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Quer durch Afrika

Gerhard Rohlfs: Quer durch Afrika - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleQuer durch Afrika
authorGerhard Rohlfs
year1984
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart - Wien
isbn3-522-60580-2
titleQuer durch Afrika
pages3-373
created19991112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Zehntes Kapitel

Von Kauar nach Kuka

Vergebens hatte ich in Schimmedru auf den Abgang einer Karawane gewartet; seit fünf Monaten war kein Mensch, keine Nachricht von Bornu in Kauar angelangt. Ich entschloß mich endlich, einen Führer nach Kuka zu dingen und dem Mann, der sich dazu bereitfinden ließ, namens Maina Jusko, den geforderten hohen Preis von sechzig Mariatheresientalern zu bewilligen. Am 21. Juni war alles zur Abreise gerüstet. Außer den vier Dienern, die ich von Fesan mitgebracht, hatte ich einen freigelassenen etwa siebzehnjährigen Sklaven bei mir, der flehentlich bat, mich bis in sein Vaterland begleiten zu dürfen, was ich ihm unter der Bedingung gestattete, daß er stets eine Doppelflinte tragen sollte, und den türkischen »Memfi« (so heißen die von den Türken nach Fesan verbannten Sträflinge) Ali, der in Mursuk von mir befreit worden war. Ferner schlossen sich mir an: ein Marabut und Sklavenhändler aus Gatron mit zwei Dienern und ein vornehmer Tebu, namens Kalli, ebenfalls ein Menschenverkäufer, mit zwei Dienern. Mit mir und dem Führer zählte also unsere Karawane im ganzen dreizehn Köpfe.

Der Aufbruch konnte erst bei vorgerückter Tageszeit erfolgen. Wir kamen daher nur bis Gobdoto, einem kleinen Ort der Tebu-Desa in Agger, und lagerten dort zwischen Talha-, Geredh-, Dum- und Palmbäumen. Auf einen der angenehmsten Mondscheinabende folgte in der Nacht ein Sturm, der uns die Zelte über dem Kopf wegriß.

Noch ganz mit Staub bedeckt setzten wir anderentags unseren Marsch fort und erreichten nach vier Stunden Kalala, wo ich in meine alte Wohnung einkehrte. Kaum waren wir angekommen, als der Sultan mich mit seinem Besuch überraschte. Er entschuldigte sich wegen der früheren Vorkommnisse und behauptete, mein Diener Abd el Kader habe ihn bei mir verleumdet, er sei stets bereit gewesen, mir Dienste zu erweisen. Abd el Kader nahm jedoch diese Anschuldigung nicht schweigend hin, sondern replizierte heftig und nannte den Sultan in Gegenwart seiner Untertanen, welche der für ihn so erniedrigenden Szene mit größter Gleichgültigkeit beiwohnten, einen Lügner und Wortbrecher. Schließlich ersuchte mich der Sultan, ihm eine schriftliche Bescheinigung auszustellen, daß mir in seinem Reich nichts Übles widerfahren sei. Ich schrieb einen Schein in deutscher Sprache, worin ich erklärte, von seiten seiner Untertanen seien meiner Reise keine ernstlichen Hindernisse in den Weg gelegt worden, er selbst aber habe sich grob und ungeschliffen gegen mich benommen. Zufrieden steckte er das, wie er natürlich glaubte, sehr belobigende Zeugnis ein, jedenfalls mit der Absicht, es durch seinen Sohn in Tripolis überreichen zu lassen, wenn er diesen das nächstemal zum Sklavenverkauf dorthin senden würde.

Die übrige Zeit des Tages wurde zu allerhand Einkäufen benutzt, namentlich ließ ich einen tüchtigen Vorrat Salz anschaffen, da weiter nach Süden diese unentbehrliche Würze gar nicht mehr zu haben ist. Früh am folgenden Morgen fand sich der Sultan abermals vor unserer Wohnung ein, um mir noch Zündhölzchen, Spiegel, Nadeln usw. abzubetteln. Meiner Weisung gemäß ließen ihn aber die Diener nicht eintreten; ja, sie verhöhnten ihn, als er mit leeren Händen abziehen mußte, den Gatroner ausgenommen, der vor einem König, auch einem ohne Reich und Macht, stets großen Respekt bezeigte.

Gegen vier Uhr nachmittags brachen wir auf, und bald lag das grüne Kauar hinter uns. Im Osten erblickten wir den Ort Alt-Garo, jetzt nur noch aus dem Brunnen Gissidi bestehend, und weiter östlich, etwa sechs Stunden entfernt, die Felsen von Braun, an deren Westabhang der Brunnen gleichen Namens sich befindet. Nachdem wir drei von Osten nach Westen streichende Sanddünen überstiegen hatten, erreichten wir diesen Brunnen und lagerten an demselben. Sein Wasser steht zwei bis drei Fuß unter der Oberfläche des Bodens.

Schon um drei Uhr morgens marschierten wir am 24. Juni ab. Ungeheure Sandmassen, steile, oft hundert Fuß hohe Dünen, die auch hier mit bald mehr nördlicher, bald mehr südlicher Abweichung von Westen nach Osten ziehen, machten den Marsch für die Kamele äußerst beschwerlich. Indes darf man sich andererseits vom Sand der Wüste keine übertriebenen Vorstellungen machen, wie sie durch die phantastische Schilderung mancher Reisenden in Europa verbreitet worden sind. In Sebcha-Boden kann allenfalls jemand versinken und begraben werden, aber nie im Sand, der je tiefer, desto fester liegt. Bei dem gewöhnlichen, grobkörnigen Sand ist schon ein Einsinken bis an die Knie unmöglich, aber auch in trockenem Kalkstaub könnte ein Mensch nur da versinken, wo darunter sich Sebcha oder vom Wasser durchtränkter Triebsand befindet.

Um halb acht Uhr betraten wir die Tinger-Tinger-Ebene, einen platten, in meist regelmäßige Fünf- oder Sechsecke zerklüfteten Boden. Als wir sie überschritten hatten, rief uns der an der Spitze des Zugs marschierende Führer an, es sei eine Gofla in Sicht. Beim Näherkommen ergab sich, daß es eine kleine von Kuka kommende Karawane der Tebu-Desa war, nicht stärker als die unserige, die Getreide, Fische, Fleisch und Butter nach Kauar zu Markte brachte. Ich wollte einiges davon einhandeln, aber man forderte viel zu hohe Preise; überdies haben die getrockneten, halb faulen Fische aus dem Tschad-See nichts Verlockendes für einen europäischen Magen, während die Tebu, wie auch Barth erwähnt, sie sehr lieben. Die Tageshitze nötigte uns, von neun Uhr bis drei Uhr nachmittags zu ›gielen‹. Ich mußte jetzt den tiefen Sand zu Fuß durchwaten, denn mit einem Reiter auf dem Rücken hätte mein Kamel die steilen Sanddünen nicht herauf- und hinabzuklimmen vermocht. Durch eine schmale Rinne gelangten wir um sieben Uhr in das vegetationsreiche Sau gana (Kleines Sau), dessen von der Straße abliegender Brunnen bisweilen auch von Karawanen aufgesucht wird. Wir marschierten aber noch zwei Stunden weiter über die Sanddünen bis in das Sau kora (Großes Sau) und lagerten in der Nähe des Brunnens. Auch hier stand das Wasser zwei bis drei Fuß unter der Bodenfläche. Nachts kreisten eine Menge Hyänen mit entsetzlichem Geheul um unser Lager, doch hielt mein braver wachsamer Hund die trotz ihrer Wildheit sehr feigen Bestien durch sein Bellen und Anspringen in respektvoller Entfernung. Es war mir ein willkommenes Zeichen, daß wir aus demjenigen Teil der Sahara, der von aller Flora und Fauna entblößt ist, in eine belebtere Region eintraten. Die Vegetation, die hier beginnt, hat einen ganz anderen Charakter als die, welche der von Norden kommende Reisende bisher gesehen.

Am 25. Juni verließen wir um drei Uhr nachmittags den Lagerplatz. Wir hielten uns noch etwas mehr östlich, etwa in der Richtung von 150 Grad, und hatten wieder Dünen und Sandberge in großer Menge zu überwinden, wobei ein Kamel des Tebu Kalli den Anstrengungen erlag. Inmitten dieses Sandmeeres sproßt indes hier und da ein einzelner Grashalm auf, zum Beweis, daß dieser Teil der Wüste auch bisweilen durch Regen befeuchtet wird. Der ganz oder fast ganz regenlose Teil ist die Strecke zwischen Sokna und Sau; dort zeigt sich allerdings, die Oasen ausgenommen, nicht die schwächste Spur von Vegetation.

Folgendentags früh ging es weiter, immer noch durch Sand und über zahlreiche Dünen. Um halb zehn Uhr wurde bei dem vereinzelt wie ein »Zeuge« aus dem weiten Sandmeer hervorragenden Ejukoi-Felsen haltgemacht. Er besteht wie alle diese Berge aus geschwärztem Sandstein und dient den Reisenden als Wegweiser, indem er die Hälfte des Weges zwischen Sau und Dibbela bezeichnet. Als die heißesten Tagesstunden vorüber waren, setzten wir unseren Marsch in gerader Südrichtung fort. Die Vegetation wird nach und nach merklicher, schon erscheinen ganze Flächen von weitem gesehen wie mit grünem Rasen bedeckt. Allein Sand und Dünen nehmen noch keineswegs ab, und bald waren Menschen und Tiere so ermüdet, daß wir ein paar Stunden Rast halten mußten. Um ein Uhr nachts gingen wir wieder vorwärts. Nun endlich verloren sich nach und nach die Dünen, und wir kamen in die sandige, jedoch nicht vegetationslose Ebene Ndalada. Nach viertägigem Waten und Stampfen im Sand konnte ich zum erstenmal wieder mein Kamel besteigen, eine Wohltat für mich, denn meine Kräfte hätten kaum länger standgehalten.

Der Tebu Kalli und der Marabut aus Gatron gingen voraus, um den nicht mehr fernen Dibbela-Brunnen ausfindig zu machen. Wir anderen folgten, und nachdem wir die Tetraska-Felsen in einem Bogen nach Süden zu umgangen hatten, gelangten wir zur Dibbela-Oase und lagerten gegen Abend bei den Wasserlöchern. Das Wasser, in zwei bis drei Fuß Tiefe, ist in den Löchern unmittelbar am Gebirge etwas brakisch, in den mehr nach Westen gelegenen süßer. Die Vegetation von Dibbela gleicht der von Sau, doch gibt es hier viele Dum-Palmen, und ein hohes Gras bietet gute Kamelweide.

Am nächsten Morgen nahm ich in einem der vielen, freilich nur den Umfang einer mäßigen Tonne habenden Wasserlöcher ein Bad, ungeachtet der zahllosen Mücken, die sich tagsüber darin aufhalten. Während unsere Hausfliege zwischen Kauar und Belkaschifari ganz fehlt und auch in Kauar bei weitem nicht so häufig ist wie in den nördlichen Oasen Fesan, Tuat, Tafilet und Draa, wo sie durch die süßen Datteln herbeigelockt wird, finden sich Mücken noch südlich von Kauar in allen Brunnen, aus denen sie nachts herausschwärmen und Menschen wie Tieren mit ihren Stichen den Schlaf rauben. Zum Schutz gegen sie hatte ich mir aus einem Turban, der ja gegen vierzig Ellen langes dünnes Florgewebe enthält, eine »namussia« zusammengenäht, ein Netz, mit dem ich des Nachts den ganzen Körper umschloß.

Nachmittags zogen wir in Südrichtung weiter. Zahlreiche Spuren von Antilopen, Gazellen und Hyänen, einzelne Raben, Aasgeier und kleine Singvögel deuteten an, daß wir uns am Ausgang der Großen Sahara befanden. Die Gegend wird durch Tebu, die hier jagen, bisweilen auch durch räuberische Tuareg unsicher gemacht. Meinem Diener Abd el Kader, dem Teufelaustreiber, erschien deshalb unsere gewöhnliche Nachtwache kein genügender Schutz, er zog, allerlei Gebete murmelnd, mit seinem Zauberstab einen weiten Kreis um das Lager. Solche Beschwörung, arabisch »ihelgu« (sie beschwören), hält nicht bloß, glaubt man, Räuber und Diebe, böse Geister und wilde Tiere vom Lager fern, dasselbe soll dadurch sogar unsichtbar werden. Von Räubern, Dieben und Geistern wurden wir nun allerdings nicht behelligt; gegen Bestien aber muß der Zauber wirkungslos geblieben sein, denn trotz des magischen Kreises kamen die Hyänen dicht an das Lager heran und störten uns durch ihr unaufhörliches Geheul. Im Süden wetterleuchtete es zur Nacht, ein sicheres Zeichen, daß in den Tropen die Regenzeit eingetreten war.

Am 30. Juni langten wir nach gerade südwärts gerichtetem Marsch am Fuß der Berge an, welche die Oase A'gadem in Nordost und Ost begrenzen. Wir überschritten den Paß, gingen ohne Aufenthalt am Nordbrunnen vorbei und lagerten am Südbrunnen zwischen dichtem Gebüsch. Durch die frischen Fußspuren mehrerer Menschen und eines Kamels zur Vorsicht gemahnt, schickten wir den Führer Maina Jusko auf dem Pferd Kallis als Kundschafter aus. Er kehrte nach ein paar Stunden zurück in Begleitung einiger Tebu, die sich Bulguda nannten und angaben, sie hätten sich, acht Mann stark, beim Bergbrunnen eine Hütte gebaut, um eine Zeitlang in der Oase zu jagen und Fleisch an durchziehende Karawanen zu verkaufen; auch uns wollten sie Antilopenfleisch liefern, soviel wir brauchten, wenn wir einen oder zwei Tage dablieben. In der Tat hatten wir schon mehrere große Herden weißer, schnellfüßiger Antilopen gesehen.

A'gadem ist wegen seiner reichen Vegetation ein anziehender Ruhepunkt für Karawanen, aber zugleich, wie schon bemerkt, wegen der herumschweifenden Tuareg und Tebu ein gefährlicher Aufenthalt. Da die Karawanen seit Jahrhunderten immer auf denselben Plätzen zu lagern pflegen, haben sich dort Massen von Tierüberresten und Kamelunrat angehäuft, und infolgedessen wimmelt es an solchen Orten von Insekten, die auch uns sehr lästig wurden; Scharen weißer Ameisen drangen in alle unsere Sachen und Eßvorräte ein, und die Mistkäfer waren nicht aus den Zelten zu verbannen. Der Südbrunnen, wie alle Brunnen A'gadems zwölf Fuß tief, hat sehr süßes, aber trübes Wasser. Man erzählte mir, im Winter zuvor seien zwei Sklaven, die, mit einer Karawane aus der Tintümma-Steppe kommend, vom Durst gefoltert zu dem Brunnen vorauseilten, hineingestürzt und tot darin gefunden worden.

Für mich waren die Abende in der A'gadem-Oase die angenehmsten, die ich in der Sahara verlebte. Das steil ansteigende, romantisch zerklüftete Gebirge erscheint in der Dämmerung bedeutend höher, als es in Wirklichkeit ist. Man atmet hier zuerst wieder eine reinere, vom Sudan her etwas angefeuchtete Luft und sieht statt des grauen staubigen Horizonts einen tiefblauen Himmel mit klar funkelnden Sternen über sich. Sobald sich die Sonne gesenkt hat, ertönt aus dem Gebüsch, hier von einer Akazie, dort von einer vielwipfeligen Dumpalme, das zarte Gezwitscher der Vögel, die erst mit der Abendkühle zum Leben zu erwachen scheinen. Und auch wir lebten erst auf, nachdem die Sonne hinter den Sanddünen im Westen verschwunden war. Ein Teppich wurde aus dem Zelt geholt, die Teemaschine summte, zu dem Mahl von Brot oder Fleischextrakt, mit Linsen oder Erbsen gemischt, lieferte ein Kaninchen oder eine Gazelle den Extrabraten. So schwelgten wir in lang entbehrten Genüssen und sanken erst spät dem Schlaf in die Arme.

Am 2. Juli nachmittags aufbrechend, nahmen wir die Richtung von 160 Grad, worüber ich sowohl wie der Marabut unsere Verwunderung äußerten, dieser, weil er von seinen früheren Reisen her sich erinnerte, die Tintümma immer in gerader Südrichtung durchschnitten zu haben, ich, weil auf meiner Karte ebendiese Richtung vorgezeichnet war. Kalli fand zwar auch, daß wir zu weit östlich gingen, er meinte jedoch, der alte Maina Jusko verdiene unbedingtes Vertrauen, da er schon zum sechzehnten Mal den Weg zwischen Kauar und Bornu zurücklege. Wir durchzogen eine hochgewellte Ebene, verloren gegen Abend die Berge von A'gadem aus dem Gesicht und lagerten um zehn Uhr.

Anderntags ging es von vier Uhr morgens an in die östliche Richtung weiter. Nach Aussage der Leute hatten wir nun erst die eigentliche Tintümma vor uns; die Gegend unterschied sich indes nicht im geringsten von der, aus welcher wir eben herkamen. Als wir um neun Uhr der Hitze wegen anhielten, da bekannte Jusko offen, daß wir uns verirrt hätten. Auf unser Andringen mußte er sogleich das Pferd Kallis besteigen und fortreiten, um weiter westlich nach dem Weg zu suchen. Von einem Weg kann man freilich in diesem nördlichen Teil der Tintümma kaum reden; nur Kamelunrat, Knochen gefallener Tiere, zerbrochene Gefäße usw. bezeichnen die einzuschlagende Richtung auf dieser weiten Steppe, in der kein Berg, kein Baum sich als Merkmal darbietet. Da Jusko nach Verlauf mehrerer Stunden noch nicht zurück war, ritt ihm Kalli auf dem Pferd des Marabut nach. Beide kamen aber wieder, ohne den Weg gefunden zu haben, und es ergab sich nun, was ich übrigens schon verschiedentlich wahrgenommen hatte, daß der alte Jusko nicht mehr fähig war, durch so unwegsames Gebiet und nach so entferntem Ziel als Führer zu dienen. Wir beratschlagten, was zu tun sei. Ich erbot mich, die Karawane mit Hilfe des Kompaß durch die Steppe zu leiten, überzeugt, daß ein fortgesetzter, mehr nach Westen statt nach Osten gerichteter Marsch uns nach Belkaschifari bringen müßte; allein niemand traute dem Instrument, und selbst meine Diener, besonders der Gatroner, verweigerten den Vormarsch. Es wurde also beschlossen, umzukehren und zu sehen, ob einer der in A'gadem jagenden Bulguda sich uns als Führer verdingen wolle. Noch denselben Tag wurden fünf Stunden rückwärts marschiert, und am folgenden Tag langten wir nach siebenstündigem Marsch wieder am Südbrunnen von A'gadem an.

Auf die Kunde von unserer Rückkehr erschienen die Bulguda im Lager. Sie brachten uns Fleisch von ihrer Jagdbeute als Gastgeschenk und legten es zu drei gleichen Teilen dem Marabut, Kalli und mir jedem vor sein Zelt. Da ich aber erklärte, bei so unrichtiger Verteilung – Kalli und der Marabut waren nur je drei Mann, ich hingegen sieben Mann stark – das Geschenk nicht annehmen zu wollen, hoben sie die Portionen wieder auf und verteilten nun das Ganze nach der Kopfzahl. Außerdem kaufte ich von ihnen für zwei Mariatheresientaler fünfzig Pfund ausgezeichnetes getrocknetes Antilopenfleisch. Die Bulguda wie die Tebu überhaupt betreiben die Jagd mit abgerichteten Hunden von der Größe unserer Spitze, rötlichbraun und wahrscheinlich zur Windspielrasse gehörig, welche das Wild anfallen und festhalten, bis der herankommende Jäger es mit einem Spieß tötet. Vier solcher Hunde werden zum Erjagen einer Antilope gebraucht. Unsere Bulguda hatten deren zwölf bei sich. Wandernde Tebustämme führen oft eine große Menge Jagdhunde mit, woraus bei den Arabern die Sage entstanden ist, die Frauen der Tebu-Männer seien Hunde, die nur des Nachts Menschengestalt annehmen, bei Tag aber dem Wild nachlaufen, um die Familie mit Fleisch zu versorgen.

Einer der Bulguda ging ohne langes Handeln auf unseren Antrag, gegen fünf Taler Lohn die Karawane bis Belkaschifari zu führen, ein. Sein Kamel mieteten Kalli und der Marabut zum Transport von Wasser für ihre Pferde.

Am 5. Juli machten wir uns, von dem neuen Führer geleitet, wieder auf den Weg und marschierten viereinhalb Stunden ziemlich genau in derselben Richtung, aus der wir tags zuvor gekommen waren. Vom folgenden Morgen an aber ging es fast acht Stunden lang mit geringen Abwechslungen gerade südwärts, worauf der Sonnenhitze halber unter einigen vereinzelt stehenden Tumtum-Bäumen gerastet wurde. Der Tumtum-Baum, von der Höhe unserer Kernobstbäume, hat anstelle der Blätter lange grüne Dornen und soll genießbare Beeren tragen; ich sah ihn außer in der Tintümma auch in Kanem häufig, sehr selten schon in Bornu. Als wir nachmittags zwei Uhr weiterzogen, schlug der Bulguda eine fast ganz südöstliche Richtung ein, in der er uns noch sechs Stunden fortmarschieren ließ. Herden von Antilopen und Gazellen, auch einige Strauße jagten flüchtigen Fußes über die grasbewachsene Steppe. Hier und da lag noch ein Sandsteinfels zutage; es war die letzte Steinbildung, der ich nach Süden zu begegnete, weiterhin bis an den Tschad-See hinunter fehlt jede Spur von Steinen.

Schon nachts um zwei Uhr setzten wir uns wieder in Marsch. Zu meinem Befremden wurde bald die südöstliche, bald die südwestliche Richtung verfolgt, bis wir um neun Uhr vormittags in einer kesselförmigen Einsenkung, in der einige Tumtum-Bäume standen, haltmachten. Jetzt erklärte unser Bulguda, diese Bäume seien ihm unbekannt, wir müßten den Weg verfehlt haben; er wolle sich sogleich mit seinem Kamel aufmachen, um den richtigen Weg, der nicht fern sein könne, zu suchen, und wenn er ihn gefunden habe, uns von hier abholen. Mir erschien es in höchstem Grade unwahrscheinlich, daß ein Mann, der auf seinen Jagdzügen die Steppe nach allen Richtungen durchstreifte, sich verirrt haben sollte; das ganze Benehmen des Bulguda bestärkte mich vielmehr in dem Verdacht, er habe uns absichtlich vom Weg abgelenkt, damit wir durch Wassermangel umkämen und dann die Karawane ihm und seinen Spießgesellen als Beute in die Hände fiele. Daher widersetzte ich mich seiner Entfernung; wenigstens müsse er, sagte ich, sein Kamel als Pfand zurücklassen. Allein, ich wurde überstimmt, und man ließ ihn davonreiten. In der sicheren Erwartung, noch vor Abend Belkaschifari zu erreichen, hatten wir sehr geringen Wasservorrat mitgenommen; nur ein einziger Schlauch voll blieb uns, als der Tag zu Ende ging. Unsere Lage war somit in der Tat eine höchst gefährliche. Von A'gadem, hätten wir zum zweitenmal dahin umkehren wollen, trennte uns ein Weg von achtundzwanzig bis dreißig Stunden, und führerlos ohne Wasser in der Irre umherzuziehen, hieß dem sicheren Tod entgegengehen.

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