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Pythagoras

Egmont Colerus: Pythagoras - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/colerus/pythagor/pythagor.xml
typefiction
authorEgmont Colerus
titlePythagoras
publisherPaul Zsolnay Verlag Wien
printrun11.?15. Tausend
year1951
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090615
projectidc977bf57
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Einige Tage später brauste Pythagoras talabwärts. Hochaufgerichtet, dem Helios gleichend, stand er in einem leichten Streitwagen. Das Leopardenfell flatterte im Fahrtwinde und der Federschmuck seines Hauptes bog sich rückwärts. Sein scharfer Blick aber durchdrang die Zukunft, die sich allenthalben vor ihm aufrollte, während der vorgebeugte Wagenlenker die Zügel der schäumenden Rosse kurz hielt und die Randberge zurückflohen.

So flog er durch Städte, in denen das Volk sich zu Haufen rottete, die die ausziehenden Kriegerscharen mit tosendem Jubel feierten und mit Blumen bewarfen. Andere Städte sah er, die in dumpfer Trauer lagen und den toten Sohn der Sonne beweinten, während düstere Weihrauchwolken klagend zum Himmel schwelten. Floß auf Floß, Boot auf Boot schwamm den Nil hinab, beladen mit Kriegsgerät, Verpflegung, Rossen und mit Streitern, deren frischgeschliffene Keulenbeile und Sichelschwerter bläulich gleißten. Wieder andere Flecken lagen in schläfriger Ruhe, als ob die Kunde des furchtbaren Geschehens noch nicht bis zu ihnen gedrungen wäre. Ab und zu auch bemerkte er dumpfe Ratlosigkeit, Widerwillen, ja sogar offene Auflehnung gegen das nahende Unheil. Und mehr als einmal erhob sich das Volk in anklagender Wut gegen den Priester, der auf dem Streitwagen einhersauste.

Je näher er aber an Memphis gelangte, je weiter er sich von den naturgeschützten Gegenden des Südens entfernte, desto toller und rasender war die Hast der Vorbereitungen, desto massiger und dichter stauten sich auf dem Flusse und den Straßen die Züge der aufmarschierenden Truppen. An den Straßenrändern lagerten sie erschöpft und bestaubt und tranken aus ihren Helmen Rauschtränke und schrieen und johlten. Weiber mischten sich unter das wüste Getriebe, Dirnen und Landmägde, und alle Scham, alle Ordnung war versunken, da jeder nur den Augenblick noch erhaschen wollte, bevor es dem Tode entgegenging.

Dann gab es wieder ausgesuchte Kerntruppen, die ernst, fast heilig dahinstampften und nur mit verächtlichem Seitenblick die lockeren Haufen streiften.

Wo aber das Tal aus dem Gaue Piom herausführte, da ballte sich ein wahres Heerlager. Ein Wirrsal von Schiffen stand im Kanale und konnte sich kaum fortbewegen. Eine zweite, leere Reihe von Fahrzeugen jedoch zog in entgegengesetzter Richtung, um neue Ladungen zu holen. Brüllende, dichtgedrängte Viehherden schoben sich, Horn an Horn, Flanke an Flanke, buntgefleckt und dampfend, durch die Streitermassen, daß der Sand in Säulen aufwirbelte. Trompetenstöße, Trommeln, Klappern, Peitschenknalle zerrissen die Luft.

Alles Zusammenströmens Mittelpunkt aber war Memphis, über dem eine dichte Wolke von Dunst, Staub und Weihrauch schwebte.

Auch hier, soweit man durch die Straßen kam, Krieger, Streitwagen, Vorratskarren, Viehherden und erregte Menschen. Lange Züge von Sklaven und Werkleuten rückten, erbarmungslos durch den Brand der Sonne getrieben, zu den Mauern und Befestigungen, und die Schläge sausender Hämmer und Meißel, das Knirschen von Steinlasten und Tauen, Rollen und Leitern mengte sich in stets wiederkehrende heisere Befehlsrufe, Trauerhymnen und in Begeisterungsjauchzen.

Wie tief aber auch Pythagoras in das Gewirre vordrang, wie sehr er spähte, kein hellenischer Söldner ließ sich blicken. Einige Leute erkannten ihn. Der Name Phanes schrillte durch die Luft und sofort bildeten sich drohende Rotten, die wüste Schimpfreden erhoben. Er beachtete die wütenden Ausrufe nicht. Stolz jagte sein Wagen weiter, bis er in das Lager der Truppen, zu den Gebäuden der Oberbefehlshaber gelangte. Dort aber galt seine erste Frage den Hellenen und er erfuhr mit Entsetzen, daß sich alle Söldner in der Gegend von Sais versammelt hätten und unschlüssig harrten, jedenfalls aber schon jetzt kein Hehl aus ihrem Willen machten, nur um besondere, kaum erfüllbare Vorrechte und Belohnungen in den Kampf zu ziehen. Ja, es wurde sogar die Befürchtung ausgesprochen, die Hellenen könnten den kämpfenden Heeren Kemis in den Rücken fallen.

Tage um Tage war Pythagoras auf dem ratternden Bord des Wagens gestanden. Kaum einige Stunden hatte er in den Nächten geruht. Trotzdem entschloß er sich, als er diese Nachricht hörte, zu sofortiger Weiterfahrt. Er ließ die Pferde wechseln, belud seinen Wagen mit frischem Vorrate und sauste mit neuer Schnelligkeit dem Norden entgegen, wo nach seiner Überzeugung das Schicksal Kemis lag.

Wieder schwankten die Bilder von wilder Begeisterung bis zu tiefster Niedergeschlagenheit. Doch lag über den Ebenen derart sengende Hitze, daß Rosse und Lenker weit vor Erreichung des Zieles niederbrachen.

Er ließ sie am Wege zurück und befahl dem Lenker, langsam nachzukommen. Dann dang er im nächsten Dorfe ein schmales Boot, bemannte es mit zehn kräftigen Ruderern und jagte unter dem peitschenden Drucke lange durchgezogener Ruderschläge flußabwärts, bis die Pylonen und Obelisken saitischer Riesentempel sich endlich vom gelben Abendhimmel abgrenzten.

Sonderbare Stille zitterte über der Königsstadt; denn der Herr des Landes, der junge Psamtik, der der dritte seines Namens war, hatte sich schon nach Memphis begeben, um das Heer gegen Pelusium zu führen und dort, an der Grenze Kemis, den gierigen Perser zu empfangen.

Ein anderer Grund aber war noch für die Stille. Kein einheimischer Krieger weilte mehr im Umkreise, und alles Volk bangte vor den hellenischen Heerhaufen, die in ihren verschanzten Lagern sich strenge von der Außenwelt absonderten. Kaum gelang es dem Hierogrammateus, einen Führer zu finden, der ihm den Pfad zum Lager wies.

Vorposten hielten ihn an und wollten ihn vertreiben. Alle Willenskraft, allen Mut, alle Gewandtheit, seine Sprache, sein gebietendes Benehmen, List und Bestechung mußte er aufwenden, um in das Innere des Lagers vorzudringen. Ein Zufall aber kam ihm zustatten. Verödet lagen die Hütten und Zelte, denn die ganze Masse der Hopliten und Leichtgewaffneten hatte sich vor der Feldherrnbühne versammelt, um letzte, entscheidende Beschlüsse zu fassen.

Wildes Stimmengewirre brandete empor. Gesänge und Flüche durchzitterten die staubsatte Luft, als er auf verborgenen Umwegen, jeden Augenblick in äußerster Gefahr, knapp hinter die Feldherrnbühne gelangte. Noch bemerkte ihn keiner.

Dann aber, plötzlich, wie eine Erscheinung, ein Phantom, stand der fremde Priester, der Priester Ägyptens, in all seiner hohen Gestalt oben und breitete die Hände gegen die dichtgedrängten Myriaden panzerumhüllter Hellenen.

Und man erblickte ihn. Wie der Aufschrei eines wild gewordenen Tieres gellte es in höchsten Tönen durch die Masse. Sinnlose Wut brach hervor, Drohungen, Schmährufe, Hohn, rauhes Gelächter tobten auf. Die vordersten Reihen stürzten mit entmenschten Antlitzen gegen den Einzelnen. »Herunter!« »Zerschmettert ihn!« »Ein ägyptischer Priester!« »Ein Kundschafter und Verräter!« »Nieder mit Thersites!« so schrillte es durcheinander, und die Wucht des anprallenden Hasses schien allein zu genügen, den Einsamen zu lähmen, zu zermalmen, zu töten.

Da aber tönte plötzlich ein Klang über die Hellenen, ein hoher, voller, zwingender Klang, der ihr innerstes Herz traf, bevor seine Schwingung noch recht an ihr Ohr gelangt war.

»Männer aus Hellas! Karier, Jonier, Samier, Delier! Männer aus Milet, aus Kypros, aus Halikarnassos! Hellenische Männer, hört mich! Hört mich, Hellenen, dann tötet mich!«

»Wer ist er, er spricht unsre Sprache, spricht sie wie nur ein Mann aus Jonien?« »Wer ist er?« »Ist es ein Scherz, eine Verkleidung?« »Ein Verrat?« »Seht ihn, er hat die Gestalt eines hellenischen Athleten!« »Seht seine Augen, seine Stirne, die Nase!« »Er ist ein Hellene!« brandete es durch die Menge und flaute zu Geflüster ab.

Jetzt aber schwoll die Stimme oben zu dreifacher, zehnfacher Wucht an:

»Hellenen! Männer vom Festlande, von den Inseln! Was fragt ihr, wer ich bin? Sagt euch nicht euer Herz, der Klang meiner Rede, daß ich dort geboren wurde, wo die dunkelblaue See an die Olivenhaine ihre Wellen schlägt und die schlanken Tempelsäulen der Artemis, der Hera, der Aphrodite zum Himmel ragen? Ihr seid jung, Männer aus Hellas, sonst würdet ihr mich kennen. Würdet den kennen, der einem der sieben Weisen als Schüler einst zu Füßen saß!«

»Wer ist es?« »Kennt ihr ihn?« flüsterte es durch die gestaute Masse.

»Genug von mir!« tönte es von oben. »Von Thales soll hier nicht die Rede sein, nicht von Pythagoras! Von euch will ich sprechen, Männer aus Hellas!«

Weiter kam er nicht. Denn plötzlich toste es wieder durch die Luft. Nicht feindlich diesmal. Kindlich und begeistert und stolz. »Er ist unter uns, von dem unsre Väter erzählen!« »Der sonderbare Schüler des Thales, der Samier, der die Heimat verließ!« »Hört ihn, Freunde, hört seine Weisheit!« Und die wenigen, die höhnten oder widersprachen, wurden rasch niedergeschrieen. Insbesondere die Samier drängten mit Gewalt vor und jubelten stets aufs neue.

Da machte Pythagoras eine herbe, gebieterische Handbewegung, die ihm endlich Gehör verschaffte:

»Der Perser naht, ihr Männer, ihr Krieger aus Hellas!« rief er dröhnend. »Kennt ihr ihn, diesen hungrigen Barbaren? Breitet er sich nicht schon aus über Jonien? Zerstampft er nicht eure Felder? Hat er nicht eure Ölbäume umgehauen? Fragen will ich euch, fragen, ohne daß ihr antworten müßt, Männer aus Hellas! Warum seid ihr aus eurer Heimat geflohen, fortgezogen, verjagt worden? Wer greift nach den freien Inseln? Wer will in Delphi die Schätze rauben, Olympia zerstören? Gelüstet es euch nach einem Satrapen, der der Pythia gebietet? Wollt ihr den Satrapen? Antwortet mir nicht, ihr Krieger! Folgt jenem Phanes, der ein Hellene war, bevor er die Proskynesis leistete, bevor er vor dem Könige der persischen Barbaren aufs Antlitz fiel und den Staub von seinen Füßen leckte wie ein geprügelter Hund. Antwortet nicht! Folgt dem Phanes! Er wird eine goldene Tiara erhalten und lange weibische Gewänder und wird täglich den königlichen Staub lecken dürfen. Alle Hellenen werden den Staub des Kambyses küssen. Alle freien Männer werden Knechte sein und am Euphrat und Tigris Ziegel streichen für die Paläste und Tempel! Und die hellenischen Jungfrauen werden im Tempel des Belos ihren Schoß den Barbaren zur Beschmutzung bieten, werden Bastarde gebären, werden den Persern als Fußschemel dienen, ihr Hellenen! Haltet ein, murmelt nicht, hört die Lösung! Hört einen Satz: Folgt dem Phanes, wenn ihr diese Dinge wollt, folgt dem Phanes! Wenn ihr aber Hellenen seid, Männer, die ihre Tyrannen stürzen, wenn sie übermütig werden; Männer, die ihre Führer wählen und sich selbst Gesetze schaffen und sich nur von den Edelsten der Stadt beherrschen lassen: Dann – Männer aus Hellas – dann ergreift die Waffen und kämpft für euch, für eure Väter und Volksgenossen, für eure Götter und Heiligtümer gegen den Feind der Freiheit, den Mörder des Rechtes, den blutigsten aller Tyrannen, den gehässigsten Feind der Hellenen! Streitet gegen den Kambyses, den hochmütigen König, der sich heute schon Herr aller Völker nennt! Zerschlagt seine Scharen, damit er nicht morgen euren Vätern und Jungfrauen seine Satrapen sende!«

Tiefes, schicksalsschweres Schweigen, ein fast unglaubliches Schweigen lag über der Menge. Dann aber brach es los, brach so urgewaltig hervor, daß Pythagoras unter der Wucht seines Sieges fast niedersank.

Während aber noch der wilde Kriegs-Paian, die tosende Begeisterung, die grauenhafte Wut gegen Phanes sich in ungezügelter, unhemmbarer Art Ausdruck schuf; während die Führer die Massen zum Abmarsche bereitstellten und letzte Anordnungen trafen; während reitende Boten in die Hauptstadt Memphis rasten, um den ägyptischen Truppen den sofortigen Anschluß der Hellenen mitzuteilen, eilte Pythagoras durch das Dunkel in den Tempel der großen Net nach Sais, wohin er seinen Wagenlenker bestellt hatte; wo er sich den Kundgebungen seiner Stammesgenossen entziehen konnte. Denn er wußte, daß keine Macht des Erdkreises die Hellenen mehr von ihrem Entschlusse abbringen konnte. Und wußte, daß sie streiten würden und kämpfen und siegen, – oder sterbend unterliegen würden für die große, gemeinsame Sache der Abwehr gegen Kambyses, gegen Fußfall und Knechtschaft. –

Sonderbare Gefühle erfaßten ihn, als er den Tempelbezirk betrat. Wie drohende, mahnende Schatten hoben sich die riesenhaften Massen der Heiligtümer vor ihm empor und wurden für ihn zu unverständlichen Schreckgestalten. Plötzlich wurde ihm voll bewußt, daß sein nächster Schritt Befolgung des Befehles sein müsse, den ihm Sonchis erteilt hatte: Die Jahre in Kemi waren zu Ende. Und jetzt konnte er erst begreifen, warum die vertrauten Formen der Tempel ihn nicht heimatlich grüßten. Lag doch, unbespiegelt von klaren Gedanken, im Untersten seiner Seele das Wissen, daß er nie mehr nach der Hunderttorigen zurückkehren, daß er nie mehr die Säulenwunder durchschreiten würde. Namenloser Schmerz durchkrampfte sein Gemüt und er gab nur hastig den fragenden Priestern Auskunft über die Ereignisse der letzten Stunden.

Als ihm aber ihre liebevolle Sorgfalt ein Lager bereitet und Speise und Trank verschafft hatte, begann ein leichtes Fieber seinen mächtigen Leib zu schütteln. Ruhelos wälzte er sich von einer Seite zur anderen, Traumgesichte wechselten in buntem Wirrwarr mit wachem Gedankenstückwerk und sein Herz pochte wild und trieb rauschende Blutströme durch sein Hirn.

Alles war gleichzeitig: Karmel und die Urgötter, die marschierenden Truppen Kemis, die Söldner, Bertreri, Landschaften und Gewässer, Worte und Zahlen. Seine Heimat tauchte empor, seine Eltern, Sprachen verwirrten sich, Sterne kreisten und Götter redeten ihn an.

Stets aber tauchte aus all der Mannigfaltigkeit einsam und gütig Sonchis empor und blickte ihn mit unsäglich traurigen Augen an. Schien ihm etwas sagen zu wollen, tat den Mund auf und zerfloß in Nebel und Farbenringe, die seine Gedanken und Gefühle wieder durch neue Katarakte jagten.

Über die Felsen der Nekropolis riß ihn das wilde Gefährt, sauste knapp an den schwindelnden Abgründen und er sah Kemi unter sich, gebeugt und verwüstet durch Fremdherrschaft. Schwarze, feuerdurchzuckte Rauchsäulen stießen über den Häuserwogen Thebens empor, drehten sich zu gräßlichen Wirbeln und verdunkelten die Sonne. Und Regen rauschte plötzlich nieder, lauer, trauriger Regen, und die heiligen Affen schrieen und rannten über die Felsenklippen; bis sie seinen Wagen erfaßten und in den Abgrund schleuderten.

Da schwebte er. Höher und höher entschwebte der Bord des Streitwagens, reine Sonne glänzte wieder im Umkreise und Sonchis stand da. Und wieder tat er den Mund auf – wieder zerfloß er zu Dunst und Sonnenflirren.

Und als die Gesichte schwanden und kalte Klarheit mit jähem Rucke von ihm Besitz nahm, da sagte er sich vor, daß der Morgen ihn flußabwärts führen würde zum Meere, nach Hellas, nach Samos.

Keine Freude erweckte diese Einsicht. Im Gegenteil: Furchtbar mahnend, drohend, todestraurig stand wieder der Oberpriester mitten im Felde seiner Einbildungskraft. Und die gräßliche Furcht löste sich erst, als er spielerisch die Möglichkeit erwog, allen Vorsatz zu vergessen und wieder nach Theben zurückzukehren. Und plötzlich sprach eine fremde Stimme, die er trotzdem seit je kannte; eine zwingende, unbestechliche, ewige Stimme:

»Sonchis hat dir befohlen, Kemi zu verlassen. Jetzt aber steht er vor dir und gestattet Heimkehr. Heimkehr in deine zweite Heimat, nach Theben, in das Haus des großen, verborgenen Amun!«

Fieberschauer begannen ihn zu durchrasen, sein Bewußtsein schwand. Farbenflecken sausten in unnennbaren Wirbeln und Kreisen. Und kalter Schweiß bedeckte ihn.

Als er aber, fahl im Antlitze, erwachte, fragte er nicht. Fragte nicht nach Ort und Zeit, sondern bestieg seinen Wagen, umarmte die Priester und fuhr still und in sich gekehrt nach Süden. So fuhr er an den schweigenden Städten vorbei, die in der Erwartung entscheidenden Schicksales bebten. Fuhr durch Landstriche, von denen er gewähnt hatte, er werde sie nie wiedersehen – und sah sie auch nur wie im Traume. Bis er, abgezehrt und fiebernd, doch befriedigt im Gefühle erfüllter Sendung, wieder in Theben einlangte.

Er eilte zu Sonchis. Alle Kraft, alle Spannung seiner Seele aber kehrte wieder, als er den Greis auf dem Totenbette antraf. Noch einmal erhob sich der Prophet aus dem beginnenden Urschlafe, noch einmal riß es ihn von den Toren des Totenreiches zurück, als er den Schritt des Pythagoras hörte. Dann sagte er leise und mühevoll:

»Es ist gut, daß du kamst, du mein Sohn! Ich rief dich herbei. Denn heute, am Saume des westlichen Reiches, weiß ich, daß deine Irrfahrt noch nicht am Ende ist. Ich wollte dich vor Gefahr behüten. Der Unerforschliche aber schickt dich in Gefahr, damit du doppelt, dreifach ein Mensch werdest. Und dein großes, einziges Schicksal bis zum Rande erfüllest! Leb wohl, Pythagoras!«

Pythagoras aber schloß ihm die Augen, führte ihn selbst in die ewige Wohnung am westlichen Ufer und sprach über ihm die heiligen Totengebete.

Dann harrte er unbeugsam der Entscheidung!

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