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Quer durch Afrika

Gerhard Rohlfs: Quer durch Afrika - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleQuer durch Afrika
authorGerhard Rohlfs
year1984
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart - Wien
isbn3-522-60580-2
titleQuer durch Afrika
pages3-373
created19991112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Es mußte, nach den Sternen zu urteilen – meine Uhr verschloß ich gewöhnlich des Nachts – um Mitternacht sein, als Mursuk heftig anschlug und darauf zu bellen fortfuhr, so wie er bellte, wenn er auf einen Menschen lossprang, um ihn zu beißen. Jetzt fiel ein Schuß. Im Nu waren wir alle auf den Beinen. Ich fürchtete, der Hund sei totgeschossen, aber da sahen wir ihn hinter den fliehenden Räubern herlaufen, die zu Fuß waren, jedenfalls jedoch ihre Kamele und Pferde in der Nähe hatten. Ihre Absicht, ein paar unserer Kamele zu stehlen, war also durch die Wachsamkeit meines braven Hundes vereitelt worden. Wie kräftig er sie angepackt, bewies noch der am Boden liegende Fetzen eines Haik, den er einem der Räuber mit den Zähnen vom Leib gerissen.

Mursuk war der Held des Tages und fortan eine allgemein geschätzte Persönlichkeit. Aß einer von den Leuten Datteln oder Sesometa (ausgedörrtes Gerstenmehl), so bekam der Hund sicher seinen Teil davon. War er müde, so wurde er auf ein Kamel gehoben, und er hatte mit der Zeit ganz gut gelernt, auf seinen Vieren stehend alle Schaukelbewegungen des Wüstenschiffes auszuhalten. Und Mursuk seinerseits wurde nicht nur gegen mich und meine Leute von Tag zu Tag höflicher und umgänglicher, auch mit den Kamelen vertrug er sich immer besser, namentlich mit meinen, die er nun schon seit fast einem Jahr kannte. Bekamen die Kamele eine Extraportion Datteln, so drängte er sich auch herzu, denn neidisch blieb er stets, und die Kamele ließen ihn unbehelligt mitfressen. Ja, er versuchte auch wohl des Morgens, wenn die Luft noch kühl war, mit ihnen zu spielen, er biß sie sanft, umlief sie bellend und lachend (daß Hunde lachen können, ist sicher), kurz, Mursuk nahm alle Eigenschaften eines zivilisierten Hundes an.

Natürlich bildete, als wir morgens um fünf Uhr aufbrachen, der nächtliche Vorfall noch den Gegenstand lebhafter Diskussion. Man erging sich in Vermutungen, wer die Räuber sein könnten: Die einen meinten, Sintani, die anderen, Uled-Bu-Ssif, noch andere rieten auf den Räuberhauptmann von Misda; da sich aber keiner von der Bande mehr blicken ließ, mußte die Frage vorläufig unentschieden bleiben. Um sieben Uhr morgens stiegen wir über kleine Gebirgszüge in die Schluchten des Uadi Tagidje herab. Eine Stunde später tauchte im Osten eine hohe steinerne Säule auf, über welche mir die Leute nichts zu sagen wußten, als daß sie von den Djehalin (Heiden) herstamme. Um sie näher zu besichtigen, machte ich, von meinem Neger Cheir begleitet, einen Abstecher dahin. Ich fand eine Pyramide von behauenen, ganz wie neu aussehenden Steinquadern, aus zwei Stockwerken bestehend. Obgleich die Spitze zum Teil herabgefallen war, ergab eine nach dem Schatten von mir vorgenommene Messung noch die bedeutende Höhe von 32 Fuß. Rings an den Seiten sind Reste einer Einfassung von korinthischen Säulen. Die noch recht gut erhaltenen Bildwerke, namentlich auf der Ostseite, welche die Hauptfront bildet, lassen schließen, daß die Pyramide als Grabmal eines berühmten Nimrod errichtet wurde, denn deutlich ist noch ein Wurfspieß schwingender, eine Antilope verfolgender Reiter zu erkennen. Von einer Inschrift findet sich dagegen keine Spur.

Sollte es nicht eine Aufgabe unserer Zeit sein, solche künstlerisch wertvollen Denkmäler des Altertums, die Zeugen vergangener Größe, vor dem gänzlichen Untergang zu retten? Man müßte sie unter Aufsicht Sachverständiger auseinandernehmen und nach Tripolis transportieren lassen. Keineswegs eine Unmöglichkeit. Araber und Berber würden gegen eine kleine Gratifikation gewiß gern den Abbruch und den Transport übernehmen.

Da unsere Karawane unterdes weitergezogen war, mußte ich mehrere Stunden Wegs mit Cheir allein zurücklegen, ehe ich sie wieder einholte. Kurz vorher hatten die Kameltreiber, wegen meiner langen Abwesenheit besorgt, einen der Ihrigen mit einem Kamel und einem gefüllten Wasserschlauch nach der Pyramide geschickt, der mich von da zurückgeleiten sollte. Derselbe stieß, nachdem er dort lange vergebens auf mich gewartet, erst spät abends wieder zu uns. Die Mschaschia meinten übrigens, ich könne von Glück sagen, daß ich wohlbehalten eingetroffen sei, denn ich sei in Gefahr gewesen, von den Räubern bemerkt und abgeschnitten zu werden. Vormittags war die Karawane durch das von Westen nach Osten streifende Uadi Tagidje gekommen; jetzt passierten wir das Uadi Ukiss, und schon um halb drei wurde gelagert.

An der Stelle, wo wir lagerten, fand ich das Tal zirka 270 Meter hoch. Wir erreichten am folgenden Tag gegen Mittag den Ausgang desselben und hielten uns nun südwestlich, um den schroffen, steil ansteigenden Rand der Hammada zu erklimmen. Mühsam arbeiteten sich die Kamele an dem pfadlosen Abhang hinauf – der Karawanenweg, den Barth benutzt hat, verfolgt eine viel westlichere Richtung –, doch nicht ein Kamel kam zu Fall, und glücklich langte die ganze Karawane oben an. Der Überblick von dem 430 Meter hohen Punkt aus über das weite Semsen-Tal ist prächtig. Wie konnten, fragte ich mich staunend, diese mächtigen Flußtäler entstehen? Was für Umwälzungen müssen sich hier vollzogen haben, und welche Zeiträume von zehntausend oder hunderttausend Jahren mögen zwischen jener Epoche und der unsrigen liegen?

Oben hatten wir noch eine kleine von Osten nach Westen laufende Einsenkung zu durchziehen, dann aber kamen wir an die eigentliche Hammada, d. i. eine Hochebene, deren Boden aus steinhartem rötlichem Ton mit geschwärzten scharfkantigen Steinen bedeckt ist.

Schon lange hatte sich ein Gebli, oder wie man in Europa gewöhnlich sagt, ein Samum, angekündigt. Die Sonne erschien als ein glutroter Feuerball; eine unheimliche Schwüle durchzitterte die wellenschlagende Luft, dennoch herrschte vollkommene Windstille, aber eine pechschwarze, majestätisch sich heranwälzende Wolke ließ keinen Zweifel, daß in kurzer Zeit der Orkan über uns losbrechen würde. Immer röter wurde die Sonne, immer drückender die Hitze, das Atmen war fast unmöglich in der heißen, trockenen Luft. Jetzt kam das Gespenst herangebraust. Ohne Kommando machten unsere Kamele kehrt, damit der Sturm ihnen den scharfen, die Haut zerschneidenden Sand nicht in die Augen wehte, ohne Kommando knieten sie nieder. Völlige Dunkelheit umhüllte uns; der mehrere hundert Fuß hoch aufgewirbelte Staub verdunkelte die Sonne wie bei einer Sonnenfinsternis. Wir hockten oder legten uns an die Rücken der Kamele, um den ersten Stoß des Staubwindes abzuhalten. Mundhöhle und Kehle wurden unerträglich trocken, Ohren, Augen und Nase mit feinem Sand erfüllt. Irrtümlich ist die Ansicht, die Beduinen der Sahara würfen sich deshalb zur Erde, weil der Samum nicht den Boden rasiere, sondern nur oben durch die Lüfte dahinbrause. Woher kämen sonst die kolossalen Staub- und Sandmengen, wenn der Sturm nicht auch unmittelbar über den Boden striche? Man legt sich nieder, weil man nichts mehr sieht, weil man von der Gewalt des Windes fortgerissen oder umgeworfen würde, nicht um am Boden besser atmen zu können. Rasch wie er gekommen, ging der Orkan vorüber, das ganze Phänomen hatte kaum zwanzig Minuten gewährt.

Die Kamele richteten sich wieder auf, und wir konnten weitergehen. Gegen fünf Uhr nachmittags klommen wir den Südrand der Hammada hinab, der jedoch weniger hoch als der Nordrand ist, da sich das Terrain schon vorher allmählich gegen Süden absenkt. Bald hatten wir das Uadi Garia erreicht. Wir lagerten bei Garia schirgia, einem kleinen, mit einer elenden Mauer umgebenen Ort von einigen hundert Einwohnern; in früheren Zeiten mochte er befestigt gewesen sein, denn das Wort »Garia« bedeutet Festung.

Außer Dattelhandel treiben die Einwohner etwas Ackerbau und Viehzucht. Wir aber lernten sie bloß als Spitzbuben und Wegelagerer kennen und hatten Mühe, uns ihrer Unverschämtheiten zu erwehren, zumal eine weltliche Obrigkeit hier gar nicht existiert und der Geistliche, der Schich-el-Barca (wörtlich: Vorsteher der Gnade, des Segens) seine Stellung lediglich zum eigenen Nutzen ausbeutet. Als wir den Ort verließen, erklärte ich dem Gesindel: jeder, der sich des Nachts unserem Lager zu nähern wage, würde sofort niedergeschossen werden. Und an den Geistlichen wandte ich mich noch besonders mit den Worten: »O Schich-el-Barca, du bist ein frommer Mann und ersichtlich ein Liebling Gottes, es sollte mir leid tun, wenn deine Herde uns in der Nacht beunruhigte; unsere Kugeln treffen gut!« Die unheimlichen Strolche schickten uns laute Flüche nach, während der »Vorsteher der Gnade« mir freundlichst Ssalam und glückliche Reise wünschte, sicherlich aber auch in seinem Herzen dachte: »Gott soll deinen Vater ewig brennen lassen, verfluchter Christenhund!« Denn die mohammedanischen Bonzen unterscheiden sich von den christlichen Zeloten nur dadurch, daß diese uns selbst in die Hölle schicken und zum ewigen Feuer verdammen, jene aber unsere Eltern und Vorfahren verfluchen.

Die Nacht verlief indes ruhig, und morgens um sieben Uhr des 6. Oktobers begannen wir unseren Weitermarsch nach Süden. Die Hammada-el-Homra hat am Ostrand, längs dem wir jetzt hinzogen, keinen so öden Charakter wie im Westen. Wenn die Hauptkarawanenstraße von Tripolis nach Fesan den weiten Umweg über Bondjem und Sokna macht, so nimmt sie diese östliche Richtung nicht deshalb, weil die Hammada sich so weit nach Osten erstreckt, sondern weil es dort mehr Futter für die Tiere und eine größere Anzahl von Brunnen gibt. Der kürzeste Weg von Tripolis nach Mursuk ist der über Ghurian, Misda, Garia, Uadi Schati und Uadi Schergi; für den einzelnen Reisenden wäre es aber unmöglich, ihn zu passieren.

Wir sahen in der Ferne viele Gazellen und kreuzten auch häufig die Pfade dieser Tiere, die hier in großer Menge auftreten. Über weniges Terrain und durch mehrere kleine nach Osten gehende Uadis gelangten wir um neun Uhr an die beiden Arme des ebenfalls nach Osten fließenden Uadi Schöbrund, um zwölf Uhr an die des Uadi Bu-Gila. Hier trafen wir noch auf zwei von Uled Mschaschia bewohnte Duar, ein Beweis, daß wir uns noch nicht in der eigentlichen Sahara befanden, welche wahrscheinlich in fast gleicher Breite von der Syrte entfernt bleibt.

Ich benutzte diese Gelegenheit, meinen Neger Cheir zu entlassen. Derselbe hatte sich öfters ungehorsam und äußerst nachlässig im Dienst gezeigt; so ließ er sich in Rhadames meine eisernen Kamelschlösser (um die Beine des Tieres eng aneinander zu fesseln) stehlen und in Misda gar die Flinte abnehmen. Ungehorsam der Leute durfte ich aber unbedingt nicht dulden. Von den Duar aus konnte er nun mit Mschaschia nach Tripolis kommen, um seinen Lohn, den ich dort deponiert hatte, für den dreimonatigen Dienst in Empfang nehmen.

Die Gegend, die wir jetzt durchzogen, ist so wasserreich, daß es nicht nötig war, unsere Schläuche aus dem Brunnen zu füllen, als wir am anderen Morgen um sieben Uhr Bu-Gila verließen. Nachmittags traten wir in das Uadi Sesemaht ein. Wir hatten das Glück gehabt, eine Gazelle zu erlegen; das Brot zur Mahlzeit mußte ich mir jedoch selber kneten. Denn war auch der alte Schtaui, nun mein einziger Diener, im Vergleich zu den Kameltreibern noch reinlich, indem er sich wohl alle acht Tage einmal sein Gesicht an einem Brunnen wusch, so graute mir doch bei dem Gedanken, daß seine ungewaschenen Hände erst in dem Teig sich ihres wochenlangen Schmutzes entledigen könnten. Unterläßt doch in der Sahara der frömmste Muselman sogar die vorgeschriebene Abwaschung beim Gebet und ersetzt sie durch eine fingierte; wie sollte es ihm einfallen, zur Brotbereitung sich die Hände zu waschen! Um aber den Kameltreibern sowie Schtaui gegenüber meine Würde zu wahren, schloß ich mein Zelt und verrichtete das Kneten, ohne von jemand dabei gesehen zu sein. Ich tat dies von jetzt an alle Tage, bis wir in Mursuk ankamen. Das Backen mußte ich allerdings von Schtaui besorgen lassen.

Am 8. Oktober schritten wir, südöstliche Richtung einhaltend, über ein ödes steiniges Plateau und wurden während des ganzen Tages von einem furchtbar heißen Südwind geplagt. Um zehn Uhr kamen wir an die Zuflüsse des Um-el-Cheil und um zwei Uhr an das Nordufer des Flußbettes selbst, bei dessen Brunnen wir bald darauf lagerten. »Um-el-Cheil« heißt »Mutter der Pferde«, und wirklich enthält der Brunnen, 462 Meter über dem Meer, vorzügliches Wasser; die Eingeborenen behaupten, es habe einen schwachen Salzgeschmack, den ich jedoch nicht herausfinden konnte.

Unsere Kameltreiber zwangen uns unter allerlei Vorwänden, zwei volle Tage bei Um-el-Cheil liegen zu bleiben, die mir keineswegs angenehm verstrichen, zumal ein starker, viel Staub mit sich führender Südwind herrschte und das Thermometer – man denke, im Monat Oktober! – nachmittags auf 42 Grad Celsius im Schatten stieg. Endlich nachts um ein Uhr, den 11. Oktober, setzten wir unseren Marsch nach Süden fort. Bei Tagesanbruch wurde das Uadi Um-el-Cheil verlassen und nach einer kurzen Strecke über Hammadaboden in das von Südwest kommende Uadi Ertim eingelenkt. Ein plötzlich entstandener Gebli nötigte uns, bis zwei Uhr nachmittags zu rasten. Wieder aufbrechend, passierten wir das Uadi Melek und gelangten um fünf Uhr in ein südwärts gehendes Uadi, einen Arm des Faat, das seinerseits einen Hauptarm des Uadi el-Bei bildet. In demselben schlugen wir unser Lager auf.

Zum ersten Mal beobachtete ich hier die den Arabern übrigens wohlbekannte Erscheinung, daß nach einem heftigen Gebli alle Gegenstände mit Elektrizität geladen sind. Aus den wollenen Decken sprangen Funken, wenn ich sie schüttelte, und auch den Haaren meines weißen Hundes entlockte ich durch Streicheln knisternde Funken. Zugleich verspürten wir den Einfluß des Gebli auf unsere Verdauungsorgane; er wirkt nämlich abführend, während bei umschlagendem Wind, namentlich bei Nordwind, diese Disposition des Magens von selbst wieder aufhört. Die Ursache der Elektrizitätsentwicklung dürfte in der starken Reibung, in welche die Sandkörner unter sich versetzt werden, zu suchen sein.

Obwohl wir schon nachts um zwei Uhr weitermarschierten und während des ganzen Tags, die Frühstückszeit abgerechnet, in Bewegung blieben, legten wir doch bis zum Abend kaum über zwölf Kamelstunden zurück, weil die Kamele, in den hier wachsenden saftigen Kräutern weidend, nur langsam vorwärts gingen. Luft und Erde waren noch stark mit Elektrizität geschwängert.

Auch am folgenden Tag, den 13., an dem wir um fünf Uhr morgens aufbrachen, weideten die Kamele noch, bis sie um elf Uhr wieder den richtigen Kamelschritt annahmen. Um ein Uhr einen Chorm (Engpaß) passierend, erblickten wir in der Entfernung von etwa fünfzig Kilometer im Südwesten den hohen Berg Nabet-es-Djrug. Niedrigere Berge, mit geschwärzten Steinchen überschüttet, die ihnen von weitem das Aussehen gaben, als wären sie von einer Wolke beschattet, zogen sich zu beiden Seiten hin. Mit dem Austritt aus dem Chorm ließen wir die Abdachung des Uadi Faat hinter uns und gelangten in eine steinige Ebene, auf der wir bei einigen vereinzelt stehenden Mimosenbüschen lagerten.

Nachdem wir am folgenden Morgen gerade südwärts weiter gezogen und um sechs Uhr durch einen anderen Chorm gekommen waren, stand der zuckerhutähnliche Djebel Nabet-es-Djrug wieder vor uns, neben ihm aber tauchten noch mehrere hohe Berggipfel auf, und bald befanden wir uns inmitten des unzweifelhaft ein Ganzes bildenden Gebirgszuges, der von den Arabern Harudj soda, Harudj abiad oder Djebel soda, schlechtweg das »Schwarze Gebirge« genannt wird. Seine östlichsten Teile haben Hornemann und Beurmann überstiegen, den westlichsten durchzog ich. Von Barth, Richardson und Overweg aber wurde er gar nicht berührt, indem sie auf ihrer Reise von Tripolis nach dem Sudan sich mehr westlich hielten, wo auf etwa gleicher Höhe kein Gebirge, sondern eine nackte Hammada zu passieren war.

Das äußere Aussehen des Schwarzen Gebirges ist so unheimlich, wie man sich nur ein ödes, wild zerklüftetes Wüstengebirge denken kann. Vogel verglich die Gegend wegen des zertrümmerten schlackenartigen Gesteins den Landschaften im Mond und Hornemann einer Höhle in einer engen dunklen Schlucht mit dem Eingang zur Unterwelt. Der düstere Eindruck, den die schwarze Färbung der Steine, der großen wie der kleinen, hervorbringt, wird noch dadurch eigentümlich verstärkt, daß in die pechschwarzen Felswände und in die mit schwarzem Geröll überdeckten Abhänge häufig weiße Sandsteinlager eingebettet sind. Trotzdem ist das Gebirge nicht so völlig vegetationslos, wie es von den meisten Reisenden geschildert wird. In den Tälern wachsen verhältnismäßig viele Kräuter und fast in allen auch Akaziensträucher.

Unsere Karawane erreichte nach weiterem sechsstündigem Marsch gegen Süden um zwölf Uhr das bedeutende Uadi el-Had, das nach Aussage der Mschaschia in das Uadi el-Bei mündet. Wir mußten, weil schon zwei Karawanen an den Wasserlöchern des Uadi Had lagerten, etwas außerhalb derselben kampieren, nahmen jedoch eins davon in Beschlag. Die Leute fingen nun sogleich an, den Sand herauszugraben oder vielmehr mit den Händen herauszukratzen, denn unbegreiflicherweise führen die Karawanen keine eisernen Schaufeln zum Gebrauch in derartigen Fällen mit sich und nur selten eine eiserne Hacke, mit welcher der Sand gelockert, dann in einen Korb geworfen und herausbefördert wird. Die unsrige hatte weder Schaufel noch Hacke, weshalb die Arbeit sehr mühevoll und langsam vonstatten ging; es dauerte bis zum folgenden Nachmittag, ehe einige Schläuche gefüllt waren. Das Wasser war süß, aber außerordentlich unrein, was nicht wundernehmen kann, wenn man hört, daß bei dieser Prozedur die Arbeiter mit ihren schweißigen, schmutzigen Füßen in das Wasserloch selbst hinuntersteigen. Aber was trinkt man nicht alles in der Sahara! Unsere armen Kamele waren noch schlimmer daran; sie hatten sich, ausgetrocknet durch den sengenden Gebli, noch mehrere Tage zu gedulden, ehe sie ihren Durst mit Wasser stillen konnten.

Um vier Uhr nachmittags verließen wir den Platz, der sechs bis sieben Stunden vom Nabet-es-Djrug entfernt ist, und drangen nun südwärts, aber in steten Windungen durch das Gebirge. Über ein Plateau und durch den Chorm Ifrisch kamen wir gegen acht Uhr in das Uadi Ifrisch, wo das Nachtlager bereitet wurde. In unserer Nähe lagerten zwei mit Datteln von Fesan zurückkehrende Karawanen. Der Genuß frischer Datteln, sonst schädlich für den nicht daran Gewöhnten, hatte diesmal bei mir eine heilsame Wirkung; ich konnte von dem Tag an den Opiumgebrauch aussetzen, während bis dahin, sobald ich es unterließ, eine gewisse Dosis dieses gefährlichen Narkotikums zu nehmen, immer wieder Unterleibsbeschwerden sich eingestellt hatten.

Wir verweilten bei den Dattel-Karawanen bis zum Mittag des folgenden Tages, gelangten um drei Uhr in das östlich verlaufende Uadi Mrheir und passierten das Uadi-es-Schrab, das von Westen kommend gerade auf den Djebel Nabet-es-Djrug losgeht, welchem wir jetzt bis auf vier Stunden westlich von uns nahe gekommen waren. Um sieben Uhr lagerten wir in dem gleichfalls nach Westen gehenden Uadi Bu-Delomm.

Am 17. Oktober wurde früh um fünf Uhr aufgebrochen. Der Weg führte nach einer Stunde an der Grabstätte des Marabut Sidi-Bu-Agöll vorüber, rings um welche Hunderte von Seilen aufgehäuft lagen. »Agöll« heißt nämlich das Seil, mit dem man nachts im Lager den Kamelen die Vorderbeine zusammenbindet, das also auf der Reise von großer Wichtigkeit ist. Sidi-Bu-Agöll aber ist der spezielle Schutzheilige der mohammedanischen Kameltreiber, und um sich seiner Gunst zu versichern, opfern sie an seinem Grab das für sie so wertvolle Stück.

Um acht Uhr hatten wir westlich von uns den Djebel Hauga und um zehn Uhr in derselben Richtung den Djebel Sigsah, beide nur drei bis vier Stunden von der Straße entfernt. Schon nach einigen Wegstunden verloren wir indes diese nach Süden zu letzten bedeutenden Erhebungen des Schwarzen Gebirges, obwohl sie vereinzelt stehen, daher von Osten aus gesehen sehr hoch erscheinen, wieder aus dem Gesicht, weil die Hochebene sich nach Süden sanft abdacht und sich bald den Blicken entzieht. Dies ist auch der Grund, weshalb frühere europäische Reisende weder sie, noch selbst den Nabet-es-Djrug gesehen haben; denn ihre Tour ging entweder östlicher oder westlicher als die meinige, auf welcher der Nabet-es-Djrug bereits in einer Entfernung von fünfzehn deutschen Meilen sichtbar wird.

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