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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 192
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Der Trommler Belín

(aus "Wie ich es sehe", Berlin 1896)

Er saß mit seinem jungen Weibe bei »Ronacher«, Vergnügungs-Etablissement. Er sagte Leuten, welche darüber Bemerkungen machen: »Warum nicht!? Mich interessieren die Zwischenglieder der Kunst. Und dann, gibt es nicht auch Prater-Buden?! Nun also!?«

Um acht Uhr beginnt die Vorstellung. Tausend Glühlampen werden aufgedreht.

»The Pickwicks.« Fette Männer in hellblauen Tricots springen übereinander, schwitzen.

Man hört gleichsam diese Lungen schreien: »Oh, genug, laß mich – – –.«

Alles applaudiert. Die junge Frau denkt: »Mühselige – – – Müh – unselige!«

Ein kleines Mädchen wie ein rosa Zwirn arbeitet auf dem weißen Telephon-Draht.

Ein Dünnes im Kampfe mit einem Dünneren!

»Müh – unselige!«, sagt die junge Frau.

Drei Bären aus dunklen Wäldern produzieren sich. Einer singt etwas in seinen Heimatstönen. Niemand versteht es. Es heißt: »Ich war wild, wild houuuuu ich war wild – – –!«

Alles applaudiert.

»Wie müh – unselig!«, denkt die junge Frau.

Eine Pantomime »La Puce«. Es ist die »stummer Geist gewordene Gemeinheit«.

»Eine junge Dame in einem hellgrünen Seidenkleide entkleidet sich, um ›la puce‹ zu suchen, versäumt die Zeit zum ›Rendez-vous‹. La puce als Ehrenretter. La puce bekommt die Medaille. Hó, la puce – – –!«

Alles applaudiert.

Die junge Frau fühlt: »Mühselige – – –!«

Der Trommel-Virtuose Belín.

»Ein passendes Stück, ein Trommler – –«, sagt jemand, »ist es amüsant?! Was kann er?! Trommeln?!«

Das Publikum ruft ihm gleichsam entgegen: »Ah, bonjour Herr Trommler – – –!«

Auf einem kleinen Gestelle liegt schief eine kleine Trommel.

Er kommt herein, in Frack und weißer Krawatte. Er hat ergrauende Locken.

»Die Schlacht!«:

Rataplán ra ra ra ra – – – von ferne ziehen unabsehbare Scharen in Eilschritt heran, Millionen, immer noch, immer noch, noch, noch, noch. Noch – –! Sie schleichen, gleiten, huschen, fliegen – – –. Pause.

Geschütz-Salve – – – ratá! Pause. Salve, Salve, Salve – – – ratatatá!

Die Schlacht singt ihr Lied, jauchzt, kreischt, brüllt, stöhnt, atmet aus – – – – –. Pause. Plötzlich beginnt ein furchtbarer Wirbel – – – – Rrrrátaplan rrrráta rrrráta rrratatatá tá tá tá tá – – – trrrrrrrrrá! Der Todeskampf dieses Lebens: »Schlacht«!

Orkan-Wirbel!

Er notzüchtigt das Ohr, spannt es, treibt es auseinander, schüttelt es, bricht es, dringt in die Seele ein und macht erschauern – – –! Ein fürchterlicher Wirbel, ein entsetzlicher, nachsichtsloser, grausamer, blutohriger Wirbel! Wird er nicht aufhören?! Er hört nicht auf, rrrratá, prasselt herum, zerfetzt die Nerven, rrrátatatá! Wirbel! Wirbel – – –!! Rrrratá! Alles wird über den Boden geblasen, gemäht, vertilgt!

Schuß – – Schuß – – – – – – Schuß! Rrrrrrrrrát – – – – –. Die Schlacht ist gestorben.

Stille.

Der Mann im schwarzen Frack steht da, verbeugt sich, geht – – –.

Niemand applaudiert.

»Ein schrecklicher Trommler – –«, denkt man, »er zerreißt das Trommelfell.«

»Ein Genie des Handgelenkes ganz einfach – –«, sagt ein Aristokrat in einer Loge.

Die junge Frau sitzt da, bleich – – –.

»Du bist ganz geschreckt – –«, sagt der Gatte, legt seine Hand sanft auf ihre Hand.

»Napoleon – – –!« sagt sie.

»Wie?!« sagt der Gatte.

»Er hat wenig Applaus gehabt – – –«, sagt sie, »er wird vielleicht entlassen werden – – –.«

»Nein – – –«, sagt der Gatte, »sie sind fix engagiert – – –. Wie bleich du bist – –.«

Die junge Frau fühlt: »Napoleon – – –!«

 


 

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