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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 170
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authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Sommernacht in Wien

(in "Pròdromos", Berlin 1906)

Nach den Mühseligkeiten, Demütigungen des Gelderwerbes vermittels Blumen und Champagner im »Englischen Garten« kommen die Mädchen ins Kaffeehaus, als freie Herrinnen, zu ihrem eigenen Vergnügen, gleichsam momentan in Prinzessinnen umgewandelt aus dienenden Sklavinnen. Niemand darf mehr denken über sie: »Zudringliche Geschöpfe« oder es sogar aussprechen: »Bitte, belästigen Sie uns nicht!«

Sie sind Damen geworden, die Gnaden austeilen, nach Laune und eigenem Willen. Von 3 Uhr morgens an spielt Herr Karl dort auf seiner süßen sanften Geige. Wally beginnt zu tanzen und Steffi und Tertschi. Jede in ihrer Weise eine Vollkommenheit. Wally tanzt, wie eine kranke, leidenschaftliche Seele sich austanzen möchte, um sich zu erlösen. Oft mit Tränen in den Augen und Hilfe suchend. Steffi tanzt in wilder, wunderbarer, unermüdlicher Kinder-Naturkraft. Tertschi tanzt wie die süßen Wiener Mädel tanzen auf dem Relief vom Strauss-Lanner-Denkmal im Rathausparke. Wie ein Modell zu Seiferts wunderbar zarten Reliefen ist sie. Besonders der Gesichtsausdruck. So weltentrückt vor Tanzesfreude.

Erfüllt von romantischen Träumereien und Hirngespinsten und unerfüllbaren Sehnsuchten und Gutmütigkeiten sind diese Mädchen. Künstlerische Anmut wird in ihnen frei bei den Klängen des Kake-Walk und der polnischen Mazur. Man versteht es, daß sie in heldenhafter Leichtsinnliebe eventuell in Abgründe stürzen und zerschellen, klaglos und dennoch verwundert über ihr Schicksal.

Wer will sie denn je erretten, beschützen, betreuen?!?

Wer hat Achtung und Ehrfurcht vor ihren künstlerischen Qualitäten?!?

Der Mann ist dumpf und stumpf und träge in seiner ermüdeten und ebenfalls enttäuschten Seele.

Daran gehen diese Mädchen zugrunde. An dem, was die schlechteren Mädchen am Manne gesündigt haben. Er rächt sich – an den besseren unter ihnen.

Es schämt sich außerdem heute ein jeder, begeistert zu sein, aus sich selbst für Augenblicke herauszutreten, einfach außer sich zu sein! Jeder hat im Kampf ums Dasein irgendwo eine schäbige Würde zu bewahren, eine Stellung zu berücksichtigen! Einer Lüge seine Wahrhaftigkeit zum Opfer zu bringen!

Nur die Würde seiner menschenfreundlichen Begeisterung achtet er nicht! Er hat nicht den Mut, in diesen Mädchen ein tiefes Künstlertum zu erlauschen, zu entdecken. Es sind eben noch keine »protokollierten Firmen« à la Cleo, Otero, Cavalieri, Paquerette. Für Blumenmädel und Champagnermädel setzt man sich noch nicht ein. Die verführt man und nützt sie aus, wirft sie dann weg wie Krebsschalen und Zitronenschalen. Feiges, duckmäuserisches Gesindel der Männer! Nur vor immens bezahlten »Sternen« habt ihr den Mut, begeistert zu sein? Weshalb? Weil ein Variété-Direktor ihnen 6000 Kronen monatlich bezahlt? Das, das treibt euch, Hohlköpfe, zu Schulden und Verbrechen?

In unbeschreiblich rührender Weise bieten Wally, Steffi, Tertschi ihre Künste gratis dem Zuschauer dar im Café, 3 Uhr morgens.

Keine Brettl-Diva könnte je so wirken. Man erlebt Menschenschicksale. Schweigende Not des Herzens und wiederum daneben die kreischende Verzweiflung. Und alles ausgelöst durch Alkohol und Musik. Frei geworden in der geknechteten Seele!

In den Ruhepausen singt die süße, sanfte Geige: »Madrigal« und »Ouvres tes yeux bleus« und »Wenn es am schönsten ist, dann muß man scheiden«.

Tertschi, du hast die idealsten zartesten Beine und Füße von der Welt und die süßeste wienerische Anmut!

Wally, du tanzest die Leiden der Seele und ihre Qualen!

Steffi, du bist die Tanzkönigin an und für sich, in edler Bewegung jauchzend, erst dabei du selbst werdend!

Morgens zwischen 3 bis 5 Uhr spendet ihr eure edle Künstlerschaft! Im »Englischen Garten« waret ihr Angestellte, Verkäuferinnen, Sklavinnen. Da aber seid ihr freie Herrinnen, so ohne Wunsch und Zweck. Edle, süße, geniale Tänzerinnen! Seid bedankt und gesegnet!

 


 

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