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Quer durch Afrika

Gerhard Rohlfs: Quer durch Afrika - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
booktitleQuer durch Afrika
authorGerhard Rohlfs
year1984
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart - Wien
isbn3-522-60580-2
titleQuer durch Afrika
pages3-373
created19991112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Wir hatten Kantang anderentags bei Sonnenaufgang verlassen, waren, mit geringen Ausweichungen nach Ost oder West, immer südwärts marschiert und machten nun in dem Örtchen Kossum halt, das ganz zwischen hohen Bäumen versteckt liegt. Hier blieb unter dem Vorgeben, daß er nicht weiter zu gehen imstande sei, unser Führer zurück, obgleich ich ihn für sechstausend Muscheln bis nach Keffi gedungen hatte. Damals war er ganz nackt, und weil er sich als guter Muselmann dessen schämte, nahm er den Führerdienst bei mir an, um für die Muscheln sich dann ein Hemd kaufen zu können. An einem der ersten Marschtage beschenkte ich ihn mit einer Weste; da war es höchst komisch zu sehen, welche vergeblichen Anstrengungen er machte, das ungewohnte Kleidungsstück auf seinen Körper zu bringen; endlich dank der Hilfe meines kleinen Noël damit zurechtgekommen, saß er, mir den Rücken kehrend, zur Erde nieder, rieb sich das Gesicht mit Sand und rief unzählige Mal »Etjau, etjau« (Haussa-Wort für »danke schön«). Seitdem spottete er bei jeder Gelegenheit über die Heiden, auf die er mit dem ganzen Hochmut eines zum Islam bekehrten Negers herabsah, daß sie so unanständig seien, unbekleidet zu gehen. Schwarz wie ein Rabe, hatte er seltsamerweise bei der Beschneidung den Namen unseres paradiesischen Elternvaters Adam erhalten. Im ganzen war ich mit ihm zufrieden gewesen, er sorgte namentlich gut für die Pferde und hatte nur den einen Fehler, daß er in jedem Dorf am Weg einkehren wollte und sich immer lange zum Wiederaufbruch antreiben ließ.

Von nun an ohne Führer setzten wir unsere Tour durch den Wald fort. Unsere Pferde, deren Hufe von dem fortwährenden Gehen auf steinigem Gebirgsboden sehr lädiert waren, brachen hier vor Schmerz und Ermüdung fast zusammen; wir ließen sie daher, unten im Tal angekommen, auf einem schattigen, von fließendem Wasser benetzten Grasplatz ein paar Stunden ausruhen. Dicker Qualm von Grasbränden lagerte über der, wie mir schien, immer noch recht gebirgigen Landschaft, so daß uns der Ort Hadeli nicht eher sichtbar ward, als bis wir dicht unter seinen Mauern standen. Wir ritten durch das Tor und begaben uns zunächst auf den Markt, um Lebensmittel für uns und Futter für die Pferde zu kaufen. Da wurden wir von einem Mallem, der mich für einen mohammedanischen Kollegen hielt, angeredet und eingeladen, ihm in seine Wohnung zu folgen. Dankend nahm ich sein Erbieten an, und wir waren bei ihm, wie sich zeigte, ganz gut aufgehoben. Immer im Glauben, ich sei ein gelehrter Fakih, bat er mich, ein Amulett in arabischer Sprache für ihn zu schreiben, welches die Wirkung habe, daß alles sich zu seinem Vorteil wenden müsse. Solche arabisch geschriebenen Amulette sind in Zentralafrika außerordentlich begehrt, fast überall, wo ich länger verweilte, ward ich um Niederschrift irgendeiner Wunschformel angegangen. Da ich nun wußte, daß die Empfänger nicht arabisch lesen können, die Schrift aber als einen kostbaren Besitz sorgfältigst aufbewahren, benutzte ich diese Zettel, um den Namen des Orts, den Tag meines Aufenthalts daselbst, den Barometerstand und andere von mir gemachte Beobachtungen darin niederzulegen. Es befremdete zwar unseren Wirt, daß er mich abends nicht die vorschriftsmäßigen Gebete verrichten sah, doch erwiderte ihm Hammed, gegen den er seine Verwunderung darüber aussprach, als ein so großer Mallem, der ich sei, hätte ich das nicht mehr nötig; und als ich ihm beim Abschied am anderen Morgen fünfhundert Muscheln und eine rote Mütze im Wert von dreitausend Muscheln als Gastgeschenk einhändigte, schien vollends jeder Zweifel an meiner Heiligkeit und Gelehrsamkeit aus seinem Kopf geschwunden zu sein.

Der achtzehntägige Ritt durch das Gebirge hatte mich, zumal meine Kräfte nicht mehr die anfängliche Spannkraft besaßen und viele der früher genossenen Reisebequemlichkeiten nun entbehrt werden mußten, in hohem Grade angegriffen; ich begrüßte deshalb mit Freuden die Anzeichen von der Nähe eines größeren Orts, in der Aussicht, dort einige Tage der Ruhe und Erholung verbringen zu können. Von Hadeli ab, das wir am 19. Februar morgens um sieben Uhr verließen, reiht sich Weiler an Weiler und Feld an Feld bis an die Tore der zwei Stunden entfernten Stadt Keffi Abd-es-Senga. Um neun Uhr zogen wir in dieselbe ein. Ich ließ sogleich dem Sultan meine Ankunft melden und wurde bald darauf zur Audienz entboten. Man führte mich in eine einzeln stehende runde Hütte von erstaunlicher Größe; ihr Inneres bildete einen einzigen, mindestens hundert Fuß im Durchmesser haltenden Raum, von zwanzig Fuß hohen Tonmauern umschlossen, über denen sich das zuckerhutförmige Dach, durch den Stamm einer Deleb-Palme gestützt, wohl sechzig Fuß hoch erhob; mehrere ovale Öffnungen in der Wand gestatteten dem Licht hinlänglichen Zutritt; der Boden war mosaikartig gepflastert. Der Sultan von Keffi, auf einer Ochsenhaut sitzend und ganz in Weiß gekleidet, empfing mich auf das huldvollste, doch beschränkte sich die Audienz, da er kein Arabisch sprach, wenn er auch etwas zu verstehen schien, auf die herkömmlichen Begrüßungen. Sodann befahl er seinem ersten Minister, uns ein gutes Quartier anzuweisen.

Die Stadt liegt an der Ostseite eines Hügels, zirka neunhundert Fuß über dem Meer, in einer äußerst fruchtbaren Gegend. Sie ist durch feste Mauern geschützt und von zwei Rinnsalen durchschnitten, die zwei Stunden weiter östlich in den Kogna-Fluß münden, in der trockenen Jahreszeit aber wenig oder gar kein Wasser haben. Da nun aller Unrat auf den Straßen liegen bleibt und Hunde, die ihn verzehren würden, aus religiösem Vorurteil nicht geduldet werden, muß namentlich zu Beginn der Regenzeit der Aufenthalt in den engen Stadtteilen sehr lästig und ungesund sein. Neben den runden Hütten gibt es hier auch schon viereckige, eine Form, die eigentlich erst am unteren Niger und südlich vom Benue als die gebräuchliche vorkommt.

Die Bevölkerung, aus mohammedanischen Fellata, Haussa und Segseg und aus heidnischen Afo nebst anderen Negerstämmen gemischt, war etwa dreißigtausend Seelen stark, aber in rascher Zunahme begriffen, seitdem die Handelskarawanen ihren Weg über hier statt über Bautschi nehmen. Männer wie Frauen gehen bekleidet, nur an Markttagen sieht man nackte Neger beiderlei Geschlechts, die aus den umliegenden Dörfern zur Stadt kommen. Einen höchst sonderbaren Geschmack entwickeln die Bewohner dieses gesegneten Landstrichs, der so viele Nutz- und Nährpflanzen wie die Ölpalme, den Butterbaum und zahlreiche andere ohne alle Pflege darbietet, indem sie mit Vorliebe gekochte Lederstückchen kauen. Die Frau meines Hauswirts, eines Gerbers und Sandalenmachers, beiläufig die fetteste Negerin, die ich je gesehen, sammelte alle Abfälle von den ungegerbten Ochsenhäuten, sengte über einem Strohfeuer die Haare davon ab, kochte dann die Stücke so lange in Wasser, bis sie einigermaßen weich geworden waren, und erwarb sich aus dem Verkauf dieses vom Volk als Leckerbissen begehrten Gerichts einen hübschen Nebenverdienst. Durch die tierischen Abfälle, welche rings um die Gerberei aufgehäuft lagen, wurden immer Hunderte von Aasgeiern angelockt, deren gellendes Gekreisch mich nicht wenig belästigte; selbst als ich mit linsengroßen Sorghumkörnern unter sie schoß – mein Schrotvorrat war mir ausgegangen – und einige aus dem Haufen tötete, ließen sie sich nicht vertreiben.

Gleich weit von Egga, dem afrikanischen Emporium der Engländer, wie von Kano, dem südwestlichsten Handelsplatz der Araber und Berber, vereinigt Keffi auf seinem Markt die Waren, die über den Atlantischen Ozean kommen, mit denen, die über das Mittelmeer nach Zentralafrika gebracht werden. Selbstverständlich wird ein so großer Markt, der an Bedeutung schon beinahe den von Kuka erreicht hat, von vielen fremden Kaufleuten besucht; es hielten sich zur Zeit deren aus Egga, Ilori, Gondja, Kano, Saria und Jola in der Stadt auf.

Ich beriet mich mit mehreren Kaufleuten über die Fortsetzung meiner Reise und entnahm aus ihren verschiedenen Angaben, daß es am förderlichsten für mich sei, in einem Kanu den Benue hinabzufahren, und daß ich den Weg bis ans Ufer des Stromes ganz gut zu Fuß zurücklegen könne. Nun galt es, meine drei Pferde bestmöglich zu verkaufen. Das war aber keine leichte, jedenfalls keine rasch zu erledigende Aufgabe. Geduldig mußte ich von Tag zu Tag auf ein annehmbares Gebot harren, um schließlich doch nicht mehr als hundertneunzigtausend Muscheln (achtunddreißig Taler) für alle drei zu erzielen. Jetzt fragte es sich wieder: Was mit den Muscheln anfangen? Da Keffi auch ein bedeutender Markt für Elfenbein ist, das von den Gegenden am Benue in Masse hierhergebracht wird, kam ich auf die Idee, dieses überall verwertbare Produkt gegen dieselben einzutauschen. Das lästige und zeitraubende Feilschen ging also von neuem los, und es dauerte wieder mehrere Tage, bis der Handel abgeschlossen war. Für zweihundertzwanzigtausend Muscheln (vierundvierzig Taler) erstand ich zwei Elefantenzähne von je vier Ellen Länge und zusammen hundertvierzig Pfund Gewicht. Ein Händler würde dreißig, höchstens fünfunddreißig Taler dafür bezahlt haben, und in Europa wären sie, zum durchschnittlichen Marktpreis von hundertfünfzig Taler pro Zentner gerechnet, zweihundertzehn Taler wert gewesen. Ich verkaufte sie später in Lokoja um zweihundert Taler. Fünf kleine Zähne wurden mir für nur sechzigtausend Muscheln zugeschlagen. Seitdem die Elefantenherden im Tschadsee-Gebiet so stark dezimiert worden sind, liefern unstreitig die Länder am Benue bei weitem den größten Teil des über Tripolis nach Europa gehenden Elfenbeins.

Während der ganzen Zeit waren ich und Hammed wieder arg vom Wechselfieber geplagt; nur der kleine Noël blieb frei davon, so daß er für uns beide sorgen und oft ganz allein den Dienst versehen mußte. Dann und wann ein Schluck importierter Branntwein gab, so schlecht er war, meinen erschlafften Lebensgeistern einige Anregung; was mir aber vor allem frischen Mut verlieh, das war die Kunde von einer englischen Ansiedlung am Zusammenfluß des Benue und Niger, von der ich hier zum erstenmal hörte, denn erst als ich Europa eben verlassen hatte, kam die Nachricht dorthin, daß Engländer an diesem Punkt Afrikas die Handelsfaktorei Lokoja gegründet hatten. Von der Sehnsucht getrieben, wieder mit gebildeten Menschen zu verkehren, europäische Laute an mein Ohr schlagen zu lassen, war ich nun noch eifriger auf baldiges Weiterkommen bedacht. In sehr dankenswerter Weise unterstützte mich dabei ein Bruder des Sultans, namens Ja-Mussa; er mietete mir Träger für die Elefantenzähne, versah mich mit zwei Sklaven zum Fortschaffen des Gepäcks und stellte einen seiner Hausbeamten als Begleitung durch das Gebiet der götzendienerischen Afo-Neger zu meiner Verfügung; von da bis an das Große Wasser, wie er sagte, sei die Gegend sicher und kein schützendes Geleit vonnöten. So stand endlich meinem Aufbruch von Keffi nichts mehr im Weg.

Ich schritt mit meinen Leuten zu Fuß durch das südöstliche Stadttor. Auch auf dieser Seite der Stadt fehlt es nicht an einzeln liegenden, von Fruchtfeldern umgebenen Gehöften, ein Beweis, daß Leben und Eigentum hier vollkommen geschützt sind. Das Terrain, anfangs ganz eben, erhob sich nach einer Stunde zu niedrigen Hügeln. Um halb zwei Uhr kamen wir zu dem Ort Akoki und um Viertel nach drei Uhr an den Fluß Kogna, den ich dicht hinter Hadeli schon einmal überschritten hatte. Er floß so ruhig und klar, daß man die Fische darin schwimmen und bis auf den kiesigen, viel Marienglas führenden Grund sehen konnte. Wir ruhten eine Weile an seinem kühlen, malerischen Ufer und gingen dann bis zu dem Örtchen Gando-n-Ja-Mussa, das dem Bruder des Sultans gehört, wo man uns daher aufs beste empfing und beherbergte. Gando ist nur zehn Minuten vom Kogna-Ufer entfernt.

Frühmorgens gegen Südsüdosten weitergehend, hatten wir in hügeliger Gegend erst angebautes Land zur Seite, traten dann in einen Wald und gelangten zu dem Ort Ssinssinni. Der Name »Ssinssinni« heißt wörtlich »Lagerstadt« und wird in der Regel solchen Orten beigelegt, die zweitweise, wie Keffi-n-Rauta, einer größeren Zahl Truppen zum Quartier dienen. Ja-Mussa hatte mir ein Empfehlungsschreiben an den Sultan von Ssinssinni mitgegeben, worin dieser ersucht wurde, uns von einem sicheren Mann nach der Stadt Akum unfern vom Benue, die unter seiner Botmäßigkeit steht, geleiten zu lassen. Er schickte bereitwillig einen seiner Diener und beschenkte uns überdies mit Brotkügelchen aus Indischem Korn; anderen Proviant kaufte ich auf dem Markt für uns ein.

Der Weg nahm jetzt, wieder durch Wald führend, südsüdwestliche Richtung. Das Gehen fing ja doch bereits an, mir schwer zu fallen, da mich meine alte Schußwunde im rechten Bein schmerzte, und kaum konnte ich den Elfenbeinträgern folgen, die, ihre schwere Bürde frei auf dem Kopf balancierend, rasch, als wären sie unbelastet, voranschritten. Im Wald erlegten meine Leute eine Schlange von fünf Fuß Länge, die einzige, die ich in Innerafrika gesehen, und schnitten ihr den Kopf ab, um mit dem darin enthaltenen Gift ihre Pfeile zu bestreichen. Nach zwei Stunden und vierzig Minuten war unser Nachtquartier, der Ort Mallem Omaro, erreicht.

Schon um halb sieben Uhr traten wir am anderen Morgen den Weitermarsch an. Zunächst war der Aueni-Fluß zu überschreiten; ein primitiver Steg für Fußgänger verband zwar die beiderseitigen Ufer, indem man einen abgehauenen Stamm von einem Baum zum anderen gelegt hatte, doch zogen wir vor, das seichte Bett zu durchwaten. Von seinem jenseitigen Ufer an beginnt eine allmähliche Erhebung des sehr unebenen, von vielen Rinnsalen durchschnittenen Bodens. Nach einstündigem Marsch durch Wald gelangten wir auf eine baumlose Anhöhe. Weitere drei Marschstunden brachten uns an den Fuß des Ego-Gebirges. Wir brauchten eine halbe Stunde zum Erklimmen der bewaldeten steilen Bergwand und erreichten auf einem kleinen Plateau das von hohen Granitblöcken und undurchdringlichem Gestrüpp, durch welches nur ein einziger schmaler Fußpfad führt, wie mit einem natürlichen Wall umschlossene Dorf Ego. Dank der Empfehlung Ja-Mussas wurden wir von dem Sultan des Ortes in seine eigene Wohnung aufgenommen und reichlich mit Speisen versorgt.

Die Bewohner dieses einsamen Gebirgsdorfes, etwas fünfhundert an der Zahl, sind Afo-Neger von dunkelschwarzer Hautfarbe. Sie feilen sich die Oberzähne spitz und scheren ihr Kopfhaar stellenweise ab, so daß es dazwischen in verschiedenförmigen einzelnen Figuren stehen bleibt. Die Frauen hüllen den Körper in ein Stück Zeug, die Männer aber gehen unbekleidet, nur einen zwischen den Beinen hindurchgezogenen Schurz tragend. Bei den unverheirateten Burschen sind beide Arme von oben bis unten mit messingenen Spangen, bei manchen auch die Füße mit Messingkettchen geschmückt und die Hüften mit Perlenschnüren umwunden, ganz wie in Segseg und Bautschi bei den Frauen. Es ist überhaupt eigentümlich, wie die Weibertracht der einen Gegend in der anderen von den Männern getragen wird und ebenso umgekehrt. Ja, trotz der Einfachheit der Trachten ist auch bei den innerafrikanischen Negern keineswegs ein Wechsel in den Moden ausgeschlossen; so kommt es vor, daß dieselbe Sorte Glasperlen, die bei einem Stamm sehr beliebt war, nach einiger Zeit gar nicht mehr von ihm gekauft wird, weil der Geschmack sich inzwischen einer neuen Sorte zugewendet hat.

Wenn ich in den bis dahin von mir bereisten Ländern Afrikas, in welche alle der Mohammedanismus mehr oder weniger eingedrungen, keinerlei heidnische Götzenbilder gesehen hatte, vielmehr die ganze Religion der dort wohnenden Heiden, ohne irgendwelchen äußeren Kultus, bloß in einigen abergläubischen Vorstellungen zu bestehen scheint, trat mir hier in Ego mit einemmal der Fetischdienst in seiner vollen Ausbildung entgegen. Am Eingang zur Wohnung des Sultans stand ein aus Ton geformter Götze, und ebenso hatte jede Familie, meist auf einer Erhöhung vor der Hütte, ihren eigenen Hausgötzen, gewöhnlich eine Gruppe von mehreren Tongebilden, die mit bunten Lappen, mit Tellern, Schüsseln und allerhand sonstigem Gerät behängt oder auch ganz angekleidet und mit Bogen und Pfeil versehen waren. Außerdem gab es in besonderen Hütten zur allgemeinen Verehrung aufgestellte Götzen. Die zwei vornehmsten derselben hießen Dodo und Harna-Ja-Mussa. Dodo, wahrscheinlich das böse Prinzip repräsentierend, war eine tönerne Tiergestalt mit vier Antilopenhörnern auf dem Rücken und zwei menschlichen Gesichtern, eins nach vorn und eins nach rückwärts gekehrt, von denen das vordere weiß gefärbt war und einen Bart von Schafwolle hatte. Harna-Ja-Mussa stellte eine menschliche Figur ohne Arme in sitzender Stellung vor, mit herausgestreckter Zunge, starkem weißen Wollbart und zwei Antilopenhörnern auf dem Kopf. Die Gesichter an beiden Götzen wie an allen, die ich später sah, zeigten nicht den Negertypus, sondern mehr kaukasische, vermutlich den Fellata-Physiognomien nachgebildete Formen. Übrigens können diese zwei Götzen erst aus neuerer Zeit stammen, denn sie tragen die Namen zweier Anführer der Fellata, die sich bei der Invasion derselben, der eine im Haussa-Land, der andere in Segseg, durch besondere Grausamkeit gegen die Eingeborenen hervorgetan hatten. Verstorbene Afo werden in den Hütten der Götzen begraben, und sind es im Leben berühmte Krieger gewesen, so wird ihr Bild auf das Grab gesetzt und als neuer Fetisch verehrt. Man erfleht von den Götzen ein fruchtbares Jahr, Regen, Sieg über die Feinde, zahlreiche Nachkommenschaft usw. und fürchtet dagegen, daß sie, wenn man ihren Dienst vernachlässigt, das heißt nicht zu gewissen Zeiten das Blut geschlachteter Tiere vor ihnen aussprengt oder sie damit beschmiert, Hungersnot, Krankheiten, Krieg und sonstiges Unheil über den Stamm verhängen.

Wir verließen Ego am anderen Morgen um halb sieben Uhr, gingen in südsüdwestlicher Richtung auf dem Hochplateau weiter und befanden uns nach einer halben Stunde an dessen südlichem Abhang, den wir nun hinabstiegen. Hier zeigten sich schon zahlreiche Elefantenspuren. Auch Zibetkatzen muß es hier in Menge geben. Ich bekam zwar, da sie außerordentlich scheu sind, keine zu Gesicht, aber meine Neger fanden überall am Weg dürre Grashalme, die mit dem stark riechenden Zibetfett beklebt waren.

Um halb elf Uhr vormittags rasteten wir vor der rings mit tiefen Gräben umzogenen Stadt Atjaua, die etwa fünftausend Einwohner, alle dem Stamm der Afo angehörig, zählen soll. Von da wandte sich der Weg südlich, er führte, von mehreren gegen Osten oder Südosten fließenden Rinnsalen gekreuzt, in einer großgewellten Ebene hin, links und rechts an zerstörten Ortschaften vorbei, den traurigen Zeugen verheerender Kriege, zu der ebenfalls von fünftausend götzendienerischen Afo bewohnten Stadt Udeni, welche wir nach drei Stunden erreichten. Wie Ajaua ist auch Udeni durch Wallgräben befestigt, doch gelangt man, statt wie dort über einen hölzernen Balken, hier über einen etwas breiteren hölzernen Steg in die Stadt. Angestaunt von den herbeilaufenden Bewohnern – ich mochte wohl der erste weiße Mann sein, den sie zu sehen bekamen –, ließen wir uns gleich zum Sultan führen und wurden bestens von ihm aufgenommen. Der Ort liegt in einem Wald von Ölpalmen, die nicht nur gutes, rotfarbiges Öl liefern, sondern auch Früchte mit einem schmackhaften mandelartigen Kern. In der weiteren Umgebung von Udeni wird viel Baumwolle gebaut. Auf dem Markt der Stadt sah ich Fische aus dem Benue feilbieten.

Am folgenden Tag legten wir erst eine Stunde in südlicher, darauf vier Stunden in südsüdwestlicher Richtung zurück. Die Gegend ist einförmig: großgewellter Sand- oder Tonboden, sehr dichter, aber niedriger und verkrüppelter Wald. Ungefähr in der Mitte des Wegs befinden sich die Ruinen der von den Fellata zerstörten Stadt A'kora, die einen sehr bedeutenden Umfang gehabt haben muß. Bei dieser Trümmerstätte beginnt eine acht Fuß breite, in schnurgerader Richtung bis zur Stadt Akum führende Kunststraße; ich erblickte in ihr ein bemerkenswertes Zeichen fortgeschrittener Zivilisation, wie es mir noch in keinem Negerland begegnet war, umsomehr, als man zu ihrer Anlage auf der ganzen Strecke das dichtverwachsene, knorrige Gehölz hatte aushauen und entwurzeln müssen.

In Akum ließ mich der Sultan des Orts, namens Auno, zu einem Besuch einladen. Den Eingang zu seiner sehr weitläufigen Wohnung bildete eine mit doppeltem, kirchturmähnlichem Dach bedeckte und an den äußeren Tonwänden mit Arabesken verzierte Hütte. Durch sie hindurch und über mehrere Höfe, wo Sklaven und Sklavinnen, aus langen Pfeifen rauchend, müßig auf dem mosaikartig gepflasterten Fußboden lagen, führte man mich zu einem kleineren inneren Raum. Hier hockte Seine schwarze Majestät völlig nackt am Boden; ein blaues Sudanhemd, das über seinen Schoß gebreitet war, sollte mir wohl bloß zeigen, daß er im Besitz von Kleidern sei, wenn er es auch nicht für nötig finde, sie anzulegen. Er sprach und verstand keine andere Sprache als Afo, und ich brauchte daher, um mich mit ihm zu verständigen, zwei Dolmetscher, einen, der das Afo ins Haussa, und einen, der mir das Haussa ins Kanuri übersetzte. Die Unterhaltung betraf zumeist meine Reise. Von verschiedenen Seiten war mir abgeraten worden, an den Benue zu gehen, weil die an seinen Ufern wohnenden Stämme, namentlich die Bassa, sehr raublustig seien und ich als Weißer unfehlbar dort ausgeplündert, wohl gar umgebracht werden würde. Der Sultan, den ich darüber befragte, versicherte mir aber, das sei unwahr, ich könne ohne Gefahr die Reise zum Benue fortsetzen. Nach beendigter Audienz wieder über die verschiedenen Höfe geführt, sah ich eine große Anzahl nackter Kinder in denselben herumlaufen, schwarze wie bronzegelbe, letztere von Fellata-Müttern stammend, alle durch Arm- und Beinringe gekennzeichnet und mit Glasperlen behängt. Es waren die Sprößlinge Sultan Aunos, der sich, wie man mir sagte, einen Harem von ungefähr dreihundert Weibern hielt. Sonst leben die Afo-Neger nicht in Polygamie, nur ihre Sultane haben das Vorrecht, es den mohammedanischen Großen hierin gleichzutun.

Als ich am folgenden Tag wieder zum Sultan ging, um mich von ihm zu verabschieden, ward ich Zeuge der Opferungen, welche den zahlreichen Götzen längs dem Hauptgang im Inneren des Palastes, wo jeder in einer besonderen kleinen Hütte steht, von den Dienern und Hofbeamten dargebracht wurden. Dem vornehmsten Götzen, Boka, schlachtet man ein Schaf, den anderen Hühnern. Die Opfertiere wurden nach mohammedanischem Brauch durch einen Querschnitt getötet, ihr dampfendes Blut alsdann vor den Fetischen ausgesprengt oder nebst den Hühnerfedern denselben angeklebt, das Fleisch aber sofort gekocht und von den Opferern verspeist. Zum Schluß zog man paarweise in Prozession an den Götzen vorüber, doch ohne sich vor ihnen zu verneigen. Betäubende Musik von Pauken, Trommeln, Becken und Pfeifen begleitete natürlich die Zeremonie.

Vom Benue, der hier einen weiten Halbbogen nach Süden beschreibt, liegt Akum noch fünf Stunden entfernt. Da es auf dem Weg dahin keine Brunnen gibt, beschloß ich, die Strecke nicht während der Tageshitze, sondern bei Nacht zurückzulegen, so daß wir erst abends ausmarschierten.

Wir hielten südwestliche Richtung ein und befanden uns nach kurzer Zeit in einem hochstämmigen Wald, in dem wir schweigend einer hinter dem anderen herschritten. Dann folgte wieder freies Feld mit einem jener beim Einfall der Fellata in Trümmer gelegten Orte, zuletzt aber ein schmaler Waldstreifen von so dichtbelaubten Bäumen, daß kein Mondstrahl hindurchdringen konnte und wir einander, um uns in der völligen Dunkelheit nicht zu verlieren, an der Hand fassen und so Schritt für Schritt vorwärts tappen mußten. Plötzlich glänzte zu unseren Füßen die breite silberne Wasserfläche des in majestätischer Ruhe dahinziehenden Stroms, der die Gewässer aus dem Herzen Afrikas dem Niger und durch diesen dem Großen Ozean zuführt. Kein Laut unterbrach die nächtliche Stille, und geräuschlos streckten auch wir uns, das Erscheinen der Morgenröte erwartend, in den weichen Ufersand zum Schlaf nieder.

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