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Pucki wird eine glückliche Braut

Magda Trott: Pucki wird eine glückliche Braut - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePucki wird eine glückliche Braut
publisherVerlag A. Anton & Co.
printrun14.-28. Tausend
year1937
firstpub1937
illustratorG. Kirchbach
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151216
modified20160425
projectidf3422dc9
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Freudvoll und leidvoll

Pucki hielt einen Brief ihrer liebsten Freundin Carmen Gumpert in Händen. Mehrere Jahre hatte sie mit Carmen gemeinsam die Schule besucht. Die beiden Mädchen waren in derselben Pension gewesen. Die stille, schwarzhaarige Carmen, deren Mutter sehr früh gestorben war, saß tief in Puckis Herz. Anfangs war es inniges Mitleid gewesen, was sie für die Halbwaise empfand, deren Vater als Schiffsarzt seine Tochter mitunter jahrelang nicht sehen konnte. Später wurde herzliche Freundschaft gehalten; die jungen Mädchen schrieben sich auch jetzt noch eifrig.

Nun war heute ein Brief von Carmen gekommen, der Pucki unendlich glücklich machte. Carmen schrieb ihr, daß sie sich heimlich verlobt hätte. Der Mann, der sie zu seiner Frau erwählen wollte, war Offizier bei der Handelsmarine. Carmen hatte Christian Stieger in Hamburg kennengelernt, als sie den Vater, der von weiter Reise heimkehrte, besuchte.

»Ich bin unendlich glücklich, Pucki. Ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß Christians Wahl auf mich fiel. Papa ist sehr zufrieden, denn er kennt Christian genau und weiß, daß ich bei ihm gut aufgehoben bin. Wir werden nicht lange mit der Heirat warten. Wir sahen uns, und wir liebten uns. Als ich ihm das erstemal begegnete, wußte ich, daß er der Mann sei, der für mich bestimmt ist. So mag es wohl oft im Leben sein. Man begegnet sehr vielen Männern, für die man nichts weiter empfindet als freundliche Zuneigung, bis der Eine kommt, der Herz und Seele gefangen nimmt. – Du weißt, ich bin keine überschwengliche Person, aber ich könnte jubeln und jauchzen, und Dir muß ich mein Herz ausschütten.«

Pucki ließ den Brief in den Schoß sinken. Sie freute sich über Carmens Glück, sie wünschte der geliebten Freundin alles Glück auf Erden. Auf den ersten Blick hatte sich Carmen in Christian verliebt. Was schrieb sie? »Man begegnet sehr vielen Männern, für die man nichts weiter empfindet als freundliche Zuneigung, bis der Eine kommt, der Herz und Seele gefangen nimmt.«

Das junge Mädchen ließ die Blicke hinaus durchs Fenster schweifen. Wenn sie diese Straße geradeaus ging und in die zweite Querstraße einbog, dann befand sich dort die Apotheke zum »Goldenen Löwen«, in der Hans Rogaten tätig war. Sie war ihm sehr gut, aber Carmen behauptete, Liebe müsse auf den ersten Blick kommen. Die überspannte Lulu Pelling dichtete täglich einen Mann an, den sie auch nur einmal gesehen hatte, und behauptete, er sei für sie bestimmt.

Liebe auf den ersten Blick! – Was würde wohl Claus Gregor dazu sagen? Wie freundlich und ruhig verliefen die Begegnungen, die sie mit ihm hatte. Beim letzten Zusammentreffen aber schlug ihr Herz so verlangend, sie sehnte sich geradezu danach, daß er, wie in der Kinderzeit, den Arm um sie legte. Früher hatte er einmal zu ihr gesagt: »Kleine Pucki, ich habe dich sehr lieb.« Diese Worte waren in letzter Zeit nicht mehr gesprochen worden. Mitunter glitten seine Augen forschend über sie hin. Er empfand wahrscheinlich für sie Freundschaft und Zuneigung, bis eine kam, die ganz plötzlich sein Herz und seine Seele gefangen nahm.

Pucki las in dem Briefe der Freundin weiter. Wieviel Glück sprach aus den Zeilen! Da waren keine überspannten Ausdrücke, wie sie Lulu gebrauchte, alles klang schlicht und ging doch zu Herzen.

»Es muß schön sein, geliebt zu werden und wieder zu lieben.«

Ein netter Mann war Christian Stieger ganz gewiß. Carmen schrieb, daß er nur Augen für sie hätte. Ein anderes Mädchen käme für ihn nicht mehr in Betracht. Er geize mit jeder Minute, die er mit ihr zusammen sein könne.

Pucki runzelte die Stirn. Hans Rogaten war anders. Einmal war sie mit ihm spazieren gegangen. Sie trafen zwei junge Mädchen, mit denen er sich in ein längeres Gespräch einließ. Das würde Christian Stieger niemals tun. Aber Rogaten verabredete sich – das wußte Pucki genau – zu Ruderpartien mit anderen jungen Mädchen.

»Er liebt mich nicht – nein! Er hat nur Freundschaft für mich«, dachte Pucki. »Und ich liebe ihn wahrscheinlich auch nicht, obwohl Lilli und Susi meinen, daß ich einmal seine Frau werde. Sie hätten sichere Anzeichen dafür. Nun, ich will ihm einmal auf den Zahn fühlen.«

Am Sonntag war ein Zusammensein verabredet, das letzte vor den großen Ferien. Fünf Tage später ging es heim, heim nach Birkenhain zu den Eltern, zu den Geschwistern und zu allen Freunden.

Wieviel gute Ratschläge waren ihr von den Mitschülerinnen erteilt worden! Eine sagte, sie dürfe nicht so spröde sein, sonst fühle sich der Bewerber vor den Kopf gestoßen und wage den Antrag nicht. Aber Hans Rogaten würde ihn wagen, er war immer keck! Eine andere meinte, man müsse die Eifersucht wecken, von anderen Verehrern erzählen, um den Bewerber zum Reden zu bringen.

»Eher beiße ich mir die Zunge ab«, sagte Pucki, »als daß ich einem Manne sage, wie es in meinem Innern aussieht. Auch wenn ich mich einmal bis über die Ohren verlieben sollte, wird es derjenige nie – nie erfahren. Nein, das tue ich nicht! Mag er mich umwerben, dann erst werde ich mich erweichen lassen.«

Ob Claus Gregor sich überhaupt mit der Absicht trug, sie zu wählen? Ach, daß er sich doch in Rahnsburg als Arzt niederließe! Es fand sich dann in den Winterferien Gelegenheit, ihn als Arzt aufzusuchen. – –

Am Sonntagvormittag kam wieder ein Brief von Carmen. Er kündete abermals von ihrem großen Glück. Sie schilderte die Vorzüge Christians in allen Tonarten.

»Komisch muß es mit der Liebe sein«, philosophierte Pucki, »Carmen war immer ein ruhiges Mädchen. Ich glaube, sie fängt auch noch an, Gedichte zu machen wie Lulu. – Ich würde nie Gedichte machen! Wenn mich einmal der Herzallerliebste fragte: Willst du mein sein, dann sagte ich ja oder nein. Dann wäre der Fall erledigt.«

Sie freute sich auf das heutige Zusammentreffen mit Hans Rogaten. Auch er kannte Carmen. Sie würde ihm die Neuigkeit mitteilen und ihn dabei ein wenig beobachten.

Auf dem Augustusplatz pflegten sie sich zu treffen. Hans Rogaten kam mit einer Tüte Taubenfutter, ebenso Pucki. Dann fütterten sie gemeinsam die vielen Tauben, die so zahm waren, daß man mitten durch den Schwarm gehen konnte, ohne daß die Tierchen fortflogen. Sie fraßen aus der Hand und kamen mitunter sogar auf die Schulter geflogen. Pucki hatte stets ihre hellste Freude an dieser Fütterung. Die ganze Woche hindurch höhlte sie morgens ihre Brötchen aus, um den Tauben auch anderes zu geben als immer nur das übliche käufliche Futter.

Als Pucki auf dem Augustusplatz ankam, war der junge Apotheker noch nicht anwesend. Sie schaute auf die Armbanduhr und stellte fest, daß bereits drei Minuten über die verabredete Zeit vergangen waren.

»Er geizt nicht mit jeder Minute«, murmelte Pucki, »ein Beweis, daß er nur Freundschaft für mich hat.«

Sie fütterte die Tauben. In hellen Scharen pickten sie zu ihren Füßen das Futter, aber noch immer war Hans Rogaten nicht gekommen.

»Zweiundzwanzig Minuten über die verabredete Zeit. Das ist unerhört! Dabei wollten wir heute zusammen zur Rennbahn hinausgehen.«

Als sie im Begriff war zu gehen, sah sie ihn kommen. Schon von weitem rief er ihr lachend zu: »Fein, daß ich dich noch treffe, ich dachte schon, du wärest davongelaufen.«

»Zweiundzwanzig Minuten über die verabredete Zeit. Ich nenne das unpünktlich und unhöflich.«

»Stimmt, Pucki! Aber ich habe die kleine Mausi Feldmann getroffen. Wir hatten uns viel zu erzählen.«

»Und mich ließest du warten.«

»Du hast ja inzwischen mit den Tauben Vergnügen gehabt.«

»Du bist und bleibst eben ein unhöflicher, junger Mann, Hans. Andere Männer geizen mit jeder Minute, um mit der – – mit der Freundin zusammen zu sein. Christian würde Carmen niemals so lange warten lassen.«

Er schob seinen Arm in den Puckis, lachte sie vergnügt an und sagte: »Komm, wir gehen durch die Anlagen. Ich habe dir viel zu erzählen.«

»Ich dir auch, Hans. – Carmen hat sich verlobt. Carmen ist glücklich. Ihr Christian liebt sie über alles.«

»Schau schau, aus Kindern werden Leute! Kann mir denken, daß die schwarzhaarige Carmen den Männern gefällt.«

»So – die Blonden gefallen ihnen wohl nicht?«

»Mir gefallen die Blonden weit besser als die Schwarzen. Wenn ich ein blondes Mädel sehe, lacht mir das Herz im Leibe.«

»Ist Mausi Feldmann blond?«

»Nein!« –

»Ich dachte.«

»Ich dachte soeben an dich, Pucki, wenn ich sagte, daß mir die Blonden besser gefallen. – Also Carmen ist verlobt? Erzähle mal.«

Pucki pries die Tugenden Christians in allen Tonarten. »Er läßt sie nicht aus den Augen, er geizt mit jeder Minute. Er würde Carmen niemals warten lassen. Kein anderes Mädchen kommt mehr für ihn in Betracht. Er rudert nur mit ihr. – Ja, er liebt sie eben. Liebe auf den ersten Blick.«

»So? – Liebe kann auch langsam wachsen. Erst ist es Kinderfreundschaft, dann Schulfreundschaft, daraus wird die Tanzstundenliebe und schließlich die fürs Leben.«

»Ich bin anderer Meinung. Liebe auf den ersten Blick muß etwas Herrliches sein.«

»Da muß ich also all meine Hoffnungen aufgeben. Ich hatte mir eingebildet – – Na, ja – – Du, Pucki, da sich Carmen verlobt hat, bekommst du nicht auch Lust? Mit zwanzig Jahren kann ein junges Mädel ans Heiraten denken.«

»Gewiß – ich habe nur den noch nicht gefunden, der, wie Carmen schreibt, mein Herz und meine Seele ausfüllt.«

»Ist wirklich noch keiner da?«

»Nein, ich wüßte keinen.«

»Na – du hast mich doch sehr gern?«

»Dich? – Hast du mich nicht eben zweiundzwanzig Minuten warten lassen! Ich könnte dich ohne weiteres auch versetzen, Hans. Wenn ich dich liebte, wäre das unmöglich.«

»Aber den Claus, den hast du gern?«

Pucki wandte den Kopf zur Seite und sah in die lustigen Augen des Apothekers. »Ach – den Claus – du meinst den Claus Gregor – den Arzt?«

»Nun freilich, wen denn sonst – deinen Claus!«

»Meinen Claus?« Puckis Herz klopfte rascher. Doch dann sagte sie gedehnt: »Auch so eine Jugendfreundschaft. – Gewiß, ich mag ihn recht gern.«

»Wirklich nur eine Jugendfreundschaft, Pucki?« Rogaten wurde etwas ernster.

»Selbstverständlich!«

»Es würde dir also kein Herzweh verursachen, wenn du hörtest, daß sich Claus verloben will?«

Pucki hatte ein Gefühl, als renne es eisig über ihren Rücken hinab. Sie wandte den Kopf zur Seite, betrachtete interessiert die grünen Rasenflächen und sagte endlich: »Ich gratuliere ihm herzlich.«

»Nein, Pucki, so weit ist es noch lange nicht. Ich weiß ja nichts Genaues. Nur Eberhard – –«

»Ich weiß, der Bruder von Claus, er studiert Schiffsbau.« Pucki wollte jetzt um jeden Preis etwas sagen, um festzustellen, daß ihr die Kehle noch nicht ganz vertrocknet war. »Also der Eberhard – – Will der sich auch schon verloben?«

»Nein – der Eberhard schrieb mir in letzter Zeit mehrmals. Er ist augenblicklich in der Oberförsterei bei den Eltern, und wenn du heimkommst, wirst du ihn sehen.«

»Was schreibt er?«

»Claus ist doch in Breslau an einem Krankenhaus.«

»Das weiß ich längst. Claus ist mein Freund, wir schreiben uns ausführliche Briefe und haben keine Geheimnisse. Uns beide verbindet eine treue, gute Freundschaft.«

»Claus schickte in die Oberförsterei ein junges Mädchen, Bianka Gossen heißt sie. Sie soll eine entfernte Verwandte von Frau Gregor sein. Eberhard vermutet, daß diese Bianka die heimlich Erwählte seines Bruders ist. Er schrieb den Eltern, sie möchten sich des jungen Mädchens liebevoll annehmen. Diese Bianka soll ein reizendes Mädchen sein.«

Eine Weile schritten die beiden stumm nebeneinander dahin.

»Pucki?« –

Sie gab keine Antwort.

»Pucki – fehlt dir was?«

»Nicht im geringsten, Hans. Ich habe morgen wieder einen Vortrag im Seminar zu halten, daran denke ich.«

»Pucki?« –

»Was willst du denn von mir? Ich denke, wir wollten zur Rennbahn gehen?«

»Wir sind ja schon auf dem Wege.«

»Ich werde mich wahrscheinlich um eine Anstellung in einem Kindergarten bemühen. Ich finde es herrlich, einmal Leiterin eines Kindergartens zu sein. Die Kinder werden an mir wie an ihrer Mutter hängen. Selbst wenn ich ganz alt bin und schon graue Haare habe, soll es noch heißen: der Sandlersche Kindergarten ist vorbildlich.«

»Und eines Tages kommt der Mann, der dich liebt, der Kindergarten ist vergessen, du nähst an der Aussteuer und – heiratest.«

»Das glaube ich nicht. Ich kann nicht so schwärmen wie Carmen, ich könnte niemals solche Gedichte machen wie Lulu. – Ich würde es auch niemals tun. Ich bin zwanzig Jahre alt und stehe heute dem Leben anders gegenüber als einst, da ich dumme Streiche machte und mich in Lehrer und Künstler verliebte. – Nein, Hans, das gibt es bei mir nicht. Mein Ziel, einen eigenen Kindergarten zu leiten, werde ich durchführen.«

»Schau mal dort drüben die Konditorei ›Alpenveilchen‹! – Pucki, an was erinnert sie dich?«

Über Puckis eben noch ernstes Gesicht glitt ein Lachen. »Ich weiß schon, du böser Mensch!«

»Nie wieder ins ›Maiglöckchen‹«, sagte Rogaten mit tiefer Stimme. »Weißt du noch? – Aber ins ›Alpenveilchen‹ könnten wir einmal gehen. Dort sitzt kein Rennfahrer Ikonda. – Du wirst auch keinen Gast um ein Autogramm bitten. ›Bütä – meine Herren, wo ist die Weg zu die Bahnhof.‹ – Pucki, erinnerst du dich noch daran?«

»Freilich, Hans, es war eine Dummheit, aber diese Dummheiten sind doch in der Erinnerung furchtbar nett. Meinst du das nicht auch?«

»Natürlich, Pucki. Und noch ein anderes Mal warst du mit Claus im ›Maiglöckchen‹.«

Da war das fröhliche Lachen aus Puckis Gesicht wieder verschwunden. Fast krampfhaft suchte sie nach einem neuen Unterhaltungsstoff. Von Carmen wollte sie nicht erzählen, aber aus dem Seminar gab es mancherlei zu berichten. Und bald plauderte sie wieder munter.

Im »Alpenveilchen« frischte Hans Rogaten nochmals die Erinnerungen aus dem »Maiglöckchen« auf. Die beiden lachten herzlich und verlebten eine vergnügte halbe Stunde. Dann gingen sie weiter durch die schönen Anlagen hin zur Rennbahn.

»Überall Erinnerungen an einst«, sagte Pucki. »Jetzt brauchte nur noch Ikonda mit seinem Rennwagen aufzutauchen. – Ach, Hans, wie habe ich mich damals dumm betragen!«

»Eine Locke hast du dir abgeschnitten – –«

»Dann hat er mich mit einem Gedicht veralbert. – Doch das wird nun alles anders. In einem halben Jahr mache ich das Examen. Dann habe ich einen Beruf und werde ein ernster Mensch, der keine Lust mehr an Albernheiten hat.«

Als Hans Rogaten am späten Nachmittag in dem Lokal, das man besucht hatte, eine Flasche Wein bestellen wollte, wehrte Pucki ab.

»Nein, Hans, sonst geht es wie auf der Waggerburg. – Weißt du noch?«

»Richtig, das habe ich ja ganz vergessen. – Engelbert Steigum hat in deines Vaters Bezirk eine Försterei bekommen. Dein Engelchen, Pucki!«

»Hans, warum erinnerst du mich an meine dummen Streiche! Niemals werde ich den Tag vergessen, an dem ich das Engelchen im Elternhaus wiedersah.«

»Eberhard schrieb, das Engelchen habe schon nach dir gefragt. Herr Steigum wird sich erlauben, wenn du im Sommer daheim bist, in Birkenhain vorzusprechen.«

»Das soll er lieber bleiben lassen!«

»Du kannst nicht wissen, Pucki, ob er nicht einmal dein Glück wird. Ihr habt euch lange nicht gesehen. Plötzlich steht ihr euch gegenüber, dann kommt die Liebe auf den ersten Blick, von der du schwärmst, und die Verlobung ist da.«

»Du irrst, Hans, ich werde nie heiraten.«

»Dann hätte dein Leben keinen Zweck, Pucki. Ich bilde mir ein, daß gerade du eine prächtige Frau und Mutter werden wirst.«

»Trotzdem heirate ich nie – nie!«

»Das sagst du mir ganz offen ins Gesicht? – Wenn ich nun die Absicht hätte, um dich zu werben? Oder – brauche ich mich nicht erst zu bemühen?«

»Was du eben sagst, ist nicht dein Ernst, Hans.«

»Warum nicht? Ich habe dich sehr gern, Pucki. Ich kann mir denken, daß wir beide ein prächtiges Paar abgeben könnten.«

»Soll das eine Werbung sein?«

»Ich frage in aller Freundschaft an, ob aus dieser Freundschaft nicht etwas anderes werden könnte. – Jung gefreit, hat nie gereut. Warum soll sich der Apotheker aus der ›Löwen-Apotheke‹ nicht verloben?«

»Du meinst – weil Carmen und weil Claus – –«

»Weil ich dich sehr liebhabe, Pucki.«

Sie warf den Kopf in den Nacken. »Zweiundzwanzig Minuten habe ich bei diesen Tauben gestanden. Ich kann mir nicht denken, Hans, daß du mich so liebst, daß wir ein langes Leben glücklich sein könnten. – Du bist mein Freund, Hans. Niemals werde ich vergessen, wie du mir beistandest, als ich hilflos in Eisenach war.«

»Deinetwegen habe ich in Leipzig eine Stelle angenommen, Pucki. Um in deiner Nähe zu sein.«

Sie reichte ihm beide Hände. »So handelt eben ein guter Freund, Hans. Ein guter Freund verplaudert sich, wenn er weiß, daß die Freundin wartet. Es ist ja nur die Freundin, die kleine Unarten übersehen muß, weil Freundschaft dadurch nicht in die Brüche gehen kann.«

»Na, na –«

»Das wäre ein schlechter Freund, Hans, der bei jeder Mißhelligkeit die Freundschaft aufkündigte. Freundschaft ist etwas Schönes, das habe ich von meiner Mutter erfahren, die bis heute mit ihren Jugendgespielen in Freundschaft verbunden ist. Nicht wahr, Hans, wir wollen es auch so halten. Sieh, ich habe dich sehr lieb, ich möchte auch weiter zu dir kommen, wenn ich einmal etwas auf dem Herzen habe.«

»Gewiß, Pucki.«

»Ich glaube auch nicht recht daran, daß du mich so liebhast, wie es sein muß. Das war nur ein Gedanke von dir. Laß uns weiter Freunde sein.«

Sie sprachen nicht mehr davon. Hans Rogaten gab sich zwar Mühe, wieder neue Scherze zu machen, damit Pucki fröhlich bliebe, aber über seiner Stimme lag es wie ein Schleier.

»Sehen wir uns noch einmal bis Freitag? Dann fährst du ja heim.«

»Du hast Donnerstag deinen freien Nachmittag, Hans. Wollen wir dann zusammen sein? Ich muß allerdings nochmals zu Marie Falk gehen. Denke nur, ich habe hier aus Rahnsburg Bekannte getroffen, die Marie Reichert, die Schwester der Thusnelda.«

»Wir wollen uns am Donnerstag nochmals sehen, wenn es auch nur für eine Stunde ist. Ich werde dich nicht mehr warten lassen, ich werde«, und wieder trat das schelmische Leuchten in seine Augen, »mit jeder Minute geizen.«

Am nächsten Tage, als Pucki allein in ihrem Zimmerchen saß und das gestrige Zusammensein mit Hans überdachte, kam tiefe Traurigkeit über sie. Wie hatte sie sich auf die Heimreise gefreut, in der Hoffnung, Claus Gregor wiederzusehen. Er wollte im Sommer ebenfalls bei den Eltern sein, um alles vorzubereiten, weil er am ersten Oktober die Praxis von Doktor Kolbe in Rahnsburg übernahm. Gewiß, Claus Gregor würde daheim sein. Pucki würde auch mit ihm zusammentreffen, doch man würde nicht mehr zu zweit durch den herrlichen Wald wandern. An seiner Seite schritt eine andere, jene Bianka Gossen. Er würde sie natürlich keine Minute aus den Augen lassen, er würde immer um sie sein. Nur aus Höflichkeit vielleicht forderte er die Försterstochter noch auf, an den Spaziergängen teilzunehmen. Wie froh mochten die beiden Glücklichen sein, wenn sie die Aufforderung ablehnte.

Warum stieg es ihr plötzlich heiß in die Augen? »Ich weiß nicht mehr, was mit mir ist«, sagte sie ärgerlich. »Claus besitzt seit jeher meine Freundschaft. In allen Lebensaltern bin ich ihm begegnet. Immer hat er sich wie ein treuer Freund gezeigt. – Habe ich mir mehr eingebildet?«

Von Claus gingen ihre Gedanken wieder zu Hans Rogaten. Meinte er es ernst? Trug er sich wirklich mit dem Gedanken, sie einmal zu seiner Frau zu machen? Es schien beinahe so, als ob sie ihm mit ihrer Abweisung einen Schmerz zugefügt hatte. Wahrscheinlich verbarg er – ebenso wie sie – ängstlich seine innersten Gefühle. Er wollte nicht, daß Pucki merke, daß er sie liebte. – War es nicht besser, wenn sie am Donnerstag nicht mehr mit ihm zusammenkam? Aber nein, Hans würde traurig sein.

Sie wollten in eine Konditorei gehen, und dort würden sie von alltäglichen Dingen plaudern, um eine Stunde später wieder auseinanderzugehen. – Ja, so war es am richtigsten!

Am Donnerstag, als sich Hans Rogaten pünktlich auf dem Augustusplatz einstellte, schlug Pucki sogleich den Besuch einer Konditorei vor.

»Du bist wohl schon in froher Reisestimmung?« fragte er sie.

»Ja, Hans, ich bin sehr glücklich. – Hast du auch bald Urlaub?«

»Nein, erst im Herbst. Ich werde dann mit meinem alten Herrn eine Reise nach Norwegen machen. Mein alter Herr will Bilder malen.«

»Es ist schön, daß du dich mit deinem Vater so gut stehst. Ihr seid wie zwei Freunde. Es muß hübsch sein, mit seinem Vater zu reisen.«

»Noch viel hübscher wäre es, mit seiner Braut zu fahren.«

Pucki bog das Gespräch hastig ab. Nach Verlauf von zehn Minuten mahnte sie an den Heimweg.

»Ich habe noch zu packen, Hans. Morgen mittag, sobald das Seminar geschlossen hat, geht es zur Bahn.«

»Ich habe leider keine Zeit, sonst würde ich selbstverständlich auf dem Bahnhof sein.«

»Sechs Wochen Ferien! – Was kann in der langen Zeit alles geschehen.«

»Hoffentlich verlebst du eine schöne Ferienzeit.«

»Ach, Hans«, sagte Pucki plötzlich kläglich.

»Nanu, Pucki?«

»Gewiß, ich werde eine schöne Ferienzeit verleben. – Ob Engelbert Steigum sich wirklich bei den Eltern einstellt? Das wird ein spaßiges Wiedersehen sein!«

Dann nahmen sie Abschied voneinander. Noch einmal wünschte Hans Rogaten seiner Freundin recht schöne Ferientage.

»Ich werde meine kleine Freundin sehr vermissen. – Sechs Wochen ohne Pucki!«

»Hänschen – ich glaube, die Mausi Feldmann ist ein liebes Mädelchen. Wenn du sie näher kennenlernst, besticht sie dich. Ich könnte mir denken, daß sie einmal eine prachtvolle Frau für dich abgibt.«

»So? – –«

»Du mußt dich öfters mit ihr treffen, wenn ich fort bin. – Willst du mir das versprechen?«

»Warum, Pucki?«

Sie senkte den blonden Kopf. »Weil ich nicht will«, sagte sie leise, »daß du meinetwegen leidest. Ich weiß ja nicht, ob es so ist, aber es würde mich unendlich traurig machen, zu wissen, daß ich dich betrübte, Hans.«

»Pucki, kleine, gute Pucki – wir sind doch gute Freunde.«

»Sind wir es wirklich, Hans? Gute Freunde?«

»Ja, Pucki.« – –

Am frühen Morgen des nächsten Tages bekam sie von Hans Rogaten noch einen Brief. Ein Vers war es, den er niedergeschrieben hatte. Ein Vers und ein herzlicher Gruß. Trotzdem wurden Pucki die Augen naß, als sie die wenigen Zeilen las:

»Die Freundschaft ist die heiligste der Gaben,
Nichts Heiligeres könnt' uns Gott verleih'n,
Sie würzt die Freud' und mildert jede Pein.
Und einen Freund kann jeder haben,
Der selbst versteht ein Freund zu sein.«

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