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Pucki wird eine glückliche Braut

Magda Trott: Pucki wird eine glückliche Braut - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePucki wird eine glückliche Braut
publisherVerlag A. Anton & Co.
printrun14.-28. Tausend
year1937
firstpub1937
illustratorG. Kirchbach
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151216
modified20160425
projectidf3422dc9
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In fröhlichem Kreise

Hedi Sandler durchmaß mit großen Schritten das kleine Zimmer. Jedesmal, wenn sie an der Tür ankam, hob sie die Arme hoch und murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Dieses Murmeln wurde lauter und zusammenhängender, bis es von lautem Lachen unterbrochen wurde.

Das Lachen kam von der Kommode herüber. Auf ihr saß ein junges, schlankes Mädchen, das Hedi mit blitzenden Augen ansah.

»Bist du nun fertig mit deinem Vortrag, Pucki?«

»Laß mich, Susi, noch bin ich mir nicht schlüssig, ob ich meine übermütigen Streiche in Rotenburg einflechten soll oder nicht. Sie haben mir einst so viel Freude gemacht.«

Plötzlich sprang Susi Straub von der Kommode herunter, lief ans Fenster und rief:

»Hörst du unseren Kampfruf? Wer pfeift da?«

Vergessen war der Vortrag, den Hedi Sandler am morgigen Tage im Kindergärtnerinnen-Seminar halten wollte. Sie öffnete das Fenster und winkte der unten stehenden Seminaristin lebhaft zu.

»Kommst du herauf, Lilli?«

»Habt ihr Zeit?«

»Raum ist in der kleinsten Hütte«, deklamierte Pucki, »für den herrlichen I-Bund.«

»Nun fehlt nur noch Emmi«, meinte Susi, »dann sind wir vollzählig: Hedi, Lilli, Emmi und Susi. Lilli muß hören, ob es mit deinem Vortrag so geht. Du darfst dich morgen im Seminar nicht blamieren.«

Hedi Sandler seufzte. Blamieren wollte sie sich nicht, o nein! Eine fleißige Lernzeit lag hinter ihr. Seit anderthalb Jahren weilte sie hier in Leipzig und besuchte das Kindergärtnerinnen-Seminar. Zu Ostern sollte die Abschlußprüfung gemacht werden. Dann konnte sie in den geliebten Beruf hinein.

Kindergärtnerin! – Das lag dem Försterkinde gar prächtig, sie hatte doch selbst eine so glückliche Kindheit verlebt, umsorgt von den Eltern. Mit ihren beiden jüngeren Schwestern war sie in inniger Liebe verbunden. Viele Spielgefährten und Schulfreunde hatte sie in Rahnsburg und Rotenburg gehabt. Sie liebte Kinder über alles. Die Stunden im Seminar bereiteten ihr Freude, aber noch weit besser gefielen ihr die beiden Tage, an denen die Seminaristinnen praktisch im Kindergarten tätig sein mußten. Wenn Pucki inmitten der Kleinen weilte, ging ihr das Herz weit auf. Hier fühlte sie sich am rechten Platz. Die Kinder hingen mit schwärmerischer Liebe an der immer fröhlichen »Tante«. Die Leiterin des Kindergartens, das erfahrene Fräulein Keding, drückte oftmals ein Auge zu, wenn Pucki gar zu laut und geräuschvoll mit den Kindern umging. Da aber die Kleinen der geliebten Tante aufs Wort folgten, machte Fräulein Keding weiter keine Einwendungen, sondern ließ die temperamentvolle Schülerin gewähren.

Morgen sollten die Seminaristinnen einen schwierigen Vortrag halten. In der Erziehungskunde wurde ein Vortrag verlangt: Darf ich Kindern die Streiche meiner Jugend erzählen? – Wie weit darf ich gehen? Was darf ich sagen? – Soll ich unauffällig Nutzanwendungen anbringen, damit die kleinen Hörer aus dummen Streichen Nutzen ziehen?

An diesem Vortrag arbeitete Pucki augenblicklich. Jetzt wurde sie darin durch den Eintritt der dritten I-Bündlerin gestört.

»Kinder, warum zerbrecht ihr euch über den Vortrag den Kopf? Alle Zweiundzwanzig können morgen nicht drankommen. Ich verlasse mich auf meinen guten Stern. Ich denke nicht daran, mich vorzubereiten.«

»Mir wird es sehr sauer«, erwiderte Pucki. »In meinem Leben hat es so viele dumme Streiche gegeben. Ich könnte tagelang davon erzählen, wenn ich alles berichten wollte.«

»Laß endlich die Arbeit an dem Vortrag sein, Hedi, du heiratest ja doch mal. Du wirst nie als Kindergärtnerin tätig sein, höchstens bei deinen eigenen Kindern. – Na, da nützen dir die erworbenen Kenntnisse nichts, denn du wirst deine Kinder schön verziehen.«

»Ich denke gar nicht daran! Meine Kinder werden mit liebevoller Strenge erzogen.«

»Hallo. – Was sagte Fröbel?« fiel Susi ein.

»Im Augenblick ist mir viel wichtiger, was der Vater dazu sagt«, meinte Lilli. »Hedi wird ihren Kindern auch mancherlei dummes Zeug lehren, und dann kommt der Vater und prügelt die Gören.«

»Nein, das tut er nicht«, sagte Pucki.

»Ich finde, er sieht so aus, als könnte er seine Kinder mächtig prügeln. Groß ist er, und kräftig gebaut ist er auch.«

»Ich werde meinem Manne sagen, daß man nur mit Schlägen Kinder nicht erziehen kann. Der große Pädagoge Fröbel sagt – –«

»Ich bin der Meinung«, rief Lilli, »daß sich der Apotheker Rogaten von dir gar nichts sagen läßt. Er erzieht seine Kinder, wie er es für gut findet.«

»Ich glaube, du irrst, Lilli«, meinte Susi. »Rogaten ist so verliebt in Pucki, daß er alles tut, was sie will.«

»Darüber werden wir später reden müssen«, meinte Pucki. »Wir werden ein Abkommen schließen – –«

Lilli schlug Pucki derb auf die Schulter. »Jetzt haben wir dir das Netz über den Kopf geworfen. Jetzt wissen wir endlich, woran wir sind! Ich habe es mir schon lange gedacht. Seit wann bist du heimlich mit dem Apotheker verlobt?«

»Aber Lilli, du bist ja verdreht! Ich bin doch gar nicht mit ihm verlobt.«

»Du kannst es uns ruhig sagen, Pucki, wir haben es längst bemerkt. Rogaten geht oft mit dir spazieren, er ist hier in der Löwen-Apotheke tätig und hat mit voller Absicht die Stelle in Leipzig angenommen, um seine heimliche Braut in der Nähe zu haben. – Wir wissen Bescheid, Pucki! Wenn man zwanzig Jahre alt ist wie du, kann man ruhig ans Heiraten denken.«

»Ich habe es auch längst bemerkt«, sagte Susi mit schwermütigem Seufzer.

»Was hast du bemerkt?« fragte Pucki ärgerlich.

»Daß ihr Brautleute seid.«

»Dann weißt du mehr als ich.«

»Rede dich nicht heraus! Du hast Rogaten doch sehr gern.«

»Freilich habe ich ihn gern, er ist mein bester Freund. Er war schon mein Freund, als ich noch in der Pension bei Tante Grete in Rotenburg war. Dann hat er sich einmal in einer Stunde der Not als wahrer Freund gezeigt. Man warf mich einst aus meiner Stellung hinaus; ich wußte nicht wohin: Hans Rogaten half mir.«

»Nun also, darum wird er auch geheiratet. Ein Apotheker ist eine gute Partie. Wer einen Apotheker zum Manne hat, lernt keine Sorgen kennen, und wenn deine Kinder einmal krank sind, brauchst du es nur deinem Mann zu sagen, und schon kommt er mit der Medizin. – Kostet gar nichts!«

»Kinder, laßt mich lieber den Vortrag weitermachen.«

»Quatsch«, sagte Lilli, »erzähle lieber wie es war, als er zum erstenmal von Liebe sprach.«

»Ach was, wir sind uns nur gute Freunde!«

»Na, Pucki, ich würde nicht so wählerisch sein. Ein Apotheker läuft dir nicht jeden Tag über den Weg. – Nimm ihn! Du bist ein hübsches Mädchen, alle mögen dich gut leiden. Ich bin überzeugt, er hat schon mit dir gesprochen.«

»Wenn ihr nicht vernünftig reden könnt, werfe ich euch aus meinem Zimmer hinaus!«

Lilli schwang sich neben Susi auf die Kommode, Pucki aber nahm ihre Wanderung in dem kleinen Zimmer erneut auf und begann ihren Vortrag:

»Schon als Kind wohnte große Neugierde in mir. Vor der Försterei meines Vaters hielt einmal das Auto eines Viehhändlers. Mein kleiner Freund Fritz war gerade bei mir. Das Auto hatte hinten eine Klappe, wißt ihr, Kinderchen, eine zum Auf- und Zuklappen. – Fritz und ich kletterten hinein.«

»Ich werde ein Stück Seife in der Löwen-Apotheke kaufen und von dir erzählen«, sagte Lilli.

Pucki machte nur eine abweisende Bewegung mit der Hand.

»Das Auto fuhr davon, wir beide saßen angstvoll in dem schwarzen Kasten und landeten in einer Garage«, fuhr sie fort.

»Man müßte seine Eifersucht anstacheln. – Du hast doch neulich einen Brief von einem Doktor Gregor erhalten? Man müßte Rogaten andeuten, daß dieser Gregor auch Absichten auf dich hat.«

Pucki stampfte heftig mit dem Fuß auf. »Nun seid endlich still!«

Während sich die beiden Seminaristinnen im Flüsterton weiter unterhielten, redete Pucki ihren Vortrag weiter vor sich hin.

»Auch an ein Sportfest werde ich zurückdenken. Es wurde auf einem Gut veranstaltet. Der Gutsbesitzer hatte Drillinge, mit ihnen war ich eng befreundet. Das Boxen der Knaben fesselte mich, ich wollte es auch erlernen. Doch es ging schlimm aus.«

»Es geht gar nicht schlimm aus, Pucki. Wenn der Apotheker erst eifersüchtig ist, bricht die Liebe wie ein reißender Strom aus ihm heraus.«

»Lulu Pelling ist viel verliebter als du, Hedi. Lulu macht sogar in den Unterrichtsstunden Gedichte. Oh, die kann schwärmen! Die ist verliebt! Von der könntest du viel lernen. Wenn man einem Manne seine innersten Gefühle gar zu wenig zeigt, wagt er keinen Antrag. Du wirst das später bereuen.«

»Sei jetzt still, Lilli!«

»Mir scheint es«, sagte Susi nachdenklich, »als würdest du von zwei Männern umworben. Vor acht Tagen war ich bei dir, da bekamst du einen Brief, den hast du schnell fortgesteckt. Und als ich dich fragte, wurdest du rot. Später hörte ich, daß dieser Brief von dem Arzt gewesen ist, dem Oberförsterssohn, den du schon lange kennst. – Liebst du ihn vielleicht?«

»Ich habe noch zu arbeiten!«

»Ach, das ist der Claus Gregor, ich weiß schon«, rief Lilli vorwitzig. »Hast du Claus Gregor lieber als Hans Rogaten?«

»Wenn ihr nichts Besseres zu reden wißt als dieses dumme Zeug, könnt ihr gehen.«

»Dürfen wir mal in deiner Kommode kramen?«

Mit einem Satz stand Pucki neben den beiden Seminaristinnen und schaute sie mit blitzenden Augen an. »Zwanzig Jahre und noch so kindisch! Ihr wollt Erzieherinnen der Jugend werden?«

»Aha, sie verbirgt uns etwas«, lachte Lilli. »Nun ist es klar. Es ist wohl am richtigsten, ich gehe in die Löwen-Apotheke und hole mir ein Stück Seife.«

»Und ich begleite dich«, rief Susi. – »Du, Pucki, der Hans Rogaten gefällt uns auch!«

Die beiden jungen Mädchen waren gegangen. Pucki war wieder allein. Sie atmete tief aus. So ruhig, wie sie sich äußerlich gab, war sie nicht. Jedesmal, wenn sie an Claus Gregor dachte, schlug ihr Herz heftig in der Brust. Claus Gregor, der Jugendfreund, war der Mann, zu dem sie grenzenloses Vertrauen hatte. – Hans Rogaten war ihr nur ein Freund! Mit dem langen Hans Rogaten ließ es sich gar gut plaudern. Er war ein netter, lieber Junge.

Pucki dachte an ihren Vortrag, aber die Gedanken ließen sich nicht so rasch wieder sammeln. Vieles, viel zu vieles ging ihr durch den Sinn: Die Kindheit im Forsthaus Birkenhain, die erste Schulzeit in Rahnsburg, der gute Onkel Oberförster, der Vorgesetzte ihres Vaters, der die kleine Pucki so gern hatte. Sie erinnerte sich genau daran, wie sie die beiden Söhne des Oberförsters, Claus und Eberhard, kennenlernte. Zu einem Waffelessen waren von ihr einmal die Schulkameradinnen eingeladen worden. Es kamen so viele. Und als sie lustig schmausten, kam der Oberförster mit seinen beiden Söhnen. Claus war damals Primaner gewesen. Pucki hatte ihn bedrängt, er möge mit ihr und den Kindern spielen, denn der große Junge gefiel ihr gut. Claus mußte mitmachen. Er stand dann mit im Kreise, als man spielte: »Fuchs, du hast die Gans gestohlen.«

Auch an den guten Onkel Niepel dachte sie zurück, dessen Besitztum in der Nähe des Forsthauses Birkenhain lag. Seine drei Söhne waren ihre Spielkameraden gewesen. Aber die schöne Zeit in Birkenhain hatte viel zu rasch ein Ende gefunden. Sie kam nach Rotenburg auf die höhere Schule, zu Tante Grete, der Schwester des guten Onkel Oberförster. Dort war auch Eberhard Gregor gewesen, der jüngere Bruder von Claus, der jetzt Schiffsbau studierte. Dort war auch Hans Rogaten, der Sohn des berühmten Malers Rogaten, der Pucki immer treu zur Seite stand. Wie viele Streiche waren gemeinsam ausgeführt worden! Und als sich Rogaten der Pharmazie zuwandte, hielt er die Verbindung mit Pucki weiter aufrecht. Dann hatte Hedi Sandler den ersten Schritt ins Leben gewagt, war als Haustochter in Stellung gegangen und erlebte dabei Schlimmes und Gutes. In dieser Zeit mußte sie erkennen, daß der Beruf der Kindergärtnerin für sie der einzig richtige sei.

So war sie nach Leipzig gekommen. In den Ferien fuhr sie heim. Seit anderthalb Jahren war sie Schülerin des Seminars, zu Ostern sollte das Schlußexamen abgelegt werden. Der treue Freund Hans Rogaten, der vor einem Jahr seine Stellung wechselte, hatte unter zahlreichen Angeboten Leipzig gewählt, um in Puckis Nähe zu sein. Dagegen war ihr Claus Gregor fern, sehr fern! Der junge Arzt hatte sich für zwei Jahre nach Südamerika verpflichtet. Aus den zwei Jahren waren drei geworden. Augenblicklich wirkte er in Breslau an einem Krankenhaus. Im letzten Brief stand freilich eine Mitteilung, über die Pucki laut jauchzte. Claus schrieb ihr, daß der alte Doktor Kolbe, der über dreißig Jahre in Rahnsburg tätig gewesen war, seine Praxis aufgeben wolle. Claus, der immer eine Vorliebe für kleine Orte hatte, trage sich mit der Absicht, sich in Rahnsburg als Arzt niederzulassen.

Pucki kramte in der Kommode. Hier lag manche Erinnerung, Briefe von Claus, auch ein Bild aus Südamerika. Damals hatte er wenig geschrieben, und ihr war das Herz mitunter recht schwer geworden. Erst später schrieb Claus wieder öfters. Dann war er heimgekommen. Pucki hatte dem tiefgebräunten Manne gegenübergestanden und den alten herzlichen Ton nicht mehr gefunden. Sie fühlte sich beglückt und verlegen. Er aber drückte ihre Hand, sprach in seiner alten, lieben Weise auf sie ein und wünschte ihr Glück für den erwählten Beruf, der für sie wohl der rechte sei.

Wenn sich Claus in Rahnsburg niederließ, würde sie ihn vielleicht in den Sommerferien sehen. Es war Juni, in drei Wochen begannen die großen Ferien. Sechs Wochen dauerten sie. Ob Claus dann in der Oberförsterei weilte? Ob er vielleicht schon in Rahnsburg war und seine Tätigkeit ausübte? Sie würde ihn sehen, wenn nicht in den Sommerferien, dann im Herbst oder zu Weihnachten oder zu Ostern. Wie schnell ging ein halbes Jahr dahin!

»Pucki« nannte man sie. Pucki hieß sie schon als ganz kleines Mädchen. Pucki rief man sie in der Schule zu Rahnsburg und in der Schule zu Rotenburg. Pucki wurde sie von allen Freundinnen und Freunden genannt. Sogar in ihrer Stellung als Haustochter gab man ihr den geliebten Namen. Hier in Leipzig ertönte er nur selten. Und doch klang es ihr immer so vertraut, so heimatlich: er erinnerte sie an all das Schöne und Glückliche von einst.

Pucki fing mit dem Vortrag von vorn an. Nein, es ging nicht, daß sie alle übermütigen Streiche hineinflocht, und doch erinnerte sie sich so gern daran. Sie war aber schon viel zu pädagogisch vorgebildet, um nicht zu wissen, daß man vieles besser verschwieg. Freilich, wenn sie im Kindergarten zwischen den Kleinen saß, berichtete sie gar zu gern aus der Vergangenheit, und die Kinder bedrängten sie: Tante, erzähle uns was von dir. – –

Mit dem Vortrag war es gut gegangen. Pucki war an die Reihe gekommen und erntete ein Lob. Lilli lachte ihr verschmitzt zu; sie hatte Glück gehabt und war übergangen worden. Sie war überhaupt ein Glückspilz, alles gelang ihr. Ob Lilli den Hans Rogaten gern hatte? – Puckis Stirn zog sich kraus. Sie ging gar zu häufig in die Apotheke.

»Eigentlich gehört der Rogaten mir«, dachte sie und malte verstohlen sein Bild auf den Heftdeckel. Sie schaute nach rückwärts. Hinter ihr saß die braunäugige Lulu Pelling. Auch sie kritzelte etwas, wahrscheinlich wieder ein Gedicht an den Mann, den sie liebte. Lulu machte so verdrehte Gedichte, daß die ganze Klasse mitunter in schallendes Lachen ausbrach, wenn solch ein Geschreibsel zum Vorlesen gelangte. Aber Lulu ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen.

»Wer liebt, der dichtet«, sagte sie schwärmerisch. »Wer will mich hindern, meine Gefühle dichterisch zu gestalten?«

An diesem Vormittag erbeutete Susi wieder ein kurzes Gedicht. Unter den Bänken ging es von Hand zu Hand. Pucki las kopfschüttelnd die wenigen Zeilen. Wie konnte man so etwas zu Papier bringen! Das war ja eine lächerliche Reimerei! Niemals würde sie, auch wenn sie noch so verliebt war, einen derartigen Unsinn aufschreiben. Jeder Mann, der solch ein Gedicht bekam, würde darüber lachen.

Sie las halblaut:

»Die Seele weint, wo magst du sein?
Mein bist du, mein, und doch bin ich allein.
Mir ist's, als spräch' mein Herz: vergeh!
Es schreit und jauchzt in Liebesweh.
Die Liebe rast mir siedend durch das Blut,
Ich bin dir gut, Geliebter, bin dir gut!«

Pucki ärgerte sich über das überspannte Gedicht, und ganz plötzlich erfaßte sie der Übermut. Der Mitschülerin wollte sie einen kleinen Denkzettel geben. Sie nahm das Gedicht, strich einige Worte aus, schrieb andere darüber, dichtete ein wenig um, und dann wanderte der Zettel unter der Bank zu der Verfasserin zurück. Von Zeit zu Zeit hörte man verstohlenes Kichern, denn alle jungen Mädchen hatten Puckis Korrektur gelesen. Aus dem schwärmerischen Gedicht waren folgende Zeilen geworden:

»Mein Magen weint, wo magst du sein?
Mein bist du, mein, und kalt ist mein Gebein.
Mein großer und mein kleiner Zeh,
Er schreit und jauchzt in wildem Weh.
Der Hunger rast mir siedend durch das Blut,
Ich bin dir gut, du Käsestulle, bin dir gut!«

Die Lehrerin wurde durch das Kichern aufmerksam, aber der Zettel war rasch versteckt. Lulu Pelling war still geworden. Im geheimen beschloß sie, ihre Gedichte, die sie wunderschön fand, den Mitschülerinnen nicht mehr zu zeigen. Die Verhöhnung kränkte sie.

Am nächsten Tage weilte Pucki wieder in ihrem geliebten Kindergarten. An den Dienstagen war kein Unterricht, da wurde praktisch gearbeitet. Die Kleinen wurden beschäftigt, Pucki mußte mit ihnen spielen, und das war es, was sie am liebsten tat. Dabei dachte sie oftmals an ihre eigene Kinderzeit zurück, und in ihr war helles Jubeln und Jauchzen. Wie beglückend war fürs ganze Leben die Erinnerung an eine sonnige Kindheit! Pucki nahm sich vor, allen Kindern, die ihr einmal anvertraut werden würden, eine ähnliche, sonnige Kindheit zu bereiten.

»Tante, erzähle uns was!«

»Tante, liebe Tante, komm zu mir!«

»Nein, Tante, die Grete ist vorhin bei dir gewesen, ich will neben dir sitzen.«

»Tante, du hast mich noch nicht angesehen.«

»Tante, hast du mich lieb?«

So schallte es ihr immer wieder entgegen, und für jedes der fast dreißig Kinder fand Pucki einen liebevollen Blick, ein zärtliches Wort oder einen herzlichen Händedruck.

Man war eben damit beschäftigt, ein Haus zu erbauen. Pucki hatte den Kleinen von dem Forsthaus Birkenhain erzählt. Nun sollte aus Bauklötzchen die Försterei erbaut werden. – Da öffnete sich die Tür, die Leiterin des Kindergartens, Fräulein Keding, trat ein. Ihr zur Seite ging eine junge Frau, die ein scheues, vierjähriges Mädchen an der Hand führte.

»Hier bringe ich einen neuen Schützling, Fräulein Sandler. Die kleine Gertrud Falk wird in Zukunft unserer Schar eingereiht.«

»Komm, gib mir dein Händchen«, rief Pucki herzlich.

»Geh, Trudel, die Tante ist gut«, mahnte die Mutier.

Die Kinder schauten neugierig auf die Angekommene. Pucki nahm das scheue Mädchen auf den Arm, ging mit ihm durch das Zimmer und rief lustig: »Wir wollen schön zusammen spielen, kleine Trudel. Wir bauen gerade ein feines Haus. Du kannst gleich mitmachen.«

Dann stellte sie das Mädchen wieder auf den Erdboden, ging mit ihm zu einer Bank und legte Holzklötzchen vor die Kleine nieder. Noch wagte Trudel nicht zuzufassen, noch hingen die Augen angstvoll am Gesicht der Mutter.

»Wir bauen eine Försterei in Birkenhain«, sagte ein kleiner Knabe, der neben Trudel saß.

»Eine Försterei in Birkenhain?« wiederholte Frau Falk.

»Jawohl«, rief der muntere Knabe, »dort hat die Tante gewohnt.«

Frau Falk trat dichter an Pucki heran und betrachtete sie forschend. »Die Försterei Birkenhain kenne ich. Dort bin ich als Kind öfters gewesen. Sind Sie vielleicht – – Pucki Sandler?«

»Ja!« – –

»Unsere Pucki, unsere gute Pucki!«

»Wer sind Sie eigentlich, Frau Falk?«

»Erinnern Sie sich Ihrer Mitschülerin Thusnelda Reichert in Rahnsburg?«

»Aber natürlich – mit Thusnelda bin ich zur Schule gegangen.«

»Sie waren einmal in unserem Hause, Fräulein Pucki. Meine Mutter war krank und Sie holten den Arzt. Da sahen Sie mich. Ich bin Thusneldas ältere Schwester Marie. Sie haben uns damals viel geholfen. Ihre liebe Mutter hat für uns Kleider genäht. Wie freue ich mich, unsere gute Pucki wiederzusehen.«

»Sie sind Marie Reichert, Thusneldas Schwester?«

»Ja, ich bin hier in Leipzig verheiratet. Mein Mann arbeitet in einer Fabrik. Ich habe vormittags mit meinen Zwillingen viel Arbeit, da wollte ich Trudel in den Kindergarten geben. – Trudel, bei der guten Tante bist du vortrefflich aufgehoben. Es ist die gute Tante Pucki.«

»Tante Pucki«, rief ein übermütiger kleiner Junge.

»Ich heiße Puppi«, rief ein kleines Mädchen.

»Meine Schwester heißt Putzi«, rief ein anderes.

»Tante Pucki! – Tante Pucki! – Tante Pucki!« Dieser Ruf pflanzte sich von Mund zu Mund fort. Es schien, als ob der neue Name den Kindern die größte Freude bereitete. Sie sprangen auf, drängten sich an Hedi Sandler heran, lachten sie an, und wieder tönte es: »Tante Pucki! – Tante Pucki!«

Die Leiterin des Kindergartens konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Was war das für ein hübsches Bild; das schlanke junge Mädchen inmitten der jubelnden Kinderschar. Überall strahlende Augen, überall Freude auf den Gesichtern der Kleinen, denn die gute Tante hatte einen neuen, wunderschönen Namen bekommen.

Pucki selbst schloß für Sekunden die Augen. Wieder war sie die Pucki von einst, wieder umschwebte sie der Name, wieder bereitete es ihr unendliches Glück, ihn zu hören.

»Diesen Namen werden Sie nicht mehr loswerden«, lächelte Tante Keding.

»Du bist Marie Reichert«, sagte Pucki und drückte Frau Falk die Hände. »Wie seltsam, daß das Leben die Menschen immer wieder zusammenführt. Ich glaubte mich ziemlich allein in dem großen Leipzig, nun führt der Zufall dich mir in den Weg. – Darf ich dich einmal besuchen kommen?«

»Wir haben eine sehr kleine Wohnung.«

»Was schadet das! Ich komme gern zu dir. Du mußt mir viel von deinen Angehörigen erzählen. Jetzt habe ich keine Zeit, du hörst, wie die Kinder lärmen. Ach, daß du schon ein kleines Mädchen hast.«

»Drei, Pucki, drei.«

»Tante Pucki, ich habe die Försterei fertig gebaut!«

»Ich auch, Taute Pucki, ich auch!«

Sogar Trudel Falk begann mit den Klötzchen zu spielen. Sie schien sich in der neuen Umgebung bereits wohlzufühlen.

»Wann darf ich zu dir kommen, Marie?«

Sie verabredeten einen bestimmten Tag, dann entfernte sich Frau Falk mit der Leiterin geräuschlos. Trudel schien es nicht zu bemerken, erst als sie die Mutter vermißte, begann sie zu weinen. Und da zeigte sich wieder Puckis großes Talent, die Kinder zu beruhigen. Bald waren die feuchten Augen Trudels wieder trocken, und lachend beteiligte sich das kleine Mädchen am fröhlichen Spiel.

»Tante Pucki, ich habe dich sooo lieb!«

»Ich habe dich noch viel lieber. – Der Karl ist ja dumm, der hat dich nicht so lieb wie ich!«

»Der Karl ist nicht dumm! Ihr müßt mich alle liebhaben, dann erst bin ich froh. – Habt ihr mich alle lieb?«

Pucki erkannte bald die Unvorsichtigkeit dieser Frage. Lautes Geschrei brach los. Jedes Kind wollte der geliebten Tante beteuern, daß es sie am allerliebsten hätte. Sie mußte alle Lungenkraft aufwenden, um wieder Ruhe zu schaffen.

»Soll ich euch die Geschichte von Mucki und Pucki erzählen? Das waren die Kinder der Waldfrau.«

Mäuschenstill saß die Schar. Pucki sah sich im Geist im Elternhaus. Sie lag in ihrem Bettchen, der Mond schien auf die Decke, und neben ihr saß der Vater. Sie hatte ihn gebeten, er möge ihr die Geschichte vom kleinen Waldgeist Puck erzählen, der die Menschen Tag und Nacht nicht in Ruhe läßt und allerlei Streiche ausdenkt.

Jetzt war sie die Erzählende. Die Worte des Vaters kamen ihr wieder ins Gedächtnis. Sie sprach wie in holdem Traum befangen. »Der Pucki sitzt auf den Bäumen, wirft mit Kienäpfeln und Eicheln, seine Mutter hat ihm das oft verboten, aber er hört nicht darauf.«

Puckis Stimme wurde immer weicher und verträumter. In ihr war eine große, heilige Freude.

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