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Quer durch Afrika

Gerhard Rohlfs: Quer durch Afrika - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
booktitleQuer durch Afrika
authorGerhard Rohlfs
year1984
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart - Wien
isbn3-522-60580-2
titleQuer durch Afrika
pages3-373
created19991112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Die Nacht brach herein, aber der Bulguda kam nicht, wir mußten die Hoffnung auf seine Wiederkehr aufgeben und versuchen, ob wir nicht selbst den Weg entdecken könnten. Zu dem Zweck ritt Kalli zu Pferd, begleitet von seinem Diener auf einem Meheri, in westlicher Richtung, der Gatroner mit Maina Jusko, beide auf Kamelen, in östlicher Richtung fort. Letztere kehrten jedoch nach kurzer Zeit unverrichteter Sache zurück. Morgens gegen neun Uhr verteilte ich an jeden eine Tasse Wasser; schon am Tag vorher hatten wir nichts mehr gegessen, um den Durst nicht zu vermehren. Ein Versuch, Wasser aus der Erde zu graben, blieb erfolglos; der Boden war zwar angefeuchtet, aber nur vom Regen, bis zu einer Wasserschicht hätte man mindestens fünfzehn bis zwanzig Fuß tief graben müssen. So kam der Mittag heran, die Hitze steigerte unsere Qualen. Ich rief alle Leute zusammen und teilte unser letztes Wasser aus, nachdem ich es stark mit Zitronensäure versetzt hatte. Dem kleinen Neger Noël gab ich noch einen Teil von dem meinigen und tat ihm auf seine Bitte etwas Mehl hinein. Rührend war es mir, daß die sonst so gefühllosen Mohammedaner darauf bestanden, auch Mursuk, der wie tot in meinem Zelt lag, müsse den letzten Trunk mit ihnen teilen.

Noch schreckliche Stunden vergingen. Meine Eingeweide fingen mich an zu schmerzen, es war mir, als träten die Augen weit aus dem Kopf. Bei all dem war es ein Glück, daß wir uns in der südlichsten Zone der Sahara befanden, in gerader Richtung kaum mehr als achtzehn deutsche Meilen vom Tschad-See entfernt, denn die Luft enthält hier schon einige Grade Feuchtigkeit; zwischen Kauar und Fesan oder noch weiter nördlich wären wir unbedingt dem Durst erlegen. Bereits an der Aussicht auf Hilfe verzweifelnd, sahen wir gegen Abend in Südost schwarze Wolken aufsteigen. Nach einem heftigen Donnerschlag fielen einzelne dicke Tropfen, dann strömte ein förmlicher Platzregen herab. Eiligst wurde, was nur an Töpfen, Tassen und sonstigen Gefäßen vorhanden war, hingestellt und der vom Himmel kommende Segen darin aufgefangen. Wir schlurften am Boden liegend alle Pfützen aus, um die Wette mit den Kamelen, die sofort ihre Bande zerrissen hatten, um sich an dem kostbaren Naß zu laben. Nachdem wir uns satt getrunken, konnten noch zwei große Schläuche mit Wasser gefüllt werden. Merkwürdigerweise blieb der Regen auf die Niederung, in der wir lagerten, beschränkt, ringsumher war kein Tropfen gefallen. Kurz vor Einbruch der Nacht traf ein Schuß von Westen her unser Ohr. Es war das Signal Kallis. Nach wenigen Minuten kam er angesprengt, schon von weitem uns zurufend, er habe den Weg gefunden und bringe uns Wasser mit. Bald folgte sein Diener auf dem Meheri, das mit vier Schläuchen voll Wasser beladen war. Sie waren, nachdem sie endlich den Weg entdeckt, bis zu dem Brunnen von Belkaschifari geritten und deshalb so lange ausgeblieben. Die Spur des Bulguda hatten sie eine kurze Strecke verfolgt, dieselbe bog aber dann gleich direkt nach Norden um; somit bestätigte sich mein Verdacht, daß er das Lager nur verließ, um nach A'gadem zurückzueilen und wahrscheinlich mit seinen Raubgenossen die Habe der unterdessen verschmachteten Reisegesellschaft zu erbeuten. Man kann sich unsere Freude über die glückliche Rettung aus so entsetzlich drohender Todesgefahr vorstellen. Da es an Brennholz nicht fehlte, wurde ein tüchtiges Feuer angezündet und eine Portion Antilopenfleisch darauf gekocht, mit der wir unsere hungrigen Mägen befriedigten.

Am anderen Morgen brach die Karawane auf, und um zehn Uhr erreichten wir unter Kallis Führung den nach Süden gehenden Weg. Nach vierstündigem Marsch kamen wir nachmittags an den Brunnen Belkaschifari und lagerten in seiner Nähe. Wir priesen uns glücklich, nun die Sahara im Rücken zu haben, die sich am vorigen Tag noch in ihrer schrecklichsten Gestalt gezeigt, als wolle sie sich mit unverlöschlichen Zügen unserem Gedächtnis einprägen.

Den folgenden Tag verbrachten wir noch bei dem Brunnen, der fünfundzwanzig Fuß tief ist und von den Tebu Beduaram genannt wird. Ich verlangte jetzt von Maina Jusko die Hälfte des ihm gezahlten Führerlohns zurück, da er sich durchaus untauglich erwiesen hatte und wir durch seine Schuld beinahe ums Leben gekommen wären. Allein so sehr ich in meinem Recht war, konnte ich doch nichts gegen ihn ausrichten, denn wohl wissend, daß ich ihn wegen der bewiesenen Unfähigkeit in Anspruch nehmen würde, hatte er das Geld in Agadem vergraben.

Früh, Viertel nach fünf, verließen wir am 11. Juli Belkaschifari. Der Weg, gut ausgetreten, führt direkt nach Süden. Die Vegetation auf dem immer noch großwelligen Boden gewinnt nach und nach an Mannigfaltigkeit. Zunächst treten neue Gräser auf, darunter manche, die genießbares Korn tragen, wie das sehr langhalmige »ambra«; dann schmücken sich die Wiesen mit Buschwerk; weiterhin werden die Büsche zu einzelnen Wäldchen; endlich folgt der große Mimosenwald, der wie ein Band, an manchen Stellen vier bis fünf Tagereisen breit, den afrikanischen Kontinent von der Westküste bis an das Rote Meer zu durchziehen scheint. Natürlich darf man dabei nicht etwa an einen jener undurchdringlichen Urwälder denken, wie ich sie später an der Küste von Guinea kennengelernt habe. Der Mimosenwald gleicht vielmehr einer lichten, luftigen Parkanlage mit ausgedehnten Grasflächen zwischen den Gebüschen und Baumgruppen.

Bis in die jüngste Zeit wohnten hier mehrere Tebustämme, sie wurden aber von den Tuareg vertrieben, ohne daß diese selbst sich in den verlassenen Wohnsitzen niederließen. Dagegen hat die Tierwelt in großartigem Maßstab von dem Wald Besitz genommen, auch die Giraffe, die früher hier nicht vorkam, hat sich jetzt eingebürgert. Ungeheure Schwärme von Vögeln haben hier ihre Brutstätten; auf einem einzigen Baum sind zwanzig, dreißig, bis fünfzig Nester, und an die dünnen Zweige hängt der Webervogel sein schwebendes Nestchen.

Abends und in der Nacht fiel ein starker Gewitterregen, der uns verhinderte, Feuer um das Lager zu unterhalten, wie wir jetzt immer zum Schutz gegen die wilden Tiere zu tun pflegten.

Die Nachtmärsche mußten jetzt eingestellt werden, weil hier eine Menge giftiger kleiner Schlangen, deren die Leute am Tag etliche mit Stöcken totschlugen, das Reisen im Dunkeln sehr gefährlich macht. Wir rückten deshalb erst um sechs Uhr morgens aus. Immer dichter ist die Gegend von Tieren bevölkert, man glaubt in einem Tiergarten zu sein. Das Kargum, eine rot und weiß gefleckte Antilope, kam uns in ganzen Herden zu Gesicht; zahllose kleine Schmetterlinge, meist in den buntesten Farben prangend, gaukelten von Busch zu Busch. Der Boden besteht aus feinem weißem Sand, nicht das kleinste Steinchen ist in ihm zu sehen. Dies sowie seine hochwellige Gestaltung läßt darauf schließen, daß alles Land von hier bis an den Tschad-See einst von Wasser bedeckt und dann vielleicht lange Zeit Sanddüne war, bis es allmählich, durch tropische Regen befruchtet, Gräser, Sträucher und Bäume hervorbrachte und sich später in Humus umbilden wird. Wir lagerten abends um fünf Uhr, nachdem wir eben ganz frische Löwenspuren bemerkt hatten.

Am 13. Juli wurde ausnahmsweise, weil wir den Brunnen Kufe, bei dem es nicht sicher sein soll, zu früher Tageszeit passieren wollten, schon von ein Uhr an durch den dunklen Wald marschiert. Bei Tagesanbruch flohen fünf hochköpfige Giraffen quer über unseren Weg. Kalli wollte sie verfolgen, kam indes zu spät; ihre Spur ist der Kamelspur sehr ähnlich. Weiterhin brachen mehrere Wildschweine aus einem Dickicht hervor, es muß also stehendes Wasser in der Nähe sein. Zahlreiche Brunnen, bald rechts, bald links vom Weg, geben Zeugnis, daß der Wald, wie erwähnt, früher von Menschen bewohnt gewesen ist.

Die Gegend behält ihren waldigen Charakter, doch wird das Terrain jetzt mehr und mehr eben. Als wir um halb acht Uhr den Brunnen Kufe erreichten, überraschten wir einen Löwen bei seinem Frühstück, einer Kargum-Antilope. Unsere Ankunft verscheuchte ihn, und sofort schwebten Hunderte von Raben und Geiern herab und stürzten sich auf das erwürgte Tier. Um den Brunnen herum, der fünfundzwanzig Fuß tief und mit Holz ausgedielt ist, standen große Wasserlachen, aus denen unsere Kamele getränkt wurden. Ohne die Zelte aufzuschlagen, lagerten wir unter Talha-Bäumen, während die darauf sitzenden Singvögel und Lachtauben sich durch unsere Anwesenheit in ihrem Konzert nicht stören ließen. Gern hätte ich ein saftiges Stück Fleisch aus der fast noch zuckenden Antilope geschnitten und es meinem Frühstück hinzugefügt, aber die Mohammedaner, so sehr sie selbst heimlich danach verlangen mochten, erklärten das Fleisch für »djiffa«, unkoscher, und um ihnen kein Ärgernis zu geben, entsagte ich ebenfalls dem Genuß.

Von Kufe zogen wir noch viereinhalb Stunden gerade südwärts bis zu dem Brunnen Asi, dessen Wasser ich besonders wohlschmeckend fand. Überhaupt fehlte es uns nun nicht mehr an gutem Trinkwasser, und wir brauchten keinen Vorrat in Schläuchen davon mitzunehmen, da es überall volle Lachen und Regenlöcher gab.

Am 14. Juli verfolgten wir von Viertel nach fünf Uhr morgens an die Straße weiter, die in geradester Richtung nach Ngigmi führt. Um neun Uhr kam uns eine verdächtige Gofla, von neun Reitern begleitet, entgegen, lenkte aber, sowie sie unserer ansichtig wurde, ins Dickicht des Waldes ein. Wir machten halt und setzten unsere Waffen in Bereitschaft; es ließ sich indes nichts wieder blicken, und so zogen wir, nachdem das Frühstück gekocht war, unbehelligt weiter. Der Wald ist hier häufig von grünen Wiesen unterbrochen, auf denen ich Spuren des Flußpferdes, dann Unrat und Knochen dieses Tieres entdeckte, ein Zeichen von der Nähe des Tschad-Sees. Hier und da steht eine wasserliebende Dum-Palme.

Ein Marsch von zweieinhalb Stunden brachte uns am anderen Morgen nach Ngigmi, dem ersten bewohnten Ort an der Nordgrenze von Bornu. Wer sich den Tschad-See als einen blanken Wasserspiegel vorstellt, wird bei dessen Anblick sehr enttäuscht sein, denn nur stellenweise sieht man offenes Wasser in der unendlichen, mit Rohr und Schilf bedeckten Fläche. Eine sehr angenehme Musik war mir das Brüllen der Rinder, die in Herden an uns vorüberzogen. Wie lange hatte mein Ohr diesen heimatlichen Laut nicht mehr gehört! Wir schlugen unsere Zelte dicht vor dem Dorf auf, und bald kamen die Bewohner, welche Kanembu sind, neugierig heraus. Sie hielten uns für den Vortrab einer großen Karawane, waren daher sehr verwundert, als wir ihnen sagten, daß niemand weiter folge, da, wie sie uns mitteilten, Tuareg, mit Uled Sliman verbunden, Kanem nach allen Richtungen raubend und plündernd durchzögen. Von den Frauen wurden mir Eßwaren zum Kauf oder zum Tausch gegen Glasperlen und Nadeln angeboten. Ich bezahlte ihnen für frische Fische, ein Lamm, zwanzig Pfund Butter und etwas Mehl zwei Mariatheresientaler. Abends badete ich an einer offenen Stelle, wo die Kühe getränkt zu werden pflegen, im Tschad, nachdem mir die Eingeborenen auf meine Erkundigung versichert hatten, es komme hier äußerst selten vor, daß ein Mensch von einem Krokodil angefallen werde. Nicht weit von der Badestelle sah ich dann vier Hippopotamen ihre plumpen Köpfe aus dem Wasser strecken, und da mich Kalli und der Marabut gebeten hatten, ich möge vor den Bewohnern Ngigmis meinen Repetierstutzen abfeuern, benutzte ich die Gelegenheit, ihnen von der Wirksamkeit unserer Waffen eine Probe zu geben. Ich schoß unmittelbar hintereinander vier Schüsse auf die Flußpferde ab und hatte das Glück, daß zwei davon tödlich getroffen wurden. So viele Kugeln fast gleichzeitig aus ein und demselben Rohr kommen und auf so weite Entfernung wirken zu sehen, flößte den Leuten natürlich keinen geringen Respekt vor uns ein. Eine solche Einschüchterung war allerdings unserer Sicherheit wegen nötig, denn erst tags zuvor hatten zwanzig Budduma, Inselbewohner vom Tschad, eine kleine Tebu-Gofla hier ausgeplündert und ihre drei Kamele weggeführt. Wir mußten ihnen also die Lust nehmen, sich etwa auch an unserer schwachen Karawane zu vergreifen.

Ngigmi ist ein offener, aus oben zugespitzten Rohrhütten bestehender Ort. Die Einwohner, gegen fünfzehnhundert an der Zahl, sind Kanembu, d. h. Bewohner von Kanem, die sich äußerlich in nichts von den Tebu oder Kanuri unterscheiden und auch wie diese die Bornu-Sprache reden. An ihrer Spitze steht ein Ältester, der einen jährlichen Tribut von getrockneten Fischen an den Sultan von Bornu zu entrichten hat. Nur zur Regenzeit ist der Ort vom See umgeben; sonst liegt er einen guten Büchsenschuß vom Ufer entfernt.

In der Nacht überraschte uns ein furchtbarer, von Sturmwind begleiteter Regen. Dem Sturm hielt mein gut befestigtes Zelt wacker stand, aber das Wasser flutete von unten mit solcher Gewalt herein, daß ich glaubte, der Tschad sei ausgetreten. Vergebens rief ich nach Hilfe; meine Leute, deren Zelt der Sturm weggerissen, hörten mich nicht. Doch gelang es mir mit eigener Anstrengung, die Säcke mit Zucker und anderen Waren, welche durch das Wasser beschädigt werden konnten, auf die Kisten zu retten. Wie immer in der tropischen Region zog das Unwetter rasch vorüber, und kurz nach Mitternacht hatte sich der Himmel wieder völlig aufgeheitert. Obgleich unser Lager in der unmittelbaren Nähe eines bewohnten Ortes stand, wurden wir bis zum Morgen doch durch Hyänen, einer größeren Art als die in der Wüste, beunruhigt; vor dem Gebell meines Hundes zeigten sie keine Scheu, nur durch öfteres Abfeuern der Gewehre ließen sie sich zurücktreiben.

Als wir am nächsten Morgen aufbrachen, schlossen sich die Tebu, die hier beraubt worden waren, und einige Bewohner von Ngigmi mit Lastochsen unserer Karawane an, um in möglichst starker Begleitung den Bereich der räuberischen Budduma zu durchreisen. Wir zogen immer hart am Rand des Sees entlang, der durch hohes Schilfrohr, in dem zahlreiche Wasservögel sich tummelten, kenntlich war. Um halb elf Uhr kamen wir an den Hütten von Udi vorbei. Diese standen augenblicklich leer; sie werden nur zeitweise von Leuten bewohnt, die hierherkommen, um aus der Asche des Suak-Baumes ein Surrogat für Salz zu gewinnen. So wie kein Steinchen, so findet sich nämlich in der ganzen Gegend auch kein Salz, und die hier wachsenden Pflanzen sind so arm an Salzgehalt, daß den Kamelen, Rindern, Schafen und Ziegen von Zeit zu Zeit, wie man behauptet, Salz gegeben werden muß. Wenn nun die Karawanen von Bilma länger als gewöhnlich ausbleiben, dann sucht man aus der Asche einiger Bäume, namentlich des Suak, durch Auskochen einen notdürftigen Ersatz zu produzieren.

Um halb fünf Uhr passierten wir Kinsangale, einen gerade von Aschensiedern bewohnten Ort, aus hundert Hütten bestehend. Gegen Abend entfaltete sich in der Landschaft ein ungemein reges und mannigfaltiges Tierleben. Schmetterlinge und Libellen gaukelten von Blume zu Blume, Singvögel flogen aus dem dichten Gebüsch, das die Wiesen am Tschad-See umsäumt, und erhoben sich über uns in die klare Luft, während die Wasservögel, weiße und schwarze Störche, Pelikane, Enten, Gänse usw. auf den Wiesen ohne Scheu ihr Futter suchten; Antilopen- und Gazellenherden eilten zur Tränke an den Tschad, Wildschweine durchwühlten den Boden nach Wurzeln und stürzten bei unserer Annäherung entweder geraden Wegs in den Wald zurück oder verbargen sich in das hohe Röhricht; hier ging ein Flußpferd, unbekümmert um uns, schnaufend seiner Nahrung nach, dort verschwand ein vier bis fünf Fuß langer Kaiman erschreckt im Sumpf oder Schilf des Ufers. Alles war mir fremd und neu, bei jedem Schritt bot sich etwas nie Gesehenes meiner Betrachtung dar. Leider wurden aber unsere Kamele von Fliegenschwärmen bis aufs Blut gepeinigt, so daß sie kaum zu halten waren und immer ihre Ladung abzuwerfen suchten, um sich am Boden zu wälzen. Um sechs Uhr kamen wir nach Kindjigali, einem großen Ort, wo viele Sklaven aus Ngigmi mit Aschesieden beschäftigt waren, die sich sofort in unverschämter Weise an uns herandrängten. Ich mußte einige Schüsse über ihre Köpfe weg abfeuern, ehe wir sie los wurden. Später indes, nachdem die Zelte aufgeschlagen waren, handelten wir sehr wohlschmeckende Fische gegen Salz von ihnen ein.

Anderentags, den 17. Juli, führte uns der Weg von den Gestaden des Tschad weg durch einen nicht sehr dichten, gleichwohl aber von Tieren reich belebten Wald. Nach einem Marsch von fünf Stunden erreichten wir den Ort Barua und beschlossen, daselbst zu bleiben. Barua, etwa so groß wie Ngigmi, ist mit einer Erdmauer umgeben. Die Einwohner verkauften uns Lebensmittel gegen Salz, wovon ich zum Glück großen Vorrat aus Bilma mitgenommen hatte.

Am folgenden Morgen ging es in der Richtung von 170 Grad wieder vorwärts. Durch einen luftigen Wald, dessen Bäume mit Nestern der kleinen Singvögel wie mit Birnen behängt waren, gelangten wir nach einigen Stunden an die Sümpfe und Hinterwässer des Waube-Flusses. Das Passieren desselben nahm viel Zeit in Anspruch und war mit großen Beschwerlichkeiten verbunden, indem wir die Sümpfe auf weiten Umwegen umgehen, die Wasserlachen mit den störrischen Kamelen durchwaten mußten. Für alle Beschwerden entschädigten mich aber reichlich die entzückenden, stets wechselnden Landschaftsbilder, welche die tropische Sonne im Bund mit der Wirkung des Wassers auf diesem jungfräulichen Boden erzeugt.

Endlich um drei Uhr erreichten wir das Ufer des Komadugu Waube. Drüben am anderen Ufer sahen wir im Schatten von Tamarindenbäumen den Ort Jo liegen. Mehrere von dessen Bewohnern kamen, die blaue Tobe über dem Kopf haltend, zu uns herübergeschwommen. Sie sagten uns, der Vorsteher des Orts müsse jede hier ankommende Karawane durch einen Boten dem Sultan von Bornu anmelden, und wir könnten dem Boten Briefe nach Kuka mitgeben. Ich schrieb einige Zeilen an den Sultan, womit ich ihn von meiner bevorstehenden Ankunft benachrichtigte und um gute Aufnahme bat, indem ich den Empfehlungsbrief des Kaimmakam von Fesan beischloß.

Am Morgen wurde über acht leeren Kürbisflaschen ein luftiges, aber sicheres Floß zusammengebunden und darauf in drei oder vier Fahrten unser Gepäck ans andere Ufer geschafft. Ein Teil meiner Leute ritt auf unseren Kamelen durch den Fluß, der in der Mitte so tief war, daß die Tiere schwimmen mußten. Ich selbst zog es vor, hinüber zu schwimmen, und nahm auch meinen Hund, der wie seine Landsleute, die Araber, sehr wasserscheu ist, an einem Schwimmgürtel mit mir. Der Marabut setzte sich inmitten seiner Siebensachen auf das nicht mehr als sechs Fuß lange und drei Fuß breite Floß: So kam er zu unserem Ergötzen wie eine Ente in ihrem Nest angeschwommen. Da es zu spät geworden war, noch weiter zu gehen, lagerten wir nicht fern vom Ufer an einem viereckigen, von hohen Erdwällen eingefaßten Platz, der dem Sultan, wenn er hierherkommt, zum Lagerplatz dient und deshalb das Schloß des Sultans genannt wird. Seit vierzig Tagen hatte es hier geregnet, und seit siebenundzwanzig Tagen war der Waube in Fluß.

Jo liegt am rechten Ufer, der Ort ist mit Mauern umgeben. Seine Bewohner, deren Zahl sich auf achthundert belaufen mag, ernähren sich von Ackerbau und Viehzucht, und zur Zeit, wenn der Komadugu (d. i. der Fluß) Wasser genug hat, was freilich nicht länger als vier Monate im Jahr währt, auch vom Fischfang. In dieser Zeit findet die Kommunikation mit dem jenseitigen Ufer durch Schwimmen statt; wer aber des Schwimmens unkundig ist, wie die Ankömmlinge aus dem Inneren des Landes, der bedient sich zum Übersetzen eines leeren Schlauchs oder eines zwei leere Kürbisflaschen verbindenden Stockes, auf dem er rittlings sitzend sich mit Händen und Füßen hinüberrudert.

Am 20. Juli verließen wir die Ufer des Waube. Anfangs der Sümpfe und Hinterwasser wegen uns etwas westlich haltend, erreichten wir Beggel, zwei Dörfer, deren Hütten kaum aus den hohen Argum-Feldern herausragten. Im ganzen ist indes die Gegend nur dünn bevölkert. Nachdem wir gerastet hatten, ging es in südlicher Richtung weiter. Wilde Tiere werden nun, je mehr der Mensch sich angesiedelt hat, seltener, aber Vögel, namentlich Wasservögel wie Enten, Störche und Pelikane sind auch hier sehr zahlreich.

Am anderen Morgen wurde um halb sechs Uhr aufgebrochen. Je näher wir der Hauptstadt kamen, umso dichter wurde die Bevölkerung, wobei man freilich nicht den Maßstab europäischer Länder anlegen darf. Um halb elf Uhr passierten wir die angebauten Felder von Golaro, einem etwas westlich vom Weg gelegenen Dorf, und um elf Uhr wurde gelagert. Hier trennten sich Kalli und der Marabut von mir, da sie noch denselben Tag die Stadt erreichen wollten. Ich hingegen wollte absichtlich nicht abends in Kuka ankommen, denn ich wußte nicht, ob man ein Haus für mich in Bereitschaft gesetzt, und es ist überhaupt Sitte, daß Fremde morgens in eine Stadt einziehen. Um indes so weit wie möglich mich der Stadt zu nähern, ließ ich, sobald unser Frühstück zubereitet und verzehrt war, wieder aufbrechen. Unmittelbar rechts am Weg passierten wir den kleinen, nie austrocknenden See Ngaldjim – so wird im Kanuri jeder kleine See genannt –, und um sechs Uhr wurde zwischen den beiden Dörfern Daurgo, vier Stunden von der Hauptstadt entfernt, zur Nacht gelagert.

Frühmorgens zogen meine Diener neue Kleider an, die ich zu diesem Behufe gekauft hatte; dann wurde abmarschiert. Vormittags neun Uhr hielt meine Karawane an dem Nordtor von Kuka.

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