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Protokolle und Porträts

Ernst Barlach: Protokolle und Porträts - Kapitel 4
Quellenangabe
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typemisc
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleProtokolle und Porträts
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Konto Kollmann

Der Apostel

Bildnismaske Albert Kollmann, Eichenholz, 1921
Nach dem Werkmodell von 1913
24 X 14,5 X 9 cm
Barlach schenkte das Werk 1921 seinem Verleger Paul Cassirer zum 50. Geburtstag
Kunsthaus Zürich (Zürcher Kunstgesellschaft)

Verschwindend, erscheinend, immer mühsam, wie unter einer Last, gebückt, sich durchs Dasein drängend.

 

Immer abwehrend, aristokratisch, kellnerverachtend, mit flackernder Hand, flammender Gebärde. Aufbäumend, aber nicht von innerer Kraft, sondern gespornter Schwäche.

 

Er will erzählen, setzt an, bricht ab – und schiebt den ganzen Plunder verächtlich, zitternd vor Empörung beiseite, seine Hände flattern um seine baufällige Ruine wie Fledermäuse.

 

Ich muß rechts gehen, es darf nicht anders sein; nur wenn ich rauche und der Wind von rechts kommt, muß ich mich links halten, denn Rauch ist Gift für ihn; so ist man immer in Sorge, wo kommt der Wind her; wie ein furchtsamer Segler. Viel kommt auf die Auslegung an; oftmals setzt er an, meine Linksstellung zu bemängeln; wenn ich aber rauche und den Wind als rechten beschwöre, bricht seine Flamme in sich zusammen.

 

Briefe werden zitternd hervorgelangt und zum Lesen überreicht, alte Zitate herangeholt –

 

Heimatlosigkeit, Unbehagen im lärmenden Hotel. Zimmer nach dem Konzertgarten. Wenn Konzert angekündigt ist, bleibt er bei mir; hofft auf Regen, der das Konzert im offenen Hofe hindert. »Sie spielen so falsch.«

 

Das viele Fleisch bei Tisch im Hotel ekelt ihn an; er schenkt Wein und dann am andern Tage: ist er noch ganz umgebracht vom Alkohol. Statt zu mir zu kommen, kauft er sich Erdbeeren, ich seh ihn unter dem Strohhut mit der Tüte eine andere Straße hinaufklettern.

 

Wir treffen uns morgens und zum Kaffee im Bahnhof, lesen Zeitungen, d. h. schweigen und warten ab, wann der andere zu sprechen wünscht.

 

Formfehler lassen ihn außer sich geraten.

 

Zum Mittag geht er mit einer Schüssel vors Haus und kauft Dickmilch, während ich die Kartoffeln aufsetze.

 

Seine Mienen? Sein Gesicht schrumpft tausendfältig, verkraust sich, während zorniger Odem aus der knöchernen Brust heiser ausströmt. Er lächelt gewandt, es siegt sozusagen aus sich heraus, begleitet sein Frohlocken mit flottem Zauber seines Mundes.

 

Und sein Mund! Ein Eingang und Ausgang. Zwar kann er ihn schließen, aber das ist dann nicht er; dann ist er hinter einem Baum versteckt, und nur wenn er ihn öffnet, ist er Kollmann. Ein Marderloch, ein Iltisschlupf; dadrin fährt das geschäftige Tier von Zunge blitzschnell auf und ab, spitzt heraus und läßt das Lächeln wie ein Huschen und Schwenken eines schnellen Schweifes einen Schattenblitz übers Gesicht werfen. (Schlechte Zähne; zeigt er nicht; sie sind teils gut gemacht, teils gut erhalten.)

 

Seine Magerkeit ist nicht kümmerlich, sondern rassig; er ekelt sich vor vielem Fleisch.

 

Er kommt wie ein Überbescheidener und wirkt wie ein Kommandeur.

 

Wenn ihm etwas Nebensächliches, Umgang, zum Bahnhof begleiten u.s.w. nicht paßt, lächelt er und schauert leise über den ganzen Leib, wie von Ekelgerüchen angeblasen, als ob er etwas Faules leise röche und doch nicht zu deutlich zeigen möchte, was ihn stört. Lächelt mühsam, etwas kasperhaft, holzpuppenmäßig, mit einer spöttischen Lustigkeit.

 

Ist sein Kopf ein Fuchskopf? Wenigstens hat er die Überlaufenheit, das ewige Aufmerken, Spannen, Wenden, Lauschen, Einstellen der Augen, Drehen des Lauschers, Verfolgen, Kombinieren, Verachten des Dummen und Groben. Er schnappt nach Leckerdingen (im Geiste). Sein Kram ist ihm die Welt. Spioniert geräuschlos.

 

Sein Her- und Absender, sein Abgott ist eine Fiktion, seine Idee, sein Gott, er selbst. Sein Ziel ist Wissen des Wesentlichen, zu versuchen, den Menschen zu ergründen, hinzuführen auf sich allein, – zu spionieren, um ihn abzuschütteln oder in seinen Kreis einzulassen.

 

Er verwirft jeden, aber läßt ihn immer wieder zur Prüfung zu. Er überwirft sich mit jedem, um ihm immer wieder zu verzeihen, er flieht jeden, um ihn immer wieder zu suchen. Dies Fliehen ist besonders markant; es stößt ihn ab, er muß weg, er hat die Blume ausgesogen, er hat sich gestärkt und kann sie nun entbehren.

 

Natürlich kein Ausrauben, sondern selbstverständlich ein Fördern, Helfen, wenn auch nur mit der Wirkung, daß der Andere verstört, zerspalten zurückbleibt. Es ist nur ein Anstoß zum Sammeln, zum Wiederaufrichten.

 

Er ist unerbittlich, unbarmherzig; Abwesenheit aller Weichheit ist wohl sein Hauptmanko, denn sein freundlichstes Lächeln hat etwas Schabendes, Abblätterndes. Er ist dann zu schwach, nicht barmherzig; nur zu schwach, um zu bohren, zu schießen. Und dabei nichts Belehrendes, eigentlich immer ein Betonen des Gleichen, der Gemeinsamkeiten. Aber dann, hast du nicht gesehen, hebt er den Stein auf und deckt ekelhafte Gänge und lichtscheues Gewürm auf in dem Andern.

Man könnte denken, er dürfte dabei sich selbst nicht schonen, müßte sich auch preisgeben, aber nein, er macht einen Unterschied, sein Zurückschauern ist elementar, man ist mitnichten im Gemeinsamen gefangen, durchaus nicht frère et cochon. Über seine Nasenwurzel stellen sich die zwei Innenwülste der Augbrauengegend gegeneinander, fixieren uns wie ein zweites Augenpaar und machen eine Miene aus, die nichts versteht, alles ablehnt, nur zurückschreckt; Wölfe haben so diese Überaugen, diesen festen Form- oder Farbenpunkt, durch den die Miene das Grausame, Erschreckende, Faszinierende bekommt, Feindliches ankündet, mit Bellen und Beißen droht. Bei Kollmann ist es bloßes Zerschneiden des Tischtuches, er will eine Mauer ziehen und markiert die geistige Grenze; vier Grenzsteine drohen: hier fange ich an, hier bist du am Ende, »hier darf nicht mit Zumutungen gefischt werden«. Hier versagen alle Folgerungen aus Verstehen und Übereinstimmung; gemeinsame Interessen werden abgewiesen. Hände weg, Blicke seien nicht frech und vertraulich. Scham und Ekel hetzen alles Zudringen fort. Ungemütlichkeit ist die Schutzfarbe, die hier alles verleugnet.

 

Menschenekel: einmal hat er in der Selterwasserbude etwas genommen, seitdem grüßt ihn der Mann drinnen so zudringlich, daß wir entweder hinter der Bude vorüberschleichen müssen oder über den Damm rüber in weitem Bogen herumgehen – nur um dem Gruß zu entgehen!

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