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Quentin Durward

Walter Scott: Quentin Durward - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorb7cb9d2c
titleQuentin Durward
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus Berlin
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb7cb9d2c
created20070322
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Erstes Kapitel.

Im letzten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts bereiteten sich alle jene Ereignisse vor, die das Königreich Frankreich in den Besitz jener starken Macht setzen sollten, die jahrhundertelang für die übrigen europäischen Staaten zu einem wichtigen Eifersuchtsobjekt werden sollte. Vor dem Beginn dieses Zeitabschnitts war Frankreich um seinen Bestand in lange Kriege mit England verwickelt, das einen Teil seiner schönsten Provinzen an sich gerissen hatte, und es bedurfte der äußersten Anstrengungen seines Königs und seiner Untertanen, das, was ihm noch gehörte, zu erhalten. Es drohte aber für Frankreich auch andere Gefahr. Durch die Erfolge der Engländer übermütig gemacht, hielten sich auch die Fürsten, die im Besitz der großen Kronlehen waren, namentlich die Herzoge von Burgund und der Bretagne, nicht mehr an ihre Lehnsverträge, sondern scheuten nicht davor zurück, die Waffen gegen ihren Lehns- und Oberherrn, den König von Frankreich, zu erheben, sobald ihnen irgend ein Anlaß oder eine Gelegenheit dazu geboten wurde. In Friedenszeiten führten sie in ihren Provinzen ein völlig unumschränktes Regiment, und das im Besitze von Burgund und des schönsten und reichsten Teils von Flandern befindliche Herzogshaus Burgund besaß eine so bedeutende Macht, daß es der Königskrone Frankreichs weder an Reichtum noch an Streitkräften unterlegen war. Und wie die großen Vasallen es machten, machten die kleinen es auch; ein jeder von ihnen suchte sich soviel Macht und Unabhängigkeit zu verschaffen, wie er irgend behaupten konnte, und machte sich der schlimmsten Gewalttätigkeit und Grausamkeit schuldig. So war allein in der Auvergne ein Verzeichnis von weit über 300 Adeligen aufgestellt worden, die sich der Blutschande, des Raubes und Mordes, fast immer sogar im Rückfalle, schuldig gemacht hatten.

Was aber zu diesen Uebelständen noch als erheblich verstärkend hinzutrat, das war die aus den langwierigen Kriegen mit England hervorgegangene Zerrüttung aller wirtschaftlichen Verhältnisse des Königreiches. In Frankreich hatte sich der Auswurf aller Länder in dieser wilden Zeit angesammelt, eine Menge von verwegenen Abenteurern hatte Banden gebildet und plünderte in Stadt und Land; sie boten ihre Schwerter demjenigen, der am besten bezahlte, oder führten, wenn sie einen guten Zahler nicht fanden, Krieg auf eigene Faust, bemächtigten sich der Burgen und Festungen, benützten sie als Schlupfwinkel, nahmen Reiche gefangen, um Lösegeld zu erpressen, und sogen die Ortschaften, die noch einigermaßen wohlhabend waren, vollständig aus.

Trotz all diesen Schrecknissen und ohne die geringste Rücksicht auf das im Lande herrschende Elend trieben die niederen Adligen einen unerhörten Luxus, der kaum von demjenigen der Fürsten des Landes übertroffen werden konnte, und ihre Dienerschaft vergeudete auf unverschämte Weise das dem Volke abgepreßte Gut. Gebessert wurden diese Verhältnisse nicht im geringsten dadurch, daß im Umgange der beiden Geschlechter eine gewisse Galanterie herrschte, die noch auf die romantischen Gepflogenheiten der Ritterzeit zurückzuführen war; denn dafür machte sich eine grenzenlose Zügellosigkeit geltend, die aller Moral geradezu ins Gesicht schlug. Von dem reinen Geiste ehrbarer Zuneigung und frommer Uebungen, die die Gesetze des Rittertums einschärften, wußte man längst nichts mehr, wenn auch die Sprache der fahrenden Ritter noch immer im Brauche war und die Ordensregeln noch nicht als abgeschafft galten. Turniere wurden noch immer abgehalten, und die damit verbundenen Lustbarkeiten führten nach wie vor eine Menge von Abenteurern nach Frankreich, und keiner von ihnen unterließ es, seinen kecken Mut durch Handlungen zu beweisen, für die ihm sein glücklicheres Geburtsland keine Schranken öffnete.

In dieser Zeit bestieg den wankenden Thron ein König, dessen Charakter im Grunde genommen schlecht war über alle Begriffe, der aber gerade hierdurch das Zeug in sich hatte, das im Lande herrschende Unglück zu bekämpfen und im bedeutenden Maße zu verringern, ähnlich gewissen Gegengiften, denen nach alten medizinischen Werken die Kraft innewohnen soll, die Wirkung von Giften aufzuheben. Dieser König war Ludwig der Elfte. Von jener romantischen Tapferkeit, oder dem aus ihr entspringenden Stolze, der für die Ehre zu fechten bereit war, wenn der Nutzen schon längst eingeheimst war, besaß Ludwig keinen Schimmer, wohl aber war er kühn genug, jeden nur irgendwie nützlichen Zweck in der Politik mit Zähigkeit zu erfassen und zu verfolgen. Er war ein Mann der ruhigen Ueberlegung, der kalten Berechnung, des klugen Besinnens, immer auf seinen Vorteil bedacht und niemals geneigt, dem Stolz und der Leidenschaft, wenn sie mit seinem Vorteil kollidierten, ein Opfer zu bringen. Er verstand, sich mit erstaunlichem Geschick zu beherrschen und seine wirkliche Gesinnung vor allen, mit denen er in Berührung trat, auf das peinlichste verborgen zu halten. Das Wort, daß ein Fürst, der sich nicht zu verstellen verstünde, nicht zu herrschen verstünde, und »daß er selbst seine Kappe, wenn er denken müsse, sie sei hinter seine Geheimnisse gekommen, vom Kopfe reißen und ins Feuer schmeißen würde,« führte er sehr oft im Munde. Zu keiner Zeit hat ein Mensch gelebt, der die Schwächen seiner Mitmenschen so auszunützen verstanden hat, wie dieser König Ludwig, und dabei doch zu vermeiden, daß es irgend den Anschein hatte, als ob er sich andern gegenüber, auch denen, die ihm Nachsicht schenkten, in Vorteil zu setzen suche.

Von Natur rachsüchtig und grausam in so hohem Grade, daß es ihm eine besondere Freude machte, der Vollstreckung eines von ihm befohlenen Todesurteils anzuwohnen, reizte ihn doch kein Rachegefühl je zu voreiliger Hitze, weil in seinem Herzen kein Funke von Mitleid wohnte, der ihn hätte bestimmen können, Schonung walten zu lassen, wenn er mit Sicherheit verdammen konnte. In der Regel fiel er über seine Beute erst her, wenn er sie fest in seinen Klauen hatte, und wenn von irgend einem Zufall, sich zu befreien, keine Rede mehr sein konnte. Er verstand es meisterhaft, jede seiner Bewegungen so sorgfältig zu verbergen, daß im allgemeinen die Welt erst durch den Erfolg erfuhr, welchen Zweck er verfolgt hatte. Wenn ihm darum zu tun war, den Günstling oder Minister eines fürstlichen Nebenbuhlers für sich zu gewinnen, kannte seine Verschwendung keine Grenzen. Wohl war er ein Freund von Zügellosigkeit, aber weder Weib noch Jagd, so sehr er für beides entflammt war, vermochten ihn jemals den Staatsgeschäften abtrünnig zu machen. Er besaß eine Menschenkenntnis von erschreckender Tiefe, war stolz und hochmütig von Person, und hatte doch niemals Bedenken, Menschen aus den untersten Ständen emporzuheben und mit den wichtigsten Aemtern zu bekleiden, und verstand seine Wahl immer so geschickt zu treffen, daß er sich kaum ein einzigesmal in seinem Leben in den Eigenschaften, die er ihnen beimaß, geirrt hat. Die Ansichten, die in den verschiedenen Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft seines Königreiches herrschten, galten ihm gleich Null.

Aber kein Mensch bleibt sich immer vollständig gleich, und so bestanden auch in der Natur dieses klugen und gewandten Herrschers von Frankreich Widersprüche. Aus seiner Eigenschaft des falschesten und verlogensten aller Menschen ergaben sich die größten Irrtümer seines Lebens, und zwar insofern als er in die Ehre und Rechtlichkeit derjenigen, mit denen er Beziehungen hatte, zu schnell Vertrauen setzte, sobald ihm darum zu tun war, sie zu überlisten. Im allgemeinen dagegen war er eifersüchtig und argwöhnisch wie nur je ein Tyrann. Um die Schilderungen des fluchwürdigen Charakters dieses Herrschers von Frankreich zu vervollständigen, der sich unter den rohen, ritterlichen Monarchen seines Zeitalters als der Tierbändiger hervortut, der die Gewalt über die Bestien nur durch alle Mittel scharfer Dressur in die Hände bekommen hat, unter denen Hunger und Prügel nicht die gelindesten sind, und der, um von ihnen nicht zerrissen zu werden, vor keinem Mittel, das ihm seine Gewalt erhält, zurückschrecken darf, müssen wir noch zwei weiterer Eigenschaften gedenken, die er andern Herrschern voraus hatte, und zwar seines hochgradigen Aberglaubens, der sein Gemüt der tröstenden Segnungen der Religion fast vollständig verschloß, und seines Hanges zu geheimen Ausschweifungen und zu Zerstreuungen gemeiner Natur. Durch diesen klugen oder wenigstens schlauen, mit hoher Macht ausgerüsteten, aber in seinem Charakter so unlauteren Herrscher setzte der über Staaten wie über Individuen waltende Himmel das große französische Volk wieder in den Besitz der Vorteile einer geordneten Regierung, die ihm vor seinem Regierungsantritt fast ganz abhanden gekommen war. Dabei bestieg er den Thron unter keineswegs günstigen Auspizien; denn er hatte in seinem bisherigen Lebenslaufe wenig Talent und Tüchtigkeit, wohl aber großen Hang zum Laster offenbart. Seine erste Gemahlin, Margarete von Schottland, wurde durch einen von ihm eingesetzten Gerichtshof zum Tode verurteilt, und ohne sein Dazutun wäre es doch keinem Beisitzer dieses Tribunals eingefallen, auch nur ein einziges schlimmes Wort gegen diese liebenswürdigste und aufs schändlichste mißhandelte Fürstin zu äußern! Als Sohn war er undankbar und aufrührerisch gegen den eigenen Vater gewesen und sogar mit dem Gedanken umgegangen, sich der Person desselben zu bemächtigen, nur um früher die Herrschaft an sich zu reißen. Ja er hatte es soweit getrieben, daß sich zwischen dem Vater und ihm ein richtiger Krieg entspann. Um des ersten Vergehens willen war er in die Dauphiné verbannt, um des letztern willen des Landes verwiesen worden. Damals hatte er sich zu dem Herzog von Burgund flüchten müssen, der Gnade und Barmherzigkeit desselben anheimgegeben, und war solange dessen Gast gewesen, bis ihm des Vaters Tod die Rückkehr nach England wieder gestattet hatte. Er hatte kaum den Thron bestiegen, als sich die großen Vasallen Frankreichs, mit dem Herzog von Burgund an der Spitze, zu einem Bunde gegen ihn zusammentaten, mit einem großen Heere vor Paris rückten und das französische Königreich an den Rand des Verderbens brachten. Ludwig hatte in der ihm vor den Wällen von Paris, bei Montl'héry, gelieferten Schlacht keinen geringen Grad von persönlicher Tapferkeit bewiesen. Immerhin blieb der Ausgang unentschieden. Wie es aber in solchen Fällen die Regel zu sein pflegt, daß dem klügeren der beiden Streiter, wenn auch nicht der Ruhm, so doch die Frucht in den Schoß fällt, so auch hier: Ludwig verstand es meisterhaft, Eifersucht zwischen seinen Widersachern zu erwecken und hierdurch die Oberhand über sie zu gewinnen. Dann traf es sich günstig für ihn, daß in England der lange Zwiespalt zwischen den beiden Rosen entbrannte und ihn von der »englischen Gefahr« befreite, und nun begann er, als geschickter, aber gefühlloser Arzt die Wunden seines Reiches zu heilen, bald durch gelinde Mittel, mehr aber durch Feuer und Schwert die Geschwüre zu entfernen, die an demselben fraßen. Die Räubereien der Freischaren, die Plackereien des Adels konnte er freilich nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten, aber es gelang ihm, sie erheblich einzuschränken, gleichwie er seinen Vasallen gegenüber das königliche Ansehen durch unentwegte Wahrung und Mehrung der Interessen der Königskrone zu stärken wußte.

Nichtsdestoweniger schwebte Ludwig in ständiger Furcht und Gefahr, denn den Bund der Thronvasallen zu vernichten, wollte ihm nicht gelingen, er blieb eine Natter an seinem Busen, die ihn fortwährend mit ihren Giftzähnen bedrohte. Noch eine weit schlimmere Gefahr für ihn war jedoch die in ständigem Wachstum befindliche Macht des Herzogs von Burgund, damals eines der mächtigsten Fürsten Europas, und trotz seines Vasallenverhältnisses zu Frankreich diesem an Rang kaum unterlegen. Der burgundische Herzogshut saß damals auf dem Haupte Karls mit dem Beinamen des Kühnen oder vielmehr Verwegnen, denn sein Mut wurde durch seine Tollkühnheit noch übertroffen, und er strebte nach nichts Geringerem, als seinen Herzogshut mit einer Königskrone zu tauschen. Sein Charakter stand zu dem Ludwigs des Elften im schroffsten Gegensatze. Ludwig war ruhig, bedacht und pfiffig, ließ sich nie auf ein verzweifeltes Unternehmen ein, gab aber auch niemals eins auf, das Aussicht auf Erfolg, wenn auch erst in geraumer Zeit, hatte. Herzog Karl hingegen stürzte sich in Gefahren, weil er Gefahren liebte, und bot Hindernissen Trotz, weil er Hindernisse verachtete. Ludwig opferte seiner Leidenschaft niemals sein Interesse, Karl dagegen ließ seiner Leidenschaft ohne Rücksicht auf jedes Interesse die Zügel schießen. Sie waren eng verwandt zusammen und Ludwig hatte, als er von dem Vater des Landes verwiesen worden war, bei dem Vater Karls in der Dauphiné jahrelang Zuflucht und Obdach gefunden, hatte von Karls Vater wie von ihm selbst Unterstützung und Beistand aller Art erhalten, und doch wollten beide Männer nicht allein nichts voneinander wissen, sondern verachteten und haßten einander bitter. Auf Ludwigs Gesinnung gegen Karl war seine Habsucht von nicht geringem Einfluß, denn er mißgönnte seinem Vetter die reichen Besitzungen seiner Herzogskrone, die strenge Disziplin, die unter den kriegerischen Bewohnern der burgundischen Lande herrschte, hielt ihn in ständiger Furcht, und die zahlreiche Bevölkerungsmenge derselben weckte seinen Neid. Ludwig verstand es nur allzu gut zu ermessen, was ihm von diesem allezeit kampflustigen und kampfsüchtigen Burgundervolke für Gefahren drohten, wenn er sich mit dem unbändigen Herzoge vollständig verfeindete. Darum war er eben zu dem Entschlusse gekommen, den entgegenkommenden Schritt zu tun, den er getan hatte, indem er den Weg nach dessen Besitzungen nahm, unter Wahrnehmung des Waffenstillstandes, der um das Jahr 1468, zu einer Zeit, als ihre Fehden den höchsten Gipfel erreicht hatten, gerade eingetreten war. Und das ist die Zeit, zu welcher auch unsere Erzählung einsetzt.

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