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Pythagoras

Egmont Colerus: Pythagoras - Kapitel 33
Quellenangabe
pfad/colerus/pythagor/pythagor.xml
typefiction
authorEgmont Colerus
titlePythagoras
publisherPaul Zsolnay Verlag Wien
printrun11.?15. Tausend
year1951
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090615
projectidc977bf57
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XXXIII

Das schwelende Lodern zweier wallender Fackeln schnitt eine kleine grellrote Kuppel in das undurchdringliche Dunkel der tiefen Nacht. Glasig überhuschte es Bruchstücke von Zweigen, von Blättern und Stämmen und arbeitete sich in breiten leuchtenden Streifen die wuchtigen Mauern empor, deren äußerste Umrisse drohend ins Nichts verschwammen.

Die Antlitze der Männer aber, die die Fackeln hielten, zeigten scharfe Schatten und ließen dadurch das Düstere ihres Ausdruckes noch stärker hervortreten.

Flüsternd unterhielten sie sich mit der kleinen Schar, deren weiße Gewande, kühn gerafft, die edle Haltung all derer hervorhoben, die, beratend und zögernd, vor der Schule des großen Lehrers warteten.

»Wir werden anpochen müssen! Der Erhabene muß alles erfahren!« sagte Aristokles und senkte die Fackel, um die Eingangspforte zu suchen.

»Wenn wir nur – ich wage es kaum auszusprechen – den Hort aller Weisheit noch im Kreise dieser Wiedergeburt antreffen!« setzte Menon, der Gatte der Thyia, fort und wie ein Beben zuckte es um seine Lippen.

»Stand es so schlimm?« Kaum hauchte Aristokles die Frage.

Menon nickte nur stumm. Als aber der Knabe Lysis plötzlich aufschluchzte, wandte er sich herum und sagte weich:

»Weine nicht, Ephebe! Auch über den Heiligsten gewinnt die Ur-Macht der Zeit einmal die Oberhand. Weiterleben wird er in mir und dir und all den andern, die das Glück genossen, seines Anblickes und seiner Rede teilhaftig zu werden!« Doch auch die letzten Worte Menons verklangen in einem gewaltsam verhaltenen Schluchzen.

Da gähnte, wie von unsichtbaren Gewalten geöffnet, das Tor des Gebäudes in schwarzer Unergründlichkeit. Leuchtend aber standen, vom Scheine der Fackeln getroffen, zwei hehre Gestalten im Rahmen der Dunkelheit.

»Theanó! Telauges!« flüsterte Aristokles, der sie zuerst wahrgenommen hatte, den anderen zu. Doch es war nicht mehr nötig. Denn Theanó selbst trat noch einen Schritt vor und fragte:

»Was bedeutet euer spätes Kommen, ihr Freunde? Hat euch die Sorge um ihn aus der Stadt herausgetrieben? Oder habt ihr etwas zu künden? Eure Mienen verheißen nichts Erfreuliches!«

Menon erwiderte rasch:

»Mutter meines Weibes, die du stärker und weiser bist als viele Männer, höre: Du errietest, was uns hieher trieb. Beides ward uns Grund und Anlaß. Zuerst aber sage uns, wie der Erhabene sich befindet!«

»Sein Geist und sein Wille sind ungetrübt. Auch der Körper hat sich nach längerem Schlafe wieder zu neuer Kraft erhoben. Jetzt, in diesem Augenblicke, lehnt der Philosoph allein auf dem Throne des esoterischen Gelasses und sinnt leuchtenden Auges vor sich hin. Herrliche Gesichte scheinen ihn zu umschweben! – Was aber ist das andre, das ihr zu künden habt?«

Und Theanó senkte das edle Haupt und blickte auf den Mantel, der in weichen Falten ihre hohe Gestalt umschloß.

»Kylonischer Haß, o Schwester, war stärker als die goldenen Sprüche!« antwortete Aristokles leise und betont. »Wie auch sollte es anders sein, da Athen und der glorreiche Sieg von Marathon, von Salamis, von Mykale in aller Mund und Sinne ist? Wo die Redner der Demokratie, vergessend und verschweigend, daß auch wir zu siegen verstanden, jede Großtat mit der Staatsform in Verbindung setzen und dem Demos einreden, nur Volksherrschaft sei Bollwerk und Schutz gegen Etrusker und Karthager. Wir versuchten Widerspruch und wiesen auf die Thermopylen. Man erwiderte uns, eben die Thermopylen seien der beste Beweis für das Gegenteil unserer Gründe. Denn die aristokratisch geführten Scharen seien ja vernichtet worden, Athen aber habe gesiegt. Athen! Athen! Athen! schwirrt es überall auf, und Miltiades und Themistokles, Kimon und Aristeides werden angerufen, als seien sie unsterbliche Götter. Milons aber hat das wankelmütige Volk fast schon vergessen. Und sie planen Furchtbares! Keiner von uns weiß, ob die große Hetairie morgen in der Ratsversammlung bestehen wird. Alle Schuld haben in ihren Augen wir Pythagoreer! An allem und jedem! Selbst der Großteil unsrer Aristokraten liebäugelt mit dem Demos. Was aber sollen wir tun, Theanó? Was vorkehren, da wir das Gefühl haben, nicht einmal den erhabenen Weisen schützen zu können, wenn die Wut des Volkes ausbricht? Sind unsrer doch zu wenige!«

Theanó aber lächelte. Lächelte in stolzer Milde und Festigkeit. Und sagte:

»Dank euch, ihr Freunde, daß ihr Treue hieltet. Er aber, dem ihr dies künden wolltet, weiß schon alles, was sich vorbereitet. Und er befahl mir, euch zu ihm zu führen. Denn ein letztes Mal will er zu euch sprechen, bevor uns alle die nahende Flucht in die Ferne zerstreut. So hat er selbst es gesagt!«

»Autós épha! Er selbst hat es gesagt!« murmelten die Pythagoreer gläubig. Dann aber flüsterte Aristokles:

»Führe uns zu ihm. Wir sehnen uns nach dem Anblicke des Erhabenen!«

»Kommt!« Und Theanó kehrte sich um, während Telauges den Gefährten ernsten Antlitzes die Hand reichte.

*

Als sie aber schweigend und leise den trauten Raum betraten, der Ziel, Sehnsucht und Fülle ihrer Jugend gewesen war, schimmerte ihnen ein Bild derart herrlicher Größe entgegen, daß sie geblendet stockten:

Hoch erhobenen Hauptes, verklärten, fast jenseitigen Auges, saß der Erhabene in seinem Thronsessel, dessen Rücken und Lehnen ein edelsteinbestickter, hieroglyphischer Überwurf deckte. Über dem Throne stand, groß und allmächtig, das heilige Pentagramm, das dem Marmor vor der Wand in gleißendem Golde entragte. Noch höher jedoch, halb eingelassen in die Täfelung, wölbten sich die Säulentrommeln des Dreieckes, das Sinnbild war der unergründlichen Zehnzahl.

Pythagoras aber, der die Eintretenden nicht wahrgenommen zu haben schien und entrückt ins Ewige blickte, sagte plötzlich hell und stark:

»Auch du, Knabe Lysis, der du noch außerhalb des Vorhanges zu weilen hättest, komm herein! Denn Großes wird dir die Zukunft bringen. Und würdig bist du heute schon, die geweihte Stätte zu betreten. Sollst du sie doch noch sehen und dieses Ziel erreichen. Morgen würde es zu spät sein!«

Als aber Lysis, erschüttert und beglückt, im Raume stand, als noch die anderen fassungslos grübelten, die sich das Wunder nicht deuten konnten, daß der Erhabene mit dem Blicke Wände durchdrang und doch wieder ins Leere zu schauen schien, erhob sich von neuem diese klare und volle, diese göttliche Stimme. Und nur leise Wehmut, Wehmut, über der gleichwohl olympische Heiterkeit spielte, klang mitschwingend durch die Worte:

»Lausche in Ehrfurcht auf, du junges Volk, denn ich will jetzt
nur zu Geweihten reden. Profanen schließet die Türen,
allen und jedem! Du Sprosse des leuchtenden Monds und der Musen,
reine Wahrheit will ich dir schenken, auf daß nicht des Busens
vordem gehegter Wahn dein liebes Leben verblende.
Trachte vielmehr, den Sinn des göttlichen Worts zu erfassen.
Laß es durchdringen Herz und Verstand. Und wandle geborgen
diesen Pfad, nur allein den Herrscher des Weltalls vor Augen!«

Die Pythagoreer aber durchzuckte es wie ein göttlicher Strahl. Und hochatmend hob sich ihre Brust, und die Gedanken flogen zurück in die Erinnerung. Bis dorthin, wo der leuchtendste Kulm ihres bisherigen Lebens ragte:

Denn es waren die Worte der Einweihung, die heiligen orphischen Worte, die nur einmal an ihr Ohr gedrungen waren, als Fleiß und Wille, Reinheit und Sühnung ihnen die Pforte zur esoterischen Weisheit geöffnet hatte.

Aristokles aber, den die Schauer der Begeisterung übermannten, trat vor und kniete vor dem Weisen nieder, erhob seine Hände zum Gebete und setzte fort:

»Einer nur ward aus sich selbst und gebar dann das All als den Sprößling.
Einverleibt wirkt er selbst im Kosmos, kein Sterblicher sieht ihn,
doch er, der Eine, erblickt mit Ur-Macht die Sterblichen alle.
Er ist's, der den Menschen das Gute und Widrige zuteilt,
und den Schauder des Kriegs und die anderen schrecklichen Leiden.
Und kein andrer ist außer ihm selbst, dem einzigen Herrscher.
Doch ihn kann ich nicht schaun, denn er stützt sich rings auf die Wolken;
und wir Sterbliche haben doch stets nur sterbliche Augen,
viel zu schwach, hinan zu dem Allesbeschirmer zu reichen.
Auf die eherne Wölbung des Himmels hat er errichtet
seinen goldenen Thron, die Erde liegt ihm zu Füßen,
und bis fern zu des Okeans Grenzen hält er die Rechte
allhin gebreitet. Und rings im Umkreis beben die Berge,
schäumt der Strom, und die dämmernde Tiefe des blaudunkeln Meeres.
O du Herrscher des Äthers, des Meers, der Erde, des Abgrunds,
der du den Bau des Olympos mit deinem Donner erschütterst,
du, vor dem die Daimonen erschauern, die Götter erzittern,
dem das Schicksal gehorcht, so unerbittlich es sonst ist!
Ewiger Vater des Ur-Grunds, du übergeordneter Wille,
der die Winde bewegt und den Himmel verhüllt mit Gewittern,
der, mit Orkanen spielend, den flachen Äther zerspaltet:
Dein ist der Kosmos der Sterne, verlaufend in ewiger Ordnung,
dein auch der werdende Frühling, erschimmernd in purpurnen Blüten,
dein der schreckliche Winter, durchbraust von den frostigen Wolken,
dein der bakchische Lärm, der im Herbste die Früchte uns zuteilt!
Ewiger, Unzerstörter! Allein den Unsterblichen nennbar!
Komm mit dem Schicksal vereint, du erhabenste, einzige Gottheit,
furchtbar und unbezwinglich, umhüllt vom Wallen des Äthers:
Gnad' uns denn, heilige Zahl, du Ur-Grund der Götter und Menschen!«

Noch schwangen die letzten Worte im hellen Raume, als das Auge des erhabenen Philosophen plötzlich den Ausdruck naher Wirklichkeit gewann. Wie lauschend hatte er sich vorgebeugt und sagte schlicht:

»Wahr hast du gesprochen, mein Aristokles! – Doch ihr anderen, die ihr kamt? Fürchtet nichts, ihr Freunde! Was soll euch, was mir zustoßen? Fliehen werdet ihr, Freunde, da der Schatz eurer Weisheit köstlicher ist denn die große Geste des Heldenmutes. Ich aber werde nicht mehr mit euch wandern! – Was trübt euer Auge, Gefährten? Nein, weint nicht! Mehr als irgendeiner der Sterblichen war ich beschenkt und begnadet.

Und heute noch hat die Gottheit mir herrliche Wunder verliehen.

Lächelt, ihr Freunde! Seht: es bedeutet ja so wenig, was sich in Kroton begibt. Wähnt ihr, daß der Demos imstande sein wird, den Flug der Wahrheit zu hemmen? Wie ein leichter Falke fliegt die Weisheit über Hellas und läßt sich nieder, wo es ihr beliebt. Wer kann sie haschen, wer sie töten? Ist es nicht erst wahre Aristokratie, wenn die Besten, die Weisesten im Reiche des Geistes herrschen? Wer aber von den anderen könnte diesem Reiche vorstehen, in dem nur Erkenntnis den Rang zuteilt?

Oder fürchtet ihr, ihr Enthaltsamen, Gebändigten, vorübergehende Armut? Nein, ihr lacht des Elendes! Und es wird nicht zu euch herankommen. Denn kaum eine Stadt des weiten Bereiches hellenischer Zunge ist da, die nicht Pythagoreer beherbergt. Und hat einer von ihnen schon der Bruderpflicht vergessen?

Fürchtet nichts! Mächtiger, unbezwinglicher denn je, steht das hehre Pentagramm über Hellas, und alle Bewegung, die sich scheinbar umwälzend begibt, ist dagegen leerer Rauch. Seid mutig und flieht! Denn für euch ist es Mut, Lehre und Pflicht des Ausdruckes höher zu halten als Vaterstadt und Herrschaftsmacht!«

Er schwieg für kurze Augenblicke und schien zu sinnen. Jählings aber richtete er sich dann auf und setzte mit starker Stimme fort:

»Ihr wißt jetzt den Weg und die Forderungen der Zukunft! Doch anderes, weit Wichtigeres muß ich euch künden, etwas, das ich selbst nicht mehr vollenden kann. Seltsame, niegeschaute Gesichte waren heute um mich. Und die sollt ihr bewahren, pflegen und zur Spitze führen. Aristokles aber weckte mich, als er die Gottheit rief. Hört denn, ihr Freunde!

Wer von euch Geweihten wüßte nicht um das Werden der Ur-Götter? Ihr wißt, daß Chronos, die anfanglose Zeit, vom Anbeginne war und erst nach ihr, in ihr, der sprühende Lichtstoff Äther und das Chaos, die ungeheure Kluft, ins Dasein traten. Dann aber bildete der gewaltige Chronos erst aus dem Äther und aus dem furchtbaren Chaos, das dunkle Ur-Nebel durchbrandeten, das silbern glitzernde Ei der Welt. Diesem entsprang, als Erstgeborener der Götter, der Leuchtende, Phanés, der auch der kosmische Eros heißt oder Metis oder Erikepaios. Männlich und weiblich zugleich war er, der Unfaßbare, und erzeugte aus sich selbst die Nacht und die grause, schlangengestaltige Echidna. Aller Wesen Keime trug er in sich. Und er nahte der Nacht. Da entsprangen Uranos und Gaia; und Himmel und Erde wurden die Vorfahren des mittleren Göttergeschlechtes. Aus diesem aber ragten Kronos und Rhea hervor, und das Schicksal beschloß, sie zu Vollstreckern künftigen Werdens zu machen. Denn Zeus entsproß ihnen. Zeus, der den Phanés verschlang und dadurch die Keime aller Dinge in sich vereinigte. Dann jedoch stellte er diese Keime wieder aus sich heraus, indem er das dritte, das jüngste Geschlecht der Götter und all die sichtbare Welt erschuf. Ihr wißt es, Gefährten, wißt, daß:

als er des Eros Gewalt, des Erstgebor'nen verschlungen,
und im gehöhlten Schoße den Bau der Welten nun einschloß,
sich dann mit seinen Gliedern die Macht dieses Gottes vermischte.
So nun befanden im Innern des Zeus sich, vereint mit der Allheit
herrlich strömenden Äthers und schimmernder Höhe des Himmels,
öd aufrauschender See und Weite der herrlichen Erde,
auch des Okeanos Flut und die letzten der Unterweltstiefen.
Flüsse jedoch, sonder Grenzen das Meer, und alles das andre,
all die unsterblichen Götter und Göttinnen, selig und ewig,
was nur entstanden schon war und später entstehen noch sollte,
all das war nun versammelt im Schoße des Zeus und verbunden.
Zeus war Erster und Zeus ist Letzter, der Herrscher der Blitze,
Zeus ist Haupt, Zeus Mitte, aus Zeus ist alles geworden.
Zeus war strotzender Mann und der ewige Zeus auch die Jungfrau,
Zeus ist Feste der Erde und Hort des vielstirngen Himmels.
Zeus ist der Atem des Alls, das Pulsen nierastenden Feuers,
Zeus ist die Wurzel des Meers und Zeus ist der Mond und die Sonne,
Zeus ist König und Zeus ist Ur-Stammhalter des Weltalls:
Einzige Kraft, ein Daimon, entsprang er am Anfang der Schöpfung,
einzig die Gottesgestalt, in der das Gewordne herumkreist!
Feuer und Wasser und Erde und Äther, der Tag und die Nacht auch,
Einsicht dann weiter, der erste Erzeuger, der fröhliche Eros,
all das lag dort im machtvollen Leibe des Gottes beschlossen.
Als sein Haupt ist zu schauen und als sein herrliches Antlitz
glanzhell gleißend der Himmel; und ringsum als goldene Locken
flirren schimmerdurchzittert in all ihrer Pracht die Gestirne.
Aufgang und Untergang und die Pforten uranischer Götter
bilden die goldenen Hörner zu beiden Seiten des Hauptes.
Augen sind Mond und Sonne, einander entgegen sich tretend.
Lügelos herrlicher Geist ist der unvergängliche Äther,
der alles hört und bedenkt; denn nirgends schwirrt eine Rede,
nicht auch ein Klang, kein wildes Getöse, ja selbst ein Gerücht nicht,
das des Einzigen Ohr überhörte, des großen Kroniden:
Solch ein unsterblich Haupt und solch ein Verstand ward dem Gotte!
Doch auch ein Leib, rings strahlend, unendlich, gewaltig,
ist ihm zu eigen und nichts kann zerstören die mächtigen Glieder:
Schulter des Gottes und Brust und all sein starrender Rücken
ist die weitwehende Luft. Mit Schwingen ist er beflügelt,
so daß er überall schwebt. Und die Allesmutter, die Erde,
ist sein Schoß mit den Gipfeln der himmelan ragenden Berge.
Mitten umfaßt ihn der Gürtel des dumpferbrausenden Meerschwalls,
unterste Sohle jedoch ist des Tartaros modriger Abgrund
samt den Wurzeln der Tiefe und äußerster Erdenumgrenzung.
All dies verbarg er in sich! Doch Wunder auf Wunder verübend,
sprüht er hervor aus dem Herzen ans freudige Licht wieder Allmacht!

Das aber ist es nicht, ihr Freunde, was ich euch künden wollte. Endgültigere Weisheit vom Geschaffenen ward mir heute, als wie eine Erztafel tief der Prachtbau des Kosmos unter meinem Blicke lag und mir alles Wunder offenbarte. Ich sah, ihr Gefährten, wie die Welt entstand, sah, wie einer glitzernden Schaumblase gleich, der Urbeginn der Erde im Chaos schwamm und wie die unendliche Gottheit in unfaßbarem Wirbel kreiste. Und aus der Fülle chaotischen Ur-Nebels zog die Schaumblase den Lichtstoff an sich und größer und weiter ward der Umschwung, bis alle die acht herrlichen Sphären kreisten. Doch ich erkannte noch mehr: Wissen ward mir, daß Gott und die Welt eins sind; diese entstanden, begrenzt, gestaltet, jener ewig, grenzenlos, jenseits der Gestaltung! Und für immer hält die Gottheit den Kosmos im Schoße und es umbrandet die äußerste Sphäre der unaussprechliche Gürtel des feurigen Äthers.

Acht aber sind der Sphären, dunkel und trennend die äußerste, auf der die Fixsterne haften, durchsichtig wie Kristall die sieben anderen, die Sonne, Mond und Wandelsterne tragen.

Und jetzt horcht, ihr Gefährten: Kugelgestalt haben alle die Sterne, eine Kugel von mächtiger Größe ist die Erde selbst!

Sie kreisen alle, die Sphären, vom Anbeginn und folgen der Bewegung, die der Gottheit innewohnte. Langsam die äußerste, schneller und schneller die inneren. Die Erde aber schwingt im Zeitmaß eines Tages und einer Nacht in kleinstem Kyklos um das Mittelfeuer, das ein sterbliches Auge nimmer schauen wird, da ja stets der Erdstern dieselbe Seite den äußeren Sphären zukehrt.

Wo aber ist die Zehnheit? Wo die Erfüllung des Gesetzes kosmischer Harmonie?

Auch das gab mir die Gottheit in unbegreiflichem Gesichte: Antichthon ist es, die unerforschliche Gegen-Erde, Spiegel und Gleichmaß unsrer Allmutter, die stets der Erde das Gleichgewicht hält und mit ihr um das Mittelfeuer herumschwingt, wie zwei Kugeln, die am Ende eines Stabes haften. Gleich unsichtbar aber muß die Zwillingswelt uns bleiben wie das mittlere Feuer.

Seht ihr die heilige Zehnzahl, ihr Freunde? Seht ihr, wie der Fixsternhimmel, die fünf Wandelsterne, Sonne, Mond und die beiden Erden sich zu herrlichster Harmonie schließen?

Das aber sah mein Auge!

Mein Ohr jedoch vernahm, wie die Sphären kreisend das All durchrauschten und vollbrausend tönten. Und jede erklang in anderem Tone. Denn ungleich ist die Schnelligkeit ihres Vorwärtsschreitens. Die Klänge aber mischen sich zu unaussprechlich herrlicher, zu überirdischer Harmonie, zu einem Zusammenstrom des Wohllautes, der das Herz erschauern und den Leib erzittern läßt.

Warum aber hörte noch keines Sterblichen Ohr je den Einklang? Denkt an die Schmiede, ihr Freunde, an die Hämmernden, die so stumpf, so gewöhnt sind an das gleichmäßige Dröhnen der Hämmer, daß sie erst dann den Ton wahrnehmen, wenn er schwächer wird oder ein Zufall ihn plötzlich unterbricht!

Die Sphären jedoch klingen Tag und Nacht, von Anbeginn zu Ewigkeit. Und ein Geschenk der Götter ist es, die unfaßbare Gnade des Schicksals, wenn ein Mensch, ein gebrechlicher Sprößling der Erde, mit der Fähigkeit beschenkt ward, das herrliche Gleichmaß zu vernehmen.

Denn nur in der Mitte steht der Sterbliche, in der Mitte des Geschaffenen. Göttlichen Stammes zwar ist er, doch ebenso weit entfernt von den Unsterblichen wie vom Tiere. Sein Leib ist gebildet durch die Wärme, die in der Innenwelt wurzelt und alles Lebendige erhält. Der Geist aber fließt aus dem göttlichen Äther; dem Lichtstoff, der den Kosmos umgibt und einschließt.

Wie atmend wogt die Welt und saugt verlangend den Äther in ihre Poren. Doch schwächer wird er und kraftloser, je weiter er in die mittleren Zonen des Kosmos vordringt, wo dampfende Dünste wallen, und der langsame Umschwung des Kreisens nur schwachen Wind erzeugt. Darum auch sind die Menschen sterblich. Denn nur als leises, bebendes Sonnenstäubchen tritt die ewige Seele ein in den erdgeborenen Körper, der den Strahl des Geistes beim Tode in den Tartaros schleudert, in das Reich, wo bestimmt wird, ob wiedergeboren, ob erlöst der Geist den Rest der Zeiten verbringe.

Wo aber klar und rein die Sphären das All durchrauschen, wo rasender Umschwung die Schwaden unreinen Nebels im kosmischen Sturme zu Streifen zerflattert, dort, in den äußeren Sphären, wohnen die Seligen, die Götter!

Und dorthin sollt auch ihr einst gelangen, ihr Freunde, wenn der Ring eurer Wiedergeburten sich geschlossen hat. Dann aber, wenn eure Seele, verlassend den Leib, zum freien Äther emporsteigt, dürft unsterblich ihr sein, wie selige Götter. Abgeworfen ist der Fluch, der euch vom reinen Geiste trennte, zersprengt die eherne Kette der Sterblichkeit und der Neugeburt!

So zieht denn hinaus, ihr Geweihten, zieht hinaus durch die Städte der Hellenen und vollendet, was ich begann!

Und erweckt die Führer der Weisheit, die erstehen werden:

Größer und allumfassender und erleuchteter als ich selbst!«

Pythagoras schwieg und senkte das herrliche Haupt. Plötzlich aber blickte er wieder hinaus in die Ewigkeit.

Und da vollzog sich das Wunder: Brausend und hehr, unfaßbar mächtig, daß es die Sterblichen zu Staub zerknirschte, erklang für kurze Herzschläge die allbezwingende, heilige Harmonie der Sphären durch die unendlichen Räume.

Und alle vernahmen sie und sanken erschüttert in die Kniee; alle, die in jener heiligen Stunde um den einzigen Pythagoras aus Samos, den Verkünder der Urgötter, weilten.

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