Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egmont Colerus >

Pythagoras

Egmont Colerus: Pythagoras - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/colerus/pythagor/pythagor.xml
typefiction
authorEgmont Colerus
titlePythagoras
publisherPaul Zsolnay Verlag Wien
printrun11.?15. Tausend
year1951
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090615
projectidc977bf57
Schließen

Navigation:

XX

Über kahle, sonnenglühende Felsensättel, durch dichte Nadelwälder, an rauschenden Gebirgsbächen entlang; dann wieder vorbei an düsteren Seen und quer durch trockene Steppenebenen wanderte Pythagoras, um alle Zonen des Peloponnesos zu erforschen. Hinter ihm lagen schon die Gebirge Arkadiens, bezwungen waren die schauerlichen Schroffen des Taygetos und er kam nach Sparta. Sonderbares, neues Lebensschäumen umgab ihn hier, das tausend neue Eindrücke, tausend Pläne und Betrachtungen in ihm erschuf. Und er vertiefte sich in die herben Gesetze des großen Lykurgos, unterredete sich mit den rauhen, wortkargen Herren des Landes und saß bei hartem Brote und schwarzer Blutsuppe mit den stets Gewaffneten in den Speisesälen der Männer. Dann wieder sah er den unerbittlichen Leibesübungen zu und war verwundert, wie es hatte geschehen können, daß einer dieser Riesen in Olympia größerer Geschmeidigkeit unterlegen war.

Noch mehr aber als diese Erziehung für Streit und Kampf, mehr als alle Gesetze gegen Üppigkeit und Schwelgerei, betrachtete er sinnend das Gefüge des Staates, das in seiner starren aristokratischen Herrschaftsform in ganz Hellas kaum seinesgleichen hatte. Und es entschied sich hier in der Ebene des Eurotas der große Zwiespalt seines Gemütes, der ihn bisher zwischen der Gleichheit aller und der Herrschaftsbefugnis der Tüchtigsten hatte schwanken lassen. Ob ihn nun die Hierarchie ägyptischer Priestervorrechte oder die trüben Folgeerscheinungen mißbrauchter Demokratie bestimmten, die nur allzuleicht in Wankelmut und Zanksucht als Pöbelherrschaft die Beute eines Tyrannen wurde, war ihm selbst nicht voll bewußt. Als Tatsache, als Entschluß seines Innern stand aber fest, daß sein ganzes Trachten nur in aristokratischen Staatseinrichtungen Befriedigung finden könne.

Als jedoch der Herbst herannahte, wandte er sich nordwärts, da er Phlius besuchen wollte, die Stadt, der das Geschlecht seiner Eltern entstammte. Am Wege lagen Tiryns, Orchomenos und Mykene, Festen, deren kyklopische Mauern den ehrwürdigen Schauer des Krieges um Ilion atmeten; und wo ihm die sonderbare, den Hellenen unverständliche Bauweise auffiel und wie die kretischen Paläste an die Architektur Kemis erinnerte; so daß er nicht daran zweifelte, daß zwischen beiden Ländern einst nähere Zusammenhänge bestanden haben müßten als heute. Und er ward in seinen Vermutungen bestätigt, als er aus dem Munde der Landesbewohner uralte Sagen über die Herrschaft der Pelasger hörte.

So kam er nach Phlius. Ein treuer Bundesgenosse war diese Stadt dem südlichen lakedaimonischen Nachbarn und versuchte in ihren Einrichtungen und Sitten das mächtige Vorbild getreulich nachzuahmen. Nur die Herrschaftsform selbst hatte sie nicht rein erhalten können, da Leon, der mächtige Tyrann, als Alleinherrscher das Gemeinwesen lenkte.

Auch hier durchforschte Pythagoras alles Wissenswerte, das ihm zugänglich ward, machte sich aber dadurch nach kurzer Zeit dem mißtrauischen Tyrannen verdächtig, der sich erst beruhigen ließ, als ihm angesehene Bürger nähere Auskunft über die Berühmtheit und Weisheit des samischen Gastes gaben.

Nichtsdestoweniger wollte er sich von der Person des Pythagoras durch eigenen Augenschein überzeugen und ließ ihn unter Zusicherung des vollen Gastrechtes vor sich rufen.

So stand ihm der Samier bald in der schmucklosen, düsteren Halle seines Palastes gegenüber, deren angedunkelte Decke nach ältestem Baustile von geschnitzten klobigen Holzsäulen getragen war.

Leon war über das Auftreten des fremden Weisen scheinbar befriedigt, denn er richtete nach einigen nichtssagenden Bemerkungen nicht unfreundlich die Frage an Pythagoras, was ihn eigentlich hieherführe und welche Kunst er treibe, daß sein Name heute schon weithin berühmt sei. Dabei versagte sich der Tyrann, dessen ganzes bisheriges Leben nur der Gewalt geweiht war und der daher nur Machterfolg wirklich als Erfolg ansah, nicht, in seine letzte Frage einen kaum merklich feinen Schimmer von Hohn und Überlegenheit zu mischen.

Pythagoras aber war weit davon entfernt, irgendwie Zorn oder Trotz zu zeigen, da er auf unwiderstehlichere Art den Hochmut des gewaltigen Machthabers beugen wollte. Daher antwortete er schlicht:

»Wenn du mich fragen willst, o Leon, welche besondere Kunst ich verstehe, so muß ich dich enttäuschen.

Denn ich bin eben nichts anderes als ein Philósophos, ein lernbegieriger Liebhaber aller Weisheit!«

Leon, der von dieser Antwort, die sich sosehr von der ruhmredigen Art andrer Weiser unterschied, noch mehr aber von der Fremdartigkeit des Namens eines Philósophos überrascht war, sann eine Weile in sich hinein. Dann glaubte er, die Falle gefunden zu haben, in die er den Samier locken könnte. So fragte er, indem er sich harmlos stellte, weiter:

»Ich muß dir vorläufig glauben, daß du weißt, was du sagst. Vergiß aber nicht, Pythagoras, daß es dir nun zukommt, dem Unkundigeren ungewöhnliche Worte zu erklären. Was also sind, so muß ich dich fragen, diese Philosophen für Leute und worin unterscheiden sie sich wohl von den anderen Menschen, die gleich mir, dieser höheren Würde noch nicht teilhaftig sind?«

Pythagoras aber erwiderte, ohne zu zaudern:

»Nicht für ein Ausweichen darfst du es ansehen, o Leon, wenn ich in meiner Antwort weit aushole. Kann man doch den Inhalt des Neuen nicht so kurz erklären wie den Sinn des Bekannten. Daher sage ich dir, daß mir das menschliche Leben wie jene großen Feste und Märkte zu sein scheint, die mit der verschwenderischen Pracht öffentlicher Spiele und dem Zusammenströmen von ganz Hellas abgehalten werden. Wie nämlich auf jenen Festen ein Teil der Anwesenden nach der Ehre und dem Ruhme der Kampfpreise strebt, ein andrer Teil nur dem Erwerb und dem Gewinne nachgeht, während ein dritter und nicht gerade der schlechteste Teil, weder von Ehrgeiz noch von Gewinnsucht getrieben, nur des Schauens wegen gekommen ist und daran sein Genügen findet – zu beobachten nämlich, was da geschieht und wie es sich ereignet –: so nun kommen auch die Menschen aus einem anderen Leben und einer besseren Welt in dieses irdische Treiben. Wie aus ihrer Heimat zu den Festspielen kommen sie da und es jagen die einen dem Ruhme, die anderen dem Gelde nach; neben diesen aber sind dann einige wenige, die alles übrige nicht achten und nur die Wesensart der Dinge wißbegierig betrachten. Das aber, o Leon, sind die Menschen, die ich Philosophen nenne. Wie es nun aber trotz aller Siegesehren bei jenen Festen als das Unbefangenste gilt, bloß Zuschauer zu sein und sich nicht an ihnen zu beteiligen, so scheint mir auch im Leben die Betrachtung und Erkenntnis der Dinge viel erstrebenswerter als alle unmittelbare Beteiligung und Beschäftigung mit diesen Dingen.«

Da lachte Leon hell heraus:

»Das also sind jene herrlichen Philosophen? Wenn du nicht solch einen klingenden Namen ersonnen hättest, Samier, hätte ich vorgeschlagen, deine lebenslangen Zuschauer lieber Faulpelze und Feiglinge zu nennen! Du kannst jetzt gehen und unbehelligt ganz Argolis betrachten. Doch hüte dich, die selbstgewählte Beschränkung deines Philosophendaseins zu verlassen! Und hüte dich weiter, denen höchste Würde beizulegen, die müßig gehen!«

Pythagoras, der nichts andres erwartet hatte als Unverständnis für die Reinheit seines Zieles, kehrte sich schweigend ab und ging seines Weges.

So wurde in jener denkwürdigen Stunde in Phlius durch einen Tatmenschen der Name der Philosophie verhöhnt und verlästert, als ihn Pythagoras zum erstenmal im Ablaufe aller Äonen ausgesprochen hatte.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.