Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gerhard Rohlfs >

Quer durch Afrika

Gerhard Rohlfs: Quer durch Afrika - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
booktitleQuer durch Afrika
authorGerhard Rohlfs
year1984
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart - Wien
isbn3-522-60580-2
titleQuer durch Afrika
pages3-373
created19991112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel

Beim Sultan von Uandala

Unser Zug ging durch mehrere Straßen und hielt dann vor einem mit Tonmauern umgebenen Gehöft, der mir zugewiesenen Wohnung. Sie bestand aus drei verschiedenen Hütten, die zusammen für mich und mein Gefolge genügend Raum boten. Zwei Stunden nach mir traf auch der Gatroner mit den übrigen Leuten und den Lastochsen glücklich ein. Es ließ sich niemand sehen als ein alter Kre-ma, der sich mir als Diener und Türhüter vorstellte. Auf meine Frage, wessen Gast ich hier sei, erwiderte er, der Kola-ma (Minister) habe für unsere Beköstigung und sonstigen Bedürfnisse zu sorgen. Zu diesem mußte ich aber mehrmals schicken, ehe ich Speisen für uns und einen Sack Ngafoli bekam, der höchstens drei Tage zum Füttern der Pferde und Ochsen ausreichte. Ich hatte ihn zugleich um Butter zum Füllen meiner Lampe bitten lassen (in Zentralafrika wird allgemein Butter statt Öl verbrannt), erhielt aber kaum genug für einen Abend, und als ich um größeren Vorrat ersuchte, sandte er mir eine nur halbvolle Büchse. Welcher Unterschied in der Aufnahme hier in dem kleinen Vasallenländchen und derjenigen, welche mir in Bornu, dem mächtigsten Negerreich, zuteil wurde! In Doloo mußte ich mir von dem Minister das Notwendigste erbitten; in Kuka war ich des Sultans eigener Gast und empfing von ihm Lebensmittel stets in solcher Fülle, daß ich mit dem Übrigbleibenden einen Handel hätte anfangen können, wäre es mir nicht unschicklich erschienen, von seinen Geschenken etwas zu verkaufen.

Am anderen Morgen wollte ich dem Sultan meine Aufwartung machen; da bedeutete man mir, das könne dem Zeremoniell gemäß nicht eher als den dritten Tag nach der Ankunft geschehen. Ich war daher ganz überrascht – eben steckte ich meinem kranken Hund eine Chininpille in den Hals, denn ich dachte, er leide vielleicht wie die Menschen am Wechselfieber –, als ein Hofbeamter mit der Botschaft erschien, der Sultan erlasse mir die vorgeschriebene dreitägige Frist, er wünsche mich und meine Begleiter sofort zu empfangen. Obgleich ich einwandte, es möchte wohl passender sein, daß ich mich dem Sultan zuerst allein vorstelle, da Almas sowohl als auch der von Aba Bu-Bekr mir überlassene Mann doch eigentlich nur Diener von mir wären und Dunkas sogar in Bornu noch als Sklave gelte, bestand der Bote darauf, sie sollten gleich mitkommen, und so machte ich mich mit ihnen auf den Weg.

Die Residenz des Herrschers von Uandala liegt an dem kleinen Fluß, der die größere, westliche Hälfte der Stadt von der östlichen, an den Berg gelehnten scheidet. Sehr weitläufig und ein eigenes Stadtviertel bildend, hat sie doch keineswegs das Aussehen eines Palastes. Auf dem Platz vor dem Eingang kauerten eine Menge Sklaven, darunter viele, wahrscheinlich die neu eingefangenen, mit Ketten belastet. Man hieß uns hier unsere Schuhe ausziehen; ich entgegnete aber, ich sei nicht gewohnt, mit bloßen Füßen durch den Kot zu gehen, nur in Gegenwart des Sultans würde ich, wenn es die Sitte einmal so verlange, meine Schuhe ablegen. Großes Staunen. Der Fall, der jedenfalls noch nicht dagewesen war, wurde dem Sultan gemeldet. Außer Vogel hatte derselbe noch keinen Christen bei sich empfangen, denn zur Zeit als Denham Uandala besuchte, regierte noch der Großvater des jetzigen Sultans. Bald kam indes der Bescheid, man solle den Christen beschuht eintreten lassen.

Nun wurden wir durch mehrere kleinere Höfe in einen großen inneren Hof geführt. Es war der Audienzplatz. Auf einer Veranda thronte auf erhöhtem, mit Teppichen belegtem Sitz der Sultan. Er trug einen weißen seidenen Haik, darüber einen wollenen, ebenfalls weißen Burnus und als Kopfbedeckung eine rote, turbanartig umwundene Mütze. Zu seinen Füßen kauerte eine Anzahl seiner Günstlinge und Eunuchen. Vor der Veranda stand ein offenes Zelt, unter dem die hohen Würdenträger saßen. Bei späteren Audienzen sah ich nie wieder das Zelt noch überhaupt eine so zahlreiche Versammlung; offenbar wollte der Sultan gleich seine ganze Pracht und Herrlichkeit vor den Fremden entfalten und hatte deshalb auch befohlen, daß ich meine Begleiter mitbringen solle. Ich grüßte Seine Majestät ehrerbietig, und sie erwiderte meinen Gruß mit den mehrmals wiederholten Worten »L'afia, l'afia, marababik« (Friede, Friede, Willkommen), indem sie uns bedeutete, unter dem Zelt Platz zu nehmen. Alle Würdenträger saßen, wie ich sah, so, daß sie dem Sultan den Rücken zuwandten, als ob sie den Glanz, der von dem erhabenen Antlitz ihres Gebieters ausstrahlt, nicht zu ertragen vermochten. In derselben Weise postierten sich meine Begleiter; ich selbst jedoch fühlte mich hinlänglich stark, von der Sonne seiner Hoheit nicht geblendet zu werden. Bei der nun folgenden Unterredung sprach der Sultan, obgleich er des Arabischen mächtig ist, in der Landessprache, so daß mir seine Worte durch Kanuri ins Arabische verdolmetscht werden mußten. Abgesehen davon, daß in Zentralafrika eine Reaktion gegen das Arabische eingetreten ist, wie es ja auch in Kuka aufgehört hat, die Hofsprache zu sein, glauben die afrikanischen Herrscher sich unter ihre Würde zu begeben, wenn sie sich mit einem Fremden direkt statt durch Dolmetscher unterhalten.

»Was bist du für ein Landsmann?«, fragte der Sultan. – »Ein Deutscher.« – »Wohl, aber bist du ein Engländer oder ein Franzose?« – »Keins von beiden; ein Deutscher; Deutschland ist ein Land für sich und gehorcht keinem fremden Fürsten.« – »Ich habe nie von diesem Land gehört, aber man sagt in Wahrheit, die Christen hätten eine Menge Länder und Fürsten.« – »Allerdings gibt es noch viele Länder außer dieser, und jedes Land hat seinen eigenen Fürsten.« – »Hast du Abd-ul-Uahed (Eduard Vogel) gekannt?« – »Nein, aber viel von ihm gehört und gelesen; er war ein Deutscher wie ich.« – »Mir sagte er, er sein ein Engländer.« – »Allerdings hatte er insofern recht, als er für die englische Regierung reiste.« – »Er war mein lieber Freund.« – »Ich hoffe, du wirst auch mich mit deiner Freundschaft beehren.« – »O gewiß! Abd-ul-Uahed war Tag und Nacht bei mir.«

Ich füge hier ein, daß der Sultan eines Tages nahe daran war, seinen »lieben Freund« töten zu lassen, unter dem Vorwand, derselbe habe ohne seine Erlaubnis die Berge bestiegen, in Wirklichkeit aber, weil Vogel sich geweigert hatte, ihm seinen Revolver und seinen Säbel zu schenken. Der Sultan bemächtigte sich der beiden Waffen, die noch in seinem Besitz sind, und hielt den Beraubten in Gefangenschaft, aus welcher diesen nur ein Drohbrief des Mai Omar von Bornu befreite. Seitdem ist der Sultan von Uandala, in zwei Kriegen besiegt, ein völlig abhängiger Vasall des Sultans von Bornu geworden, weshalb ich als Schützling des letzteren dergleichen Gewalttägigkeiten nicht zu befürchten hatte.

Der Sultan fuhr fort zu fragen: »Bezeugst du Mohammed?« – »Nein.« Eine so entschiedene Antwort mochte er, obzwar selbst gleich seinen Untertanen nur ein lauer Mohammedaner, nicht von mir erwartet haben; er brach in lautes Gelächter aus, und alle Höflinge lachten pflichtschuldigst mit und klatschten in die Hände. »Welchen Propheten bezeugst du denn?« – »Jesus Christus und die Propheten Israels.« – »Es steht aber doch im Koran, Mohammed ist größer als alle anderen Propheten.« – »Das steht allerdings darin, aber wer sagt uns, daß es wahr sei?« – »Nur die Ungläubigen zweifeln daran. Ich sehe, du trägst einen Rosenkranz, und von sehr schöner Arbeit; beten die Christen auch den Rosenkranz?« – »Viele zählen ihre Gebete danach ab; ich indes trage ihn, die Wahrheit zu sagen, bloß zum Zeitvertreib.« Neues Gelächter. Nach einer Pause fragte der Sultan: »Kannst du Flinten verfertigen?« – »Nein.« – »Kannst du Uhren machen?« – »Nein.« – »Hast du einen indischen Spiegel (Fernglas)?« – »Ja.« – »Hast du einen Revolver?« – »Ja.« – »Hast du eine Uhr?« – »Ja.« Mit einigen Fragen über mein Befinden und über das Wetter, das wir auf der Reise gehabt, endete die Unterredung, und wir wurden entlassen.

Nachmittags wollte ich ausgehen, um mir die Stadt zu besehen; da sagte mir der alte Kre-ma, ich dürfe ohne Erlaubnis des Sultans das Haus nicht verlassen. Natürlich hielt ich mich nicht daran, sondern ging in Begleitung von Almas auf die Straße. Inzwischen lief der Kre-ma rasch voraus zum Kola-ma, ihm von dem wichtigen Vorfall Anzeige machend. Dieser kam uns entgegen und bat mich umzukehren. Ich erwiderte ihm indes, ich sei kein Gefangener, und setzte ruhig meinen Weg durch die Straßen fort. Beim Haus des Kaiga-ma (ein Kanuri-Wort und Titel am Hof von Bornu) waren Arbeiter mit der Erhöhung der Stadtmauer beschäftigt, und um die Leute anzufeuern, spielte man ihnen Musik vor. Es wurden nämlich zwei harfenähnliche fünfsaitige Instrumente mit den Händen gerührt, dazu zwei hölzerne Trompeten von zwei Meter Länge geblasen, eine mit kleinen Steinchen gefüllte und mit Leder überzogene Kürbisschale geschwungen, endlich eine große Trommel gepaukt. Diese höllische Instrumentalmusik begleitete ein alter Mann mit seinem Gesang. Ich war eben im Begriff, die Worte, die er sang, in mein Notizbuch zu schreiben, als der Kola-ma in aller Eile herbeikam und mir mitteilte, der Sultan wolle mich auf der Stelle sprechen.

Ohne Zögern begab ich mich in das Palais und wurde sogleich zum Sultan geführt. Er empfing mich diesmal im Inneren des Hauses, unter einer Veranda sitzend, deren Boden mit grobem Kies bestreut war. Nur zwei Eunuchen und zwei die Tür zum Harem bewachende Sklaven waren zugegen. Nach den üblichen Begrüßungen sprach er in ziemlich gutem Arabisch: »Es ist sonst strenge Vorschrift, daß Fremde nicht vor dem dritten Tag nach der Ankunft sich mir vorstellen, auch ohne besondere Erlaubnis vor dem dritten Tag ihre Wohnung nicht verlassen dürfen; mit dir aber mache ich eine Ausnahme, du kannst ausgehen, wann und wohin es dir beliebt. Ich hoffe, du wirst diesen Beweis meiner Freundschaft zu schätzen wissen.« Ich bedankte mich höflich, und in ungezwungenem Ton wurde die Unterhaltung weitergeführt. Sultan Bekr, nach seiner eigenen Angabe vierunddreißig, nach meiner Schätzung aber wohl vierzig Jahre alt, von dunkelschwarzer Hautfarbe, mit freundlichem, von einem schwarzen Backenbart umrahmten Gesicht und hoher, wohlproportionierter Gestalt, zeigte sich mir als eine heitere, stets zum Scherzen und Lachen aufgelegte Natur, dabei in religiöser Beziehung vorurteilsfrei und frei von Fanatismus oder Unduldsamkeit. Mit lebhaftem Interesse hörte er an, was ich ihm auf sein Befragen von europäischen Einrichtungen, Fabrikaten und neuen Erfindungen mitteilte. Sodann legte er mir seinerseits die Hauptstücke seines Kuriositätenkabinetts vor: eine Stockflinte, den Revolver, den er Vogel abgenommen hatte, eine mit Kupfernägeln beschlagene Kiste usw.; natürlich sprach ich über alles meine höchste Bewunderung aus. Erst nach zwei Stunden ward ich entlassen.

Abends ging ich, in der Absicht zu baden, an den Gua (Fluß), der von Mora kommt und sich mit dem Jakoa vereinigt, fand ihn aber so seicht vor, daß ich davon abstehen mußte. Auf dem Rückweg nach der Stadt begegneten mir mehrere Dorfbewohner, alle ganz nackt bis auf einen den Sitzteil bedeckenden kurzen Lederschurz, die das Fleisch eines verendeten Esels auf ihren Schultern heimtrugen. Und wie ich mich später überzeugte, wird nicht bloß von den heidnischen Dorfbewohnern, sondern auch von den Mohammedanern in Doloo das Fleisch an Krankheiten verendeter Tiere genossen. In meiner Wohnung angelangt, ließ ich den Kola-ma um einen Topf voll Busa, hier »nbull« genannt, bitten, ein Gebräu, dessen vorzügliche Bereitung in Uandala man mir gerühmt hatte; allein das widerliche Aussehen schreckte mich ab, es zu versuchen, ich überließ des Getränk meinen zum Teil immer noch kranken Dienern.

Früh am anderen Morgen wurde ich von einem Boten des Sultans aus dem Schlaf geweckt, durch den er mich ersuchte, sogleich zu ihm zu kommen. Neugierig, was sein Begehr war, zog ich mich rasch an und folgte dem Boten. Der Sultan bat mich um Medizin für eine seiner Töchter, die auf einem Auge erblindet war. Da ich sah, daß hier mit Medikamenten, vielleicht selbst mit einer Operation nicht mehr zu helfen sei, schrieb ich nur einen Spruch nieder und legte den Zettel auf das leidende Auge, womit der Vater wie die Tochter sich befriedigt erklärten.

Ich übersandte nun dem Sultan meine Geschenke, hauptsächlich aus verschiedenen Gewehren bestehend, und er bezeigte seine volle Zufriedenheit damit. Den Kola-ma, der zwar nichts von mir erwartet zu haben schien, beschenkte ich mit einem Stück weißen Kattun von siebzig Ellen, einem Turban und ein paar Taschentüchern.

Nachmittags ließ mich der Sultan wieder zu sich rufen. Nachdem er mir alle seine übrigen Sachen, selbst seine Kleidungsstücke gezeigt hatte, verlangte er meinen Revolver zu sehen. Ich schickte nach der Waffe, und als sie der Sultan betrachtet hatte, äußerte er sich ganz entzückt über die wundervolle Arbeit. Plötzlich sagte er: »Willst du zehn Sklaven dafür, oder wie viele ist er dir wert? – Kola-ma, suche zwanzig Sklaven aus, zehn männliche und zehn weibliche, und gib sie dem Christen. – Bei Gott, den Revolver lasse ich nicht aus! – Du da, trage ihn schnell fort!« Damit übergab er ihn einem Eunuchen, der sich damit entfernte. Der Kola-ma wollte gehen, um die Sklaven für mich zu holen; ich protestierte aber, indem ich dem Sultan sagte: »Du weißt doch, daß ich kein Sklavenhändler bin; den Revolver, da du ein so unwiderstehliches Verlangen danach trägst, mache ich dir zum Geschenk, doch ist es mir umso schmerzlicher, mich von demselben zu trennen, wenn ich bedenke, daß die Waffe, sobald die paar Ladungen verschossen sein werden, für dich gar keinen Nutzen mehr haben kann. Indes«, fügte ich hinzu, »will ich dir von Kuka aus die noch vorrätige Munition dazu schicken.« So war ich denn um meinen schönen damaszierten Revolver gekommen. Ich hatte ihn von Lefaucheux in Paris gekauft, und Lefaucheux' Revolver versagen nie, was bei den besten englischen und deutschen nicht selten der Fall ist.

War es der Ärger über den Verlust meines Revolvers oder hatte ich mich zu sehr angestrengt, ich bekam abends heftiges Fieber und mußte mich zeitig niederlegen. Die ganze Nacht hindurch von wirren Träumen verfolgt, fühlte ich mich am Morgen aufs äußerste ermattet. Eine starke Dosis Chinin in Zitronensäure aufgelöst hemmte zwar sofort das Fieber, die Kräfte aber kehrten mir nur sehr langsam zurück. Als der Sultan erfuhr, daß ich mich unwohl fühlte, schickte er mir eine fette Kuh, zwei Lederbüchsen voll Butter und einen Topf Honig nebst einem Gericht aus seiner Küche. Im übrigen blieb nach wie vor der Kola-ma mit unserer Verpflegung betraut; die Speisen, die er uns zukommen ließ, waren meist unverdaulich, und das Futter für die Pferde so wenig ausreichend, daß ich es durch selbstgekauftes ergänzen mußte.

Einen noch schmerzlicheren Verlust als am vorigen Tag sollte ich an diesem erfahren. Mein armer Hund, der schon längst nicht mehr gehen konnte, war nachts aus meinem Zimmer, als wollte er mir den Anblick seines Todes ersparen, in den Stall gekrochen und wurde am Morgen tot zwischen den Pferden liegend gefunden. Es kamen sogleich eine Menge Leute herbei, welche den Leichnam zum Verspeisen haben wollten, darunter auch ein Verwandter des Sultans. Letzterem schenkte ich ihn, und hocherfreut trug er den Braten auf seinem Kopf nach Hause. Man ersieht aus dem Umstand, daß selbst ein Verwandter des Sultans sich nicht scheute, ein nicht geschlachtetes, sondern verendetes Tier, das den Mohammedanern für djifa, d. h. unrein gilt, dessen Genuß daher aufs strengste verboten ist, vor aller Augen als Braten heimzutragen, wie wenig der Islam seinem Wesen nach sich hier eingebürgert hat. Meinerseits dachte ich, besser, das Geschöpf, das mir im Leben so große Dienste geleistet, dient auch im Tod noch jemandem zum Nutzen, als daß es ungenutzt in der Erde verwest. In unseren Herzen haben ich und alle meine damaligen Begleiter ihm ein dankbares Andenken bewahrt. Als ich 1869 den Gatroner in Tripolis wiedersah, war viel von seiner unermüdlichen Wachsamkeit die Rede, und so oft ich meinen kleinen, jetzt erwachsenen Reisekumpan Noël in Berlin besuche, erinnern wir uns stets gern des treuen Mursuk.

Bis zum Nachmittag hatte sich mein Zustand so weit gebessert, daß ich den kurzen Weg zur Residenz zwar nicht zu Fuß, doch zu Pferd zurücklegen konnte. Der Sultan bot mir einen jungen Löwen als Präsent an. Ich dankte natürlich für die Ehre, mit dem Ersuchen, er möge das schöne Tier aufbewahren, bis einmal vielleicht ein anderer Reisender aus einem Christenland zu ihm käme, der mit geeigneteren Mitteln zu dessen Transport versehen sei als ich. Von mir verlangte er, ich solle ihm vier Sprüche aufschreiben: einen, der ihn unverwundbar, einen anderen, der ihn immer siegreich über seine Feinde mache, einen dritten, der die Kraft habe, daß niemand seine Stadt einnehmen könne, und einen vierten, der ihn vor jeder Krankheit schütze. In seinem Aberglauben befangen, kam der Verblendete gar nicht auf den Gedanken, daß derjenige, dem er solche Zaubermacht zutraute, in diesem Augenblick ja selbst von Krankheit befallen war.

Auch am Morgen des 27. September bat mich der Sultan wieder zu sich, und wieder hatte er allerhand Begehren an mich zu stellen. Ich sollte ihm meine Uhr – den Chronometer, überhaupt alle wertvolleren Sachen hatte ich in Kuka gelassen – und mein Fernrohr zeigen. Allein da ich nun wußte, daß Sehen und Behalten bei ihm eins sind, gab ich vor, die beiden Gegenstände seien ganz zu unterst in meinem Reisesack verpackt und ließen sich jetzt nicht heraussuchen. Er beruhigte sich darüber, verlangte aber nun mein Zelt zu sehen. Dieses glaubte ich eher missen zu können, denn ich hatte noch zwei kleinere Zelte mit, die jetzt, nachdem der größte Teil des Gepäcks hier verschenkt worden war, für meinen Bedarf genügten. Ich schickte danach, und als es aufgeschlagen vor dem Sultan dastand, fanden die eisernen Pflöcke, das starke Segeltuch, die innere Bekleidung aus blauem Merino sofort seinen allerhöchsten Beifall, und ohne mich weiter zu fragen, sah er es als sein Eigentum an.

Dafür erhielt ich leicht die Erlaubnis zur Besteigung des südlich von Doloo zirka drei Tagereisen entfernten Berges mendif, dessen Gipfel man als den höchsten Punkt des Gebirges bezeichnet. Leider erwies sich aber mein Vorhaben als undurchführbar. Die Regenzeit, die in Uandala und besonders in dem angrenzenden Gebirge gewöhnlich volle sieben Monate dauert, verlängerte sich in diesem Jahr noch darüber hinaus, und während derselben auf die Berge zu gehen ist eine reine Unmöglichkeit. Außerdem stellte man mir vor, daß die Bewohner des Gebirges jeden von Uandala Kommenden als Feind behandeln; denn der Sultan ist wie mit allen Nachbarstämmen beständig im Krieg mit ihnen. Bestreitet er doch seinen ganzen, nicht unbeträchtlichen Aufwand einzig aus dem Verkauf der Menschen, die er in den Grenzländern ringsum jagt und als Beute mit fortschleppt. So geschah es in der Zeit meiner Abwesenheit in Doloo, daß eines Abends der Kola-ma mit fünfzig Mann auf Menschenraub auszog und in einem jenseits der Grenze liegenden Dorf ein Dutzend wehrloser Weiber und Kinder vom Feld wegfing. Unselige Folgen des Sklavenhandels! Hätte ich noch monatelang dableiben können, so würde sich vielleicht Gelegenheit gefunden haben, unter sicherer Bedeckung in das Gebirge zu kommen; allein ich mußte wieder in Kuka sein, wenn die Antwort auf mein Schreiben an den Sultan von Uadai dort eintraf, leider also von meinem Vorhaben Abstand nehmen.

Als Gegengeschenk für das Zelt verehrte mir der Sultan eine Meerkatze von der kleinen, in der Berberei und in Tibesti heimischen Art und zwei alte wertlose Pantherfelle, die indes meine Leute zu Schlafdecken gebrauchen konnten; ein Stachelschwein lehnte ich mit dem Bemerken ab, dieses Tier sei auch in Europa genugsam vorhanden. Obgleich er nun schon Geschenke im Wert von hundertfünfzig Talern von mir bekommen hatte, verlangte er noch, ich solle ihm meine Doppelflinten schenken oder wenigstens gegen zwei seiner verrosteten Steinschloßgewehre in Tausch geben. Ich erklärte ihm jedoch kurz, die Flinten seien Eigentum meiner Begleiter, die ich nicht zwingen dürfe, ihre guten Waffen gegen schlechte zu vertauschen. Ehe er mich entließ, mußte ich versprechen, nächsten Vormittag wieder zu ihm zu kommen.

Seiner Gewohnheit gemäß ging auch diese Morgenaudienz nicht vorüber, ohne daß er dies und jenes von meinen Sachen begehrte. Zuletzt beanspruchte er eine Portion von aller Medizin, die ich bei mir hatte. Ich brachte ihm Brechpulver, Chinin und Opiumextrakt, belehrte ihn auch über den Gebrauch dieser Arzneimittel. Da er aber in höchstem Grade mißtrauisch ist und in beständiger Furcht schwebt, vergiftet zu werden – er berührt keine Speise, die nicht seine Mutter zubereitet hat, und niemand, sei es auch sein Bruder, darf sich ihm bewaffnet nahen –, sollte ich vor seinen Augen von jedem der drei Medikamente etwas einnehmen. Ich entschuldigte mich mit meinem Unwohlsein, worauf Almas, als echter Höfling, an meiner Statt das fatale Experiment freiwillig an sich vollzog. Man kann denken, welche Wirkung dieses gleichzeitige Verschlucken drei so drastischer Arzneien hervorbrachte und welch fürchterliche Grimassen Almas' ohnehin häßliches Negergesicht verzerrten. Von der Todesfurcht des Sultans erhielt ich einen neuen Beweis, als er mich bat, einen Leistenbruch, an dem er litt, zu untersuchen; denn da ich sagte, er möge sich entkleiden und solange seine Diener hinausschicken, brach er in die Worte aus, die mir Almas nachher verdolmetschte: »O seht den Christen! Er will mit mir allein sein und mich dann erdrosseln!« Beim Weggehen forderte er mich auf, nachmittags mit nach Mora, der früheren Hauptstadt von Uandala, zu reiten, was ich gern annahm.

Pünktlich um zwei Uhr fand ich mich, von Almas, Dunkas und dem Gatroner begleitet, vor der königlichen Wohnung ein, wo bereits etwa fünfzig Große des Reiches, alle zu Pferd und mit ihrer besten Kleidung angetan, versammelt waren. Bald erschien auch der Sultan auf einem schönen, reichgeschirrten Schimmel; er war ganz in Weiß gekleidet und saß auf einer blauseidenen, mit Goldsternchen gestickten und mit goldenen Fransen besetzten Schabracke, einen aufgespannten blauen Regenschirm in der Hand haltend. Sobald die Großen seiner ansichtig wurden, erhoben sie zur Begrüßung ein wüstes Geschrei, in dem ich die Worte: »Sieger – Stier – Löwe – Herrscher der Könige« unterscheiden konnte. Ich und meine drei Begleiter mußten uns an die Spitze des Zuges stellen, wahrscheinlich weil wir mit Flinten bewaffnet waren, während alle anderen nur Lanzen hatten; dann folgten die Würdenträger und zuletzt der Sultan, umgeben von seinen Sklaven und Eunuchen. Wo der Zug vorüberkam, fielen die Leute auf die Knie nieder und schrien, so laut sie konnten, namentlich die Weiber. Auch seitens der Großen hörte das barbarische Geschrei den ganzen Weg über nicht auf. »Eine Grube, o Herr! – Ein Stein, o Herr! – Habt Acht, o Herr! – Ein Kornfeld, o Löwe!«, so gellte es mir in einem fort in die Ohren.

In kurzem Trab ritten wir zweieinhalb Stunden südwestlich immer durch den Wald. Dann lag die Trümmerstätte von Mora vor uns an der Nordseite einer steilen, sechs- bis achthundert Fuß hohen Bergwand. Die Stadt wurde 1863 im letzten Krieg mit Bornu von Aba Bu-Bekr, dem Sohn des Sultans von Bornu, eingenommen und gänzlich zerstört. Der Sultan hatte sich mit seiner Kriegsschar auf den Berg zurückgezogen. Dorthin konnte ihm der Feind nicht folgen, und es kam eine Kapitulation zustande, laut welcher er sein Land von Bornu zurückerhielt, dafür sich zum jährlichen Tribut einer bedeutenden Anzahl Sklaven verpflichtete. Als Unterpfand des Friedens mußte er Aba Bu-Bekr seine Tochter zur Frau geben.

Jetzt hatten sich bereits wieder etwa fünfzig Familien an der Stätte neu angesiedelt. All ihre Habe und ihre Vorräte aber verwahrten sie der Sicherheit wegen oben auf dem Berg, der allerdings ohne europäische Geschütze, wenigstens von der Nordseite her, uneinnehmbar ist. Für den Sultan war ebenfalls wieder ein Haus hier errichtet worden. Vor demselben hielt der Zug, doch ich allein wurde vom Sultan eingeladen, mit ihm hineinzutreten. Drinnen fragte er mich, ob auch den christlichen Königen, wenn sie ausreiten, solche Ehren von ihrem Gefolge erwiesen würden, wie ich sie auf dem Weg hierher gesehen und gehört hätte. Ich erwiderte, jedermann bezeuge bei uns dem König Ehrfurcht, nur geschehe es in anderer Weise; auf Steine und Gruben brauche man den König nicht durch lautes Rufen aufmerksam zu machen, weil alle Wege gebahnt oder gepflastert seien. Das schien freilich über seinen Horizont zu gehen, er schüttelte ungläubig den Kopf dazu. Hierauf mußte ich die einzige Merkwürdigkeit des Orts bewundern, einen Zitronenbaum im ehemaligen Garten des Sultans; sonst erhebt noch hier und da eine einsame Palme ihr Haupt über die zerstörten Häuser und Hütten. Nach kurzer Rast stiegen alle wieder zu Pferd, und im Trab ging es denselben Weg zurück. Die Nacht war schon hereingebrochen, als der Zug in Doloo ankam.

Mora ist einer der südlichsten Orte in Uandala; ich hatte somit ziemlich das ganze Ländchen gesehen, und da die überschwemmten Wege dem weiteren Vordringen ein unüberwindliches Hindernis entgegensetzten, schickte ich mich zur Rückreise nach Kuka an. Am folgenden Tag wurde ich dreimal zum Sultan gerufen. Das letztemal, abends, fand ich ihn im Inneren seines Weiberhauses vor einem lodernden Feuer, das sowohl der Beleuchtung als der Erwärmung wegen brannte, denn sobald das Thermometer unter +30 Grad sinkt, frösteln die Eingeborenen schon. Er äußerte den lebhaften Wunsch, eine Flagge zu besitzen, und hatte ein Auge auf meine Bremer Flagge aus feinem Merino geworfen. Ich machte ihm indes begreiflich, wenn ein Sultan die Flagge eines anderen Sultans führe, so halte ihn alle Welt für dessen Untertan; es müsse also für das Reich Uandala eine eigene Flagge angefertigt werden. Den nächsten Morgen ließ ich von Almas einen Halbmond von weißem Baumwollzeug mit einem Stern und noch einem anderen Abzeichen auf ein viereckiges Stück roten Damast nähen und einen Stock daran befestigen, an dem man es heraufziehen und herunterlassen konnte. Diese roh zusammengestückelte Flagge brachte ich dem Sultan. Sie wurde sofort an einer passenden Stelle seines Hauses aufgepflanzt. Als er sie von dort herabwehen sah, glänzte sein fettes Negergesicht vor Stolz und Freude. Auf die Frage, wann die Sultane ihre Flagge aufziehen, gab ich ihm zur Antwort: »Freitags und an anderen mohammedanischen Feiertagen.«

Vormittags am 30. September machten wir dem Sultan unseren Abschiedsbesuch. Meine Begleiter erhielten Sklaven zum Geschenk: Almas und der Mann Aba Bu-Bekr's jeder ein erwachsenes Mädchen im Wert von fünfundzwanzig Taler, Hammed einen Knaben von gleichem Wert, Dunkas ein kleines Mädchen im Preis von etwa zehn Taler. Für mich wurde ein Ameisenfresser (Erdferkel, Orycteropus aethiopicus) gebracht, und da ich bedauerte, das interessante Tier nicht mitnehmen zu können, erbot sich der Sultan, es mir nach Kuka nachzusenden. Zugleich forderte er mich auf, selbst zu sagen, was ich noch begehrte; jeder meiner Wünsche sollte erfüllt werden. Ich erwiderte, für meine Person bedürfe ich nichts weiter, ich hätte nur den Wunsch, daß er Reisende, die nach mir zur Erforschung des Landes und der Gebirge hierherkämen, gastlich aufnehmen und ihnen alle Unterstützung bei ihrem Vorhaben gewähren möge. Das versprach er mit den Worten: »Sage allen Christen, ich bin ein guter Mann, und jeden, aus welchem Christenland er sei, werde ich willkommen heißen.«

Einige Stunden nach der Abschiedsaudienz schickte mir der Sultan noch folgende Präsente: einen Korb Datteln, in Uandala eine große Rarität, einen Topf voll Nbull, das ich aber, obgleich es im Gebirge bereitet war, ebenso ungenießbar fand wie das früher von dem Kola-ma mir übersandte Gebräu, ferner einen kräftigen, etwa zwanzigjährigen Burschen, dergleichen auf dem Sklavenmarkt zu Kuka um fünfundzwanzig Taler verkauft werden, und eine zwischen zwölf und dreizehn Jahre alte Maid von tiefschwarzer Farbe, für die wohl, da sie eben die Pubertät erreicht hatte, doppelt soviel zu erlangen wäre. Letztere wollte ich gleich wieder zurückgeben; man sagte mir aber, der Sultan würde dies als eine Beleidigung ansehen, denn er habe sie seinem eigenen Harem entnommen. Sie verstand kein Wort Kanuri und bezeigte völlige Gleichgültigkeit gegen ihr Schicksal, als ich ihr verdolmetschen ließ, daß sie mit nach Kuka gehen solle.

Uandala ist im Süden halbkreisförmig von Gebirgen umschlossen, im Westen bildet der Delaleba, im Osten unabhängiges Fellata-Gebiet, im Norden Bornu die Grenze. Die Bewohner, im ganzen etwa hundertfünfzigtausend, wovon dreißigtausend auf die Hauptstadt kommen, halten sich für nahe mit den Kanuri verwandt, und in der Tat haben die Sprachen der beiden Völker eine Menge übereinstimmender Wörter. In der Körperbildung aber stehen die Uandaler den Haussa näher als den Kanuri, von denen sie sich durch vollere Formen unterscheiden. Die Männer haben einen hohen, doch flachen Vorderkopf, grobes, krauses Haar, feurige Augen und weniger platte, mehr gebogenere Nasen als die Bornuer. Nach meinen Wahrnehmungen haben die Frauen, meist von kleiner Statur, breite Gesichter mit hervorstehenden Backenknochen, ausdrucksvolle Augen und nicht so stark gewulstete Lippen wie die Männer. Hinsichtlich der Industrie, namentlich was die feineren Arbeiten anlangt, können sich die Uandaler nicht mit den Kanuri messen; nur in der Verarbeitung des Eisens, das in großen Mengen im Gebirge zu lagern scheint, haben sie es zu ziemlicher Geschicklichkeit gebracht. Gleich in den südlich an Uandala grenzenden Orten sind Eisenstücke als Münzen im Verkehr, während bis hierher noch die Kattunstreifen die Stelle des Kleingelds vertreten.

Der großen Mehrzahl nach ist die Bevölkerung heidnisch. Die Heiden gehen nackt bis auf einen hinten vorgebundenen Lederschurz; sie leben in Monogamie, sind sehr abergläubisch und haben von einem höchsten Wesen wie von der Fortdauer nach dem Tod äußerst schwache Vorstellungen. Ihres Heidentums wegen werden sie von den mohammedanisch gewordenen Städtern verachtet, obwohl diese mit der Belehrung nur das Schlechte des Islam: Vielweiberei, Hochmut, Dünkel und Scheinheiligkeit, sich aneigneten.

Die Regierung des Landes ist eine rein despotische. Wie lange Sultan Bekr regiert, weiß er selbst nicht; ich vermute, nahe an zwanzig Jahre. Er soll ein Neffe seines Vorgängers und mit Gewalt zur Herrschaft gelangt sein. Nicht ohne gute Anlagen, wäre er bei vernünftiger Erziehung gewiß ein tüchtiger und braver Mann geworden, aber auch auf ihn übte der dem Heidentum aufgepfropfte Islam nur verderblichen Einfluß aus. Nach seiner Angabe hatte er bereits sechzig Söhne, und ich zweifle nicht, daß, falls er am Leben bleibt, das Hundert voll werden wird. Bei meinen Besuchen sah ich stets eine Menge der kleinen Prinzen, halb oder ganz nackt, sich in den Höfen umhertreiben, als Abzeichen tragen sie einen silbernen Ring um den Arm, der Vater würde sonst seine eigenen Kinder nicht erkennen; wohl aus diesem Grund werden auch in anderen Negerländern, z. B. in Sinder, die jungen Sprößlinge des Herrschers durch ein solches Abzeichen kenntlich gemacht. In großem Ansehen steht die Mutter des Sultans, denn sie ist die einzige Person, welcher er Vertrauen schenkt; sie führt den Titel Mai-gera. Seine vornehmste Frau, die Herrscherin im Harem, wird Chalakalto tituliert.

Die politische Abhängigkeit von Bornu, der sich Uandala nicht zu entziehen vermag, gereicht dessen Entwicklung zum größten Nachteil. Denn von dorther wird den Bewohnern der Islam aufgezwungen, damit zugleich aber Feindschaft und Krieg gegen ihre Stammesgenossen, die heidnischen Bergvölker, auf welche sie doch mit allen ihren materiellen Interessen angewiesen sind. Es ist dieser Mißstand umso mehr zu beklagen, als gerade die Gebirgsländer im Süden von Uandala der Schlüssel zur Eröffnung Innerafrikas sein könnten.

Am Morgen des 1. Oktober waren wir marschbereit und eben im Begriff aufzubrechen, als mich der Sultan nochmals zu sich entbieten ließ. Er hatte vergessen, mir seine Aufträge für Kuka zu erteilen, und nannte nun die Waren: Papier, Pulver, Tee, Kampfer usw., die ich dort einkaufen und ihm mit erster Gelegenheit senden sollte. Beim schließlichen Abschied wiederholte er das Versprechen, allen Europäern, die nach Uandala kommen würden, gastliche Aufnahme und Förderung ihrer Absichten zuteil werden zu lassen. Darüber wurde es elf Uhr, ehe wir bei gutem Wetter aus dem Tor von Doloo ausrückten. Mehrere Eingeborene hatten sich meiner Karawane zur Reise nach Kuka angeschlossen.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.