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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 5
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Fünfundzwanzig

(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)

Jeden Nachmittag um fünf Uhr erschien sie auf der Esplanade.

Die Musik spielte in einem gelben Holz-Pavillon, und die Damen trugen wunderschöne Kleider und Hüte.

An den meisten Tischen auf dem in den See rund vorspringenden Plateau schimmerte es weiß und lila oder weiß und grün. Das waren die Modefarben. Aber es gab auf dieser weiten Fläche von feinen Stoffen, gelbem Stroh, französischen Blumen, Eulen- und Straußfedern auch rostrote und stahlblaue seidene Flecken und ganz hellbraune aus Rohseide, wie Milchkaffee, mit matten schottischen Bändern – – –.

Die junge Frau, die täglich um fünf Uhr auf der Esplanade erschien, war wunderbar schön und trug wunderbare Kleider. Zum Beispiel eines aus braunrosa Seide mit weißer und hellgrüner Stickerei.

Aber ihr schönster Schmuck war das Kind, das mit der Bonne an ihrer Seite ging.

L'enfant russe, Katja.

Das ist Schönheit, Grazie, süße Heiterkeit und weißes leuchtendes bezauberndes Licht. Das ist der Mensch, wie ihn die ideale träumende Natur ersehnt, das ist die Dichtung der alten Mutter Erde – – –.

Reiche elegante Herren saßen bei der jungen Dame – – –, aber nie zusammen. Zum Beispiel der Herr Graf T. und dann später der Herr von A. und dann der Rittmeister Baron; – – oder auch umgekehrt. Die Reihenfolge wurde nicht eingehalten.

Manche blickten auch nur hin, ohne zu grüßen, und lächelten. Andere grüßten, wie wenn sie sagen würden: »Ich grüße dich! Ho! Warum denn nicht?! Es ist ja ein Kurort, ein Rendez-vous der Welt!«

Katja saß da, mit ihren goldenen Haaren und den wunderbaren sanften Augen – – – – –.

Niemand kümmerte sich um sie.

Die Frau Mama, die schöne Frau Mama, stützte die Ellbogen auf den Tisch und schaute auf die Bäume mit den breiten Blättern, auf den schimmernden See, in die Augen des Herrn von – – –.

Um sieben Uhr schickte man Katja schlafen.

Sie sagte sanft: »Adieu Mami – – –.«

Die junge Dame antwortete nicht – – –. Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und schaute auf die Bäume mit den breiten Blättern, auf den schimmernden See, in die Augen des Herrn von – – –.

Die Esplanade wurde dunkel.

Die wunderschöne junge Dame ging langsam die Allee entlang – – –.

Niemand kümmerte sich um sie. Bis dahin Prinzessin des Lebens und jetzt, wenn der Abend kommt, einsam – – –! Und in der Nacht vielleicht wieder Prinzessin, Königin, Göttin – – –.

Abenddämmerung, Frieden – – –.

Eltern sitzen auf den Bänken, ein wenig ermüdet von den Landpartien; Kinder denken ernst an das Souper, und junge Menschen, die sich lieb haben, führen leise Gespräche und fühlen sich riesig glücklich – – –. Sie haben die Empfindung: »Es ist eine unvergeßliche Stunde in meinem Leben – – –.« Immer haben sie solche »unvergeßliche Stunden«, diese jungen Leute, die sich lieb haben.

Die jungen Mädchen denken. »Vielleicht wird es so sein – – –. Ich werde einst sagen: ›Weißt du noch, wie wir damals abends auf der Esplanade saßen?!‹

Da sagte ich: ›Wie der See im Dunkel verschwimmt und dennoch leuchtet – –!‹

Und du sagtest: ›Wie du – – –! Damals warst du wie ein Dichter!‹«

Und dann kommt die Mutter, dieses unselige Geschöpf, das vor der Seele Schildwache steht, und sagt: »Ellie« oder »Marion« oder »Riquetta«, »ich glaube, es wird kühl«, oder »es ist spät, ich glaube, wir gehen nach Hause – – –«.

Und die jungen Männer sagen: »Auf Wiedersehen, Fräulein, kommen Sie morgen früh auf die Esplanade!?«

Und die Fräulein sagen »vielleicht – – –«.

Die Fräulein sagen immer »vielleicht«, aber sie meinen »bestimmt – – –!«

Die Esplanade wurde leer.

Die junge wunderschöne Dame setzte sich auf eine Bank.

Der See sang ein sanftes Lied – – –.

Da sang ihre müde stolze Seele mit, den einzigen Laut der Liebe, den sie hatte: »Adieu Mami – – –.«

 


 

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