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Quer durch Afrika

Gerhard Rohlfs: Quer durch Afrika - Kapitel 13
Quellenangabe
typetractate
booktitleQuer durch Afrika
authorGerhard Rohlfs
year1984
publisherK. Thienemanns Verlag
addressStuttgart - Wien
isbn3-522-60580-2
titleQuer durch Afrika
pages3-373
created19991112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Neuntes Kapitel

Kauar und die Tebu

Kauar ist der arabische, Henderi-Tege der echte Teda-Name des Landes, der aber nur noch bei den im Osten wohnenden Tebu gebräuchlich ist. Die Grenze gegen Norden bezeichnet der zu Kauar gehörige Brunnen Jat.

Anay, der nördlichste Ort, liegt teils am Fuß eines Berges, teils auf der Höhe desselben und hat hundert bis hundertfünfzig Häuser und Hütten mit über fünfhundert Einwohnern. Die Häuser sind niedrig, sie haben nur eine Eingangstür, aber mehrere Abteilungen; die flachen Dächer bestehen entweder aus Palmzweigen oder aus einer Binsenart, die in Menge dort wächst.

Meinen Leuten zu Gefallen machte ich aus dem Festtag zugleich einen Rasttag in Anay. Ohnehin bedurften alle der Ruhe; denn mehr noch als durch die Strapazen der langen Märsche waren durch die fürchterliche Hitze und die Elektrizität der Luft unsere Kräfte erschlafft. Das Thermometer zeigte fast den ganzen Tag über zwischen vierzig und fünfzig Grad Celsius, und die Sonnenstrahlen hatten so intensive Macht, daß eine Stearinkerze, die ihrer Wirkung ohne Schutz ausgesetzt war, bis auf den Docht zusammenschmolz. Gern hätte ich den Leuten auch eine Ziege oder ein Schaf zum Opfern gekauft, man verlangte aber unerschwingliche Preise dafür, und meine Messer, Spiegeln, Nadeln, Mützen etc. fanden hier keine Liebhaber. Es war gut, daß ich mir von Fesan bedeutenden Vorrat Medra (Kautabak) mitgenommen hatte, denn hiergegen und gegen Medizin erhielt ich fast alles, was ich brauchte, im Tausch. Der Handel wurde meist mit den Frauen abgeschlossen, unter denen ich übrigens keine einzige hübsche sah. Ihre Hautfarbe ist ein entschiedenes Schwarz; nur bei einer, die einen Targi zum Vater hatte, war sie von hellerer Nuance. Des Festtags wegen erschienen alle in ihrem besten Kleid, viele auch mit frisch geflochtenem und butterbestrichenem Haar. Solche Frisur mag nicht wenig Zeit kosten: Flechten an Flechten, wohl sechzig bis achtzig, zwar nicht lang, aber sehr fein gewunden, hängen rund um den Kopf; nur die Stirn bleibt frei, aber von ihr aus zu beiden Seiten des Scheitels laufen wieder dichte Reihen der feinsten Flechten über den Schädel zum Hinterhaupt, und einige Frauen, wahrscheinlich besonders kokette, drehen noch einen Teil der Stirnflechten zu einem Wulst zusammen, der in Form einer Tüte oder eines Horns hoch emporsteht. Die Arme waren mit acht oder zehn halbzollbreiten Spangen, teils von Elfenbein, teils von schwarzem Holz oder von Horn, die Füße mit ein oder zwei dünneren Spangen von Messing oder Silber geschmückt. An den Fingern hatten die Vornehmeren Ringe von Blei oder Silber, und allen hing im rechten Nasenflügel ein Stückchen Koralle oder Knochen, worauf man besonderen Wert zu legen scheint. Ein langer dunkelblauer Schal, den man recht graziös zu drapieren versteht, umhüllt den Körper; darüber tragen die Reichen noch ein Hemd von blauem Sudankattun.

Von dem Berg, an und auf welchem Anay erbaut ist, hat man durch eine tiefe Kluft einen Felsen abgetrennt. Derselbe dient als Zufluchtsort in Zeiten der Not; er ist oben mit einer Mauer umgeben, die eine Anzahl bedeckter Kammern sowie Räume zur Unterkunft des Viehs einschließt und nur mittels einer Leiter zu ersteigen ist. Ich schickte mich an, hinaufzuklimmen, wurde aber von zwei Wächtern daran gehindert; da rief ich Hammed zu, er solle mir Büchse und Revolver bringen, worauf sie von ihrem Widerstand abließen, ja, der Amo-bui-nemai (Ortsvorsteher) kam selbst, um mir alles zu zeigen. Es gab indes nichts Merkwürdiges zu sehen, auch nach Inschriften suchte ich vergebens. Die Einwohner erzählten mir, Anay sei ein neuer Ort, ihre Vorfahren hätten in Kisbi, das jetzt zerstört und verlassen ist, gewohnt.

Die Oase hat ausgezeichnetes Wasser, das sich an vielen Stellen dicht unter der Oberfläche des Bodens befindet. Dattelpalmen gibt es in großer Menge, doch erreichen sie hier nicht mehr die Höhe der Entwicklung wie in den nördlichen Oasen, und auch die Früchte sind von weit geringerer Qualität. Gemüse oder Getreide zu bauen, verwehren den Kauarern die in Air wohnenden Tuareg, welche ihnen Getreide vom Sudan zuführen, um Salz dagegen einzutauschen, folglich ein Interesse daran haben, daß sich die Bewohner nicht mit Landbau, sondern mit der Salzgewinnung aus ihren Sebchen beschäftigen. Das einzige Produkt, das ihnen diese Herren der Wüste zu kultivieren erlauben, ist Klee, der getrocknet ein treffliches Kamel-, Pferde- und Ziegenfutter abgibt. Für eine Hand voll Tabak oder ein Brechmittel tauschte ich zwei Bündel davon ein; vierundzwanzig solcher Bündel reichen hin, vier Kamele einen ganzen Tag reichlich zu füttern.

Von den anderen mohammedanischen Völkern wird den Tebu vorgeworfen, sie seien so ungastlich wie die Christen; ich hatte mich jedoch in dieser Hinsicht nicht zu beklagen. Wir wurden vielmehr in Anay sehr gut bewirtet, und meine Leute delektierten sich besonders an mehreren Schüsseln Ngafoli mit Soße aus Mlochia, dem Nationalgericht der Neger Innerafrikas. Für mich schickte der Amo-bui-nemai noch spät abends eine Schüssel Fleisch. Von wem die anderen Schüsseln gekommen waren, erfuhren wir nicht; vielleicht von einigen Frauen, deren Wohlwollen ich mir beim Handel erworben hatte. Denn die Tebu-Frauen führen die Herrschaft über ihre Männer, wie überhaupt das Volk, obgleich äußerlich zum Islam sich bekennend, im Familienleben noch vielfach seine alten Sitten beibehalten hat, wenn auch nicht ganz so hartnäckig wie die zum Mohammedanismus bekehrten Tuareg. Allerdings kommt es bei den Tebu jetzt schon vor, daß ein Mann zwei oder mehrere Frauen heiratet und daß Frauen wegen Unfruchtbarkeit oder aus anderen Gründen verstoßen werden. Indes wissen auch diese ihrerseits, die Männer durch List zu hintergehen. So kam eine Frau zu mir und verlangte Medizin, um ein Kind zu gebären, das seit vier Jahren in ihrem Leib ruhe.

Nachdem uns am folgenden Morgen die Anayer noch einmal gastlich bewirtet hatten, brachen wir auf, ein gutes Andenken von ihnen mitnehmend. Ein halbstündiger Marsch in der Richtung von 150 Grad brachte uns nach Annikimmi, einem kleinen, nur halb so großen Ort wie Anay, ebenfalls am Fuß des Gebirges gelegen, das die Oase im Osten begrenzt. Auch Annikimmi hat oben auf dem Berg ein Kastell, in das sich die Bewohner bei Kriegsgefahr zurückziehen. Wir lagerten westlich vom Dorf unter ein paar dürftigen, nur wenig Schatten gewährenden Palmen. Wieder handelte ich gegen Tabak und Medizin getrockneten Klee als Futter für die Kamele ein. Dann schickte ich Mohammed Gatroni mit der Karawane nach Aschenumma voraus, während ich allein einen Abstecher nach Kisbi unternahm, der ältesten Stadt Kauars, die einst Residenz war, jetzt aber ganz verfallen ist. Binnen zwei kleinen Stunden erreichte ich die Stätte. Kisbi bedeckt einen niedrigen Hügel am Westufer der Oase, das sich nicht wie das östliche zu einem Gebirge erhebt. Es mag tausend oder noch mehr Einwohner gehabt haben. Die Häuser waren nicht von Stein, sondern aus Erde oder Ton gebaut; manche stehen noch aufrecht. Daß sich keine Moschee darunter befindet, ist erklärlich, da der Islam erst in neuerer Zeit unter den Tebu eingeführt wurde und ein großer Teil derselben ihn bis heute nicht angenommen hat. Bemerkenswertes bietet Kisbi in seinem jetzigen Zustand nicht, es müßte denn wahr sein, was man in Kauar behauptet, daß unter dem Boden große Schätze verborgen liegen. Der Abend dämmerte schon, als ich mich wieder auf den Weg machte, um meine bei Aschenumma lagernde Karawane aufzusuchen. Ich wußte zwar, daß der Ort in südöstlicher Richtung liegt; da aber Kauar durchschnittlich drei Stunden breit ist, irrte ich lange umher, ohne die Straße finden zu können. Da knallte aus der Ferne ein Doppelschuß, den der Gatroner vorsorglich als Signalschuß für mich abgefeuert. Er brachte mich auf die richtige Spur, und bald war nun die Straße erreicht. Einer von den Leuten kam mir mit einer Girba entgegen, aus der ich meine vom Laufen ganz ausgetrocknete Kehle wieder anfeuchten konnte. Nach einer weiteren Stunde Wegs langte ich endlich um neun Uhr in Aschenumma an. Man sagte uns hier, es seien eben Tuareg, die Salz abholen wollten, in Dirki und Bilma angekommen, und ich beschloß, ein Zusammentreffen mit ihnen womöglich zu vermeiden. Innerhalb der Grenzen von Kauar ist zwar der Reisende vor ihren Anfällen gesichert; Karawanen mit schwacher Mannschaft aber, die darüber hinaus nach Süden ziehen, sind in Gefahr, von Tuareg-Horden überfallen und ausgeplündert zu werden. Damit sie unserer Anwesenheit im Land nicht gewahr würden, verweilten wir den ganzen folgenden Tag vor Aschenumma; später überzeugte ich mich freilich von der Nutzlosigkeit dieser Vorsichtsmaßregel, denn die Kunde von der Ankunft eines Europäers verbreitet sich in diesen Gegenden mit fast telegraphischer Geschwindigkeit.

Aschenumma, wie die übrigen Orte an den westlichen Abhang des Mogodom-Gebirges angelehnt, hat, nach der Anzahl der Hütten zu schließen, wohl nicht mehr als zweihundert Einwohner. Die Wohnungen, sowohl die steinernen wie die Palmenhütten, sind sauberer und netter gehalten als die der Araber oder Tuareg und verraten eine gewisse Wohlhabenheit. Leider entspringt diese jedoch daher, daß die Männer, deren nur drei im Dorf anwesend waren, sich eifrig als Vermittler an dem Sklavenhandel zwischen Bornu und Rhat oder Fesan beteiligen. Auffallend dreist benahmen sich hier die Frauen; so gebrauchte eine die mit Wasser gefüllte Trinkschüssel meiner Diener, die vor meinem Zelt stand, ganz ungeniert als Waschbecken.

Morgens wurde die Reise fortgesetzt. Immer am Fuß des Mogodom-Gebirges entlang gehend, erreichten wir nach zwei Stunden Elidja, nur einen guten Büchsenschuß von Tiggemami, dem Wohnort Maina Adems entfernt, und weiterhin Rabus, wo wir zur Nacht blieben. Dieser an sich schon hochgelegene Ort mit etwa hundert Einwohnern wird von einer Burg überragt, die ohne Anwendung von Belagerungsgeschützen uneinnehmbar sein dürfte. Drei Stunden davon liegt Dirki, der zweite Hauptort von Kauar.

Anderntags kamen wir nach Schimmedru, dem drittgrößten Ort der Oase mit ungefähr achthundert Einwohnern. Wir wurden hier von Weibern und Kindern haufenweis umlagert und aufs freundlichste zum Bleiben eingeladen; allein eben um uns der allzugroßen Liebenswürdigkeit zu entziehen, gingen wir noch abends nach dem eine gute halbe Stunde entfernten ansehnlichen Doppelort Emi Madema. Auch hier ward uns eine sehr gastliche Aufnahme zuteil. Der Ortsvorsteher überwies uns sonderbarerweise ein Haus, das von einer vor kurzem verstoßenen Frau des jetzigen Sultans von Kauar bewohnt war. Indes empfing mich die Dame ganz artig und gestattete ohne Widerrede, daß wir die Hälfte ihres Hauses in Beschlag nahmen. Sie erklärte zwar, nicht mit so vielen Männern unter einem Dach schlafen zu wollen, wahrscheinlich weil sie auf eine Wiederverheiratung spekulierte, blieb aber trotzdem im Haus und schickte uns sogar ein Gericht von getrocknetem Gazellenfleisch. Von anderen Seiten bewirtete man uns gleichfalls reichlich, und noch abends bei Mondschein ließ der Ortsvorsteher öffentlich ausrufen, jede Familie solle zwei Kleebündel für die Kamele des Gastes hergeben, was auch alle bereitwilligst taten. Womit mögen die Tebu den Ruf der Ungastlichkeit, in dem sie stehen, sich zugezogen haben?

Am 1. Mai kam ein anderer Bruder des Sultans, begleitet von seiner Schwester, aus Dirki an, um mich zu begrüßen und mir eine Ziege als Gastgeschenk zu bringen. Die Prinzessin verlangte von mir Medizin, nach der sie einen Sohn gebäre; ich fragte, ob sie verheiratet sei, worauf sie naiv erwiderte: jetzt noch nicht, aber sie werde sich nächstens verheiraten und dann von dem Mittel Gebrauch machen.

Zum erstenmal sah ich hier Buckelochsen mit den langen gewundenen Hörnern; sie werden von Bornu hierher gebracht und vertragen, wie es scheint, den Ortswechsel recht gut.

Am 2. Mai abends verließen wir Emi Madema, gingen aber nur eine halbe Stunde weit bis zu dem Dorf Muschei und lagerten westlich vor demselben beim Brunnen. Seine Bewohner, einige Reschade-Familien, sind als Diebe berüchtigt. In der Nacht näherten sich zwei von ihnen dem Lager, jedenfalls in diebischer Absicht; mein wachsamer Hund machte jedoch sofort Lärm, und als sie unsere Flintenschlösser knacken hörten, beeilten sie sich, uns »l'afia«, den Friedensgruß, zuzurufen. Dann entschuldigten sie ihre Annäherung damit, daß sie zuviel Lakbi getrunken und im Dusel den Weg verfehlt hätten.

Anderntags wurde früh das Lager abgebrochen. Wir zogen gerade südwärts, vom Gebirge ablenkend, und traten um sieben Uhr in einen dichten Wald von Dum- und anderen Palmen; es liegen mehrere Tebu-Dörfer darin, an deren südöstlichstem und bedeutendstem, Agger, wir vorbeikamen. Von neun Uhr an ›gielten‹ wir bei einem Brunnen. Das Thermometer wies nachmittags, in den Sand gestellt, +63 Grad, in der Sonne +74 Grad und im Schatten +43 Grad. Abends marschierten wir noch eine Stunde und lagerten dann unweit Bilma (Garu), der Hauptstadt des Landes. Ich war unterwegs benachrichtigt worden, daß der Sultan augenblicklich nicht in Bilma selbst, sondern eine halbe Stunde nordwestlich der Stadt in dem Dorf Kalala residiere. Dorthin nahmen wir bei Tagesanbruch unseren Weg, und nach kurzem Marsch hielt die Karawane, während meine Leute Flintenschüsse in die Luft feuerten, vor dem Palast des Sultans von Kauar.

Durch einige seiner Diener wurde mir eine elende Hütte neben der königlichen Residenz zur Wohnung angewiesen, und bald erschien Seine Majestät in höchsteigener Person. Die üblichen Begrüßungsformeln wurden gewechselt, halb in Arabisch, das der Sultan nur sehr unvollkommen sprach, halb in Teda; dann entfernte er sich wieder. Die Baracke, in der wir wohnen sollten, erwies sich als viel zu klein; es war unmöglich, meine Leute und das Gepäck darin unterzubringen. Ich machte mich daher auf, um den Sultan zu bitten, er möge uns eine passendere Unterkunft verschaffen. Seine Majestät empfing mich vor seinem Haus im Sand hockend. Indem ich meine Bitte vortrug, überreichte ich zugleich den Empfehlungsbrief des Kaimmakam. Der Sultan nahm ihn verkehrt in die Hand, warf einen Blick hinein und sagte, er verstehe nicht Türkisch. Ich bemerkte, der Brief sei arabisch geschrieben, worauf er ihn zusammenfaltete und mit wichtiger Miene erklärte, er werde das Schreiben mit seinem Thaleb, der übrigens, wie ich später erfuhr, auch nicht lesen konnte, einer genauen Durchsicht würdigen. Indes stand er auf und ging mit mir durch das Dorf, bis ein geräumigeres, aus Salzklumpen errichtetes Haus für uns gefunden war. Vergebens warteten wir hier bis zum Abend auf ein Mahl, wir mußten uns endlich selbst etwas zum Essen zubereiten. Um den Sultan günstiger zu stimmen, schickte ich ihm, obgleich es nicht Sitte ist, die Geschenke sofort abzugeben, gleich am folgenden Morgen zwei Hüte Zucker, zwei Rasiermesser, einen Turban, einen Dolch, Rosenöl, sechs Taschentücher, eine Harmonika und zehn Taler in Geld, was zusammen einen Wert von reichlich zwanzig Talern repräsentierte. Mir war in Mursuk versichert worden, zwei Hüte Zucker allein sei ein genügendes Geschenk für den Fürsten der Tebu. Dies mag seine Richtigkeit haben, wenn man mit einer starken Araberkarawane ankommt, deren vierzig oder fünfzig Flinten dem Sultan den nötigen Respekt einflößen. Da ich aber nur wenige Leute bei mir hatte und er mich ganz in seiner Gewalt wußte, verhöhnte er die Diener, die ihm mein Geschenk überbrachten, stieß es zurück und ließ mir sagen, wenn ich nicht hundert Taler und einen Tuchburnus gäbe, dürfte ich weder in seinem Land bleiben, noch werde er gestatten, daß ein Tebu mich nach Bornu geleite. Was war dem feigen Räuber gegenüber zu tun? Auf keinem anderen Weg als durch Kauar konnte ich hoffen, ins Innere Afrikas zu gelangen, ich mußte mich also mit dem Beherrscher des Landes abfinden, und so fügte ich meinem Geschenk einen dunkelblauen, mit Gold gestickten Tuchburnus im Wert von dreißig Talern hinzu. Jetzt nahm er das Geschenk an, er gab mir die Erlaubnis, solange ich wolle, in Kauar mich aufzuhalten, und versprach sogar, er werde eine Karawane nach Bornu zustande bringen oder mir wenigstens einen Führer dahin mieten.

Der Sultan, nach meiner Schätzung ein Mann von fünfundvierzig Jahren, hieß Maina Abadji. Seine Gesichtsbildung hatte weniger von dem europäischen Typus wie die seines Bruders Maina Adem; die Hautfarbe war schwarzbraun, auch an der inneren Fläche der Hand ganz dunkel. Letzteres ist als ein Zeichen von Vornehmheit anzusehen, denn bei den Geringeren entfärben sich infolge des hantierenden Gebrauchs die Handflächen sowie die Fußsohlen und werden schmutzigweiß. Die Sultanswürde in Kauar ist gleichzeitig in zwei verschiedenen Familien erblich, so zwar, daß nicht dem Vater sein Sohn, sondern immer dem Herrscher aus der einen Familie der älteste Prinz der anderen Familie auf dem Thron folgt. Beim Regierungsantritt muß der Fürst auf alle seine Besitztümer Verzicht leisten, damit er nicht die Mittel habe, Sklaven anzukaufen und mit deren Hilfe das Volk zu unterdrücken. In der Tat ist der Sultan nichts weiter als der höchste Schiedsrichter bei inneren Streitigkeiten und der Anführer im Krieg gegen einen äußeren Feind; er darf keine Abgaben von seinen Untertanen erheben und hat nicht das Recht über Leben und Tod. Und das gleiche Verhältnis wie in Kauar findet auch in den übrigen Reichen der Tebu statt, während sonst die Völker der schwarzen Rasse ihren Fürsten mit Leib und Gut sklavisch unterworfen sind.

Ich blieb vorläufig in Kalala, um meine Vorräte zu erneuern, da Ngafoli und Butter hier billiger zu haben waren als in den nördlicheren Orten und ich hoffen durfte, in dem benachbarten Bilma einiges von meinen Waren verkaufen zu können. Bilma, der südlichste bewohnte Ort von Kauar, hat über tausend Einwohner und ist hauptsächlich wichtig und berühmt wegen der in seiner Nähe befindlichen Salzminen. Die Stadt ist mit einer Mauer umgeben, im Inneren aber einer der schmutzigsten Orte, die ich je gesehen habe; die niedrigen, unregelmäßigen Häuser aus kotigen Salzklumpen machen namentlich auf den Reisenden, der eben die reinlichen Dörfer am Mogodom-Gebirge passiert hat, den widerwärtigsten Eindruck.

Übrigens muß ich hier einen sonderbaren Irrtum berichtigen, der, wie anderen Reisenden, auch mir begegnet ist. Der Ort heißt nämlich nicht Bilma, sondern Garu, er liegt nur in der Provinz Bilma. Urheber dieses Irrtums sind die Araber, welche sehr ungenau in ihren geographischen Bezeichnungen zu sein pflegen, indem sie z. B. Mursuk für Fesan, Stambul für die Türkei, Fes für Marokko und umgekehrt den Namen des Landes oder der Provinz für einen einzelnen Ort gebrauchen. Man kann von ihnen die Frage hören: »Wie weit ist es von Deutschland nach der Türkei?« Denn sie glauben gleich allen Wüstenbewohnern, jedes Land müsse durch eine Wüste oder durch das Meer von anderen getrennt sein, und können sich nicht vorstellen, daß ein Punkt Deutschlands ziemlich nahe an der türkischen Grenze, ein anderer viele Tagereisen davon entfernt ist.

Die Salzminen zwischen Garu und Kalala sowie nördlich von letzterem Ort bestehen aus weiten, von zwanzig bis dreißig Fuß hohen aus Salz- und Erdschutt eingefaßten Gruben, in deren Tiefe Wasser, wahrscheinlich über Steinsalzlager, von Osten nach Westen hindurchfließt. Dieses Wasser ist so salzhaltig, daß sich, begünstigt durch die starke Verdunstung hier im Zentrum der Wüste, binnen einigen Tagen eine mehrere Zoll dicke Kruste auf dem Wasser bildet, die dann durchstoßen und abgefischt wird. Während man das Meersalz erst gewinnt, nachdem alles Wasser teils verdunstet, teils durch die Erde aufgesogen ist, überzieht hier das Salz wie eine Eisdecke die Oberfläche des Wassers, und vermöge der schnellen Kristallisation produzieren diese gar nicht so umfangreichen Minen solche Quantitäten, daß sie einen großen Teil Zentralafrikas mit Salz versorgen. Die Tuareg aus Air führen es von hier nach dem Sudan, die Tebu und Araber nach Bornu und Bagirmi. Den Tuareg-Kelui ist es durch ihre numerische Übermacht nach und nach gelungen, die Bewohner Kauars in völlige Abhängigkeit von sich zu bringen; sie erlauben ihnen weder Ackerbau noch sonst irgendeine einträgliche Beschäftigung, mit Ausnahme des Sklavenhandels, zu treiben, damit sie zur Bearbeitung der Salzminen gezwungen sind. Dagegen bringen ihnen die Tuareg Getreide und Kleidungsstücke sowie Sklaven vom Sudan, für welche sie aber den Preis entrichten müssen, den ihnen ihre Herren, die Tuareg, abverlangen. Hierher kommen denn auch die größten Karawanen, die überhaupt die Wüste durchziehen; die Einwohner sprechen von drei- bis viertausend Kamelen, und wenn es auch diese Völker bei Zahlenangaben mit den Hunderten oder Tausenden eben nicht genau nehmen, so mögen immerhin Karawanen von ungefähr tausend Kamelen der Wirklichkeit entsprechen. Das Salz wird zum Transport teils in Pulver zerrieben, teils in Formen von Tellern oder Säulenkapitälen gegossen; das in Tellerform ist unrein und mit vielen erdigen Teilen vermischt.

Während ich in Kalala war, begab sich der Sultan nach dem Norden, um auch die anderen Mitglieder der Karawane, mit der ich gekommen, zu brandschatzen. Mit seinem Bruder Maina Adem geriet er in heftigen Streit, wobei es sich wahrscheinlich auch um Geld handelte. Die beiden armen Ghorianer mußten ihm jeder fünf Taler bezahlen; im Jahr vorher hatte der eine von ihnen die Reise nach Bornu mit einer starken Karawane gemacht und deshalb beim Durchzug durch Kauar nur ungefähr einen drittel Taler zu entrichten gehabt. Um mich bekümmerte sich der Sultan weiter nicht mehr, als daß er mir seine Abreise und Wiederankunft melden ließ. Ohnehin fand ich mich bald veranlaßt, von Kalala aufzubrechen, da in der Provinz Bilma das Kamelfutter schlecht und teuer ist. Ich ging nach Schimmedru zurück, bei welchem Ort vorzügliches Agolkraut wächst, das die Kamele sehr lieben.

Ist auch die Zahl der in Fesan sich aufhaltenden Tebu keine geringe, so können sie doch dort noch nicht als heimisch betrachtet werden; erst mit Kauar hatte ich das Wohngebiet der Tebu, und zwar dessen westlichste Grenze, erreicht. Es dürfte deshalb hier der Ort sein, etwas näher auf die Eigentümlichkeiten dieses Volksstammes einzugehen.

Der gegenwärtige Stand der Forschung und Beobachtung über die Tebu läßt sich in folgenden Punkten zusammenfassen: 1. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die Tebu dasselbe Volk sind, das von den alten Autoren Garamanten genannt wird. 2. Ob die Garamanten der weißen oder der schwarzen Rasse angehörten, wissen wir nicht. 3. Die heutigen Tebu sind zum Teil von weißlich-gelber, überwiegend aber von rotbrauner bis ganz schwarzen Hautfarbe, bei manchen ist sogar die innere Handfläche dunkelschwarz. 4. Alle Tebu haben krauses Haar und gelbliche Bindehaut der Augen, mir wenigstens sind weder Männer noch Frauen mit langem schlichtem Haar, wie es die Berber haben, vorgekommen. 5. Die Teda-Sprache ist aufs engste mit dem Kanuri verwandt. 6. Wir haben also in den heutigen Tebu, will man sie nicht als besondere Rasse gelten lassen, ein aus den Negern Zentralafrikas durch Verkehr mit den weißen Bewohnern des nördlichen Afrika entstandenes und entstehendes Mischvolk.

Diesem Mischlingscharakter entspricht auch die Gesichtsbildung der Tebu. Feine europäische oder kaukasische Züge sieht man nicht selten mit tiefschwarzer Hautfarbe vereint. Nach den Beobachtungen der Reisenden, die mit Tebu in Berührung gekommen, zeigt ihre Physiognomie weit mehr negerische als berberische Elemente. Ebenso herrscht in ihren Sitten und Gebräuchen größere Übereinstimmung mit den Negern als mit den Berbern. Sie tätowieren sich nicht farbig wie diese, sondern machen gleich den Negern Einschnitte in die Haut; der Pflug, dessen sich die Berber beim Feldbau bedienen, hat bei den Tebu, wie bei allen Negervölkern, keinen Eingang gefunden.

Das Wohngebiet der heutigen Tebu liegt südlich von Fesan, nördlich vom Tschad-See, östlich von Kauar einschließlich dieser Oase, und westlich von der sogenannten Libyschen Wüste. Sichere Kenntnis des Landes läßt sich nur durch eigene Anschauung europäischer Reisender gewinnen, denn die Eingeborenen begegnen allen Erkundigungen mit zurückhaltendem Mißtrauen. Zudem haben die Tebu viel weniger Sinn für Geographie als die Araber und Berber: Sie wissen viele Berge nicht zu benennen, welche sie jahraus jahrein mit ihren Karawanen passieren, und geben selbst Tälern und Ebenen, Bergen und Uadi in ihrer nächsten Umgebung keinen bestimmten Namen. Noch schwieriger ist es, über die früheren Wohnsitze der Tebu-Stämme etwas zu ermitteln, da sie keinerlei historische Überlieferungen, weder schriftliche noch mündliche, besitzen. In Betracht des unleugbar gemeinsamen Ursprungs der Teda- und der Kanurisprache könnte vielleicht eine genauere Erforschung des Kanuri-Stammes auf die Spur leiten.

Alle Teda sind jetzt äußerlich zum Islam bekehrt, doch haben sie vom Wesen der mohammedanischen Religion wenig oder gar nichts in sich aufgenommen. Die unter den vorgeschriebenen Verbeugungen hergeplapperten Gebete bleiben ihnen unverständlich, denn kaum zehn Teda dürften des Arabischen mächtig genug sein, um die Sprache des Koran verstehen zu können. Einen Brief selbst zu verfassen oder auch nur zu lesen, sind sie nicht imstande. Dagegen wurde die bevorzugte Stellung, welche die Frauen bei den Tebu einnehmen, schlau zur Einführung des Islam benutzt. An diesen wurde zuerst das Bekehrungswerk vollzogen und ihnen dann, um auf die Männer einzuwirken, lesen und schreiben gelehrt. Daher kommt es, daß noch jetzt die Schulen mehr von Mädchen als von Knaben besucht sind. Natürlich geht der Unterricht nicht über die allerersten mechanischen Anfangsgründe hinaus, die Teda-Frau aber ist stolz darauf, eine Schriftgelehrte zu sein, und trägt zum Zeichen dessen stets ihre Schreibtafel mit sich, obwohl sie bei der Aussprache des Arabischen arge, oft höchst lächerliche Verstöße macht. So sprach unsere Hausfrau in Schimmedru, die sich für die gelehrteste Frau des Ortes hielt, »Bi'sm Allah« (im Namen Gottes) wie »Bi smin Allah« (in der Butter Gottes) aus, zum großen Gaudium meiner arabischen Diener. Mohammedanische Vielweiberei gehört hier noch zu den seltenen Ausnahmen. Man verheiratet sich in sehr jugendlichem Alter und schließt die Ehe vor einem Fakih, hier »Mallem« (Meister) genannt, durch mündliche Erklärung. Ein schriftlicher Heiratskontrakt wird nicht aufgesetzt. Auch sonst finden bei der Hochzeit keine besonderen Zeremonien statt, so wenig wie bei den Geburten und Begräbnissen.

Der sozialen Geltung nach ist das Volk in drei Klassen geschieden. Die erste Klasse bilden die Maina, d. h. die Edlen. Aus ihr gehen die Sultane hervor. Zur zweiten Klasse gehört das ganze übrige Volk mit Ausnahme der »asseba-itobi« und »duti«, d. h. Waffenschmiede. Letztere machen eigentümlicherweise für sich allein die dritte Klasse aus. Einerseits stehen sie in einem gewissen Ansehen, während sie andererseits tief verachtet sind. Wenn in Krankheitsfällen der Mallem (Fakih) keinen Rat mehr weiß, dann nimmt er seine Zuflucht zum Schwertfeger, und auch die Frau desselben wird als Orakel befragt. Einen Schmied zu schlagen oder zu töten, gilt als ein schweres Verbrechen oder vielmehr als Akt größter Feigheit. Aber kein Tebu würde mit einem Waffenschmied aus einer Schüssel essen oder unter einem Dach schlafen oder gar seine Tochter heiraten; ja, einen Tebu »asseba-itobi« heißen, ist eine infamierende Beleidigung, die nur mit Blut gesühnt werden kann. Ich habe vergebens nach den Ursachen dieser sonderbaren Verhältnisse geforscht. Wären die Schmiede vor langen Zeiten eingewanderte Fremdlinge, etwa Juden, welche die Erinnerung an ihre Religion verloren haben, so müßten sie sich doch äußerlich von den Tebu unterscheiden, was aber nicht der Fall ist, und weder sie selbst noch andere Eingeborene nehmen an, daß sie von fremder Abkunft seien.

Die Schmiede verfertigen nicht bloß Waffen: Degen, Spieße, Schangermangore (Wurfeisen), Bogen und Schilde, sondern auch Schmucksachen in Silber und Gold, freilich von roher, kunstloser Arbeit. Von sonstiger Industrie kann bei den Tebu wohl kaum die Rede sein. Die Frauen flechten einfache Matten aus Palmblättern; die Männer bereiten aus Knochen und Dattelkernen Teer und gerben mit der Rinde der Geredh-Akazie die Felle zu ihrer Kleidung wie zu den Wasserschläuchen; auch die Kamel- und Pferdesättel verfertigen sie sich selbst. Vorteilhaft zeichnen sich die Tebu vor den Arabern und Berbern durch die Reinlichkeit in ihren Wohnungen aus. Der Fußboden ist mit frischem Sand bestreut und wird nie von Ziegen oder Schafen betreten.

Die Kleidung sowohl der Männer wie der Frauen ist äußerst einfach. Die wohlhabenden Männer tragen Hosen von Sudankattun, darüber die sogenannte Tobe oder auch nur ein Kattunhemd, und auf dem Kopf den roten Fes, oder sie wickeln einen Turban derart um Kopf und Gesicht, daß nur ein schmaler Spalt für die Augen frei bleibt. Somit gehören die Tebu zu den Völkern, welche die alten arabischen Schriftsteller »Melathemin«, das heißt Schleiertragende, nennen. Melathemin sind alle Bewohner der Großen Sahara: die Tuareg, die Bewohner von Rhadames, von Ain-Salah, von Rhat, auch die nomadisierenden Araber von Tuat, wogegen die Araber und Berber, welche sich nicht dauernd dort aufhalten, keinen Schleier vors Gesicht zu nehmen pflegen. Wahrscheinlich zuerst als notwendiger und wirksamer Schutz bei heftigen Sandstürmen angewendet, wurde das Verschleiern zur beständigen Gewohnheit. In diesem Ursprung der Sitte mag auch der Grund zu suchen sein, warum die Tebu-Frauen, welche fast nie ihre Männer auf den Reisen durch die Wüste begleiten, das Gesicht unverschleiert lassen. Unter der armen Bevölkerung gürten die Männer bloß ein Ziegen- oder Schaffell um die Lenden. Knaben bis zu zehn Jahren, das heißt bis zur Pubertät, gehen ganz nackt. Allgemein und in großer Menge werden Ledersäckchen mit Koransprüchen als Amulette getragen, am Turban oder Fes, an den Armen und Beinen, um den Hals, am Schwert, Spieß und Bogen, kurz wo man sie nur immer anbringen kann; sogar die Pferde und Kamele behängt man damit zur Wahrung gegen den bösen Blick oder sonstigen Schaden.

Das Hauptkleidungsstück der Frauen ist ein längliches, meist blaues, doch auch buntgestreiftes Stück Kattun, welches sie derart um den Körper schlingen, daß der Kopf mitverhüllt wird, die Arme und Unterbeine aber sowie ein Teil des rechten Busens entblößt bleiben. Zwei bis drei Spangen aus Elfenbein oder Horn, Achat oder Kaurimuscheln zieren den Arm, Metallringe aus Silber oder Kupfer die Knöchel der Füße, und eine Schnur europäischer Glasperlen umgibt den Hals. In dem durchbohrten rechten Nasenflügel hängt ein zylindrisches Stück Koralle von einem Zentimeter Durchmesser und fünf bis sechs Zentimeter Länge oder, in Ermangelung von Korallen, ein Stück Elfenbein oder Knochen.

Ganz eigentümlich ist die Begrüßungszeremonie der Tebu. Begegnen sich zwei Bekannte auf der Straße, so sitzen sie in zehn Schritt Entfernung nieder, den Spieß aufrecht in der Hand haltend. Der eine ruft: »Lahin kennaho«, der andere erwidert: »Getta inna dünnia«, worauf beide gleichzeitig »Laha, Laha, Laha« ausrufen, je höflicher sie sein wollen, desto öfter. Endlich gehen sie aufeinander zu und drücken sich stark die Hand, ohne sie jedoch, wie es bei den Arabern Sitte ist, zu küssen.

Unter den Waffen verdient der Medjri oder Schangermangor, mit welchem Namen er uns zuerst durch die Araber bekannt geworden, besondere Erwähnung. Er gleicht einem Fleischermesser von etwa einem Fuß Länge, aus dem noch ein oder zwei spannenlange Klingen hervorstehen, und wird sowohl als Wurf- wie als Hauwaffe benutzt. Mit den Tuareg und anderen Wüstenvölkern haben sie den Armdolch gemein, der, ohne Griff drei bis vier Zoll lang, mit der Spitze nach oben, mit dem Griff gegen die Hand geneigt, an der inneren Seite des linken Vorderarms getragen wird. Außerdem haben sie ein breites, gerades Schwert mit Kreuzgriff, meist Solinger Fabrikat, eine acht bis neun Fuß lange Lanze von Akazienholz mit eiserner Spitze von einem halben bis zu einem Fuß Länge, einen fünf bis sechs Fuß langen Wurfspeer und einen runden oder ovalen Lederschild. Die Bemittelteren sind selbstverständlich auch im Besitz von Schußwaffen.

In Ermangelung irgendwelchen geschriebener Gesetze beruht die gesellschaftliche Ordnung zusammen mit der Rechtspflege lediglich auf Herkommen und Überlieferung. Seit Einführung des Mohammedanismus hat sich neben den weltlichen Richtern die Geistlichkeit eines Teils der Gerichtsbarkeit zu bemächtigen versucht, doch dürfte noch geraume Zeit vergehen, ehe die Geistlichen hier zu der Macht gelangen, die sie in anderen mohammedanischen Staaten ausüben. Die Sultane, welche den Titel »Derde« führen, werden auf Lebenszeit aus der Klasse der Maina gewählt. Ihre Machtvollkommenheit ist eine beschränkte, größer oder geringer je nach den persönlichen Eigenschaften des jedesmaligen Regenten. Sie dürfen keine Reichtümer besitzen und haben keine anderen Einkünfte als einen Anteil an der Beute der Rasien, an dem von durchziehenden Karawanen erhobenen Zoll und an den Geschenken der Reisenden. Steuern werden im Land nicht entrichtet.

Die Tebu haben sich bisher durchaus unfähig bewiesen, eine Nation oder einen Staat zu bilden. Sie wohnen zwar in Ortschaften beisammen, aber nirgends entwickelte sich ein festes, geordnetes Gemeinwesen, und auch wo, wie in Kauar, mehrere Ortschaften unter einem gemeinsamen Herrscher stehen, ist doch der Verband ein so lockerer, daß man kaum den Begriff einer staatlichen Organisation darauf anwenden kann. Noch trostloser gestalten sich die Verhältnisse in der jüngsten Zeit durch Einführung der mohammedanischen Religion, welche den letzten schwachen Rest von staatlicher Autorität untergräbt, ohne etwas anderes an die Stelle zu setzen. Denn der Mohammedanismus will keine Nation, er will nur Gläubige und überläßt dem Fakih oder Mallem, durch Nährung von Unwissenheit und Aberglauben die Leute zu beherrschen. So scheint es, daß auch der Zukunft dieses Volkes keine günstige Prognose zu stellen ist.

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