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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 167
Quellenangabe
typesketch
authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Semmering-Photogravüren

(in "Fechsung", Berlin 1915)

Lebens-Leitmotiv:

»Wer die Natur liebhat, die schönen Wälder, die schönen Berge, die schönen Almen, die schönen Bäche, die schönen Primeln, die schönen Frauen, die schönen Kinder, die schönen Pferde, die schönen Hunde, die schönen Katzen, dem kann nicht viel Böses passieren in diesem sonst ziemlich dürftigen und belanglosen Erdentale! Die schönen Austern, den schönen Kaviar nicht zu vergessen!«

 
Semmeringlandschaft beim Orthof:

Man verliert sein Herz an so vieles, da kann man es doch auch einmal an etwas gewinnen!

 
Gloggnitz:

Gloggnitz, ich kenne dich nicht! Aber soll mich das hindern, über dich etwas Feines zu sagen?! Keineswegs. Auf deiner Station spürt, riecht man schon Bergluft. Hier wird die Berglokomotive angehängt. Und Mädchen rufen dir zu: »Schneerosen gefällig, ein Büscherl zwanzig Heller?!« »Bald werde ich sie mir selber pflücken«, denkt man und verläßt stolz Gloggnitz, ohne Geldausgaben!

 
Partie aus Schlagl:

Schlagl, du bist der einsamste Ort auf der ganzen Strecke, also der beneidenswerteste!

 
Am Schwarzakai in Payerbach:

Siehst du Forellen?! Nein, aber ich ahne sie – –. Dort wo sie zu Hunderten sind, sind sie nicht schöner!

 
Der Schwarzaviadukt:

Dem Semmering zu! Um diese Gefühle könnt ihr mich wirklich alle beneiden! Aber wenn man das kann, ist man ja selber schon beneidenswert!

 
Reichenau. Am Schwarzakai im Herbst:

Zu meiner Zeit war diese liebe herzige Brücke, die ins Paradies »Talhof« führt, noch aus grauem morschem sonn-duftendem Holz! Jetzt ist sie prächtiger, doch nicht mehr so prächtig!

 
Der Talhof in Reichenau gegen die Eng:

Hier verbrachte ich die Jahre (Sommer) von 1869 bis 1880. Ich liebte hier alles, alles fanatisch, inklusive die Talhofherrin Olga!

 
Im Kurpark von Reichenau:

Gehört Courmachen auch zur Kur?! Das ist doch die Kur!

 
In der Eng:

Immer ahnte, befürchtete man, erhoffte man Kreuzottern, diese schönen Teufelinnen – – – – nie kamen sie! O ja, in anderer Form! Und ebenso schön von der Natur ausstaffiert! Kreuzottern kann man geschickt packen, daß sie einem nichts tun können! Und wenn sie beißen, kann man es durch Alkoholrausch unschädlich machen!

 
Die Waißnixmühle in Reichenau:

Dieser Mehlduft war uns wunderbar! Parfümfabrik der Natur!

 
Holzarbeit:

Auch das Holz duftete wunderbar in der düsteren Holzkammer, wo ich die Vierzehnjährige – – – – küßte!

 
Kaiserbrunn:

In blankem Blechbecher an langer Holzstange schöpfte man uns Kindern in eiskaltem Schneebergloch das grüne Wasser, das einst die Großstadt beglücken sollte. 1869! Jetzt trinken es alle, Millionen. Es hat seine Romantik verloren, also einen Teil seiner Gesundheit!

 
Kind im Hühnerhof:

Erwachsene Frauen haben selten so graziöse Bewegungen! Sie füttern aber auch nicht liebevoll Hühner, sondern lassen sich füttern – – –von Ochsen!

 
Auf dem Krummbachstein:

Da steht einer und vergißt! Und – – – erinnert sich – – –. Ich verstehe, daß man steigt, um fern zu sein. Aber daß man steigt, um zu steigen, das verstehe ich nicht! Man steigt ja doch nicht!

 
Das Schneebergplateau vom Herminensteig:

Zirbelkiefer, du Zwergmärchenwald meiner Kinderzeit!

 
Das Baumgartnerhaus auf dem Schneeberg gegen die Raxalpe:

Baumgartnerhaus, Märchengasthof meiner Kinderjahre! In finsterer feuchter Nacht wurde man aus dem Schlaf gerissen, der blutroten Sonnenkugel, auf dem Kaiserstein, entgegen! Sturm brauste, Kühe schliefen auf schwarzen Almen, und in uns ächzte der unausgeschlafene Schlaf!

 
Der Tiefblick vom Schneeberg auf das Puchberger Tal:

Zirbelholz, Zerben, Knieholz, Latschenkiefer, Sturmgebogenes aber Elastisches im Kampf ums Dasein, ich liebe dich!

 
Im oberen Höllental:

Schwarzawasser, ich kannte jeden deiner Gurgellaute, dein Brausen, dein Lärmen, dein Schweigen; besonders dein dunkelgrünes Schweigen in Felsenbuchten!

 
Das Raxplateau mit den Lechnermauern im Winter:

Ich kenne das nicht. Aber meine Schwester Gretl, die Bergsteigerin, sagte immer: «Wie kann man heiraten, wenn man so etwas hat?!?«

 
Das Erzherzog-Karl-Ludwig-Schutzhaus auf der Raxalpe:

Die Menschen, die hier sind, sind hier wegen echter wirklicher Angelegenheiten, wegen Schneefeldern, Zirbelholz und Bergsturm!

 
Die Preiner Wand mit der Preiner Schütt auf der Raxalpe:

Hier werden keine kleinen Kinder malträtiert, hier wünscht niemand Hofrat zu werden, hier fällt Regen, bläst Wind, hier fällt Schnee, braust Sturm!

 
Der Viadukt über den Gamperlgraben:

Der Gamperlgraben! Selbst das Wort »Gamperl« kann romantisch wirken! Wie wenn eine junge Schönheit dir es mitteilt: »Je vais faire pipi!«

 
Bahnwächter:

Bahnwächter?! Bist du nicht abgestumpft durch deinen schweren Beruf?! »Woll, woll! Aber schöner is schon als in der Großstadt! Dort war man noch mehr abgestumpft!«

 
Das Große Höllental an der Raxalpe:

»Wild-romantisch«, sagen die Reisehandbücher. »Friedlich-einsam«, sagt das Herz.

 
Die Kahlmäuer von der Zikafahnleralm auf der Raxalpe:

Die »Rax« kenne ich nicht, aber meine Schwester Gretel, eine berühmte Rax-Kletterin, sagte mir, daß auf den »Zikafahnlern« ganze Strauchwälder von wilden Himbeeren wüchsen! Und es dufte da droben wie kalifornisches eingemachtes Kompott. Meine Schwester Gretl hat nicht geheiratet. Mit den »Zikafahnlern« können Männer nicht konkurrieren! Womit überhaupt, bitte?!

 
In der Kirche von Maria-Schutz:

Klara Panhans, meine Tränen sollen dich begleiten, da Lächeln mir nicht beschieden ward!

Hier betete ich oft für meine kleine Heilige, die damals zwölfjährige Klara Panhans, dort wo der Bergquell dem Altar entspringt! Eine englische Dame sagte gestern zu mir: »Peter, wieso kommt es, daß man erst nach acht Jahren Ihre Briefe, Ihre Tränen, Ihre Verzweiflung versteht?!« Ich erwiderte: »Gut Ding braucht Weile!«

 
Partie bei Klamm im Frühling:

Im Frühling ist alles grün – lila – rosig – duftig. Mehr kann man nicht aussagen darüber. Weshalb also reimen und dichten?!

 
Einfahrt in den Pollerostunnel:

Wenn man »Indianergeschichten« ängstlich las, hatte man ähnliche Stimmungen! Besonders bei der Ausfahrt. Chingachguk wurde also Gott sei Dank doch nicht skalpiert!

 
Semmeringlandschaft vom Eselstein:

»Hier kenne ich jeden Steig!« sagte der Tourist. »Hier kenne ich jeden Grashalm!« sagte der Dichter.

 
Gefräßiges Volk; Ziegen:

Ziegenkäse war mein Lieblingskäse. Molkenkäs auf dem Lakaboden. Er ist verschwunden aus der Welt. Er war zu einfach, zu billig, zu gesund!

 
Orthofstraße gegen den Feuchter:

Sie gingen selbander. Er sagte: »Jetzt erst liebe ich dich ganz!« Sie erwiderte: »Jetzt erst liebe ich die Natur ganz!«

 
Auf der Straße zum Semmering:

Da fahren sie, die Reichen, fliegen dahin, 45 HP! Und die Armen reden es sich ein, daß »Fußwanderung« einen größeren Genuß biete!

 
Die Kaltwasserheilanstalt Semmering:

Kaltes Wasser als Heilmittel! Sporen und Peitsche für ein ermüdetes Pferd! Ja, es lauft dann frischer, aber auf Kosten seiner eigenen erschöpften Kräfte! Ich bin mehr für laues Wasser, es wird weniger mißbraucht, weil es nicht so unselig prompt wirkt! Die Menschen wollen sich eben keine Zeit lassen, um gesund zu werden! Um sich krank zu machen, da hatten sie jahrelang Zeit!

 
Auf dem Semmeringpaß:

Semmeringpaß, schon als Kind erschauerte ich, an der markierten Grenze zweier Provinzen mich zu befinden!

 
Der Talhof:

Auch ein »Talhof«. Aber nicht der Talhof meiner geliebten »Talhofherrin«! Also ein ganz gewöhnlicher Talhof! Ohne Olga W!

 
Bei der Bobbahn auf dem Semmering:

Hier frieren »Aristokraten« stundenlang, zum Pläsier! Leider bekommen sie keine Frostbeulen! Sie genießen sogar die Kälte! Schade!

 
Zuschauer:

Überall gibt es Zuschauer. Das heißt Leute, die sich für etwas interessieren, wofür sie sich gar nicht interessieren!

 
Bob in voller Fahrt:

Dersteßt euch! Ihr, die ihr keine Zeit habt, den Winterwald anzustaunen!

 
Auf dem Gipfel des Stuhlecks:

Sie war auf dem »Stuhleck«, mit ihm! Man könnte ebenso sagen: »Sie war in der Rotenturmstraße, mit ihm!« Wegen dem bissel Schnee?!?!

 
Das Palace-Hotel im Winter:

Wenn ich nur den Unterschied wüßte zwischen Winter und Sommer, auf dem Semmering!? Im Winter trägt Klara Panhans Winterloden und im Sommer Sommerloden! Alles andere ist doch gleichgültig!

 
Straße in Spital:

Auch hier gibt es vielleicht alle Laster der Großstadt! Aber man macht kein solches »Geserres« damit! No, malheur, daß mir kane Engel noch nicht sind!

 
Auf der Kampalpe:

Diese Kühe stören mich nicht! Sie suchen sich ihr Fressen selber!

 
Briefträger:

»In Wien Briefe austragen muß schrecklich sein! Da hat man nicht einmal auf den anstrengenden Wegen die erfreuende Bergluft!«

 
Mürzzuschlag gegen die Schneealpe:

Die »Beauté«des Dorfes, Josefa! Aber sie fühlt nicht: »Lieber hier die erste als in Wien die letzte!« Sie fühlt: »Lieber in Wien die erste!«

Hier sah ich noch eine rothaarige Wunderbare, die nach der Großstadt sich sehnt und der die Berge nichts sind, weil sie ihr nicht sagen: »Du bist noch schöner als wir!«

 
Gemse:

Wenn man sie irgendwo im Geröll an den Felsmauern erschaut, fühlt man: »Die, die hat die Freiheit!« Pumps, schießt sie einer tot und prunkt noch mit dem langen straffen Rückenhaar. »Edelweiß soll man nicht mehr pflücken, Gemsen soll man nicht mehr schießen, ja da freut mich die ganze Bergwelt nimmer!« sagte ein Naturfreund. Wie wenn man sagte: »Kinder soll man nicht mehr prügeln?! Ja, da freut mich ja das ganze Familienleben nicht mehr!« »Mehr Geld ausgeben als man hat, soll man nicht?! Ja, da freut einen ja das ganze Geld nicht mehr!« Gemse, ich erschaute dich freudig auf Geröllhalde, senkrecht stehend! Welches Vergnügen, einen schweren anmutlosen Kadaver aber dann herabkollern zu sehn?!?

 


 

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