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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 209
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Zwölf

(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)

»Das Fischen muß sehr langweilig sein«, sagte ein Fräulein, welche davon so viel verstand wie die meisten Fräulein.

»Wenn es langweilig wäre, täte ich es ja nicht«, sagte das Kind mit den braunblonden Haaren und den Gazellenbeinen.

Sie stand da, mit dem großen unerschütterlichen Ernst des Fischers. Sie nahm das Fischlein von der Angel und schleuderte es zu Boden.

Das Fischlein starb – – –.

Der See lag da, in Licht gebadet und flimmernd. Es roch nach Weiden und dampfenden verwesenden Sumpfgräsern. Vom Hotel her hörte man das Geräusch von Messern, Gabeln und Tellern. Das Fischlein tanzte am Boden einen kurzen originellen Tanz wie die wilden Völker – – – und starb.

Das Kind angelte weiter, mit dem großen unerschütterlichen Ernst des Fischers.

»Je ne permettrais jamais, que ma fille s'adonnât à une occupation si cruelle«, sagte eine Dame, welche in der Nähe saß.

Das Kind nahm das Fischlein von der Angel und schleuderte es wieder zu Boden, in die Nähe der Dame.

Das Fischlein starb – – –. Es schnellte empor und fiel tot nieder – – ein einfacher sanfter Tod! Es vergaß sogar zu tanzen, es marschierte ohne weiteres ab – – –.

»Oh – – –«, sagte die Dame.

Und doch lag im Antlitz des grausamen braunblonden Kindes eine tiefe Schönheit und eine künftige Seele – – –.

Das Antlitz der edlen Dame aber war verwittert und bleich – – –.

Sie wird niemandem mehr Freude geben, Licht und Wärme – – –.

Darum fühlte sie mit dem Fischlein.

Warum soll es sterben, wenn es noch Leben in sich hat – – –?!

Und doch schnellt es empor und fällt tot nieder – – – ein einfacher sanfter Tod.

Das Kind angelt weiter, mit dem großen unerschütterlichen Ernst des Fischers. Es ist wunderschön, mit seinen großen starren Augen, seinen braunblonden Haaren und seinen Gazellenbeinen.

Vielleicht wird es auch einst das Fischlein bemitleiden und sagen: »Je ne permettrais jamais, que ma fille s'adonnât à une occupation si cruelle – – –!«

Aber diese zarten Regungen der Seele erblühen erst auf dem Grabe aller zerstörten Träume, aller getöteten Hoffnungen – – –.

Darum angle weiter, liebliches Mädchen!

Denn, nichts bedenkend, trägst du noch dein schönes Recht in dir – – –!

Töte das Fischlein und angle!

 


 

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