Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Mark Twain >

Querkopf Wilson

Mark Twain: Querkopf Wilson - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/twain/querkopf/querkopf.xml
typefiction
authorMark Twain
titleQuerkopf Wilson
publisherVerlag von Robert Lutz in Stuttgart
printrunZehnte Auflage
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111116
projectid1c334805
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Die Frau des Richters Jork Driscoll genoß die Freude, den unvergleichlichen Tom ihr eigen zu nennen, noch zwei Jahre lang – zeitweise war das Glück wohl nicht ganz ungetrübt, aber es beseligte sie doch. Dann starb sie, aber ihr Gatte setzte mit Hilfe seiner kinderlosen Schwester, der verwitweten Frau Pratt, das Verhältnis zu Tom in alter Weise fort. Tom wurde zu seiner vollsten Zufriedenheit gehätschelt, verwöhnt und verzogen – wenigstens in der Regel. Das ging so weiter, bis er neunzehn Jahre alt war, dann schickte man ihn nach Yale auf die Universität. Er hatte vorher alle mögliche Nachhilfe erhalten, doch zeichnete er sich dort in keiner Weise aus. Zwei Jahre blieb er in Yale, dann wurde ihm die Anstrengung zu viel und er kam nach Hause.

Aeußerlich hatte er sich entschieden zum Vorteil verändert; sein Wesen war nicht mehr schroff und mürrisch, sondern verbindlich, glatt und geschmeidig. Zwar liebte er es, insgeheim oder auch offen, spöttische Redensarten fallen zu lassen, welche die Leute an ihrer verwundbarsten Stelle trafen, doch that er es stets mit einer halb gutmütigen, halb unschuldigen Miene, so daß ihm niemand etwas vorwerfen konnte, und er sich keine Ungelegenheiten machte. Seine Trägheit war noch ebenso groß wie früher, und da er nicht den mindesten Wunsch zeigte, sich nach einem Beruf umzusehen, schloß man allgemein, daß er es für das beste halte, aus seines Onkels Tasche zu leben, bis dieser ihm einmal den Platz räumen würde. Ein paar neue Gewohnheiten hatte er auch mitgebracht – das Trinken betrieb er ziemlich offenkundig, das Spielen aber nur heimlich. Daß er sich auf kein Glücksspiel einlassen durfte, wo es seinem Onkel zu Ohren kommen konnte, wußte er recht gut.

Die jungen Leute von Dawson, Toms Altersgenossen, denen sein neumodischer Schliff ein Aergernis war, mieden seinen Umgang. Vielleicht hätten sie ihn unbehelligt gelassen, wäre er in gewissen Grenzen geblieben; aber er zog Handschuhe an, und das konnten und wollten sie nicht dulden. Auch trug er einen so ausgesucht feinen, städtischen Anzug nach neuestem Stil und Schnitt, daß er seine Mitbürger dadurch aufs höchste reizte und sie es als absichtliche Kränkung ansahen. Ihm dagegen machte die Aufregung, in die er alle Welt versetzte, den größten Spaß, und er stolzierte von früh bis spät in heiterster Laune durch den ganzen Ort. Die jungen Leute wußten sich aber zu helfen, sie gingen zu einem Schneider, der sich gleich an die Arbeit machte, und als Tom am nächsten Morgen wieder in seinem Staat erschien, wackelte der alte, schwarze, verwachsene Glockenzieher von Dawson auf Schritt und Tritt hinter ihm her. Man hatte den Mann mit Kleidern aus brennend rotem Vorhangskattun nach dem Muster von Toms Anzug ausstaffiert, und er äffte dessen Ziererei in Gang und Manieren nach, so gut er konnte.

Da strich Tom die Segel und kleidete sich in Zukunft nach einheimischer Sitte. Das Leben in dem schläfrigen Landstädtchen sagte ihm jedoch gar nicht mehr zu, seit er ein lustigeres Treiben kennen gelernt hatte, und es wurde ihm täglich langweiliger. So unternahm er denn kleine Ausflüge nach St. Louis, um sich eine Abwechslung zu verschaffen. Dort fand er Gefährten, die zu ihm paßten, Vergnügungen nach seinem Geschmack, und in gewisser Beziehung eine größere Freiheit, als er zu Hause haben konnte. Diese Besuche in St. Louis wurden während der nächsten zwei Jahre immer häufiger, und sein Aufenthalt dort verlängerte sich mehr und mehr. Er verlor viel Geld im Spiel und machte Schulden, die ihn eines schönen Tages in große Verlegenheit bringen konnten – was auch wirklich geschah.

York Driscoll hatte im Jahre 1850 sein Richteramt niedergelegt und sich von allen Berufsgeschäften zurückgezogen. Er lebte jetzt schon seit drei Jahren in behaglicher Muße als Präsident des Freidenker-Klubs, dessen einziges Mitglied Querkopf Wilson war. Die allwöchentlichen Beratungen dieser Gesellschaft bildeten nunmehr das Hauptlebensinteresse des alten Rechtsgelehrten. Wilson selber verharrte noch immer in seiner Dunkelheit und war seither auf der Leiter des Glücks keine Stufe höher gestiegen. Die verhängnisvolle Bemerkung über den Hund, die er vor dreiundzwanzig Jahren gemacht hatte, vernichtete alle seine Hoffnungen.

Driscoll war sein Freund und behauptete, er besäße hervorragende Geistesgaben. Das hielt man aber für eine Grille des alten Richters; die öffentliche Meinung ließ sich nicht dadurch beeinflussen und zwar aus gutem Grunde. Hätte Driscoll sich damit begnügt, einfach die Thatsache festzustellen, so würde das ohne Zweifel eine günstige Wirkung gehabt haben, er wollte jedoch Beweise beibringen, und das war ein Mißgriff.

Seit einigen Jahren hatte Wilson zu seiner Privatbelustigung ein wunderliches Tagebuch geführt, eine Art Kalender, in welchem zu jedem Datum ein kurzer Ausspruch angeblicher Weltweisheit, meist in humoristischer Form beigefügt war. Driscoll fand, daß diese komischen Einfälle und harmlosen Sticheleien sehr schlau und treffend ausgedrückt waren und als er eines Tages eine Handvoll solcher Zettel in der Tasche hatte, las er einigen angesehenen Bürgern Proben davon vor. Die guten Leute hatten aber keinen Sinn für Humor – so etwas ging über ihren Verstand. Sie machten zu den scherzhaften Kleinigkeiten eine ernste Miene und erklärten mit großer Bestimmtheit, niemand habe daran gezweifelt, daß David Wilson ein Querkopf sei, wäre es aber je der Fall gewesen, so würde durch diese Kundgebung aller Ungewißheit ein für allemal ein Ende gemacht. So geht es immer in der Welt: Ein Feind kann dem Menschen zwar erheblichen Schaden zufügen, aber ihn völlig zu Grunde zu richten, das vermag nur ein gutmütiger, unkluger Freund. Von da ab war der alte Richter noch zärtlicher gegen Wilson gesinnt als früher und blieb unerschütterlich bei seiner Ueberzeugung, daß der Kalender sehr geistreich wäre.

 

Driscoll durfte ein Freidenker sein, und doch seine gesellschaftliche Stellung behaupten. Weil er das höchste Ansehen in der Gemeinde genoß, ließ man ihn seine besonderen Wege gehen, und sich ausdenken, was und wie viel er wollte. Wilson, dem andern Mitglied des von ihm gestifteten Klubs, gewährte man das gleiche Vorrecht, aber nur, weil er nach allgemeiner Schätzung eine Null war, und niemand den geringsten Wert darauf legte, was er dachte und that. Man war ihm wohlgesinnt und hieß ihn überall willkommen, aber zu irgend welcher Bedeutung brachte er es nicht.

 

Proben aus Querkopf Wilsons Kalender:

Adam war bloß ein Mensch – damit ist alles erklärt. Ihn gelüstete nicht nach dem Apfel um des Apfels willen, es reizte ihn nur, zu thun was verboten war. Die Schlange hätte man verbieten sollen, nicht den Apfel – dann würde Adam die Schlange gegessen haben.

 

Durch den armseligsten Witz, mit dem man jemand lächerlich macht, läßt sich auch der beste Leumund zerstören. Nehmt zum Beispiel den Esel – sein Charakter ist beinahe makellos, er hat unter allen Tieren zweiter Klasse die herrlichste Gemütsart, aber, weil man ihn ins Lächerliche zu ziehen pflegt, ist er in Verruf gekommen. Statt daß ich mich geschmeichelt fühlen sollte, wenn man mich einen Esel nennt, weiß ich nicht recht, woran ich bin.

 

Mit den ›besonderen Fügungen‹ ist es eine eigene Sache: man weiß nie recht, wem sie zu gute kommen sollen. Bei der Geschichte vom Propheten Elias, den Bären und den Kindern zum Beispiel, hatten es die Bären viel besser als der Prophet, denn sie durften die Kinder fressen.

    Wie heilig ist doch die Freundschaft! So süß, so beständig, so ausdauernd ist kein anderes Gefühl. Sie bleibt uns treu bis ans Lebensende – wenn wir sie nicht bitten, uns Geld zu borgen.

 

Mutig sein, heißt die Furcht überwinden und beherrschen, nicht von Natur furchtlos sein. Wer nicht ein gut Teil Feigheit in sich hat, den kann man füglich nicht tapfer nennen, es wäre eine ganz falsche Anwendung des Wortes. Den besten Beweis dafür liefert – der Floh. Wäre völlige Furchtlosigkeit gleichbedeutend mit Mut, so müßte man ihn für das tapferste Geschöpf Gottes erklären. Er verfolgt dich mit seinen Angriffen, ob du nächst oder schläfst, trotzdem du ihm an Kraft und Größe so weit überlegen bist, wie die vereinigten Heere der Welt einem zarten Säugling. Tag und Nacht lebt der Floh in beständiger Gefahr angesichts des drohenden Todes, doch fürchtet er sich so wenig, wie jemand der in eine Stadt kommt, die vor tausend Jahren vom Erdbeben bedroht war. Wenn wir von Helden wie Clive, Nelson und Blücher sagen: »sie kannten keine Furcht«, so sollten wir immer auch den Floh mit erwähnen, und ihn an die Spitze stellen. –

 

Wenn du zornig bist, zähle bis vier; bist du sehr zornig, so fluche.

 

Alle sagen, wie traurig es ist, daß uns der Tod nicht erspart bleibt! – Klingt das nicht seltsam im Munde von Leuten, denen das Leben nicht erspart geblieben ist?

 

Nichts bedarf so sehr der Reform, als die Gewohnheiten anderer Leute.

 

Der Narr spricht: »Lege deine Eier nicht alle in einen Korb!« – was nichts anderes heißen soll als: »Verteile dein Geld und deine Wachsamkeit,« – Aber der Weise sagt »–»Lege alle deine Eier in einen Korb – und dann gieb recht acht auf den Korb.«

 

Was sollte wohl daraus werden, wenn alle Menschen gleicher Ansicht wären? Nur wo jeder eine andere Meinung hat, sind Pferderennen möglich.

 

Es giebt wenige Dinge, die unleidlicher sind und mehr ärgern, als ein gutes Beispiel.

 

Selbst der klarste und vollkommenste Indizienbeweis kann auf Täuschung beruhen und muß mit großer Vorsicht aufgenommen werden. Das läßt sich sehr deutlich an jedem Bleistift sehen, der von irgend einer Frau gespitzt worden ist. Hat man Zeugen, so werden diese aussagen, daß sie die Spitze mit einem Messer gemacht hat, urteilt man aber nur nach der Beschaffenheit des Bleistifts, so würde man meinen, sie hätte es mit den Zähnen gethan!

 

Wenn du einen halbverhungerten Hund findest und ihm zu fressen giebst, so beißt er dich nicht. Dies ist der Hauptunterschied zwischen einem Hunde und einem Menschen.

 

1.  April. Dies ist der Tag, der uns daran erinnern soll, was wir an den übrigen dreihundertvierundsechzig Tagen sind.

 

Versuchen wir, so zu leben, daß bei unserem Tode sogar der Leichenbestatter trauert.

 

Die Entdeckung von Amerika war schon sehr wunderbar, aber noch viel wunderbarer wäre es gewesen, wenn man es nicht entdeckt hätte.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.