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Prosaskizzen

Peter Altenberg: Prosaskizzen - Kapitel 155
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typesketch
authorPeter Altenberg
titleProsaskizzen
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Etablissement Ronacher

(in "Märchen des Lebens", Berlin 1911)

Es war wirklich wie der feierliche Anfang einer neuen Ära ästhetischer Freiheit. Ein Raum, angefüllt bis zur Decke mit eingeladenen Künstlern, Bildhauer, Maler, Architekten, Schriftsteller, Schauspieler, Sänger ersten Ranges, Frauen und Mädchen; und auf der Bühne in strahlendem Glanz ihrer jugendlichen Schönheit, splitternackt und vergoldet, die drei goldenen Mädchen, in edlen Stellungen zu Bronzekunstwerken sich formend. Ich will nur von der einen sprechen, die die Kunstwerke »Bacchantin« und »Wasserträgerin« darstellte. Es gibt absolut keinen vollkommeneren Frauenleib, und nur Gefühle der Rührung über dieses lebendige Kunstwerk Gottes kamen über uns alle. Da stand sie in ihrer adeligen Nacktheit und zeigte sich ohne Scheu dem ganzen, feierlich gestimmten Saale. Und zum Schlusse, als sie sich dankend tief verneigte, hatte man die Empfindung, daß alle sich vor ihr hätten verneigen sollen, der ersten wirklich ganz ganz tadellosen Frau, die sich als Kunstwerk öffentlich gezeigt hat in unserer Zeit. Ich möchte fast ein wenig pathetisch sagen, daß von dem goldenen Glanze dieser Haut ein Lichtstrahl ausgeht in die Dunkelheit der Welt und die Vorurteile aufscheucht wie Fledermäuse. Diese krankhafte Angst vor dem schönen Nackten, diese »reizbare Schwäche« unserer Welt! Man habe doch nur eine einzige Angst... vor dem häßlichen Nackten! Ich habe es immer bemerkt, daß schöne Menschen weniger Schamgefühl besitzen als häßliche. Sie beleidigen eben niemand durch ihre Nacktheit und sie fühlen sich unbewußt im Einklang mit den idealen Plänen der Natur! Aber diese anderen ziehen sich scheu zurück, wie trauernd über ihre Unvollkommenheiten. Ich habe einmal geschrieben: »Eine edelgeformte Frauenhand strebt direkt aus diesem Futteral »Handschuh« heraus ans Tageslicht bei jeder Gelegenheit, aber die unedle Hand bleibt gern in ihrer Hülle verborgen und sagt: »Es gehört sich einmal nicht, den Handschuh da oder dort auszuziehen!«« Die drei »goldenen Jungfrauen« in Danzers Orpheum sind keine sensationellen Schaustücke, sondern eine künstlerische Angelegenheit der Erziehung der in Vorurteilen gebannten Welt zur Achtung vor der körperlichen Vollkommenheit! Wieviele Frauen werden sich, gerührt durch den Anblick dieser »Wasserträgerin«, bemühen, durch Freiübungen und Hygiene ihren Leib zu verbessern, wieviele ihn sorgsam zu erhalten suchen, falls der diesem Ebenbilde gleicht?!? Wieviele Mütter werden, in sich gekehrt, von nun ab der Pflege des edlen Leibes ihres Töchterchens mehr Sorge angedeihen lassen als deren Kleidern und Hüten!? Ihr drei »goldenen Jungfrauen«, vielleicht seid ihr segenspendend für viele!

 


 

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