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Pythagoras

Egmont Colerus: Pythagoras - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/colerus/pythagor/pythagor.xml
typefiction
authorEgmont Colerus
titlePythagoras
publisherPaul Zsolnay Verlag Wien
printrun11.?15. Tausend
year1951
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090615
projectidc977bf57
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XXI

Eben führte die Hochstraße um die letzten Felsenvorsprünge, die das herrliche Ziel noch verborgen hatten. Im Rücken lag schon die kastalische Quelle, auf deren Grunde sich dem Gläubigen das zerfließende Bild der Nymphe offenbarte, die vor der Nachstellung Apollons sich hier in das mütterliche Element gestürzt hatte.

Großartig düster erhellte die kalte Wintersonne die ragenden Schroffen des phokischen Gebirgstales und weckte frommen Schauder bei der Erinnerung, daß Apollon am Grunde dieses Tales einst den Drachen Python erschlug.

Und Pythagoras trat an die Brüstungsmauern der Straße, dort, wo der Absturz viele hundert Fuß sich niederwärts senkte. Da lag das Wunder vor ihm: Delphi, die heiligste aller Stätten, der Mittelpunkt des Erdkreises!

Sein Blick glitt von der Talsohle, wo der Pleistos gegen den nahen Meerbusen hinabrauschte, aufwärts. Und der im riesigen Halbkreise gekehlte Berghang, der nicht einen Fußbreit ebenen Badens aufwies, und auf dem, Terrasse über Terrasse, sich die Häuser der Stadt stauten, setzte sich weiter oben, wo schon der heilige Bezirk in der Pracht seines parischen Marmors glitzerte, in die unglaubliche Dunkelheit der senkrechten Felsenwände der Phaidriaden und der Hyampeia fort. Über den Felsen aber ahnte das Auge die himmelstürmenden Hochwälder und Gipfelsteilen des Parnassos.

Er war nicht allein auf der Straße. Denn gleich ihm zogen Hellenen aller Stämme an die Stätten des Orakels, da schon in der nächsten Zeit die Nyxteleia, die Weihe-Nacht zu Ehren des großen Dionysos, bevorstand.

Doch er achtete heute nicht der Zahllosen. Zu sehr hatte ihn die Nähe des geheimnisvollen Heiligtums ergriffen und die einzelhafte Stimmung des Priesters, des Geweihten in ihm her auf gerufen; so daß er sinnend an der Brüstungsmauer lehnen blieb und sich am äußeren Bilde der schwebenden, aufwärtsstürmenden heiligen Stadt den inneren Rhythmos des Heiligtums vergegenwärtigen wollte.

Eine Festgesandtschaft zog mit großem Prunke an ihm vorbei. Eine Schar von Priestern ferngelegener Städte folgte. Dann kam in einer Sänfte, bleich und sterbensmatt, ein kranker Reicher, der hier letzte Heilungsmöglichkeit suchte. Ein junger Athlet schleppte einen ehernen Dreifuß auf den Schultern, den er bei einem Kampfspiele gewonnen hatte und den er jetzt der pythischen Gottheit weihen wollte. Dann Weiber, herrliche, schlanke Jungfrauen, in deren unstetem Blick die Erwartung dionysischer Weihen zitterte. Ein stilles, ernstes, fast düsteres Ziehen, weltenfern anders als der jubelnde Zusammenstrom hellenischer Spielfreude und hellenischen Kraftschäumens im Tale des Alpheios.

Denn jeder, der diese Straße zog, wußte, daß hier der Gott selbst Schiedsrichter sein würde über Gut und Böse, Vergangenheit und Zukunft. Und jeder zitterte, ob es ihm verliehen sein würde, einen Spruch zu empfangen oder den schon erhaltenen Wahrspruch zu erfassen und zu deuten.

Und Pythagoras selbst, geläutert durch unzählige Mysterien, erfahren in den Tiefen und Höhen so vieler Glaubenskreise, war hier auch nicht frei von einem leisen Beben. Denn er wußte, daß an dieser Stätte das Schicksal zur Erde stieg und seine furchtbaren, unabänderlichen Lose verteilte.

Als aber der frühe Winterabend sein fahles Grau über den weiten Talkessel legte, riß er sich aus Schau und Betrachtung los, die der Genuß kastalischen Quelltrunkes über jeden Menschen bringt, und betrat gefaßt und entschlossen die heiligsten Bezirke aller Weiten und Städte. –

*

Sein Ruf und seine Stellung als Priester hatten ihm in die innersten Zonen der oberen Stadt Zutritt verschafft und ein Nachtlager harrte seiner in den Wohnungen der niederen Priester.

Als er aber am nächsten Morgen auf die glatten Terrassen heraustrat, umfing ihn sogleich ein großartiges Gewoge von Pracht und Lebendigkeit. Hunderte und Aberhunderte von Tempelsklaven waren beschäftigt, die Tempel, die Schatzhäuser, das Buleuterion und die zahllosen Standbilder und Dreifüße zu schmücken, die in dichtem Gewirre Delphi krönten. Dazwischen aber wimmelten bereits die Ankömmlinge, um staunend vor den Bauwerken und Erzgüssen zu stehen oder mitgebrachte Weihegeschenke selbst aufzurichten.

Rastlose Arbeit, Hammerschläge und das knirschende Schaben des Polierens drang vom Tempel des Apollon herüber, der, obwohl noch nicht bis zum letzten vollendet, gleichwohl schon im Gebrauche stand und an Erhabenheit des Stils und der Ausführung, an verschwenderischer Pracht und Kostbarkeit wohl alles andre in den Schatten stellte. Und Pythagoras entsann sich, wie vor vielen Jahren das furchtbare Gerücht vom Brande des delphischen Tempels nach Kemi gedrungen war und wie alles, was hellenischen Namen trug, damals zum Neubau beigesteuert hatte. Ja, selbst Amasis hatte großmütig einen Teil des Ertrages seiner Natron-Seen für das heilige Werk zur Verfügung gestellt und sich hiemit ewigen Dank der Hellenen erworben. Am meisten aber hatten wohl jene Alkmaioniden getan, jenes edle athenische Geschlecht, das von den Peisistratiden schmählich aus seiner Vaterstadt verjagt worden war. Der Freigebigkeit und dem fast selbstvernichtenden Opfermut dieses Geschlechtes verdankten es die Hellenen, wenn noch heute, nachdem die gesammelten Gelder längst aufgezehrt waren, Jahr um Jahr neue schimmernde Skulpturen entstanden und die Pracht der Giebel und Metopenfelder zunehmende Bereicherung erfuhr.

Pythagoras trat mit vielen anderen in die äußeren Vorhallen des Heiligtums, an dessen Wänden in goldenen Buchstaben die Sprüche der Weisen prangten. Und das »Erkenne dich selbst!« und das »Nichts zuviel!« und alle die andern gnomischen Weisheiten ergriffen ihn mit der unmittelbaren Wucht und Durchschlagskraft beseelten gesprochenen Wortes. Und er kam an die denkwürdige Stätte, wo das riesige hölzerne Epsilon, das Zeichen der Fünfzahl, hing; das Weihegeschenk der fünf großen Weisen, die der Zufall einst an dieser Stelle zusammengeführt hatte.

Als er aber noch, in Gedanken versunken und unschlüssig, vor all diesen ehrwürdigen, glaubensdurchtränkten Sinnbildern auf- und niederwandelte und eben das Heiligtum verlassen wollte, entstand unter den Umstehenden eine große Bewegung. Denn, umgeben von glänzendem Gefolge, durchschritt entrückten Blickes eine hoheitsvolle, herrliche Frau den Tempel, deren leuchtendes blondes Haar von purpurnen Stirnbinden umfaßt war und sich hinten zum tiefen hellenischen Knoten schürzte. Die schmale Nase aber, die in marmorner Geradheit die Stirne fortsetzte, der üppige, blühende Mund und das sanftgerundete Kinn gaben ihrem Wesen im Vereine mit dem strengen Faltenwurf des dichten langen Festgewandes den Ausdruck eines göttlichen Bildwerkes.

Ohne das Gewimmel der Zahllosen, die vor der heiligen Pythia scheu zur Seite traten, auch nur mit dem Schimmer eines Blickes zu streifen, war sie schon fast bis zu den ehernen Flügeltüren gelangt, die die inneren Räume des Heiligtums vor den Ungeweihten verbargen:

Als plötzlich, sichtbar und merklich, ihr Schritt zu stocken anhub und die Starre des Antlitzes zunehmender Belebung Platz machte. Und der volle Strahl ihrer jenseitig tiefen, dunkelblauen Augen Pythagoras traf.

Sie blieb stehen und sagte mit einer Stimme, die wie aus fernstem Traume zu kommen schien:

»Ich sah dich nie, Fremdling! Doch weiß ich, daß du Pythagoras bist, der Sohn des Mnesarchos aus Samos. Dein Bild erkenne ich wieder, das der große Apollon einst, aus den Schleiern des Schlundes gebildet, vor mir aufsteigen ließ, als ein Mann mich fragte, auf wessen Schultern die Zukunft des hellenischen Geistes ruhen würde. Komm dann später zu mir und zu den heiligen fünf Priestern Delphis. Wir wollen mit dir sprechen, Pythagoras aus Samos!«

Und die Pythia kehrte sich ab, das Leben ihres Ausdruckes zerrann wie das Bild der kastalischen Nymphe am Grunde der Quelle; und die ehernen Torflügel sprangen vor ihr auf und ließen sie ins Adyton.

Alle aber betrachteten scheu und ehrfürchtig, neugierig und forschend den Samier, dem solch ungewöhnliches Schicksal widerfahren war.

Pythagoras jedoch, dessen Seele in unerklärlichem Zwiespalt plötzlich wie entzweigerissen um einen schwachen Schimmer göttlicher Harmonie rang, der es zudem nicht fassen konnte, welche Macht der Pythia das Erkennen verliehen habe, wo er unter den Zahllosen nicht einmal in erster Reihe gestanden war, ging still und gesenkten Blickes, fast beschämt, durch die flüsternde Menge.

Und er suchte den Schutz seines Gelasses, um seine Gefühle und Gedanken zu ordnen, ehe er vor die Priester treten würde. Denn er hatte kaum gehofft, bei diesen höchsten aller hellenischen Götterverkünder Zutritt zu finden und hatte sich bisher damit zufrieden gegeben, bei der niederen Priesterschaft, die ihm bereitwillig Gastrecht gewährt hatte, über die Einrichtungen des delphischen Weihedienstes unterrichtet zu werden.

Diese Gottesdiener aber waren kaum weniger erstaunt als Pythagoras und das Volk, als er ihnen erzählte, welches Vorzeichen sich im Heiligtume Apollons zugetragen habe.

Das Haupt in die Hand gestützt, wie schlafend, saß die Pythia auf dunklem ehernen Thronsessel, als Pythagoras in das Allerheiligste des Apollontempels trat. Vor ihr, in der Mitte des mit grauen Platten ausgetäfelten Gelasses, wuchtete über mannshoch der ehrwürdige Omphalos, der glitzernd weiße Marmorkegel, der Nabel und Mittelpunkt des Erdkreises ist und den nur die fünf Heiligen Delphis und die Pythia berühren dürfen. Den Hintergrund des Adytons, dort, wo aus der unergründlichen Felsenspalte der wunderschwangere Nebel heraufquillt, verschloß ein schwerer, bis an die Decke reichender Vorhang.

Langsam, wie aus abgrundtiefen Träumen zur Gegenwart erwachend, hob die herrliche Priesterin das Antlitz. Als sie aber den Samier wahrgenommen hatte, der noch scheu nahe den Türflügeln stand, glitt ein leises rätselhaftes Lächeln über ihre Miene und ihr Ausdruck gewann die Weiche unentrückter Weiblichkeit.

»Komm näher, Pythagoras!« sagte sie mit volltönender tiefer Stimme. »Berühre ohne Scheu den Omphalos des Erdkreises. Genug Reinigungen hast du erfahren auf deiner Wanderschaft. Überall sind die wahren Götter, wo ein wahres Herz sie sucht!«

Pythagoras aber, den die Stimmung des Allerheiligsten aller Hellenen jetzt selbst mit einer Art göttlichen Wahns umschleiert hatte, setzte Schritt vor Schritt ohne klarstes Bewußtsein seines Handelns; und kniete, die Arme breitend, vor dem Marmorkegel nieder und küßte ihn. Dann sprach er leise, wie zum eigenen Gemüte:

»Lange, allzulange habe ich die labyrinthischen Irrpfade des Weltkreises umwandert, bis das Schicksal mich endlich zum Mittelpunkt führte. Bin ich jetzt beim Wesenskerne des Lebens angelangt? Oder muß ich wieder hinaus auf andre Irrpfade, wissend nur, daß ein Mittelpunkt vorhanden sei? Was soll ich beginnen, da noch zwiegespalten aller Hellenen Seele die Wahrheit nicht sehen wird, auch wenn einer imstande wäre, sie ihr zu bringen?«

Die Pythia aber lächelte wieder. Diesmal rein und gütig und ohne den Schimmer des Rätsels. Und erwiderte:

»Zweifach, o Pythagoras, sind die Wege der Wirkung! Darum laß dich von dem Stückwerk der Erfahrung nicht täuschen, das dich bisher zu Zweifeln verleitete. Siehe: Ein Pfad des Wirkens entspringt aus der dumpfen Masse. Rede den Vielen nach Trieb und Gefallen und eine mächtig gestaute Woge der Zustimmung wird dich emporheben und dich unaufhaltsam und überwältigend über alle Klippen, alle Eilande stürmen lassen; bis du endlich samt deiner Woge an den himmelragenden Uferschroffen des Ewigen zerspellst und in Nichts zerrieselst. Vielleicht wirst du selbst dieses Ende nicht erleben! Vielleicht wirst du in deiner ganzen Zeit wähnen, auf Gipfeln zu weilen, da deine willige Masse auch die Besten brausend übertönt. Aber dein Werk wird sie erleben, die unerbittliche schwarze Wand der Ewigkeit!

Der zweite Weg der Wirkung aber ist ein andrer, ein mühevollerer. Nur den kargen Beifall der Weisesten wirst du zuerst erleben, den Beifall derer, die über den schmalen Streifen ihrer Lebenszeit hinausblicken können und wissen, was morgen Schicksal sein wird. Und erst die Übereinstimmung dieser Wenigen, die gehäufte Macht ihrer vorausschauenden Weisheit wird von oben herab langsam die Vielen zwingen, voll die Wahrheit zu erfassen. Nicht wird es dabei am Gelächter der Kleingläubigen und Alleswisser, nicht an gehässiger Feindschaft derer fehlen, die sich zwar im Innersten nach dem großen Ziele sehnen, die Kraft aber der Entsagung und des Kampfes nicht aufbringen und stets wieder in den ersten Pfad der Wirkung zurückgleiten; weil sie ungeduldig und schwach sind, Pythagoras! Damit aber mußt du dich befreunden, Samier, wenn du dein Schicksal erfüllen willst, daß dein ganzes Leben, und wenn es auch länger währte als das aller anderen Sterblichen, ein Auf und Ab, eine Wechselfolge von Höhen und Tiefen, Erfüllung und Enttäuschung sein wird. Und daß nur ein winziger Teil deiner Mitbürger mit dir gehen wird. Denn bei deiner Weisheit handelt es sich nicht um Dinge, die jedes Menschen Begierde und Ziel sind.

Die Wahrheit aber und der Erfolg der Weisheit liegt nicht im gleichzeitigen Beifall der Menge. Wahrheit und Erfolg liegen im Ziele selbst und in der Erkenntnis von der Würde des Zieles. Das aber können dir nur wenige Männer jeder Zeit sagen, ob du diesen Siegespreis erstrittest. Und es muß dir genug sein, wenn sie es dir sagen. Unaufhaltsam wird das Übrige die Zeit und das heilige Gesetz der Ewigkeit und das große Schicksal vollbringen!«

Als die letzten Worte verklungen waren, lag lange Zeit tiefes Schweigen über den dunkelroten Fliesen des Adytons. Endlich erhob sich Pythagoras und trat der Pythia näher, die ihn gütig anblickte. Und er erwiderte:

»Schwer ist es für mich, zu entscheiden, ob ich geziemender zu dir sage, daß der Gott, der einzige größte Gott deine Worte lenkte, oder ob ich deine Rede, gleichsam als wäre sie dein Eigenstes, dankbar bewundre. Doch glaube ich, daß ich mit beidem das gleiche ausdrücke. Ist es doch weder mir noch dir zweifelhaft, daß letzte Weisheit in uns nur der Eingebung und dem Willen des Göttlichen entspringen kann. Darum mahntest du die Schwäche und Ungeduld, die meinen menschlichen Trieben entsprang, zu gelegener Zeit; obwohl auch diese Fehler ja wieder nur meiner Angst entstammten, die anderen könnten die Stimme der Wahrheit ungehört verhallen lassen. Aber auch darin hast du recht: Frevlerisch wäre es, den ersten Pfad der Wirkung zu schreiten und die Mitbürger wie eine tollgewordene Herde dorthin zu locken, wo ein schmähliches Ende droht. Anstatt die Hirten zu überreden und gemeinsam mit ihnen zu versuchen, die Widerspenstigen, die zähe an ihren fetten Weideplatz sich klammern, langsam in die reinere, würzigere Luft der Bergwiesen hinanzuleiten. Aber es ist nicht leicht, Pythia, nicht leicht für den Hirten, der für die Herde zittert und dabei zusehen muß, wie ganze Rudel sich verlaufen und dem Zahne des Wolfes und dem zerschmetternden Sturz in den Abgrund verfallen!«

Da leuchtete ein sonderbar klarer Strahl aus den Augen Themistokleias. Und sie erwiderte eindringlich und hastig:

»Leicht, Pythagoras? Wer sprach davon? Ich will dir jetzt in einer Weise antworten, die vielleicht der Pythia nicht erlaubt ist. Ich weiß es nicht, ob ich sündige. Aber ich kann dir anders das nicht mitteilen, was ich dir sagen muß. Unbekannt ist es dir vielleicht, daß mich das Schicksal, ein hohes, glänzendes Geschick, vor nicht allzulanger Zeit auf den Posten berief, zu dem sonst ein weit reiferes Alter nur tauglich macht. Noch nicht dreißig Jahre durchlebte ich, während sonst das Gesetz der Pythia fünfzig Jahre vorschreibt. Genug! Man befragte den Gott und er gestattete in dunklen Sprüchen dem jüngeren Weibe, ihm zu dienen. Weißt du jedoch, Pythagoras, – und das wollte ich dir sagen – weißt du, was es heißt, stündlich das Schicksal des Erdkreises, der hellenischen Welt zumindestens, in sich zu tragen? Weißt du von der Angst, in der ich bebe, wenn unter dem Hauche der Gottheit mir die Klarheit des Denkens schwindet und die entscheidenden Worte fallen? Wie da die törichte Menschenweisheit meiner Seele sich an das Licht festklammern und überlegend die göttliche Stimme meistern und bewachen will? Weißt du das, Pythagoras? Wähnst du, das Herz der Pythia sei frei von Eitelkeit, Versuchung und Zweifelsucht? Nein, Pythagoras! Leicht ist es wahrhaft nicht, dem Göttlichen zu dienen! Es soll aber nicht leicht sein. Denn was wäre das für ein Göttliches, das einem Menschen leicht fiele?«

Während der letzten Worte schon hatte eine ansteigende Erregung Pythia überkommen. Ihr Antlitz begann leise zu beben und der Strahl ihres Auges umflorte sich in göttlicher Entrückung. Noch einmal aber riß ihr Wille sie in die Klarheit des Tages zurück. Doch flüsterte ihre Stimme nur mehr klanglos: »Pythagoras, die Götter riefen dich, ihnen reinere, endgültigere Verehrung zu erringen. Du weißt, daß hier in Delphi nicht nur Apollon thront, sondern auch der dunkle, der unterweltliche Dionysos gefeiert wird. Morgen wird in den nördlichen Bergen die Nyx teleia, die weihevolle Nacht, begangen werden. Du sollst sie sehen, die rasenden Thyiaden, sollst sehen, was sonst ein Mann nicht blicken darf. Aber hüte dich, Pythagoras! Selbst Orpheus wurde von den Bakchantinnen zerrissen, weil er reinere Lehre, reineren Brauch nach Hellas bringen wollte. Mehr darf ich dir nicht sagen. Denn Apollon hat mir nur gestattet, dir zu zeigen, wie es die Thyiaden treiben. Damit du sähest, wägest und handeltest. Das waren seine Worte. Leb wohl, Pythagoras! Eine stumme Sklavin wird dich morgen dorthin leiten, wo dein Schicksal will, daß du stehest!«

Und sie sank zurück.

Pythagoras aber entfernte sich leise. Schon wollte er aus dem Tempel, der jetzt völlig leer lag, heraustreten, als ihn ein Sklave plötzlich am Gewande faßte und ihn zu den fünf Heiligen von Delphi führte. Gütig und weise unterredeten sich diese Priester mit dem Samier. Als er ihnen jedoch künden wollte, was die Pythia ihm aufgetragen hatte, geboten sie ihm Stillschweigen. Denn der Gott habe befohlen, daß Pythagoras allein mit seiner Weihepriesterin Zwiesprache halte.

Pythagoras aber gehorchte willig. Denn zu hehr und hoch schien ihm sein Gespräch mit Themistokleia, als daß er es gerne preisgegeben hätte. War doch nur sein wahrhafter Sinn die Veranlassung gewesen, den Priestern gegenüber davon überhaupt Erwähnung zu tun.

So eilte er beglückt und voll von göttlicher Ahnung nach Hause und wiederholte in seinem Innern jedes Wort und jede Geste, jeden Blick und jeden Klang der hehren Pythia. Und plötzlich sank die Erscheinung der Priesterin zurück und vor ihm stand, größer noch und göttlicher, Themistokleia, das unausdenkbar herrliche Weib! Und ein aufgepeitschtes Wirrsal furchtbarer Gedanken und Entschlüsse, ein Anprallen an unübersteigliche Wände, ein Gottsuchen und Gottverfluchen, ein zärtliches, duftdurchwebtes Gaukelspiel und das Erwachen in unerbittliche Wirklichkeit raste die ganze Nacht durch sein Gemüt. Und vermengte sich mit Erinnerungen an Bertreri, an Babel, an die Höhen Indiens. Bis ihn endlich schwerer Schlaf umfing und der wilde Kampf seiner Seele sich in das Labyrinth der Träume fortsetzte.

Den Tag aber verbrachte er in stumpfer, ahnungsumflorter Erregung und zählte die Herzschläge, bis am späten Nachmittage die stumme Sklavin kam und ihn auf verborgenen Wegen aus dem Tempelgebiete hinausführte. –

*

Die tiefe Einsamkeit des winterlichen Hochwaldes und eine Stille, für die es keinen Ausdruck gibt, umfingen Pythagoras, als er sich fröstelnd in den dichten Wollmantel hüllte und auf den flachen Felsblock niederließ, dessen Fuß im Schnee stak. Ab und zu nur seufzten schwere Äste unter der weißen Last und helles Geriesel von Eisnadeln folgte dem düsteren Knarren.

Wie im Traume sah er vor sich hin. Er saß im ragenden Gehölze nahe am Rande des Waldes und eine Wand von Gebüschen, von Menschenhand scheinbar verflochten, schloß ihn gegen die weiten Lichtungen ab, die sich vom Waldessaume sacht abwärts neigten, um dann im Unbestimmten sich zu verlieren und sich in die tiefe Schwärze eines Tales zu versenken. Darüber hinaus aber, dort, wo aus dem zerrissenen unbewegten Gewölke der Mondstrahl flimmerte, standen in grellem Schneelichte, schwarz gesprenkelt von den Fichtenforsten, die gegenüberliegenden Wipfelketten des Parnassos.

Und er begann nachzusinnen und zu grübeln, warum eben sein Schicksal so bunt, so wechselvoll ihn stets an Orte lockte, wo das Erhabene so nahe beim Grauenhaften lag, als ein furchtbarer, dröhnender Ton die Stille jählings zerriß. Wie ein zerschmetternder Schlag hatte der Klang zuerst geschwungen und sich von Bergwand zu Bergwand in vielfachem Echo gebrochen, als schon aufs neue wieder, noch mächtiger, noch grausiger, das wilde Getöse anhub. Und er erkannte den Klang der ehernen Becken, der sich jetzt zu einer rasenden Folge wirbelnder Tonstöße verdichtete. Und näher und näher heranschwoll.

Plötzlich aber verstummte auch das letzte Wehen des Echos und wieder lag die unglaubliche Stille über dem Parnassos. Da hub, von einer anderen Seite daherwehend, ein neuer Klang an, der, zauberhaft in seiner Süße, die hellen Tränen in die Augen trieb. Denn hoch und ziehend, fast schluchzend, zitterten tausend Saiteninstrumente, die sich mit dem klaren Chor unzähliger Frauenstimmen mischten. Doch nur ganz kurze Zeit. Denn unvermittelt riß die Wonne des Gleichklangs ab, und ein dumpfes Gebrüll, gleichend dem brünstigen Schreie der Stiere, durchschütterte die Weiten. Und in das hallende Echo mengte sich schon das geheimnisvolle Raunen tiefer Pfeifen und Flöten. Und wieder ertönte das Stiergebrüll und plötzlich kam es näher und näher und es raschelte und knackte, verstummte und erhob sich dann mit Urgewalt. Und Gebrüll und Pauken, Flöten und Gesang, Saitenstreichen und Jauchzen floß zu einem wilden Rhythmos zusammen.

Da leuchteten, den bleichen Glanz des Mondes überstrahlend, am Abhänge Hunderte von Lichtern auf, die hin- und widerwogten, sich ballten und zerstreuten. Und ihr Wogen schwang im Takte des brausenden Zusammenklanges.

Pythagoras neigte sich vor und rückte sein Antlitz fiebernd gegen das Unbestimmte, das da in gesteigertstem Lebensüberschwange herantoste. Und sein Atem stockte, als die ersten Fackeln, wenige Stadien entfernt, in deutliche Sicht rückten und schlanke Mädchenleiber, umgürtet mit dem Felle des Hirschkalbes, den Efeu-Thyrsos schwingend, durch den stäubenden Schnee rasten. Und er sah erschauernd die fliegenden, aufgelösten Haare, bekränzt mit Efeu, sah die rotüberglühten Gesichter und die flackernden Augen. Und die Arme wogten in schwingendem Schweben und die herrlichen Beine schleuderten achtlos die hindernden Felle zur Seite und gleißten weißer als der Schnee.

Und näher kam das Branden und unzählbar wurde der sausende Zug der Thyiaden. Und der Lärm wuchs ins Ungemessene. Stets aber erstarrte dem Lauscher das Blut, wenn die Leiber sich mit zurückgeworfenem Kopfe emporschnellten, daß die Funken von den Fackeln stoben; und das grausige Stiergebrüll erscholl.

Jetzt kam ein neues Schrecknis: Lange Zweige schleifte ein Rudel der Wahnumflorten hinter sich her, deren knisterndes Schlurfen in den wenigen stillen Augenblicken doppelt stark das stürmende Vorwärtsjagen des orgiastischen Zuges kennzeichnete; auf den Zweigen aber lagen, blutend und düster, die riesigen Flanken und Schenkelstücke des frisch gefällten Opferstieres. Und eine schwarze, unterbrochene Spur blieb im Schimmern des Schnees haften.

Plötzlich, kaum drei Stadien von Pythagoras entfernt, staute sich die Spitze des Zuges und schlug die Hemmung des Vorwärtsrasens weiter und weiter zurück, daß bald die ganze Lichtung vor dem Lauscher von einem wimmelnden Gewoge fellumgürteter Frauenleiber erfüllt war; über die das unsichere Licht der zahllosen Fackeln rötlich auf- und niedertanzte und vertuschend einzelne Gruppen in greller Deutlichkeit aus dein Dämmerscheine herausgriff.

Der Lärm war verstummt, der leise, schwingende Gesang einer jungen Mädchenstimme zitterte bangend empor und erzählte geheimnisvoll die Geschichte des Lykitnes, des Dionysoskindes, wie es spielend durch die Fluren tanzte und sich am Jubel des Lebens ergötzte.

Und zarte, süße Tänze belebten die Glieder der zahllosen Mädchen, als sie des Kindes unschuldsvolles Spiel mimten.

Da erklang plötzlich, nur weitaus stärker als je, das furchtbare Gebrüll des Stieres und die Münder der Thyiaden standen weit offen in verzerrten Antlitzen, während gräßliche Wirbel über die Tympana der Pauken rasten.

Pythagoras fuhr in sinnlosem Schrecken herum. Denn eine feste Hand hatte seine Schulter berührt. Mancher Herzschlag verrauschte in seiner Brust und seinen Schläfen, bis die Klarheit seines Ich-abgekehrten Denkens und Schauens wiederkam. Doch aufs neue durchzuckte es ihn. Denn Themistokleia stand da groß und herrlich vor ihm, kurz gegürtet im übergeworfenen Hirschfell, den Efeu um die Stirne, und die Wogen ihrer dichten Haare wehten um ihre Schultern.

Ihre Stimme aber war heiß und fiebernd, als sie flüsterte:

»Hüte dich, Pythagoras! Die gräßliche Angst trieb mich hieher, du könntest tollkühn die Lichtung betreten und den Rasenden in die Hände fallen. Sieh, wie sie es treiben!«

Ihre weiteren Worte aber verschlang ein Schrei, ein so grauenvoller, mißtönender, kreischender Schrei, daß die Höhen des Parnassos zu wanken schienen. Und während zahllose Fackeln im Schnee verzischten, prallten die Leiber der Thyiaden gegeneinander, und sie stürzten sich sinnlos und ohne Hemmung auf die Flanken des Opferstieres und rissen sie mit bloßen Händen in Stücke. Und während im tollen Handgemenge vielen die Felle von den Schultern gezerrt wurden, nahm das entsetzliche Schreien kein Ende, sondern verstärkte sich noch zu stets wilderen, stets tierischeren, stets wahnsinnigeren Lauten. Und die Thyiaden befleckten sich mit dem Blute, stießen einander und gruben gierig die Zähne in die blutenden Lappen, die ihre Hände erobert hatten.

Und zuckende Krämpfe befielen die Mainaden. Nackt wälzten sich schon einige im Schnee, während andre wieder einander in rasenden Umarmungen umkrallten. Und gurgelndes Stöhnen durchtoste die Luft und schien sich nicht mehr zu lösen.

Pythagoras aber, dessen erschütterte Sinne das entfesselte Toben unterster, dunkelster Fleischeswonne stromgleich überkam; den zudem noch das grausige Gefühl aufwühlte, in düsterster Einsamkeit unter den Hunderten von Weibern als einziger Mann zu atmen, verlor die Herrschaft des Willens. Wie hilfeflehend riß er sich von dem wirren Anblicke los und suchte das Antlitz der Themistokleia. Diese aber stand starren Blickes und zurückgeneigten Hauptes im Glitzern eines verirrten Mondstrahles und das Hirschfell war sosehr von ihr herabgeglitten, daß fast die ganze aphrodisische Herrlichkeit ihrer schimmernden Glieder sichtbar wurde.

Noch einen Herzschlag, den letzten Herzschlag, zwang der Samier den Sturm seines entfesselten Leibes zurück. Dann aber zerbrach sein Wille und mit wilder Kraft riß er die Pythia an sich; eben als eine neue Woge dionysischer Lust von der Lichtung herüberbrauste. Der leise Schrei der Priesterin verwehte im orgiastischen Lärm. Doch auch ihr kurzer Widerstand machte plötzlich willigem Dulden Raum, und Pythagoras fühlte versinkend und erschauernd, wie ihre zuckenden Lippen sich wild an die seinen preßten und ihre Arme ihn an das Wogen ihrer Pulse zogen. –

Ein leises Flüstern erweckte ihn.

»Fliehe hinein in den Wald! Fliehe! Sie zerstreuen sich und suchen wehklagend den Dionysos, den die Titanen zerrissen und verschlangen. Leb wohl, Geliebter! Nur der Gott kann sühnen, was wir frevelten! Leb wohl!«

Und bevor noch Pythagoras den Sinn ihrer Worte voll erfaßt hatte, war die Pythia verschwunden. Und er wußte nicht, ob ihm der thyiadische Lärm nicht ein Traumgesicht vorgegaukelt hatte.

Da fielen Efeublätter vor ihm in den Schnee und er hob sie auf und küßte sie. Dann floh er in das Dickicht des Waldes. –

Aufgewühlt und gepeinigt hörte er nur mehr wie aus jenseitigen Weiten, daß die Thyiaden durch die Klüfte streiften und wehklagend den ermordeten Dionysos suchten. Und daß dann plötzlich der brausende Hymnos der Auffindung und der Wiedererweckung des Toten die Wälder des Parnassos durchklang und das wilde Rasen sich zu göttlicher Harmonie auflöste.

Wie durch Schleier sah er noch ab und zu die Züge der herrlichen Mädchen, die, zu chaotischer Anmut und Würde zurückverwandelt, in schwebenden Tanzschritten die Hänge hinabliefen, um morgen keusch und entsühnt am pythischen Altare zu opfern.

Und er harrte aus, bis der kalte Morgen anbrach und seine Glieder vom Froste bebten. Dann irrte er über die versteckten Felsenpfade hinab nach Delphi.

*

Nach kurzem, qualvoll dumpfem Schlafe schreckte Pythagoras am frühen Vormittage empor. Sogleich umklammerte, bevor noch klare Gedanken Rechenschaft ablegten, mahnende, hoffnungslose Traurigkeit seine Brust. Als sich aber dann erst die Spiegelungen des Bewußtseins hinzugesellten, schlug er verzweifelt die Hände vors Antlitz und rang nach Erlösung. Was war geschehen? Wie hatte ein einziger Augenblick das herrliche Ziel zerschlagen können? Warum hatte ihn bisher das Schicksal behütet, um ihn dann in die grausigsten Tiefen des Gottesfrevels zu schleudern?

Pythagoras, der Gottesfrevler! Wie ein Schrei zerspellte dieses Wort sein Gemüt und nahm sosehr von ihm Besitz, daß andre, versöhnende Mächte, die glückumweht aus anderen Zonen seiner Seele emporstiegen, zu klagenden Schatten zerflossen.

Und eine namenlose Angst schüttelte ihn. Was sollte er tun? Der Plan einer wilden Flucht tauchte empor. Einer Flucht durch die düsteren Abgründe des Erdkreises, ein Versuch, in Kemi, bei den Indern Reinigung und Entsühnung zu erlangen. Doch war dieser Plan schon verworfen, ehe er noch voll geboren war. Denn wer konnte dem Gotte entfliehen? Ja, zu finden war das Göttliche schwer gewesen. Dem Gefundenen aber zu entrinnen war zehntausendmal schwerer. Durfte er überhaupt entfliehen? War es nicht letzte Pflicht des Frevlers, die Strafe auf sich zu nehmen und den Rest des zerstörten Lebens für den Versuch einzusetzen, aufs neue dem schon erreicht geglaubten Ziele um Handbreiten wenigstens nahezurücken?

Der Gott selbst mußte entscheiden! Er, der erhabene Apollon, der vorher schon gewußt hatte, was sich auf den düsteren Stätten des urweltlichen Lykoreia an Frevel ereignen würde.

Und plötzlich schoß alle Erinnerung an die grausigen Mysterien des Lykitnes, des kindlichen Dionysos, in seine Gedankenflucht und wie im Traume sah er die Efeublätter in den Schnee fallen. Da schluchzte er wild auf. Denn zugleich durchströmte ihn, titanisch ringend, die Liebe zum Göttlichen und Menschlichsten. Und eine Anklage, aus dem Unbewußten heraufquellend, bäumte sich empor und fragte, warum nicht Harmonie dieser Urmächte möglich sei und die eine Bestimmung des Dranges die andre ausschließe.

Er erkannte, daß menschliche Weisheit den Zwiespalt nicht lösen konnte. »Nur der Gott kann sühnen, was wir frevelten!« flüsterte in seiner Erinnerung die heiße Stimme der Themistokleia. Und er sank stumpf und hilflos in grübelnde Betrachtungen. Und neue Furcht zerquälte ihn, da ja dieselbe Themistokleia den Ratschluß Gottes verkünden würde. Konnte sie Richterin sein in eigener Sache? Würde nicht der Wunsch die Reinheit des Urteils zu ungerechter Milde trüben?

Doch da fielen ihm dunkle Sagen ein und glätteten die Wogen der Zweifel. Was vermochte der Wunsch einer Pythia gegen den Gott? Hatte nicht schon mehrmals Apollon seine unreinen Dienerinnen gezwungen, laut und vor allem Volke sich selbst anzuklagen und die Schande zu bekennen?

Da packte ihn der letzte, der tiefste Schmerz. Er, er allein war schuldig. Und er mußte selbst den Gott fragend anrufen, um die Schuld voll und ganz auf sich nehmen zu können. Er, der das tiefe Vertrauen, die edle Hilfsbereitschaft der hehrsten Priesterin des Erdkreises getäuscht hatte.

Und gestrafft durch das heilige Feuer dieses Entschlusses, verließ er das Haus und eilte zum Tempel des pythischen Gottes.

Zahlreiches Volk war heute in den inneren Bezirken der Priesterstadt. Und die Thyiaden des Parnassos beteten mit glatten, entsühnten Antlitzen am Grabe des Dionysos, und der Opferdampf stieg empor.

»Komm, o Dionysos, zu dem heiligen Tempel, komm zum Tempel, einher mit dem Stierfuße stürmend!« murmelte das Gebet der thyiadischen Frauen und Jungfrauen.

Pythagoras aber eilte durch das festliche Gedränge und stockte erst, als er an den ehernen Flügeln der Türe stand, die ins Adyton des Tempels führte. Jetzt erst merkte er, daß sich zahlreiche Blicke aus der betenden und opfernden Menge fragend auf ihn richteten und einen Herzschlag lang zuckte der Gedanke in ihm empor, es könnte bereits seine Verfemung ausgerufen sein.

Doch es ereignete sich nichts, was für solche Befürchtungen sprach. Still und feierlich öffneten sich in kurzen Zwischenräumen die Tore, um die gläubigen Züge der orakelfragenden Männer einzulassen; und nach der Verkündigung wieder den in heiligem Schauer Glühenden den Rückweg freizugeben.

Plötzlich trat eilend ein niederer Priester aus einer Seitentüre in den Mittelraum der Cella und machte mit der Hand ein Zeichen, das alle die vielen zu tiefstem Schweigen zwang. Dann sagte er halblaut:

»Zum dritten Male hat die Pythia den Pythagoras aus Samos gerufen. Ist er hier im Tempel? Der Gott will ihm durch ihren Mund seinen Spruch verleihen!« Und er kehrte sich ab.

Pythagoras aber, dem die nahende Entscheidung, der Ruf des Gottes, fast die Glieder lähmte, richtete sich mühsam auf und antwortete leise:

»Hier bin ich! Ich gehorche.«

Dann schritt er still zum Altare, um die vorgeschriebenen Gebete zu verrichten, bevor er dem Heiligsten nahte.

Nach beiden Seiten gerafft gab heute der düstere Vorhang den innersten Teil des Adytons frei, durch dessen mystische Dämpfe farbige Lichter glommen. Schwarz und fürchterlich aber klaffte die Felsenspalte, über der der ungeheure eherne Dreifuß im unsicheren Flimmern des Dampfes schwebte.

Hoch oben, auf ehernem Throne, die Arme gebreitet, das edle Haupt mit den geschlossenen Augen zurückgeneigt, lehnte die hehre Pythia und ihr Busen hob und senkte sich wie in flackernden Krämpfen.

Am Fuße des Tripodions stand einer der fünf heiligen Thrakiden und horchte angestrengt auf die leisen, murmelnden Worte, die den halbgeöffneten Lippen der Pythia entklangen.

Nahe dem Omphalos kniete Pythagoras nieder und neigte sein Haupt in stummer Erwartung. Er war allein im Allerheiligsten.

Plötzlich aber rief Themistokleia seinen Namen, daß der helle Ton im düsteren Räume schwang. Dann neigte sie sich vor und hastig, in abgerissenen Worten, raunte sie dem Spruchpriester die göttliche Verkündigung zu. Und schwieg ebenso plötzlich, wie sie begonnen hatte, und sank wie leblos zurück.

Der Thrakide aber bedeckte für einen Herzschlag die Augen mit seinen Händen. Dann jedoch tönte es voll und klar und ohne Stocken durch den Raum und Pythagoras trank das göttliche Wort bebend in die tiefsten Tiefen seines Gemütes.

Und es tönte:

»Dich liebt der pythische Gott und dich lieben
die Diener des Gottes.

Doch dich zwang dein Geschick, jenseits der Freude zu stehn.
Drum hat er dir in der weihvollen Nacht des erweckten Lykitnes
Träume des Jubels gesandt, Boten des künft'gen Geschehns.
Boten waren es nur, denn einmal schon hat er verkündet,
was an Glück dir bestimmt; doch du verstandest es nicht.
Sannest schwer vor dich hin, als die siegesleuchtenden Augen
unter dem Kotinoskranz tief und vertraut dich gegrüßt.
So vergiß Lykoreias Traum! Doch wenn wehend im Windhauch
schwarz der Vorhang sich teilt, dann ist Erfüllung dir nah!«

Pythagoras aber, dessen Geist in furchtbarer Anspannung jedes Wort des Orakels zu unverlierbarem Besitze in sein Gedächtnis prägte, jubelte in namenlosem Glücksgefühle auf.

Der Gort hatte verziehen! Mehr noch! Apollon selbst war es gewesen, der ihm auf den Höhen des Parnassos durch seine herrliche Dienerin die erste Botschaft süßester Wonnen gesandt hatte: Und ihm so die heilige Harmonie des Göttlichen und des Menschlichsten verkündete!

»So vergiß Lykoreias Traum!« Er mußte gehorchen und vergessen. Was er aber behalten durfte, behalten außer dem Versprechen noch hehreren, noch rauschenderen Glückes, war das Bewußtsein, daß nichts die Götter geschaffen hatten, was sich nicht zu endgültigem brausenden Einklang führen ließ.

Und erlöst zum Kulme des Hellenentums, schritt er glücklich, doch demütiger durch die Scharen der Brüder und Schwestern, die, schwach gleich ihm, sich beim pythischen Gotte Rat und Hilfe holten. Und die Erinnerung der Schwäche machte ihn seliger als der herrlichste Sieg, da sie ihn dem Herzen seines Volkes näherbrachte! – – –

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