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Pythagoras

Egmont Colerus: Pythagoras - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/colerus/pythagor/pythagor.xml
typefiction
authorEgmont Colerus
titlePythagoras
publisherPaul Zsolnay Verlag Wien
printrun11.?15. Tausend
year1951
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090615
projectidc977bf57
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XXVI

Hier sind sie also auch nicht?!« sagte Deinonó mit verstelltem Zorne, unter dem ein Lächeln lag, als sie in das Haus des Demokedes trat und Pythagoras erblickte, der im Vorhofe einen fremdartigen Papyros las.

»Sei gegrüßt, Deinonó!« erwiderte der Philosoph und erhob sich. »Trägst du es ihnen nach, wenn sie sich um die öffentlichen Angelegenheiten bekümmern?«

»Das gewiß nicht!« Und Deinonó lächelte jetzt wirklich. »Im übrigen siehst du, treuloser Flüchtling, daß ich dich auch finde, wenn du im Hause deines Demokedes wohnst. Zuerst will ich dir berichten: Deine Mutter und der junge Pythagoras sind unter der Führung des Aristokles aufgebrochen, um die Stadt zu besichtigen. Sie wollten auch dich holen, doch ich verbot es ihnen, da Brontinos und Demokedes behaupteten, dich noch vor der Mittagsstunde aus deiner Einsamkeit zu erlösen. Nun sind seit dieser versprochenen Zeit wohl schon mehr als drei Stunden verflossen und ich wähnte, da Brontinos nicht nach Hause kam, er habe sich mit Demokedes zu dir begeben. Ich sehe aber hier nichts als gähnende Leere!«

»Sosehr mich deine Fürsorge erfreut, Deinonó, so wenig hast du Anlaß, dir meinethalben Beschwerlichkeiten aufzubürden. Bin ich doch nicht nach Kroton gekommen, um eure Lebensgewohnheiten zu stören.« Und Pythagoras ließ sich nieder, da auch Deinonó sich auf die Marmorbank gesetzt hatte.

Da zuckte es im Antlitze der Frau wie ein flüchtiges Leuchten auf und sie antwortete hastig:

»Du irrst, Weiser! Eben deshalb bist du gekommen! Du sollst um dieses Zieles wegen gekommen sein!« Und als Pythagoras erstaunt aufsah, fuhr sie schnell fort: »Höre mich, Samier, da nun einmal ein glücklicher Zufall es gefügt hat, daß ich ungestört mit dir sprechen kann. Du ahnst nicht, welche Aufregung der Gemüter dein Erscheinen schon heute verursacht hat. Es wird wohl in den herrschenden Ständen kaum eine Familie in Kroton geben, in der nicht gestern ein begeisterter Knabe den Inhalt deiner Rede, so gut er es verstand, wiedergab. Man pries dich allgemein! Das kann ich dir mit gutem Gewissen sagen, da ...! Nun, ich sprach eben heute schon mit zahlreichen Frauen! Man erwartet aber mehr von dir. Mehr und Schwereres. Man hofft, daß du die Mißstände des Gemeinwesens schonungslos geißeln und ausrotten helfen wirst!«

»Wie soll ich das?« fragte Pythagoras leise lächelnd. »Wie soll ich das?« wiederholte er nachdenklich. »War doch alles, was ich bisher in Kroton erfuhr, nichts weniger als tadelnswert. Und selbst Wenn ich zu tadeln hätte, wird man einen Gast, einen Einwanderer, nicht gerade als die geeignete Person für Neuerungen empfinden. Man würde mir mit Recht entgegenhalten, ich möge mich nicht um Angelegenheiten bekümmern, die mich weder kraft meiner Geburt noch kraft meines Standes etwas angingen.«

»Das wird man nicht!« fiel Deinonó ein. »Ich sehe,« setzte sie fort, »daß ich dir alles erzählen muß, um dir ein richtiges Bild der Ereignisse zu vermitteln. Heute morgen war eine große Zahl krotoniatischer Frauen bei mir. Eine Gesandtschaft förmlich! Und sie baten mich, nachdem sie dein Lob in jeder Weise verkündet hatten, ich möge auf dich Einfluß nehmen, daß du auch einmal zu den Erwachsenen sprächest und ihnen, in ähnlicher Weise wie den Jünglingen, die Pflichten vor Augen führtest. Noch bist du verwundert, großer Samier, weil du das Hauptgebrechen unsrer Stadt nicht kennst, das Übel, das zahllose Familien zerstört und auch die ganze Politik in schädlichster Weise beeinflußt. Dem Beispiele des verruchten Sybaris folgend, sind nämlich seit einiger Zeit die reichsten und vornehmsten Männer von Kroton – selbst ein Milon, ein Phayllos gehört zu ihnen! – auf den Gedanken verfallen, ganz offen neben ihren Frauen Kebsweiber ins Haus zu nehmen und diese, die, ihrer Herkunft entsprechend, gierig und genußsüchtig sind, mit verschwenderischem Aufwand herauszuputzen und mit Geschenken zu überhäufen. Ich will gar nicht davon sprechen, daß viele dieser Buhlerinnen ihre alternden Liebhaber verlachen und die Söhne verderben. Weit bedenklicher ist es noch, daß diese Mädchen, die den unteren Schichten der Bürgerschaft entstammen, kosend und girrend den Herrschenden die Geheimnisse des Gemeinwesens entlocken und sie dann hurtig ihren Verwandten weitergeben, so daß jeder Augenblick einen Umsturz, eine Vertreibung der krotonischen Aristokratie bringen kann. Was das aber bedeuten würde, wissen wir besser als viele andre. Haben wir doch Sybaris zum Nachbarn, auf dessen Nacken sich sofort nach Einführung demokratischer Herrschaftsformen Telys als Tyrann gesetzt hat und die Macht nicht mehr aus der Hand läßt. Schwelgerei, Liebedienerei, Emporkömmlingswesen, Willkür und Grausamkeiten aller Art sind neben unerträglichem Hochmute die Folgen dieser Tyrannenwirtschaft. Nein, das wollen wir nicht, daß unsre prächtigen Söhne entweder vor Gewaltherrschern kriechen oder in die Verbannung gehen müssen. Wir wollen die Aristokratie! Nicht aus Machtgier oder Eigennutz. Kein Andersdenkender wird bei uns verfolgt oder bedrückt, kein Mann der niederen Stände verachtet. Auch wir Herrschenden wissen unsre Pflichten zu erfüllen: Siegen nicht unsre Jünglinge in Olympia? Streben sie nicht nach Wissen und Gerechtigkeit? Leiten wir unsre Töchter nicht zu Milde und Sittsamkeit an? Du kennst sie nicht, meine Theanó, die eben jetzt zu Metapont weilt, um einem kranken Oheim ihre liebevolle Pflege zu leihen. Ihr Anblick allein würde dich dazu begeistern, alles auf dich zu nehmen, um unsre Jungfrauen vor der Schmach zu bewahren, mit Buhlerinnen im selben Hause zu schlafen. Dank den Göttern! Brontinos und Demokedes haben bisher dem Laster widerstanden. Aber werden sie nicht vielleicht morgen der Versuchung unterliegen oder übermorgen, wenn erst das Unrecht durch allgemeine Übung zum Erlaubten, ja zum Selbstverständlichen ward? Und Aristokles, dessen Seele heute noch voll heiliger Unschuld ist, dessen Herz nur in Begeisterung für Reines und Göttliches lodert, was soll mit ihm werden, wenn erfahrene Dirnen in unsrem Hause umherschleichen? Nein, Pythagoras, tue, was du für recht befindest. Ich kann aber nicht denken, daß dich der Jammer einer Stadt unbewegt läßt, die sich anschickt, deine zweite, deine endgültige Heimat zu werden!«

Deinonó, deren Antlitz vor Erregung glühte, die die letzten Sätze in flammendem, anklagendem Weh hinausgerufen hatte, senkte den Kopf und schwieg.

Pythagoras aber, in dessen Gemüte große Kämpfe entbrannt waren, weil er sah, daß auch hier, wo er auf kurze Zeit von der Verderbtheit der Menschen sich auszuruhen gehofft hatte, soviel an menschlicher Schwäche und Unvollkommenheit wucherte, blickte nachdenklich über das glatte Pflaster des Vorhofes und über die bunten Säulen der Umfassung. Endlich nach langer Pause sagte er ernst und würdevoll:

»Du wußtest nur zu gut, o Deinonó, wie du mich dem Wunsche der krotonischen Frauen gefügig machen konntest. Ist es doch die zwingende Kraft der Wahrheit, mehr noch meine Sorge um die hellenische Jugend, um die Zukunft des hellenischen Geistes und der hellenischen Sitte, am allermeisten aber meine große Liebe zu euch Freunden und zu Aristokles, was mich zwingen wird, den allzu ungleichen Kampf aufzunehmen. Es sei, Deinonó! Ich werde es wagen. Wie ich es vollbringen soll, ist mir heute noch unklar. Eines aber weiß ich gewiß und das will ich dir nicht verhehlen: Bei diesem Wettstreite um eure gute Sitte, ihr Krotoniaten, setze ich den letzten Rest, die letzte Hoffnung auf Ruhe und Frieden ein, die mir auf Erden blieb. Denn wenn ich eure Männer unbeugsam, eure Laster unausrottbar fände, müßte ich, selbst wenn kein Haß für meine Tat mich träfe, auch dieser Stadt den Rücken kehren. Glücklich der Blinde, der die Schwächen der Menschen nicht sieht, glücklich der Selbstbetrüger, der sie vor sich selbst leugnet, glücklich der Träge, Duldsame, der sie sieht, aber aus Bequemlichkeit verzeiht; unselig allein der Sehende, dem sein Daimon befiehlt, dagegen anzurennen, bis sein Herz leer ist vom Blute und sein erschöpfter Atem stockt! Und doch vielleicht seliger als alle anderen, weil nie ein Erwachen ihm Reue bringen kann!«

Deinonó hatte sich erhoben und blickte Pythagoras mit tränenschimmernden Augen an:

»Vergiß, was ich dir sagte, großer Samier! Vergiß es, ich bitte dich, ich flehe dich an! Zu groß ist für dich, für uns alle der Einsatz, den du wagen willst. Vielleicht wird die Zeit die Laster eindämmen, vielleicht wird Vorsicht und List zum Ziele leiten. Tu es nicht, Pythagoras! Ich ahnte nicht, was ich heraufbeschwor, als ich sprach!«

Pythagoras aber lächelte wieder, lächelte allweise und fast freudig. Und er erwiderte:

»Mein Entschluß ist unabänderlich, Deinonó! Ich bin nicht gewohnt, feige zurückzuweichen, bevor ich begann. Größeres, weit Gefahrdrohenderes habe ich schon zu gutem Ende geführt. Wenn ihr aber die Krotoniaten seid, die ich zu Olympia, die ich an euren Söhnen sah, dann ist mein Sieg gewiß! Irren und wanken kann auch der Beste, der Heiligste. Seine Seele aber wird erst offenbar, wenn die Forderung der Umkehr, der Abkehr an ihn herantritt! – Doch jetzt wollen wir von anderen Dingen sprechen!«

Deinonó kam aber nicht mehr in die Lage, zu antworten; denn Demokedes und Brontinos waren in den Hof getreten und schritten in munterem Gespräche auf die beiden zu. Und Demokedes rief:

»Heil dir, Pythagoras! Ganz Kroton hallt durch den Mund begeisterter Epbeben von deinem Ruhme wider.

So stark aber ist dieser Jubel, daß selbst der hohe Rat der Tausend sich ihm nicht entziehen konnte. Er entbietet dich für morgen vor seine Versammlung, da er mit dir die weitere Gestaltung deiner Tätigkeit besprechen will. Du wirst dich über die Stimmung, die dort für dich herrscht, nicht zu beklagen haben, samischer Gastfreund!«

»Ich danke dir, freundlicher Demokedes, aus dessen Munde mir das Geschick bisher nur Freudenbotschaft sandte!« rief Pythagoras zurück und ging den beiden entgegen. Bevor er sie jedoch noch erreicht hatte, flüsterte er, so leise, daß nur Deinonó die Worte verstehen konnte:

»Ich nehme das Vorzeichen an. Ich werde für Kroton gegen Kroton siegen! Heil dem Göttlichen!«

Dann aber drückten sie einander die Hände und muntere Gespräche vereinigten sie, bis die Gäste kamen, vornehme Krotoniaten, die noch vor der Ratsversammlung den berühmten Fremden sehen und seiner Weisheit lauschen wollten.

Pythagoras war eben auf die Rednerbühne gestiegen, um zu beginnen. Weltenfern anders waren heute die Gefühle, die ihn beherrschten, als vor den Jünglingen. Und manchen Herzschlag wollte Bangen in ihm emporquellen, obwohl schon soviel an Ehre und Anerkennung hinter ihm lag. Hatten doch erst vor wenigen Augenblicken die edelsten Krotoniaten ihm wegen seiner Rede im Gymnasion in den begeistertsten Worten gedankt und ihn aufgefordert, all das unumwunden zu sagen, was er dem krotonischen Gemeinwohle für förderlich halte.

Er mußte sprechen! Ohne jede Schonung, dennoch aber in einer Form, die ihm die Zuhörer nicht von vornherein entfremdete.

So begann er und hauchte schon den ersten Worten jenen zwingenden Klang, jene wilde Willenskraft ein, die ihm bisher stets das Übergewicht über die empfangende Masse verliehen hatte.

»Edelste der Krotoniaten!« rief er plötzlich mächtig, nachdem er die Pause so weit getrieben hatte, als sie einem Hörer noch erträglich war. »Väter der Stadt des Herakles! Was euch Pythagoras zuerst ans Herz legt, ist der Dienst der Musen. Ihr blickt mich erstaunt und fragend an? Nun, so wißt, daß ich nicht jene zur Erde herabgezogenen, fast möchte ich sagen, alltäglichen Göttergestalten meine, die ein Geschlecht von vergeßlichen Nachkommen ihrer Urwürde entkleidete. Ich rufe vielmehr mit euch die Musen an, die bestimmt sind, die im Gemeinwesen herrschende Eintracht in ihren Schutz zu nehmen und zu erhalten; jene Götter-Neunzahl rufe ich, die, mit einem gemeinsamen Namen bezeichnet, sich vorzüglich gemeinsamer Ehren erfreut und einen Chor gemeinsam bindet und löst. Denn von diesem Götter-Reigen kommt Gleichklang, Harmonie, Rhythmos und überhaupt alles, was Eintracht der Gemüter erzeugt; ihre Macht aber wird nicht bloß in den edelsten Künsten und Wissenschaften, sondern auch im Gleichklang und in der Harmonie der Dinge offenbar!

Mögen sie uns nun Wegweiser sein, die herrlichen Göttinnen, Wegweiser, die uns das Ziel unsrer Handlungen erkennen lassen. Kann doch ein Gemeinwesen, sofern es bestehen soll, nicht anders als der Kosmos selbst, nur auf den festen Sockeln harmonischen Ebenmaßes, durchgängigen Einklanges beruhen. Darum beherzigt, ihr Väter, daß ihr eure Vaterstadt als ein von der Masse der Bürger euch anvertrautes gemeinsames Unterpfand besitzt, und daß ihr dieses Unterpfand in einem Geiste verwalten müßt, der sicherstellt, daß ihr das Gut einst in ungetrübter Harmonie auf eure Nachfahren vererben könnt. Das aber wird mit Gewißheit nur dann der Fall sein, wenn euch die Gleichheit aller Bürger oberster Grundsatz ist und nichts mehr euer Augenmerk auf sich zieht als das Recht. So verehren auch die Menschen, im dunklen Gefühle, daß Gerechtigkeit allerorten nötig sei, als Beisitzerin des Zeus, des höchsten oberirdischen Gottes, die heilige Themis, die Weltordnung selbst. Als Beisitzerin des unterweltlichen Pluton aber wird Dike, die vergeltende Gerechtigkeit, genannt. Beherrscher der Staaten endlich und des irdischen Lebens ist Nomos, das Gesetz; damit einer, der ungerecht verwaltet, worüber er gesetzt ist, als ein Mensch erscheine, der sich damit gegen die ganze Weltordnung zugleich vergeht. Denn wo Götter sind, wo Menschen weilen oder Heroen oder Schatten, thront mächtig eine Verkörperung des nämlichen Gedankens: Themis, Dike, Nomos! Kosmos auch in andrem Betrachtungswinkel und Gleichklang und Harmonie!

Daher hütet euch, ihr Beisitzer der Ratsversammlungen, den Namen eines Gottes beim Eide zu mißbrauchen, auch wenn ihr wähntet, es geschehe zum höchsten Nutzen der Stadt. Richtet vielmehr Rede und Tat solcherart ein, daß sie ganz ohne Eid, auf sich allein gestellt, Treue und Glauben bewirkt. Damit es heiße in ganz Hellas: Wahr ist das Wort, denn ein Krotoniate hat es gesprochen!«

Brausender Beifall unterbrach hier den Redner. Und stolz blickte Pythagoras über die klugen und ehrwürdigen Antlitze des Rates der Tausend, die sich ihm strahlend und freundschaftlich zukehrten. Und er übersah den mächtigen Platz der Ratsversammlung mit den Kurven der Marmorbänke und den umfassenden Säulengalerien. Und er heftete sein Auge an die Erscheinung eines dorischen Kapitals, das sich mit tiefschwarzen Schatten grell heraushob. Er wollte sich einen Augenblick lang sammeln, denn noch stand alles Schwere bevor. Und er hob langsam, wie grüßend, die Hand, um die Brandung des Beifalls zu glätten.

Da verstummten die Krotoniaten.

Nur das Leuchten der Zustimmung blieb in ihren Mienen.

Pythagoras aber setzte mit leiser, fast geheimnisumwehter Stimme fort:

»Stadt und Gemeinwesen aber sind doch nur Namen, ihr Krotoniaten, hinter denen sich, wie hinter dem Namen eines Bauwerkes, die einzelnen Bausteine verbergen. Steine, die sosehr sich dem Gesamtplane harmonisch einfügen, daß wir sie nicht mehr als Einzeldinge empfinden. Was aber geschähe, wenn sich plötzlich zerberstend die Harmonie der Steine ins Chaos auflöste? Wo bliebe da die Harmonie des Ganzen? Ihr wißt, was ich mit diesem Bilde meine, ihr weisen Häupter Krotons: Stadt und Gemeinwesen sind ein Bau aus den Quadern der Geschlechter und Familien. Und daraus ergibt sich zwingend auch das Weitere. Führt die Herrschaft eures Hauses, ihr Krotoniaten, in solcher Art, daß ihr euch stets des Grundes bewußt bleibt, warum ihr eure Familie liebt: Behandelt eure Kinder voll- und ebenbürtig und als solche, die auch allein unter allen Lebenden das Gefühl, eure Kinder zu sein, besitzen; im Umgange aber mit den Genossinnen eures Lebens, euren Frauen, sollt ihr stets beherzigen, daß andere Verträge durch schriftliche Urkunden und Steintafeln, der Vertrag mit der Gattin aber durch die Kinder befestigt wird. Seid eingedenk, daß ihr es euch nicht zum Verdienste anrechnen könnt, wenn die Eurigen euch aus dem Naturgefühl heraus lieben. Lieben sollen sie auch vielmehr wegen eurer Wohltaten und eurer Gerechtigkeit und als Dank für eure eigene Gesinnung!«

Zustimmende Rufe klangen an das Ohr des Pythagoras. Und er sah, als er noch einmal traumschnell die Mienen umfaßte, daß nur Rücksicht und Achtung die Versammlung vor neuem Beifalle abhielt.

Da richtete er sich zur ganzen Größe empor und dröhnte über die Menge:

»Faßt daher, – ein oberstes Gebot ist es, damit nicht Krotons Bausteine zersplittern! – faßt, sage ich euch, den ernsten Entschluß, nur mit den gesetzmäßigen Frauen des ehelichen Umgangs zu pflegen, damit nicht auch die Frauen durch Vernachlässigung, Zurücksetzung und Rachegier in die Versuchung fallen, die Pflichtvergessenheit der Männer mit der Geburt von Bastarden zu beantworten!« Und er schwieg für einen Herzschlag. Doch selbst die kurze Zeitspanne hatte genügt, ein Rauschen und Murmeln auftönen zu lassen, das gegen den Redner heranwogte. Der aber hob jetzt seine Stimme zu allermächtigstem Klange:

»Welcher Krotoniate«, rief er, »könnte noch im Zweifel sein, was er zu tun hat, wenn er alles nur gehörig überlegt? Laßt solche Sitten den sybaritischen Schlemmern, ihr Volk der Olympioniken und Ärzte, ihr Volk der Gesunden und Heilkundigen! Sagt man nicht in ganz Hellas, daß noch der Letzte der Krotoniaten der Erste der Hellenen sei? Und zu diesen Männern sind wie Schutzflehende vom Heiligtume des elterlichen Hauses die Frauen gekommen. Gekommen sind sie im Angesichte der Götter unter Opferspenden und haben die Hand gläubig und vertrauend auf den Altar des Gatten gelegt. Und von dort soll ein Krotoniate sie fortreißen, sie beleidigen und töten?

Fort, dir sprech' ich nicht Recht! Den Diener der Musen erschlugst du
vor der Hera Altar, der Götter Vergeltung mißachtend.

Wem rief die Pythia diesen Spruch ins freche Antlitz? Ich glaube wohl, denselben Sybariten, die euch Krotoniaten die Ehe zu mißachten lehrten!«

»Er sagt die Wahrheit!« tönte es auf. »Fort mit dem Beispiel der Weichlinge!« »Sprich weiter, Pythagoras! Sprich, wir wollen hören, auch wenn es uns nicht leicht ist!« »Still, laßt ihn reden!« so schwirrte es in höchster Erregung durcheinander.

Pythagoras aber, für den schon das Schwanken der Stimmung halben Sieg bedeutete, fuhr ohne Zögern fort:

»Ist es genug, ihr Krotoniaten, wenn ihr das Gesetz fürchtet? Nein, es ist nicht genug, sage ich euch! Denn, wer sich bloß vor Strafe scheut, wird sich verbergen und das Übel wird heimlich weiterwirken. Ehrerbietung vor der Tugend selbst und Streben nach vollster Gerechtigkeit soll und muß euch Grund und Richtschnur sein! Entscheidet euch rasch, ihr Beisitzer des Rates, deren Entschluß den Willen der Stadt bedeutet. Denn nur das Ergreifen des Augenblicks verleiht dem Entschlüsse vollsten Wert!

Und noch etwas, da ich nun einmal, wie ihr mir es selbst befahlet, unumwunden gesprochen habe. Seht ihr nicht, welchen Frevel ihr in euren Häusern duldet? Ist es nicht der größte und verdammenswerteste Frevel, Zwietracht in die Familien zu säen und Kinder und Eltern auseinander zu reißen? Was aber tun jene Buhlerinnen anderes?«

Wieder schwieg der Philosoph. Doch diesmal umgab sein Verstummen beängstigende Stille. Denn wilde Kämpfe, Entschlüsse, Widerspruch, Leidenschaft und Pflicht rang in zahlreichen Gemütern um Entscheidung. Da dämpfte er seine Stimme und fast ein werbendes Bitten lag im Wohlklang der folgenden Worte:

»Ich will ja nur raten, ihr trefflichen Krotoniaten! Versteht den nicht falsch, der sich noch nie anmaßte, ein Weiser zu sein. Ein Suchender, ein Versuchter bin ich gleich euch, gleich allen Menschen, die im Lichte der Sonne wandeln. Nur eine der Stimmen will ich sein, die sich tief in euren Herzen miteinander unterreden!

Bedenkt, ihr Volk der Olympioniken, daß nur der der Trefflichste wäre, der aus sich selbst heraus sein Bestes wüßte; der Zweitbeste – und so sind die meisten Menschen! – ist einer, der aus dem Mißgeschicke andrer das ihm Zuträgliche einzusehen lernt; der Beklagenswerteste endlich – und so sollt ihr nicht handeln – ist ein Mensch, der ruhig zuwartet, bis ihn eigene schlechte Erfahrungen über sein Bestes belehrt haben.

Darum seht zu, ihr Krotoniaten, und blickt auf die Sybariten, deren falscher Glanz baldigen Absturz verbirgt.

Und zürnt mir nicht! Denn alles wollte ich, nur nicht euren Unwillen erregen. Ich bin ja in einem Ehrenkampfe begriffen und handle nicht anders als jene olympischen Wettläufer, die, weit davon entfernt, ihren Antagonisten Böses zufügen zu wollen, nur danach streben, das herrliche Ziel der Hellanodiken zu erreichen. Mein Wettlauf aber ist der Kampf um die Reinheit des hellenischen Geistes und Gemütes, mein Ziel die Harmonie von Schönheit, Kraft und Tugend. Und da wollte ich euch voranlaufen, damit ihr angespornt würdet, eilenden Fußes das Stadion des Göttlichen zu durchmessen und mich im nächsten Wettlaufe womöglich weit hinter euch zu lassen. Denn ihr seid erfahrene Olympioniken, ihr Männer von Kroton!

Zum Schlusse aber bitte ich euch, wenn ihr euch einmal zur Tugend entschlossen habt, auch stets wirklich so zu sein, wie ihr den anderen erscheinen möchtet. Ehre aber und Ruhm sind stets noch heiliger als selbst Beratung und Staatsgeschäfte. Denn diese betreffen doch nur irdische Dinge, jene aber reichen hinan zu den Göttern! Reinheit des Rufes aber ist von den Göttern selbst niemandem sosehr zur Pflicht gemacht wie eben euch Krotoniaten. Denn als Herakles auf seinem Zuge durch Italien vom Riesen Lakinos nächtlings überfallen wurde und den zu Hilfe eilenden Kroton erschlagen hatte, weil er ihn in der Dunkelheit für einen Feind hielt, beschloß der Heros, um das Grabmal des Kroton eine Stadt gleichen Namens zu erbauen, damit auch der unselige Helfer der Unsterblichkeit teilhaftig würde.

Diesen Willen des Heroen, des großen Herakles, der bittere Tränen um euren Urahnen vergoß, müßt ihr erfüllen helfen, ihr Krotoniaten! Denn wie könnte wohl der Name Kroton unsterblich werden, wenn die Krotoniaten ihn befleckten?!«

Er schwieg und ließ sich langsam in den Thronsessel nieder, der den Würfel der Rednerbühne überhöhte.

Beklemmendes Schweigen dehnte sich zu Ewigkeiten. Dem Pythagoras zumindest schien es so, da jeder verrauschende Herzschlag neue Zweifel in seinem Gemüte zurückließ.

Da schluchzte es plötzlich wild auf. So wild, als ob Herakles um Kroton weinte. Und die riesige Gestalt Milons stand in all ihrer überirdischen Kraft inmitten der Versammlung. Und halberstickt, noch immer aber mächtig, tönte seine Stimme, als er anhub:

»Krotoniaten!« rief er flehend. »Ihr alle wißt es. Sagt es dem Pythagoras, daß Milon nicht imstande ist, Schutzflehende von den Altären zu reißen. Nein, ihr Krotoniaten! Wir alle sind nicht dazu geboren, den Göttern und den Gesetzen Trotz zu bieten. Darum auch stelle ich selbst, ich, der als einer der ersten im Drange übermütiger Kraft das verderbliche Beispiel gab, den Antrag, unerbittlich die Schmach gebrochener Ehen zu bekämpfen und die Buhlerinnen im Frieden zu entlassen. Sie werden weinen, die unseligen Weiber. Doch laßt euch nicht umstimmen dadurch, ihr Krotoniaten! Weint selbst, wie ich es tue. Weint aus Schmerz über verlorene Lust, weint aus Scham und Reue, daß Krotoniaten den Ruf der Stadt befleckten. Und weint, damit der Samier sieht, daß wir keinen Schmerz fürchten, wenn es dem Göttlichen gilt. Zum Gedächtnis der wiedergewonnenen Eintracht und Harmonie aber wollen wir den kosmischen Musen, von denen der Weise sprach, einen prächtigen Tempel errichten!«

Die letzten Sätze zitterten noch in der Luft und zerschlugen den Rest des Bannes, der bisher die ringenden Gemüter verschlossen hatte; und lauter Beifall lohnte den Antragsteller. In würdevollem Ernste wurde die entscheidende Abstimmung vorgenommen und ergab eine überwältigende Mehrheit. Als man aber auch dem Philosophen Dank zollen wollte, war er verschwunden.

So ging man sinnend auseinander, da ja das Schwerste, die wirkliche Ausführung der Entschlüsse und Vorsätze, noch bevorstand.

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