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Quer durch Afrika

Gerhard Rohlfs: Quer durch Afrika - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleQuer durch Afrika
authorGerhard Rohlfs
year1984
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart - Wien
isbn3-522-60580-2
titleQuer durch Afrika
pages3-373
created19991112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Fünfzehntes Kapitel

Weiterer Aufenthalt in Kuka und Abreise

Am 12. Oktober traf ich um vier Uhr nachmittags wieder in den Mauern von Kuka ein. Die Kunde von der Wiederankunft des Christen verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt und erregte umso mehr Sensation, da man mich bereits totgesagt hatte. Mein Haus und meine Sachen fand ich unversehrt wieder, aber der Sklave, den ich krank zurückgelassen hatte, war inzwischen gestorben. Den folgenden Tag stattete ich dem Sultan meinen Besuch ab. Er empfing mich mit gewohnter Freundlichkeit und schickte gleich darauf Lebensmittel aller Art und in verschwenderischem Überfluß nach meiner Wohnung. Ich machte ihm dagegen die mitgebrachte junge Sklavin, nachdem sie sich ausgeruht und erholt hatte, zum Geschenk; das Mädchen kam somit aus einem Harem in den anderen.

Nach einigen Tagen langte der Ameisenbär an, den mir der Sultan von Uandala verehrt und nachgeschickt hatte. Es freute mich sehr, die Menagerie im Hof meines Hauses durch ein so seltenes Tier bereichert zu sehen; er wurde mit Buttermilch gefüttert, die zu jeder Zeit in Kuka frisch zu haben ist. Aber eines Nachts weckte mich ein sonderbares Schnüffeln und Prusten aus dem Schlaf, und als ich die Augen aufschlug, sah ich mit Schrecken den Ameisenbär dicht vor meinem Lager stehen. Angelockt von den Hunderten großer roter Ameisen, die in der Nacht zu mir hereinkrochen, um die süßen Reste aus der Teetasse zu naschen, hatte er sich mittels seiner scharfen, fast zwei Zoll langen Krallen unter dem inneren Hof und einem Vorgemach bis in mein Schlafzimmer binnen wenigen Stunden einen unterirdischen Gang gegraben. Natürlich wollte ich einen so gefährlichen Wühler nicht länger im Haus behalten, ich machte dem Prinzen Aba Bu-Bekr ein Präsent damit. Das Tier zu schlachten, hatte ich mich nicht entschließen können, obgleich es fett wie ein Ferkel war. Sein Fleisch soll stark nach Ameisensäure riechen, wird aber von den Negern, die keinerlei Fleisch verschmähen, als Leckerbissen gespeist.

Wie sich leider herausstellte, hatte meine Gesundheit durch die in der Regenzeit unternommene Reise nach Uandala nachhaltig gelitten, und nicht besser ging es meinen Gefährten Hammed und dem Gatroner. War nun auch hier in Kuka die Regenzeit vorüber, so hauchte dafür der zerklüftete, weil in der Sonnenhitze zu plötzlich getrocknete Boden aus seinen Spalten giftige Miasmen aus, während die Ostwinde faule vegetabilische und animalische Stoffe von dem durch den Tschad-See überschwemmten Land in die Stadt hereinwehten. Um dem Fieber entgegenzuwirken, mußten wir alle zwei Tage starke Dosen Chinin nehmen. Freilich wurde dadurch der Magen sehr geschwächt, und da die schädlichen äußeren Einflüsse fortdauerten, konnte keine Heilung erzielt werden, aber es wurde doch der sonst unfehlbar tödliche Ausgang des Übels verhindert. Nicht oft und dringend genug kann ich daher allen Reisenden die Anwendung sowie den prophylaktischen Gebrauch des Chinins empfehlen; es ist nicht nur das einzige Mittel gegen Wechsel- und perniziöse Fieber, auch rheumatischen Leiden wird, nach den Erfahrungen holländischer Ärzte an der Westküste von Afrika, am erfolgreichsten durch Chinin begegnet.

Acht Tage nach meiner Rückkehr begleitete ich Sultan Omar auf dessen Einladung nach seinem Landsitz Kuenge, eine halbe Stunde östlich von Kuka. Auch viele der Großen bauen sich, wie ich sah, in dem Ort Häuser, sonderbarerweise war aber keines davon fertig. Sobald es bekanntgeworden war, daß der Sultan die Stadt verlassen hatte, beeilte sich alles, was zum Hof gehörte, ihm nachzureiten. Einer nach dem anderen fanden sich die Vornehmen, jeder mit großem Gefolge, in Kuenge ein, und als man den Rückweg antrat, mochten wohl tausend Reiter beisammen sein. Eröffnet wurde der stattliche Zug von etwa fünfzig Eunuchen zu Pferd, in reicher buntfarbiger Kleidung. Dann kam der Sultan, einen edlen Berberschimmel reitend, der von acht Sklaven am Zügel gehalten wurde. Er trug einen schwarzen Tuchburnus, darunter einen weißseidenen Haik und weite blaue Tuchhosen, einen Turban von weißem Musselin, rote Stiefel und an der Seite ein Schwert mit silbergetriebener Scheide, das ihm von Vogel überbrachte Geschenk der Königin von England. Das Pferdegeschirr, der Sattel und die goldenen Steigbügel waren von arabischer Art. Am vorderen Sattelknopf hing links ein mit Silber beschlagener Karabiner, rechts eine doppelläufige Pistole. Unmittelbar hinter dem Sultan ritten drei Trommelschläger, die unablässig im langsamen Takt auf ihr Instrument lospaukten. Nun folgten dem Rang nach die hohen Würdenträger. Soldaten zu Fuß umschwärmten den Zug und knallten fortwährend Schüsse in die Luft. Dazwischen sprengten Reiter, um ihre schönen Pferde zu zeigen, an den Reihen auf und ab. Je näher wir der Stadt kamen, desto mehr verstärkte sich die Schar. Das Ganze bot ein echtes Bild von der Glanzentfaltung eines mächtigen Negerfürsten. Mich aber hatten der Ritt und der betäubende Lärm dermaßen angegriffen, daß ich mich mehrere Tage nicht von meinem Lager zu erheben vermochte.

Woche auf Woche, Monat auf Monat waren vergangen, und immer noch harrte ich vergebens der Antwort des Sultans von Uadai auf mein an ihn gerichtetes Schreiben. Ich bemühte mich unterdes, über die Verhältnisse am Hof von Uara, der Hauptstadt Uadais, sowie über die näheren Umstände der Ermordung Vogels und Beurmanns Zuverlässiges zu erfahren. Von Bornu aus findet zwar fast gar kein Verkehr mit Uadai statt, doch kommen bisweilen Leute von dort nach Kuka; einigen derselben verdanke ich die folgenden Mitteilungen.

Der frühere Sultan von Uadai, Mohammed, war ein, wie man annehmen muß, wahnsinniger Wüterich. Und noch entsetzlichere Greuel als er selbst verübten seine Söhne, Brüder und Vettern. Sie trieben sich betrunken auf den Straßen umher, drangen in die Wohnungen der fremden Kaufleute, die sich nach Uadai wagten, wie in die der eigenen Untertanen ein, schändeten die Frauen und raubten, was sie vorfanden. Begegnete ihnen jemand, der besser gekleidet war als sie, so rissen sie ihm die Kleider vom Leib. Einmal trafen zwei von ihnen eine hochschwangere Frau; der eine behauptete, es sei ein Kind, was sie unter dem Herzen trage, der andere, es seien Zwillinge; die Frau wurde befragt, und da die Arme keine Auskunft zu geben wußte, schlitzten sie ihr, um den Streit zu entscheiden, ohne weiteres den Bauch auf. Mord und Totschlag gehörten zu den täglichen Vorkommnissen.

Solcher Art waren die Zustände, als Vogel im Januar 1856 nach Uadai kam. Gleich anfangs mochte er die Vorsicht, die unter so gewalttätigen und raubsüchtigen Menschen doppelt notwendig ist, nicht genugsam beobachtet haben, namentlich gab er dadurch, daß er in Gegenwart der Eingeborenen zeichnete und seine Notizen niederschrieb, Anlaß, den Fremden bei Sultan Mohammed als türkischen oder christlichen Spion zu verdächtigen. Dieser ließ Vogel zu sich nach Uara bringen, empfing ihn jedoch nicht unfreundlich, sondern nahm seine Geschenke an und erwiderte sie mit den üblichen Gegengeschenken. Dann ließ er ihm die Stadt Nimro, wo die fremden Kaufleute zu wohnen pflegen, als Aufenthaltsort anweisen. In Nimro verweilte unser Reisender acht Tage frei und ungehindert, ohne jeden Gedanken an Gefahr. Da kam aus Uara der Befehl, er habe sofort das Land zu verlassen; ob er über Kanem nach Fesan zurück oder über Fur nach Ägypten gehen wolle, sei ihm freigestellt. Er entschied sich für das letztere. Am Tag der Abreise riet man ihm, seine drei Diener mit dem Gepäck vorauszuschicken und für sich die Kühle der Nacht zum Ausmarsch zu benutzen. Arglos ging Vogel auf den Rat ein. Als er nun abends, nur von einem ihm befreundeten Scherif begleitet und von fünf Reitern des Sultans eskortiert, aus Nimro fortgeritten war, wurden er und seine Begleiter von hinten überfallen und niedergestochen. Seine drei Diener durften, nachdem man ihnen alles Gepäck abgenommen, frei nach Bornu zurückkehren. Beim Weggang von Kuka hatte Vogel noch wenigstens dreitausend Taler an barem Geld bei sich gehabt, und dies war wohl der Hauptgrund zu seiner Ermordung. Der Sultan nahm von dem Geld, den Waren und Reiseeffekten Besitz; sämtliche Papiere aber sowie die Instrumente – die größeren hatte Vogel bekanntlich in Kuka zurückgelassen, wo ich sie bei Sultan Omar sah – ließ er als verdächtige Gegenstände auf der Stelle vernichten.

In demselben Jahr 1856 starb Sultan Mohammed, und einer seiner Söhne, Prinz Ali, ein kaum erwachsener Knabe, bestieg den Thron, nachdem die älteren Söhne auf Anstiften von Alis Mutter, deren einziger Sohn er ist, teils getötet, teils geblendet worden waren. Seine Regierung scheint an Gewalttätigkeit der seines verrückten Vaters wenig nachzustehen. Immer noch setzen Handelsleute, die nach Uadai gehen, um Sklaven, Elfenbein und Straußenfedern dort einzuhandeln, Gut und Leben aufs Spiel, denn mancher wird, wenn er Nimro wieder verlassen will, beraubt oder wohl gar ermordet. Auch was man von Sultan Ali selbst berichtete, klang keineswegs erbaulich. Bei einem Ausritt kam ihm sein erster Minister in den Weg. »Bleib stehen!« rief er demselben zu; »wer ein herangaloppierendes Pferd fürchtet, um wieviel mehr wird der sich vor Spießen und Schwertern fürchten!« Damit ließ er sein Roß über den Mann hinwegsetzen, dem durch einen Hufschlag der Arm zerschmettert wurde. Einen anderen seiner Beamten sperrte er zu einem an ein langes Seil gebundenen Tiger in den Käfig, wo derselbe nur, indem er sich so dicht wie möglich an die gegenüberliegende Wand preßte, von den Klauen der Bestie nicht erfaßt werden konnte. Der junge Herrscher stand übrigens noch ganz unter dem Einfluß seiner Mutter, welche auch die Beziehungen Uadais zu den Nachbarstaaten leitete.

Gerade sieben Jahre nach Vogel, im Februar 1863, mußte Moritz von Beurmann den Versuch, in Uadai einzudringen, mit seinem Leben bezahlen. Kaum in der Grenzprovinz Mao angekommen, ward er auf Befehl des dortigen Statthalters ermordet. Sultan Ali befand sich damals in Bagirmi, von ihm ist also der Befehl dazu nicht ausgegangen; als man ihm nach seiner Rückkehr von dem Geschehenen Meldung machte, soll er gesagt haben: »Warum habt ihr den Christen getötet? Hättet ihr ihn doch wenigstens bis hierher kommen lassen, damit ich mich mit ihm belustigen konnte.« Gewiß ist, daß der Statthalter von Mao abgesetzt und als Sklave nach Uara gebracht wurde. Die Sachen des Ermordeten nahm der Sultan in Beschlag, und es heißt, auf Anraten der fremden Kaufleute habe er die Papiere nicht vernichtet, sondern halte sie noch in Verwahrung. Somit wäre es immerhin möglich, daß Beurmanns Aufzeichnungen noch einmal zum Vorschein kommen und nach Europa gelangen.

War das, was ich über Uadai in Bornu erkunden konnte, schon sehr dürftig und ungenügend, so blieben meine Bemühungen, über die weiter nach Süden gelegenen Länder mir irgendwelche Kunde zu verschaffen, gänzlich erfolglos. Man wußte hier absolut nichts von den Völkerstämmen, die jenseits Bagirmi wohnen; es scheint demnach zu keiner Zeit ein Verkehr mit dem Süden bestanden zu haben. Unterdessen beschäftigte ich mich, soweit es meine tief gesunkenen Kräfte zuließen, mit dem Studium der afrikanischen Sprachen; ich suchte meine Kenntnis des Kanuri und Teda zu vervollkommnen und legte mir von der Musgu-, der Budduma- und der Uandala-Sprache Vokabularien an.

Mitte November besserte sich mein Gesundheitszustand sowie der meiner Leute. Fieber und Durchfälle hörten auf, wir waren über die schädlichste Jahreszeit glücklich mit dem Leben hinweggekommen. Bei der Kostspieligkeit des Lebens in Kuka hatten die zweihundert Taler, die ich mir geliehen, nicht lange vorgehalten, meine baren Mittel gingen wieder zur Neige, und ich mußte allen Ernstes an die Weiterreise denken. In Gebieten, die außerhalb des Bereichs der arabischen und berberischen Kaufleute liegen, wo infolge dessen kein Geldumlauf stattfindet, konnte ich hoffen, gegen meine Waren, gegen Glasperlen und dergleichen alles zum Unterhalt Nötige einzutauschen; für die Ausrüstung an Lasttieren und sonstigen Reisebedarf aber rechnete ich auf die Freigebigkeit des Sultans.

Doch wohin sollte ich zunächst meine Schritte lenken? Eine Antwort aus Uadai war nun nicht mehr zu erwarten, und ohne vorherige Genehmigung Sultan Alis wäre es vergeblich gewesen, nach Bagirmi zu gehen; hätte er mich auch, die Macht des Herrschers von Bornu respektierend, nicht töten lassen, so würde er mir doch alle meine Sachen abgenommen und mich zur Umkehr gezwungen haben. Daß die Gebirgsländer im Süden von Uandala unpassierbar waren, erwähnte ich bereits. Ebensowenig konnte ich mich nach Musgu wenden, da dessen Bewohner, die Massa-Völker, erbitterte Feinde von Bornu sind. Es blieb somit kein anderer Weg nach Süden übrig als der über Adamaua, und diesen beschloß ich einzuschlagen.

Ich teilte dem Sultan meinen Entschluß sowie die Motive zu demselben mit, indem ich ihn um die Erlaubnis bat, abreisen zu dürfen. Er war ebenfalls der Ansicht, daß Sultan Ali unsere Schreiben unbeantwortet lassen würde und daß ich nur über Adamaua weitergehen könne, sprach aber den Wunsch aus, ich möge noch bis zum Ende des Monats Redjib (7. Dezember) verweilen; zur Bestreitung meiner Ausgaben für diese Zeit werde er mich mit dem nötigen Geld versehen. Noch an demselben Tag spät abends kam der Eunuchenoberst in meine Wohnung und händigte mir seitens des Sultans die Summe von sechzig Talern aus, welchem großmütigen Geschenk am anderen Morgen noch eine Naturalsendung folgte, bestehend aus einer fetten Kuh, einem Schaf, zwei Krügen Butter, vier Töpfen voll Honig und zehn Ladungen Getreide. Die Freigebigkeit des Sultans gegen den Christen erregte großes Aufsehen in der Stadt, es hieß, ich hätte tausend Taler geschenkt erhalten, man kam mich zu beglückwünschen, und als ich nach dem Schloß ritt, um meinen Dank abzustatten, wurde ich von allen Seiten angebettelt: der eine wollte fünf Taler, ein anderer zwei, ein dritter drei Taler von mir haben.

Besondere Freude machte ich dem Sultan durch Überlassung des unterwegs beim Herabfallen der Kisten vom Kamel zerbrochenen Opernguckers, obgleich derselbe von gar keinem Nutzen für ihn sein konnte. Hingegen schickte er mir als Proben einheimischer Industrieerzeugnisse in Bornu und Logone gefertigte Körbe, Tellerchen und Matten, schöner und feiner als ich sie auf dem Markt in Kuka gesehen hatte; ferner ein silbernes Pferdegeschirr, ein Löwenfell mit den Mähnen und ein gesprenkeltes Pantherfell. Von all diesen Sachen ist leider nur das Pferdegeschirr wohlerhalten nach Europa gekommen; ich hatte später die Ehre, es Kaiser Wilhelm zu überreichen, und es befindet sich jetzt nebst anderen Gegenständen, die ich aus Zentralafrika mitgebracht, im Berliner Museum.

In der letzten Woche des November erkrankte ich von neuem, und obwohl sich kein Fieber einstellte, schwanden mir die Kräfte in einer Weise, die das Schlimmste befürchten ließ. Gleichzeitig waren auch meine Diener wieder krank geworden, mit Ausnahme des kleinen Negers Noël und eines anderen Negerknaben, den Hammed vom Sultan von Uandala als Gastgeschenk erhalten hatte. Indes leistete uns allen auch in diesem Fall der Gebrauch von Chinin die vorzüglichsten, wahrhaft wunderbare Dienste. Sobald ich nun wieder mein Pferd zu besteigen imstande war, ritt ich zum Sultan – er befand sich eben in seiner unfern von meinem Haus gelegenen Wohnung in der Weststadt – und erklärte ihm, wenn er wolle, daß ich Kuka lebendig verlasse, möge er mich keinen Tag länger zurückhalten. Teilnahmsvoll hörte er meinen Krankheitsbericht an, worauf er mir nicht nur die Erlaubnis gab, schon am 1. Dezember abzureisen, sondern auch die angenehme Mitteilung hinzufügte, der Weg nach Jacoba sei ohne Gefahr zu passieren.

Durch einen Kurier kam die Meldung, eine von Fesan kommende große Karawane sei auf dem Marsch hierher und werde binnen drei oder vier Tagen eintreffen. Dies bestimmte mich, meine Abreise noch zu verschieben, denn ich hoffte, mit dieser Gelegenheit Briefe aus Europa zu erhalten, von wo mir nun seit fast einem Jahr keine Nachrichten mehr zugegangen waren.

Wirklich überbrachte mir die Karawane Briefe, Zeitungen und ein paar Hefte der Geographischen Mitteilungen, doch war die Sendung von Deutschland aus nicht weniger als elf Monate unterwegs gewesen. Anderentags bat ich den Sultan, mir die versprochenen Empfehlungsschreiben für die Weiterreise zukommen zu lassen; aber sei es, daß die angekommene Karawane seine Zeit in Anspruch nahm, oder wollte er mich absichtlich noch in Kuka zurückhalten, er sandte die Papiere nicht. Diese neue Verzögerung stellte meine Geduld auf eine harte Probe. Seitdem ich mich überzeugen mußte, daß leider keine Aussicht vorhanden war, durch Bagirmi und Uadai weiter ins Innere zu gelangen, war mein Entschluß zur Rückkehr gefaßt. Ich wollte auf dem kürzesten Weg das Atlantische Meer zu erreichen suchen und mich dann so bald als möglich nach Europa einschiffen. Aber die Reise von Bornu bis an die Meeresküste erforderte mehrere Monate Zeit, und nur für so lange reichte meine erschöpfte Reisekasse gerade noch hin.

Erst am 11. Dezember wurden mir die notwendigen Legitimationspapiere gebracht und zugleich ein letzter großer Vorrat an Lebensmitteln. Am 12. ritt ich zu der Residenz, um feierlichen Abschied zu nehmen. Der Sultan empfing mich in versammelter Nokna. Nachdem er mir noch einen europäischen Offizierssäbel geschenkt, wünschte er mir Glück zur Reise und fügte hinzu: »Sage, wenn du zu den Deinen heimkehrst, jeder Christ werde in meinem Reich willkommen sein.« Ich sprach den aufrichtigsten Dank aus für das Wohlwollen und die Güte, die er mir, dem Fremdling, habe zuteil werden lassen, mit der Versicherung, daß ich überall die Großmut des Beherrschers von Bornu rühmen und preisen würde.

Als ich mit meiner Reisebegleitung am 13. Dezember nachmittags durch die Straßen ritt, riefen mir die Bewohner von allen Seiten freundliche Abschiedsgrüße zu, nur ganz einzelne Stimmen ließen sich vernehmen: »Gottlob, daß er fortgeht, der Ungläubige, der Heide, der Christenhund!« Fünf Monate waren seit meinem Einzug in Kuka verflossen, die Stadt mit ihren grünumrankten Hütten und den schattigen, stets von einer munteren Vögelschar belebten Bäumen war mir wirklich lieb geworden, und nicht ohne Bedauern kehrte ich ihr für immer den Rücken. Wie in Kuka verwenden die Kanuri in allen ihren Städten und Dörfern bemerkenswerte Sorgfalt auf die Anpflanzung schattengebender Bäume; sie unterscheiden sich dadurch vorteilhaft von den Schua, die als echte Abkömmlinge der fatalistischen Araber zwar Gott für den Schatten danken, den ihnen ein am Weg stehender Baum gewährt, aber nicht daran denken, selbst einen Baum zu pflanzen, wo es Allah nicht gefiel einen wachsen zu lassen. Kaum waren wir durch das Südtor ins Freie gelangt, so entzog der dichte Blätterschmuck die Häuser der Ost- und Weststadt Kuka unseren Blicken.

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