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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 29
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Café-Chantant

(in "Was der Tag mir zuträgt", Berlin 1906)

Nach der Vorstellung, Mitternacht, soupieren die Kavaliere mit den »Stars«.

Fünf junge Damen sind es, Schwestern. Vier sind hellblond, mit tiefen Scheiteln in ihren seidenen leichten Haaren. Eine ist hellbraun, mit tiefem Scheitel in ihren seidenen leichten Haaren.

Alle fünf tragen weite seidene schwarze Kleider und hellgraue Empire-Hüte mit drei schwarzen Straußfedern. Eine sechste ist in Reserve da. Plötzlich ist sie verschwunden. Wohin?! Niemand könnte es ergründen. Entführt, versunken?!?

Siehst Du, wie gut es ist, daß eine in der Reserve ist?! Gleich bestellt man einen neuen Reservisten und ein schwarzes Seidenkleid und einen Hut Empire.

Ein Graf schrieb der wunderbaren Mage einmal in ihr englisches Stammbüchlein: »Wenn Sie haben eine üble Laune, mein Herr, so nehmen Sie nicht Beechams Pillen, sondern soupieren sie mit Mage, und Ihre Krankheit wird fort sein, ganz fort.«

Viele Herren versuchten seitdem dieses einfache Mittel und allen half es. Frohen Sinn verbreitet sie wirklich, wie ein Kind bei seinen Großeltern.

Ein Baron sagte einmal während eines Soupers: »Fünf little dogs wird man euch schenken, ihr Süßen, gelbe Hündchen mit dunklen Schnäuzchen. Alle werden zu gleicher Zeit auf eurem Schoße sitzen und – – –«

»Und?!« fragten die fünf jungen Mädchen.

»Und – – –. Kleine Hunde können nichts dafür.«

Die fünf Fräulein lachten darüber wie Kanarienvögel im Sonnenlichte. Ganze Trillerketten rollten sie, wie man bei »Harzern« sich auszudrücken pflegt.

»You are ein kleines Swein,« sagte Mage zu diesem Kavaliere und tippte ihn auf seine Glatze, welche er in höchstem Maße besaß.

Die Kavaliere bestellten fünf Eierpünsche. Dafür schwärmen die jungen Fräulein. »Keinen Champagner! Keinen Rheinwein! Eierpunsch! Eierpunsch, o bitte – –!«

»Ich vermutete gar nicht, daß im Eierpunsche soviel Poesie läge«, sagte einer der Kavaliere und leckte Mages Löffelchen ab.

Man fragte einmal die etwas massive Agne: »Agne, mein Mädchen, wieviel wiegst Du?!«

»Ich wiege soviel wie ich wiege – – plus immer dem Gewichte eines Eierpunsches.«

Mage war ganz verliebt in einen der Kavaliere.

»Bin ich für dich Beechams Pille?!« sagte sie und sah ihm ganz hinein in seine Augen.

Ja, sie war für ihn Beechams Pille.

»Wir werden Euch singen ein kleines englisches Lied, weil Ihr so gut seid zu uns und gebet Eierpunsch, ja?!«

Sie sangen ganz leise und freudig und wiegten ihre Köpfchen dabei.

»Wundervoll – –«, dachten die Kavaliere, »sind wir mit Kindern oder mit Erwachsenen, zum Teufel?!«

Wie mit unseren Nichten ist es. Man sitzt auf dem Teppiche und sagt: ›Jetzt kommst Du dran, pitschi, patschi, hohohoho – – – –‹

Jawohl, unsere ganzen Wünsche entziehen sie uns. Wir tun nur, was ihnen Freude macht, von ganzem Herzen. Durch nichts möchten wir sie kränken, aufschrecken.

»Agne, liebste Agne. Mage, liebste Mage. Fannie, liebste Fannie. Sissie, liebste Sissie. Maridy, liebste Maridy!«

Die fünf Mädchen trinken gerne Eierpunsch. Mit Kavalieren sitzen sie und amüsieren sich.

Eine sechste ist in Reserve. Das schicksalsvolle Leben repräsentiert sie. Wie der Chor bei den Alten. Wie ein Roman im vorhinein. Ruhig schläft der Impresario: Die Romantik ist im Calcüle.

Die Kavaliere aber werden zu Dichtern, die innerlich singen. Wie Lord Byron einst zur Gräfin, möchten sie sagen: »Oh, ne m'accordez jamais, ce que ma démence vous implore sans cesse, afin que notre amour reste éternellement beau et au-dessus de l'humanité!«

Ja wirklich, das möchten die Kavaliere beinahe beten, wenn auch nicht so schwungvoll.

Mage, o Mage, Beechams wiederherstellende Pille!

 


 

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