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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 94
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Die Königswiese in der Vorderbrühl

(in "Märchen des Lebens", Berlin 1911)

Ganz von dunklem Wald umsäumt, wie ein riesiger Teich von hellem grünen Grase. Das wunderbare Gras, nur spärlich untermischt mit lila und rosa Blüten, ist vor dem Tritte des Wanderers beschützt. Gleichsam ein jungfräulicher Grasboden. So sind die Wiesen dort, wo noch kein Entdecker hingekommen ist, so waren die Wiesen, bevor es Menschen auf der Erde gab. Ziehende Wolken machen Teile der Wiese plötzlich dunkel, während andere Teile wieder plötzlich stärker erglänzen infolge des Windes, der die Halme legt. Verlorene Baumgruppen stehen da wie kleine Inseln, ein bißchen Schatten spendend für niemand. Um die ganze riesige Wiese herum führt ein Spazierweg, hart an dem dunklen Tannenwald an. Die Sonne extrahiert aus Wiese und Wald einen intensiven Parfüm. Man müßte ein Büchlein schreiben nur über Wiesen. Die Wiese, dort, »wo die Großstadt abrinnt, abtropft«, dicht besetzt, belegt mit Kindermädchen und Kindern, vom Staub der nahen Landstraße gemartert, und absterbend, dennoch ein wenig Erholung spendend, in späten Abendstunden vielleicht sogar Glück – – –

Die wunderbare Bodenwiese auf dem Gahns, dem Vorberge des Schneeberges, über die man zwei Stunden lang geht und die 100 Mäher vier Wochen lang abmähen. Das edle Kohlröserl blüht dort zahlreich, das sanft nach Schokolade duftet.

Dann die feuchte Wiese, durch die ein Bächlein fließt. Die trockene kurzgrasige ausgedörrte Wiese. Die Wiese, die infolge von bestimmten Halmen mehr braun aussieht. Die Wiese, die infolge bestimmter Blüten mehr weiß aussieht. Die gelbe Wiese. Die lila Wiese. Die kurzen Wiesen auf dem Hochschneeberg, belegt mit dicken grauen Schneeflecken und dichtem schwarzen Zirbelholzgestrüpp. Die wie künstlich gefärbte Wiese im Hausgärtchen, bespickt mit zarten Rosenstöckchen. Die Wiese auf dem englischen Landsitz, die erst durch dreihundertjährige Züchtung zu dem geworden ist, was sie ist, die edelrassige Wiese.

Der Essayist würde sagen: »Kehren wir nun nach dieser kurzen Abschweifung zu unserem ursprünglichen Thema zurück – – –«.

Nun gut, kehren wir dahin zurück. Wie ein riesiger Teich von hellgrünem Grase liegt die Königswiese in der Vorderbrühl, eingebettet zwischen dunklen Wäldern. Überall ringsherum sind Bänke, gleichsam Parkettsitze, um die Wiese und ihre wechselvollen Schönheiten zu bewundern. Aber selten gleitet ein träumerischer liebevoller Blick über sie hin. In Mondnächten atmet sie sogar weiße Nebel aus. Aber niemand sieht es.

 


 

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