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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 50
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Kabarett »Fledermaus« (2)

6. März 1908

(in "Das Altenberg-Buch", Wien/Leipzig 1922)

Das März-Programm ist noch nicht ganz herausgekommen. Als besonders ist zu erwähnen Hollitzers »Fauler Landsknecht«, Gedicht vom Prinzen Schönaich-Carolath, Musik von Kapellmeister Scherber. Hollitzer singt das tiefernste Lied fast ohne Bewegung in einer echten alten Landsknechtrüstung. Man ist ergriffen, weiß nicht, wodurch. Es ist wie das Verhängnis. Man ist gepanzert und bewehrt, aber das Herz ist ungepanzert und weint. Ein düsteres Erlebnis, dargestellt fast ohne jede Bewegung. Ein Kunstwerkchen, ein allerliebstes, ist Amalia Nagel, die Fünfzehnjährige, als Dirndl in einem Alt-Linzerischen Kostüm mit Goldhaube, ein altösterreichisches Lied vortragend. Sie ist unbeschreiblich diskret in Bewegung und Mimik, künstlerisch sparsam und edel zurückhaltend, eine zarte, aber vollwertige Persönlichkeit! Sie hat bereits von selbst keinerlei Mätzchen, sondern eine anmutige Nonchalance, die bezaubert. Möge sie sich um Gotteswillen nichts dazu einlernen lassen! Vorläufig besitzt sie von selbst höchsten Takt und Geschmack. Man muß sie loben, damit sie sich ja nicht verändere, denn unter Hunderten ist sie allein eine Persönlichkeit! Sie ist eigentlich das allerbeste, was es an »Wiener Sängerin« gibt. So jung sie ist, ist sie ein vornehmes Überbleibsel von vergangenen Zeiten, so 1850 ungefähr. Wenn sie nur den Mut behält, sie selbst, ganz sie selbst zu bleiben!? Das wäre wirklich wunderschön. Eine neue Szene: »Die Wohltäter«, ist eine Satire auf die harten Herzen und ist gedacht wie eine lebendig gewordene Illustration von Gulbransson im »Simplicissimus« samt Text. Man liest eine Seite besten »Simplicissimus«, oder vielmehr man erlebt sie, statt sie zu lesen! Diese ausgezeichnete Intention ist nicht ganz erreicht worden, obzwar sehr wenig dazu noch fehlt. Die Gestalten des Professors, des Pastors, des Einjährigen sind besonders gut. Jedenfalls ist es eine neue Anbahnung, Karikaturen, in kurze bedeutsame Szenen umgewandelt, lebendiger »Simplicissimus«! Ein wundersam feines Quartett von Kapellmeister Scherber, »Die schöne Dorothee«, gesungen von Scherber, Lebrun, Koppel, Horace, meisterhaft inszeniert von Hollitzer, ist für viele der Höhepunkt des Abends. Es ist wirklich etwas Vollkommenes, Musik, Spiel, Gesang und Milieu. Dr. Egon Friedell trägt leicht, eindringlich und trocken wirkungsvoll eine seiner humoristischen Skizzen »Die Regieprobe« vor und bringt als Zugabe Altenberg-Anekdoten, die den Dichter zwar als Halbidioten, aber immerhin ganz richtig charakterisieren. Das März-Programm ist überaus reichhaltig. Ich habe mir da nur meine »Perlen« herausgefischt.

P. A.

 


 

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