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Pythagoras

Egmont Colerus: Pythagoras - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/colerus/pythagor/pythagor.xml
typefiction
authorEgmont Colerus
titlePythagoras
publisherPaul Zsolnay Verlag Wien
printrun11.?15. Tausend
year1951
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090615
projectidc977bf57
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III

Pythagoras hatte zum ersten Male das große Wunder des heiligen Landes Kemi erlebt.

Strotzender waren alle Früchte geworden, Ernte war auf Ernte gefolgt. Feste waren vorbeigebraust, an denen das unübersehbare Volk von Memphis die Stadt mit Blüten und Düften überschüttete und grelle Wimpel flattern ließ. Tausendstimmiger Gesang hatte morgens und abends in der Luft gezittert, und Sistren und Pauken, Flöten und Harfen hatten ihre Klänge von den weißen Mauern der Königsburg bis zu den wimmelnden Barken am Nil gesandt. Dann wieder strahlte die Stadt des Gottes Ptah in den hellen Nächten von Fackeln und Lampen, daß lange flirrende Zungen in die Wasser hinausstachen und auf den Wellen torkelten.

Heißer hatte die Luft geglüht, bis eines Tages plötzlich der blaue Himmel fahl ward und die Sonne in weißem, mattem Glanze starrte. Ängstlich und scheu, verstört und reizbar war das Volk in die Häuser geflüchtet.

»Der furchtbare Schemem, der die Herzen der Menschen verwandelt!« tönte es durch die Straßen; bis der Himmel gelb wurde und mit gräßlichem Pfeifen der erste Stoß des Sturmes daherraste. Und es heulte und peitschte, fegte und fauchte durch die Finsternis, die das Auge des Sonnengottes nur mehr zornfunkelnd und glutrot durchbrach.

Auch die Zeit der Stürme war vorübergeglitten, und blau und unveränderlich blickte die ehrwürdige Halbkugel des Himmelsgewölbes auf Kemi.

Doch neue Unrast, neues Harren schien die Gemüter des Volkes ergriffen zu haben: Trockener wurde von Tag zu Tag der Boden, leise Winde wirbelten Staubwolken empor, Gräser und Halme knackten vor Dürre, das Schilf raschelte gläsern und die munteren Bäume ließen schlaff ihre Blätter hängen. Der heilige Hapi, der Nilstrom, dessen Geschenk das Land Ägypten ist, sank von Tag zu Tag, daß allenthalben Sand- und Schlammbänke aus seiner trägen Oberfläche ragten.

Das Volk aber zitterte und betete.

Da sausten plötzlich, vorgeneigten Hauptes, die Geißeln schwingend, auf ihren Streitwagen Eilboten in die Stadt und schrien nach rechts und links, bis ihre Stimme heiser ward. Und jubelnd gab das Volk die Rufe weiter und Menschenmassen stauten sich, Kopf an Kopf, in den Straßen.

»Der Nil schwillt an!« »Der Pegel auf Elephantine zeigt zwei Ellen!« »In wenigen Tagen ist die Flut hier!« »Das wird ein gutes Jahr!« »Dank und Preis den Göttern!«

Die ehernen Flügel der Tempel sprangen auf, und jauchzend, dankerfüllt wogte die Masse in die riesenhaften Vorhöfe und betete und opferte.

Und das jährliche Wunder geschah: Rauschend, schäumend wälzten sich die Wassermassen von Pilak und Syene über Theben talab, bis sie nach Memphis kamen. Der Nil stieg und stieg; und stieg weiter, als er schon den Rand des Ufers erreicht hatte. Da ergoß er sich gurgelnd, vorwärtsschießend, nach allen Seiten auf das dürstende Land. Das Land aber hatte seinen Befruchter sehnend erwartet.

Einem einzigen unermeßlichen See glich Kemi, als es von Bergkette zu Bergkette, die ganze Breite des Tales, von den rötlichen Wassern bedeckt war. Einsam, gleich Inseln, ragten allenthalben Dörfer und Flecken, Tempel und Gehöfte, Palmengruppen und Wasserwerke auf ihren hohen Sockeln aus der ungeheuren Fläche und dünn wie Fäden zog sich das Maschenwerk der Dämme und Dammstraßen zwischen den Inseln hin. Die bunten Obelisken und Pylonen spiegelten sich in den Wassern und an den Ufern säumten die gelben Randberge die feuchte Unendlichkeit.

Freude war überall. Unter dem Drucke leichter Brisen glitten Tausende von Barken mit bunten Segeln umher, in langen Grundnetzen zappelten silbrige Fische und das gesprenkelte Vieh brüllte ängstlich in seinen hohen Ställen.

Dann schwammen wieder gigantische Flöße herab von den Steinbrüchen Syenes und bahnten sich unbekümmert ihren stolzen Weg durch das Getümmel der Zwerge. Auf ihren Plattformen aber ruhten, kantig und glatt, die grünlichen, roten und grauen Steinblöcke, die Obelisken und Kolosse, die Säulentrommeln und Kapitale. Andere Flöße kamen aus den Brüchen der Kalkberge und brachten gelbes Gestein in fünfmal mannslangen Quadern. Und Eisenfrachten und Flöße mit Vieh und Zeug beladen und Flöße mit abgelösten Regimentern, fern aus den Grundfestungen im elenden Lande Kasch, suchten ihren Weg auf dem Rücken des heiligen Stromes.

So begann das große Wunder des Landes Kemi und wurde nach einigen Mondwechseln verdrängt vom Wunder des unerhörten neuen Wachstums.

Wie wache Träume zog das Werden und Verändern an Pythagoras vorbei. Doch auch seine Pulse hämmerten in banger Erwartung und Ungeduld. Keinen Tag, keinen Herzschlag hatte er versäumt, den Urgöttern näherzukommen. Doch der Weg zu ihnen war länger als der Lauf des Nils von Elephantine bis zum Meere. Die riesigen Tempel, die das Geheimnis bargen, standen groß und nahe vor ihm. Vor den Pylonen starrte er, den Kopf ins Genick gepreßt, hinauf zu den leuchtenden Reliefs, zu den Gestalten, die betend die Handflächen den tierköpfigen Göttern entgegenstreckten; auf deren Haupt ein Stern, eine Doppelkrone, ein Sonnenball gleißte. Er sah die Opferschale in der Hand der Betenden dampfen, sah ringsum die undurchdringlichen Zeichen der Hieroglyphen, die selbst noch nicht das Geheimnis bargen, da sie ja vor allem Volke dastanden. Die Tempel aber schlossen vor ihm, dem Fremden, dem Unreinen, ihre äußersten Pforten.

So mengte er sich unter das Volk und lernte mit zähem Eifer die Sprache des Landes und die gewöhnliche Schrift, die im täglichen Leben gebraucht wurde. Gastfreunde und Landsleute hatte er genug gefunden. Saßen doch die jonischen und karischen Söldner oben in der Burgstadt als Leibwache des Sohnes der Sonne, des erhabenen Hüters der Gerechtigkeit, des Zweikönigs Amasis, des Herrn von Ober- und Unterägypten.

Die Hellenen aber verlachten ihn, als sie seine Pläne hörten. Und weit mehr noch lächelten seine neuen Freunde aus dem Lande Kemi. War es ihnen selbst doch verwehrt, in die tieferen Geheimnisse der uralten Priesterwissenschaft einzudringen. Sie suchten indessen, den sonderbaren Fremden, der so viel Liebe und Verehrung für ihr geliebtes Heimatland zeigte, zu entschädigen, so gut sie es vermochten: Sagen und Märchen, ruhmvolle Taten, durch die Jahrtausende reichend. Wundergeschichten, Orakel und Vorzeichen, Göttermythen und Volksglaube, all das tönte und schwirrte um die Sinne des Pythagoras und vermehrte noch seine Pein. Denn größer und ehrwürdiger, weiser und erhabener, unfaßbarer und erkenntnisschwangerer stieg von Tag zu Tag der Kosmos dieses Zauberlandes vor ihm empor.

Bis er sich, fiebernd von Ungeduld und Willensanspannung, zu einem Schritte entschloß, dessen Aussichtslosigkeit zwar sein Verstand einsah, dessen endgültigen Erfolg jedoch sein Herz bangend hoffte: Wohlgesetzte Zeilen grub er in wächserne Täfelchen, ein Gesuch an den Herrscher seiner Vaterstadt, den großen Polykrates, der der Freund und Bundesgenosse des Sohnes der Sonne war. Und er erbat seine Verzeihung, daß er einst bei Nacht gegen den Willen des Tyrannen sein Vaterland fliehend verlassen hatte. Und schrieb weitere Briefe an seinen Vater, den angesehenen Großkaufmann Mnesarchos, und an seine Verwandten und Freunde, die bei Polykrates Rang und Einfluß besaßen. Ein Schiff trug die Briefe gegen Mitternacht. Die Antwort aber blieb aus, sosehr er wartete und sosehr seine Pulse hämmerten.

Neues Wachstum sproßte allenthalben aus dem fetten Boden des Tales. Längst hatten sich die Wasser zurückgezogen, längst war jenes neue Wunder vorbei, daß feiner Schlamm das ganze Land bedeckte und auf dem Schlamme Myriaden von Fischen, Schlangen und Fröschen zappelten, über die sich scharenweise die Marabus und Ibisse stürzten und so viel verschlangen, daß sie fast barsten. Längst war auch die Zeit verronnen, da die Feldmesser mit Pflock und Leine zu Hunderten in den Schlamm hinauswateten, um, wie alljährlich, jedem wieder sein Grundstück zuzuteilen.

Da erschien plötzlich ein Hauptmann der samischen Söldner aus Naukratis und überbrachte dem Pythagoras zwei wächserne Tafeln, die das Siegel des Königs Polykrates verschloß. Die eine sollte er nach der Weisung, die außen zu lesen war, selbst eröffnen.

Er beschenkte den Söldnerführer und zollte ihm heißen Dank; doch beherrschte er sich trotz seiner furchtbaren Erregung und gewann es über sich, den Boten noch zu bewirten, bevor er ihn entließ. Erst dann zog er sich ins innerste Gemach des Hauses zurück und eröffnete fiebernd das Siegel.

Wie bei allen Briefen, die Schicksalsbedeutung haben, starrte er zuerst aufs Ganze, um durch vollen Überblick mit einem Schlage alles zu erfahren. Was ihm da aber sofort entgegensprang, spannte sein erregtes Gemüt ab und setzte ihn in die Lage, nunmehr Satz für Satz die Botschaft in sich aufzunehmen. Und in seiner Seele erbrauste ein heller Jubel: Denn er las da von Gunst und Vergebung, Lob und Hilfsbereitschaft, Verständnis seines ernsten Strebens und von dem harten Willen eines großen Königs, Ungewöhnlichstes zu erzwingen. Und der zweite Brief war das Schreiben an den Sohn der Sonne, bestimmt, ihn für den Plan zu gewinnen. Und sollte von Pythagoras eigenhändig überreicht werden, damit der Herr der Gerechtigkeit auf Grund eigenen Augenscheins die Person des Bittstellers beurteilen könne.

Dankbar und bewegt, ergriffen von der Größe seines Erfolges, streckte Pythagoras die Arme zur Höhe, und der Rhythmos seiner Seele wogte ein Dankgebet jenem unbekannten Gotte entgegen, der ihn jetzt schon so reich begnadete. Nicht Worte waren es, die seinem Herzen entströmten; es waren Wogen von Liebe, Sehnsucht und Demut, hinausdrängend ins Unerforschte.

Und er vergaß in seiner Freude, daß noch zwei Willenspforten zu entriegeln waren, die geschlossen ihn von seinem Ziele trennten: Die Ansicht des Sonnensohnes und die Gesetze und Meinungen der strengsten Priester aller Zeiten.

Das erste Hindernis überwand er wie im Schlafe wandelnd. Amasis, der damals zufällig für längere Zeit in Memphis weilte und voraussichtlich erst das nächste Jahr in seine eigentliche Residenz Sais zurückkehrte, empfing ihn sogleich, als er gehört hatte, der Samier hätte eine Botschaft des großen, glücklichen Polykrates zu überbringen.

So war es gekommen: Überirdische Pracht, strahlende Paläste mit ihren wuchtigen Reihen bunter Säulen und ihren weiten Höfen. Dann die Hoheit einer Versammlung, die ihn fast zum Fußfall vor dem Erhabenen bewog. Die Größe und Leutseligkeit, die Offenheit und das schlichte Wesen des Zweikönigs, der seinen Fußfall verhinderte und ihm, dem Hellenen, lächelnd die Hand zum Gruße reichte; und ihn durch flinke Dolmetscher anhörte, Zeit hatte zu hören, bis er alles erfuhr, und ihm schließlich ein Empfehlungsschreiben an die Priesterschule von Heliopolis einhändigen ließ.

»Hier endet die Macht des Sohnes der Sonne. Hier muß ich selbst bitten!« hatte er lächelnd gesagt. »Denn ich weise dich an die ersten Diener des Sonnengottes selbst. Sprich mit ihnen so wahr und einfach, wie du mit mir sprachst, und sie werden dich anhören. Denn die Klugheit einer Rede ist mehr wert als die Floskeln eines Geschwätzes!«

Huldvoll war er entlassen worden. Man hatte ihm noch beim Abschiede bedeutet, er solle am nächsten Morgen den Besuch eines Würdenträgers gewärtigen, der ihn in das streng gehütete Heliopolis geleiten würde.

Wenn auch die zwei ersten Erfolge anfänglich den Mut des Pythagoras stärkten, so bäumte sich trotzdem plötzlich die Furcht auf, da noch der letzte Schritt vor ihm lag. Wie gütige Väter, wie wohlwollende Freunde erschienen ihm die beiden Könige, wie finstere, abgekehrte Dämonen dagegen die Priester. Er konnte es sich selbst nicht erklären, warum sich plötzlich fast Feindschaft gegen die Hüter aller Geheimnisse, um die es ihm ging, in ihm entwickelte. Vielleicht war es eine ins Gegenteil verwandelte Liebe, vielleicht bloß Angst, die er sich nicht eingestehen wollte.

Der Schlaf floh von seinem Lager und der Beamte des Königs traf ihn fertig zur Abreise an. Wie ein unheilvolles Vorzeichen erschien dem Pythagoras die düstere Miene seines Begleiters.

Eine prunkvolle Sänfte brachte sie an den Strom und bald schoß ein königliches Boot durch die glasige Glätte des Wassers flußabwärts.

Pythagoras ertrug das Schweigen seines Begleiters nicht lange. Nach einigem Zögern richtete er eine gleichgültige Frage an ihn. Dieser jedoch sah ihn starr an und schwieg. Da konnte Pythagoras nicht weiter an sich halten und sagte geradeheraus:

»Ist es dir lästig, mich zu den Priestern zu führen?«

»Der Sohn der Sonne, der erhabene Herr und Bringer der Gerechtigkeit, hat es befohlen!« erwiderte kalt der Ägypter.

»Das weiß ich!« versuchte Pythagoras zu scherzen. »Doch ich frage nicht nach dem Willen des Sonnensohnes, sondern nach deiner Ansicht!«

»Ich fürchte, dich fruchtlos zu begleiten! Versteh mich nicht falsch, Fremdling! Der Wille des Königs ist mir so heilig, daß meine Ansicht eine Ansicht ist, weiter nichts. Aber ich selbst bin aus dem Stande der Priester und denke, wie eben wir Priester denken!« Der Ägypter senkte den Blick. Dann sah er dem Pythagoras gerade in die Augen und sagte scharf: »Alles fast habt ihr uns schon genommen, ihr Volk von den Inseln! Deshalb müssen wir das Letzte, das Heiligste, doppelt und zehnfach vor euch verschließen!«

Pythagoras erwiderte nichts. Er begriff nach dem, was er über die jüngsten Äonen Kemis bisher gehört hatte, nur zu gut das abgrundtiefe Mißtrauen der Einheimischen gegen die Hellenen. Hatte doch erst Psamtik, der Ahnherr der Saitischen Dynastie, seine Herrschaft mit hellenischen Söldnern erkämpft. Sonderbarerweise auf Veranlassung derselben Priester, die jetzt die Hellenen beargwöhnten. Vielleicht war der Argwohn eben daher entsprungen: Vielleicht fiel es einmal einem Sonnensohne bei, mit griechischen Söldnern den Einfluß der Priester zu zermalmen? Vielleicht war er selbst der Kundschafter des Königs gegen die Priester, er, der als Fremder sich nicht mit Gewissensqualen belud, wenn er Geheimnisse der Götter Kemis preisgab und Eide den fremden Göttern brach? Ja, er begriff die Priester! Aber was half dieses Verständnis gegen seine Angst?

»Von mir habt ihr nichts zu fürchten!« sagte er halblaut vor sich hin. »Ich suche die wahren Urgötter, demütig und sehnend. Und hoffte, sie bei euch zu finden. Euer Wille aber ist es, einen Bittenden zu verstoßen oder ihn aufzunehmen! Diese Entscheidung werde ich ohne Widerrede achten, Männer von Kemi!«

»Ich glaube dir, Fremder!« erwiderte der Ägypter plötzlich milde. »Es handelt sich aber nicht um dich allein. Auf dem Spiele steht ein Gesetz, eine Regel. Und, einmal durchbrochen, wird eine Regel dehnbar wie ein Gewebe aus Baumwolle. Vielleicht würden wir dich, den Sehnenden, freudig als Bruder begrüßen und dein Herz durch die wahre Lehre läutern, wenn deine Landsleute nicht wie die Stechfliegen in Naukratis, in Bubastis, in Sais, auf der Burg von Memphis säßen! Mehr darf ich dir nicht sagen. Habe ich doch schon durch meine Bedenken die schuldige Ehrfurcht vor dem Sohne der Sonne verletzt!«

Pythagoras aber wußte genug, um für sein Ziel zu zittern.

Als Heliopolis kurz danach zu ihrer Rechten auftauchte, schloß er die Augen und entpreßte seinem Geiste ein wildes, heißes Gebet.

Das Boot legte an den langen Stromtreppen an und wurde von Tempeldienern niederen Ranges in Empfang genommen und vertäut. Durch eine Reihe von Wächtern mußten Pythagoras und sein Begleiter hindurch, zehnmal wurden sie um Herkunft und Anliegen gefragt, zehnmal wies der Hofbeamte seine Beglaubigung vor, bis sie endlich durch einen Palmenhain auf den weiten Platz hinaustraten, auf dem eine lange Doppelreihe von Löwen-Sphinxen den schnurgeraden Weg zu der überwältigenden Pylonenfront des Sonnentempels wies. Scharf umrissen von dunklen Schatten leuchteten die grellen Hohlreliefs, und die doppelt geflügelte Sonnenscheibe mit den regenbogenartig abgetönten Fiederflächen prangte unterhalb des Kehlgesimses des Mittelpylonen.

Pythagoras setzte pochenden Herzens einen Schritt vor den anderen. Würde das kleine Wort der Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen und ihm die hohen ehernen Tempeltüren öffnen? Und den Weg freimachen zu all dem Unerforschten und Unerforschlichen?

Der bunte Traum, der ihn umgab, die Ruhe des Tempelbezirkes, stärkte seine Hoffnung. Eine Ahnung ward lebendig, daß er zum Ziele gelangen würde.

Die beiden erreichten die Pylonen und der Ägypter wandte sich nach links, wo, anschließend an den Tempelbau, ein fünfmal mannshohes Palisadenwerk den weiten Umkreis des Heiligtums jeder Sicht entzog. Nach einigen hundert Schritten standen sie vor einer kleinen Pforte, die sich auf das Pochen des Begleiters öffnete. Ein Priester fragte um Anlaß und Herkunft. Der Würdenträger des Königs händigte dem öffnenden das Schreiben des Sonnensohnes ein. Stumm verneigte sich der Priester, schloß die Türe und verschwand.

»Wir müssen hier warten! Ein Ungeweihter darf den Tempelbezirk nicht betreten!« erklärte der Ägypter und forderte Pythagoras auf, sich auf einer der langen Steinbänke, die hier unter den Palmen standen, niederzulassen.

Pythagoras ergab sich und zwang sich zur Geduld. Und er achtete der Hitze nicht, die trotz der schattenspendenden Palmen auf sie niederbrannte, er ertrug still das schillernde Flirren der tanzenden Sonnenstrahlen und verscheuchte nur müde und fast ohne Gedanken die summenden Stechfliegen.

Wie lange er gewartet hatte, wußte er nicht. Er sah nur plötzlich, daß sein Begleiter aufsprang und mit allen Zeichen besonderer Ehrfurcht den hohen Greis begrüßte, der, von zwei anderen Priestern geleitet, auf sie zutrat. Unwillkürlich folgte Pythagoras dem Würdenträger in der Form des Grußes und erhob sich ebenfalls von seinem Sitze.

Der Greis aber überreichte feierlich eine Papyrosrolle an den Ägypter und sagte in leicht wehmütigem Tone zu Pythagoras:

»Du sollst sogleich erfahren, Fremder, was der Rat unserer Priesterschaft beschloß.

Verspotte den Bittenden nicht, – hat einer unserer Weisen geschrieben – wäre es doch ärger, als wenn du seinen Körper schlügest. Schreie ihn nicht an; was ihm wehe tun muß, das sage ihm mild und freundlich.

Daher sage ich dir, Fremder, zuerst, was dich schmerzen wird. Deine Bitte können wir nicht erfüllen! Trösten möge dich der Gedanke, daß selbst Söhne Kemis, die nicht priesterlichem Stande entstammen, kaum je Eintritt in die Priesterschule fanden. Ein Fremder aber, – zürne nicht über das, was ich sagen werde! – ein nach unserem Gesetze Unreiner, ein Unbeschnittener, ist seit den Zeiten, als der große Osiris, der auf Pilak ruht, über Kemi herrschte, nie und nimmermehr mit seinem Fuße in die inneren Tempelbezirke getreten.

Da wir aber die jüngste Priesterschaft Kemis sind, wollen wir dir nicht alle Hoffnung rauben. Wir trugen in dem Briefe, den dein Geleiter in Händen hält, der älteren Priesterschaft von Memphis dein Anliegen vor, ohne ihr vorzugreifen. Vielleicht ist sie auf Grund ihrer älteren Weisheit imstande, unsre Bedenken zu belächeln und dir das zu gewähren, was wir dir, dem Guten, Sehnenden, Suchenden gerne böten, – wenn wir dürften. Unser Herz hat leider nein gesagt. Und vor dem Totenrichter wird unser Herz gewogen werden, das zuerst den Göttern gehört, dann erst dem Mitleide!«

Pythagoras stand starr und wie verständnislos da. Er wollte die Hände heben, wollte sprechen. Vergeblich: Keinen Ton entpreßte er seiner Kehle.

»Hast du mich verstanden?« fragte freundlich der Greis. »Sei mutig und verfolge hartnäckig dein Ziel. Vielleicht sind andre weiser als wir und wissen heiliges Gesetz mit Duldsamkeit besser zu vereinen als wir Diener des erhabenen Rā des Herrn alles Lichtes! Hast du mich verstanden?«

»Ja!« hauchte Pythagoras; dann schlug er die Hände vor die schmerzenden Augen.

Als er aber endlich seine Arme schlaff sinken ließ, war der Greis mit den Priestern verschwunden. Der Würdenträger blickte ihn mitleidig an. Endlich sagte er fest:

»Was zögerst du? Der Beschluß ist unwiderruflich! Er selbst war es, der zu dir sprach, der höchste Priester des erhabenen Rā!« Dann setzte er leise fort: »Ich wußte das Ende, bevor wir abfuhren. Komm, Fremder, sei frohen Herzens, Kemi hat auch außer seinen Geheimnissen noch viel des Erfreulichen und Erhabenen!«

Da sagte Pythagoras kopfschüttelnd und wehmütig:

»Das Erfreuliche und Erhabene kann ich überall finden. Den wahren Sinn der Götter aber nur dort, wo er seit ältesten Zeiten überliefert ward.« Und wie zu sich selbst murmelte er: »Was werden die Priester in Memphis sagen?«

»Das gleiche!« antwortete der Ägypter starr und steinern und wandte sich zum Gehen.

Pythagoras aber folgte ihm in düsterem Sinnen. –

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