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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 201
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Wagenpartie

(in "Semmering 1912", Berlin 1913)

Herr Dr. E sagte vormittags zu mir: »Darf ich Sie für den Nachmittag zu einer Wagenpartie einladen in Ihren geliebten Ort ›Mürzzuschlag‹?!«

»Bitte sehr«, erwiderte ich.

Nachmittags sagte der Hotelportier: »Soll ich Ihren Jagdhund in den Wagen bringen, Herr Doktor?!?«

»Selbstverständlich, wegen dem Hund mach' ich ja überhaupt nur den Ausflug – – –.«

Ich hatte bisher gedacht, er mache den Ausflug »wegen dem anderen Hund«. Im Wagen sagte ich: »Sie, Ihr fetter Hund nimmt mir zuviel Platz ein«, worauf ich demselben mit der vernickelten Spitze meines Bergstockes einen Stich in die Brust gab. Der Herr sagte: »Was tun Sie meinem armen Hunde?! Es ist ein echter englischer Pointer!« Ich erwiderte, daß er zuviel Platz einnehme trotz alledem. Wir kamen an einem braunen Felde vorbei, begrenzt von kahlen grauen Buchenbäumen. Hier grasten fünf herrlich schillernde Fasanhähne. »Willy«, sagte der Herr zu seiner Jagdhündin, eine Abkürzung für Wilhelmine, »Willy, da schau hin, Fasane!« Willy schaute überall hin, nur nicht auf die vor ihm grasenden Fasanhähne. Wahrscheinlich sagt man von diesen Viechern nicht »grasen«, sondern irgend einen manirierten Jägerausdruck. »Dieser Willy ist ein so feuriger Jagdhund«, sagte sein Herr entschuldigend, »daß ihn alles ablenkt. Sehen Sie dort in der Ferne die Krähe?! Die lenkt seine ganze Aufmerksamkeit auf sich, weg von den Fasanen!« Ich dachte: »Er zahlt den Wagen, er zahlt den Wagen, er zahlt den Wagen – –.«

Wir fuhren an einsamen Schmiedewerken vorüber, in welchen geschmiedet wurde, an Holzsägewerken, in denen Holz zersägt wurde, an Mühlen, in denen gemühlt, pardon gemahlen wurde. Ich fühlte: «Hier sollte ein Landerziehungsheim erstehen für die moderne reifere Jugend, Koedukation, wo man in der Natur selbst Anschauungsunterricht genießen könnte während einer Spazierfahrt. Zum Beispiel eine feuchte Wiese mit einem Graben lehrt uns das so wichtige »Drainage-System« spielend leicht kennen. Denn wenn die Feuchtigkeit der Wiese sich in dem Graben ansammelt, so wird die Wiese selbst trocken. Eine Art von Wiesen-pot de chambre.«

Ich sagte dem Herrn Doktor, daß er, auch ohne ein echter englischer Pointer zu sein, im Wagen mir viel zu viel Platz einnehme, und ich ein nächstes Mal eine Einladung zu einer Wagenfahrt nur annehmen könne, falls er und sein Hund zuhause blieben. Er sagte, ich hätte reizende Einfälle und ich sei ein großer Künstler und Menschenkenner. Dies bestätigte ich. In Mürzzuschlag angelangt, fragte uns der alte Kutscher, der schon 50 Jahre lang hier fuhr und die Gegend nicht kannte, oder sich in Beantwortung nichtiger Fragen über Bergnamen usw. usw. nicht einlassen wollte, ob er »den Rosserln« eine Jause verabreichen dürfe. Merkwürdigerweise figurierte die Jause dann bei der Verrechnung im »Café Semmering« als Kaffee mit drei Stück Gugelhupf. Abends bei der Rückfahrt war es natürlich finsterer als bei der Hinfahrt nachmittags, was der Landschaft einen »eigenen, neuartigen, undefinierbaren« Reiz verlieh, den zu schildern ich aber modernen Dichtern überlassen muß.

Indem alles im Nebel verschwamm, wurde es zusehends undeutlicher. Wir sprachen nun über das Wesen der »Frauenseele«, und ich behauptete, daß mir eine noch so sehr geliebte und verehrte Frau durch die Bezahlung bereits eines Kalbsgullasch mit Reis momentan unsympathisch werde. Er nannte mich infolgedessen »exzentrisch«, während ich es mehr auf »Lebenskunst« zurückführen möchte. Beim Anlangen in unserem heiligen Berghotel sagte ich: »Also, es bleibt dabei, morgen einen Wagen ohne Sie und Ihren echten englischen Pointer – – –.«

»Nein!« erwiderte er kurz und bündig.

 


 

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