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Pythagoras

Egmont Colerus: Pythagoras - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/colerus/pythagor/pythagor.xml
typefiction
authorEgmont Colerus
titlePythagoras
publisherPaul Zsolnay Verlag Wien
printrun11.?15. Tausend
year1951
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
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created20090615
projectidc977bf57
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XIV

An einem Abende, dessen gelbrotes Schimmern die knorrigen Rinden licht ragender Nadelbäume umzitterte und breite Streifen webenden Sonnenstaubes zwischen den Kronen hindurchsandte, ritt Pythagoras mit Demokedes auf starken, gedrungenen Steppenpferden die Wälder eines steilen Berges hinan.

»Woher ward dir Kunde von meinem Namen?« fragte Pythagoras unvermittelt.

»Viele Städte in Hellas kennen ihn!« erwiderte Demokedes. »Doch wird es dir um so weniger wunderbar erscheinen, wenn ich dir sage, daß ich ihn in deiner Vaterstadt hörte.«

»In Samos?« Wehmütig und erinnerungsdurchbebt hatte Pythagoras die Frage hinausgerufen. Dann setzte er ruhiger fort: »Bist du ein Jonier? Deine Sprache ließ es mich nicht vermuten.«

»Ich bin ein Krotoniate!« murmelte Demokedes und zügelte sein Roß, da der Pfad schwieriger zu werden begann. »Sonderbares Schicksal, das uns beide, die wir vom äußersten Osten und Westen des hellenischen Gebietes stammen, hier zusammenführt! Hier, in den himmelragenden Bergen von Persis. Doch höre!« Und er richtete sich auf. »Höre, wie ich nach Samos kam: Ich war Leibarzt des großen Polykrates. Zu einer Zeit, da du längst in Ägypten weiltest. Frage nicht, Pythagoras, ich weiß, was der Blick deiner Augen bedeutet: Deine Eltern waren am Leben, als ich Samos verließ.«

»Wann war es?« Und Pythagoras senkte traurig sinnend das Haupt.

»Zwei Jahre sind seither verflossen!«

Sie ritten schweigend mehrere Stadien dahin. Die Zweige des Unterholzes knackten und hie und da huschte ein aufgescheuchtes Tier über ihren Weg.

Plötzlich sprach Demokedes ruhig und unbewegt weiter:

»Furchtbare Stürme stehen den Hellenen bevor! Doch davon will ich später reden. Vielleicht weißt du, daß Orötes, der Satrap Lydiens, der treuloseste aller Barbaren, den Polykrates in sein Gebiet lockte und dort den ahnungslosen Gast, den großen, glücklichen König ans Kreuz schlagen ließ. Mich aber machte Orötes zum Sklaven und ich erlebte gräßliche Zeiten der Erniedrigung und der Knechtschaft. Orötes verleugnete auch dem Dareios gegenüber seine treulose Sinnesart nicht. Doch Dareios war stärker als der große Polykrates. Und der Verräter mußte nun selbst das Grauen der Hinrichtung, das er so vielen zugefügt hatte, verspüren. Und ich, der Sklave des Verräters, war sozusagen sein Mitschuldiger und man peitschte mich durch die Wüsten und Berge Asiens, bis ich vor einem Jahre in Lumpen und Ketten zu Susa ankam!«

»Ich weiß, was du littest, da ich selbst von Theben bis hieher getrieben wurde!« sagte Pythagoras dumpf. »Was gilt diesen Persern Freiheit, was Geist und Weisheit?«

»Du irrst!« fiel Demokedes ein. »Dareios ist hundertmal besser als Kambyses. Und das Volk der Perser ist ein edles Volk. Sie sind unsre furchtbarsten Feinde, doch aus anderen Gründen als es scheint. Höre nun weiter: Zu Susa gelang es mir durch viele Zufälle, Mitsklaven und andre Leute des königlichen Gefolges von schweren Krankheiten zu erlösen. Es sprach sich herum. Und als der Großkönig auf der Jagd sein Bein verstauchte und alle Kunst seiner ägyptischen Ärzte erfolglos blieb, rief man mich und mir glückte die Heilung. Dareios ist dankbar und aufrichtig. Er machte mich zum Leibarzt, und sowohl die Ehre der Stellung als die Lebensweise und der Lohn, den er mir bietet, könnte dem ehrgeizigsten Manne genügen. Wenn das andre nicht wäre, von dem ich am Anfange sprach. Doch habe ich genug von mir erzählt. Jetzt ist die Reihe an dir, deine Schicksale mitzuteilen.«

Lichter ragten die Stämme, tiefer stand die Sonne, weite und herrliche Ausblicke in die Ebene, auf Persepolis, auf die jenseitigen Gebirge begannen sich zu eröffnen, als Pythagoras in kurzem Umrisse die bisherigen Irrfahrten und Erlebnisse dargestellt hatte.

»Ein Odysseus bist du fast!« lächelte Demokedes. »Neben deinen Leiden erscheint mir mein Ungemach klein. Doch ist es wohl Zeit, im Gespräche zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Denn bald werden wir am Ziele sein. Ich sah aus deinen Worten, daß auch du um das drohende Verhängnis weißt. Dareios hat es mir nicht verhehlt. Er rüstet zu einem ungeheuren Heereszuge, um alle Hellenen seiner Botmäßigkeit zu unterwerfen. Entsinnst du dich, was er zu dir sagte? Als er von unsren Göttern sprach? Und hinwarf, daß wir die Daevas anbeten? Bald wirst du alles verstehen! Bald wirst du ihn selbst hören, den großen, göttlichen Zoroastres, dessen Lehre reiner ist als alle andren Lehren. Dareios und sein ganzes Volk lebt, so sonderbar der Ausdruck klingt, in einem Rausche der Reinheit. Und will allen Völkern die neue Lehre bringen; wenn nötig mit Gewalt, mit Blut und Brand und Unterjochung. Du allein wirst mich verstehen, Pythagoras! Wir Hellenen müssen, um diesem Anstürme Widerstand zu leisten, neue Götter suchen. Reinere und tiefere und endgültigere. Denn stets siegt das Volk, das in höherer Reinheit lebt! Hast du gehört, was Asien durchzittert? Wie ein neuer Geist der Weisheit hier an allen Stellen emporwächst? Im äußersten Osten, in Sinnim, sind die Gemüter entflammt durch Kanfuzes, und Indien hallt wider vom Ruhme des Budos. Und hier ist Zoroastres! Nur bei uns ist noch der große Verkünder der Urgötter nicht erschienen!«

»Und ich bin gefangen, muß bleiben, bis der Palast der hundert Säulen vollendet ist!« rief Pythagoras klagend aus.

»Du wirst nicht bleiben, Pythagoras! Denn es werden große Ereignisse eintreten. Ich habe dir noch nicht alles anvertraut. Atossa, die Königin, litt an einer bösen Brust. Auch sie habe ich geheilt. Und es gelang mir, sie zu überreden. Ich weiß es, Pythagoras, daß ich gegen Dareios, der mich befreite, der mich mit Ansehen und Geschenken überhäuft, schimpflich und undankbar handle; weiß, daß ich durch meine Tat noch mehr Haß gegen alles Hellenische, noch mehr Verachtung beim Großkönige erzeugen werde. Aber ich muß mein Volk, meine Stammesgenossen warnen, aufrütteln, zum Widerstande rüsten. Vielleicht rede ich mir das alles ein, um zu verbergen, daß mich rasendes Sehnen nach der Heimat plagt. Genug! Atossa hat es durchgesetzt, daß ich mit persischer Begleitung auf einem Schiffe als Kundschafter nach Hellas entsendet werde. Man traut meinem Worte. Ich aber werde nicht zurückkehren, sondern werde wieder in Kroton leben und die Luft von Groß-Hellas atmen. Dareios mag mich holen, wenn er es vermag! Aber auch du wirst fliehen, Pythagoras! Ich selbst werde dir behilflich sein. – Wenn du die Lehre Zoroasters in dich aufgenommen hast!«

Sie sprachen noch manches. Insbesondere erklärte Demokedes, der durch sein Leben am Hofe mit der Gestaltung des Reiches aufs innigste vertraut war, dem Pythagoras, daß er sich auf der Flucht nach Norden wenden müsse und versuchen solle, über den Pontos Euxeinos und durch den Hellespont die Heimat zu gewinnen, da die nördlichen Völker des Reiches noch im Widerstande gegen den Großkönig verharrten und deshalb eher einem Flüchtlinge Schutz und Hilfe angedeihen lassen würden.

Plötzlich war der Wald zu Ende und im letzten Abendscheine lag frei und hochgewölbt eine Graskuppe vor ihnen, deren obersten Kulm ein kahles, mächtiges Mauerviereck krönte.

Sie banden ihre Pferde an Bäume des Waldrandes und stiegen hinan.

Ein niederes Tor öffnete sich in der Mauer und sie traten vor einen stufenförmig aufgeschichteten Steinaltar, dessen oberster Würfel glatt und wuchtig aufragte. Ihn umstanden aber, in langen weißen Gewanden, leinene Tücher vor dem Munde, zehn magische Priester. Ein Gewoge von Gläubigen und Priesterschülern drängte sich auf den unteren Stufen.

Eben stieg ein übermäßig großer Prophet, dessen weiße Haare selbst im Dämmern leuchteten, die letzten Stufen hinan.

»Zoroastres!« flüsterte Demokedes dem Pythagoras zu. »Die Tafel, die er in der Hand hält, ist der erste Gesang des überirdischen Avesta! Sieh, das Opfer beginnt! Schon haben die Priester ihre Tücher um den Mund gebunden, damit der Hauch ihres Atems das Feuer Ahura-Mazdas nicht verunreinige!«

Und das Haoma-Opfer begann. Plötzlich lohte, mächtig und prasselnd, der heilige Opferbrand, die steile Feuerzunge empor zum dunkelnden Himmel, und in feierlichem Umschreiten nährten die Priester das Flackern mit wohlriechenden Hölzern und duftenden Kräutern, daß der Atem des Göttlichen, Reinen, des Unberührten und Unberührbaren sich im Umkreise verbreitete.

»Spende-Opfer werde dem Feuer gebracht!« tönte es stark und gewaltig aus der Höhe. »Hartes Holz und gute Gerüche reichen wir dem Feuer dar. Dem heiligen Feuer, das die Daevas besiegt, ihm werde mit Anbetung gedient und viele Nahrung werde ihm gebracht, damit es hoch aufsteige!«

Als aber endlich, rein und ohne zu flackern, die heiße Zunge zum Himmel stach, als aller Herzen schon durch den Anblick des göttlichen Sinnbildes von Reinheit erfüllt waren, da hob im Scheine der Flammen der herrliche Zoroaster die Tafel der Offenbarung und teilte den Gläubigen mit, wie das Geschehen der Welten lief vom Anbeginne; wie es heute sich ereignete im Widerstreite der beiden feindlichen Urwesen; und wie die Zukunft sich gestalten würde bis zum Ende des Daseins.

Und er versprach, die Offenbarung zu enthüllen an sechs geheiligten Abenden.

An jenem ersten Abende ward den Gläubigen das Wissen um die Urgötter selbst und um das Vorspiel des fünfzehn tausend jährigen Allgeschehens:

Im grenzenlosen Raume, in der unendlichen Zeit, durch unermeßliche Weiten getrennt, waren seit jeher die beiden obersten Weltwesen. Ahura-Mazda, der weise Herr, der heilige Geist, das anfanglose Licht, er, der die Dreiheit der Eigenschaften ist: Leben, Licht und Wahrheit. Und Angra-Mainyu, der schlagende Geist, die anfanglose Finsternis, der Unreine: Tod, Dunkel, Lüge!

Und von ferne hatte Angra-Mainyu den Ahura-Mazda erblickt und war durch die Unendlichkeit gegen ihn herangebraust, um ihn zu vernichten; um den Schein des Lichtes in ewige Dunkelheit zu verwandeln. Gegenüber waren einander die Urwesen gestanden, beide erkennend, daß es im Kampfe um alles ging, daß nur Vernichtung des Einen Ende des Kampfes sein könne. Doch wußten beide, daß sie zum furchtbaren Streite noch nicht gerüstet seien. So schlossen sie denn einen Waffenstillstand, einen Vertrag auf neuntausend Jahre. In seiner unendlichen Weisheit aber wußte Ahura-Mazda, daß es ihm gelingen werde, nach dieser Zeit den unreinen Geist zu überwältigen. Auch Angra-Mainyu erkannte es. Doch zu spät. Der Vertrag war geschlossen, als er es durchschaute. Und dieses verderbliche Nachwissen schlug eine lähmende Fessel um seinen Tatendrang, die ihn dreitausend Jahre umfing.

So geschah das erste Keimen des Weltwerdens. –

Als Pythagoras im bläulichweißen Scheine des Vollmondes mit Demokedes die Waldwege hinabritt, als auf der Höhe schon alles in Stille lag und die heilige Feuerzunge nur mehr klein und schwach zum Himmel lohte, ergriffen ihn seltsame Gedanken. Theben stand vor ihm, Karmel und Babylon und der Olymp der Götter seiner Kindheit. Ahnungspfade liefen von einer Götterwelt zur andern, von einer Offenbarung zur zweiten und dritten. Und es kostete seinem Verstande Mühe, das mystische Zusammenfließen aller Götterkreise zu verhindern. Etwas aber erkannte er mit aller Schärfe: Menschen waren die Götter seiner Kindheit, Menschen mit mächtigerem, mit ausgezeichneterem Schicksale. Kemis Götter aber hatte nur das Bedürfnis, sie verständlich zu machen, in die Gestalt von Menschen gebannt. Denn am Beginne, dem Wesen nach, waren sie Kräfte des Kosmos. Eigenschaften des Weltgetriebes, zu denen ihre menschliche Verkleidung oft schlecht genug stimmte. Ebenso auch, in roherer Form, verwischt und überwuchert von tobendem Fleische, die Götter Babylons. Was aber hier vor ihm stand, was Zoroasters Mund verkündet hatte, das schwebte zwischen dem Wissen seiner Heimat und der Weisheit Kemis. Ein andrer Kosmos war es, in dem diese Götter wuchsen und wirkten, ein Kosmos, unsichtbar den äußeren Sinnen. Diese Götter waren die Herrscher des Gemütes, die tiefsten Kräfte des Menschenwillens, waren das Gute und das Böse, verkleidet in die kosmischen Sinnbilder von Licht und Finsternis.

Eine Ahnung war es, wie gesagt, die damals Pythagoras durchbebte. Ganz klar erkannte er diese letzten Urgründe erst viel später, als schon die Eindrücke seiner Wanderzeit weit hinter ihm lagen.

Noch etwas erregte aber an diesem heiligen Abende seine Seele: die Erzählungen des Demokedes über die Einsamkeit und Weltflucht, Kasteiung und Reinigung des Zoroaster. Wie er, fern den Menschen, zehn Jahre in den Klüften der Berge gelebt hatte, um den Strahl der Erkenntnis ungetrübt zu empfangen; wie er in der Höhle gehaust und diese Höhle mit den Bildern vom Werden der Welten geschmückt habe; und wie endlich Ahura-Mazda ihm das Avesta geoffenbart und ihm befohlen hatte, es den Menschen in den Städten und Tälern zu bringen.

Da endlich verstand Pythagoras sich selbst. Wußte, warum er, einem geheimnisvollen Befehle gehorchend, Bertreri von sich gestoßen hatte und alle die anderen Frauen, die ihm in Theben, in Memphis, in Sais, in Babel zugelächelt hatten. Entsagung vom menschlichsten Triebe, um den Göttern näherzukommen! Ein zwingendes Gesetz des Kosmos, das er erblickte, dessen Grund jedoch in unerforschter Tiefe lag; wenn anders nicht Gott Geist war, reiner Geist, wie Zoroaster lehrte, ganz verständlich, ganz nahe nur den Menschen, die den Leib von sich warfen.

So sann Pythagoras an jenem ersten Abende.

Der zweite Abend aber entrollte schon vor ihm mächtigere Ausblicke, tieferes Begreifen des Weltablaufes:

Angra-Mainyu, der finstere Geist, untätig, von Nichtwissen gequält. Grollend sich selbst und dem Lichte. Hoffnungslos und von grimmiger Wut zerrissen. Ahura-Mazda aber war ans Werk gegangen, schaffend durch sein Wort, durch seinen Willen. Erzeugend aus dem Nichts. Und er hatte sich mit ihnen umgeben, mit den reinen Wesen der Ameschaspentas, der Yazatas und der unzähligen Fravaschis. Sechs Ameschaspentas schuf er, unsterbliche Heilige. Ihre Namen aber, die zugleich ihr Wesen waren, lauteten: Gute Gesinnung, beste Reinheit, wünschenswerte Herrschaft, Vollkommenheit, Unsterblichkeit und heilige Weisheit. Unter den Yazatas, den Verehrungswürdigen, ragten aber hervor aus allen vierundzwanzig: Mithra, der Gott mit den weiten Triften, der Herr des Sonnenlichtes; Raschnu, der Bringer der Gerechtigkeit, und Craoscha, der das Gebet ist und die Gebetserhörung. Und Tischtrya, der Morgenstern, der Hüter der östlichen Himmelsgegend, der den Regen spendet, und Verethraghna, der Gott des Sieges. Ihnen allen aber gesellte Ahura-Mazda die Fravaschis bei, die Urbilder und schützenden Geister der einzelnen Menschen, die einst werden sollten. Urbilder, die seit jeher unsterblich im Reiche des Lichtes wohnten und bestimmt waren, dereinst zur Erde niederzusteigen, um nach dem Tode wieder zurückzukehren ins Licht; gleichzeitig aber in geheimnisvoller Doppelweise im Lichte zu bleiben, während der Mensch lebte, und seine Geschicke mahnend und schützend zu lenken.

Dieses Reich der Geister hatte Ahura-Mazda durch sein Wort erschaffen, als die ersten dreitausend Jahre verflossen waren.

Wieder schwang es seltsam in der Seele des Pythagoras, wieder geriet er in den Bann der niegehörten Reinheit und Körperlosigkeit der zoroastrischen Worte. Doch stiegen auch leise Zweifel in ihm empor, Schatten von Enttäuschung, da ihm in manchen Augenblicken diese geistigen Götter zu Dunst zerrannen und sich in Gedanken auflösten. Gedanken, die die unbedingte Beglaubigung des So- und Nichtandersgewesenseins nicht aufwiesen wie die kosmischen Mächte des Urwassers und Urhauches, des Himmelsgewölbes und des weltbildenden Lichtes. Sein Zweifel aber veränderte sich sofort wieder zur Bejahung, wenn er in sein Inneres blickte. Sah er doch alle die unsterblichen Heiligen in ihrer unfaßlichen Körperlosigkeit unleugbar in sich wachsen und wirken, fühlte er doch in tausend Lebenslagen die mahnende, unerklärliche Stimme seines geistigen Doppelgängers, seines Fravaschi. Derselben Kraft, die die Hellenen den Daimon, die Leute Kemis den Ka nannten. So schloß sich wieder das Bild der Erkenntnis über den Ländern des Erdkreises, gleich im Wesen der Erscheinung, weltenfern getrennt im Orte, wo ihr Ausdruck, ihre Entdeckung zuerst Wort wurde.

Und auch der dritte Abend, der ihn wieder um dreitausend Jahre weiter führte im Aufbau der Welt, im großen Epos vom Kampfe des Lichtes und der Finsternis, von der durchgängigen Zweiheit, Gegensätzlichkeit des Geschehens, vertiefte nur sein bisheriges Wissen, ohne es mehr umwälzend umzustoßen. Denn es war vom Anfange nicht zweifelhaft gewesen, daß Angra-Mainyu aus der Erstarrung erwachen würde; daß er alles aufbieten würde, um der Schöpfung des verhaßten Lichtbringers ein ebenbürtiges Reich der Finsternis entgegenzusetzen. Und er begann mit wildem Ungestüm. Daevas zauberte er hervor durch seinen Zorn, Daevas als Gegenbild der unsterblichen Heiligen, der hehren Ameschaspentas. Und sie standen bald um ihn, wie sie hießen und waren: Böse Gesinnung, Andra, das Gewitter, Ungerechtigkeit und Hartherzigkeit, Hochmut und Unduldsamkeit, widriger Geschmack und die Geburt des Giftes. Doch auch den Verehrungswürdigen mußte er ein Gegengewicht bieten. So ließ er sie entspringen, die Drujs, die vier weiblichen Dämonen: Schlaf, Verwesung, Böser Blick und Unzucht. Und auch die Fravaschis durften nicht unbehelligt die Menschen warnen und leiten. Pairikas und Yatus sollten umherschleichen, weibliche und männliche Verführer und Wunschflüsterer, die sich in die Seelen nisten sollten, übertäubend die Stimme der Fravaschis durch Süße, Üppigkeit und Düfte. Durch strotzendes Fleisch und tobende Sinneslust.

Aber auch Ahura-Mazda war in diesen dreitausend Jahren nicht untätig. Sah er doch, mit welch furchtbarer Heerschar sich Angra-Mainyu umgab, um seine Schöpfung zu bedrohen. So ließ er im Reiche des Lichtes, im Himmel, vorerst die Welt der Vorbilder erstehen in dreihundertfünfundsechzig Tagen. Und er schuf in fünfundvierzig Tagen den Himmel selbst, in sechzig das Urbild des Wassers, in fünfundsiebzig das Bild der Erde, in dreißig die Bäume, in achtzig die Tiere und in fünfundsiebzig das körperliche Vorbild des Menschen.

So tat Ahura-Mazda, nachdem seit dem Anbeginne der Zählung sechstausend Jahre abgelaufen waren.

Die nächsten dreitausend Sommer durchleuchtete die Stimme Zoroasters am vierten Abende. Und Pythagoras erfuhr, wie die Schöpfung der Vorbilder aus den Wölbungen des Himmels in den Raum hinabgelassen wurde, den sie heute innehat; der das Kampffeld des letzten Entscheidungskampfes werden sollte zwischen Ahura-Mazda und Angra-Mainyu. Noch stand sie unangefochten von den Mächten der Finsternis da, denn noch währte der Waffenstillstand. In ihrer ganzen Größe alber dehnte sich schon die Welt. Und übereinander schichteten sich die Sphären des Mondes, der Sonne, der unbeweglichen Sterne und die Sphäre des Götterthrones. Diese oberste Sphäre aber umschloß das All, auf ihr ragte der Thron des Guten und sie war der Wohnsitz der Ameschaspentas, Yazatas und Fravaschis. Von der Erde aus war nur der Umschwung der drei niederen Wölbungen sichtbar, unerkannt und unsichtbar blieb der Umschwung der äußersten Wölbung, des von Ahura-Mazda gelenkten Weltwagens, der alles andre bewegte und im Kreislaufe hielt. Und in der Mitte der Welt wuchs der heilige Berg Hara-Berezaiti empor und stieß mit seinem Gipfel, dem Demawend, durch die Wolken bis in die Sphäre Ahura-Mazdas. Der heilige Berg, von dem die Sonne ausfährt mit Majestät, auf dem nicht Nacht ist, nicht Frostwind, nicht Hitze; von dessen Gipfel Zoroaster herabgebracht hatte die Tafeln des Avesta, um die Getreuen zu stärken im Kampfe wider Angra-Mainyu. Und Ahura-Mazda schuf den Urmenschen, den Gayo-Maretan, und den Ur-Stier, den Geus-Urvan. Und beide herrschten mit Macht, in Eintracht über die junge Schöpfung der Erde. Angra-Mainyu aber, dessen dämonische Schar noch nicht eindringen durfte in das Reich des Guten, saß abseits und bildete hassend giftige Pflanzen und schädliche Tiere und zog weite wüste Strecken gräßlicher Unfruchtbarkeit über den Boden der Erde.

Die ganze Schöpfung aber bebte, da der Vertrag dem Ende nahte und der letzte Kampf beginnen sollte. –

In sich gekehrt und schweigend ritt Pythagoras mit Demokedes bergabwärts. Als die schnaubenden Pferde aber auf eine Lichtung des Waldes heraustrabten und hoch und klar die Sternbilder zu ihren Häupten glommen, überkam es Pythagoras wie eine allumfassende Ahnung. Für einen Herzschlag teilte sich in seiner Einbildungskraft die Hülle des Firmaments und er erblickte den Thron des Guten. Und eine überweltliche Melodie, ein fernes Klingen und Brausen tönte vom Umschwunge der äußersten Sphäre hernieder, ein Klang, zu hoch, zu vielfältig für die Ohren der Menschen. Und als er das, was er als höchste Harmonie erfühlte, halten wollte, schloß sich schmetternd die stählerne Sphäre des Fixsternkreislaufes und ein leiser Zuruf des Demokedes riß ihn zurück in die Milde der Sternennacht. Die Ahnung aber hatte sich in sein Gemüt als unverlierbares Erlebnis eingeprägt.

So nahte am fünften Tage die Enthüllung der vorletzten Tafel. Wild und kampfbereit prasselte heute die hohe Flamme der magischen Priester. Hochauf pochten die Herzen. Denn Angra-Mainyu stürmte mit seinen finsteren Heerscharen heran, um das Gute endgültig zu vernichten. Und der Ur-Stier fiel als erster der Wut des schlagenden Geistes zum Opfer. Klagend schwang sich seine Seele hinauf zum Throne des Lichtes, in die Arme Ahura-Mazdas, der ihn in die Gefilde des Himmels aufnahm, damit er den Tieren ein Schutzgeist sei. Aus dem Körper des Stieres aber wuchs keimend neues Werden. Aus seinem Schwänze die fünfundfünfzig Arten der Getreide, aus seinem Marke die zwölf heilsamen Pflanzen, aus seinen Hörnern die Früchte und aus seinem Blute die Weintraube. Den Samen aber hatte die Seele mit sich genommen und dem Monde zur Bewahrung gegeben, der ihn wieder, von den bösen Geistern unbemerkt, zur Erde brachte. So daß aus ihm zwei Rinder, ein weibliches und ein männliches, erwuchsen, die zweihundertzweiundsiebzig Arten guter Tiere zeugten. Aber auch den Urmenschen, Gayo-Maretan, das sterbliche Leben, erschlug die Wut des Finsteren. Das Blut jedoch sickerte in die Erde und daraus entsproß eine Raiva-Staude, die sich zu zwei Stengeln entfaltete. Und aus den Stengeln der Staude wurden Maschya und Maschyana, Mann und Weib. Und Ahura-Mazda sprach zu ihnen: »Seid Menschen, seid die Eltern der Welt, ihr seid von mir vollkommenen Sinnes als die besten Wesen geschaffen! Gesetzliche Werke verrichtet vollkommenen Sinnes, denkt gute Gedanken, sprecht gute Reden, tut gute Handlungen, verehret niemals die Daevas!« Die ersten Menschen aber kleideten sich in Blätter, nährten sich von Milch und Früchten und wanderten selig über die Erde. Bald aber wurden sie müde des Guten und begannen, gelockt von den Sendungen Angra-Mainyus, Fleisch zu essen, den Daevas zu opfern und sich in sündhafter Lust zu vermischen. Und von diesem Tage standen sie und alle ihre Nachkommen wechselnd unter dem Einflüsse des Guten und des Bösen. Wohl gab es noch manchen reinen Menschen, dessen Seele ganz dem Lichte angehörte. Doch kleiner stets ward die Zahl der Getreuen, mächtiger die Schar der Daevas-Anbeter. Ahura-Mazda aber hatte auf dem heiligen Berge Hara-Berezaiti die furchtbare Brücke Cinvat gewölbt, die gräßliche Brücke, die unvorstellbar hoch über den Abgründen schwebt und von der Erde zum Thron des Guten leitet. Hinan zum Orte Garotman, zur Wohnstätte der Lobgesänge. Drei Tage blieb nach dem Tode die Seele in der Nähe des Leichnams; dann hob sie sich empor und betrat schaudernd die Brücke Ginvat, bebend ob ihrer Sünden. Und Mithra, Raschnu und Graoscha, die Herren der Sonne, der Gerechtigkeit und des Gebetes, die drei ehrwürdigen Yazatas, saßen auf der Brücke und sperrten den Weg. Und hoch schwebte über den Schlünden die riesige Waage, auf der die Taten von den drei Totenrichtern gewogen wurden: damit die Seelen eingingen in die Wohnstatt der Lobgesänge, damit sie hinabgeschleudert würden in den Höllenpfuhl Angra-Mainyus, oder um in der Mittelwelt zu weilen ohne Freude und Leid, wenn gute und schlechte Taten gleich viel wogen. Und sehnend schauten dann die Sündhaften wohl nach den Guten, die ihre überwiegenden Taten zuwenden konnten den zu leicht befundenen Freunden und Verwandten. –

Und wieder schweiften die Erinnerungen des Pythagoras zurück nach Kemi, zum Totengerichte, zu Osiris und Horus, und er verstand die Menschen nicht, die achtlos dem Genüsse frönten und nicht der gräßlichen Waage gedachten: ob sie nun im Reiche der Tiefe, in den Hallen des Osiris aufgerichtet sei oder am Rande der überirdisch hohen Brücke! –

Die letzten Vorbereitungen zur Flucht waren getroffen, der letzte entscheidende Entschluß gefaßt, als die Pferde sie durch den sechsten Abend trugen.

Und heute stand er vor ihnen, Zoroaster, der große Verkünder, hehrer und mächtiger als je. Und er begann:

»Um der Welt den Kampf zu erleichtern, um Widerstand zu leisten den Mächten der Finsternis, hat mich Ahura-Mazda gerufen auf die Spitze des heiligen Berges, hat mir das Avesta übergeben, damit ich es euch bringen könnte, Menschen der Täler und Städte! Jetzt hatte er mich gerufen, als die Zeit am bösesten geworden war seit Anbeginn. Jetzt, am Anfange der letzten dreitausend Jahre! Das Gesetz der Anbeter Ahura-Mazdas sei von nun an triumphierend! Unser Gebet gelange zu ihm! Und es zerschlage des schrecklich-furchtbaren Angra-Mainyu Gewalt! Um uns zu stärken, wende sich aber unser Blick in die Zukunft!«

Und er erzählte, wie der Kampf des Guten und Bösen weiter toben würde. Im All, in der Brust des Menschen, auf Erden, zwischen den Tieren. Schlechter würde die Welt werden, je weiter das Zeitalter des ersten Verkünders zurückliege.

»Ich werde sterben!« rief dröhnend der Prophet. »Werde sterben wie alle Menschen seit Gayo-Maretan! Doch mein Same wird aufbewahrt sein im Kansu-See und behütet werden gegen die Wut der Daevas von neunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzig Fravaschis. Alle tausend Jahre aber wird aus den duftenden Wäldern eine reine Jungfrau badend in den See steigen. Und der Same des Erwählten wird sie überkommen und sie wird einen Sohn gebären, der das Werk der Reinigung fortsetzt. Der erste dieser erhabenen, Ukschyat-Ereta, der wachsen machen wird die Vollkommenheit, wird in der Zeit leben, da ein furchtbarer Werwolf die Menschen quälen wird. Zehn Tage und Nächte wird die Sonne am Himmel stille stehen, um den Erhabenen zu beglaubigen. Endlich wird der Wolf erlegt werden. Da werden alle reißenden Tiere verschwinden. Der Gesandte Angra-Mainyus aber, Malkosch, der finstere Geist, wird mit Schnee und Regen die Erdgefilde veröden. Und wieder tausend Jahre später wird die Sonne zwanzig Tage und Nächte am Himmel stehen; den Ukschyat-Nemo, der wachsen macht die Verehrung, wird aus der Jungfrau geboren sein. Des schlagenden Geistes Riesendrache aber wird über die Erde fauchen, bis ihn der Erhabene bezwingt; bis alle Schlangen von der Erde vertilgt sind. Da wird endlich der letzte Zeitraum nahen. Saoschyans wird aufstehen, er, der retten wird, der große Retter! Und auf der Jungfrau Schmerzenslager wird das unterbrechungslose Licht der dreißig Tage und Nächte scheinen. Ahura-Mazda aber wird ihm befehlen, den letzten Kampf zu wagen und auferstehen zu lassen die Toten. In jener Zeit wird man vom Geiste der Erde die Gebeine, vom Geiste des Wassers das Blut, vom Geiste der Pflanzen die Haare, vom Geiste des Feuers die Lebenskraft, die von ihnen vom Anbeginne aufgenommen wurden, zurückfordern. Und die Toten werden auferstehen in der Gestalt, die sie im Leben hatten, vierzigjährig die Älteren, fünfzehnjährig die Jüngeren. Und es wird die Weltversammlung Satvastran berufen werden, bei der alle Menschen erscheinen werden vom Urmenschen, von Gayo-Maretan, an. Saoschyans aber wird über sie Gericht halten mit fünfzehn männlichen und fünfzehn weiblichen Helfern. Da wird der Schweifstern Gurzschehr auf die Erde stürzen, die erzittern wird wie ein Lamm, wenn der Wolf es ergriffen hat. Die Metalle werden zerschmelzen und in ihrem brodelnden Strome werden die Bösen unsägliche Qualen erleiden. Die Guten aber werden hindurchgehen, als wäre es laue Milch. Und der Retter wird die Guten und Bösen scheiden, wie man weiße und schwarze Schafe voneinander sondert. Und er wird die Guten in das Reich des Lichtes führen, die Schlechten aber werden drei Tage und drei Nächte an den Ort der Qual gebracht, an dem sie Gräßlicheres erleiden werden als alles, was die Menschheit seit sechstausend Jahren erlitt. Allen wird ein Zeichen angeheftet sein, das ihre Schmach offenbart, und sie werden vergehen in Reue und Scham. Dann aber werden auch sie entsühnt sich vereinigen dürfen mit ihren Fravaschis, mit den Schutzgeistern, deren Mahnung sie das Ohr einst verweigerten. So wird alles gerettet sein durch den Retter! Angra-Mainyu aber wird erzittern, da er sein Ende fühlen wird. Und es wird schnell hereinbrechen. Denn die Ameschaspentas werden zertrümmern die Daevas und Ahura-Mazda wird den finsteren Geist zerschmettern und ihn hinabstürzen in seinen eigenen Abgrund, wo er mit dem Pfuhle selbst und mit allem Unreinen, das darin aufgehäuft ist, verbrennen wird und vernichtet sein wird für immer! Ewig aber wird währen das Reich des Lichtes!«

Zoroaster schwieg. Als aber die Flamme, hochauflodernd durch duftende Nahrung, den Sieg des heiligen Lichtes sinnbildhaft verkündete, da sah Pythagoras im weiten Umkreise des Horizonts auch auf den anderen Bergspitzen die Brände Ahura-Mazdas emporzüngeln. Und über die harzigen Wälder des kühlen Berglandes tönte stark und gläubig das Gebet:

»Das Gesetz der Anbeter Ahura-Mazdas sei von nun ab triumphierend! Unser Gebet gelange zu ihm! Und er zerschlage des schrecklich-furchtbaren Angra-Mainyu Gewalt!«

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