an das offene Fenster gestellt, durch welches ein lebhafter Zug kam; Konski ging und schloß die Tür nach dem Zimmer nebenan, trat dann in respektvoller Entfernung hinter seinen Herrn und sagte in bescheidenem, halblautem Ton:

Nehmen Sie es nicht übel, Herr Doktor; aber was ist denn am Ende daran gelegen, wenn das gnädige Fräulein nun wirklich kommt –

Was soll das nun wieder? sagte Bertram, ohne sich umzudrehen; was hat das mit meinem Bleiben oder Gehen zu tun? weshalb soll die Kleine nicht kommen?

Konski kraute sich, verstohlen lächelnd, in dem starren schwarzen Haar, senkte die Stimme noch mehr und sagte:

Nicht das junge gnädige Fräulein Erna; das andere Fräulein – das nie kommen darf, wenn Sie hier sind –

Lydie? Fräulein von Aschhof? sind Sie toll?

Bertram hatte, sich blitzschnell wendend, es mit rauher Stimme gerufen, und die sonst so freundlichen Augen leuchteten zornig. Konski erschrak, doch war die Neugier größer als der Schrecken. Er hätte so gern endlich das Richtige über das Fräulein gehört, das nicht kommen durfte, wenn der Herr in Rinstedt zu Besuch war, und das er infolgedessen noch nie gesehen, trotzdem er im Laufe der Jahre nun schon ein halbes dutzend Male mit ihm hier gewesen. Aber er wurde auch diesmal in seiner Erwartung getäuscht; der Herr war plötzlich ganz ruhig geworden, oder gab sich doch wenigstens den Anschein, und hatte auch seine gewöhnliche Stimme wieder, als er jetzt fragte:

Von wem haben Sie denn das? von Mamsell Christinen natürlich.

Natürlich von Mamsell Christinen, erwiderte Konski.

Und die hat es von der Frau Amtsrätin?

Direkte von der Frau Amtsrätin, bestätigte Konski.

Und wann wird die Dame erwartet?

Heute abend zusammen mit Fräulein Erna; und außerdem der Herr Baron von Lutter oder Lotter – ich hab's nicht recht verstanden; sie sprechen ja hier in Thüringen alles kauderwelsch.

So, so?

Bertram hatte des Barons von Lotter-Vippach über Tisch mehr als einmal von Hildegard erwähnen hören. Auch von Lydie hatte sie, trotzdem er grundsätzlich nie auf das Thema einging, immer wieder angefangen zu sprechen, wie es jetzt klar war, in der Absicht, ihn auf den Überfall vorzubereiten. Aber sie hatte sich verrechnet, die schöne Frau; es war dies eine Rücksichtslosigkeit, ja schlimmer: es war eine Perfidie. Er brauchte sich das nicht gefallen zu lassen, und er wollte es sich nicht gefallen lassen.

Wo sind die Herrschaften? fragte er.

Der Herr Amtsrat ist in den Wald nach den Braunkohlengruben geritten; die Frau Amtsrätin ist ins Dorf gegangen; sie haben hinterlassen, daß sie zurück sein würden, bevor Sie aufwachten, und wenn Sie sich nicht auf die linke Seite gelegt hätten –

Es ist gut – ins Dorf, sagten Sie? geben Sie mir meinen Hut!

Nehmen Sie auch den Überzieher, sagte Konski, es kommt ganz kalt vom Tal herauf, und vor Erkältungen, meinte der Herr Sanitätsrat –

Bertram, der bereits den Hut auf dem Kopfe hatte, wies das dargereichte Kleidungsstück mit einer Handbewegung zurück. In der Tür wandte er sich:

Machen Sie sich keine unnötige Mühe mit den Koffern; wir reisen in einer Stunde wieder ab. Und noch eins: wenn Sie Mamsell Christinen oder irgend jemand hier im Haus jetzt oder in Zukunft ein Wort – Sie verstehen mich – und ich erfahre es – so sind wir geschiedene Leute – trotz alledem.

Damit war er zur Tür hinaus, und schon in der nächsten Minute sah ihn Konski, der nun, sich das Haar krauend, am Fenster stand, mit langen Schritten durch den Garten bergabwärts eilen.

Sollte man denken, daß der vor noch nicht sechs Wochen auf den Tod gelegen hat? murmelte er. – Und heute abend fort? in einer Stunde! Fällt mir gar nicht ein; erst wird das mit Christinen in Ordnung gebracht, und das geht nicht so fix. – Er hat sich damals von dem Fräulein einen Korb geholt, sagt Christine – na, das verstehe ich nicht: vor zwanzig Jahren muß er doch ein blitzschöner Kerl gewesen sein – ist's ja beinah noch – und arm war er auch nicht, obgleich wir ja seitdem viel dazugeerbt haben. Ich bin höllisch neugierig auf das alte Fräulein; daß sie heute abend kommt, steht bombenfest.

Konski warf einen zweifelhaften Blick auf die unausgepackten Koffer. Es war vielleicht wirklich unnötige Mühe. Aber es wird ja nichts so heiß gegessen, wie es gekocht ist; und daß der Herr vor einem Frauenzimmer weglaufen sollte, wenn sie auch ihre vierzig Jahre oder so was –

Konski schüttelte ungläubig den Kopf und machte sich getrost daran, die Koffer vollends auszupacken.

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