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Pythagoras

Egmont Colerus: Pythagoras - Kapitel 25
Quellenangabe
pfad/colerus/pythagor/pythagor.xml
typefiction
authorEgmont Colerus
titlePythagoras
publisherPaul Zsolnay Verlag Wien
printrun11.?15. Tausend
year1951
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090615
projectidc977bf57
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XXV

Über dem Hause des Brontinos lag ein leuchtend-frischer Vormittag, der seine flimmernden Strahlen in den kühlen Vorhof standte. Dort aber gleißten die zierlichen Säulen und die Fliesen auf, und das kleine Wasserbecken malte zitternden Widerschein auf den Marmorwürfel des Hausaltars. Üppige Blumen bauschten sich in den ernsten Vasen, die in ihrem Rotbraun, Gelb und Schwarz den strengen Stil des Hauses vervollständigten.

Deinonó, die schöne und kluge Gattin des berühmten Arztes, war still und aufmerksam damit beschäftigt, in den Saum eines hellblauen Festgewandes purpurne Mäander einzusticken. Sklavinnen kamen und gingen und halfen der Herrin; während aus dem Garten, jenseits des Mesaulos, das muntere Gegacker der Hühner herübertönte.

Der Arzt selbst aber saß mit seinem Freunde und Mitarbeiter Demokedes, in ernste Probleme vertieft, in dem gegen den Hof zu offenen Saale, der die vom Eingangstore abgekehrte Schmalseite der Aulé abschloß.

Plötzlich hielt Deinonó in ihrem charitischen Tun inne und wandte sich mit einem wehmütigen Lächeln gegen die beiden Männer:

»Schwer fällt mir jeder Handgriff«, sagte sie kopfschüttelnd, »da ich so lange schon die Tochter entbehren muß. Und da wird es mir doppelt unruhig im Herzen, wenn wie heute nun auch der Sohn über die gewöhnliche Zeit hinaus fortbleibt. Ich bin in Sorge, Brontinos! Zürne mir nicht darob. Sollten wir nicht einen Sklaven zum Gymnasion senden?«

»Was hätte dein Herz gelitten, o Deinonó, wenn du Aristokles zu Olympia im Ringkampfe gesehen hättest!« erwiderte Demokedes. »Wie damals die größeren, stärkeren Jünglinge sich gegen ihn stürzten ...«

»Es ist wohltätig für uns Mütter und für die Kämpfer, daß das Gesetz uns vom Stadion fernhält!« warf Deinonó ein. »Verzeiht mir, wenn ich im Begriffe bin, aus meinem Olympioniken durch meine Angst einen schwachherzigen Mann zu bilden. Oder besser, ihn zu verbilden.«

Da mengte sich nunmehr auch Brontinos ins Gespräch: »Was soll mütterliche Sorge mit dem späteren Mute des Mannes zu schaffen haben? Müßten da nicht auch die jungen Wölfe und Löwen zage Tiere werden? Nein, Deinonó! Ich liebe die lakedaimonischen Mütter nicht, obwohl sie sicherlich ihren Söhnen das Sterben erleichtern. Allerdings auch die Härte des Gemütes und die unnütze Tollkühnheit. Sende also getrost den Sklaven, wenn es dich beruhigt!«

Im gleichen Augenblicke aber wurden die drei von ihrem Gedankengange jählings abgelenkt, denn der Erwartete, der herrliche Knabe Aristokles, stürmte, ganz gegen seine sonstige, eher schüchterne Gewohnheit, mit solchem Ungestüm durch die Eingangstüre in den Hof, daß alle erschraken.

Bevor aber auch nur einer von ihnen überlegen, geschweige denn fragen konnte, war schon der Ephebe, der die Mutter zuerst erblickt hatte, vor ihr aufs Knie gestürzt, umfaßte sie heiß und stammelte mit fliegendem Atem hervor:

»Freue dich, Mutter! Kroton hat gesiegt! Wir haben wieder gesiegt! Heil unserer Stadt!«

»Wo? Wann? Bei welcher Gelegenheit!« lachte Brontinos auf, der nähergetreten war und das strahlende, freudengerötete Antlitz des Sohnes erblickte.

Da schnellte Aristokles wieder auf die Füße, da er sein Benehmen plötzlich für ungeziemend ansah. Und während er sich mit dem Handrücken die hellen Schweißperlen von der Stirne wischte, setzte er, noch immer atemlos, fort:

»Verzeiht mir, Eltern, daß mich das Ereignis fast von Sinnen brachte. Aber ihr werdet dem Knaben vergeben, wenn ihr hört, daß Pythagoras aus Samos eben noch auf unsrer Agora saß. So wie er einwanderte, mit den Sklaven und mit dem Reisehute auf dem Haupte!«

»Irrst du nicht?« »Ist Täuschung unmöglich?« »Wann war es?« Die Fragen der Erwachsenen schwirrten durcheinander. Denn kaum geringere Erregung hatte sie ergriffen als den Knaben.

Da jubelte Aristokles auf:

»Nun seht! Euch geht es nicht anders als dem Kinde. Sagte ich zuviel, als ich einen herrlichen Sieg Krotons verkündete? Ist der weiseste Mann aller Städte etwa deshalb hiehergereist, weil er die anderen Städte mehr liebt?«

»Woher weißt du aber,« und Demokedes ward nachdenklich, »daß Pythagoras in Kroton bleiben wird? Er, der den halben Erdkreis durchwanderte und nirgends festen Wohnsitz nahm?«

»Das werden wir erzwingen, wenn es nicht ohnehin sein Entschluß ist. Hört!« Und Aristokles lächelte schelmisch und erklärte: »Hört: Ich habe den Weisen überlistet. Doch ich muß wohl alles der Reihe nach erzählen. Gut denn! Wir übten heute im Gymnasion den Diskos- und Speerwurf und zerbrachen dabei einige Speerspitzen. Da sandte mich der Pädagog mit einem zweiten Knaben zum Waffenschmied. Als wir aber zum Marktplatz kamen, da stockte mir das Herz. Denn dort saß er! Er saß dort mit den zwei Sklaven und einem unbekannten Jüngling und einer alten Frau. Traumschnell überlegte ich. Dann raunte ich dem anderen Knaben zu, er möge artig hingehen und dem Fremden Auskunft anbieten. Wenn er aber nach dir, Vater, nach Milon oder Demokedes fragen würde, möge er ihm einen falschen Ort, den wir vereinbarten, angeben!«

»Wozu diese Albernheiten?« fiel Brontinos erzürnt ein. »Ist das die Art, einen Weisen zu empfangen? Komm, Demokedes, wir müssen ihn eilends suchen und in mein Haus führen!«

»Nein, Vater, höre mich, das eben sollst du nicht!« Und die Augen des Aristokles hatten einen so reinen, bittenden Glanz, daß der Zorn des Brontinos sogleich wieder verflog.

»Dann erkläre mir schnell,« erwiderte er, »was diese sogenannte List bedeutet! Denn ich kann nicht glauben, daß mein Aristokles sich mit einem Gastfreunde, mehr noch, mit einem Weisen unziemliche Scherze erlauben würde.«

»Da hast du recht, Vater! Höre darum weiter: Ich also verbarg mich und als ich sah, daß Pythagoras dem Knaben folgte, lief ich ins Gymnasion zurück und hielt eine kurze Rede an die Pädagogen und an die Gefährten. Einstimmig wurde mein Vorschlag angenommen, daß die Knaben Krotons den großen Lehrer der Weisheit empfangen und einholen müßten. Ich tat aber noch mehr. Ich lief zu Milon und entlieh die Staatssänfte und lief zu Dämon und Phayllos und bat sie alle, hieherzukommen. Jetzt muß ich aber zurück. Denn der Zug der Epheben wird schon zum verabredeten Platze unterwegs sein. Ich glaube, daß Pythagoras in Kroton bleibt, wenn er sieht, daß unsre Jünglinge heiße und begeisterungsfähige Herzen haben!«

Brontinos, der vor Bewegung nicht antworten konnte, umarmte still den Epheben und kehrte sich ab. Deinonó aber machte sich wieder mit den Gewändern zu schaffen und nickte nur dem Knaben zu, der, ebenso stürmisch, wie er gekommen war, wieder zur Türe eilte. –

Inzwischen aber verwunderte sich Pythagoras, der sein Gefolge auf dem Marktplatze zurückgelassen hatte, warum es seinem jungen Führer und Wegweiser so schwer gelang, das Haus der ersten und angesehensten Männer Krotons ausfindig zu machen. Einen Augenblick dachte er schon an Vordringlichkeit und ruhmredige Geschäftigkeit. Das Antlitz des Epheben aber zeigte ihm wieder so viel Anstand und Klugheit, daß er an der Lösung des Rätsels irre ward. Schon wollte er sich an andre Leute, die vorüberkamen, wenden, als ihn der Knabe in bewegten, ehrerbietigen Worten bat, ihn nicht bloßzustellen, da ja der ganze Spott der Gefährten auf ihn fallen müßte, wenn man erführe, daß er sich nicht einmal in der Vaterschaft zurechtfinde.

So verstand es der Knabe denn wirklich, den Weisen so lange hinzuhalten, bis das verabredete Ziel erreicht war.

Es war ein kleiner Platz, den mächtige Bäume säumten; wo in der Mitte ein Brunnen in ein prächtiges Becken sich ergoß. Hier hieß der Knabe Pythagoras zu warten und betrat zum Scheine ein Haus. Dann kam er mit der Meldung zurück, die Häupter der Stadt seien heute in der Ratsversammlung und es bleibe nichts andres übrig, als sich inzwischen im Schatten der Bäume niederzulassen. Milon würde bald erscheinen, ebenso Demokedes und die anderen.

Pythagoras, der die Sitten der Krotoniaten nicht genau kannte, befürchtete einen Verstoß zu begehen, wenn er das Haus in Abwesenheit des Herrn betrat und fügte sich daher dem Willen des Knaben.

Es verging geraume Zeit.

Plötzlich aber horchte der Weise auf. Denn ein heller, frischer Chor von Knabenstimmen kam brausend näher.

Und in den Pausen des Gesanges? Was war das?

Pythagoras sprang empor und lauschte. Was war das?

Nein, jetzt war keine Täuschung mehr möglich: Ein Paian tönte, ein Willkommlied. Und jubelnd erscholl am Ende des Liedes stets aufs neue sein eigener Name.

Da durchzuckte ihn eine Ahnung. Und er faßte seinen kleinen Führer scharf ins Auge.

Dieser aber schien der Gegenwart entrückt zu sein. Starr blickte er nur in die Richtung, aus der der Gesang sich näherte. Dann aber streckte er seine Glieder, schrie gellend und begeistert den Namen, als ihn die anderen riefen, und jauchzte laut und wie im Wahne:

»Heil dem Weisen! Heil Pythagoras aus Samos! Heil Kroton, daß du kamst!«

Dann rannte er unaufhaltsam dem Zuge seiner Gefährten entgegen.

Bevor aber noch Pythagoras, den ein Schauer des Unbegreiflichen um den anderen die Glieder durchbebte, irgendeinen klaren Zusammenhang erfassen konnte, schwebte schon eine lichte, göttergleiche Wolke von zarten, schmiegsamen Knabengestalten auf den Platz und kam so leicht und wogend heran, daß der Boden die Last nicht fühlte.

Palmzweige, zart gefiedert, unterbrachen das süße Weiß und Braun dieser göttlichen Wolke.

Und er versuchte zu schauen, zu unterscheiden, zu begreifen.

Plötzlich stand eine helle Phalanx vor ihm, eine Phalanx singender Knaben.

Und seine Kniee wurden von einem Epheben umfaßt, der sich aus der Phalanx gelöst hatte. Er blickte hinab:

Und sah in Augen, in ein Antlitz, das ihn wie die rätselhafte Bruderwelt grüßte.

»Aristokles!« flüsterte er, überwältigt von Liebe zu dem Kinde.

»Pythagoras, Großer, Einziger! So bist du doch gekommen, um uns nie mehr zu verlassen?« scholl es, kaum hörbar, zurück.

Doch in diesem Augenblicke war alle Klarheit über dem Samier. Stolz richtete er sich empor und rief, fest und weithinschallend:

»Jünglinge von Kroton! Epheben, die ihr wie durch ein heiliges Vorzeichen mich grüßt, ehe ich euch so recht nahte: Um euretwillen bin ich gekommen, da die anderen Jünglinge der Hellenen meiner nicht zu bedürfen wähnen. Ich werde bei euch bleiben, Jünglinge, und euch allen das zu sein versuchen, was ihr von mir erhoffet und erwartet. Heil euch, ihr Jünglinge, ihr Krotoniaten!«

Da erhob sich atemraubender Jubel. Doch nur für Herzschläge. Denn Aristokles hatte die Hand erhoben. Und die Jünglinge wußten, was sie dem Weisesten an Ehrerbietung schuldeten.

So drängten sie still heran, baten durch stumme Gesten den Samier, die prächtige Sänfte zu besteigen, und setzten sich in wohlgeordnetem Zuge sogleich in Marsch. Von allen Seiten aber strömten die Bürger Krotons herbei und staunten. Und das Gerücht von der Ankunft des Weisen lief von Mund zu Mund; so daß nach kurzer Zeit der Zug schon zwischen beifalljauchzenden Spalieren dahinbrauste und einem Siegeszuge glich.

Pythagoras aber erlebte diesen unglaublichen Umschwung seines Schicksals, diesen Höhepunkt seines Lebens nur wie im Traume. Denn, wenn er die Augen schloß, sah er die gähnende Leere des Theaters vor sich, das Hemikyklion, in dem ihn die Jugend seiner Vaterstadt grausam verleugnet und verneint hatte. –

*

Als der Philosoph am nächsten Morgen das prächtige Gymnasion Krotons betrat, geleiteten ihn zwei Knaben, die seiner Ankunft vor den Toren geharrt hatten, in die riesige Halle des Baues.

Festlicher Duft von Fichtenreisern schlug ihm entgegen.

Und er erstaunte. Denn emsige Ephebenhände hatten seit dem Morgengrauen den Saal bis hinauf zu den Kapitälen der tragenden Säulen mit Blattgirlanden und Reisig geschmückt und in der Mitte des Raumes aus Lanzen und Diskosscheiben, ebenfalls umflochten mit Kranzwerk, eine Art von Thronsessel gebildet.

In dichtgestautem Halbkreise aber stand, lautlos und freudig, die nach vielen Hunderten zählende Schar der edelsten Knaben und Jünglinge der Stadt, angetan in farbenbunte Festgewandung.

Wie mit einem einzigen Schlage flogen auf das Zeichen eines gymnastischen Pädagogen die zahllosen Arme zur Höhe, als Pythagoras eingetreten war. Und das begrüßende »Chaire!« klang hell und jauchzend durch die Halle.

Pythagoras aber folgte dem Sinne des Grußes, als er den Thronsessel bestieg und gegen die herrliche Phalanx blickte: Er freute sich, freute sich so tief und innig, daß er nur mit einer Geste die Begrüßung erwidern konnte. Und zahllose Gedanken stürmten auf ihn ein: Was für ein Wunder hatte sich in den wenigen Stunden zugetragen? Kaum weniger herzlich, kaum minder ehrenvoll als von den Knaben war er im Hause des Brontinos aufgenommen worden, und Milon, Phayllos, Damon, Demokedes und die anderen, die herbeigeeilt waren, hatten um den Vorrang gestritten, ihn als Gast beherbergen zu dürfen. Dann das frohe, heitere Festgelage, bei dem er zahlreiche andre Häupter der edelsten krotonischen Geschlechter kennen gelernt hatte. Und schließlich die unmittelbare Erlaubnis, hier, im Gymnasion, zu den Knaben sprechen zu dürfen.

War es nur ein Blendnis? Ein Aufflackern unbeständiger Augenblickszuneigung? Oder war es doch etwas Tieferes? Ein Ziel, eine Erfüllung, ein Ausgleich des allmächtigen Schicksals?

So dachte er, als er sich niederließ und in ihm die ersten Sätze seiner Rede, noch ungeformt, nach Ausdruck rangen. Dann aber kam das Göttliche über ihn, die reinen Augen der Knaben rissen ihn fort und er begann mit voller, klingender Stimme:

»Was, o Jünglinge Krotons, wähnt ihr als höchste Pflicht der Epheben? Jener, die einst Männer werden wollen, fähig und würdig, den Göttern und Menschen in gleicher Art gerecht zu werden? Die Pflicht gegen das Alter, die heilige Ehrfurcht vor der Reife ist es, ihr Jünglinge! Denn immer bestand, immer besteht ein Vorrang alles Früheren, Bejahrteren vor dem Späteren, dem Jüngeren! Um uns in der Natur wie im Leben, im Kosmos wie im Staat, bei Göttern und bei Menschen gilt dieses heilige Gesetz. Ist nicht der Morgen herrlicher als der Abend? Der Aufgang der Sonne würdiger als ihr Untergang? Übertrifft nicht Entstehung die Zerstörung? Sind nicht nach den Urgöttern die Götter, dann erst Halbgötter und als Jüngste erst die Menschen entstanden?

Und ihr wißt, Jünglinge, wo diese heilige Ordnung für euch zuvörderst Anwendung finden muß. Euch, ihr krotoniatischen Jünglinge, braucht nicht ein Fremder das zu sagen. Die Eltern sind es, die Urheber eures Lebens, die als Ältere zuerst in euren Gesichtskreis treten. Und sie verdienen diese höchste Ehrfurcht. Denn welchen Dank würde wohl ein Verstorbener dem wissen, der ihn wieder ins Leben zurückbrächte?! Seht, Epheben, eben dieses aber taten eure Eltern. Denn von Geburt zu Geburt, stets zu höherer Stufe des Daseins und der Reinheit, wandert die Seele im Kreislauf der Welten. Und so waren es eure Erzeuger, die zu neuer, lichterer Wiedergeburt eure längstgestorbene Seele erweckten. Das aber ist nicht alles, was wir den Eltern schulden. Haben sie nicht außerdem noch Wohltat über Wohltat auf uns gehäuft? Nein, Epheben, ihr wißt, daß wir gar kein Recht gegen sie haben, nur die große, einzige Pflicht des Dankes. Deshalb auch gestehen ihnen die Götter eine Verehrung zu, die der Götterverehrung gleichkommt. Wüßten wir doch nicht einmal von den Göttern, wenn die Eltern nicht uns gelehrt hätten, wie man die rechte Lehre gewinnen kann. Ja, so groß ist die Würde der Eltern, daß Zeus schon vom göttlichen Homeros den ehrenden Beinamen eines Vaters der Götter und Menschen erhielt und damit als der höchste aller Götter bezeichnet werden sollte. Wie sehr aber auch die Eltern durch die Ehrfurcht ihrer Kinder beglückt werden, geht daraus hervor, daß Zeus und Hera je einen ihrer Sprossen – Zeus die Athene, Hera den Hephaistos – allein erzeugten, um dadurch die kindliche, sonst zwischen Vater und Mutter geteilte Verehrung auf sich allein vereinigt zu empfangen. Und nun, ihr Jünglinge, möge euch noch etwas in eurer Sinnesart bestärken. Ihr wißt, daß die Entscheidung eines Unsterblichen weit mehr Wert besitzt als alle Weisheit der Menschen. Darum bleibt eingedenk, daß der Gründer und Schutzheros eurer Stadt, daß Herakles selbst euch nicht nur in körperlicher Tugend ein Muster war. Hat er doch seine ewig berühmten zwölf Arbeiten aus Gehorsam gegen einen Mann vollführt, der ihn an Alter nur um weniges überragte. Mehr noch: er stiftete, als er eben diese Arbeiten siegreich vollbracht hatte, zu Ehren seines Vaters die herrliche Feier der olympischen Spiele. Der Spiele, in denen ihr wieder zur Freude eurer Eltern und der ganzen Stadt den Kotinoskranz erringen sollt, wie ihn einer von euch vor meinen Augen schon erstritt.

Und damals, eben damals, gaben die Knaben von ganz Hellas ein weithinleuchtendes Beispiel. Nicht dem Alter allein gebührt Liebe und Ehre. Auch gegen die Antagonisten, gegen Feinde selbst müßt ihr euch betragen, daß aus ihnen alsbald Freunde werden. Gegen Freunde aber hegt die Liebe, die euch mit den Geschwistern verbindet; so daß euch alle Menschen gleichsam als die eigene Familie erscheinen und ihr den Älteren die Ehrfurcht wie den Erzeugern, den Gleichaltrigen und Jüngeren die Liebe des Bruders zollt.

Zu all dem aber ist ein reiner Sinn erforderlich. Denn eben das Jünglingsalter muß die ersten, vielleicht die härtesten Proben von rechter Gesinnung ablegen. Ist es doch die Zeit, wo wild und betörend die Begierden hervorbrechen und zu mächtigster Stärke anwachsen. Nun ist zwar Zucht und Keuschheit eine Tugend, die beiden Geschlechtern, allen Altersstufen zukommt. Ich wähne aber und ihr glaubt es mit mir, o Epheben, daß sie den Jünglingen am besten eignet. Denn sie ist die einzige Tugend, die zugleich das Wohl des Körpers und die Förderung des Gemütes umfaßt. Bewahrt sie doch, kraftsteigernd, nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Begeisterung und den wahren Sinn für alle edleren Bestrebungen. Das wird euch noch klarer werden, ihr Jünglinge, wenn ihr das Gegenteil betrachtet. Seht, alle grausigen Schicksale, die sich die vor Troja kämpfenden Griechen und Barbaren zuzogen, waren letzten Endes durch die Zügellosigkeit Einzelner verursacht: Die Griechen litten unter Agamemnon, die anderen durch den Paris. Ihr wißt, daß das delphische Orakel den Frevel des Paris, den zuchtlosen Raub der Helena, mit zehnjährigem Unglück, mit der Belagerung und der Einnahme Trojas bestrafte. Den anderen, noch ruchloseren Frevel aber, den des Aias, des Stammes- und Stadtheros der benachbarten Lokrer, der in brünstigem Wahne im Heiligtume der Athene die Kassandra schändete, hat der pythische Gott gar mit tausendjähriger Sühne belegt. Denn noch heute müssen die Lokrer, wie ihr wißt, zwei Jungfrauen zum Tempeldienste der ilischen Athene entsenden, obwohl seit dem Frevel schon viele Hunderte von Jahren verstrichen sind.

Wie aber wollt ihr Zucht und Sittsamkeit erringen, ihr Epheben? Auf diese Frage antworte ich euch, daß es stets für mich ein Widerspruch bleiben wird, daß man bei allen Dingen die Einsicht als das Wichtigste betrachtet und doch weder Zeit noch Mühe auf ihre Erwerbung verwenden will. Sehr zu Unrecht! Denn die gewiß ersprießliche Körperbildung gleicht den gewöhnlichen Freunden, die bald abtrünnig werden. Die Bildung des Geistes aber harrt wie ein echter Freund bis zum Tode aus. Ja, sie verschafft den Menschen noch nach dem Tode unsterblichen Nachruhm! Seht nur, ihr Jünglinge, die Lehren und Sätze der Rechenkunst und der Geometrie an! Was sind sie andres als die zum Gemeingut gewordenen Erkenntnisse der Männer, die an Begabung alle anderen überragten? Waren diese Entdecker und Erfinder nicht Freunde der Menschen? Ist ihre Lehre nicht ein ewiger Freund? Mittel und Stoff zur Bildung höherer Einsicht ist heute das, was ein Thales, ein Pherekydes ersann und was vor ihrer Gedankenarbeit überhaupt nicht auf Erden war.

Noch etwas aber seht ihr aus diesem Beispiele. Gerade die Geistesbildung ist ihrem Wesen nach vornehmlich mitteilbar. Denn andre Vorzüge, wie Stärke, Schönheit, Gesundheit, Männlichkeit können wohl gar nicht übertragen werden oder nur zum geringsten Teile. Reichtum aber und Herrschergewalt sind zwar mitteilbar, doch nicht ohne eigenen Verlust des Besitzers. Wissen jedoch und Einsicht, ihr Epheben, kann vom anderen empfangen werden, ohne daß der Geber deshalb auch nur im mindesten weniger davon besitzt. Und ebenso ist es mit der Möglichkeit der Aneignung. Die Vorzüge, die ich zuerst nannte, zu gewinnen, steht nicht in der Macht des Wollenden. Bildung aber können alle nach freier Wahl erwerben! Geistesbildung gibt ein rechtmäßiges und anerkanntes Übergewicht in allen öffentlichen Angelegenheiten. Geistesbildung begründet den Vorrang der Menschen vor dem Tiere, der Hellenen vor den Fremden, der Freigeborenen vor den Sklaven, der Denkenden und Philosophen vor der ziellosen Menge. So hoch aber steht die Geistesbildung vor der körperlichen, daß, während in Olympia Kroton allein einst sechs Siegeskränze an einem Tage erstritt, ganz Hellas zu allen Zeiten nur sieben Weise hervorbrachte. Jetzt aber gibt es überhaupt keinen Weisen mehr in Hellas, denn nur einer lebt, der vor allen anderen an heißer, inbrünstiger Liebe zur Weisheit hervorragt und der dieses Wissen, diese Liebe zum Wissen anderen mitteilen will. Allen anderen, in erster Reihe aber den Jünglingen. Und unter diesen wieder zuerst den herrlichen Epheben der Stadt Kroton!«

Heißes Schweigen zitterte durch das Gymnasion, als die letzten Worte des Pythagoras verklangen. Keiner der Knaben wagte sich zu bewegen. Da trat plötzlich, scheu und gläubig, Aristokles vor, der bisher in der letzten Reihe gestanden war, und sagte mit einer Stimme, in der die Weihe des Augenblickes bebte:

»Wir schwören dir, o Pythagoras, wir, denen es vergönnt war, diese Stunde zu erleben, daß wir deine Lehren zeitlebens tief im Gemüte bewahren und, was mehr ist, daß wir nach deinen Worten leben und handeln wollen. Da du aber nur die Pforte der Weisheit, nicht die Weisheit selbst zeigtest, flehen wir dich an, uns bis dort hinanzuleiten, wo der Ausblick nach allen Weiten winkt. Keiner von uns soll dich enttäuschen, sonst möge er verflucht sein wie Paris und Aias, wie Tantalos und Sisyphos!« Und er wandte sich gegen den Halbkreis der Gefährten: »Hat mein Mund gesprochen, was euer aller Herz verlangt? Dann, Gefährten, hebt stumm die Hände und betet ein Dankgebet zu den Göttern! Denn zu hehr ist die Stunde, zu erhaben der Weise, als daß wir Knaben ihm zujauchzen dürften, wie das Volk dem Sieger zujubelt!«

Und er hob mit tränenschimmernden Augen beide Hände. Ein einziger halberstickter Seufzer aber hauchte durch das Gymnasion, als alle Hände zur Höhe flogen. Denn unnennbare Begeisterung, die nur in tollstem Jauchzen Befriedigung gefunden hätte, wollte den Epheben schier die junge Brust zersprengen. Pythagoras aber erhob sich und sagte leise:

»Auch ich schwöre euch Treue, ihr Jünglinge!«

Dann stieg er vom Thronsessel herab, um jedem die Hand zu reichen; damit keiner sich ausgeschlossen, keiner sich bevorzugt fühle, bevor Leistung und Verdienst die Unterscheidung getroffen hatte.

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