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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 96
Quellenangabe
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Konditorei im Seestädtchen

(in "Pròdromos", Berlin 1906)

Ein Genie im Verborgenen, Großstadt-Konditoreien mit aufgeblasenen Namen weit hinter sich lassend.

Z. B. Nuß-Crême-Kugeln, in einer geöffneten entkernten Malagatraube eingebettet.

Die Dreizehnjährige hatte wunderbar edle Beine in grauseidenen Strümpfen, hörte ganz impassibel den Médisancen zu.

»Jawohl«, sagte der Dichter, »Anna sprang ganz direktement aus dem Sacré-Cœur in das Pavillon ›Irroy‹ in ›Venedig in Wien‹ als Animier-Mädchen. Es wurden da natürlich grausame Worte gesprochen, für die es einer gewissen Vorbereitung bedurft hätte. Da sah ich Tränen langsam ihre Wangen herabgleiten. Ich legte meine Hand sanft auf die ihrige. Sie erwiderte mir jedoch: »C'est moi, c'est moi seule qui a tort, monsieur. Excusez moi – – –.«

Der Dichter schenkte der Dreizehnjährigen mit den edlen Beinen in grauseidenen Strümpfen zehn Nuß-Crême-Kugeln in Malagatrauben eingebettet.

Sie sagte: »Ich werde auch im Sacré-Cœur erzogen – – –.«

Die junge Gräfin sagte: »Was sagen Herr Dichter zu dem süßen Fräulein, das sich auf einer Schilf-Insel splitternackt von Herrn so und so photographieren ließ?!?«

»Ich sage, daß wenn die Frau Fabrikdirektor von C. dazu seinerzeit den Mut gefunden hätte, sie jetzt nicht jahrelang ihre Mitmenschen mit den Berichten vergangener Schönheit belästigen würde müssen. In uns allen lebt und webt nämlich unentrinnbar das Ideale und der Sinn für Vollkommenheit. Eine schöne Hand dürfte nicht lange im Handschuh bleiben wollen, ein schöner Fuß sehnt sich krankhaft nach Sandalen und verachtet eigentlich den schönen teuren Schuh, der ihn nur einsargt! Wenn eine schön tanzt, wird sie uns baldigst etwas vortanzen. Oder in späteren Jahren uns allzuoft die Mitteilung machen: ›O, mein Herr, ich war eine leidenschaftliche Tänzerin.‹ Das Vollkommene hat Altruismus in sich, es möchte sich dem Nebenmenschen offenbaren, mitteilen, ihn beglücken und erfreuen, es scheut nicht das Licht der Öffentlichkeit, spürt eine innere Mission. Die Schönheit will nicht ungenossen sterben! Nur das Unzulängliche bleibt gerne in Schranken, deckt sich, schützt sich mit verlogenen Prinzipien, sagt: ›Ich bin einmal nicht dafür‹!«

Die junge Gräfin zahlte dem Dichter seine ganze Konditorei-Rechnung infolge dieser Ansichten.

Die Dreizehnjährige kreuzte die wunderbaren Beine in grauseidenen Strümpfen und sagte: »Im Sacré-Cœur haben wir unter uns eine Königin erwählt. Die, die am schönsten war. Eines Nachts wurde sie erwählt. Man macht ihr von nun an alle ihre Aufgaben, hilft ihr, wo man es nur kann, schnürt ihr ihre Stiefelchen zu, ja man wäscht sie sogar. Man ist selig, ihr helfen zu dürfen – – –.«

»Und was wird aus dieser Unglücklichen im Pavillon ›Irroy‹ werden?!?« sagte Frau von G. mitleidsvoll und besorgt. Sie dachte aber: »So ein junges Mistviecherl – – –.«

Der Dichter erwiderte: »Einer meiner reichen Freunde wird sie demnächst heiraten, Gnädige!«

»Ich bezahle also, bitte, fünf Marons glacés, ein Melonen-Eis und zwei Butterteig-Palmiers«, sagte die Gnädige und entfernte sich schleunigst infolge dieser Hiobspost.

Die junge Gräfin sagte: »Wo befindet sich diese Schilf-Insel, auf der man sich nackt photographieren lassen kann?!?«

Die Dreizehnjährige hingegen hatte Bauchschmerzen infolge von Nuß-Crême und Eis-Wasser.

 


 

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