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Pythagoras

Egmont Colerus: Pythagoras - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/colerus/pythagor/pythagor.xml
typefiction
authorEgmont Colerus
titlePythagoras
publisherPaul Zsolnay Verlag Wien
printrun11.?15. Tausend
year1951
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090615
projectidc977bf57
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XV

Unter den Baumeistern von Persepolis war plötzlich der Plan entstanden, die wuchtige Pracht des Hundertsäulentempels durch Aufstellung eines Kolosses zu mehren. Das Vorhaben fand die Billigung des Großkönigs und es handelte sich bloß noch darum, den ungeheuren Steinblock in kunstgerechter Art zu gewinnen und ihn aus den fernen nördlichen Steinbrüchen heranzuschaffen. Zur Leitung dieser beiden Arbeiten wurde Pythagoras ausgewählt, für den diese, in Kemi ja so häufige Arbeit nur von untergeordneter Schwierigkeit sein konnte.

Pythagoras unterzog sich seiner Aufgabe gleich am Beginne mit großem Eifer. Hatte er doch erfahren, daß der ganze Plan in letzter Linie von Demokedes herrührte und nur dazu ersonnen worden war, seine Flucht zu befördern.

So ließ er alle notwendigen Werkzeuge bereitstellen, wählte sich einen Trupp geeigneter Werkleute aus und war nur etwas enttäuscht, daß die Vorsorge des Dareios ihm in Anbetracht der kriegerischen Wirren, die noch im Norden herrschten, eine für sein Vorhaben allzu zahlreiche Bedeckungsmannschaft auf den Weg gab; so daß er dichter und undurchdringlicher überwacht war als je zuvor.

Eine zweite Herabminderung seiner Hoffnungen war es, daß er sich nicht mehr von Demokedes verabschieden konnte, da dieser seine Kundschaftsreise nach Hellas schon angetreten hatte.

Ja, sogar Zweifel an der Wahrhaftigkeit und Treue seines Stammesgenossen begannen sich in ihm festzusetzen, wenn er alles noch einmal überdachte und wenn er die übergroße Vorliebe in Anschlag brachte, die Demokedes für Persien und für die Götter dieses Landes hegte. Sollte Verrat geschehen sein? Doch nein! Wozu hätte da der Arzt ihm überhaupt zur Flucht geraten, wozu hätte er ihm eigene Pläne anvertraut, deren Preisgabe ihm Stellung, Freiheit, vielleicht das Leben kosten konnte?

In solchen zwiespältigen Gedanken ritt Pythagoras an der Spitze des stattlichen Zuges von Soldaten, Werkleuten, Karren und Kamelen nordwärts.

Am dritten Tage begehrte ein indischer Kaufmann, der mit seiner kleinen Karawane ebenfalls nach Norden zog, sich der Truppe anschließen zu dürfen und gab zur Unterstützung seines Ansuchens an, er befürchte Überfälle umherstreifender Skythen. Überdies sei er ein Schüler des königlichen Leibarztes und könne sich mit seinen ärztlichen Kenntnissen vielleicht nützlich erweisen.

Pythagoras nahm keinen Anstand, das glaubwürdige Gesuch zu bewilligen; um so mehr, als es sich um einen Freund seines Stammesgenossen handelte. Aber auch der Anführer der Begleitungsmannschaft, der in solchen Dingen das entscheidende Wort zu sprechen hatte, machte keinerlei Einwendung, da einige Soldaten den Inder aus Persepolis kannten und bestätigten, daß er ein vertrauter Freund des mächtigen und einflußreichen Leibarztes sei.

Wieder verflossen einige Tage, an denen sich nichts Außergewöhnliches ereignete. Der Inder hielt sich meistens unter seinen Gefolgsleuten auf oder er mengte sich unter die Anführer der Soldaten, denen er einige kleine Gefälligkeiten erwies. Den Pythagoras begrüßte er zwar an jedem Morgen freundlich, schien aber keinerlei Lust zu fühlen, sich mit dem Gefangenen in einen näheren Verkehr einzulassen.

Bis er eines Tages, als die Züge eben einen steilen, wildzerklüfteten Paß hinanstrebten und durch die große Schwierigkeit des Weges in einige Unordnung geraten waren, wie zufällig an Pythagoras heranritt und mit ihm scheinbar die Art und Weise besprach, wie man die Lasttiere und Wagen am sichersten über den Paßpfad führen könnte. Den anderen, die ein gutes Stück von den beiden entfernt waren, schien es wenigstens so. Denn der Inder deutete mit der Hand gegen den Weg, auf die Schroffen der Berge und auf die Lasttiere.

In Wahrheit aber sagte er hastig zu Pythagoras:

»Demokedes mußte sich schleunig entfernen, um weder seine noch deine Flucht zu gefährden! Ich bin sein Vertrauter und Helfer. Mir fällt die Aufgabe zu, dich nach Norden bis an den Pontos zu bringen. Hier, nimm diese Tafel, lies sie und wirf sie dann in das Gerölle des Abgrundes! Ich selbst werde weiter vortäuschen, keinerlei Anteil an dir zu nehmen. Leb wohl!«

Und er sprengte schon wieder zurück und bekümmerte sich, gleichsam als notwendige Folge seines Gespräches, um einen Karren, dessen Zugtiere mit geblähten Nüstern dastanden und sich sträubten, weiterzuziehen.

Pythagoras aber entsiegelte unauffällig die Wachstafel, las die Weisungen des Demokedes mit Staunen und tiefster Befriedigung und schob sie dann unter den Sattel, bis sie durch die Hitze des dampfenden Pferdes weich und formlos geworden war. Schließlich brach er sie in Stücke und streute sie ins Geröll, so daß nach wenigen Herzschlägen jede Gefahr eines Verrates endgültig ausgeschlossen war.

Dann mühte auch er sich damit ab, die schweren Fuhrwerke heil über die Höhe des Paßweges zu bringen. –

Nach mancher weiteren Tagereise wurde endlich das Ziel, die Region der großen Steinbrüche, erreicht. Da man für längere Zeit Aufenthalt zu nehmen genötigt war, ließ Pythagoras im Umkreise des Steinbruches vorerst Unterkunftshütten für die Werkleute und Soldaten errichten. Der Führer der Bedeckungsmannschaft konnte jedoch nicht umhin, – aus Sicherheitsrücksichten, wie er beschwichtigend zu Pythagoras äußerte – Befestigungen anzulegen, die den Werkleuten jeden Verkehr mit der Außenwelt absperrten und die sonderbare Doppelrolle des Pythagoras noch verschärften, der ja gleichzeitig bewachter Gefangener und Befehlshaber der ganzen Unternehmung war.

Die Karawane des Inders aber, die auch schon unterwegs ab und zu Tauschgeschäfte gemacht hatte, nahm in einem nahegelegenen Dorfe Aufenthalt und trieb mit den umliegenden Dörfern regen Handel. Diese Tätigkeit war den Truppen und Werkleuten sehr erwünscht, da sie sich dadurch mit allerlei notwendigen Kleinigkeiten, Lebensmitteln, Wein, Früchten und dergleichen versehen konnten, ohne das Lager zu verlassen; denn stets sandte der Inder einige seiner Leute zu Pythagoras und den Soldatenführern und lieferte alles zu äußerst geringem Preise, um sich, wie er einmal sagte, für den gewährten Schutz erkenntlich zu zeigen.

Pythagoras ließ inzwischen alles für die große Arbeit vorbereiten. Zuerst wurde an der gewählten Stelle durch viele Tage das brüchige und verwitterte Gestein abgemeißelt, bis der blanke fehlerlose Grünstein in seiner ungeheuren Größe roh behauen zutage lag. Dann aber kam das Schwerste, die eigenste Kunst der Steinmetze Kemis. Bevor jedoch die ungeübten Werkleute an diese Aufgabe herantraten, ließ sie Pythagoras in kleinem Maßstabe an anderen Stellen zahlreiche Probearbeiten ausführen, bis er sie genügend geschickt zum großen Werke hielt: zum unversehrten Absprengen des Riesenblockes, aus dessen Masse der Koloß entstehen sollte. Und er befahl ihnen, ganze Reihen tiefer Löcher entlang der gewollten Bruchlinie auszustemmen. Stets wurden diese Öffnungen verglichen, gemessen, erweitert, vertieft. Manchmal schon waren die Arbeiter verdrossen, da sie die allzugroße Genauigkeit für überflüssige Quälerei hielten. Doch Pythagoras ließ nicht nach und bewies den Steinmetzen an verkleinerten Beispielen sogleich die Notwendigkeit seiner Maßnahmen. Als aber endlich alle die Löcher sauber geglättet waren und die richtige Tiefe und Weite erreicht hatten, wurden sie mit besonders zugerichteten Holzscheiten ausgeklemmt. Wieder vergingen Tage voll von Proben und Anweisungen, bis Pythagoras das Entscheidende wagte: Eines Morgens stellte er die Werkleute an die Bohrlöcher. Jeder von ihnen hielt aber ein großes gefülltes Wassergefäß in der Hand. Dann hob er plötzlich scharf und befehlend den Arm. Da gossen sie mit einem Rucke alle zugleich die Massen des Wassers in die ausgemeißelten Öffnungen, und gierig sog das ausgetrocknete Holz die langentbehrte Feuchtigkeit ein. Und es sog und sog und knarrte und ächzte und weitete sich aus. Neues Wasser, schnell herbeigeholt, und wieder neues Wasser stürzte auf das dürstende Holz. Und es preßte an die Wände des Bohrloches und es drängte und stieß und ächzte: Bis plötzlich ein zerreißender hoher Krach, ein schriller, furchtbarer, harter Ton dem Felsen entscholl, und sich blank und schnurgerade der Block des Kolosses von seiner letzten Verbindung mit den himmelragenden Steinmassen des Bruches getrennt hatte.

Als Nächstes galt es, den Riesenblock auf Walzen zu heben, um ihn so weit fortzuschaffen, daß die Gerüste und Plattformen gebaut werden konnten, auf denen man ihn gegen Persepolis zu schleppen hoffte.

Alle Arbeiten waren schon im besten Gange, man meißelte Rillen für die Seile, goß eiserne Ringbolzen mit Blei ein, um Ketten daran zu befestigen; als ein drohender Unfall den Fortgang des Werkes jäh unterbrach. Pythagoras hatte nämlich in letzter Zeit häufig selbst Hand angelegt. Als er nun wieder einmal den Hammer gegen den Meißel sausen ließ, sprühte ein Steinsplitter so unglücklich empor, daß er das Auge des Samiers nicht unbedenklich verletzte. Man wußte sich keinen Rat, bis endlich ein Soldat auf den Gedanken verfiel, rasch den Inder herbeizuholen. Dieser erschien sogleich und war sehr betroffen. Um so mehr, da er nach seiner Aussage eben an den letzten Zurüstungen zur Abreise gearbeitet hatte. Die Karawane könne er allerdings nicht mehr zurückhalten. Er selbst aber würde zurückbleiben und die Pflege des Pythagoras übernehmen. »Da es jedoch«, sagte er weiter, »eine Verwundung ist, bei der nur ununterbrochene Fürsorge den Verlust des Augenlichtes hintanhalten kann, muß ich darauf bestehen, daß der Hellene die nächsten Tage in vollständig verdunkeltem Raume verweilt und daß ich selbst stets in der Nähe bleibe. Ich werde daher den Verletzten im eigenen Hause unterbringen.«

Niemand sah etwas Auffälliges in diesem Vorschlage, man nahm ruhig die Anweisungen des Pythagoras entgegen und war im übrigen über die unfreiwillige Arbeitspause erfreut. Pythagoras, dessen Augen bereits ein weißes Tuch deckte, äußerte beim Abschiede noch, er hoffe in kurzer Zeit so weit wieder hergestellt zu sein, daß er die Arbeiten weiterführen könne.

So geleitete der Inder seinen Schutzbefohlenen in das Dorf.

Als sie aber kaum aus Hörweite der letzten Wächter gelangt waren, flüsterte der Schüler des Demokedes:

»Zürne mir nicht, Pythagores, wenn ich deinen Unfall als Glück bezeichne. Sah ich doch schon keinen Weg mehr, dich ohne äußerste Gefahr aus der Umklammerung dieser mißtrauischen Wächterkette herauszubringen. So aber wird alles einfach und gefahrlos. Du reitest trotz deiner Verwundung heute nacht schon mit der Karawane. Ich aber bleibe noch einige Tage, um keinen Verdacht zu erregen. Dann werde ich schon Mittel finden, um euch einzuholen. Die Pfade übers Gebirge werden diese Absicht erleichtern. Jetzt aber sei getrosten Mutes, Pythagoras, und nimm deine Unbill als Göttergeschenk!«

Pythagoras nickte bewegten Gemütes Bejahung. Und es ergriff ihn ein seltsames Gefühl, da er die Heimkehr plötzlich offen vor sich liegen sah.

»Wenn man trotz deiner Vorsicht etwas entdeckt, dann wälze alle Schuld auf mich!« erwiderte er tonlos. Der Inder aber lächelte. –

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