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Pythagoras

Egmont Colerus: Pythagoras - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/colerus/pythagor/pythagor.xml
typefiction
authorEgmont Colerus
titlePythagoras
publisherPaul Zsolnay Verlag Wien
printrun11.?15. Tausend
year1951
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090615
projectidc977bf57
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V

Fahl und tot schoben sich dicke Wolkenhaufen über die Dämmerung des Morgenhimmels, als die Barke kanalabwärts gegen die Stadt Ptahs hinunterglitt. Über Memphis selbst rieselte schon ein feiner Regen und die ganze Gegend dampfte in satter, lustloser Schwüle.

Müde und von Zweifeln gepeinigt kehrte Pythagoras heim. Das Abklingen der ihn umgebenden Natur von leuchtendster Farbenpracht zu grauer Eintönigkeit wurde seinem Gemüte zum Sinnbild und trieb die Ansätze seiner Mißstimmung zu einem Gipfel.

Nichts war gelöst, alles verworrener denn je. Leicht und fröhlich erschien ihm fast die Schicksalswende auf dem Vorgebirge Karmel; denn damals hatte er nichts zu tun gehabt, als den eigenen Willen in die Waagschale zu werfen, hier oder dort: je nachdem er das Steigen der anderen Schale wünschte. Jetzt aber war plötzlich fremder Wille, mehr noch, fremde Willkür für ihn Sprungbrett und Erfüllung.

Und je mehr er grübelte, desto sonderbarer blaßte sein eigentliches Ziel ab und andere Bilder, andere Ziele drängten sich in den Vordergrund. Zehnmal erstaunte er darüber, daß er alles, was ihn bewegte, in Gespräche kleidete. In wohlgeformte, eindringliche Reden, wobei er Antwort ersehnte. Und statt Antwort sah er ein Lächeln, ein rätselhaftes, fast höhnendes Lächeln.

»Bertreri! Pythagoras, Kind aus Samos!« formten sich die Kreise seines Denkens und eine helle Bilderfolge wehte an ihm vorüber: Das Dach des Hauses, der Moeris-See und der Gau Piom. Der große Rā senkt sich zu den westlichen Bergen und betritt das Reich der Toten. Ein Mahl in der Dämmerung, als von allen Seiten plötzlich zarte Klänge, Sistren und Harfen und Flöten, die Melodie Pioms verrieten. Dann Lichter, Tausende schimmernder Lichter. Lange zitternde Streifen, hinaus in die Schwärze des Wassers. Der Himmel mit grellen Sternbildern bedeckt. Leuchtend der Sothis-Stern. In der breiten Barke auf duftenden Pfühlen. Leises Anprallen winziger Bugwellen an die Planken. Gesang von Sklavinnen im Boote. Und die Herrin wie eine Hieroglyphe auf erhöhtem Thronsitz. Steinern und ewig, als ob alles Blut der Ahnen seit Tafnachth plötzlich in ihr kreiste. Der Ka, die schweifende Seele des Vaters, des erwürgten Sonnensohnes, war auf den Wassern gewesen. Dann wieder Gespräche. Leise, eindringliche Gespräche über Kemi, über Ilion, über die Hellenen, über Jonien. Und zwischendurch stets wieder das Lächeln, das starre, höhnende Lächeln, das so nahe neben dem Grauen lag.

»Kind aus Samos!« Nein, sein Selbstgespräch war schon Tollheit, war schon Vermessenheit. »Schaue die Wahrheit, Pythagoras! Jage nicht Träumen nach, die dich zermalmen werden. Siehe, Pythagoras«, und jetzt sprach plötzlich eine andere Macht, eine tiefste, unbezwingliche Macht, vielleicht die Gottheit selbst, in ihm. »Siehe, Pythagoras, die Wahrheit ist so wie der fahle Morgen, nicht wie der süße Abend. Sag mir, Jüngling aus Samos, hat auch nur eine kleine Gunst dir die Herrin erwiesen? Hat sie geduldet, daß du die Spitzen der Finger, den Saum ihres Schleiergewandes berührtest? Hat sie das erlaubt? Nein, sie hat es verboten, verboten durch ihr Lächeln, gehemmt durch königliche Würde! Und sie hat auch nicht gewinkt, als du fortfuhrst. Sie schlief und hatte vergessen, daß einer der Hellenen, einer des Volkes, das ihr lieb ist, weil der große Vater, der unglückseligste Sohn der Sonne, es liebte, mit ihr durch die Nacht des Moeris-Sees fuhr. Eine Laune war es, eine Probe vielleicht. Eine Probe, um zu sehen, auf welcher Stufe der ewigen Pyramide des Geistes die Denker der Hellenen halten. Da hat sie gelächelt, die Tochter Kemis, gelächelt durch ihr kaltes Grauen. Und ihr Urteil war die Anrede: Pythagoras, Kind aus Samos! Du aber sollst lachen ob dieser Anrede. Hat nicht Herakles, ein Kind noch, Schlangen erdrosselt? Suche dein eigenstes Ziel, gedenke Karmels!«

Und die Priester? die Mittler und Bewahrer des Zieles? Da stand Bertreri wieder, lockend und drohend zugleich, in der Mitte seiner Gedanken. »Das sind die Priester Kemis, von denen du das Göttliche erfahren willst!«

Und die Götter? Und die Wahrheit selbst?

Überall schwebte das Lächeln der Königstochter, das leise, höhnende, steinerne Lächeln.

Plötzlich wußte er, wo er es gesehen hatte, hundertfach, tausendfach: In den Bildwerken, an den Statuen der Könige, der Fürsten, der Helden, die ihre Hände starr auf den Knieen liegen hatten oder ihre Arme über der Brust kreuzten.

Sollte das Land Kemi ein Geheimnis bergen, unfaßbar dem Kinde aus Samos? Ein Geheimnis des Alters, der Reife, der Sättigung? Oder das Geheimnis einer Klarheit, die seinem Volke ewig versagt blieb? –

Trotzdem oder vielleicht eben deshalb bäumte sich stolzer Bezwingermut in ihm. Und er hielt trauliche Zwiesprache in seinem Innern mit Bertreri, bis sein Sinn stumpf und seine Hoffnung tot war. Denn stets aufs neue stieg die unbestechliche Stimme der Wahrheit in ihm empor und zerhieb schonungslos das bunte Geranke seiner Traumwünsche.

Und der Regen rieselte und er erreichte Memphis. –

*

Wenige Tage später langte die schriftliche Mitteilung der Priesterschaft des großen Ptah bei ihm ein. Der Papyros war in der Schrift des Volkes abgefaßt und auch aus diesen wohlgesetzten Worten drang das steinerne Lächeln des Landes Kemi zum heißen Herzen des Samiers.

Grüße und Segenswünsche, Ermunterungen und Trost. Sinnbildhafte Göttersprüche. Und dann der Schluß, der Entscheidung bedeutete. Auch memphitische Priester seien nicht weise genug, ein so ungewöhnliches Anliegen zu entscheiden. Ältere Weisheit eigne den Priestern des Amun, des Einzigen, des Größten. In Theben sei ihr Sitz. Und er solle die Rolle selbst den Amunpriestern überreichen, denn sie hätten allein die Macht der Lösung. Über ihnen gebe es keine höhere Priesterschaft.

Wenn auch Pythagoras diese oder eine ähnliche Antwort erwartet hatte, so lag doch, wie es in der Hoffnungsbereitschaft jeder lebendigen Seele zutiefst begründet ist, ein weiter Unterschied zwischen dem hundertmal durch Hoffnung erschütterten Zweifel und der unabwendbaren Kälte der Bestimmtheit.

Er schluchzte auf und zerknirschte namenlose Wut. Dann verzerrte sich sein Antlitz in fremdem Gelächter, bis er des nutzlosen Kampfes müde wurde und in stummes Hinbrüten versank.

»Wozu noch einmal? Wozu noch einmal?« Dumpf kreiste dieser eine Gedanke in der Leere seines Gemütes und es war ihm nur ein schwacher Trost, daß er in die Kanzleien des Königs entboten wurde.

Dort wurde ihm mitgeteilt, daß der Sohn der Sonne neuerlich alle Hebel angesetzt habe, um die letzte und endgültige Entscheidung in Theben im Sinne des Gesuchstellers zu beeinflussen. Die Priesterschaft der hunderttorigen Stadt entziehe sich jedoch mehr noch als die anderen Priesterschulen dem Willen des Königs. Jedenfalls wolle aber der Herr der Gerechtigkeit dem Gaste zeigen, daß er sein Wort einzulösen gewillt sei. Zudem habe er in bestimmte Aussicht gestellt, den Fremden, falls auch Theben ablehne, an den Hof zu ziehen und ihm die profane Bildung der königlichen Beamten, die nicht Priesterrang besäßen, zugänglich zu machen, so daß sein Wissensdurst doch einigermaßen befriedigt werden könnte.

Pythagoras, den trotz aller Trostlosigkeit die liebevolle Fürsorge des Herrn Kemis rührte, unterließ es nicht, entsprechenden Dank abzustatten. Im Innern aber hatte er einen anderen Entschluß gefaßt: Er wollte sich Rat und Hilfe bei Bertreri holen, dem Lande vielleicht sogleich den Rücken kehren und an anderen Stellen des Erdkreises einen Schimmer der Gottheit zu erringen versuchen.

Kurz darauf trug ihn ein kleines gemietetes Boot gegen Piom. Doch er kehrte noch enttäuschter, noch ratloser nach Memphis zurück, als er ausgezogen war: Bertreris Palast war mit Gittern und Siegeln verschlossen und kein lebendes Wesen außer zwitschernden Vögeln und schillernden Echsen bevölkerte die duftende Pracht ihrer Gärten.

Zufällig hörte er in diesen Tagen, daß im Lande Kasch seit den Zeiten der großen Auswanderungen und dem Verrate des thebanischen Oberpriesters Hirhor die Götter Kemis verehrt würden. Und einer seiner Diener, ein Äthiopier, der durch pfiffige Schlauheit einen Zipfel des Geheimnisses und der Pläne seines Herrn erhascht hatte, bot sich ihm als Dolmetsch und Führer an und versicherte ihm, daß die Priester von Kasch, schon aus Trotz und Widerspruchsgeist gegen die aufgeblasenen, hochmütigen Herren von Kemi, es sich angelegen sein lassen würden, das zu erfüllen, was die Leute Kemis verweigerten.

So wartete Pythagoras noch wenige Tage, bis die Zeit der Nordwinde einsetzte, und beschloß, da Theben ja am Wege nach Kasch lag, den letzten Versuch bei den dortigen Priestern zu wagen; wobei er seinem Diener strengstes Stillschweigen auftrug, damit nicht seine Ausreise nach Kasch verhindert würde.

Kemi lag in Gedanken schon hinter ihm, als er nilaufwärts segelte. Er gewann auf der langen Fahrt zwar wieder ein gewisses Gleichmaß seines Gemütes, doch hatte diese Harmonie einen leisen zersplitterten Unterton: Der erste Schmelz sieggläubiger, allvertrauender Hoffnung war verschwunden und ein gebeugtes Ergeben in Unerreichtes wurde Schmerz und nicht Trotz oder Zorn.

Die herrlichen Werke Kemis aber, die an den Ufern standen, die strotzenden Fluren, den Wechsel der Gebirgszüge; das alles sah er nur mehr als Verlängerung eines unabänderlichen Abschiedes.

So erreichte er einmal um Mitternacht die brausende, flimmernde Stadt der hundert Tore, Paläste und Tempel. –

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