Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egmont Colerus >

Pythagoras

Egmont Colerus: Pythagoras - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/colerus/pythagor/pythagor.xml
typefiction
authorEgmont Colerus
titlePythagoras
publisherPaul Zsolnay Verlag Wien
printrun11.?15. Tausend
year1951
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090615
projectidc977bf57
Schließen

Navigation:

VII

Breit und glatt, gesäumt von steinernen Reihen unzählbarer Widdersphinxe, schimmerten am östlichen Ufer die Verbindungsstraßen der wuchtigen Tempelmassen im Glanze ihres Plattenbelages. Ins Unendliche schienen sie zu laufen, verzweigten sich, umzirkten ausgemauerte Teiche, schnitten durch Palmenhaine, Wäldchen von Sykomoren und Perseabäumen und fanden erst Ruhe, wenn sie an die Wände der Pylonen anstießen. Im Westen glitt der steingeböschte mächtige Nil in freudigem Grün zwischen seinen Ufern und trug ein Gewimmel eiliger Barken; und der Blick heftete sich erstaunt an das gegenüberliegende Ufer, über dessen Häuserfluten die Tempel und Paläste des Westens, die Obelisken und Kolosse mit ihren Kulmen hervorragten; bis sie, noch weiter gegen Untergang, von den majestätischen Wänden und Klüften der Berghänge, von den Felsenschroffen der Nekropolis überhöht wurden.

Über den hundert Riesentoren der einzigartigen Stadt, die nach den Prophezeiungen nie wieder ihresgleichen haben sollte im Ablaufe der Ewigkeit, lag wiederum das schräge Licht des eben geborenen Sonnendiskos; so daß die fünfundzwanzigmal mannshohen Eingangsfronten des Amun-Tempels lange Schatten warfen und die leuchtenden Hohlreliefs sich mit dunklen Konturen umränderten.

Labyrinthisch wirre Gefühle im Herzen, jubelnd und voll Wehmut, schauernd ob der erdrückenden Größe des Wunderbauwerkes, stolz und hoffend und wißbegierig, stand Pythagoras vor den Türflügeln und Schwellen aller seiner heißen Ziele. Eine kleine Schar von niederen, dienenden Priestern, die ihn geleiteten, umgab ihn.

Sonchis aber, der erhabene Oberpriester selbst, ragte hochaufgerichtet an den geschlossenen Pforten und breitete wie zum Gruße die Hände.

Noch einmal bog Pythagoras, kurz vor den Toren, das Haupt zurück und ein Schwindel erfaßte ihn. Denn die polierte Glätte der schrägen Wand, die hier farbensatt aufwärts strebte, die Wucht der sitzenden Riesenfiguren, die wie Wächter, starr und ins Ewige blickend, den Eingang flankierten, die nadelspitze Turmhöhe der Obelisken überstiegen jede Vorstellung.

Sonchis aber trat einen Schritt vor und faßte ihn an der Hand, während das Gefolge zu beiden Seiten zurückblieb. Plötzlich rief der Greis laut und mächtig:

»Tritt ein, geh wieder heraus aus diesem Abbilde der Welt, froh im Herzen! So will es der unerforschliche Amun!«

Da drehten sich lautlos die ehernen Flügel des Tores in ihren Angeln und durch den dunklen hohen Schlund des Einganges schimmerte ein derart zauberhafter Glanz, eine so herrliche Buntheit, daß Pythagoras überwältigt stockte.

Sonchis aber lächelte, zog ihn sanft vorwärts und sagte:

»Von der Mündung an werden wir die Welt durchschreiten, vom Gewordenen zum Werdenden bis zum Ursprung des Werdens, bis zum Anfang der Anfänge! Siehe, vor dir liegt das Bild Kemis und seiner Geschicke!«

Sie standen im ersten Hofe, der, einem ungeheuren Platze gleich, von schattenden Säulengängen umgeben war. Und der Blick des Pythagoras umfaßte die leuchtendgemalte Mittelstraße des Estrichs, die als blauer Strom, umsäumt von den Abbildern des Papyros und Schilfs, in gerader Richtung zur inneren Pylonenfront wies, hinter der, von wuchtigsten Platten überdacht, neue Geheimnisse des erschließenden Auges harrten. Dann aber bewegten wieder die ehrwürdigen Standbilder sein Gemüt, die in unzählbarer Vielheit den Vorhof umgaben und deren Kopfschmuck, die weißen Kronen des Nordens, die Doppelkronen des zweifachen Reiches und die Insignien der höchsten Priester, die Gedanken des Beschauers weit in die Vorzeit zurückleiteten; bis dorthin, wo sich der Zeitstrom im Unbestimmten verlor.

Leise und eindringlich nannte Sonchis die Stufenfolge der sechsundzwanzig Dynastien, die Kemi bisher beherrscht hatten; und deutete die Bilder der Größten unter den unzählbaren Königen. Und Mena, den ersten Herrn Kemis, zeigte er; und die großen Pyramidenerbauer Chufu, Chafra und Menkaura; und die Reihe der Amenemhat, der Usurtesen, der Thutmes, mächtiger Herrscher der thebanischen Geschlechter; und den ersten Seti und Ramses und Merneptah, und wie sie hießen, alle nannte er, die das Reich zum herrlichsten der Zeiten gemacht hatten.

Bis sie, vorbei an Schlachten und Heldentaten, wo der König mit bäumenden Rossen, aufrecht im Streitwagen, durch das Getümmel braust und mit dem Sichelschwert die winzigen Rudel der elenden Feinde vor sich hertreibt; vorbei an Werken des Friedens, Bauten und Weihefesten von Kanälen und Bauwerken; vorbei an demütigen Opfern, die der Sohn der Sonne darbringt, zum Tore der großen Halle gelangten.

Auch hier teilten sich die Flügel vor ihrem Schritte: Ein Schauer nie gekannter Größe aber umpreßte die Brust des Jünglings, daß er verzückt die Arme erhob. Zu groß war diese Halle für den kleinen Verstand des Menschen. Nicht Abbild der Welt war mehr, was da vor und über ihnen ruhte, es war eine Welt selbst! Unverständlich hehr und unfaßbar mächtig.

Wieder lief der heilige Strom auf dem Estrich vor ihnen her. Bevölkert von Barken und dem Getier des Wassers. Nur viel breiter war er hier gesäumt von der teppichbunten Fläche der gemalten Papyrosufer, zwischen denen sich die buntgesprenkelten Tiere des Landes im Abbilde tummelten und Wohnungen der Menschen hervorlugten; bis am Rande der Dickichte Säulenstämme sich aus dem Grün des Bodens erhoben, die in ihrer Majestät ihresgleichen nicht hatten auf dem Erdkreise. Während aber der ganze Estrich und die unteren Teile der Pfeiler in mystischem schattenden Dunkel lagen und sich der Blick nach beiden Seiten in einem unzählbaren Urwalde von kleineren Säulen verlor, brachen oben, unter der Decke, schräge Lichtbündel durch die vergitterten Fenster des überhöhten Mittelschiffes und stellten die Schäfte und Papyroskapitäle in all ihrer hieroglyphenübersäten Buntheit und Spiegelglätte in hellste Sicht.

Die Decke selbst aber – ein neues Wunder – die so hoch lag, daß sie, oberhalb der Wolkenregion des Weihrauchs, sich von einer Reihe der riesigen Mittelsäulen zur anderen spannte, blaute in der tiefen Farbe des Himmels und war bedeckt mit Myriaden gelber fünfzackiger Sterne. Einige davon, die fünf Wandelsterne, der Tierkreis, die sechsunddreißig Dekane und manche Sternbilder zeigten die Seelen der Götter, die auf ihnen thronen: Im Sothisstern die Seele der Isis, im Orion die Seele des großen Osiris. Der Bär wieder war der Vorderschenkel des finsteren Set, der rote Horus leuchtete unter den Wandelsternen und der Bennuvogel des Osiris, der Morgenstern, stand nahe dem Horizonte. Zwischen allen aber zogen Sonne und Mond ihre mächtigen Bahnen.

»Säulen mit Lotos-, Papyros- und Palmenkapitälen tragen die Decke, gleichwie die vier Himmelsfrauen das Himmelsgewölbe stützen!« sagte Sonchis vor sich hin. Dann nahm er den Staunenden wieder an der Hand und setzte leise fort: »Nun aber noch durch die niederen Hallen des Hintersaales! Dann winkt deinem Wunsche an heiligster, unbetretbarer Stelle Erfüllung. Ein einziges Mal sollst du sie sehen, kurz und wie im Traume. Zurückkehren darfst du erst wieder, wenn du die obersten Stufen der Weisheit erreicht hast!«

Und sie wandelten schweigend durch die satte Pracht des zweiten Saales, der in allen sieben Farben über und über erstrahlte und schon höhere Weisheit kündete; bis sich nach seinem Durchschreiten ein Wirrsal von Gemächern und Gängen, kleinen Höfen und niederen Säulengalerien, Türflügeln und Mauern vor ihnen ausbreitete.

Gerade aber lief der bunte Pfad weiter. Eine Grenze setzte ihm erst ein herrlicher Vorhang, über und über mit Hieroglyphen in Gold, Silber und Edelsteinen bestickt, der das Ende des Weges, den Anfang des Urbeginnes andeutete.

Forschend und fast strenge blickte Sonchis den Jüngling an. Als er aber sah, wie dessen Antlitz sich unter den Schauern überirdischer Ahnung mit Blässe bedeckte und sein Leib bebte, kam wieder all das Gütige über seine Mienen und er flüsterte:

»So wird sich denn der Unenthüllte dir enthüllen, soweit das unvollkommene Auge des Gewordenen das Werden selbst, mehr noch, das, was vor dem Anbeginne war, durchschauen kann.« Und er teilte den Vorhang und Pythagoras folgte wie im tiefsten Traume befangen.

Zuerst sah er nichts; denn sein Auge war noch von der gleißenden Buntheit der durchschrittenen Hallen geblendet und das Allerheiligste lag in schwerem geheimnisvollen Schattendüster.

Unendliche Zeit begann zu verstreichen, abzurollen. Doch sonderbar: Nicht nach vorwärts, nicht nach aufwärts lief diese Zeit, sie schien vielmehr ihre Richtung geändert zu haben und riß ihn rückwärts, zurück durch alles Geschehen, bis in die kalte Nähe der Ursprünge. Da packte ihn zitterndes Grauen, er suchte hilflos nach einem Halt, einer Stütze, einem Trost. Und es gelang ihm, das Dämmern zu durchdringen, an das sich sein Auge gewöhnt hatte.

Glitzernd, nahe vor ihm, in der Höhe seines Antlitzes, schwebte eine schlanke goldene Barke. Hochaufgerichtet, in schreitender Stellung, stand ein hehrer Gott auf ihrem Borde. In der Rechten den Zepterstab, in der Linken das Henkelkreuz, das Bild des Lebens. Auf dem Haupte aber, oberhalb der Edelsteinaugen und des Bartknebels, eine eigentümliche, sonst nie gesehene Krone, auf der in farbigstem Schimmer zwei hohe breite Federn aufragten. Mächtig blickte das Antlitz, lebensprühend und sehnig waren die herrlichen Schultern und Beine, und der Rhythmos des Schreitens wogte unüberwindlich und unaufhaltsam.

Hinter diesem Gotte aber, noch höher, in einer Nische der Rückwand, thronte ein sonderbares Steinbild, das aufs neue dem Pythagoras kaltes Schauern erregte: Auf einem sarkophagartigen Kasten knieend, bis zu den Händen eingehüllt, in seiner steinernen, schlafenden, ungeborenen Ruhe erschütternder als das brausende Getümmel von Myriaden. Die Hände aber hielten starr eine Geißel, und farblose hieroglyphische Federn standen oberhalb des anliegenden Kopftuches.

Neue Gestalten tauchten groß und furchtbar aus der Dämmerung. Je vier standen sie aufrecht zur Linken und Rechten des Schlafenden und hielten ihm anbetend die Handteller zugekehrt. Die Vier zur Rechten mit grellblauen, froschähnlichen Köpfen unter den breiten Kopfputzen, die Vier zur Linken in sattem Gelb, weiblich, mit den geblähten Häuptern der Uräusschlange.

An den zwei Seitenwänden und der Hinterwand, tiefer gegen den Estrich aber schritten, wie all das andere umkreisend und ihm huldigend, in scharfem Hohlrelief eingemeißelt, farbenglühend bemalt, je drei wechselbunte Götter.

Pythagoras war eben im Begriffe, sich in die freudige, tröstende Schau dieser Gestalten zu versenken, als, aus dem Unbestimmten geboren, eine Stimme tönte, die ihn sogleich wieder in die Ahnungen des Anfangs zurückriß. Und er hörte mit millionenfachen Ohren, sog gierig und verzückt die Worte der Offenbarung, der Erfüllung!

»Siehst du ihn, schwacher Mensch, siehst du sein Abbild mit deinen stumpfen Augen? Siehst du ihn, wie er schläft, er, der nichts und alles war? Ungeboren, unbewegt, grenzenlos, öde, furchtbar lag er da, der unaussprechliche, geheimnisvolle Gott und Herr Nun. Der Urschlamm, der sein Leib war, erfüllte die grenzenlosen Weiten, der Stoff des Stoffes, der Urstoff. Kein Himmel war da, keine Erde, kein Schlund des Totenreiches. Unerschaffen war die dreifache Welt. Über die schlammigen Unendlichkeiten des Urwassers aber strich der unbestimmte Hauch, ein Säuseln oder ein Brausen oder ein Tosen. Wer hörte es, welches Ohr fühlte das Wehen des Urgeistes? Des Urgeistes, der mit dem Urstoffe eins war: Nun-Amun, das letzte der Geheimnisse, das Urgeheimnis. Im Urwesen aber ruhte im Keime Wille und Gedanke, Herz und Wort. Schlummerte der dreifach große, unverständliche Thot.

So ruhte vor dem Sein, am Beginne des Seins der Uranfang, das als Anfang Seiende.

Als seine Eigenschaften aber war, vorgebildet als die Keime des Werdens, die große Achtzahl in und mit ihm. Die unaussprechbaren Anfänge, die Väter der Väter, die Mütter der Mütter.

Ehe sich die schlafumfangenen Augen des Urwesens öffneten, hatte der schlummernde göttliche Gedanke, nebelhaft und kaum geboren, den Traum der Weltenzukunft geträumt. Noch vor dem Erwachen hatten sich so bereits durch seine unergründliche Weisheit alle Formen, Farben und Gestalten kommenden Daseins, der Wesen und der Dinge, vorher bestimmt:

Bevor er die Augen öffnete, die noch keine Augen waren, er, der Urvater der großen Acht, der paarweisen Vierheit seiner Eigenschaften.

So stehen sie vor ihm und beten ihn an: Nun und Nunet, der Stoff, der zeugt, der Stoff, der gebiert; Heh und Hehet, der Hauch, die Liebe des Schaffens, das schöpferische Verlangen, die Urzeit; Kek und Keket, die Finsternis, der Urraum, der als Mann das Helle schafft, als Weib die Nacht und so den Tag gebiert; Nenu endlich und Net, der kosmische Niederschlag, der sich, die Ur-Schlamm-Wässer trübend, daraus absetzt, zeugend und kreißend.

Keime sind sie, die großen Acht, Anfänge nur alles Lebens, Möglichkeit des Werdens: Wie die Frösche, Erde noch auf dem Rücken, rätselhaft aus dem Nilschlamme hervorwimmeln, wie die Schlangen, schwer wie Erde, schlüpfrig wie Wasser, über den neuen Boden des Niederschlages kriechen und sich jährlich erneuernd häuten; Abbild unrastvoller Wiederkehr des Werdens.

Das also ist Nun-Amun, das Thot, das sind die Urväter und Urmütter. Und alle sind eins, sind selbst ungeteilt die Teile und Wesenszüge des Urbeginnes und dessen, was vor dem Anfang war.

Nun-Amun aber träumte und öffnete die Augen. Und aus ihm trat der dreimal große Thot hervor, der auch Ptah ist, und Tanon und Chnum. Sein, er selbst, der einzige, der ungeborene Gott. Schöpfer seiner Gestalt und Bildner seines Leibes. Geist der Geister, Kraft der Kräfte, Bild der Bilder. Er, der das Gesetz der Ordnung über die Welt mhin aufrichtet; Maat, die Herrliche, Wahrheit, Regel, Gesetz! Er ist der wirkende Urgeist, der gemacht hat, was da ist, der geschaffen hat, was sich offenbart, der Anfang der seienden Dinge. Wieder ist er ein Vater der Väter, eine Mutter der Mütter. Er ist der Herr des noch ungeborenen Himmels, der Erde, der Tiefe, des Wassers und der Gebirge.

Bis er aus eigenem Willen, niemandes Hilfe kennend, niemandes Ratschlag hörend, seiner Träume eingedenk, aus sich selbst, in sich selbst, das Welt-Ei bildete. Und endlich, in der Gestalt des Lichts, dem selbstgeschaffenen Ei entstieg.

Gebildet war die Welt, geschaffen die Schöpfung, die Firmamente jubelten im Morgenlichte des Gewordenseins! Befreit war das All zum Licht, entwickeln konnte sich die Welt zum sinnvoll geordneten Sein.

Heil dem Verwandelten, dessen Namen nicht zählbar sind, der Eins ist mit dem Anfange und doch ein andrer. Heil Amun-Thot-Ra, der aufhing den Himmel als seine Wohnhalle und die Erde begründete, die seine Gestalt trägt. Und die Tiefen vertiefte, um seine Gestalt zu verbergen.

Er leuchtet in seiner Scheibe, er erhebt sich strahlend an der oberen Hemisphäre, schwimmend in seiner Barke auf den Wolkenregionen. Er, der Herr der großen Paut, der Neunzahl der innenweltlichen Götter. Denn nur mehr außerhalb des Firmaments umbrandet ungesondert der Urstoff das Welt-Ei; finster und drohend, zeitlos und stumm.

In der Welt aber ist die erhabene Neunzahl der Leib des unerforschten Gottes. Neunfache Gestaltung des Gewordenen, neunfache Teilung des Alls, neunfache Kraft des Werdens und der Wiederkehr.

Unzertrennlich und wechselwirkend wie die großen Acht sind sie und verbinden sich nach den Gesetzen des zweifach großen Thot, des bildenden Ptah, der in die Innenwelt herabstieg.

Atum ist ihr Führer, Tum-Rā, das belebende Feurige, Sohn und Vater zugleich des Amun-Rā, der heiligen Sonne.

Ihr Abbild schreitet dahin auf den Wänden des Allerheiligsten.

Schu ist es, der mit der Feder geschmückt ist, der Äther, der Sonnenstrahl, das atmende Leben.

Tafnut, die löwenköpfige, ist es, die Luft der Nacht, durchzittert vom zunehmenden Mond, die Urheberin des Taues, die fruchttreibende Kraft.

Qeb ist dabei, mit der Gans auf dem Haupte, der die Erde ist und der Boden der Erde.

Nut glänzt unter den Neun, tragend den Wasserkrug über den Locken, die hohe Göttin des Himmelsgewölbes.

Osiris folgt ihnen, das Wesen des befruchtenden Wassers, des heiligen Nilstroms, schreitend einher mit der weißen Krone des Südens, tragend das Zepter und die zwei Federn auf der Krone.

Isis ist es, die den Keim des Gatten aufnimmt, die Erde, die ihn zur Reife bringt, die dreimal fruchtbare, die schlanke Göttin mit dem Blumenzepter und der gehörnten Sonnenscheibe.

Set taucht auf, der schreckliche, der hemmende und störende, er, der Hitze, Finsternis, Sturm, Fels, Wüste und Meerestoben beherrscht und den furchtbaren Kopf des typhonischen Oryx hat.

Nephtys ist es, die liebliche, die an Gestalt der Isis gleicht und die Hieroglyphe ihres Namens auf dem Haupte trägt. Sie, die die äußersten Ränder des Weltgebäudes säumt, die die Küste des Meeres ist, an die leichte Wellen torkeln, sie, der ferne, schimmernde Horizont.

Horus schließt die Reihe der Neun, der neues Leben verleiht und die Jugendfrische zurückbringt, das lebende All im Kreislauf der Verjüngung, der hehre Gott mit dem Sperberkopfe und der doppelten Krone des Südens und Nordens.

Das sind die großen, unzertrennlichen Neun, der Leib Gottes. Ihre Namen und Gestalten aber sind unzählig und wechselnd in den Tempeln und Heiligtümern, Gauen und Städten Kemis.

So ist die dreifache Welt geworden, das ist das tiefste Wesen der Urgötter!« – – –

Der rätselhafte Nun, der verhüllte Gott im Urschlafe, ragte in der Nische. Starr betete die Reihe der großen Acht, der Anfänge. Amun-Rā glitzerte in der schlanken Barke. Und die herrliche Neunzahl der innenweltlichen Götter zog kreisend um die Wände. Thot aber, der dreifach große, der zweimal größte Schöpfergeist, lag in allen, über allen. Und die Menschen schwiegen, zerschmettert, erdrückt von der Majestät des Ewigen.

Da hob Sonchis, nach langer Weile, langsam die Hand und berührte ein hieroglyphenbuntes Band, das von der Decke herabwallte. Wie das klirrende Sausen einer zerreißenden Saite schrillte ein leichter Mißton durch die Stille. In die letzten Schwebungen dieses Klanges aber drängte sich, alles andere überragend, anschwellend und erbrausend, hundertstimmig, von Harfen und Sistren, Flöten und Cymbeln unterstützt, ein herrlicher Hymnos.

Sonchis stand da und streckte anbetend die Handteller gegen Amun-Rā.

Immer heller brauste das Tongewoge. Und es lösten sich Worte ab. Jubelnde, preisende, ehrwürdige Worte:

Ein: Heil dir! von allem Getier!
Ein: Dank dir! von allem Volke!
So hoch der Himmel steht,
so weit die Erde reicht,
so tief das Meer ruht.
Die Götter beugen sich vor deiner Majestät,
um die Person ihres Schöpfers zu erheben.
Und Freude herrscht bei dem Nahen ihres Erzeugers.
Sie sprechen zu dir: »Sei willkommen!
Vater der Väter aller Götter,
der du den Himmel aufhingst und den Erdboden schlugst,
Urheber dessen, was da ist, Schöpfer der Wesen,
großer König der Götter!
Wir danken dir, weil du uns geschaffen hast,
wir preisen dich, weil du uns erzeugt hast,
wir lobsingen dir, weil du in uns ruhst!«

Der Hymnos verrauschte, Stille lag wieder über dem Allerheiligsten.

Pythagoras aber hatte das Wesen der Urgötter erkannt.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.