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Quer durch Afrika

Gerhard Rohlfs: Quer durch Afrika - Kapitel 18
Quellenangabe
typetractate
booktitleQuer durch Afrika
authorGerhard Rohlfs
year1984
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart - Wien
isbn3-522-60580-2
titleQuer durch Afrika
pages3-373
created19991112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Daß der Markt von Kuka eine solche Ausdehnung erlangt hat und mit dem von Kano rivalisieren kann, verdankt er der vollkommenen Handels- und Gewerbefreiheit, die der Einheimische wie der Fremde in Bornu genießt. Kein Gewerbe unterliegt einer Steuer, und alle Waren gehen zollfrei ein. Selbst die großen Karawanen aus dem Sudan, aus Tripolis und den übrigen Berberstaaten haben keinen anderen Zoll zu entrichten als eine kleine Abgabe, welche die Torwächter der Stadt für sich in Anspruch nehmen, die aber so geringfügig ist, daß sie gar nicht ins Gewicht fällt. Die einzigen baren Einnahmen, die der Sultan aus dem Markt bezieht, sind die Summen, für welche die beeidigten Versteigerer der Pferde und Kamele ihre allerdings sehr einträglichen Stellen erkaufen müssen; für jedes versteigerte Pferd oder Kamel erhält der Auktionator einen Taler. Sogar die Geschenke an den Sultan und an seine Beamten, die sonst in allen Negerländern von den fremden Kaufleuten verlangt werden, kommen hier in Wegfall. So erzählte mir mein Reisegefährte, der Marabut von Gatron, ein wohlhabender Kaufmann und Sklavenhändler, er habe, obgleich er schon dreimal die Reise von Fesan nach Bornu gemacht habe, Sultan Omar noch nie gesehen, und er gedenke auch künftig nicht an den Hof zu gehen, weil man dort nicht mit leeren Händen erscheinen könne. Wenn andere Kaufleute dem Sultan Geschenke darbringen, so geschieht es aus Spekulation, denn dieser pflegt, zumal wenn die geschenkten Gegenstände seine Neugier und Aufmerksamkeit erregen, die Gabe durch ein Geschenk von einem oder zwei Sklaven oder einem Pferd zu erwidern. Freilich kosten ihn die Sklaven nichts; wenn er deren bedarf, so wird irgendwo eine Menschenrazzia angestellt und die benötigte Anzahl für ihn eingefangen. Der Scherif Hascheschi, der kurz vor mir von Tripolis angekommen war, erhielt für ein Geschenk im Wert von etwa hundertfünfzig Talern mehrere Sklaven und Sklavinnen, die er in Ägypten zu je zwei- bis dreihundert Taler verkaufen kann, und ebenso wurde einem christlichen Kaufmann aus Tripolis, der einen großen Spiegel, Tuch und Seidenstoffe überreicht hatte, von Sultan Omar ein bedeutend wertvolleres Gegengeschenk verehrt.

Bis jetzt ist der einzige sichere Weg von der Küste des Mittelländischen Meeres nach Bornu der, welcher von Tripolis aus durch die Sahara über Fesan und Kauar geht. Auf diesem Weg aber, der mit beladenen Kamelen nicht in kürzerer Zeit als in sechs bis acht Monaten zurückzulegen ist, werden europäische Kaufleute nie mit den Arabern und Berbern zu konkurrieren vermögen, denn die letzteren, an die Strapazen der Wüstenreise gewöhnt, bringen Zeitverlust, Gefahr und Beschwerden nicht in Anschlag. Ganz anders wäre es, wenn England, Deutschland und Frankreich, welche Länder Innerafrika hauptsächlich mit Waren versorgen, es unternehmen wollten, einen direkten Weg von der Küste über Jola herzustellen. Würde derselbe auch vorerst nur bis Jola geführt, so wäre dies schon ein ungeheurer Gewinn für den europäischen Handel, da die Bornuer, Bagirmier, Haussaner und andere Völker Innerafrikas sehr bald gewahr werden müßten, um wieviel vorteilhafter es für sie sei, die Waren dort von den Europäern selbst einzutauschen, als sie sich von den Arabern und Berbern auf dem weiten Weg durch die Wüste bringen zu lassen.

Produkte, die aus Bornu in Masse exportiert werden könnten, sind: Pferde, Rinder, Esel, Schafe, Ziegen, Wildbret, Elfenbein, Straußenfedern, getrocknete Fische, Honig und Wachs, Häute, Löwen-, Panther-, Leoparden- und andere Tierfelle, ferner Getreide, Koltsche und sonstige Bodenerzeugnisse, deren Kultur die Einwohner bei entsprechendem Absatz fleißig betreiben würden. So ließe sich der Anbau von Baumwolle, Tabak und Indigo sehr erweitern, sowie Gummi aus dem großen Mimosenwald nördlich vom Tschad zu einem wichtigen Exportartikel machen.

Von europäischen Waren brauchen die Bornuer Kattun, Tuch, Papier, Rasiermesser, Steinschloßflinten, Nadeln, kleine Spiegel, Glaskorallen, echte Korallen, Bernstein, Weihrauch, Pulver, Blei, Schwefel, Salpeter, Salz und, vorläufig nur als Luxusartikel der Reichen, auch Zucker. Kaffee und Tee sind den Bewohnern von Bornu ganz entbehrlich, sie kauen dafür den ganzen Tag die Bohne der Goronuß. Daß die nach Zentralafrika eingeführten Waren, namentlich Spiegel, Nadeln, Messer, Schwerter, Büchschen, Papier, zum großen Teil deutsches Fabrikat sind, habe ich an anderer Stelle bereits hervorgehoben.

Genug, Europäer werden sich nicht eher an dem Handel nach Bornu beteiligen können, als bis ein direkter Weg vom Ozean nach dem Tschad-See eröffnet ist. Die den Tschad-See umgebenden Länder: Kanem, Bornu, Uadai und Bagirmi, gehören zu den produktionsfähigsten der Erde und ihre Bewohner zu den tolerantesten und umgänglichsten Afrikas. Wenn in neuerer Zeit einige ihrer Herrscher sich feindselig gegen die Christen gezeigt haben, so ist dies lediglich den Einflüsterungen der fanatischen Araber und ihrer Zöglinge, der Berber, zuzuschreiben. Von hier, aus dem Herzen Afrikas, wäre dann leicht eine fahrbare Straße anzulegen, auf der Warentransporte in dreißig Tagen den Golf von Guinea erreichen würden.

Omar, der jetzige Beherrscher von Bornu, ist der erste Sultan aus der Familie der Kanemiin; eigentlicher Gründer der Dynastie aber war sein Vater, der Schich Mohammed el Kanemi. Dieser hatte sich in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts neben den schwachen Sultanen der Ssaefua-Dynastie eine ähnliche Machtstellung zu verschaffen gewußt, wie sie etwa der Major domus bei den merowingischen Königen besaß, nur mit dem Unterschied, daß er seiner Würde, um die Unterstützung der Araber und Kanembu gegen das zum größten Teil noch aus Kerdi (Heiden) bestehende Volk zu gewinnen, einen geistlichen Charakter verlieh und einen religiösen Nimbus um sich verbreitete. Deshalb führte er den Titel Schich, der bei den Mohammedanern dem Vorsteher einer Sauya oder dem Oberen einer religiösen Gemeinschaft beigelegt wird. Auch sein Sohn Omar, der Erbe seiner Macht, nannte sich noch Schich, bis er, nachdem im März 1846 der letzte Ssaefua-Sultan und kurz darauf in der Schlacht bei Minarem dessen Bruder getötet worden waren, als Alleinherrscher den Thron von Bornu bestieg. Nun nahm Omar den Titel »Mai«, d. h. König oder Sultan, an; indes pflegen ihn die Araber, Tebu und Tuareg aus alter Gewohnheit immer noch Schich zu nennen.

Obgleich der »Mai« jeden Vormittag seine Brüder und Söhne, die hohen Staatsbeamten und die Kognaua (Hofräte) zur Nokna (Ratsversammlung) ruft, regiert er doch tatsächlich ganz so absolut und unbeschränkt wie jeder andere mohammedanische Despot. Er vereinigt in seiner Person die weltliche und geistliche Gewalt, ist Herr über Gut und Leben seiner Untertanen, setzt die Beamten ein und ab und kann auch die Rechtssprüche der Kadhi nach Gutdünken umstoßen. Der mutmaßliche Thronfolger, gleichgültig ob Sohn, Bruder oder Vetter des Sultans, hat den Titel Yeri-ma, doch scheint er dem jetzigen Kronprinzen Aba Bu-Bekr, des Sultans ältestem Sohn, nicht beigelegt zu werden. Ein besonderer Titel, Kabiske-ma, kommt auch dem Sohn der ältesten Schwester des Sultans zu, was an die Thronfolge in den Berberstaaten erinnert, nach welcher nicht der Sohn, sondern der Schwestersohn des Herrschers demselben folgt. Die übrigen männlichen Verwandten des Mai heißen Maina und werden gewöhnlich »Aba« (mein Herr) angeredet. Diejenige von den rechtmäßigen Frauen des Sultans, welche den Vorrang vor allen anderen hat, wird Gumssu, seine Mutter Magera tituliert.

Großen Einfluß am Hof von Bornu, wie an jedem anderen mohammedanischen Hof, haben die Eunuchen (Adim). Sie werden vom Sultan mit Gunstbezeigungen und Reichtümern überhäuft, sie gehen am reichsten gekleidet, besitzen die schönsten Pferde, wohnen in den stattlichsten Häusern und schwelgen in Prunk und Wohlleben. Kein Wunder daher, daß sie sich durch hochmütiges, indolentes Wesen auszeichnen; es ist gefährlicher, einen Adim als einen Kogna zu beleidigen. Freilich fällt ihr Vermögen, da sie als von der Fremde eingeführte Neger keine Verwandten im Land haben, bei ihrem Tod wieder an den Sultan zurück. Der oberste sämtlicher Eunuchen ist der Yura-ma, der Aufseher über die Weiber der Mistre-ma. In den Händen eines Kastraten befindet sich auch das wichtige Amt des Schatzmeisters, des Mala (wahrscheinlich aus dem Arabischen von »mel«, Schatz).

An der Spitze der Staatsbeamten steht der Dig-ma oder Dug-ma, eigentlich Minister des Inneren, in Wirklichkeit aber, wenigstens zu meiner Zeit, der alleinige Minister und erster Ratgeber des Sultans. Unter ihm fungieren der Ssiggibada, Ministerialdirektor, und der Ardjinoma, sein Geheimsekretär.

So lange die Ssaefua-Dynastie regierte, gab es zwölf höhere Beamte, die man mit dem gemeinsamen Namen Buya derdaye, d. h. die Großen des Königs, bezeichnete; jetzt gehören die Würdenträger zu den Kognaua, und mit den Titeln sind jetzt meist andere Funktionen als damals verbunden. Besoldung vom Staat empfangen die Kognaua nicht, aber der Sultan verleiht ihnen einträgliche Ländereien oder Statthalterschaften von Provinzen und Städten, aus denen sie so viel zu ziehen wissen, daß sie ihrerseits dem Sultan jährlich bedeutende Geschenke machen können.

Die bewaffnete Macht des Reiches, der eine militärische, wennschon sehr mangelhafte Organisation nicht abzusprechen ist, besteht aus etwa tausend Mann mit Flinten bewaffneter Fußsoldaten, aus ebensoviel gleichfalls mit Flinten und aus dreitausend mit Bogen und Pfeilen, Lanzen und Schangermangorn bewehrten Reitern. Außerdem aber hält jeder Große je nach seinem Vermögen eine größere oder geringere Zahl unregelmäßiger Truppen zu Fuß und zu Pferd, so daß Bornu im ganzen wohl fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Kämpfer ins Feld stellen kann. An Artillerie verfügt der Sultan über ungefähr zwanzig in Kuka selbst gefertigte metallene Kanonen verschiedenen Kalibers, auf schlechten Lafetten oder rohen Holzklötzen ruhend, sowie über zwei Mörser, die aber im Krieg kaum verwendbar sein möchten. Der Höchstkommandierende der Fußtruppen ist der Katschella Nbursa, der mit Flinten bewaffneten Reiter der Katschella blall oder Kaiga-ma, der Bogenschützen und Lanzenträger der Katschella Nbanna oder Yalla-ma; der Hauptmann einer Kompagnie von hundert Mann heißt einfach Katschella. Die Soldaten erhalten wie die Zivilbeamten keinen Sold, sondern Stücke Land, von dessen Anbau sie ihren Lebensunterhalt gewinnen können.

Eine echt afrikanische Waffengattung sind die Bornuer Bogenschützen, etwa tausend Mann stark. Außer Bogen, Pfeil und Köcher haben sie zwei bis vier Wurfspieße, eine lange Lanze, den gefährlichen Schangermangor und den Schild, und ein über die Schulter geworfenes Tigerfell gibt ihnen ein wirklich martialisches Aussehen. Der Bogen ist von festem, biegsamem Holz, die Sehne von gedrehtem Leder, als Pfeile dienen eineinhalb Fuß lange Rohrstäbe mit drei Zoll langer, meist in Gift getränkter Eisenspitze, der lederne Köcher hängt an Riemen auf dem Rücken. Zum Schaft der Wurfspieße und Lanzen nimmt man das sehr zähe und dauerhafte, aber verhältnismäßig leichte Holz von der Wurzel des Ethelbaumes. Leicht sind auch die Schilde, teils aus Büffelleder, teils aus getrockneter Rhinozeros-, Hippopotamus- oder Elefantenhaut, teils aus dickem Schilfrohr, das vor dem Kampf durch Anfeuchten zäher gemacht wird; ein Schild, der den ganzen Mann deckt, wiegt nur vier bis fünf Pfund. Den Schangermangor, dessen Gebrauch im Sudan westlich über Bornu hinaus unbekannt zu sein scheint, in der Sahara aber bis zum Ozean verbreitet ist, habe ich schon früher beschrieben; in Bornu sah ich deren auch aus Holz, zum Teil mit künstlicher Schnitzerei verziert.

Des Sultans berittene Leibgardisten tragen unter ihrer Tobe einen Maschenpanzer, der den ganzen Leib nebst Armen und Beinen umschließt, und auf dem Kopf eine kupferne oder eiserne Platte, von der ringsum ein gleiches Netz bis auf die Schultern herabfällt, so daß nur ein kleiner Teil des Gesichts frei bleibt. Auch der Sultan, die Prinzen und Vornehmen legen im Krieg, um gegen das Eindringen der Pfeile und Wurfspieße geschützt zu sein, solche Panzerkleider an, die zu sehr teuren Preisen aus Ägypten bezogen werden. Brustpanzer aus Eisenplatten für weniger Bemittelte liefern die einheimischen Waffenschmiede. Wie schwer müssen die Pferde an diesen gepanzerten Reitern zu tragen haben, zumal man auch die Tiere selbst zum Schutz gegen Pfeile und Spieße bis an die Knie in dickwattierte baumwollene Decken hüllt und ihre Köpfe vorn und an den Seiten mit messingenen oder silbernen Platten behängt!

So wenig das Bornuer Kriegsheer sich mit einer europäischen Armee zu messen vermag, so ist es doch stark genug, nicht bloß die Landesgrenzen vor feindlichen Einfällen zu sichern, sondern auch die Fürsten der umliegenden Staaten zu Vasallen des Herrschers von Bornu zu machen. Immerhin gebieten indes alle diese Vasallenfürsten unumschränkt über Freiheit und Leben ihrer Untertanen, wie sie auch Razzias gegen die benachbarten Negerstämme auf eigene Faust vollführen dürfen.

Die Eingeborenen von Bornu, die Kanuri, sind eine im ganzen wohlgestaltete Menschenrasse. Ihr Körperbau hält ungefähr die Mitte zwischen den vollen plastischen Formen der Haussa-Neger und der sehnigen Magerkeit der Tebu; unter den Vornehmen gibt es allerdings auch viele fette und korpulente Gestalten. Die Beine stehen in richtiger Proportion zum Oberkörper und entbehren nicht, wie bekanntlich bei den meisten Negerstämmen, der Waden. An Größe erreichen die Männer das europäische Durchschnittsmaß, während das weibliche Geschlecht ziemlich weit hinter demselben zurückbleibt. In der Kopfbildung prägt sich entschiedener als im Wuchs der echte Negertypus aus: krauses wolliges Haar, rundes Gesicht, vorstehende Backenknochen, wulstige Lippen; nur tritt die Nase mehr als sonst bei den Negern aus dem Gesicht heraus; ich sah äußerst selten ganz platte, häufig vielmehr wirkliche Adlernasen. Drei Längsschnitte auf der Wangenhaut fehlen nie. Der Ausdruck in den Gesichtszügen, namentlich im Blick, verrät bei den meisten Gutmütigkeit und Wohlwollen und hätte mich noch sympathischer berührt, wenn nicht durch die gelbliche Bindehaut des Auges die vorteilhafte Wirkung etwas abgeschwächt würde. Das Kopfhaar wird von den Männern glatt abgeschoren, und tagelang lassen sie die heißen Strahlen der Tropensonne auf den kahlen Schädel brennen, nur die Wohlhabenderen bedecken das Haupt mit einer weißen baumwollenen Mütze, die Vornehmen mit einem roten Fes. Hingegen verwenden die Frauen Sorgfalt auf ihre freilich nicht langen Haare, indem sie dieselben entweder in eine Menge kleiner Zöpfe flechten, die rund um den Kopf herabhängen, oder in einen helmartig von hinten nach vorn über dem Kopf liegenden Wulst zusammenbinden.

In betreff der geistigen Fähigkeiten stehen die Kanuri den Nachbarvölkern keineswegs nach; ihre natürlichen Neigungen sind vorwiegend dem Guten zugewendet, daher Völlerei und andere Laster, denen sich z. B. die Maba von Uadai oder die Abessinier hingeben, in Bornu selten oder gar nicht vorkommen. Die mohammedanische Sitte der Vielweiberei haben nur die Fürsten und Großen angenommen, der Mann aus dem Volk führt ein geordnetes Familienleben mit einer Frau, und manche Ehe ist mit einem Dutzend Kinder gesegnet. Obwohl die Mädchen meist schon mit zwölf Jahren die geschlechtliche Reife erlangen, heiraten sie selten vor dem sechzehnten Jahr; freilich gestatten sich die Töchter der Reichen vor ihrer Verheiratung große Freiheiten im Umgang mit Männern, ohne daß der Bewerber um ihre Hand daran Anstoß nimmt. Nach der Verheiratung aber ist die Frau Eigentum des Mannes, und Ehebruch wird in Kuka, wie es scheint, nach den strengen Gesetzen des Koran bestraft. Indessen, wenn auch die Frau dem Mann fast wie eine Sklavin untertan ist und erst als Mutter zahlreicher Nachkommenschaft zu einer etwas geachteteren Stellung gelangt, so hat sie doch hier nicht wie sonst bei den Bewohnern Zentralafrikas die Last der Arbeit allein zu tragen. Vielmehr machen die Kanuri unter den Negern, denen im allgemeinen mit Recht Trägheit und Arbeitsscheu vorgeworfen wird, eine rühmliche Ausnahme. Mann und Frau bebauen gemeinschaftlich das Feld und bringen gemeinschaftlich die Produkte oder Waren zum Verkauf; die Frauen spinnen und weben die Baumwolle, die Männer nähen die langen Stoffstreifen zu Kleidungsstücken zusammen, welche sie oft mit fleißiger Handstickerei bedecken. Von anderen Handwerkern, den Schuhmachern, Schmieden, Töpfern, Korb- und Mattenflechtern usw., haben wir schon bei der Schilderung des Kukaer Marktes gesprochen, genug, die Bornuer sind unstreitig das betriebsamste und zivilisierteste von allen Negervölkern. Und diese Betriebsamkeit ist dem Volk um so höher anzurechnen, da leider die Fürsten und Großen ihm kein gutes Beispiel geben, im Gegenteil Arbeiten für etwas Erniedrigendes ansehen und sich beschimpft glauben würden, wenn sie zu Fuß gehen, auf dem Markt etwas einkaufen oder gar Feld- und Handarbeit verrichten sollten.

Neben den gewerblichen Hantierungen versäumen aber die Frauen auch nicht die Pflege und Erziehung ihrer Kinder; Schulen, in welche die Knaben geschickt werden, um einen äußerst dürftigen Unterricht zu empfangen – die Mädchen sind ganz davon ausgeschlossen –, gibt es nur in den wenigen größeren Städten. Welch wichtigen Faktor die Familie im Leben der Kanuri bildet, davon zeugt unter anderem die Reichhaltigkeit ihrer Sprache an Bezeichnungen für die verschiedenen Verwandtschaftsgrade. Sie haben z. B. ein eigenes Wort für den älteren Bruder, gaya, und für den jüngeren Bruder, kerami, für den Oheim von väterlicher und von mütterlicher Seite, für eine eben erst Witwe gewordene Frau und für eine Witwe, wenn sie sich wieder verheiraten darf.

Als Staatsreligion in Bornu gilt seit Jahrhunderten der Mohammedanismus. Die Dynastie, alle Vornehmen und die Bewohner der größeren Ortschaften bekennen sich dazu. Dennoch hat der Islam im Volk keine Wurzel geschlagen und wird es auch nie, er scheint in Afrika über eine gewisse Grenze nicht hinaus zu können. Man nahm den Eingeborenen ihren uralten Fetischdienst, ohne daß sie für die Idee des Monotheismus gewonnen wurden, nicht einmal ein Wort besitzen sie in ihrer Sprache für Gott, denn kema-nde, womit sie das Fremdwort Allah übersetzen, heißt Herr im bürgerlichen Sinn; gebetet aber wird ausschließlich in arabischer Sprache, die weitaus den meisten unverständlich ist. Früher verehrten sie einen Waldteufel, Koliram, und einen Wasserteufel, Ngamaram; jetzt feiern sie gar keine Gottheit mehr, und ihre ganze Religion besteht in allerlei Aberglauben und einigen äußerst verworrenen Vorstellungen der Mohammedaner von Paradies und Hölle. Daher haben auch die religiösen Feste keine tiefere Bedeutung für sie, sondern werden nur mit wiederkehrenden Naturerscheinungen, wie Vollmond, Eintritt der Regenzeit und dergleichen, in Verbindung gebracht.

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